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06 April 2026

Zschopau: Von Flöha nach Limmritz

Zschopau-Tag 3: Schilderwald statt Milderwald


gefahren im: Mai 2026
Start: Flöha, Bahnhof bzw. Struthweg, Hochwasserschutzdeich am Flöha-Zschopau-Zusammenfluss
Ziel: Limmritz, Bahnhof bzw. Zschopaumündung
Länge: 46,4 km
Flöhaquerungen: 2
Ufer: mehr rechts
Bundesländer: Sachsen
Landschaft: sächsische Felswaldschlucht, verborgener Stausee, grüne Hügel
Wegbeschaffenheit: verwinkelt-bergige Radwege und Straßen
Steigungen: immer noch
Wetter: ruhig & grau
Wind: bisschen auf den Hügeln, aber ich weiß gar nicht mehr, in welche Richtung
Highlight: private Gartengestaltungen mit Schildersammlungen
Größte Hürde: noch rechtzeitig die Mündung sehen und es trotzdem wieder hoch zum früheren Zug schaffen
Zitat des Tages: "Die Nacht ist so lau, und der Mond scheint so klar, / Heididel dei dideldö. / Noch einmal schreiten zum Tanzen die Paar. / Heididel dei dideldö. / Vom Tanze erdröhnet das uralte Haus,
Beim Kronenwirt geht nun das Lämpeli aus, /ha ha heididel ha ha..."
- Beim Kronenwirt, Heinrich Binder/Mark Brandenburg/Baden?, Trink- und Scherzliederweg -


So, heute beende ich endlich die Zschopau. Die Berge sind doch schon niedriger geworden, also wird es wieder etwas leichter, oder?
Nope, es bleibt steil. An dieser Stelle sogar so steil bergab, dass ich befürchtete, mein Hinterrad würde gleich von der Fahrbahn abheben und mein Vorderrad über meinen Kopf hinweg überholen. Mit anderen Worten: Ich war kurz davor, tatsächlich auf das Radfahrer-absteigen-Schild zu hören.

Die sehr steilen Kleingärten haben eigene Standseilbahnen, um Dinge in ihre Lauben zu transportieren.

 
Aber der Weg wird jetzt auch dreifach kreativ. Es handelt sich nicht einfach nur um den Zschopautalradweg und Zschopauwanderweg, sondern auch noch um den Industrie- und Geschichtslehrpfad, den Purple Path und den Trink- und Scherzliederweg.
An ausgewählten Felsbrocken hängen Platten mit Liedtexten. Manche wie das im Bild sind bundesweit bekannt, andere sind in erzgebirgischem Dialekt verschlüsselt oder handeln davon, wie der Brautpaar während seiner Hochzeitsfeier immer wieder ungeduldig auf die Uhr guckt, wann es denn nun angemessen ist, sich zurückzuziehen.

Der Purple Path ist eine Freiluftgalerie, für die sogar großflächig auf der Erzgebirgsbahn geworben wird und die ganz stark an den Vechtetalradweg erinnert. Nicht nur wegen des Kunstwerks, sondern vor allem wegen der riesigen lila Säulen, welche lang und breit die Bedeutung des Werks erklären.

Das Floating Home von Karolin Schwab ist eine Immobilie, die im Dach, den Wänden und besonders im Boden einige undichte Stellen aufweist, und so ist es kein Wunder, dass sich im Keller ein massiver Wasserschaden gebildet hat. Aber dafür sollen sich zwischen den roten Vierkantrohren im Laufe der Jahreszeiten immer neue Aussichten bilden. Andere Kunstwerke habe ich nicht gesehen, wahrscheinlich verläuft der Purple Path größtenteils doch woanders.

 
Nicht so schlimm, dafür läuft der Industrielehrpfad lange an der Zschopau entlang. Kleine Kameras zeigen Fotos der längst abgerissenen oder stark umgebauten Gebäude. Hier stand zum Beispiel eine Pickerfabrik von 1874, die sich auf Spezial-Chromleder für mechanische Webstühle spezialisiert hatte. Die waren so wichtig, dass die DDR sie unbedingt verstaatlichen wollte, aber auch so einflussreich, dass der Staat bis 1961 brauchte, um eine staatliche Beteiligung zu erzwingen, und nochmal bis 1972, um die Eigentümer komplett zu verdrängen. Mit der Einführung der D-Mark 1990 war es mit der Firma vorbei, heute steht nichts mehr davon.

Auch ein kleiner Fluss wie die Zschopau wird manchmal mit Fischtreppen ausgestattet, die sogar hübscher aussehen als bei so manchem großen Fluss.

Dieser Garten verfügt über einen besonders kuriosen Schilderwald. Als einfaches Mittel der Distanzierung wurde das DDR-Schild kopfüber angenagelt. Nebenan hatte jemand mit Edding hinten auf ein stark zerbeultes Auto die Worte AMG Stauanfang - Unfall? gekritzelt.


Aus dem Tal raus, den Berg rauf, und wieder runter... nein, der Zschopau-Radweg bleibt anstrengend, und so ganz überzeugt hat er mich diese zusammengestückelte, lückenhafte Route dann doch nicht.

Auf einem der letzten Berg-Ausflüge ist zu sehen, wie... nein, jetzt noch nicht, erst wieder ein bisschen runter, und in diesem engen Tal erst recht nicht, also wieder hoch, ah, jetzt... wie die Zschopau zur Talsperre Kriebstein angestaut wird. Dieser waldreiche, unauffällige Stausee hält sich bedeckt.
 
Auch Burgen und besonderen Bauwerken gibt es noch ein bisschen was zu sehen: Da ist dieser verfallene Burgturm am Wegesrand,...

 

 ...ein ungewöhnlich schönes Stauwehr...

 

...und schließlich die Burg Kriebstein, die sicherlich beeindruckendste Burg an der Zschopau.

Ganz zum Schluss kam dann unerwartet doch noch etwas, das mehr oder weniger nach einer richtigen Stadt aussah, und zwar sogar nach einer schönen. In der Altstadt von Waldheim gab es zwar keine Supermärkte, die standen beide weit außerhalb, aber zumindest einen Rossmann, der 1-Liter-Getränkeflaschen verkaufte.

Noch ein letzter Anstieg, und dann kam auch schon das Tal der Freiberger Mulde bei Döbeln in Sicht. Der nächste Bahnhof liegt in Limmritz. Bleibt nur noch die Frage, ob von der Mündung da unten mehr zu sehen ist als zwei Täler, die aufeinander stoßen. Und ob ich, falls ich da ganz nach unten fahre, noch rechtzeitig wieder hoch zum Bahnhof komme für den nächsten Zug.

Die Antwort auf beide Fragen lautete: Ja. Ich musste mich nicht mal auf den wilden Pfad am Ufer bemühen, schon von der Bundesstraßen-Brücke aus war der Zusammenfluss zu erkennen. Oder? Jup, die beiden fließen laut Karte schon vor der Eisenbahnbrücke zusammen, also muss es die Stelle da auf dem Bild sein.


24 Juli 2025

Lahn: Von Marburg nach Gießen

Südlich von Marburg ist die Lahn stark renaturiert. Ihre Kiesinseln sind an der Aussichtplattform Lahnorama zu bewundern. Ein kurzer, unbekannter Bahnradweg auf der Strecke der Marburger Kreisbahn folgt kurz ihren Ufer und dann durch sein eigenes Tal nach Ebsdorf, offene Wiesen und bewaldete Schluchten wechseln sich ab.



Der Lahnradweg verläuft aber ganz woanders. Wer auf diesem Weg einen Mangel entdeckt, soll ihn bei der angegebenen Telefonnummer melden. Kurz nach Fertigstellung des Weges wurde jede einzelne der neuen Solarlaternen als kaputt gemeldet, und so erhielt der Weg den Namen Marburger Mängelmelder. Inzwischen beleuchten die Laternen wieder den Weg nach Süden, sogar tagsüber.

Die Fahrt an der mittleren Lahn ist einfach, angenehm und unspektakulär. Das Tal ist breit, und die Lahn bleibt meist in der Ferne. Zwar macht der Weg ein ziemliches Zickzack durch die Straßen und Wiesen, aber die Richtung ist so gut beschildert, dass das nicht weiter stört. Auch ein paar Baggerseen liegen an der Strecke, einmal ragen Förderbänder auf, die anscheinend noch Kies abbauen.


Die Orte an den Zacken der Zickzackroute sind überraschend klein, abgesehen von Lollar, aber das gehört auch schon mehr oder weniger zu Gießen.
Vor Bellnhausen stießen wir auf besonders viele Hühner, die in Wohnwagenställen leben und von Wiese zu Wiese ziehen. Kurz darauf sahen wir dann auch, was aus den Erzeugnissen dieser Hühner wird. Und beschlossen, dass es Zeit war für eine Rast auf einer Holzpalettenbank. Essen gab es genug, denn in der Hütte daneben verbarg sich ein sehr umfangreicher Hofladen, an dem wir uns richtig den Bauch vollschlagen konnten. Aber erst, nachdem wir den Automaten überzeugt hatten, die Karte zu akzeptieren, und er sich unwiederbringlich an unserem 5-Euro-Schein verschluckt hatte. Das Angebot umfasst Fleischkeulen, Chips, Eier, Kakao und natürlich wie so oft das selbstgemachte Eis vom Hof. Das gibt es hier nicht nur in handlichen Pappbechern, sondern sogar in großen 500g-Behältern, von denen ich für den Rest der Tour pappsatt wurde.
Mit einem Mal füllte sich die leere Straße komplett mit Rennradfahrern. Nanu, ist hier irgendein Rennen? Sie bogen um die Ecke, in einer andere Richtung als der Lahnradweg, und verschwanden.
Fünf Minuten später: Die nächste Gruppe. Sind das dieselben, fahren die immer im Kreis? Nein, diesmal bestand die Gruppe ausschließlich aus Frauen. Auch sie bogen um dieselbe Ecke. Anscheinend praktiziert der lokale Rennradverein ein Rennen inspiriert von Bibi und Tina - Mädchen gegen Jungs.
Und als wir uns schließlich zur Weiterfahrt erhoben - noch eine Frauengruppe.

Sehenswert sind ansonsten eigentlich nur die historischen Brücken aus Buntsandstein, die immer nur nur draußen im Grünen, außerhalb der Ortschaften, stehen. Innerorts sind nur Beton und Metall als Brückenmaterialien zugelassen.

Zwischendurch kamen wir noch an einem Skate- und Fahrradpark vorbei. Ich rollte probehalber eine Runde über die Asphaltwellen, aber obwohl sie für solche Parks sogar relativ sanft waren, erwies sich mein Rad nicht als qualifiziert, ein Pedal schleifte gegen den Boden.

Einen richtigen Uferweg gibt es erst bei der Einfahrt nach Gießen. Wir sind sogar noch näher ans Ufer rangefahren, um das sogenannte Lahnfenster zu finden. Dazu mussten wir auf eine Mühlen- und Hafeninsel rauf. Über den Fluss ragt ein moderner Glaskasten, in dem man Lahnfische beim Besteigen einer Fischtreppe beobachten kann.
Es sei denn, das Fenster hat noch Winterpause. Schade. Aber immerhin lernten wir auf dem Touchscreen etwas über die unsichtbaren Fisch-Territorien der Lahn und sowie jene Tierarten, die unter die Kategorie "Gäste" fallen (Höckerschwäne, Hunde, Taucher, Kanufahrer).


In Gießen lehrten allerhand berühmte Mathematiker und andere Wissenschaftler. Als Beispiel sei hier nur mal Conrad Röntgen genannt, der... was hat er nochmal erfunden? Ich komm nicht drauf.

Deswegen gibt es in Gießen einen der härtesten Jobs der Welt: Locke als Museumspädagoge Kinder und Erwachsene ins Mitmach-Mathematik-Museum. Sie versuchen es, indem sie vor dem Museum unterschiedlich hohe Klangröhren aufstellen, die dem Luftrauschen unterschiedliche Töne verleihen. Nett, aber ob es den Kindern wirklich Töne entlockt, die so ähnlich klingen wie "Au ja, auf ins Mathe-Museum!", darf bezweifelt werden.

Laut der Tafel am Marktplatz hat der Krieg 70 Prozent der historischen Gebäude zerstört.
Hm. Von einer Stadt der Mathematiker hätte ich erwartet, dass sie besser in Prozentrechnung ist. Historisch sah eigentlich bloß diese eine Ecke hier aus, plus die Schlösser mit ihren Gärten. Niemals sind das 30 Prozent!

Auch der mittelalterliche Marktplatz war nicht gerade superschick: Er hatte lange gar keine Pflastersteine, sondern war einfach eine verschlammte Wüste, über die Zweige gestreut und Holzstege gebaut wurden. Mit dem neusten Umbau sollte der Markt wieder die "Gute Stube" der Stadt werden - tja, legt man die Schlammwüste als Maßstab an, ist das wohl gelungen.
Auch die Gießener Gräben verstopfte der Morastboden ständig mit Matsch. Die sogenannten Schlammbeiser mussten sie mit Eisenhaken freimachen, und der letzte von ihnen erinnert nun als Statue an die schmutzige Zeit.

Das aus Berlin bekannte, neue Phänomen der Pop-Up-Radwege ist anscheinend auch in Gießen eingezogen.

01 August 2023

WHH: Von Hann. Münden nach Göttingen

Zwischen der Leine und der parallelen Weser gibt es mehrere Querverbindungen, von Elze nach Hameln zum Beispiel oder am Steinhuder Meer.

Die erste und möglicherweise schönste Querverbindung verläuft auf dem Weser-Harz-Heide-Radweg zwischen Göttingen und Hann. Münden. Diese Strecke von etwa 40 Kilometern sind wir hin- und zurückgefahren, um die Weser kennenzulernen. Wir erkundeten die Stadt einige Stunden lang und radelten dann zurück, bevor es dunkel wurde. Hann. Münden und die Weser gefielen uns ausgesprochen gut, und daher beschlossen wir: Irgendwann fahren wir auch mal den Weserradweg.

In Hann. Münden aus folgten wir kurz dem rechten Werra- und Weserufer entlang der Hauptstraße, vorbei an der Jugendherberge und der niedersächsischen Polizeiakademie. An der dicken Dorfkirche von Gimte bogen wir rechts ab.

Dort wurde es erstmal ein bisschen steil. Wir müssen die erste Hügelkette überwinden, um das Wesertal zu verlassen. Der Radweg und die Hauptstraße folgen dabei einem schmalen Einschnitt, den die Schede geschaffen hat, ein Bach, der zur Weser plätschert.

Dann begegnen wir einer ehemaligen Bahntrasse. Hier wurde sie mit glatten Betonplatten belegt. Sogar alte Signalanlagen stehen noch daneben. Schnurgerade zieht sich der Weg durch Wälder in ein enges Tal. Einfach ein fabelhafter Radweg, besonders für Bahnliebhaber.

Das ist der Weser-Harz-Heide-Radweg von seiner besten Seite!

Bei Scheden führt der Weg an einem Reiterhof vorbei, dessen Eigentümer bei Verfassen von Verbotsschildern ihrer kreativen Ader freien Lauf gelassen haben.

Hier erreichten wir eine hügelige Zwischental-Landschaft aus braunen Äckern. Die könnte man eigentlich auch weglassen und gleich zum nächsten Bahnradweg übergehen, aber ich mache die Landschaften ja nicht.

Leider kann der Radweg nicht die ganze Zeit auf der alten Bahntrasse verlaufen. In verschiedenen Dörfern mussten wir ordentlich auf und ab strampeln, während uns alte Menschen auf Bänken zusahen. Wir passierten unter anderem einen heruntergekommenen Bauernhof mit Ziegen.
Irgendwie wirken Bereiche in Niedersachsen, die keine Bahnanbindung haben, gleich viel ausgestorbener.

In der Mitte des Zwischentals liegt Dransfeld, die einzige Stadt zwischen Göttingen und Hann. Münden. Die Skyline Dransfelds besteht aus dem winzigen spitzen Türmchen der Kirche (links im Bild) und fetten gelben Quadern, in denen sich ein Haus- und Gartenmarkt befindet.

Die Innenstadt ist etwas idyllischer. Ich glaubte plötzlich, ich sei aus Versehen im Harz gelandet - die Fachwerkhäuser mit Schiefer und das eingerückte Rathaus mit Grünanlage davor erinnerten mich ganz stark an die harzigen Städtchen, vor allem an Clausthal-Zellerfeld. So weit entfernt sind die ja auch nicht.
Dransfeld ist überraschend lebendig - an der Hauptstraße waren viele Geschäfte und Imbisse, womit ich nach den ausgestorbenen Dörfern ringsherum gar nicht gerechnet hatte. Es mangelte nur an Fußgängern, die in die Geschäfte hineingingen. Das lag wohl auch an der gewaltigen Hitze.

Gegen die Hitze hilft das putzige kleine Freibad. Es liegt eine Etage höher am Campingplatz, die Straße dorthin führt steil bergauf. Dafür wartet oben eine schöne Aussicht und sehr kühles Wasser (fast schon zu kühles Wasser, aber bei dem Wetter will ich mich nicht beschweren).

Der Radweg entlang der Hauptstraße durch Dransfeld ist kürzer, aber auch steiler. Der Weser-Harz-Heide-Radweg verläuft mit Abstand im Bogen um die Stadt herum. Von dort aus sieht Dransfeld so aus wie auf diesem Bild - die gelben Klötze sind auch aus der Ferne zu erkennen. Wer in der Stadt nicht essen oder schwimmen will, muss entscheiden, ob er lieber mehr Strecke oder mehr Höhenmeter zurücklegen will. Ich glaube, ich würde tatsächlich die Höhenmeter empfehlen.
Auf den Bergen hinter Dransfeld steht der Gaußturm. Er erinnert an den Mathematiker und Landvermesser Carl Friedrich Gauß, der in Göttingen gewirkt hat. Der Aussichtsturm ist jedoch dauerhaft geschlossen.

Im Wald bei Ossenfeld beginnt dann der zweite Bahntrassen-Abschnitt. Der besteht zwar nur aus Kies, macht aber wirklich Spaß, vor allem in Richtung Göttingen. Denn dann hat der Weg ein leichtes, unsichtbares, aber doch spürbares Gefälle, sodass es sich fast wie von selbst fährt. In der Gegenrichtung fühlt es sich eher wie ein normaler ebenerdiger Weg an, vielleicht mit einem minimal Widerstand als sonst.
So tauchten wir ins Leinetal ein, und zwischen den Hecken öffneten sich weite Blicke auf die Göttinger Vororte.

Dann wurde es schattiger, und wir drehten eine Schleife um ein Dorf und unterquerten die Straßen in merkwürdigen Tunneln aus Wellblech, die an übergroße Abwasserkanäle erinnerten.
Von der Luftlinie her wäre es eindeutig kürzer, die Bahntrasse zu verlassen und quer durchs Dorf zu radeln. Aber ich bezweifle, dass man dadurch auch nur eine Minuten Zeit spart - es ist so viel unkomplizierter, sich einfach immer weiter durch den Kies abwärts ziehen zu lassen.

Schnurgerade zieht der WHH-Radweg zwischen aktiven Bahngleisen und dem Friedhof hindurch, überquert zwei Hauptstraßen und kommt schließlich am Ufer der Leine in Göttingen raus.

17 Juni 2023

Inselsee

Inselsee & Sumpfsee
Zwischen den Zitrusringen - Wen man straflos stalken darf - Eine Insel mit zwei Zäunen - So erziehen Sie Ihr Kind zu einem guten Sklaven - Der spontane See und seine Bewohner - Wahl ohne Qual - Ehre sei dem Kaffee und dem Tee und der heiligen Milch - Blutspende am Ende - Rasender Radler, Versteckter Schwimmer und andere Partizipien

Die Sonne scheint, ich besuche meine Familie, das heißt: Zeit für eine Mecklenburger Seentour! Wo darf es hingehen, welche fehlen uns noch? Der Malchiner See? Die Feldberger Seen? Ach nö, wir sind alle bisschen spät aufgestanden und die sind so weit weg und bei den Benzinpreisen... machen wir einfach entspannt den kleinen Güstrower Inselsee.

Der Mühlengraben erinnerte mich an die Wasserläufe von Bützow, die aber keine so netten Radwege haben. Er verbindet die Stadt Güstrow mit ihrem See, an seinem Ufer verläuft auch der Radweg Berlin-Kopenhagen. Wir starteten in der Nähe des Wildparks auf einen Kiesweg. Sofort stellten wir fest: Dieser See ist reich an Gräben und hölzernen Bootshäusern.

Ein gelber Ring aus Raps umschließt den See. Irgendwo dahinter sind manchmal die Güstrower Kirchtürme zu erkennen.
Und in diesem Rapsring befindet sich ein schmaler, zugewachsener Buschring. Diese Büsche und der See bilden ein Natura-2000-Gebiet, weil da unterschiedliche Arten von Wiesen und Mooren drinstecken.

Was uns nur recht ist, solange wir in diesem grünen Ring fahren können. Und das können wir. Zwar nur auf schmalen Pfaden, dafür aber gleich auf mehreren. Die sich nach wenigen Metern aber wieder vereinigen.

Manche Familien schaffen es sogar, ihr Auto in den grünen Ring reinzuquetschen - wie auch immer das möglich ist.

Andere mögen es rustikaler und campen lieber - auch dabei stoßen sie auf gewisse Schwierigkeiten.

Boah, ist das heiß. Zeit für die erste Badepause. Der See ist mit dicht bewachsen, aber wie üblich hat der Röhricht Lücken, in denen sich eine traditionelle Mecklenburger Badestelle verbirgt: Eine Kante mit Erde, über die man ins Wasser watet, um dann zwischen dem Schilf rauszuschwimmen.
Der Inselsee hat einen angenehmen Boden und wird recht schnell tief. Man kann bis zu drei Meter tief sehen, erklärt ein Schild, was wohl heißt, dass er noch deutlich tiefer sein muss. Da unten lebt die seltene Armleuchteralge. Der Inselseebewohner schlechthin ist aber, soweit ich das beurteilen kann, die Libelle. Überall wirbelten die blauen Geschöpfe über dem Schilf dahin, wechselten von der einen auf die andere Seite, flohen vor dem polternd-platschenden Menschen. Manche hatten sich zu romantischen Zwecken direkt hintereinander auf ein Blatt gesetzt. Andere Libellen waren noch Single und guckten in den Röhricht.
Wo ist eigentlich meine wasserfeste Handyhülle? Nein, für gute Fotos bin ich zu laut und die Insekten zu scheu.

Soo, nun heiß der See ja Inselsee. Wo ist denn jetzt die Insel? Ich erinnere mich vage, wie ich in jungen Jahren einmal über die Güstrower Insel gelaufen bin - da ich gerade erst Jim Knopf gelesen hatte, fand ich es klasse, auch mal auf einer echten Insel von Lummerland-Größe zu sein. Selbst, wenn sie jetzt nicht im engeren Sinne im großen weiten Meer lag und auch keine so gut ausgebauten (beziehungsweise überhaupt keine) öffentlichen Verkehrsmittel hatte.
Die Insel heißt Schöninsel und beinhaltet einen alten slawischen Burgwall. Was wir hier sahen, war jedoch weniger schön.

Die Brücke war verrammelt und verriegelt. Warum, ist auch deutlich zu erkennen: An einigen Stellen sind die Bretter schon durchgebrochen. Das verschlossene Tor sich war nicht das Problem, denn jeder mit ein bisschen Gleichgewichtssinn konnte das Tor ganz easy an der Seite umgehen und den Bruchstellen ausweichen. Aber auch auf der Insel folgt nach wenigen Metern das nächste Tor, und irgendwo dahinter liegt das abgeschottete Haus von König Alfons, der ganz offensichtlich dringend möchte, dass sich alle von seiner Privatinsel verpissen - aber dann doch nicht so dringend, dass er deswegen Geld ausgeben würde, um die Schwachstelle seiner Verteidigungsanlagen zu beheben. Diese Insel wirft viele Fragen auf. Gibt es noch andere Schleichwege zu zugänglichen Teilen der Insel? Manche sagen ja, die Karte sagt nein, wir haben jedenfalls keine gefunden.
Ich war der einige, der sich die paar Schritte auf die Insel wagte. Auf der Brücke und auf dem Bootssteg direkt direkt daneben hatten sich jedoch eine Menge Menschen angefunden, die ungerührt angelten und ihr Bier tranken.
Die Familie am Ufer war bereits zu härteren Drogen übergegangen.
"Zigarette!", befahl der Vater.
"Muss ich erst drehen", entgegnete der Zehnjährige und sprang dienstbeflissen auf.
Hach, Güstrow, diese Stadt kann einem richtig ans Herz wachsen. Wie ein Tumor.

"Die Tour um den Inselsee ist so kurz, wollen wir nicht noch einen anderen machen?", schlug unser nichtrauchender Vater vor, während er die Kartenapp studierte. "Da hinten ist der, äh... Sumpfsee."
Klingt einladend, und das mit der kurzen Strecke ist völlig richtig, ich bin dabei! Wir kreuzten uns zwischen einer Tankstelle und dem schneeweißen Güstrower Ligusterweg hindurch - und fanden uns auf einer kahlen braunen Einöde wieder. Der Sumpfsee könnte auch Ackersee heißen. Ach, da hinten ist er ja endlich.

Als wir in den neuen Grüngürtel eintauchten, wurde der Sumpfsee seinem Namen doch noch gerecht: Das Wasser breitete sich bis über den Weg aus.

Der Sumpfsee wird vorwiegend von Schnecken bewohnt. Während die Schneckenhäuser an Land aktuell leerstehen (eine Schande bei der Situation auf dem Wohnungsmarkt), sind die schwarzen Seeschnecken quicklebendig.

Auf den Sumpf folgt der Sand: In brütender Hitze schleppten wir uns durch die Dünen am Waldesrand. Diesen Weg fanden wir nicht besonders schaf.

Wer näher am See bleiben will, muss an den Windrädern links abbiegen. Dieser Sandweg sieht aber nicht viel besser aus. Nein danke, wir nehmen die leichtere Variante.

Die Bauern in Bülow sind aktuell möglicherweise besser ausgerüstet als die Bundeswehr.

Wir bogen vom Bundesstraßenradweg ab nach Ganschow. Das Dorf ist bekannt für seine Pferderennen und landwirtschaftlichen Messen. Aber wir müssen die Gestüte wohl irgendwie umfahren haben, denn alles, was wir sahen, waren Ziegen in allen Farbschattierungen. Außer Gelb, die Farbe übernahmen stattdessen die Fachwerkhäuschen.

Mit unserer Mutter unterwegs zu sein, heißt, unterwegs mindestens eine Kirche mit Friedhof zu besichtigen. Ist ja auch oft das einzige, was die Dörfer zum Besichtigen haben.
Ein schattiges, leeres Sträßchen brachte uns nach Lohmen. Dort empfing uns die Dorfkirche mit offenen Türen (also quasi, eigentlich mussten wir sie selbst öffnen). Sie besteht wie die meisten Mecklenburger Dorfkirchen aus Feldsteinen aus dem 13. Jahrhundert. Und wie viele Mecklenburger Dorfkirchen hat sie später einen Fachwerkturm bekommen, als die Menschen herausfanden, dass runde Steine superviel Mörtel verbrauchen und eventuell gar nicht mal das allerbeste Baumaterial darstellen.

Da führt eine Treppe hoch - ob man da auf den Turm kommt? Nee, erstmal nur zur Empore. Wer noch höher will, muss die gut getarnte Falltür (im linken Bild oben rechts) aufkriegen und da irgendwie hochkommen. Ui, das ist ja sogar noch abenteuerlicher als der Göttinger Jacobikirchturm, nee danke.
Dann fiel uns etwas Seltsames auf. Wo eigentlich die Orgel stehen sollte, befindet sich nun eine Teeküche. Natürlich ist Tee etwas Wunderbares, aber ob das Brodeln und Klicken eine Wasserkochers wirklich Orgelmusik ersetzen kann? Natürlich nicht. Die Lütkemüller-Orgel wurde nach unten verschoben, als man sie zum neuen Jahrtausend renoviert hat. (Mit neuem Jahrtausend meine ich natürlich das Jahr 2000. Im Jahr 1000 sollte es noch 890 Jahre dauern, bis die Orgel überhaupt existierte.) Wahrscheinlich kommen nicht mehr soo viele Besucher in die Kirche, sodass unten genug Platz ist und niemand mehr auf der Empore sitzt - warum sollte man also unnötigen Abstand zwischen die Menschen und die Musik bringen?

Zurück an der Bundesstraße erwarteten uns die größten Hügel der Strecke, aber der Asphalt machte sie trotzdem viel einfacher als die Sandhügel vorhin. Ab und zu funkelt hinter den Kuhweiden der blaue Inselsee.

Kurz vor dem Ziel erwartet uns der Uitkiek. Das ist der einige Aussichtsturm am Inselsee. Genau genommen steht er nicht mal wirklich am Inselsee, sondern ein Stückchen entfernt im Wald. Das ist einerseits toll, denn oben auf dem Berg und nach vier Metalltreppen, reicht der Blick ziemlich weit, deutlich über den See hinaus zur Güstrower Skyline. (In die andere Richtung dagegen endet der Blick nach wenigen Metern an einer grünen Nadelwand.)
Doch wer sich diesen Blick sehen will, muss dafür bezahlen. Nicht mit Geld, der Uitkiek ist gratis. Stattdessen war anscheinend Lord Voldemort da, hat hier einen Horkrux verbuddelt und eine (wie Dumbledore sagen würde, primitive) Bezahlschranke installiert. Der Preis wird in Blut bezahlt. Zuständig sind hierfür die Mücken. Sie ließen mich zunächst gutgläubig in ihr Refugium radeln. Doch sobald ich länger als 0,3 Sekunden am selben Ort stehenblieb, kam der Schwarm von allen Seiten und fiel gierig über mich her wie ein Finanzamt auf Ecstasy. Ich rannte um mein, naja, nicht mein Leben, aber um mein wertvolles Gruppe-Null-Blut.

Damit wären wir im spaßigen Stadtviertel Güstrow-Schabernack angekommen. Statt an der Straße radeln wir hier an einer Pferdekoppel und dann am Seeufer. Hier stoßen wir auch wieder auf den Radfernweg Berlin-Kopenhagen, der in Richtung Krakow abzweigt.
Der wohl berühmteste Güstrower ist der Bildhauer Ernst Barlach. Er hämmerte und goss ausdrucksstarke Skulpturen im Partizip I: Lesender Klosterschüler, Lachende Alte und natürlich, am bekanntesten, Der Schwebende. Letzterer hängt an der Decke des Güstrower Doms ab, die meisten Werke jedoch verbergen sich in einer modernen Galerie aus Efeu und Beton, direkt am Seeufer in Schabernack. Während meiner allerersten Klassenfahrt marschierten wir alle brav ungefähr 129 Kilometer vom Reisebus bis hierher, um uns Ernst Barlachs große und kleine Gestalten erklären zu lassen. Die Führung war sogar einigermaßen kindgerecht, obwohl die meisten Figuren etwas Düsteres, oder naja, zumindest Melancholisches haben. Auf jeden Fall passen sie sehr gut zum Vornamen des Künstlers und sehr schlecht zum Namen des Stadtteils.

Dahinter war es Zeit für das letzte Bad des Tages. Die größte Badestelle am See ist ausgestattet mit einem Steg und einer Schwimminsel. Nanu, ist da unterm Steg etwa ein Hohlraum? Wir tauchten hinein und stellten fest: In diesem Versteck kann man sogar atmen. Ideal zum Versteckenspielen, als Fluchtort vor den Eltern, die loswollen, oder für tragische Badeunfälle.
Am Imbiss ergatterten wir noch die letzte Currywurst des Tages, die uns Treibstoff für die letzten Meter bis zum Parkplatz lieferte.