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28 März 2026

Lippe: Von Schloss Neuhaus nach Hamm

Lippenbekenntnisse
Tag 2: Das Optimaltal

Über Seen ist kein Roman von Juli Zeh, sondern ein möglicher Titel für diese Radtour. Immer wieder kam die Radroute an irgendwelchen Bade- und Baggerseen vorbei, und immer wieder haben wir es geschafft, so abzubiegen, dass wir sie verfehlten. Die Freizeitanlagen Lippesee zum Beispiel sahen auf der Karte sehr ähnlich aus wie das Kiesseegebiet an der nicht weit entfernten Ems, aber auch die haben wir komplett überseen.

Das genaue Gegenteil der Seen sind die Kanäle - an denen sind wir ständig langgefahren, egal, ob wir wollten. Oh, wir sind jetzt auf der Boker-Kanal-Schleife? Tja, dann ist das wohl so, ist doch nett hier an dem kleinen Kanälchen. Mittelstarker Gegenwind pustete uns entgegen, trotzdem kamen wir auf dieser Abkürzung fix voran. Das war auch gut so, denn es war Mittag, wir hatten getrödelt, wollten eigentlich noch 100 Kilometer fahren und unterwegs auch etwas sehen.

Aber wir sind schließlich auf der Römer-Lippe-Route, also sind wir irgendwann doch runtergefahren zur Lippe und zu den Römern. Die haben sich in Anreppen angesiedelt, wie man an dieser Hand im Lorbeerkranz erkennt - ein Symbol der Loyalität, das viele Militäreinheiten in ihrem Logo benutzten.
Anscheinend war es dieser Römertruppe wichtig, gleich neben der Lippe (auf Lateinisch Lupia) zu campen, denn sonst hätten sie (wie die anderen Römer-Lippe-Lager) wohl eine strategisch bessere Position auf einer Anhöhe genommen. Daher spricht auch viel dafür, dass die geheimnisvolle "halbkreisförmige Einbuchtung in Flussnähe" ein Militärhafen war, auch wenn der Fluss heute bissl weiter entfernt fließt.

6000 Legionäre lebten im Militärlager von Anreppen, das "aufwendig rekonstruiert" sein soll. Nun ja... also, zweifellos bedeutet es einen gewissen Aufwand, die ganzen römischen Straßen alle mit Kies nachzuschütten, aber als jemand, der gerade erst die Reste der (fast baugleichen) Römerlager an der Donau gesehen hat, hat mich das jetzt nicht vom Hocker gehauen. Immerhin wurden zwei Meter der hölzernen Kanalisation nachgebaut.
Oder ist dieses Lager doch moderner als gedacht? Ein Schild mit Römerhelm-Symbol wies auf eine Augmented-Reality-Szene hin. Es verriet aber nicht, wie und mit welchem Gerät man das Lager auf diese Wiese zurückbringen kann.
Echte Überreste sind nicht zu sehen, dafür haben die Bauern das Land im Laufe der Jahrhunderte zu gut beackert. Naja, und dazu kommt, dass das Lager komplett aus Holz und Erde bestand.
Und auch nur drei Jahre existierte.

Wer vor nicht allzu langer Zeit zuletzt an das Römische Reich gedacht hat, hat vielleicht noch eine ungefähre Karte im Kopf und denkt sich: Hier war doch gar kein Imperium Romanum?
War es auch nicht. Also nicht wirklich.

Wir befinden uns im Jahr 12 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, Asterix und Obelix sind schon 73 Jahre alt, und die Römer haben gerade erst ihre ersten dauerhaften Lager am Rhein gebaut. Die sind dringend nötig, denn die Germanen kommen immer mal wieder rüber und überfallen Gallien. Um die noch relativ neue Provinz zu schützen, müssen die Römer über den Rhein und den Germanen aufs Maul geben, tja, und wenn sie sowieso schon mal da sind, Provinzen kann man doch eigentlich nie genug haben, oder?
Dann, im Jahr 1, Jesus machte in seine Windeln, erhoben sich die germanischen Stämme gegen die Römer und gegeneinander im immensum bellum. Dieser immense Krieg gefiel den Römern gar nicht, schließlich hatten sie das Gebiet doch gerade erst "befriedet" (ein Wort, das nur selten Frieden bringt). Tiberius, der Adoptivsohn und spätere Nachfolger von Kaiser Augustus, übernahm das Kommando und kämpfte sich bis zur Weser durch. Aber anders als seine Vorgänger kehrte er danach nicht zurück zum Rhein, sondern schlug sein Lager (vermutlich) in Anreppen auf und überwinterte.
Dort, wo heute eine Hecke steht (ganz rechts), befand sich die Holz-Erde-Mauer. Davor zwei V-förmige Gräben (Bildmitte), gar nicht mal so tief und ohne Wasser - das reichte schon, damit kein Feind in geschlossener Formation ans Lager rankam. Nur in die Therme musste natürlich Wasser rein, wie soll man sonst nach einem harten Tag als Eroberer vernünftig relaxen?

Als der Frühling kam, marschierte Tiberius weiter durch bis zur Elbe und Nordsee, und Anreppen versorgte ihn von hinten mit Essen (vermutet man zumindest wegen der vielen Getreidespeicher). Kein römischer Feldherr sollte jemals weiter kommen als er.
Wir schreiben das Jahr 6, der kleine Jesus lernt erste Buchstaben, Asterix und Obelix sind 91-jährige Greise, und ganz Germanien ist von den Römern besetzt bis auf einen letzten Stamm, der keinen Zaubertrank hat, sondern einfach Glück. Denn auf einmal brach an der Donau der Pannonische Aufstand los, und Tiberius schloss hastig einen Freundschaftsvertrag mit dem letzten Germanenkönig, gab das Lager Anreppen auf und eilte nach Südosten, um mit mit großer Mühe Ungarn zu "befrieden". In seiner Abwesenheit sollte Statthalter Varus aus dem eroberten Land zwischen Rhein und Elbe eine richtige römische Provinz machen, damit er überhaupt was zum Statthalten hatte.
Aber bei dem Namen sollten alle Alarmglocken klingeln, denn das Denkmal zu Beginn des Radwegs hat uns ja längst gespoilert, wie die Sache ausging. Der Anfang vom Ende eines Weltreichs, unken manche rückblickend. Aber wenn man das Ganze mit anderen Weltreichen vergleicht - ist es nicht eher so, dass die Römer einfach schlau genug waren, nicht weiter zu versuchen, mehr zu erobern, als sie halten konnten, und gerade dadurch sicherstellten, dass ihr Reich verdammt viele weitere Jahrhunderte existierte?
Auch wenn das dazu führt, dass die Römer-Lippe-Route fast gar nicht durch das Römische Reich führt.


Auf halber Strecke empfing uns Lippstadt mit dem sogenannten Grünen Winkel. Dieser Park ist ein idyllisches Geschmörgel aus Teichen und Wasserläufen. Während wir von Brücke zu Insel zu Brücke radelten, blähte der Wind im Wasser dahintreibende Plastiktüten auf - ach nee, Quatsch, das sind ja alles Schwäne, die sich aufplustern! Ist es nicht traurig, wenn das Hirn da als erstes von einer Plastiktüte ausgeht?

Anders als die Römer verließen sich die Lippstädter nicht auf trockene Spitzgräben, sie wollten sich mit dem Lippewasser schützen. In den ersten Stadtgraben von 1220 lief das Wasser noch ganz automatisch rein. Aber 1623 sollte Lippstadt die stärkste Festung zwischen Rhein und Weser werden, und dafür brauchte es viel größere Gräben. Das Steinwehr sollte dafür sorgen, dass die immer gut gefüllt waren. Trotz seines Namens bestand es zuerst aus Holz, und auch als es versteinert wurde, spielte das Holz noch eine zentrale Rolle: An Ketten hingen Holzbohlen im Wasser, mit denen gesteuert wurde, wie viel durchfloss. Dann wurde die Festung wieder abgerissen, doch die Lippstädter hatten einen tollen neuen Job für die angestaute Lippe: Die neue Kanalisation. Verteidigung gegen Bakterien und Gestank ist schließlich mindestens genau so wichtig wie gegen feindliche Heere.
Und was ist das für ein Schloss dahinter? Ach nee, hm, eigentlich bloß ein unspektakuläres Ziegelhaus. Okay, vielleicht ist meine Brille auch einfach nicht mit dem Grünen Winkel kompatibel.

Ein dickes Wassermühlrad drehte sich und war damit nicht das einzige, was mich an die parallele Ems erinnerte: Lippstadt ist eine hellgraue Barockstadt, als hätte man eine komplette Stadt im Stil vom Schloss Neuhaus gebaut. Die vielleicht wichtigste Persönlichkeit der Stadt ist der Pfarrer Anton Praetorius, der als Vorläufer von Amnesty International angesehen wird. Er kritisierte mit scharfen Worten die Folter und die Zustände in den Gefängnissen und schrieb Bücher gegen die "unchristlichen Hexenprozesse", die dazu beitrugen, dass diese am Ende abgeschafft wurden.

So, und wie geht es nun eigentlich unserem Fluss?
Gut. Um genau zu sein: Verblüffend gut. Das tiefe Schwarz der ersten Etappe ist verschwunden. Sowohl die kleinen Kanäle als auch die Lippe waren erstaunlich klar und funkelten in den Sonnenstrahlen. Unter der Oberfläche winkten uns quicklebendige Wasserpflanzen zu. Was immer die in Schloss Neuhaus mit dem Fluss gemacht haben - es hat ihm definitiv nicht geschadet!
Hinter Lippstadt durften wir diesen Anblick noch ein Weilchen genießen, auch wenn sich das klare Wasser oft hinter Hecken verbarg. Die Kieswege waren etwas gewundener als am Kanal, trotzdem waren wir ganz zufrieden mit unserem Fortschritt. Wie weit isses noch? Immer noch 55? Uj, okay, hm, na, mal sehen.

Für meinen Begleiter das absolute Highlight der Reise: Einen wilden Apfel pflücken und verspeisen. Das hatte er noch nicht gemacht. Und ich dachte, ich sei der Großstadtmensch von uns beiden.

Eine ganze Weile folgten wir einem Radweg an der Straße. Dann wählten wir eine Abkürzung namens Naturerlebnis-Auenland-Schleife. (Die mehr oder weniger fantasievollen Namen können nicht über folgende Tatsache hinwegtäuschen: Je mehr Varianten im Reiseführer stehen, desto unspektakulärer ist der Radweg.) An einer kleinen Allee tauchte unvermittelt eine leicht schlingpflanzige Ruine auf. Nanu, was ist das jetzt? Hat der Tiberius am Ende doch etwas Haltbares aus Stein gebaut? Das graue Gemäuer sieht verdächtig nach einem Brückenstück aus, ein bisschen wie die Brücke von Remagen, und das ist fast richtig: Es ist ein Brücken-Widerlager, also der Teil, der die eigentliche Brücke mit dem Erddamm zum Rauffahren verbindet. Alles klar, jetzt fehlt bloß noch die eigentliche Brücke. Und der Erddamm. Und das Wasser, über das diese Brücke rüberführen soll.

Nichts davon ist fertiggeworden, eventuell waren die Bauarbeiter mit dem Brücken-Widerlager also ein bisschen voreilig. 1924 sollte hier ein Seitenkanal für die Lippe entstehen, auf dem Schiffe bis Lippstadt durchtuckern sollten. Durch den Zweiten Weltkrieg war kein Geld mehr da, und hinterher war es nicht mehr rentabel, denn Autobahnen waren längst billiger als Kanäle. So taugt das Widerlager bloß noch als Windschutz und Kletterfelsen. Mit etwas Geschick, der einen oder anderen Spalte, Pflanze oder Räuberleiter lässt es sich... uah, gleich hab ich's... gut bezwingen. Oben genoss ich einen Blick auf flache Felder und unauffällige Ziegeldörfer, also genau wie unten.

Danach kamen wir an diesem Gütergleis heraus und rätselten, ob hier noch manchmal Züge fahren. In der Karte waren noch Personenbahnhöfe eingezeichnet, aber zum Teil war das Gleis echt überwuchert. Doch schließlich wichen die Schlingpflanzen sauber gestutztem Rasen, und Straße und Schienen strebten auf ein Kraftwerk und im Prinzip auch schon auf die Zielstadt zu.

Aber vorher bogen wir noch ab in ein schmuckloses Industriegebiet im Vorort Uentrop. Schmucklos? Von wegen, auf einmal ragt dort ein alles andere als schmuckloser Turm namens Gopuram auf, über und über bedeckt von kunterbunt bemalten Figürchen. Zwölf südindische Kunsthandwerker haben daran gearbeitet. Nur die ganze untere Fassade ist noch Baustelle, das Hauptportal verschlossen. Eine absurd hohe Garage überragt den Tempel noch um einige Meter - anscheinend steht da die Riesenstatue der Göttin Kamadchi drin, die jedes Jahr beim Tempelfest um das Gebäude geschoben wird.
Die Geschichte dieses Bauwerks beginnt... nun, seine Kultur reicht so weit zurück wie das Römische Reich, aber seine Geschichte im engeren Sinne beginnt mit dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka in den 80ern, als zehntausende Tamilen ins Ruhrgebiet flohen. 1985 kam der hinduistische Priester Arumugam Paskaran nach Hamm und stellte im Keller seiner Mietwohnung einen kleinen Altar auf. Später zog die Gemeinde in eine Wäscherei. Die Stadt betonte, wie sehr sie die kulturelle Bereicherung schätzte, wollte das jährliche laute Tempelfest aber auch nicht im Wohngebiet haben. Zur Jahrtausendwende hatte die Gemeinde bereits am heutigen Standort den größten hinduistischen Tempel in Kontinentaleuropa, und inzwischen ist sie sogar eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Nur eine Sache klappte nicht so: Eigentlich bauten sie den Sri Kamadchi Ampal Tempel bewusst nah an der Lippe (beziehungsweise dem Kanal) für ihre rituellen Waschungen, aber nach 25 Jahren mussten sie damit aus Sicherheitsgründen aufhören. Ist die Lippe etwa gefährlicher als der Ganges?
Ob man da hineinkann? Während der Öffnungszeiten schon, hieß es im Internet. Am Container fanden wir dann tatsächlich einen offenen Seiteneingang.

Schilder kommunizierten die Regeln auf Deutsch und in verschnörkelten Zeichen, bei denen es sich wohl um Tamilisch handelt (von den vielen Sprachen Indiens ist das eine der ältesten Schriftsprachen und die einzige, die heute noch ungefähr so aussieht wie vor 2000 Jahren). Und es gibt viele Regeln: Zuerst zogen wir in einem Vorraum die Schuhe aus. Rauchen, Fleisch essen, Alkohol, Menstruation und Haustiere sind nicht erlaubt, und sollte im Tempel eine Sitzhaltung eingenommen werden, dürfen die Beine nicht ausgestreckt werden. 
Doch was Touristen angeht, ist der Tempel entspannter als so manche Kathedrale. Während ich noch am Eingang stand, winkte mich ein Mann herein: "You can come in and look around." Und das, obwohl gerade eine Zeremonie stattfand.
Ich lookte around und fand mich wieder in einer niedrigen, gefliesten Halle wieder, gut gefüllt mit bunten Säulen und Schreinen in einem ähnlichen Stil wie das Dach. Sicher, dass dieses Haus von Anfang an als Tempel erbaut wurde? Es sieht aus, als hätte jemand viel Mühe und Farbe investiert, um eine Markthalle in einen Tempel umzuwandeln. Und doch kommt eine ungewöhnliche Atmosphäre auf in dem verwinkelten und farbenfrohen Raum - man weiß nie, welche Gottheit hinter der nächsten Ecke wartet, etwas, das keine Kirche oder Synagoge bieten kann.
In den Schreinen verbergen sich Altäre und Statuen der einzelnen Götter. Manche dürfen laut Schild nur Priester betreten, andere nur oberkörperfreie Menschen im Wickelrock - beides läuft letztendlich auf dasselbe raus, weil nur Priester in diesem Outfit herumlaufen. Und zwar mindestens dreimal am Tag. Soeben hatte der abendliche Gottesdienst (Puja) begonnen, und eine beträchtliche Gruppe folgte dem Priester auf seiner Runde, während er von Schrein zu Schrein ging und unter Sprechgesang Kerzen in den Schalen entzündete. Dabei war er sehr bestrebt, die fehlenden Glocken im Turm zu kompensieren, indem er sehr enthusiastisch mit einer Handglocke bimmelte. Besinnlich im europäischen Sinne war dieses Geräusch nicht, eher etwas laut und überbordend - so, wie es Indien ja angeblich auch sein soll.

Der große Schrein in der Mitte gehört jener vierarmigen Dame, nach der auch das gesamte Bauwerk benannt ist: Sri Kamadchi Ampal (grob übersetzt: "Frau Liebesäugige Muttergöttin") hat ihren einzigen Tempel außerhalb von Südostasien in Hamm.
Kamadchi/Kamakshi soll ursprünglich wild und blutdürstig gewesen sein, bis der Philosoph Shankara die Göttin gezähmt und ihr Wesen verändert hat. (Erstaunlich, was die indischen Philosophen damals alles konnten. Wie viele Götter hast du schon gezähmt, Richard David Precht?) Seitdem ist sie lammfromm und hat Augen der Liebe, mit denen sie Wünsche ablesen und dann auch gleich erfüllen kann.
Nun haben die Tamilen aber dermaßen viele Götter, dass daneben sogar der Olymp wie eine Kleinfamilie wirkt. Wenn bloß 60 000 tamilische Hindus in Deutschland leben, dann kann man sich ausrechnen, dass es nicht für einen Tempel für jeden einzelnen Gott reicht. Und darum stehen ringsumher 200 von Kamadchis Kollegen, alle aus schwarzem Granit gemeißelt, aber bunt angezogen, in menschengroßen oder ganz kleinen Schreinen. Die Einstellung Götter kann man nie genug haben teilt die Tempelgemeinde mit den Römern in Anreppen. Hier treffen - bisher konfliktfrei - verschiedene Traditionen und Rituale zusammen, die es so in Indien nicht alle unter einem Dach gäbe. 
Einig sind sich immerhin alle, dass die große Kraft über allen Göttern das Brahman ist, welches die ganze Welt durchdringt. Aber das Brahman ist so groß und unfassbar, das betet man nicht an und trägt ihm schon gar nicht seine Wünsche vor. Für so was braucht es noch einigermaßen begreifliche Götter als Transmitter. Wer das seltsam findet, könnte sich fragen: Ist die Heiligenverehrung der Katholiken wirklich so anders?

Eine Nische wurde extra für Hochzeiten mit weißem Sofa und grünem Teppich dekoriert, und am Eingang hing eine Einladung zur nächsten Eheschließung.
Im Tempel befindet sich sogar eine Art Imbiss, aber: Die Tempelspeisung darf auf keinen Fall innerhalb des Tempels eingenommen werden. Und falls man drinnen vergessen haben sollte, sich Tempelspeisung zu holen, steht draußen auch noch ein Snack- und Getränkeautomat - Kamadchi sei Dank, unsere Flaschen waren schon fast leer! Diesen Wunsch hat sie uns definitiv von den Augen abgelesen, oder vielleicht auch vom trockenen Gaumen. Hier wird man auf jeden Fall eher satt als von Wein und Oblaten.

Ein Teil des Lippe-Seitenkanals wurde übrigens wirklich gebaut und heißt heute Datteln-Hamm-Kanal. Das finale Stück konnten wir also an einem großen Kanal fahren, nicht an einem Minigraben wie dem Boker Kanal heute Mittag.

Zum Schluss drehten wir aber doch noch eine Schleife nach Süden, denn dort wartete das Markenzeichen der Stadt auf uns: Der angeblich größte Elefant der Welt. (Die Stadt wirbt sogar mit dem Motto Elephantastisch!) Mit seinem Aufzug im Rüssel ist er sicherlich ein denkwürdiger Anblick. Das transparente Tier hatte ursprünglich die Aufgabe, mit seinem Rüssel Kohle zu waschen. Was für eine dämliche Idee, als ob das Zeug jemals sauber wird?
Kein Wunder, dass die Maximilianshütte eine Geschichte des Scheiterns war. Gasexplosionen, technische Defekte und immer wieder schwere Wassereinbrüche sorgten dafür, dass die Kohle zwar von allein ganz gut gewaschen war, aber nicht erfolgreich ans Tageslicht gebracht werden konnte. 1912 sollte es endlich losgehen, zwei Jahre später war schon wieder Schluss. Erst in den 60ern hatte das Bergwerk eine kleine Blütezeit.

Letzten Endes entschied sich die Maximilianshütte aber, die Flucht nach vorn anzutreten: Sie wurde zum Vorbild dafür, wie sich aus den ollen Industriebrachen etwas Schönes machen lässt, zum Beispiel Maxiparks und Glaselefanten. Gut, Glaselefanten blieben Hamm vorbehalten, aber die Sache mit den Parks ahmte bald das ganze Bundesland nach. Kein Wunder, dass 1984 ausgerechnet hier die erste Bundesgartenschau von NRW abgehalten wurde.
Übriggeblieben ist der Maxipark, in dem uns neben einem rostigen Industriedenkmal direkt zwei Dinge ins Auge sprangen: Zum einen ein Stand, der anstatt Eis Jogurt und Quark mit verschiedenen Toppings anbietet, immerhin so schmackhaft, dass sich über fehlende Kartenzahlung und Kassenbons hinwegsehen lässt. Und zum anderen eine Bahn, auf der begeisterte Kinder und Erwachsene Rennautos herumfliegen ließen.
Ja, ich habe fliegen geschrieben. Die Modellwagen hüpften über kleine Rampen und Hügel hinweg, segelten meterweit durch die Luft, bogen halsbrecherisch um Kurven und knallten gegen die Schläuche, welche die Rennstrecke begrenzten. Das Erstaunliche war: Trotzdem musste nie jemand die Fernbedienung weglegen und von Hand eingreifen. Diese unzerstörbaren Dinger sind die Katzen unter den Modellautos: Sie landen immer auf den Rädern.

Warte mal, wie sind wir überhaupt in den Park reingekommen? Der Eingang dort sah aus, als müsste man Eintritt zahlen, aber dort, wo wir vorhin reingefahren waren, hatte einfach ein Tor weit offen gestanden. Hm. Naja, nehmen wir einfach den Ausgang da hinten. Ach Mist, ein Drehkreuz, dann... warte, das Fahrrad passt da durch?
Jap, und das ohne Probleme. Durch so ein Teil bin ich auch noch nie auf einer Radtour gefahren.

An kleinen netten Bachläufen vollendetet der Römer-Lippe-Radweg seine Schleife nach Süden, und hinter der Maximare-Therme stößt er erneut auf den Kanal und die Lippe.
Geschafft. Wow, jetzt waren wir ja doch richtig schnell. Dabei war die Tatsache von Vorteil, dass sich die 100 Kilometer doch nur als 86 entpuppten. So wurde es ein geradezu perfekter Radtourtag, und es reichte sogar noch für eine Runde in der Therme. (Ich habe noch nie so eine riesige Sauna gesehen, der Aufguss erfolgte aber eher lustlos).
 
Die Innenstadt von Hamm ist maximal langweilig. Das Highlight (wortwörtlich light) stellen ein paar leuchtende Bäume dar, dazu ein deutlich kleinerer Elefant. Viele Städte im Ruhrgebiet sind leider so... hm, hässlich ist nicht das richtige Wort. Einfach derart gesichtslos, dass es nicht mal für eine vernünftige Hässlichkeit reicht.
Bisher gestern war das alles, was ich vom Umsteigen von Hamm kannte. Aber seit heute weiß ich, dass die Stadt auch sehenswerte Seiten hat.


23 Juli 2025

Lahn: Von Feudingen nach Biedenkopf

Die Lahn ist zwar ein ganz zentraler Fluss von Hessen, beginnt aber in NRW. Das Rothaargebirge bildet hier einen langgezogenen Bergrücken mit einer welligen Straße obendrauf, wo überall Wasser rauskommt. Quellhorizont nennt sich so was, wie ich auf dieser Tour gelernt habe. Gut zu wissen, schließlich ist das nicht mein erster Quellhorizont. Aber definitiv einer der quelligsten.

Die Lahnquelle ist ein stiller Teich. Auf Fotos wimmelt er von Entengrütze, aber als ich vor Ort war, dümpelte er bräunlich und annähernd durchsichtig vor sich hin.

Im Gasthaus Lahnhof kann man direkt mit Blick auf dieses gemütliche, aber nicht gerade superspannende Naturschauspiel speisen.
Am Spielplatz beginnt ein Märchenweg, der aber keine kompletten Geschichten erzählt, sondern eher schön illustrierte random Märchenfunfacts. Zum Beispiel, dass engagierte Kobolde solche Trittsteine über die Furten gelegt haben. Die junge Lahn plätschert sanft durch ein paar dieser Steine hindurch...

...und verschwindet auf einer zugewachsenen Weide, auf der anscheinend nicht sonderlich hungrige Nutztiere leben.

Weitere Quellen auf dem Quellhorizont:

  • Die Ilm. Pardon, liebes Holzschild, ich meine natürlich Jlm! Eine kleine Erdpfütze direkt neben der Straße, die gleich wieder unsichtbar im Gestrüpp verschwindet und schon nach 2,8 Kilometern in der Lahn lahndet.
  • Dicht hinter ihr folgt an derselben Straße die Siegquelle.
  • Und dann hinter der Wasserscheide zur Weser die Ederquelle.
  • Die Ilse ist bekannt für ihre idyllische Schlucht und war im Mittelalter eine der bekanntesten Heilquellen Europas. Die laut dem Märchenweg von einem rothaarigen Kobold entdeckt wurde. (Quelle: Vertrau mir einfach.) Eine radelbare Straße passiert das Ilsetal, aber nicht bis zur Quelle, die ist ziemlich abseits im Wald.



Der Lahnhof ist keine richtige Ortschaft, sondern wirklich nur ein einsames Gehöft. Entsprechend liegt der öffentliche Nahverkehr nach da oben bei Null. Lahnradler müssen entweder 15 Kilometer von Erndtebrück (aber nicht entlang der Eder) oder 11 Kilometer von Feudingen durch die Ilseschlucht hochfahren.

Und dann 8,5 Kilometer an der Lahn wieder runter. Diese 8,5 Kilometer sind schöner und naturnäher als die Quelle selbst. Erstmal macht der Kiesweg einen steilen Bogen ohne die Lahn, aber das macht nichts, es gibt ja einen anderen Wasserlauf direkt auf dem Weg! Jedenfalls, wenn es kürzlich geregnet hat.

Zügig geht es Dorfstraßen und Kieswege runter. Die Lahn ist schon ziemlich breit, und die ersten Dörfer tauchen auf. Sie sind sehr, sehr weiß, so als hätte der letzte Regenguss alle Farben abgespült.
Architektonisch und landschaftlich nichts Besonderes, aber es fährt sich auf jeden Fall sehr angenehm durch einen warmen, frisch durchgespülten Sommerwald.

Puh, bei Feudingen nimmt der Lahnradweg dann ein paar Hügel mit. Aber richtig schöne! Hier hatte ich das beste Panorama der kurzen Etappe, viel besser als oben auf dem Quellhorizont.

Unten im Tal liegt der Bahnhof Feudingen. Hier wird das monotone Weiß der Häuser zumindest mit ein bisschen Schiefer und Balken aufgelockert.
Das Jäjersch Backhaus (vorne links) von 1885 hat sogar beides. Solche Dinger habe ich am Iron Curtain Trail öfter gesehen, aber dieses hier ist besonders, weil da drin immer noch gebacken wird. Der Eigentümer hat es an die Stadt verpachtet, und die vergibt gegen ein Entgelt Backtermine und eine genaue Anleitung, wie man das nutzt und reinigt. Die Temperatur misst man nicht mit irgendwelchen neumodischen Knöpfen, sondern ganz klassisch, indem man Kornähren reinhält. Je mehr Körner verkokeln, desto heißer. ("Auf 20 Körner vorheizen und bei 20-25 Körnern und Umluft 30 Minuten backen." Oder so ähnlich.)

Nachdem ich die schlimmsten Hügel überwunden hatte, glitt ich eine Weile auf den Blättern des Seitenwalds abwärts.

Kurz darauf folgt eine etwas größere Stadt. Was man daran erkennt, dass der Verkehr stark zunimmt und noch mehr Fachwerk das endlose Fassadenweiß durchbricht. In Bad Laasphe (der Name bedeutet Lachswasser) kann man an den historischen Gebäuden angeblich die ovale Form der alten Stadtmauer erkennen. Aber mir kam die Stadt eher vor wie eine langgestreckte Linie an einer lauten Hauptstraße.

Bis hier gehörte die Lahn den Forellen, denn die mögen es dort, wo das Wasser am klarsten, kältesten und sauerstoffreichsten ist. Nun, wo es langsam trüber und wärmer wird, beginnt das Reich der Äschen. Die Fische haben so unterschiedliche Ansprüche, dass sie nicht ins Territorium ihrer Nachbarn einfallen und die Grenzen automatisch respektiert werden. Eine Lösung für menschliche Kriege? Wohl eher nicht, denn dummerweise sind wir von ein und derselben Art.

Das Tal wird immer breiter, das Rothaargebirge verschwindet im weißen Dunst. Bei Bad Laasphe verlaufen zwei Themenpfade: Ein Bierwegelchen über die Brauereikunst (das ich aber nicht gefunden habe) und ein maßstabsgetreuer Planetenweg. So weit nichts Ungewöhnliches, aber ein bisschen ungewöhnlich ist, dass die Straßen und Feldwege auch alle Sonne und Pluto heißen. Nicht mal Plutoweg oder so, nein, einfach nur Pluto.

Obwohl das Gebirge verschwindet, wird die Lahn immer wilder. Über ein paar kräftigen Stromschnellen erhebt sich das Landgrafenschloss Biedenkopf. Alles bisher war Vorspiel, nun beginnt das an, was den Lahnradweg wirklich ausmacht: Schlösser, Altstädte und, in meinem Fall, das Ausprobieren etwas anderer Fahrräder.

01 August 2023

WHH: Von Hann. Münden nach Göttingen

Zwischen der Leine und der parallelen Weser gibt es mehrere Querverbindungen, von Elze nach Hameln zum Beispiel oder am Steinhuder Meer.

Die erste und möglicherweise schönste Querverbindung verläuft auf dem Weser-Harz-Heide-Radweg zwischen Göttingen und Hann. Münden. Diese Strecke von etwa 40 Kilometern sind wir hin- und zurückgefahren, um die Weser kennenzulernen. Wir erkundeten die Stadt einige Stunden lang und radelten dann zurück, bevor es dunkel wurde. Hann. Münden und die Weser gefielen uns ausgesprochen gut, und daher beschlossen wir: Irgendwann fahren wir auch mal den Weserradweg.

In Hann. Münden aus folgten wir kurz dem rechten Werra- und Weserufer entlang der Hauptstraße, vorbei an der Jugendherberge und der niedersächsischen Polizeiakademie. An der dicken Dorfkirche von Gimte bogen wir rechts ab.

Dort wurde es erstmal ein bisschen steil. Wir müssen die erste Hügelkette überwinden, um das Wesertal zu verlassen. Der Radweg und die Hauptstraße folgen dabei einem schmalen Einschnitt, den die Schede geschaffen hat, ein Bach, der zur Weser plätschert.

Dann begegnen wir einer ehemaligen Bahntrasse. Hier wurde sie mit glatten Betonplatten belegt. Sogar alte Signalanlagen stehen noch daneben. Schnurgerade zieht sich der Weg durch Wälder in ein enges Tal. Einfach ein fabelhafter Radweg, besonders für Bahnliebhaber.

Das ist der Weser-Harz-Heide-Radweg von seiner besten Seite!

Bei Scheden führt der Weg an einem Reiterhof vorbei, dessen Eigentümer bei Verfassen von Verbotsschildern ihrer kreativen Ader freien Lauf gelassen haben.

Hier erreichten wir eine hügelige Zwischental-Landschaft aus braunen Äckern. Die könnte man eigentlich auch weglassen und gleich zum nächsten Bahnradweg übergehen, aber ich mache die Landschaften ja nicht.

Leider kann der Radweg nicht die ganze Zeit auf der alten Bahntrasse verlaufen. In verschiedenen Dörfern mussten wir ordentlich auf und ab strampeln, während uns alte Menschen auf Bänken zusahen. Wir passierten unter anderem einen heruntergekommenen Bauernhof mit Ziegen.
Irgendwie wirken Bereiche in Niedersachsen, die keine Bahnanbindung haben, gleich viel ausgestorbener.

In der Mitte des Zwischentals liegt Dransfeld, die einzige Stadt zwischen Göttingen und Hann. Münden. Die Skyline Dransfelds besteht aus dem winzigen spitzen Türmchen der Kirche (links im Bild) und fetten gelben Quadern, in denen sich ein Haus- und Gartenmarkt befindet.

Die Innenstadt ist etwas idyllischer. Ich glaubte plötzlich, ich sei aus Versehen im Harz gelandet - die Fachwerkhäuser mit Schiefer und das eingerückte Rathaus mit Grünanlage davor erinnerten mich ganz stark an die harzigen Städtchen, vor allem an Clausthal-Zellerfeld. So weit entfernt sind die ja auch nicht.
Dransfeld ist überraschend lebendig - an der Hauptstraße waren viele Geschäfte und Imbisse, womit ich nach den ausgestorbenen Dörfern ringsherum gar nicht gerechnet hatte. Es mangelte nur an Fußgängern, die in die Geschäfte hineingingen. Das lag wohl auch an der gewaltigen Hitze.

Gegen die Hitze hilft das putzige kleine Freibad. Es liegt eine Etage höher am Campingplatz, die Straße dorthin führt steil bergauf. Dafür wartet oben eine schöne Aussicht und sehr kühles Wasser (fast schon zu kühles Wasser, aber bei dem Wetter will ich mich nicht beschweren).

Der Radweg entlang der Hauptstraße durch Dransfeld ist kürzer, aber auch steiler. Der Weser-Harz-Heide-Radweg verläuft mit Abstand im Bogen um die Stadt herum. Von dort aus sieht Dransfeld so aus wie auf diesem Bild - die gelben Klötze sind auch aus der Ferne zu erkennen. Wer in der Stadt nicht essen oder schwimmen will, muss entscheiden, ob er lieber mehr Strecke oder mehr Höhenmeter zurücklegen will. Ich glaube, ich würde tatsächlich die Höhenmeter empfehlen.
Auf den Bergen hinter Dransfeld steht der Gaußturm. Er erinnert an den Mathematiker und Landvermesser Carl Friedrich Gauß, der in Göttingen gewirkt hat. Der Aussichtsturm ist jedoch dauerhaft geschlossen.

Im Wald bei Ossenfeld beginnt dann der zweite Bahntrassen-Abschnitt. Der besteht zwar nur aus Kies, macht aber wirklich Spaß, vor allem in Richtung Göttingen. Denn dann hat der Weg ein leichtes, unsichtbares, aber doch spürbares Gefälle, sodass es sich fast wie von selbst fährt. In der Gegenrichtung fühlt es sich eher wie ein normaler ebenerdiger Weg an, vielleicht mit einem minimal Widerstand als sonst.
So tauchten wir ins Leinetal ein, und zwischen den Hecken öffneten sich weite Blicke auf die Göttinger Vororte.

Dann wurde es schattiger, und wir drehten eine Schleife um ein Dorf und unterquerten die Straßen in merkwürdigen Tunneln aus Wellblech, die an übergroße Abwasserkanäle erinnerten.
Von der Luftlinie her wäre es eindeutig kürzer, die Bahntrasse zu verlassen und quer durchs Dorf zu radeln. Aber ich bezweifle, dass man dadurch auch nur eine Minuten Zeit spart - es ist so viel unkomplizierter, sich einfach immer weiter durch den Kies abwärts ziehen zu lassen.

Schnurgerade zieht der WHH-Radweg zwischen aktiven Bahngleisen und dem Friedhof hindurch, überquert zwei Hauptstraßen und kommt schließlich am Ufer der Leine in Göttingen raus.

07 September 2021

Weser: Von Porta Westfalica nach Nienburg

Weser-Tag 6: Sprühregen auf Spargelstraßen

gefahren im: Juli 2020
Start: Nienburg, Bahnhof
Ziel: Porta Westfalica/Hausberge, gemütliches Familienzimmer mit Netflix
Länge: 65 km
Weserquerungen: 2 (Brücken)
Ufer: meist links, außer bei Nienburg
Bundesländer: Niedersachsen, NRW
Landschaft: ach, so flach
Wegbeschaffenheit:
 erst Radwege, dann Haupt- und Nebenstraßen
Steigungen: keine
Wetter: grau und stürmisch
Wind: starker Südwestwind
Highlight: Altstadt Nienburg
Größte Hürde: Gegenwind
Zitat des Tages: "Veronika, der Spargel wächst." - Comedian Harmonists -


1. Fahren Sie diese Etappe keinesfalls in die entgegengesetzte Richtung! Der Wind wird Sie dafür bestrafen.


2. Unterqueren Sie auf dem Radweg ungefähr zwölftausend Brücken. Die Berge hinter Ihnen werden immer kleiner, denn die Porta Westfalica hat Sie ins Norddeutsche Flachland entlassen. Im Reiseführer finden Sie dazu Beschreibungen wie Endlich können Sie den Blick weit und ungestört schweifen lassen, aber das ist nur ein Code für Keine Berge mehr, jetzt ist alles platter und langweiliger.

3. Finden Sie Minden. Durchqueren Sie den schönen Park am Schloss. Biegen Sie an der Uferpromenade in die Stadt ab, falls Sie Lust auf einen Döner in beklemmender Atmosphäre haben.
Minden stand früher in starker Konkurrenz zu Bremen. Die norddeutschen Backsteinhäuser haben sich hier ungewöhnlich weit in den Süden verirrt, von denen steht aber nur noch eins.

Die Großstädte an der Weser waren zwar einst ebenso blühende Handelsstädte wie ihre kleinen und mittleren Kollegen und sahen wahrscheinlich ganz ähnlich aus wie Hameln oder Bodenwerder. Aber was Sie schon in Bad Oeynhausen vermutet haben, bestätigt sich hier: Weil die Großen im Zweiten Weltkrieg größere Ziele abgaben, ist davon nicht mehr viel zu sehen. Nur eine Handvoll Fachwerk und der Dom von Minden wurden restauriert. In der Fußgängerzone ist es nicht sonderlich gemütlich: Sie sitzen inmitten von hohen, kahlen Gebäuden in einer vollkommen stillen, menschenleeren Straße. An einem Samstagabend.

4. Fahren Sie neben der Weser unter den tonnenschweren Wassermassen des Mittellandkanals durch. Eine grüne Trogbrücke ermöglicht Ihnen das. Über Ihnen fahren Lastschiffe nach Westen zur Hase und nach Osten zur Leine. Die Weser versorgt den Kanal mit Wasser: Einige leistungsstarke Pumpen schaffen es nach oben.


5. Schlängeln Sie sich durch ein kleines Hafenlabyrinth und bestaunen Sie die historische Schachtschleuse. Jap, das ist eine Schleuse, keine Burg. Das dürfte die eindrucksvollste Stelle von Minden sein. Folgen Sie nun der Weser.


6. Machen Sie einen Spaziergang durch den Mindener Nordfriedhof. Er hat beeindruckende Kaskaden, die fast schon Kassel-Wilhelmshöhe Konkurrenz machen. Beinahe.


7. Passieren Sie den alten Bahnhof von Petershagen. Der ist schonmal etwas gemütlicher als Minden, aber noch ausbaufähig. Das sah wohl auch der Bischof von Minden so: Im 14. Jahrhundert ist er aus Minden hierher abgehauen, weil ihm die Bürger so ungemütlich auf die Pelle rückten. Er baute sich dann erstmal eine Burg. Die sollte 1544 zum Schloss ausgebaut werden. Dabei wurde möglicherweise der Brauch erfunden, fertiggestellte Bauabschnitte mit Bier zu feiern. Das Schloss hatte mehr Pech als der BER und wurde nie fertig. Das lag aber nicht daran, dass zu viel Bier konsumiert wurde, sondern an Religionskriegen.


Sie haben zwei Optionen:
Entweder fahren Sie am Weserufer bis Petershagen, schlängeln sich durch die Innenstadt und am Alten Bahnhof kommen Sie auf den Radweg.
Oder Sie... ups, Sie bereits früher auf diesem Radweg gelandet, weil Sie dem Schild gefolgt sind, egal.
In jedem Fall landen Sie auf einem schnurgeraden Bahnradweg, der hinter den Dörfern entlangführt. Die Weser sehen Sie nicht, fahren lässt es sich hier super. Lassen Sie sich von Rudi der Reiherente (unten links) die Natur erklären und vergessen Sie auch nicht, die Windmühlen zu bewundern, zum Beispiel die Pottmühle (oben rechts).
Falls Sie rechts abbiegen, gelangen Sie per Solarfähre ans andere Ufer. Das klingt zwar cool, ist aber ein großer Umweg.


8. Leider ist dieser Weg irgendwann zu Ende. Den Rest der Strecke müssen Sie auf Straßen im Zickzack hin- und herfahren. Dabei sehen Sie zahlreiche Baggerseen. Der Wind peitscht ihr Wasser auf, sodass Sie wie stürmische Baggermeere aussehen.


Falls Sie in einem der Seen baden möchten, nehmen Sie gleich die erste kleine Badestelle. Später ist es verboten.


Immerhin liegen zahlreiche Schutzhütten auf dem Weg. Verkriechen Sie sich darin vor dem miesen Wetter.


Außerdem können Sie erstaunlich bunte Schottergärten mit Storchennest und Fahrrad beobachten.


Passieren Sie Rußland. Sie benötigen dazu kein Visum.


9. Erreichen Sie auf einem weiten Bogen nach Osten eine russische Stadt: Schlüsselburg. (Ja, eine Stadt dieses Namens gibt es wirklich bei St. Petersburg.) Hier stehen historische Scheunenviertel aus dem 17. Jahrhundert und die Schlüsselburg, für deren Besichtigung Sie vermutlich einen Schlüssel benötigen. Bewundern Sie die alten Bauten aus Holz und Ziegeln im Vorbeifahren. Fahren Sie an einem Haus vorbei, in dessen Tür jemand tatsächlich einen Schlüssel hat stecken lassen.

Außerdem führt hier eine Variante zum Steinhuder Meer.


Auf dem Bogen durch Schlüsselburg überqueren sie zweimal einen kleinen Kanal. Das erste Mal auf der Hauptstraße, beim zweiten Mal hat die Straße einen Radweg. Ja, dieser lange Bogen nach Osten war unvermeidbar, ich habs überprüft. Erst jetzt sind Sie zurück in Niedersachsen.


10. Machen Sie Mittagspause in Stolzenau. Gegenüber vom Rathaus gibt es leckere Nudeln - an der Hauptstraße, aber dennoch gemütlich von Bäumen umgeben und direkt neben dem Radweg. Darauf kann Stolzenau stolz sein.


Folgen Sie der bunten Wesersteinschlange, die angeblich (laut einem laminierten Zettel, also muss es stimmen) Weltkulturerbe ist. Um sich während der Coronazeit zu beschäftigen, sollte jedes Kindergartenkind einen Stein finden, bemalen und hinlegen.


11. Leider müssen Sie noch einmal auf der Hauptstraße fahren. Überqueren Sie die Weser. Oben auf der Brücke können Sie einen letzten Blick auf die fernen Berge erhaschen. Sehnen Sie sich nach dem Weserbergland und seinen tollen Radwegen.


12. Immerhin bekommen Sie jetzt noch einmal einen Radweg an der Weser. Um den Fluss zu sehen, müssen Sie den Deich erklimmen. Dort schleusen die Schleusen gerade Schiffe.


13. Tja, aber kurz darauf ist der Schleusen-Radweg schon wieder vorbei - willkommen zur nächsten Zickzack-Strecke in den Nienburger Vororten. Durchqueren Sie ein weiteres Scheunenviertel und einen Wald namens Nienburger Bruch.


14. Jetzt haben Sie vermutlich schon erraten, wie das heutige Ziel heißt. Richtig: Nienburg. Im Stadtgebiet können Sie wieder an der Weser radeln. Spaziergänger und blaue Brücken begleiten Sie.
Nienburg bedeutet "Neue Burg". Besagte Burg ist inzwischen nicht mehr neu, sondern wurde längst abgerissen, vorher konnte sie aber eine ziemlich krasse Leistung verbuchen: Die kaiserliche Armee hat es im Dreißigjährigen Krieg nicht geschafft, sie zu erobern.


Sollten Sie Lust auf frisches Gemüse haben, schieben Sie Ihre Räder durch den (laut einer Jury) schönsten Wochenmarkt Deutschlands. Sehen Sie den langsamen Wandel von Fachwerk zu Backstein, der Ihnen anzeigt, dass Sie nach Norden unterwegs sind.
Berühren Sie die Statue der Kleinen Nienburgerin. Auch dem Spargel hat Nienburg eine Statue gewidmet, hinzu kommt ein Spargelmuseum (in dem es aber auch um Landwirtschaft allgemein geht). Schon der heutige Radweg verlief teilweise auf der Deutschen Spargelstraße. All dies lässt nur den Schluss zu, dass hier sehr viel Spargel angebaut wird.
Eine richtig große Stadt ist Nienburg dann doch nicht. Das erkannten wir, als wir auf einer kurzen Runde durch die Stadt zufällig die einzige Nienburgerin getroffen haben, die wir kennen.