Posts mit dem Label radfahren werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label radfahren werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

14 August 2025

Donau: Von Radvaň nach Esztergom

IV. Ungarn

Richtiger Name: Magyarország
Anteil an der Donau: 417,2 km (14,6 %)
Anteil am Donauradweg: max. 476,5 km (16,7 %)
Anteil der Donau an der Staatsgrenze: ca. 174 km (7,4 %)
Ufer: Weiden (beide Arten), Strände aus Kies und Schutt
Hauptstadt an der Donau? Ja (Budapest)
Größter Nebenfluss: Rába/Raab (250 km, mündet in die Mosoni-Duna)
Anzahl Inseln: 5
Größte Insel: Kleine Schüttinsel
Größter Wasserpark an der Donau: Aquaworld Budapest
Schönste Stelle: Donauknie bei Visegrád
Schlimmste Stelle: Maria-Valeria-Brücke und Straßenverkehr Esztergom
Radwege: schattiger mit gelben Linien, aber teils lückenhaft
Einreise: problemlos dank EU
Währung: 1 Forint=0,0025 € (was zur Hölle)


Was heute geschah, war unfassbar. Unbegreiflich. Niemand hätte es vorhersehen können. Hätte Donald Trump erklärt, er wolle fortan eine queerfeministische Abtreibungsklinik sponsoren, hätte mich das weniger überrascht als dieser Radweg im Schatten.

Auch wenn dieser Weg nicht völlig frei von Hindernissen war.

Und auch nicht die ganze Zeit im Schatten.
Dafür gab es in Kravany den römischen Wachturm Nr. 2, jetzt noch weniger römisch, stattdessen in typisch neudeutscher Bauweise - Stahl im luftigen Holzmantel.

Der Donauradweg wird lebendiger. Im selben Stil wie der Turm wurde daneben ein Kiosk erbaut, der Softeis, Getränke und Snacks verkaufte. Und siehe da, auf einmal gab es doch andere Tourenradler, die das Zeug kauften. Wo wart ihr die ganze Zeit? Sind die die monotone Strecke so schnell durchgefahren, dass sie wir sie mit bloßem Auge gar nicht wahrnehmen konnten? Entweder das, oder sie haben bisher die ungarische Seite gewählt, das kann natürlich auch sein.
Ein ungelöstes Rätsel blieben diese slowakisch geschnitzten Säulen. Es sind Störche und andere Vögel darauf zu sehen und allerhand Kreuze und Sonnen. Einige wurden als Torbogen um Gedenkplatten für wichtige Persönlichkeiten gestellt.

Ein verschlossenes Danubium und ein noch größeres Lost Place deuten darauf hin, dass dieser Rastplatz ursprünglich sogar noch viel größer geplant war.

Während der nächsten Badepause fanden ein paar sehr kleine Donaukrebse meinen Rücken so anziehend, dass sie sich darauf niederließen - und leise zwickend protestierten, als das Wasser auf einmal weg war. Unsere Eltern ordneten sie als "eine Art Krill" ein. Das erklärt auch, warum die Kieselsteinchen am Ufer nur so von ihnen wimmeln. Es fehlt an natürlichen Feinden, denn der Donauwal wurde tragischerweise schon vor langer Zeit ausgerottet.

Das Schwimmen in der Donau ist eine eher junge Tradition. Die meiste Zeit war es verboten, bis sich ab 1850 der Schwimmunterricht verbreitete und erste Schwimmbäder aus Holzstegen gebaut wurden - natürlich mit getrennten Bereichen für Damen und Herren. Diese mussten aufpassen, dass sie nicht von einem planlosen Schiff gerammt wurden. Dampfschiffe hatten die "Brüllschiffe" (geschleppte Holzschiffe) abgelöst und brauchten Fachpersonal aus dem Ausland. Wenn aber der Kapitän aus Mainz, der Steuermann aus (Buda)Pest und der Maschinenmann aus Birmingham kam, und keiner von denen je eine Fremdsprache gelernt hatte, dann lief der Stahlkoloss auch gerne mal fachmännisch auf Grund.

Und dann passierte etwas noch Unfassbareres: Der Deichradweg endete komplett. Finito. Ein Industriegebiet stand im Weg. Wir radelten durch sonnige Dörfer und noch sonnigere Felder. Bunte Wegweiser wiesen in zwei Sprachen darauf hin, was es im Dorf alles so gab. Eine Familie in Badebekleidung gruppierte sich um ein einziges Fahrrad, das sie gemeinsam aufzupumpen versuchten.

Und ein alter Mann mit lauter Musikbox und rostigem Rohr auf dem Gepäckträger radelte uns langsam entgegen. Rost und Kräne kündigten die Nähe der nächsten Doppelstadt an - und sogar Gleise, obwohl es dort gar keine internationale Bahnverbindung über die Donau gibt.
Und dann tauchte am Horizont (nicht im Bild) ein Bauwerk auf, das in dieser Umgebung auf den ersten Blick wie eine Fata Morgana erschien. Dazu später mehr.

Die nächste Doppelstadt ist sehr viel unausgewogener. Die slowakische Seite heißt Štúrovo und hat laut Radführer keine einzige Sehenswürdigkeit. Er empfiehlt zwar, eine Weile zu bleiben - aber nur, um den Blick auf Ungarn zu genießen.
Dabei hat die Stadt immerhin zwei Attraktionen: Einen Ferien- und Wasserpark mit gewaltig viel Beckenfläche, viel größer als die Anlage gestern, und ohne faule Eier.

"Guten Tag, zwei der größten Schließfächer bitte."
"Zwei?!"
"Sie haben mich schon richtig verstanden."

Und zweitens hat Štúrovo eine überraschend grüne Fußgängerzone mit einem sehr abenteuerlichen Sammelsurium an schöner und scheußlicher Architektur.
Die Stadt mag nicht das beste Aushängeschild der Slowakei sein für alle, die aus der entgegengesetzten Richtung kommen. Aber sie wurde nach einem der wichtigsten Slowaken überhaupt benannt. L'udovít Štúr war von Beruf Schriftsteller und Revolutionär. Im 19. Jahrhundert sammelte er die vielen Dialekte und schmiedete daraus die slowakische Sprache, wie sie heute gesprochen wird - eine Art Tschechisch, bei dem die Vokale durcheinandergeschüttelt wurden, mit einer besonderen Vorliebe für a, o, ie und ň. Tschechiens gefürchteten, unaussprechbaren Todesbuchstaben Ř (über kaum einen Buchstaben gibt es so viele Memes) dagegen fand Štúr unnötig und nahm ihn nicht in sein Alphabet auf. Allein dieser Verdienst für sein Land wäre wohl Grund genug, eine Stadt nach dem slowakischen Martin Luther zu benennen.
Umso schmählicher für den alten Štúrkopf ist es, dass das Märchentheater für Kinder in der Fußgängerzone auf Ungarisch gespielt wurde! Das verstanden wir sofort, weil wir nichts verstanden.

Vorbei mit der Slowakei! Über die grünliche Maria-Valeria-Brücke wechselten wir nach Ungarn. Ein total verrostetes Schild verbietet das Radfahren auf dem Bürgersteig, aber alle ignorierten es. Denn wer auf dieser Fahrbahn Fahrrad fahren will, dem sei stattdessen eine Reise in die Schweiz empfohlen - dort werden schmerzfreiere Möglichkeiten der freiwilligen Selbsttötung angeboten.
Und da ist sie auch wieder, die Fata Morgana, die Basilika von Esztergom. Ungarns größte Kirche zieht Kinnladen nach unten, Köpfe nach oben und Handys in die Hände. Inmitten wehrhafter Mauern auf dem Schlosshügel steht unbeeindruckt von all dem Verkehr da unten eine reine, weiße Kuppel.

Damit steht sie im Gegensatz zum Rest der Stadt, der uns wie schon Štúrovo mit sehr abenteuerlichen architektonischen Gegensätzen und Grünanlagen empfing.

Alles ist irgendwie abgewetzt und staubig, doch je tiefer wir reinfuhren, umso knuffiger fand ich die Stadt. Nur der Verkehr ist halt speziell und erfordert Umwege, um den großen Straßen auszuweichen. Manche Häuser hatten beinahe schon etwas von verwunschenen, überwucherten Ruinen aus einem Märchen, vielleicht ja dem in Štúrovos Fußgängerzone.
Abends sprudelte eine Reihe kleiner Fontänen in allen möglichen bunten Farben. Aber immer nur jeweils eine Farbe auf einmal. Hätten sie mehrere Farben gleichzeitig, könnte es sich ja um einen Regenbogen handeln.

Unser Häuschen ist nicht abgewetzt, sondern nur knuffig. Es liegt gegenüber vom (abgewetzten) Bahnhof, und abends schallten Durchsagen durch mein angekipptes Fenster, von denen ich rein gar nichts verstand. Was aber in dem Fall nicht an der ungarischen Sprache lag, sondern an Bahnhofsdurchsagen im Allgemeinen.

So, wir müssen erstmal dringend was nachkaufen. Die kleinen Supermärkte sind voller Fertiggerichte, selbst Tiefkühlware gibt es nur wenig, und frisches Obst und Gemüse überhaupt nicht - dafür sind offenbar Extrageschäfte da.

Um uns die "Wiege Ungarns", das "ungarische Rom" oder "die Stadt der Schwarzen Reaktion" (laut den Sowjets) anzuschauen, mussten wir Treppen steigen. Auf der Karte sah der St.-Thomas-Hügel ganz interessant aus, und wir stiefelten an den alten Mauern und Felswänden hinauf. Eine Sonnenuhr verkündete auf Latein: EGO NIHIL SINE SOLI - TU NIHIL SINE DEO. So wie ich (also der Hügel, der hier anscheinend zu uns spricht) nichts ohne den Boden bin, bist du nichts ohne Gott. Demnach darf man Gott mit den Füßen treten?

Diese verwinkelten Gässchen da oben, ist das eine Altstadt?
Ist es nicht. Es ist ein offenbar sehr altes und grünes, aber eben auch stilles Wohngebiet. Die kleine weiße Thomaskapelle war verschlossen, und das mit Abstand Eindrucksvollste der Blick auf den nächsten Hügel. Wer nach außen hin schön baut, tut damit eben mehr Gutes für seinen Nachbarn als für sich.
So von oben gesehen, sah das Ganze für mich eher nach Jerusalem als nach Rom aus.

Auf dem nächsten Hügel wanderten wir durch Burgtor um Burgtor um Burgtor. Während die ersten noch richtig alt aussagen, war das letzte Ziegeltor schon deutlich jünger. Von wann ist diese Burg denn nun?
Antwort: Es ist kompliziert. Bereits die Römer haben hier oben ihren Donaulimes gesichert. Als die Magyaren alles eroberten, machten sie Esztergom zu ihrer Hauptstadt - und damit zum Handlungsort eines sehr blutigen Finales. Denn das Nibelungenlied endet in der "Etzelsburg", und wahrscheinlich ist damit Esztergom gemeint. Nach all den Nibelungenstädten, die sich damit rühmen, dass die Protagonisten dort mal kurz Pinkelpause gemacht haben, sind wir nun am Ende der Geschichte angekommen - und es gibt keinerlei Hinweis darauf.

Esztergom konzentriert sich lieber auf echte Personen wie den ersten König von Ungarn: Stephan der Heilige wurde auf diesem Berg geboren und im Jahr 1000 gekrönt. Und hält sich hier auch heute noch auf, zumindest ein Teil von ihm: Der oberste Knochen in diesem Reliquiengefäß ist seiner, darunter schwimmen seine Nachkommen Prinz St. Emeric und König St. Ladislav - gleich drei aus der Familie wurden heiliggesprochen, eine Quote, die unsere Familie vermutlich nicht mehr erreichen wird.

Nachdem die Mongolen eingefallen waren, zogen Ungarns Könige nach Budapest um. Der Primat der ungarischen Katholiken nahm den leeren Schlossberg in Beschlag, und seine Nachfolger gaben ihr Bestes, um die Könige an Prunk zu übertreffen. Viele Bischöfe waren begeisterte Kunstsammler, und ihre Sammlung wuchs.
Im ersten Raum der Burg waren Kunstwerke zu sehen, die vermutlich nicht zu ihrer ursprünglichen Sammlung gehörten. Die Free Art Gallery beherbergte kühle Luft und kunterbunte Bilder von Menschen, Wasser und Menschen am Wasser.
Das Burgmuseum dahinter wirbt auf Englisch mit See where the Archbishop had his sauna! Die Eintrittstabelle ist dann aber nur auf Ungarisch, sehr clever. Daher übersprangen wir das und gingen gleich auf den Mittelpunkt des ganzen Komplexes zu. Und der sah erstaunlich neu aus. Das hier soll die Wiege Ungarns sein?

Der Grund dafür ist der übliche Verdächtige, das Osmanische Reich. Als sich die Türken nach 140 Jahren zurückzogen, ließen sie eine Ruinenstadt mit gerade mal 400 Einwohnern zurück. Doch die Kirche war fest entschlossen: Wir bauen das wieder auf, größer als je zuvor! Auch wenn sie sich schon im 19. Jahrhundert befanden. Egal, wie viel Mühe sie sich gaben, bei der Jahreszahl konnte kein klassisches Bauwerk mehr bei rauskommen, höchstens ein neoklassisches.
Meine Eltern wirkten etwas ernüchtert, dass das Herz dieser ach so alten Kirchenstadt gar nicht wirklich alt ist. Andererseits: Die Stadt heißt Esztergom, nicht Echterdom.
Auch als uns endlich die kühlen und - verhältnismäßig - stillen Hallen der Basilika umfingen, war der Anblick erstmal ernüchternd: Baugerüste. Auch ohne Rückkehr der türkischen Truppen nagt der Zahn der Zeit an Gottes Haus. Ah, das Bild da hinten zeigt Christi Himmelfahrt, oder? Fast, es ist Mariä Himmelfahrt. Das größte Leinwand-Altarbild der Welt war noch zu erkennen, doch zu einem Viertel verdeckt büßte es sehr an Wirkung ein, wie der Rest. Es sei denn, ich legte den Kopf in den Nacken und schaute senkrecht nach oben in die goldenen Verzierungen der Riesenkuppel und blendete die Pfosten am Rande des Blickfelds aus. Dann ging's eigentlich.

Einen Raum weiter schwimmen die Knochen und Zähne der Heiligen in Flüssigkeit herum. Die einen wurden schon vor Jahrhunderten handschriftlich beschriftet und in kleinen rechteckigen Pillenboxen gesammelt, die wichtigeren schwimmen in altertümlichen oder moderner gestalteten Goldpokalen. Niemand betete zu ihnen, und die Atmosphäre war auch nicht gerade andächtig, denn sie standen im Religious Gift Shop (immerhin nicht zum Verkauf).
Das Kirchenschiff, die Reliquien, der Shop und das Panorama-Café im zweiten Stock (WC-Besuch nur gegen Entgelt, oder bei Verzehr im Café gegen Vorlage der Quittung) sind kostenlos zugänglich. Der Rest kostet Eintritt, und da wir besagten Eintritt bezahlten, kann ich verraten, woraus dieser Rest besteht.

Die Schatzkammer ist voller Sammelobjekte der Bischöfe: Wandteppiche und Talare mit eingewebten Gestalten, ihre Gesichter sind längst vergilbt, dazu Goldpokale und goldene Bischofsstäbe. Überraschenderweise stammt nur wenig davon aus Ungarn, sondern fast alles aus dem Italien der Renaissance.
Fotografieren darf man darin nicht. Immerhin konnte ich dieses Modell ablichten. Hö, diese Seitenflügel habe ich da draußen gar nicht gesehen? Der Wiederaufbau des Schlosshügels ist nicht so groß ausgefallen wie ursprünglich geplant, trotzdem war die Wiedereröffnung natürlich ein Riesending in Österreich-Ungarn, Franz Liszt komponierte extra eine Messe.

Am Eingang stiegen wir dann eine Treppe runter - und befanden uns in einer anderen Welt. Einer kühleren und erhebenderen Welt. Die sogenannte Unterkirche wirkt gleich viel älter, es war, als würden wir die (sehr gut erschlossenen) Katakomben zu einer vergessenen Zivilisation betreten. Dabei sind die Menschen, die hier begraben wurden, oft gar nicht so alt.
Diese Räume werden als Krypta der Kardinäle benutzt. Die Toten liegen hinter schlichten, zubetonierten Betonplatten (hinten im Bild), und ihre Namen wurden im Nebenraum auf marmorne Scheiben (rechts) eingraviert. Die allermeisten Scheiben sind noch frei, die ungarische Kirche blickt optimistisch in die Zukunft.

Ein Grab aber steht im Mittelpunkt all dessen, ist mit bunten Tüchern und Blumen geschmückt.
All das hier riecht derart nach reichem, religiösen Establishment, dass man leicht übersehen kann, dass es auch unter den Klerikern manchmal mutige und unbequeme Menschen gab. So wie József Mindszenty. Dieser Kardinal machte den Mund auf, schrieb und predigte gegen alles, was ihm ungerecht erschien: Eine zu linke Regierung in der Republik, aber eben auch die Nazi-Deportation der Juden oder Hinrichtungen und Verstaatlichung aller Schulen im Kommunismus. Die Arbeiterpartei ließ ihn foltern, unter Drogen setzen, ein Geständnis unterschreiben und im Schauprozess verurteilen. Beim Ungarischen Volksaufstand 1956 befreiten ihn die Aufständischen und trugen ihn in einem Triumphzug nach Budapest. Als dann aber Russland einmarschierte, um den Aufstand niederzuschießen, floh er in die amerikanische Botschaft und lebte schließlich im Exil in Wien. Dort verscherzte er es sich sogar mit dem Papst, der laut Mindszenty viel zu nachgiebig gegenüber den Kommunisten war - am Ende enthob ihn der Papst seines Postens.
Das klingt alles nach weit entfernter, dunkler Vergangenheit. Aber zeitliche Abstände hängen immer vom Blickwinkel ab. Als wir unserer Oma ein Bild schickten, schrieb sie, in Esztergom sei sie 1970 auch einmal gewesen.
Da war der Mann in dieser Gruft noch am Leben und verschanzte sich in der US-Botschaft.

In die gegenteilige Richtung der Gruft zu steigen, ist das genaue Gegenteil von erhebend. Bisher waren die Räume mäßig gefüllt, aber auf die Kuppel wollten auf einmal alle. Und der komfortable Aufzug zur Schatzkammer und zum Panoramacafé reicht nicht so weit nach oben. Ich landete eingekeilt auf einer endlosen, wahnsinnig engen Wendeltreppe voller schnaufender Touristen, so viel Platzangst hat weder der Aufstieg auf den Kölner Dom noch das Ulmer Münster zu bieten.
"Digger, wieso seid ihr alle so fit?", keuchte ein digger Junge auf Deutsch.
Naja, so fit klang die Geräuschkulisse für mich nicht. Wieso bin ich, der ich im Schulsport immer zu den schlechtesten gehörte, auf einmal derjenige, dem dieser Aufstieg und diese Radtour am wenigsten auszumachen scheint? Wo sind die fitten Leute von damals? Offenbar nicht in Esztergom.
Schließlich ließen die Mitarbeiter eine großzügige Portion Touristen die finale Treppe hinauf in die nicht sehr prunkvolle Innenseite der Kuppel. Wie das schwarze Hinterzimmer eines Theaters.
Und dann raus.

Die Aussicht über die Donau ist wirklich toll, auch wenn das Donauknie noch nicht zu sehen war. Der Wasserrutschenturm von Štúrovo hingegen war klar zu erkennen. Eine Wasserrutsche hier runter wäre jetzt nicht das schlechteste für die schwitzenden Menschenmassen, dann wäre auch der Besucherfluss deutlich schneller.
Es ist ein seltsames Gefühl, von außen um so eine Kuppel zu gehen, auf der man nie in alle Richtungen gleichzeitig schauen kann, ganz anders als bei einem klassischen Turm. Kleiner Tipp: Egal, wie erschöpft du bist, lehne dich nicht an die Wand. Das Metall war glühend heiß.

Unser Räder übernachten in einer völlig überdimensionierten Garage.

17 Juni 2023

Inselsee

Inselsee & Sumpfsee
Zwischen den Zitrusringen - Wen man straflos stalken darf - Eine Insel mit zwei Zäunen - So erziehen Sie Ihr Kind zu einem guten Sklaven - Der spontane See und seine Bewohner - Wahl ohne Qual - Ehre sei dem Kaffee und dem Tee und der heiligen Milch - Blutspende am Ende - Rasender Radler, Versteckter Schwimmer und andere Partizipien

Die Sonne scheint, ich besuche meine Familie, das heißt: Zeit für eine Mecklenburger Seentour! Wo darf es hingehen, welche fehlen uns noch? Der Malchiner See? Die Feldberger Seen? Ach nö, wir sind alle bisschen spät aufgestanden und die sind so weit weg und bei den Benzinpreisen... machen wir einfach entspannt den kleinen Güstrower Inselsee.

Der Mühlengraben erinnerte mich an die Wasserläufe von Bützow, die aber keine so netten Radwege haben. Er verbindet die Stadt Güstrow mit ihrem See, an seinem Ufer verläuft auch der Radweg Berlin-Kopenhagen. Wir starteten in der Nähe des Wildparks auf einen Kiesweg. Sofort stellten wir fest: Dieser See ist reich an Gräben und hölzernen Bootshäusern.

Ein gelber Ring aus Raps umschließt den See. Irgendwo dahinter sind manchmal die Güstrower Kirchtürme zu erkennen.
Und in diesem Rapsring befindet sich ein schmaler, zugewachsener Buschring. Diese Büsche und der See bilden ein Natura-2000-Gebiet, weil da unterschiedliche Arten von Wiesen und Mooren drinstecken.

Was uns nur recht ist, solange wir in diesem grünen Ring fahren können. Und das können wir. Zwar nur auf schmalen Pfaden, dafür aber gleich auf mehreren. Die sich nach wenigen Metern aber wieder vereinigen.

Manche Familien schaffen es sogar, ihr Auto in den grünen Ring reinzuquetschen - wie auch immer das möglich ist.

Andere mögen es rustikaler und campen lieber - auch dabei stoßen sie auf gewisse Schwierigkeiten.

Boah, ist das heiß. Zeit für die erste Badepause. Der See ist mit dicht bewachsen, aber wie üblich hat der Röhricht Lücken, in denen sich eine traditionelle Mecklenburger Badestelle verbirgt: Eine Kante mit Erde, über die man ins Wasser watet, um dann zwischen dem Schilf rauszuschwimmen.
Der Inselsee hat einen angenehmen Boden und wird recht schnell tief. Man kann bis zu drei Meter tief sehen, erklärt ein Schild, was wohl heißt, dass er noch deutlich tiefer sein muss. Da unten lebt die seltene Armleuchteralge. Der Inselseebewohner schlechthin ist aber, soweit ich das beurteilen kann, die Libelle. Überall wirbelten die blauen Geschöpfe über dem Schilf dahin, wechselten von der einen auf die andere Seite, flohen vor dem polternd-platschenden Menschen. Manche hatten sich zu romantischen Zwecken direkt hintereinander auf ein Blatt gesetzt. Andere Libellen waren noch Single und guckten in den Röhricht.
Wo ist eigentlich meine wasserfeste Handyhülle? Nein, für gute Fotos bin ich zu laut und die Insekten zu scheu.

Soo, nun heiß der See ja Inselsee. Wo ist denn jetzt die Insel? Ich erinnere mich vage, wie ich in jungen Jahren einmal über die Güstrower Insel gelaufen bin - da ich gerade erst Jim Knopf gelesen hatte, fand ich es klasse, auch mal auf einer echten Insel von Lummerland-Größe zu sein. Selbst, wenn sie jetzt nicht im engeren Sinne im großen weiten Meer lag und auch keine so gut ausgebauten (beziehungsweise überhaupt keine) öffentlichen Verkehrsmittel hatte.
Die Insel heißt Schöninsel und beinhaltet einen alten slawischen Burgwall. Was wir hier sahen, war jedoch weniger schön.

Die Brücke war verrammelt und verriegelt. Warum, ist auch deutlich zu erkennen: An einigen Stellen sind die Bretter schon durchgebrochen. Das verschlossene Tor sich war nicht das Problem, denn jeder mit ein bisschen Gleichgewichtssinn konnte das Tor ganz easy an der Seite umgehen und den Bruchstellen ausweichen. Aber auch auf der Insel folgt nach wenigen Metern das nächste Tor, und irgendwo dahinter liegt das abgeschottete Haus von König Alfons, der ganz offensichtlich dringend möchte, dass sich alle von seiner Privatinsel verpissen - aber dann doch nicht so dringend, dass er deswegen Geld ausgeben würde, um die Schwachstelle seiner Verteidigungsanlagen zu beheben. Diese Insel wirft viele Fragen auf. Gibt es noch andere Schleichwege zu zugänglichen Teilen der Insel? Manche sagen ja, die Karte sagt nein, wir haben jedenfalls keine gefunden.
Ich war der einige, der sich die paar Schritte auf die Insel wagte. Auf der Brücke und auf dem Bootssteg direkt direkt daneben hatten sich jedoch eine Menge Menschen angefunden, die ungerührt angelten und ihr Bier tranken.
Die Familie am Ufer war bereits zu härteren Drogen übergegangen.
"Zigarette!", befahl der Vater.
"Muss ich erst drehen", entgegnete der Zehnjährige und sprang dienstbeflissen auf.
Hach, Güstrow, diese Stadt kann einem richtig ans Herz wachsen. Wie ein Tumor.

"Die Tour um den Inselsee ist so kurz, wollen wir nicht noch einen anderen machen?", schlug unser nichtrauchender Vater vor, während er die Kartenapp studierte. "Da hinten ist der, äh... Sumpfsee."
Klingt einladend, und das mit der kurzen Strecke ist völlig richtig, ich bin dabei! Wir kreuzten uns zwischen einer Tankstelle und dem schneeweißen Güstrower Ligusterweg hindurch - und fanden uns auf einer kahlen braunen Einöde wieder. Der Sumpfsee könnte auch Ackersee heißen. Ach, da hinten ist er ja endlich.

Als wir in den neuen Grüngürtel eintauchten, wurde der Sumpfsee seinem Namen doch noch gerecht: Das Wasser breitete sich bis über den Weg aus.

Der Sumpfsee wird vorwiegend von Schnecken bewohnt. Während die Schneckenhäuser an Land aktuell leerstehen (eine Schande bei der Situation auf dem Wohnungsmarkt), sind die schwarzen Seeschnecken quicklebendig.

Auf den Sumpf folgt der Sand: In brütender Hitze schleppten wir uns durch die Dünen am Waldesrand. Diesen Weg fanden wir nicht besonders schaf.

Wer näher am See bleiben will, muss an den Windrädern links abbiegen. Dieser Sandweg sieht aber nicht viel besser aus. Nein danke, wir nehmen die leichtere Variante.

Die Bauern in Bülow sind aktuell möglicherweise besser ausgerüstet als die Bundeswehr.

Wir bogen vom Bundesstraßenradweg ab nach Ganschow. Das Dorf ist bekannt für seine Pferderennen und landwirtschaftlichen Messen. Aber wir müssen die Gestüte wohl irgendwie umfahren haben, denn alles, was wir sahen, waren Ziegen in allen Farbschattierungen. Außer Gelb, die Farbe übernahmen stattdessen die Fachwerkhäuschen.

Mit unserer Mutter unterwegs zu sein, heißt, unterwegs mindestens eine Kirche mit Friedhof zu besichtigen. Ist ja auch oft das einzige, was die Dörfer zum Besichtigen haben.
Ein schattiges, leeres Sträßchen brachte uns nach Lohmen. Dort empfing uns die Dorfkirche mit offenen Türen (also quasi, eigentlich mussten wir sie selbst öffnen). Sie besteht wie die meisten Mecklenburger Dorfkirchen aus Feldsteinen aus dem 13. Jahrhundert. Und wie viele Mecklenburger Dorfkirchen hat sie später einen Fachwerkturm bekommen, als die Menschen herausfanden, dass runde Steine superviel Mörtel verbrauchen und eventuell gar nicht mal das allerbeste Baumaterial darstellen.

Da führt eine Treppe hoch - ob man da auf den Turm kommt? Nee, erstmal nur zur Empore. Wer noch höher will, muss die gut getarnte Falltür (im linken Bild oben rechts) aufkriegen und da irgendwie hochkommen. Ui, das ist ja sogar noch abenteuerlicher als der Göttinger Jacobikirchturm, nee danke.
Dann fiel uns etwas Seltsames auf. Wo eigentlich die Orgel stehen sollte, befindet sich nun eine Teeküche. Natürlich ist Tee etwas Wunderbares, aber ob das Brodeln und Klicken eine Wasserkochers wirklich Orgelmusik ersetzen kann? Natürlich nicht. Die Lütkemüller-Orgel wurde nach unten verschoben, als man sie zum neuen Jahrtausend renoviert hat. (Mit neuem Jahrtausend meine ich natürlich das Jahr 2000. Im Jahr 1000 sollte es noch 890 Jahre dauern, bis die Orgel überhaupt existierte.) Wahrscheinlich kommen nicht mehr soo viele Besucher in die Kirche, sodass unten genug Platz ist und niemand mehr auf der Empore sitzt - warum sollte man also unnötigen Abstand zwischen die Menschen und die Musik bringen?

Zurück an der Bundesstraße erwarteten uns die größten Hügel der Strecke, aber der Asphalt machte sie trotzdem viel einfacher als die Sandhügel vorhin. Ab und zu funkelt hinter den Kuhweiden der blaue Inselsee.

Kurz vor dem Ziel erwartet uns der Uitkiek. Das ist der einige Aussichtsturm am Inselsee. Genau genommen steht er nicht mal wirklich am Inselsee, sondern ein Stückchen entfernt im Wald. Das ist einerseits toll, denn oben auf dem Berg und nach vier Metalltreppen, reicht der Blick ziemlich weit, deutlich über den See hinaus zur Güstrower Skyline. (In die andere Richtung dagegen endet der Blick nach wenigen Metern an einer grünen Nadelwand.)
Doch wer sich diesen Blick sehen will, muss dafür bezahlen. Nicht mit Geld, der Uitkiek ist gratis. Stattdessen war anscheinend Lord Voldemort da, hat hier einen Horkrux verbuddelt und eine (wie Dumbledore sagen würde, primitive) Bezahlschranke installiert. Der Preis wird in Blut bezahlt. Zuständig sind hierfür die Mücken. Sie ließen mich zunächst gutgläubig in ihr Refugium radeln. Doch sobald ich länger als 0,3 Sekunden am selben Ort stehenblieb, kam der Schwarm von allen Seiten und fiel gierig über mich her wie ein Finanzamt auf Ecstasy. Ich rannte um mein, naja, nicht mein Leben, aber um mein wertvolles Gruppe-Null-Blut.

Damit wären wir im spaßigen Stadtviertel Güstrow-Schabernack angekommen. Statt an der Straße radeln wir hier an einer Pferdekoppel und dann am Seeufer. Hier stoßen wir auch wieder auf den Radfernweg Berlin-Kopenhagen, der in Richtung Krakow abzweigt.
Der wohl berühmteste Güstrower ist der Bildhauer Ernst Barlach. Er hämmerte und goss ausdrucksstarke Skulpturen im Partizip I: Lesender Klosterschüler, Lachende Alte und natürlich, am bekanntesten, Der Schwebende. Letzterer hängt an der Decke des Güstrower Doms ab, die meisten Werke jedoch verbergen sich in einer modernen Galerie aus Efeu und Beton, direkt am Seeufer in Schabernack. Während meiner allerersten Klassenfahrt marschierten wir alle brav ungefähr 129 Kilometer vom Reisebus bis hierher, um uns Ernst Barlachs große und kleine Gestalten erklären zu lassen. Die Führung war sogar einigermaßen kindgerecht, obwohl die meisten Figuren etwas Düsteres, oder naja, zumindest Melancholisches haben. Auf jeden Fall passen sie sehr gut zum Vornamen des Künstlers und sehr schlecht zum Namen des Stadtteils.

Dahinter war es Zeit für das letzte Bad des Tages. Die größte Badestelle am See ist ausgestattet mit einem Steg und einer Schwimminsel. Nanu, ist da unterm Steg etwa ein Hohlraum? Wir tauchten hinein und stellten fest: In diesem Versteck kann man sogar atmen. Ideal zum Versteckenspielen, als Fluchtort vor den Eltern, die loswollen, oder für tragische Badeunfälle.
Am Imbiss ergatterten wir noch die letzte Currywurst des Tages, die uns Treibstoff für die letzten Meter bis zum Parkplatz lieferte.