Ganz egal, was ich hier auch schreibe, immer nehme ich auf die eine oder andere Weise Bilder zur Hilfe. Sind meine Worte denn so schwach, dass ich mich auf sie allein nicht verlassen kann? Es ist Zeit für eine neue Herausforderung: Heute will ich einen Fluss ganz ohne Hilfsmittel beschreiben. Falls dabei etwas Wesentliches verlorengehen sollte, ist das halb so wild, denn dieser Fluss ist nur die Beise. Also eigentlich nur ein Bach. Und damit im Vergleich zu den meisten Flüssen halb so wild.
Um die Beisereise anzutreten, musste ich erstmal hinauf in den Knüll. Ich bin das Ganze nur als Feierabendtour gefahren und hatte deshalb keine Lust, zusätzlich die 15 Kilometer vom Bahnhof Heinebach hochzustrampeln, deshalb hievte ich mein Fahrrad in Rotenburg/Fulda in den Bus. Eine Dreiviertelstunde später stieg ich in Ludwigsau-Hainrode aus und befand mich in den Bergen.
Angeblich.
Die Berge heißen Knüll, liegt irgendwo zwischen Vogelsberg und Rhön und sind eher ein Gebirge vom Typ "Ja, dazwischen ist eigentlich auch ziemlich bergig, das braucht auch irgendeinen Namen." Und noch dazu befand ich mich in Hainrode bereits eher am Nordrand dieses Gebirges. Angeblich ist der durch offene Basaltkuppen gekennzeichnet, aber aus meiner Sicht hätte das ebensogut das fruchtbare Ackerland am Westrand sein können. Dafür brachte es mich dann doch ein wenig ins Schwitzen, was aber auch an mangelnder Kondition nach dem Winter gelegen haben könnte. Wo ist denn nun der Fluss?
Die Beise hat keine gefasste Quelle. Irgendwo unter einem beigefarbenen Kuddelmuddel aus Gräsern, Hecken, Schlingpflanzen und großen Ästen. Die Frage ist nicht "Wo kommt der Bach aus der Erde?", sondern "Wo kommt er aus diesem Kuddelmuddel?" Als ich ihn endlich sehen konnte, strömte er bereits kräftig dahin. Wild. Und die Karte sagt, irgendwo unter meinen Füßen soll ein Eisenbahntunnel verlaufen? Sehen konnte ich das nur auf einem einzigen, kaum erkennbaren Pfad quer durch das Tal. Ansonsten musste ich auf dem Waldweg am Rande des Tals bleiben. Und dieses Tal ist schon von Anfang an relativ breit, keine schmale Kerbe, wie man sie am Ende anderer Täler findet.
Bald wird der Waldweg asphaltiert, und die Beise zu einer geraden Grasrinne auf der Wiese. Willkommen in der Zivilisation, also quasi, oder sagen wir zumindest: Willkommen in Hainrode. Wie die meisten Beisedörfer ist es größtenteils weiß, wird aber hier und da durch Fachwerk aufgelockert. Das ist immerhin abwechslungsreicher als viele Dörfer in Hessen und NRW. Dazu ein kleiner Brunnen und ein hölzernes Dreieck, bemalt mit einer Karte der Beise. Menschen fuhren Traktor oder liefen herum und plaudern, so etwas wie Geschäfte gibt es jedoch nicht. Ich konnte mich nicht so recht entscheiden, was ich von diesem Tal halten sollte: Es ist definitiv nicht tot, aber andererseits gibt es dort außer Wanderwegen eigentlich nix, und die letzte Öffi-Verbindung aus Kassel kommt 16:30 in Hainrode an.
Hinter Hainrode taucht die Beise wieder aus ihrem Rohr auf und schlängelt sich durch die nächsten Wiesen, hier und da vorbei an Kühen oder 0,4 Meter hohen Steilufern. Das konnte ich nur mit etwas Abstand bewundern, was mich aber null gestört hat. Denn in Ersrode beginnt ein richtig, richtig guter Seitenwald-Radweg. So nenne ich das, wenn der Radweg im Wald an der Talseite auf und ab geht. Das heißt, erstmal natürlich auf, aber dann oft nur so sanft auf und ab, und mit so weitem Blick, dass man für jedes Auf erstmal entschädigt wird. Ah, besser kann die Feierabendtour kaum werden! Ewig währt das Vergnügen natürlich nicht, in den Dörfern musste ich wieder runter auf Nebenstraßen, und später kamen weniger angenehme, leicht verschlammte Waldwege. Schafe grasten hinter einem Elektrozaun, der von einer kleinen Solarplatte angetrieben wurde. Die Sonnenstrahlen brannten intensiv vom klaren Himmel, der Zaun musste voll geladen sein - wahrscheinlich ist bei solchem Traumwetter jede Berührung tödlich.
An einer der Nebenstraßen erhob sich am Wegesrand eine Mondlandschaft aus Erde und Beton. Sanierung des Freibades Rengsdorf, erklärte ein Schild. Diese Sanierung scheint sehr, sehr gründlich zu erfolgen, indem alle Becken von Grund auf neu gegossen werden. Wie schön, wenn sich eine Gemeinde diese Mühe macht, wo doch viele andere Orte klammheimlich im Wort Sanierung die Buchstaben anier lieber durch chließ ersetzen.
Markiert ist die Radroute mit kleinen Holztäfelchen, die einen Pfeil und die Buchstaben MR enthalten. Holztafeln haben die dumme Angewohnheit, aus demselben Material wie Bäume zu bestehen, also im Wald quasi Tarnfarben zu tragen. Und eine gute Tarnung ist bei Wegweisern naturgemäß gar nicht mal so praktisch. An manchen Stellen sind die Täfelchen so gut getarnt, dass man fast meinen könnte, sie fehlen ganz. Und überhaupt, wieso MR? Das zumindest beantwortet die Onlinekarte sofort: Weil die Route offiziell Beisetal-Mühlen-Radweg heißt. Wenn auf den Wegweisern das B und nicht das M rausgekürzt wurde, könnte man meinen, man sähe auf der Strecke mehr von den Mühlen als von der Beise. Dem ist allerdings nicht so. Tatsächlich fand ich den benachbarten Efzetal-Radweg wesentlich mühliger, dort hing wenigstens ein komplettes hölzernes Mühlrad über dem Wasser, auch wenn es sich nicht mehr gedreht hat. An der Beise dagegen konnte ich nur raten, welche der Häuser mal Wassermühlen waren. Selbst der hölzerne Wegweiser in Rengshausen, laut dem sich irgendwo dort in der Straße namens Insel eine Knottenmühle befindet, half da nicht viel weiter. (Die "Insel" ist auch nur eine Halbinsel zwischen der Beise und dem betongefassten Lingelbach.) Laut Onlinekarte waren zwei Gehöfte im Tal mal eine Papiermühle und eine Schneidmühle, aber auch die zeigten sich ziemlich bedeckt und zum Teil verfallen. Immerhin: Im Wald drehte sich ein metallenes Mühlrad mit einem Durchmesser von ca. 30 Zentimetern, ehe das Wasser in ein Kneippbecken floss.
Ach ja, und ein Reiterhof hatte so ein gläsernes Gebäude, an dem alte Holzräder hingen - aber das sah mir eher nach Kutschenrädern aus. Kein Wunder: Reiterhöfe sind omnipräsent, die gut getarnen Holzschilder verweisen mehrfach auf einen separaten Reitweg und mehrmals gewährte ich Pferdemädchen im Sattel Vorfahrt. (Merke: Lege dich nicht mit Verkehrsteilnehmern an, die dich schon mit 12 um einen Meter überragen und deren Hinterräder mit einem Tritt deinen Schädel spalten können.) Beisetal-Pferde-Radweg wäre ein viel passenderer Name.
Auf der ersten Hälfte fuhr ich unter einer schmucklosen Betonbrücke hindurch, der ich wenig Beachtung schenkte. Doch weiter unten bekamen die Brücken immer schönere Sandsteinbögen, einen für die Beise, einen für den Radweg, und noch ein paar mehr zur Verschönerung des Tals. Doch kein Weg führte obendrüber, alles war zugewachsen. Nanu, ist das die Fortsetzung des mysteriösen Eisenbahntunnels unter der Quelle? Ja, auch das Beisetal hatte mal eine Bahntrasse, verrät die Onlinekarte. Erstaunlich geradlinig zischt sie an der Seite rein ins Tal und irgendwann wieder raus - das Ziel war hier definitiv nicht, irgendwelche Käffer anzubinden, sondern irgendwas möglichst direkt zu verbinden. Im Grunde wie die heutige ICE-Trasse drüben auf der anderen Seite der Fulda. Aber das hier sieht älter aus. Zu Recht. Eine Tafel verriet mir schließlich: Das ist ein Teil der Kanonenbahn, jene militärische Verbindung des deutschen Kaiserreichs von Berlin nach Metz! 800 Kilometer lang ist die größte zusammenhängend geplante Bahnstrecke in Deutschland, die im Kriegsfall schnell Waffen ins Elsass bringen sollte und absichtlich in abgelegene Gegenden verlegt wurde, um sie vor Angriffen zu schützen. Ich kenne einen Teil dieser 800 Kilometer ja schon vom fabelhaften Kanonenbahn-Radweg nach Dingelstädt. Im Beisetal hat man leider nichts daraus gemacht, weder Draisine noch Bahnradweg, aber immerhin die Brücken wurden gut erhalten.
Zum Schluss musste ich noch ein paar Kilometer auf der Nebenstraße abwärts zischen, und dann war's das auch schon. Waren ja auch nur 20 Kilometer. Im Dämmerlicht kam ich heraus in Beiseförth. Ah, ich wusste doch, dass mir der Name Beise irgendwie bekannt vorkam - hier war ich schon am Fuldaradweg! Ein letztes Mal zweigt von der Beise ein Mühlgraben ab, der die die letzte Beisemühle versorgte. Es handelt sich um eine Kunst-und-Kultur-Mühle, teils weißes Museum, teils einzeln erhaltene Mauern, die einen Parkplatz umschließen. Ich kam durch Gassen und Gräben wieder im Grünen heraus, und eigentlich müsste doch hier jetzt die Mündung sein, oder? Ist sie auch, und trotz Bäumen, Hecken, Gärten und Dämmerlicht ist sie viel besser zu erkennen als die Quelle. Nur ein paar Schritte vom Parplatz runter zum Ufer, und schon konnte ich richtig gut erkennen, wie sich die Beise zwischen braunen, sanft gewölbtem Erdwänden der Fulda anschließt. Ach, herrlich, die gute alte Fulda. An ihrem Ufer gab es tatsächlich richtige Restaurants, und zum Bahnhof Malsfeld-Beiseförth war es auch nicht mehr weit. Sollte ich noch einen Abstecher zur Kurbelseilbahn über den Fluss machen? Aber nein, das wird zu spät.
Na schön, hier ist zumindest die Fotokarte: