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07 Juni 2025

Spree: Von Berlin nach Spandau

Die Spreemauer

Länge: 1,5 km (Regierungsviertel) + 2 km (East Side Gallery) + ca. 22 km (restlicher Spreeradweg ohne Mauer)
Grenzquerungen: 2
Bundesländer: nur Berlin
Seite: nur Ost
Erkenntnis: Manchmal braucht es nichts weiter als einen globalen Konflikt zweier Atommächte im Innenstadtgebiet, damit Touristen aus aller Welt ein Graffito genauso toll finden wie einen Michelangelo.


Die Spree floss mitten durch eine geteilte Hauptstadt. Da überrascht es nicht, dass die Grenze zwischen zwei Weltmächten auch mal direkt an ihrem Ufer lag. Zwar immer nur kurz, dafür aber insgesamt dreimal.

Spreemauer 1: Die East Side Gallery

In Berlin steht die wahrscheinlich hübscheste Spreebrücke. Zumindest gilt die Oberbaumbrücke als die schönste Brücke Berlins. Eigentlich sind das zwei Brücken: Auf der vorderen kommen Fußgänger und Radler bequem rüber, die große Brücke dahinter wurde 1894 für die U1 gebaut. Hitler wollte die prächtigen Türme und Bögen sprengen, aber es konnte alles wiederhergestellt werden. Nicht ganz so leicht rückgängig zu machen war die Teilung der Stadt: Kurz vor der Brücke kam die Berliner Mauer ans Ufer der Spree. In den 50ern durfte man noch rüber, um seine Verwandten zu besuchen. Zumindest, wenn man die sensationell schlechten Propagandaplakate ertrug. (Wen drückt das Deutschlandtreffen sehr hart? Den dicken Ludwig Ehrhard. - Euer Ernst, SED?) Auf Dauer waren die grauenhaften Reime trotzdem nicht abschreckend genug, also wurde die Brücke mit dem Mauerbau dichtgemacht, dann aber zweieinhalb Jahre später wieder ein bisschen geöffnet: Mit einem Passierscheinabkommen durften Westberliner ihre Verwandten im Osten besuchen. Keine Ahnung, was damals schiefging, aber das Abkommen hielt nicht mal einen Monat. Es dauerte nochmal ein Jahrzehnt, bis es ein ähnliches Abkommen für ganz Deutschland gab.
Sonderlich gefährlich sieht die Spree nicht aus. War sie aber: Manche Flüchtlinge entkamen den Kugeln, sanken dann aber vor Erschöpfung nach unten. Erfolgversprechender war es, falls man zufällig auf einem Ausflugsdampfer arbeitete, seinen linientreuen Käpt'n betrunken zu machen und den Dampfer ans Westufer zu steuern. Sogar Entenfüttern war hier lebensgefährlich: Als ein Schüler dabei ins Wasser fiel, erlaubten die Grenzsoldaten der Westberliner Polizei nicht, ihn rauszufischen.

Neben der Brücke beginnt ein 1,3 Kilometer langes Bauwerk: Die East Side Gallery ist die größte Freiluftgalerie der Welt, gestaltet von 118 Künstlern aus 21 Ländern, und zugleich das längste ununterbrochene Stück der Hinterlandmauer. Obwohl, inzwischen wurde die Mauer schon ein bisschen durchbrochen, damit man zum Schiffsanleger kommt. Und noch ein paarmal, damit man zum schicken neuen Hotelturm gelangt. Kein Wunder, dass die Künstler sauer waren, als Berlin einem Investor das Grundstück verkauft hat.

Auf welcher Seite läuft man an der East Side Gallery lang? Wenn Sie auf der Spreeseite laufen, steht da eine Reihe Bäume, übel zertrampeltes Gras und Infosäulen mit zersplitterten Spiegeln. Mit anderen Worten: Es ist eindeutig die schönere Seite. Zumindest, wenn man die Kunst selbst außer Betracht lässt. Auf der Mauer prangen nämlich ganz gewöhnliche dicke Graffiti-Buchstaben, die immerhin manchmal zeitkritische Kommentare enthalten. Diese Seite ist den wilden Sprayern vorbehalten. So ähnlich sah die Mauer wahrscheinlich schon im Kalten Krieg auf der Westseite aus.

Die großen Künstler haben sich auf der anderen Mauerseite an der Straße verewigt. Wer aber ihr Werk bewundern will, muss dafür eine Menge Stress auf sich nehmen. Entweder man radelt auf dem Fahrradstreifen, atmet die hirnbetäubenden Düfte der kunterbunten Trabi-Safari ein und erhascht über die parkenden Autos nur einzelne Schemen der Kunstwerke.


Oder aber man quetscht sich auf dem Bürgersteig zwischen Menschenmassen hindurch. Die meisten interessiert eigentlich nur ein bestimmtes Gemälde. "Excuse me, where is the kiss?", fragte mich ein Mann mit Basecap.
Hatte ich ihn gerade richtig verstanden? Der Kuss? Dann machte es Klick und ich verstand, denn sogar ich hatte dieses berühmte Bild schon mal irgendwo gesehen. Weiterhelfen konnte ich ihm trotzdem nicht. Erst zwei Stunden später (also gefühlt) hatte ich mich weit genug durch die Massen gearbeitet, um zu gucken, wie sich zwei nicht sonderlich attraktive Männer namens Honecker und Breschnew abknutschen. Und Menschen aus aller Herren Länder bespannen sie dabei. Naja, vielleicht hilft das wenigstens gegen die Homophobie in der Welt. (Obwohl, ich glaube, wenn ich homophob wäre, würde das Bild das eher verstärken...)

Immerhin ist das der Beweis, dass es sich um eine richtige Kunstgalerie handelt. Es ist fast so schlimm wie in der Sixtinischen Kapelle. Och Leute, schaut euch doch auch mal die anderen Bilder an, nicht nur den Kuss und das Trabibild, die in jedem Reiseführer zu sehen sind! Guckt mal, da ist der Japanische Sektor mit dem Berg Fuji (im echten Berlin leider nicht zu finden), Menschenmassen, die die Mauer durchbrechen, angekettete Friedenstauben, ein Drache und fremde Galaxien über Berlin, ein Vergleichsbild mit Mauern aus aller Welt... tja, oder ihr bespannt halt weiter die alten Säcke bei ihren romantischen Aktivitäten.


Kurz darauf verlässt die Mauer die Spree schon wieder, und der Radweg folgt einer Straße abseits des Flusses. Trotzdem versuchte ich auf dem nächsten Stück, einen Weg zur Spree zu finden. In dieser Stadt gibt's doch überall Wege, da muss doch irgendwas sein... nun ja, in der Tat war da was. Als ich jedoch auf diesem schmalen Was entlangfuhr, musste ich mein Rad eine Treppe hinauftragen und fand mich unversehens in einem Café wieder, wo ich das Rad zwischen leicht irritierten Gästen hindurchschieben musste. Die Wegführung hat schon ihre Gründe.


Etwas verloren steht am Rande eines gepflasterten Platzes eine einsame Ecke herum. Dieses Hausstückchen gehörte zur Bauakademie des Architekten Karl Friedrich Schinkel, der gefühlt ungefähr jedes zweite Haus in Berlin entworfen hat. Die Musterfassade macht Werbung dafür, auch noch die komplette Bauakademie wieder aufzubauen.

Berlin ist dermaßen riesig, dass ich dachte, ich beschränke mich hier auf die Sehenswürdigkeiten, die direkt am Fluss liegen. Ich musste jedoch feststellen: Es liegen verdammt viele Sehenswürdigkeiten am Fluss. Zugegeben, bei der Museumsinsel ergibt sich das schon aus dem Namen, dass sie nicht nur am, sondern sogar im Wasser liegen muss. Die Spree teilt sich in zwei Arme.

Der kleinere Spreekanal ist allerdings viel schmaler und zugleich so lang, dass die Insel nicht wirklich nach einer Insel aussieht, sondern eher wie ein normales Ufer mit besonders vielen griechischen Säulen.
Auf der Insel ist auch die grüne Kuppel des Berliner Doms zu finden. Hinter den Museen stand einst das Berliner Stadtschloss, in dem der Adel von Preußen regierte - und später der Palast der Republik, in dem die Sozialistische Einheitspartei krachend daran scheiterte, es besser zu machen als die Adligen (und das in einem deutlich hässlicheren und asbestversuchten Palast). Beide Schlösser stehen nicht mehr, und nur ersteres wird vielleicht wieder aufgebaut.
Ist ja auch egal, für mich ist vollkommen klar, welches Ziel ich auf dieser Insel ansteuere.

Springen wir nun ein paar Jahrtausende vor die SED zurück, in antike Zeiten, als es noch... also, auch nicht wirklich gesitteter war, aber auf jeden Fall anders. Damals plagten die Herrscher noch keine Probleme wie Wir können den Fünfjahresplan nicht einhalten und Manno, der Wolf Biermann hat schon wieder ein total gemeines Lied gesungen, sondern eher so was wie Das Orakel von Delphi hat gesagt, mein künftiger Enkel wird mich umbringen. Wat nu?
König Aleos fand eine clevere Lösung: Er machte seine Tochter Auge (ja, die hieß so) zur Priesterin, denn in dem Job ist alles, was zu Kindern führen könnte, streng verboten. Im Prinzip einleuchtend, klappt aber nicht, wenn irgendein betrunkener Herkules seine Triebe nicht im Griff hat. Sein zweiter Versuch war sowieso zum Scheitern verurteilt: Er setzte Mutter und Kind voneinander getrennt aus. Mensch, Aleos, hast du nie irgendwelche Geschichten gelesen? Bei ausgesetzten Babys geht die Säuglingssterblichkeit gegen Null, sie werden immer von Nymphen/Hirten/Pharaos/Wölf*innen/den Dursleys aufgezogen! Das Kind hieß Telephos, fand seine Mutter wieder und beide wurden von einem anderen König adoptiert.
Der Rest der Sage ist sogar ganz schön und hat eine versöhnliche, fast schon pazifistische Note: Die Griechen schauten auf dem Weg zum Trojanischen Krieg vorbei, plünderten ein bisschen und ihr bester Krieger Achilles piekste Telephos. Die Verletzung wollte einfach nicht heilen und das Orakel sagte, nur der Verursacher kann sie wieder in Ordnung bringen. Null Problemo, dachte Telephos, lief den Griechen hinterher und gab sich erstmal als anonymer Verwundeter aus. Er wurde nicht nur erfolgreich geheilt, sondern versöhnte sich auch mit den Griechen und zeigte ihnen den richtigen Weg nach Troja, damit sie anderswo weitertöten konnten (an dieser Stelle gerät die pazifistische Note ins Wanken). Ach ja, und außerdem wurde er selber König und gründete Pergamon. Seine Stadt wuchs zu einem kulturellen Hotspot mit einer der weltweit größten Bibliotheken heran, und in diesem Zustand übergab sie Jahrhunderte später der letzte König Pergamons besenrein ans Römische Reich.
Telephos' Nachkommen errichteten einen gewaltigen Altar, um den Göttern Essen und Trinken zu opfern. In die Wände meißelten sie irgendeinen kreativen Quatsch, weil sie auch einen coolen Mythos haben wollen, der erklärt, warum ihre Stadt von den Göttern abstammt die absolut glaubhaft überlieferte Geschichte ihres Gründers.

Springen wir nun etwa 2000 Jahre weiter. Ein deutscher Ingenieur namens Carl Humann reist an die Küste der heutigen Türkei und wundert sich. Oh Gott, was machen die denn da, zerschlagen die etwa alte Steinplatten, um daraus Kalk zu brennen? Da gehen ja uralte Schätze verloren! Er holt sich Geld von den Museen und eine Genehmigung der türkischen Behörden, und gräbt los, um zu retten, was zu retten ist. Und es ist noch dermaßen viel zu retten, dass a) bis heute weiter dort gegraben wird und b) Berlin ein eigenes Museum bauen muss, um das ganze ausgegrabene Zeug irgendwo unterzukriegen. 1901 entstand das Pergamonmuseum 1.0, aber das war immer noch zu klein. Aktuell wird schon wieder an der neusten Version des Museums gewerkelt, deswegen ist der Altar gerade verschlossen, nur einzelne Statuen und Platten sind ausgestellt. Das Besondere ist: Sie werden mit einem speziellem Licht präsentiert, das sich ständig verändert, so wie sie damals im Freien zu verschiedenen Tageszeiten zu sehen waren. (Ich wusste nicht, dass griechisches Tageslicht so blau ist.)

Aber es gab auch Menschen, denen das immer noch nicht anschaulich genug war, nämlich Künstler. Deshalb malten sie Panoramen. Das Panorama 1.0 wurde schon 1886 im heutigen Hauptbahnhof aufgestellt, es ist also älter als das Museum. 2011 und 2018 hat der Künster Yadegar Asisi mit modernen Mitteln neue Versionen davon geschaffen.
Zögerlich trottete ich in einen großen schwarzen Zylinderraum. Dunkelheit umfing mich. Im Licht der Scheinwerfer Morgendämmerung schälten sich Säulen und Menschen hervor. Ein Fluss rauschte. Vögel zwitscherten. Triumphale Musik verkündete den Sonnenaufgang. Ich stieg einen Aussichtsturm hinauf, und Stockwerk erwachte eine antike Stadt zum Leben.

Das Theater gab eine Vorstellung. Auf dem Pergamonalter prasselten die Feuer, und das Blut der Tieropfer ziert den Boden (beim Originalaltar ist das heute vermutlich nicht mehr so, weshalb er auch von Vegetariern besichtigt werden kann). Im Gras chillten mehr Menschen als auf der Werbebroschüre einer Universität.
Dagegen kann das Mauerpanorama am Checkpoint Charlie einpacken.

Das richtige Pergamonmuseum ist im Hauptgebäude untergebracht und kostet noch einmal extra Eintritt. Auch wenn der Pergamonaltar aktuell gesperrt ist: Nirgendwo sonst gibt es dermaßen viele dermaßen riesige Werke aus so vielen Kulturen zu sehen. Alter, ist das riesig! (Außer das Modell vom Turm zu Babel, das ist etwas mickrig geraten.)
Ein paar Kilometer von Pergamon entfernt lag Milet, das im römischen Reich eher durch Handel als durch Kultur bekannt wurden. Eine brummende Wirtschaft war den Miletern dermaßen wichtig, dass ihr prächtigstes Tor nicht zu irgendeinem Tempel oder Palast führte, sondern einfach auf den größten Marktplatz der Stadt. Naja, und eventuell wollten sie sich mit dem Ding auch einfach bisschen schick machen, weil Kaiser Hadrian bald zu Besuch kam. Und sie bauten gut, denn das Ding überstand im Museum sogar einen Bombeneinschlag im Zweiten Weltkrieg!
Vor ein paar Jahren versuchten ein Berliner Senator und ein Modefürst, das Tor als Hochzeitsgeschenk zu klauen, wurden aber von drei Kindern aufgehalten. Behauptet jedenfalls der Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel.

Wer heute durch das Tor geht, kommt aber nicht mehr auf den Südmarkt, sondern aus einem komplett anderen Tor raus. Das Ischtar-Tor besteht aus absurd vielen blauen Fliesen, auf denen Löwen und deformierte Drachen die Beschützergötter von Babylon herumkriechen. Eigentlich war das bloß das Vortor, und danach kam ein noch viel größeres, das aber nicht mal ins Pergamonmuseum passt, obwohl das Museum ja nun extra gebaut wurde, weil seine Ausstellungsstücke zu große für normale Museen sind. Stattdessen hat man die komplette Prozessionsstraße dazugebaut, mit noch mehr blauen Fliesenwänden und Löwen. Die Babylonier benutzten das Gebilde, um die Statuen ihrer Götter quasi aus der Winterpause von einem Tempel außerhalb der Stadt zurück nach Hause zu schleppen, das war in Babylon das Event des Jahres.
Wer an der richtigen Stelle volle Kanne gegen die blaue Wand läuft, gelangt auch heute noch ins öffentliche Sprechzimmer des Blauen Dschinn von Babylon. Behauptet jedenfalls der Kinderbuchautor P.B. Kerr. Ich habe das Gefühl, die komplette Literatur meiner Kindheit diente nur dem Zweck, mich in dieses Museum zu locken. Es hat gedauert, aber der Plan ist endlich aufgegangen.

Spreemauer 2: Der Tränenpalast

Nach diesem Ausflug in die Antike springen wir direkt zurück in den Kalten Krieg (und in weiteres Kinderbuch, Emil und die Detektive, da habe ich erstmals vom nachfolgenden Bahnhof gehört). Einmal über die Spree streckt sich eine Stahlbrücke, obendrauf liegt der Bahnhof Friedrichstraße. Die Berliner Mauer stand hier eigentlich gar nicht, trotzdem verlief auch hier die Grenze: Auf dieser Station stiegen die allermeisten Fahrgäste von Ost nach West um. Ost- und Westgleise waren per Sichtschutz abgetrennt und in ein bürokratisches Labyrinth eingebettet, in dem nicht mal die Mitarbeiter richtig durchblickten. Der perfekte Ort, um Geheimagenten nach drüben zu schmuggeln - viel besser als irgendeine Katzenklappe im Grenzzaun!

Wer die geheimen Agententricks nicht kannte, musste auf dem offiziellen Wege durch den Sumpf der Bürokratie ins andere Land stapfen. Dazu wurde eine blaugraue Halle aus Glas, Beton und braunen Bretterwänden direkt neben den Bahnhof gebaut. Die Grenzer durchkämmten das Gepäck und die Menschen. Für manche war das einfach nervig, für andere psychisch belastend.
Wer als harmlos genug eingestuft wurde, dass er einen Besuch in die DDR genehmigt bekam, der durfte sich hier eine Menge Regeln durchlesen, zum Beispiel, dass er auf der Heimreise keine Zwiebeln und keinen Maschendraht in den Westen mitnehmen durfte.
Wer in der DDR ganz offiziell seinen Ausreiseantrag genehmigt bekam und legal floh, der sah in diesem Haus zum letzten Mal Freunde und Familie. Darum hieß das Bauwerk Tränenpalast. Natürlich nicht offiziell, aber dermaßen inoffiziell, dass ich keine Ahnung habe, wie es eigentlich offiziell genannt wurde.

Spreemauer 3: Das Regierungsviertel

Am Spreebogenpark werden die Pflanzen spärlicher. Wieder einmal verändert sich das Spreeufer komplett.

Es ist jetzt vollständig von Glas und edlem, zart beigefarbenen Gestein umgeben. Klarer Fall, hier geht irgendwas relativ Wichtiges ab. In diesem Bereich steht der helle Hauptbahnhof, den viele nicht mögen, ich aber schon. Und irgendwo hinter all den modernen Fassaden flattern die Flaggen auf dem Dach des Bundestags.
Fußgängerbrücken führen ans andere Ufer. Eine davon ist zweistöckig: Eine Etage für Beamte (die sogenannte Höhere Beamtenlaufbahn), eine für den Rest. Darunter fahren flache Ausflugsschiffe vorbei.
Haha, das Gebäude da drüben sieht voll aus wie eine Waschmaschine. Warte mal, irgendwo hatte ich mal gehört, das Bundeskanzleramt würde von den Berlinern Waschmaschine genannt, ist das etwa...? Nope, es handelt sich um das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, was auch immer das ist. Bei genauerer Betrachtung sehen echt viele Regierungsgebäude nach einer Waschmaschine aus. Wie soll man da bloß den echten Bundeskanzler finden? Aber vielleicht ist ja gerade das Teil des Security-Konzepts. (Die echte Bundeswaschmaschine war schon auf dem Bild vorher.)
Im Regierungsviertel verlief die Berliner Mauer nochmal ganz kurz am nördlichen Ufer der Spree. Kaum zu glauben, aber dieses Gebiet war mal eine kahle, leblose Ödnis.

Nach Kriegsende lagen die Gebäude in Trümmern, die Bäume wurden zu Feuerholz (nur eine Eiche steht heute noch) und alle Böden zu Kartoffeläckern, um irgendwie durch den Winter zu kommen. Der Reichstag wurde zur Ausstellung, in der gelegentlich mal BRD-Politiker tagten. Daneben stand die Schweizer Botschaft, die im Auge des Sturms alle Kriegsbomben völlig neutral überstanden hatte.
Nach dem Mauerfall machten sich als erstes ein paar internationale Künstler in der Wüste breit, die sich voll entfalteten und alles groß und grün gestalteten - zum sogenannten Parlament der Bäume.
Kurz darauf wuchs das neue Regierungsviertel heran, und es mussten Kompromisse mit den Künstlern gefunden werden. Das führte zu dem seltsamen Ergebnis, das reihenweise Bäume gefällt, aber zugleich in großen Gesten Friedensbäume von Weltpolitikern gepflanzt wurden. Stücke der Berliner Mauer wurden in die drittgrößte Parlamentsbibliothek der Welt eingebaut.
Im Parlament der Bäume soll auch das "einzige komplett erhaltene Mauerstück" stehen, wie auch immer "komplett erhalten" definiert wurde, damit dieser Rekord hinkommt. Viel konnte ich nicht erkennen, denn die Bäume haben abgestimmt, ihre Blätter erhoben und beschlossen: Ich soll nichts sehen.

Nun bleiben noch 14 Kilometer bis zur Spreemündung, die ich schon von der Haveltour kannte.

Die Spree ändert ständig ihr Aussehen. Auf der letzten Spreetappe ist alles zusammengewürfelt: Restaurierte Industriegebäude, Plattenbauten des Todes, historische Villen, Ruinen und diese typischen Mietshäuser. Jup, Berlin ist eine bunte Stadt - und dermaßen groß, dass es im Grunde Quatsch ist, ein allgemeines Urteil über diese Stadt zu fällen. Aber tendenziell hat diese Spreetappe meinen Eindruck von Berlin eher verbessert. Was aber auch klar ist, am Wasser sind Städte halt meistens schöner.

Am anderen Ufer erhebt sich das Schloss Bellevue am Rande des Tiergarten-Parks. Auf dem Dach flattert eine Flagge. Das bedeutet, Queen Frank-Walter die Erste ist zu Hause, oder?

Auf dem schönsten Teil hatte ich sogar die Wahl, ob ich am linken oder rechten Ufer und ob ich oben oder unten fahren will. Wow, so viele Optionen! Ein grünes Geländer sorgt dafür, dass niemand unfreiwillig von Option oben zu Option unten wechselt.

Ein Kunstwerk erinnert an die Berliner Mauer, obwohl die an dieser Stelle gar nicht mehr verlief.

Die Brücken werden immer älter und runder. Hinter diesem Exemplar ragt die Siegessäule in die Höhe. Die Berliner nennen sie auch Goldelse. Angeblich. Allerdings habe ich auch schon gelesen, dass all diese witzigen Spitznamen bloß ein Marketing-Gag sind und kein Berliner die ernsthaft benutzt. Keine Ahnung, welche Quelle nun wirklich Recht hat. Für Auswärtige bleibt es wohl ein ewiges Rätsel, so ähnlich wie die richtige Aussprache der Stadt Edinburgh.

Immer wieder habe ich mich auf schmalen Stegen unter den zahlreichen Berliner Brücken hindurchgequetscht.


Und immer wieder zweigten Kanäle ab, um mich in die Irre zu führen. Die Spree ist doch jetzt das Wasser da drüben, oder... ach nee, ich bin falsch.

Zwischen Kleingärten und Bahngleisen durchquert die Spree einen naturnahen Abschnitt, den ich in Berlin nicht erwartet hätte.

Während die Industrie immer lebendiger wird, geschieht dasselbe mit der Natur.
Die Sicht auf das letzte Spreestückchen verhindern gewaltige Gewerbegebiete. Wo ein großes Kraftwerk Strom produziert, verschwindet der letzte holprige Kiesweg am Ufer.
Oder komme ich da weiter, wo der LKW rauskom... nee, alles verboten. Also bleibt nur die proppenvolle Riesenstraße.

Dieses Spreestück bin ich im Anschluss an meine erste Havelradtour gefahren. Weil ich noch Zeit hatte, beschloss ich: Ich spar mir das Geld für die S-Bahn und fahr direkt direkt Hauptbahnhof - jedenfalls so direkt, wie sich die Spree eben mit ihren Kurven hinschlängelt.

Das war aber, wie gesagt, gar nicht so einfach. Die Mündung der Spree ist von Industrieruinen und 789 Quadratmetern Graffiti umgeben. Während die Havel an dieser Stelle mit perfekten Uferwegen ausgestattet wurde (zum Teil sogar auf beiden Seiten), ist die Spree blockiert.

16 Juni 2023

Berliner Mauer: Von Sacrow nach Spandau

Die Waldseemauer

Länge: 27 km
Grenzquerungen: 9
Bundesländer: Berlin, Brandenburg
Seite: ausnahmsweise etwas mehr West als Ost (wobei der politische Westen hier im geographischen Osten liegt)
Erkenntnis: Eine Schülerausrede hätte rein theoretisch eventuell vielleicht den Dritten Weltkrieg auslösen können, und das wäre auch kein dümmerer Grund als manch anderes.

Weil Spandau komplett zu Westberlin gehörte, schlägt die Mauer an dieser Stelle einen großen Waldbogen rund um das westliche Westberlin. Erst dann kehrt sie zur Havel zurück. Erst einmal bezwinge ich den Luisenberg. Er ist 74 Meter hoch und gehört damit nicht mal in Berlin zu den höchsten Gipfeln. Allerdings ist er (glaube ich) das höchste, was ich an der Berliner Mauer bezwingen musste. Kein Vergleich zum Hoel und zum Brocken! Jedenfalls nicht, was die Höhe angeht. Was die Schönheit des Waldes angeht, schon eher.

In diesen Wäldern verstecken sich noch mehr Seen, quasi eine zweite Seenreihe, die nicht von der Havel verbunden wird, sondern bloß von irgendwelchen Bächlein. Entsprechend geht es hier deutlich ruhiger zu. Den Sacrower See verfehlt die Mauer knapp, aber über den Groß Glienicker See geht sie einmal quer rüber. Ach, schön! Darf ich dann auch ans Ufer?

Äh, ich würde mal sagen, das ist ein klares Nein.
Die Karte sagt, der Radweg ist gesperrt. Da frage ich mich, vor wie vielen Jahr(zehnt)en der bitte geöffnet gewesen soll. Eine derart dicke Buschwand wächst ja nicht gerade über Nacht. Und auch später, als es einen Pfad am Ufer gibt, ist der nur für Fußgänger erlaubt, und die Abzweigung habe ich obendrein übersehen.

In Groß Glienicke herrschten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert die Ritter auf dem Rittergut - am bekanntesten ist die Familie Ribbeck (ihr bekanntester Vertreter aus einem gewissen Gedicht kam aber aus dem Ort Ribbeck, das ist woanders). Ihr Gutshof brannte nach Kriegsende ab, nur ein einsames Tor und ein paar Wirtschaftsgebäude blieben übrig.

Im Grenzgebiet verwilderte ihr Garten, und heute ist nicht mehr zu erkennen, dass das mal ein aufwendiger gepflegter Park war. Schön anzusehen ist es trotzdem, nur halt auf andere Art. Und an der Nordspitze darf ich sogar nochmal ans Seeufer.
Der Pfarrer von Groß Glienicke kümmerte sich um seine Schäfchen auf beiden Ufern. Eines Tages war der Steg über den Grenzgraben weg. Am nächsten Tag hatten die Menschen Bretter drübergelegt, dann waren die auch weg. Dann lagen da Trittsteine, auch die entfernten die Grenzsoldaten. Das Katz-und-Maus-Spiel zog sich durch die ganzen 50er bis zum Mauerbau.
Sogar mitten im See stand auf einmal Stacheldraht. Am Nordufer kommt auch heute noch ein Zaun aus dem Wasser. Der Streckmetallzaun, der an der Innerdeutschen Grenze meistens die endgültige Version darstellte, war in Groß Glienicke bloß eine Zwischenstufe. An dieser Stelle lässt sich das sandige Ufer aber nur schwer bebauen.

Deswegen machten die Mauerbauer eine kleine Abkürzung, als der Zaun (hinten rechts) 1970 durch eine Betonmauer (links) ersetzt wurde. Ihrer Faulheit ist es zu verdanken, dass ich zwei verschiedene Mauer-Generationen nebeneinander besichtigen kann (die einzige Stelle in Berlin, wo das geht, glaube ich). Damit es die Landschaft aber nicht zu sehr verunstaltet, sind nur zwei Segmente der Mauer komplett, und der Rest wird durch kleine Betonstücke angedeutet. Die Wurst obendrauf (hinten links) - der Fachbegriff lautet Abweisrolle - verhinderte, dass sich irgendwer mit Händen, Füßen oder Kletterhaken festhalten konnte.

Ich passierte eine Fahrradampel, die einen etwas... verschlossenen Eindruck machte, und fuhr dann immer neben der Bundesstraße lang.
Die Aliierten hatten vereinbart, dass jede Besatzungsmacht einen Berliner Flughafen bekommen soll. Die Briten hatten ihren hier in Gatow und tauschten sogar Gebiete ein, damit sie auch ohne sowjetische Unterbrechung da hinkommen konnten. An dieser Straße erschoss ein DDR-Volkspolizist einen sowjetischen Soldaten, nicht gerade die typische Täter-Opfer-Konstellation. Es wurde an dem Tag nämlich nach einem abtrünnigen Sowjet gefahndet, aber das war ein anderer.
Außerdem sollen sich hier Rieselfelder befinden. Och, das klingt ja idyllisch, was das wohl sein mag? Weinberge, auf denen Riesling angebaut wird?
Äh, nicht ganz. Auf den Rieselfeldern entsorgten die Berliner Ende des 19. Jahrhunderts über ein System aus Pumpen und Rohren ihre Abwässer. Damals totaler Hightech, bis jemand die sogenannte Kläranlage erfand. Für Notfälle werden aber immer noch ein paar Becken freigehalten (etwa, falls die Regierung zu viel Mist machen sollte).

An diese Bundesstrecke grenzt auch, welche Überraschung, schon wieder ein Friedhof. Der verfügt über den wahrscheinlich gigantischsten KfZ-Sperrgraben des gesamten Eisernen Vorhangs.

Ein bisschen bergig wurde es wieder, als ich den Hahneberg umrundet habe. Der besteht im Prinzip aus Bauschutt, ist aber trotzdem bei Schmetterlingen wie dem Schwalbenschwanz und bei rodelnden Kindern beliebt. Der Bauschutt wird immer grüner, was dem Steinschmätzer gar nicht gefällt, denn dieser Vogel brütet lieber in kuscheligen Steinhaufen. Aber keine Sorge, die Menschen haben ihm ein paar Extrasteine dafür hingelegt. Sogar die Russische Kamille wächst dort - auf Westberliner Gebiet! Vermutlich hat die Stalin heimlich bei der Potsdamer Konferenz ausgesät, um zu stänkern.
Gleich nebenan bauten die Spandauer 1882 ein Fort. Sie hatten gerade erst für Bismarck gegen Frankreich gekämpft und dabei festgestellt, dass ihre Zitadelle im Zentrum gar nicht mehr zeitgemäß ist gegen all die dicken Kanonen und den Sprengstoff, der inzwischen erfunden wurde. Aber bevor das Fort Hahneberg überhaupt fertig war, upsi, war die Militärtechnik schon wieder ein Stück weiter. Die Spandauer hinkten der Zeit hinterher, und das Fort Hahneberg blieb unbewaffnet.

Am Rewe von Staaken treffe ich auf die Bundesstraße nach Lauenburg, die einzige Verbindung der beiden Deutschlands, die Radfahrer nutzen konnten (mehr dazu hier).
1972 schlossen beide Deutschlands ein Transitabkommen. Damit wurde vieles einfacher: Wenn Sie an dieser Stelle als Westbürger von Westberlin nach Hamburg fahren wollten, durften Sie fortan nur noch in begründeten Einzelfällen durchsucht werden (zum Beispiel, wenn das Heck besonders tief lag - vermutlich ein Flüchtling im Kofferraum). Und Sie mussten keine Gebühr abdrücken, das erledigte die BRD mit einer pauschalen Gebühr an die DDR jedes Jahr für Sie. Dafür mussten Sie aber auch in einem westdeutschen Merkblatt (die Kurzfassung hängt noch heute aus) durchlesen, was alles verboten war: Die festgelegte Transitstrecke verlassen, Anhalter mitnehmen, andere Raststätten als erlaubt benutzen und natürlich irgendwelche Zeitschriften oder sonstwas liegenlassen, in denen eventuell irgendwas Kritisches über den Staat steht, den sie gerade durchqueren... ach ja, und ganz normale Verkehrsregeln gibt es ja auch noch. Falls Sie gegen irgendwas davon verstießen, passierte erstmal... nichts. Die Stasi guckte am Rand der Straße zu und gab die Infos an den Grenzübergang in Lauenburg weiter. Sobald Sie hunderte Kilometer später die DDR wieder verlassen wollten, kam die böse Überraschung.

Dieses Kreuz erinnert an Dieter Wohlfahrt. Er war zwar in Berlin aufgewachsen, aber österreichischer Staatsbürger. Dadurch hatte er den Vorteil, dass er deutlich einfacher nach Ostberlin einreisen konnte. Das wollte er nutzen, um möglichst vielen Menschen zu helfen. Er ging zu einer Fluchthilfegruppe, die Menschen durch Abwasserkanäle schleuste, und er öffnete für sie immer die Gullydeckel auf der Ostseite. 1961 probierte er es auch mal damit, den Grenzzaun durchzuschneiden, um die Mutter eines Kommilitonen rauszuschleusen. Doch an dem Tag hatte sie jemand verraten, und Wohlfahrt wurde hingerichtet. Westdeutsche wurden bedroht, als sie ihn versorgen wollten, und die Grenzsoldaten holten ihn erst ab, als er definitiv tot war.

Damit wäre ich in Staaken angekommen. Schon 1920 schlossen sich die Staakener begeistert Groß-Berlin an. Sie mussten vorher nur noch die skeptischen Spandauer dazwischen überzeugen, und schon wurde Berlin die drittgrößte Stadt der Welt nach London und New York.
Als ich an diesem grünen Graben herauskam, wunderte mich der Zusammenschluss nicht: Die Häuser da drüben sehen schon echt urban aus. Die Gartenstadt sollte eine grüne Mischung aus Stadt und Land werden und war Vorbild für den Siedlungsbau der Weimarer Republik. 1938 startete in Staaken der erste Nonstop-Flug von Berlin nach New York, den aus Versehen alle Medien übersahen (das würde heute wohl nicht mehr passieren). Der erfolgreiche Rückflug wurde umso mehr bejubelt.
Die Staakener Kirchgemeinde war in beiden Unrechtsregimen rebellisch eingestellt: Zuerst taufte hier ein Pfarrer der Bekennenden Kirche Juden, um ihr Leben zu retten, und in der DDR wurde die Kirche zum Zentrum des Widerstands im Havelland. Interessanterweise riss die DDR sie trotzdem nicht ab, sondern verlieh ihr im Gegenteil sogar Denkmalschutz.
Der Westteil von Staaken war das Gebiet, das die Briten den Sowjets im Gegenzug für die Zufahrt zu ihrem Flughafen überließen. Der alliierte Kontrollrat fand den Tausch nicht okay, die Sowjets besetzten das Gebiet trotzdem über Nacht. Am nächsten Tag rannten viele Staakener überstürzt in Richtung Westen (also politisch, eigentlich in Richtung Osten).
So viel Geschichte sieht man den Wohnklötzen echt nicht an, oder?

Abgesehen vom Gasthaus Grenz-Eck gibt's in Staaken nicht viel zu sehen, es geht einfach am Stadtrand entlang über viele, viele Brücken und viele, viele Gleise unter den Brücken. Eine davon benutzten die Westberliner illegal, obwohl sie kurz vorm Einstürzen war und dringend saniert werden musste.  Westberlin brauchte die Brücke als Umleitung, weil sie ihre eigene Brücke noch dringender und länger sanieren mussten. Deswegen liehen sie sich die Brücke von der DDR aus (Kann man Territorium völkerrechtlich ausleihen? Egal.) und hinterließen sie der DDR gratis hübsch saniert.
Der Lokführer Harry Deterling und sein Schwager, der Heizer, hatten 1961 beide so gar keine Lust mehr auf ihre sogenannte Republik. Als sie hörten, dass ihre Eisenbahnstrecke bald woandershin umgeleitet wird, luden sie 14 Familienmitglieder auf und ballerten mit vollem Karacho über die Grenze - eine etwas stumpfere Eisenbahnflucht als die im tschechischen Aš, aber ebenso erfolgreich. Insgesamt saßen da 32 Passagiere drin, auch Soldaten und Polizisten. Nur sieben kehrten freiwillig zurück. Gerade mal zwei Jahre später wurde die Flucht schon verfilmt (Durchbruch Lok 234 gibt's auch auf Youtube), vermutlich nicht am Originalschauplatz. Eine andere Flucht erfolgte ähnlich branchial per Planierraupe.
Die Brücke wurde übrigens extra für einen Transrapid verlängert, der niemals fuhr.

Uiuiui... an der nächsten Straße hat irgendwer einen regelrechten Wald an Informationstafeln aufgestellt, endlos fächern sich die Infos, Bilder und Zitate der Zeitzeugen neben dem Radweg auf. Aber hm, eigentlich bin ich total gut in der Zeit. Wozu beeilen? Ich lese mir das jetzt alles ganz in Ruhe durch.
Hier draußen in Falkensee wurden schon in den 50ern Straßen und Buslinien dichtgemacht und das Überqueren knifflig, denn schließlich war das hier die Außengrenze und nicht die innerstädtische Sektorengrenze. Dennoch hingen viele an ihrem Haus und fuhren immer nur kurz in den Westen, um Waren einzukaufen und besser zu verdienen.
Als dann der 13. August eintrat, waren viele gerade mit der S-Bahn unterwegs, die auf einmal nicht weiterfuhr. Zwar bekamen sie ihr Fahrgeld zurück, aber wie sollten sie nach Hause kommen? Beim Umweg außenrum mussten sie so oft umsteigen, dass sie erst acht Stunden später zu Hause waren. Eine Tante schickte ihre Nichte an der Grenze zu ihren Eltern zurück, die Zehnjährige tapste völlig ungerührt durch die Sperranlagen.
Falkensee gehörte nun komplett zur Sperrzone. Jeden Freitagnachmittag verteilte ein Soldat in der Gaststätte die Besuchsgenehmigungen, die man vier Wochen vorher beantragen muss.
Eine West-Familie durfte ihre Großmutter in Falkensee nicht besuchen. Sie konnten ihr zwar durchs Fenster winken, zurückwinken war der Oma aber streng verboten. Stattdessen hängte sie als Wink-Ersatz ein Taschentuch raus.

In einer Lücke im Wald verbirgt sich der Eiskeller. Der heißt so, weil a) im Gutshof Eis im Keller gelagert wurde und b) hier die höchsten und niedrigsten Temperaturen Berlins herrschen. Der Eiskeller war eine Westberliner Exklave, aber immerhin mit einer vier Meter breiten Zufahrt. Im Eiskeller gab es wiederum ein Ministück DDR, also eine Exklave in der Exklave, und andere Stücke DDR ragten von der Seite rein. In diesem Chaos lebten drei Familien. Eines ihrer Kinder wurde 1952 weltberühmt. Erwin erzählte, die Grenzsoldaten hätten ihn auf dem Weg zur Schule gestoppt. Die Briten reagierten sofort, schickten 30 Soldaten in die Exklave und begleiteten den Zwölfjährigen jeden Tag mit einem Panzerspähwagen auf dem Schulweg (zu sehen im Foto oben auf der vordersten Infotafel, das mittlere Bild). Erst Jahre später gab er zu: Er hatte die Schule geschwänzt und eine Ausrede gebraucht.
Auf der sowjetischen Seite wurden die Gutsbesitzer von den Sowjets enteignet, andere Bauern hauten ab - darum gab es viele neue Bauern, die noch nicht so gut eingearbeitet waren. Zum Beispiel waren sie mit den Kartoffelkäfern überfordert. Aber die Lösung ist ganz einfach: Erzähl den Schulkindern, dass die Amis die Käfer aus Flugzeugen abwerfen, und schick die empörten Kleinen dann in der Schulzeit zum Sammeln aufs Feld.

Das wars auch schon mit der Stadt, jetzt geht's wieder richtig ins Grüne. Bunte Skulpturen säumen den Weg. Eine erinnert an drei junge Männer, die einen eher skurrilen Fluchtplan ausgeheckt haben: Sie nahmen weiße Klamotten und eine weiße Leiter, um vor der weißen Mauer nicht aufzufallen. Das allein reichte aber nicht, die drei müssen zusätzlich Glück gehabt haben: Entweder haben die Grenzposten gepennt oder den Schießbefehl verweigert.

Die Steinerne Brücke ist im Prinzip ein schräger Betonklotz (hinten in der Mitte) und erinnert an diejenigen, die es nicht geschafft haben.
Willi Block verfing sich dermaßen im Stacheldraht, dass er nicht mehr aufstehen konnte. Nicht mal, als ihn die Soldaten dazu aufforderten. Da er sich scheinbar nicht ergeben wollte, schossen sie. Dietmar Schwitzer floh aus dem eher ungewöhnlichen Grund, dass er als Hobby gerne funkte - zu gut, denn die Stasi wollte ihn unbedingt anwerben, aber er wollte da auf keinen Fall dienen. Ein Grenzer erschoss unter nicht ganz klaren Umständen seinen Kollegen Ulrich Steinhauer, der selbst auch kein begeisterter Grenzsoldat war, um fliehen zu können. Der Westberliner Adolf Philipp, der als Fluchthelfer regelmäßig das Niemandsland erkundete, versteckte sich in einem Bunker, brachte aber durch seine Fußspuren zwei Soldaten auf seine Fährte. Offenbar sah sich der Grenzsoldat bedroht und schoss in Notwehr, tatsächlich hatte Philipp nur eine Gaspistole dabei. Zwei Motorradfahrer verpassten ins Gespräch vertieft ihre Ausfahrt und wendeten erst, als sie sahen, dass sie aus Versehen die Grenzanlagen erreicht hatte. Der Torwächter schoss und traf nicht wie geplant den Reifen, sondern einen der Brüder.

Aus dem Westberliner Zollweg ist ein fabelhafter Radweg geworden, der sich zielstrebig durch den Spandauer Forst zieht. Zum Teil war das Gelände so sumpfig, dass es nur für einen Stacheldrahtzaun reichte.
Vor allem am Laßzinsee leben viele seltene Arten. Als ich auf die Aussichtsplattform stieg, bekam ich leider weder einen Bekassinen noch einen Flussregenpfeifer zu Gesicht. Aber der See allein war den Aufstieg schon wert - er funkelt fast so blau wie ein Bergsee in den Alpen!

Diese Etappe endet, wie sie begann: Mit einem kleinen Hügel im Wald. Dann bin ich auch schon zurück an der Havel am äußersten Rand von Spandau, und es ist gerade mal früher Nachmittag.
Da kühle ich mich doch erstmal entspannt im Wasser ab und hole mir eine Riesencurrywurst. Vielleicht lenkt mich das ein bisschen ab von den grauenhaften Sachen, die ich in den letzten anderthalb Tagen gelernt habe.
Jetzt kommt noch ein Mauerstück an der Havel, das ich schon kenne und dessen grauenvolle Sachen ich mir schon während der Havelradtour durchgelesen habe. Tja, und dann werde ich wohl auch schon, überraschend früh, zurück nach Hause fahren. (Nein, werde ich nicht. Ich werde zwei Stunden in einem Oranienburger McDonalds ohne Stühle sitzen und versuchen, das Deutschlandticket für den neuen Monat irgendwie in die App zu laden.)