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06 Juni 2025

Spree: Von Köpenick nach Berlin

So, nun fahre ich aber richtig rein nach Berlin. Also, technisch gesehen bin ich zwar schon in Berlin, aber heute geht es richtig richtig rein in die Stadt. Zum Glück hauptsächlich durch ihre Parks.


Erst einmal wechselt der Spreeradweg ans Nordufer in den Volkspark Wuhlheide. In den Goldenen Zwanzigern hatten die Berliner goldene Ideen wie zum Beispiel: Hey, vielleicht ist es für die Arbeiter gar nicht so schlecht, wenn sie nicht nur in deprimierenden Wohnblocks leben, sondern einen Platz im Grünen zum Abhängen haben?
Bing, bing. Vor mir schloss sich eine stummelkurze Schranke, und eine Park"eisenbahn" tutete vorbei. (Sorry, Züge, deren gesamtes Streckennetz nur einen winzigen Bruchteil meiner Fahrrad-Tagesetappe umfasst, kann ich nach wie vor nicht für voll nehmen. Aber diese hier hatte zumindest geschlossene Wagen, die tatsächlich nach Eisenbahn aussahen, mit einigen fröhlich winkenden Familien darin.)

Na so was, ich bin schon im Berliner Zentrum angekommen! Und es ist wesentlich kleiner, als ich es in Erinnerung hatte. Ich weiß, solche Gedanken sind normal, wenn man nach längerer Zeit in eine Stadt zurückkehrt, aber dass der Effekt so krass ist, hätte ich nicht gedacht.
Neben dem Modellpark Berlin-Brandenburg enthält der Volkspark noch eine Bühne, einen Kletterwald und mehrere Sportanlagen.

Schließlich bin ich wieder zur Spree abgebogen und erreichte einen Steg. Gerade stiegen Fahrgäste aus, dann war der Weg frei, doch das Schild meinte, ich solle bitte erst nach Aufforderung weiterfahren.
"Kann ich schon rauf?", fragte ich die Fährfrau.
"Jaja." Sprachs und ging dann erstmal ans Ufer außer Sichtweite, eine rauchen.
Sie ließ mich allein zurück an Bord der Fähre mit der Aufgabe, den nächsten ankommenden Radtouristen zu erklären, dass ich a) nicht der Fährmann war, b) keine Fährtickets verkaufte, c) auch nicht wusste, wo es Fährtickets zu kaufen gab und d) auch nur vom Fahrplan ablesen konnte, wann wir abfahren würden.
Genau wie an der Havel pendelt eine BVG-Fähre mit Fahrradständer etwa alle halbe Stunde ans andere Ufer. Anders als an der Havel ist diese hier eine Nummer kleiner und nicht zwingend erforderlich. Das Stück zurück zur nächstbesten Brücke war nicht weit und wäre vermutlich sogar schneller gewesen, aber hey, ich hatte die Zeit für eine kleine Bootsfahrt.

Am anderen Ufer waren ein paar rostige Lastschiffe festgemacht. Die haben hier anscheinend schon 1824 Holz abgeladen, und in einem kleinen Wärterhäuschen passte ein Wärter darauf auf. Die Männer auf den Schiffen hatten oft Durst, und so war es kein Wunder, dass sich das Wärterhäuschen in kürzester Zeit auf mysteriöse Weise in eine Schifferkneipe verwandelte. Aber auch Familien kamen gern raus ins Grüne, und um an denen auch was zu verdienen, verkaufte der (definitiv sehr deutsche) Wirt als günstigen Snack hartgekochte Eier. Das Eierhäuschen war geboren. Und wie man sieht, ist es seitdem beträchtlich gewachsen. Sieht aus wie ein mittelgroßer Bahnhof, oder vielleicht ein weiteres kleines Rotes Rathaus? Es gab darin Kegelbahnen, Varietés, ein Café der Jugend, Rassekatzenausstellungen... aber hartgekochte Eier wurden trotzdem nach wie vor verkauft, schon aus Tradition. Bis nach der Wende hier die Verwaltung des Spreeparks einzog, niemand mehr Essen kaufen konnte, und schließlich alles verfiel.
Erst seit letztem Jahr ist das bekannte denkmalgeschützte Restaurant wieder geöffnet. Neben Essen gibt es da drin auch... Kunst.

Und diese Kunst besteht aus... Essen.
Ich ging ahnungslos hinein in den Spreepark Art Space. Muss ich hier was bezahlen? Nee, scheint gratis zu sein, na denn, mal gucken. Durch einen Vorhang schritt ich in einen dunklen Raum. Im Lichtkegel drehte sich leise summend ein Tisch. Auf den Tellern standen Gerichte, modelliert aus irgendeinem Kunststoff. Laut Speisekarte handelt es sich um Kunstlederjackenbraten, 3-Uhr-nachts-Sandwich und Transkontinentalen Eintopf.
Ich fand diesen Raum nur ein kleines bisschen creepy und kam zu dem Schluss, dass ich gerade keinen Hunger hatte.
Ansonsten hat der Art Space noch zwei weitere Räume. In dem einen werden Fotos vom verfallenen Spreepark projiziert, in dem anderen Animationen darüber, wie handwerklich begabt Tiere sind. Alles in allem war ich schnell durch.

Aber das neue Eierhäuschen ist ja nur der erste Teil von dem, was noch kommen soll.
Zu ihrem 20. Geburtstag überlegte die DDR-Führung, was ihr zu einer richtigen Republik noch fehlte. Ganz klar: Ein Freizeitpark, so was hatten sie noch nicht. 1969 öffnete er seine Türen. Obwohl der Name Kulturpark Plänterwald nicht so richtig nach Adrenalin klingt, hatten das Riesenrad, die Achterbahn und die Dinosaurierstatuen im "Plänti" einen gewissen Kultstatus, aus irgendeinem Grund vor allem bei Punks. Als die Grenze fiel, kaufte ein dubioser Unternehmer namens Norbert Witte (auf einem seiner Fahrgeschäfte waren in der Vergangenheit schon mal 20 Menschen gestorben) das Gelände, gab ihm den westlichen Namen Spreepark GmbH und gestaltete auch alles westlicher, sprich: Ein pauschaler Preis für alles, der deutlich höher liegt, mehr Fahrgeschäfte und mehr Thematisierung (Westerndorf und Englisches Dorf), damit das weniger nach Dorfrummel aussieht. Das mit dem Eintrittspreise erhöhen stellte sich als eher schlechte Idee heraus, die Besucher kamen nicht, stattdessen kam 2001 die Insolvenz. Witte verkaufte mehrere Fahrgeschäfte nach Peru, wo er nochmal pleiteging, und kam wegen Kokainschmuggels hinter Gitter.
Der Spreepark aber wurde plötzlich viel beliebter.
Viele Bilder habe ich schon gesehen von den verfallenen Fahrgeschäften in diesem deutschlandweit einzigartigen Lost Place, es war definitiv der Ort, der mich auf dieser Tagesetappe am meisten interessiert hat. Wie enttäuscht war ich also, als ich nur das hier vorfand. Zur Zeit ist das Lost Place ein Haufen aufgebaggerter Erde, von malerisch-rostigen und überwucherten Achterbahnen keine Spur - nicht mal auf der extra errichteten Aussichtsplattform an der Baustelle.
Berlin will den Park neu gestalten: Die Fahrgeschäfte sollen als Lost Places bestehen bleiben, aber gleichzeitig auch in begehbare Kunstwerke integriert werden, das alte Riesenrad soll sich wieder drehen (das war den Berlinern sehr wichtig), während es über einem Wasserbecken schwebt, ach ja, und die entstandenen Naturbiotope sollen natürlich auch bleiben. (Da muss ich an Rüdiger Hoffmann denken: "Ja, das Feuchtbiotop bleibt bestehen. Nein, nein, das haben Sie falsch verstanden, das Feuchtbiotop wird integriert in unseren Freizeitpark. Als Wildwasserbahn.") Und das alles soll bis 2027 fertig sein.

Ich fuhr zunächst auf dem Radweg im Bogen an der Innenseite des Spreeparks entlang, bekam aber durch den Zaun kaum etwas zu sehen. Also probierte ich es nochmal auf dem proppenvollen Uferweg direkt neben der Spree. Nichts, Zaun, nein, Zaun, ach, na endlich, ein Fahrgeschäft, zumindest eins. Aber nanu? Was ist das für eine seltsame Attraktion, in der die quietschbunten Wagen senkrecht stehen und direkt daneben ein umgekippter Saurier auf den Gleisen liegt? Das gibt aber einen schuppigen Wildunfall. Im Spree Space Act 02 hat die Künstlergruppe Constructlab Objekte aus allen Ecken des Parks zusammengepuzzelt und gibt so schon mal einen Eindruck, wie der neue Spreepark aussehen dürfte.

Auf der Spree ist weitaus mehr in Bewegung, Tret-, Haus- und Paddelboote kreuzen umher. Gerade schirmten wieder ein paar Bäume den Blick aufs Ufer ab, da hörte ich ein Platschen.
"Hilfe!"
Nanu? Ich stieg ab und versuchte, durch die Bäume zu sehen. Eine Spaziergängerin lief ebenfalls auf das Wasser zu. Nur um dann zu sehen, dass sich bereits Boote dem treibenden Kind näherten, aus einem davon war es vermutlich auch rausgeplumpst. Warum ich das dann erzähle? Weil uns immer wieder eingeredet wird, dass die meisten Menschen in solch einer Situation nicht helfen.

Muss ich jetzt über diese Bogenbrücke rüber? Ach so, nein, das kleine Schlösschen, pardon, Kulturhaus, steht auf einer Spreeinsel. So ganz blickte ich in dem Berliner Wassernetz nicht durch, zum Glück war die Radroute trotzdem leicht zu finden.

Ich bin einfach der Hauptstraße durch den Treptower Park gefolgt, vorbei an einer Sternwarte und diesem wuchtigen Steintor. EURE HELDENTATEN SIND UNSTERBLICH... und das Ganze auch nochmal auf Russisch? Das ist aber nicht der Pariser Triumphbogen.
Es ist der Eingang in eine Anlage, neben der das Tor noch vergleichsweise bescheiden wirkt. Ach stimmt, hier war ja... na, ich habe noch genug Zeit, also schaue ich mir das (Ehren)mal an.

In der Schlacht um Berlin hatte die Sowjetunion 22 000 Soldaten verloren. 1946 ließ die sowjetische Militärverwaltung die provisorischen Gräber auflösen und neue Denkmäler bauen. 7000 Tote kamen in den Treptower Park, kollektiv und anonym bestattet unter einer Menge bombastischer grauer Klötze.
An der Ecke trauert erst einmal die Statue der Mutter Heimat, danach geht es eine (äußerst fahrradfreundliche) Steinrampe hoch, wo zwei stilisierte russische Soldaten knien. Zwei wirklich sehr stilisierte Soldaten. Ach nee, der dreieckige Klotz links im Bild soll eine gesenkte Fahne sein, der Soldat kniet ganz klein davor. Es folgen Sarkophage (hinten links) mit Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg Großen Vaterländischen Krieg und Stalin-Zitaten, die sich auch Chruschtschow nicht zu entfernen traute, obwohl er sonst gegen Stalin-Verehrung vorging. Und ganz am Ende, als berühmtestes Motiv, steht ein triumphierender Sowjetsoldat auf einem Hügel, im Arm ein Kind, zu seinen Füßen ein zerbrochenes Hakenkreuz (hinten rechts). Sorry, selbst für Smartphonekameras im Jahr 2025 ist die gesamte Anlage einfach zu bombastisch. (Übrigens bildet das Ende der Spree damit einen unbeabsichtigten Gegensatz zum deutschen Ehrenmal für den Ersten Weltkrieg an der Spreequelle.)
Dieses Riesenmal war die größte und international bekannteste Gedenkstätte für den Krieg, zumindest bis Russland 1967 zu Hause eine noch größere für die Stalingrader Schlacht baute. 1992 verpflichtete sich das wiedervereinigte Deutschland im Deutsch-Russischen Abkommen über die Kriegsgräberfürsorge, all diese Ehrenmäler weiter instand zu halten - und musste dann erst mal die schon ziemlich instabilen Bauwerke im Treptower Park komplett sanieren. Vorher aber wurde mitten im Ehrenmal Geschichte geschrieben: 1994 verabschiedete sich hier Helmut Kohl von Präsident Boris Jelzin, der die letzten russischen Soldaten aus Deutschland mitnahm, hoffentlich für immer. So, wie es eigentlich schon 1950 hätte passieren sollen - vielen Dank für die Befreiung, aber ab hier übernehmen doch lieber wir.

Der Grund dafür lässt nicht mehr lange auf sich warten. Hinter der Skulptur der Molecule Men (drei flache Metallriesen mit käsiger Haut) führt die Oberbaumbrücke über die Spree. Dort war Berlin in zwei Hälften geteilt, deren Besatzer das mit der Befreiung ganz unterschiedlich interpretierten.

05 Juni 2025

Spree: Von Erkner nach Köpenick

Der aufmerksame Leser wird sich wundern: Hö, wieso sind da immer noch drei Tage übrig? Hat der Trottel echt so lange durch Berlin gebraucht, so zäh kann der Verkehr dort nun auch wieder nicht gewesen sein?
Nein, war er nicht (nur fast). Diese kurzen Berliner Spreetappen bin ich während eines Wochenendbesuchs, einer Berliner-Mauer- und einer Havelradtour gefahren, daher die Zersplitterung. Aber es ist nicht so, als gäbe es nichts zu erzählen über die kurzen Stückchen.


Erkner hat auch seinen eigenen See, der Dämeritzsee versteckt sich aber lieber hinter modernen Villen. So richtig bekam ich ihn erst zu Gesicht, als die Spree schon wieder rausfloss. Wobei, eigentlich auch da nicht so richtig. Macht nix, der nächste kugelrundliche See folgt sogleich. Das Land an der sogenannten Müggelspree zwischen den Seen war mal eine Sumpflandschaft, quasi eine Art Mini-Spreewald. In den 20ern wurde das alles mit Kanälen trockengelegt und Neu-Venedig genannt, was noch am ehesten von den Grundstückspreisen her passen könnte.


Am Müggelsee wollte ich nichts dem Zufall überlassen und verließ die empfohlene Strecke, um mir die zweite annähernd kugelrunde Wasserfläche anzuschauen.
Damit überließ ich aber etwas ganz anderes dem Zufall.
Nämlich die Tatsache, ob sich unter meinen Reifen fester Boden befindet oder doch purer Strandsand.
Ein paar Sportboote lagen im Hafen, doch ansonsten war es erstaunlich ruhig. Sollte hier nicht schon mehr los sein, an einem solch schönen Strand nah an der Metropole?

Der Radweg ist eigentlich super ausgebaut, wenn man bereit ist, etwas Abstand zum See zu halten. Die Waldstraßen und Radwege kurven fast vollkommen flach über den Blätterboden und um die schlanken Säulen der Laubbäume.
Schwer zu glauben, dass sich gleich nebenan ein Berg mit dem Müggelturm befinden soll. Der alte Müggelturm ist 1958 abgebrannt, aber ein paar Kunststudenten haben gleich einen neuen Entwurf für das beliebte Ausflugsziel gewagt. Hm, da könnte ich ja eigentlich wirklich mal hoch... ah nee, Google sagt, is schon zu. Außerdem klagen die Bewertungen über einen furchtbaren baulichen Zustand und das seit ein paar Monaten geschlossene Café. Nein danke, das klingt mir verdächtig nach dem gruseligen Bayernturm von Zimmerau...

Später rückt der Radweg näher an den Gehweg und die kleinen Grasstrände heran.

Als die Spree den Müggelsee wieder verließ, habe ich meinen Weg ebenfalls verlassen, um mir eine kleine Besonderheit anzuschauen - den ersten Tunnel unter der Spree. Wenn auch nicht der einzige, in Berlin-Mitte gibt es definitiv einen Eisenbahntunnel, mehrere U-Bahn-Tunnel und wahrscheinlich auch mindestens einen Straßentunnel. Aber die lassen sich mit dem Spreetunnel nur sehr bedingt vergleichen.
Erst einmal war er ganz schön schwer zu finden unter den ausladenden Baumkronen. Ich schob die letzten Zweige zur Seite, und auf einmal klaffte ein archaisches Treppenmaul vor mir auf, aus dem hysterische Geigenmusik hallte.
What?
Neugierig und fast gar nicht beunruhigt stieg ich die Stufen hinunter in den niedrigen Tunnel, der zu 80 Prozent von Graffiti, zu 15 Prozent von Patina (eine genauere Untersuchung wurde aus Selbstschutzgründen abgebrochen) und zu 5 Prozent von bröckelndem Stein zusammengehalten wird. So, nun müsste ich aber gleich... nee, noch mehr Stufen, aber gleich... jap, nun bin ich ganz unten angekommen.
In dem niedrigen Gang befand sich keine Menschenseele außer einem bärtigen Violinisten, der sich mit all seiner Kraft und Leidenschaft in rasendem Tempo (auf jeden Fall deutlich schneller als mein heutiges Tempo) die Seele aus dem Leib geigte.
Dit is Berlin, dachte ich mir.
"Das ist Berlin", lachte später auch mein Gastgeber.
Dit is Berlin, denkt sich da wahrscheinlich jeder, sogar jene, die bisher noch nie wirklich was mit der Stadt zu tun hatten.

Eigentlich musste ich überhaupt nicht unter der Spree durch, sondern einfach immer derselben Straße bis rein nach Köpenick folgen. Berlin-Köpenick ist so was wie das östliche Gegenstück zu Berlin-Spandau: Eine kleine Altstadtinsel in einer Flussmündung und eine der drei mittelalterlichen Keimzellen Berlins.
Die Dahme mündet in die Spree (guck an, es gibt also doch einen Spree-Nebenfluss mit eigenem Radweg) und bildet ein dickes nasses Dreieck, das in der Abenddämmerung und den Lichtern der Stadt violett schimmerte. Das beobachtete ich eine Weile in einem Rosengarten am Ufer (sogar der hatte Patina), während ich mich vor einem Regenschauer versteckte. Zwischen den Wohnblocks in meinem Rücken herrschte die gesetzlich vorgeschriebene Nachtruhe, das hatte so gar nichts von der ach so gefährlichen Stadt, in der ich mich laut der CSU befand. Wie ich später von meinem Gastgeber hörte, war die Nahverkehrsanbindung nach Köpenick gerade äußerst bescheiden ("Von A nach B ist keine gute Idee."), und es hatte fast den Anschein, als hätten die Berliner diesen schwer erreichbaren Stadtteil am Rande irgendwie vergessen.

Die Altstadt selbst ist, ähnlich wie in Spandau, nicht superhistorisch und darüber hinaus weitgehend gefüllt mit Baustelle vier. Unter den (ehemals) weißen Häusern sticht die märkische Backsteingotik am Rathaus umso deutlicher hervor, wie eine Mini-Version des Roten Rathauses im Zentrum. Sogar die kleinen weißen Flächen zwischen den Ziegeln wirken wesentliche weißer als die komplett "weißen" Häuser.
Aus dem Rathaus schreitet eine Figur des bekanntesten Köpenickers, der bisher auch das einzige war, was ich mit Köpenick in Verbindung gebracht hatte. Sein Name war Wilhelm Voigt, Schuhmacher, Dieb und Urkundenfälscher. Nach Jahren im Gefängnis wollte er sein Leben in den Griff bekommen und fand ordentliche Arbeit. Dummerweise bekam das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin Wind von seinen Vorstrafen und verwies ihn des Landes. Er zog in die Nähe von Berlin - dasselbe Spiel wiederholte sich. Der rehabilitationswillige Wilhelm hatte genug. Er kaufte sich an verschiedenen Stellen eine Hauptmannsuniform zusammen. Am 16.10.1906 ging er, als Hauptmann verkleidet, zu einer Militärbadeanstalt und befahl elf Soldaten, mitzukommen, Kabinettsorder. Sie folgten ihrem Befehlshaber gehorsam in die Stadtbahn ("Es war mir nicht möglich, Kraftwagen zu requirieren.") und ins Köpenicker Rathaus.
An dieser Stelle gibt es zwei Versionen. Mein Reiseführer, Voigts Autobiographie, das Theaterstück und der Film mit Heinz Rühmann behaupten, er wollte sich eigentlich nur einen Pass ausstellen lassen, den er als Vorbestrafter aus bürokratischen Gründen nicht bekommen konnte, und im Ausland endlich ein gesetzestreues Leben beginnen. Dagegen sprechen einige Gründe, zum Beispiel, dass in diesem Rathaus überhaupt keine Pässe ausgestellt wurden, was ihm bei seinen umfangreichen Vorbereitungen eigentlich hätte auffallen müssen. Laut Wikipedia hatte er deshalb von Anfang an vor, das zu tun, was er am Ende tat: Den Bürgermeister, Oberstadtsekretär und Polizeichef verhaften und die Stadtkasse "beschlagnahmen." Während er mit besagter Kasse in die Bahn stieg, hielten die loyalen Soldaten weiter das Rathaus besetzt. Erst zehn Tage später verpfiff ein ehemaliger Zellengenosse den Hauptmann von Köpenick an die Polizei.
Die Richter kauften ihm die Passgeschichte nicht ab, was es umso überraschender macht, wie viel Verständnis sie für den Mann zeigten, der offensichtlich versucht hatte, ehrlich zu leben, und ohne eigene Schuld daran gehindert worden war. Der Hauptmann von Köpenick hatte eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Eigentlich hatte er die Schwächen des preußischen Gehorsams offengelegt, aber Kaiser Wilhelm checkte das nicht so richtig, und war im Gegenteil sogar auf verquere Weise stolz auf den amüsanten Vorfall. ("Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!") So stolz, dass er den Hauptmann von Köpenick begnadigte. Nach seiner Freilassung war er ein Star und konnte von Bühnenauftritten leben (also der Hauptmann von Köpenick, nicht der Kaiser).

Die anderen preußischen Ereignisse aus Köpenick sind weniger witzig. Am 1. Mai 1933 weigerten sich die Köpenicker Arbeiter, zu Naziparolen zu marschieren. Darauf folgte Ende Juni die Köpenicker Blutwoche, bei der die SA überall linke Regimegegner verschwinden ließ - ein Testlauf, um die Fähigkeit des deutschen Volkes beim Wegsehen einzuschätzen.

Am Ufer der Dahme steht ein weißes, barockes und unvollendetes Stuckschloss, das in jetziger Form für den Soldatenkönig Friedrich I. gebaut wurde. Über die Zugbrücke konnte ich den Innenhof und den Garten besichtigen, aber die paar kugelrund zurechtgeschnittenen Hecken waren nicht übermäßig spannend. Ganz anders das dramatischste Ereignis, das in diesem Schloss stattfand, der Kronprinzenprozess.
Der Sohn des Soldatenkönigs und spätere König Friedrich II. war sehr unglücklich unter seinem tyrannischen Vater, der seinen Tagesablauf genau eintaktete (7 Minuten fürs Frühstück) und sowohl seinen Sohn als auch dessen Lehrer verprügeln ließ, wenn er mitbekam, dass der Junge heimlich ein bisschen Latein und Literatur statt Militär- und Wirtschaftswissen gelernt hatte. Dann lernte der junge Friedrich einen acht Jahre älteren Leutnant namens Hans Hermann von Katte kennen, der sich ebenfalls für Dichtung und Flötenspiel interessierte. Weil er sich nicht anders zu helfen wusste, versuchte der Prinz mehrfach, mit seinem Freund ins Ausland zu fliehen und scheiterte jedes Mal am zu loyalen (oder zu ängstlichen) Personal seines Vaters. Nach dem letzten Versuch bekam der König einen Brief seines Sohnes an Hermann von Katte in die Hände, und mit diesem Beweismittel konnte er sie beide endlich im Köpenicker Schloss vors Militärgericht bringen. Der Prozess begann damit, dass Friedrich I. Hermann von Katte erst einmal persönlich brutal verprügelte. Die (vermutlich etwas blassen) Richter erklärten sich als allererstes für nicht zuständig, was den Thronfolger anging, und verurteilten dann Katte wegen Desertion zu lebenslanger Festungshaft. Woraufhin der König ihnen nahelegte, sie sollten sich nochmal zusammensetzen und das Urteil überdenken. Als die Richter dabei blieben, wandelte der König persönlich das Urteil in eine Todesstrafe um.
Als der Prinz das Urteil hörte, fiel er in Ohnmacht.
Man steckte beide Freunde in dieselbe braune Kleidung, damit der Prinz glaubte, auch er würde sterben. Stattdessen war er gezwungen zuzusehen, wie sein Freund mit dem Schwert enthauptet wurde.

So weit, so tragisch. Ein Heranwachsender, das auf diese Weise seinen engsten Freund verliert, ist in jedem Fall fürs Leben gezeichnet.
Dennoch bleibt die Frage: Wie nahe standen sich diese beiden Freunde nun eigentlich wirklich? Die Anzeichen sind da, dass zwischen ihnen was lief. Zum Beispiel Friedrichs Schwester, laut der Katte ihren Bruder weg von einem "anständigen Leben" hin zu "Verirrungen" trieb.
Natürlich sind wir wie alle Generationen nicht frei davon, die Geschichte durch die Augen unserer Zeit zu deuten, und mit Sicherheit können wir das sowieso nie wissen. Ich sag mal so: Wer jede enge Freundschaft mit Ausrufen wie „Wie unglücklich bin ich, mein lieber Katte, ich bin schuld an Ihrem Tod, wäre ich doch um Gottes Willen an Ihrer Stelle!“ - „Ach, Monseigneur, hätte ich tausend Leben, ich opferte sie Ihnen.“ als Liebesbeziehung interpretiert, der wird wohl in manchen Fällen falsch liegen, aber in manchen Fällen sicherlich auch richtig.

16 Juni 2023

Berliner Mauer: Von Sacrow nach Spandau

Die Waldseemauer

Länge: 27 km
Grenzquerungen: 9
Bundesländer: Berlin, Brandenburg
Seite: ausnahmsweise etwas mehr West als Ost (wobei der politische Westen hier im geographischen Osten liegt)
Erkenntnis: Eine Schülerausrede hätte rein theoretisch eventuell vielleicht den Dritten Weltkrieg auslösen können, und das wäre auch kein dümmerer Grund als manch anderes.

Weil Spandau komplett zu Westberlin gehörte, schlägt die Mauer an dieser Stelle einen großen Waldbogen rund um das westliche Westberlin. Erst dann kehrt sie zur Havel zurück. Erst einmal bezwinge ich den Luisenberg. Er ist 74 Meter hoch und gehört damit nicht mal in Berlin zu den höchsten Gipfeln. Allerdings ist er (glaube ich) das höchste, was ich an der Berliner Mauer bezwingen musste. Kein Vergleich zum Hoel und zum Brocken! Jedenfalls nicht, was die Höhe angeht. Was die Schönheit des Waldes angeht, schon eher.

In diesen Wäldern verstecken sich noch mehr Seen, quasi eine zweite Seenreihe, die nicht von der Havel verbunden wird, sondern bloß von irgendwelchen Bächlein. Entsprechend geht es hier deutlich ruhiger zu. Den Sacrower See verfehlt die Mauer knapp, aber über den Groß Glienicker See geht sie einmal quer rüber. Ach, schön! Darf ich dann auch ans Ufer?

Äh, ich würde mal sagen, das ist ein klares Nein.
Die Karte sagt, der Radweg ist gesperrt. Da frage ich mich, vor wie vielen Jahr(zehnt)en der bitte geöffnet gewesen soll. Eine derart dicke Buschwand wächst ja nicht gerade über Nacht. Und auch später, als es einen Pfad am Ufer gibt, ist der nur für Fußgänger erlaubt, und die Abzweigung habe ich obendrein übersehen.

In Groß Glienicke herrschten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert die Ritter auf dem Rittergut - am bekanntesten ist die Familie Ribbeck (ihr bekanntester Vertreter aus einem gewissen Gedicht kam aber aus dem Ort Ribbeck, das ist woanders). Ihr Gutshof brannte nach Kriegsende ab, nur ein einsames Tor und ein paar Wirtschaftsgebäude blieben übrig.

Im Grenzgebiet verwilderte ihr Garten, und heute ist nicht mehr zu erkennen, dass das mal ein aufwendiger gepflegter Park war. Schön anzusehen ist es trotzdem, nur halt auf andere Art. Und an der Nordspitze darf ich sogar nochmal ans Seeufer.
Der Pfarrer von Groß Glienicke kümmerte sich um seine Schäfchen auf beiden Ufern. Eines Tages war der Steg über den Grenzgraben weg. Am nächsten Tag hatten die Menschen Bretter drübergelegt, dann waren die auch weg. Dann lagen da Trittsteine, auch die entfernten die Grenzsoldaten. Das Katz-und-Maus-Spiel zog sich durch die ganzen 50er bis zum Mauerbau.
Sogar mitten im See stand auf einmal Stacheldraht. Am Nordufer kommt auch heute noch ein Zaun aus dem Wasser. Der Streckmetallzaun, der an der Innerdeutschen Grenze meistens die endgültige Version darstellte, war in Groß Glienicke bloß eine Zwischenstufe. An dieser Stelle lässt sich das sandige Ufer aber nur schwer bebauen.

Deswegen machten die Mauerbauer eine kleine Abkürzung, als der Zaun (hinten rechts) 1970 durch eine Betonmauer (links) ersetzt wurde. Ihrer Faulheit ist es zu verdanken, dass ich zwei verschiedene Mauer-Generationen nebeneinander besichtigen kann (die einzige Stelle in Berlin, wo das geht, glaube ich). Damit es die Landschaft aber nicht zu sehr verunstaltet, sind nur zwei Segmente der Mauer komplett, und der Rest wird durch kleine Betonstücke angedeutet. Die Wurst obendrauf (hinten links) - der Fachbegriff lautet Abweisrolle - verhinderte, dass sich irgendwer mit Händen, Füßen oder Kletterhaken festhalten konnte.

Ich passierte eine Fahrradampel, die einen etwas... verschlossenen Eindruck machte, und fuhr dann immer neben der Bundesstraße lang.
Die Aliierten hatten vereinbart, dass jede Besatzungsmacht einen Berliner Flughafen bekommen soll. Die Briten hatten ihren hier in Gatow und tauschten sogar Gebiete ein, damit sie auch ohne sowjetische Unterbrechung da hinkommen konnten. An dieser Straße erschoss ein DDR-Volkspolizist einen sowjetischen Soldaten, nicht gerade die typische Täter-Opfer-Konstellation. Es wurde an dem Tag nämlich nach einem abtrünnigen Sowjet gefahndet, aber das war ein anderer.
Außerdem sollen sich hier Rieselfelder befinden. Och, das klingt ja idyllisch, was das wohl sein mag? Weinberge, auf denen Riesling angebaut wird?
Äh, nicht ganz. Auf den Rieselfeldern entsorgten die Berliner Ende des 19. Jahrhunderts über ein System aus Pumpen und Rohren ihre Abwässer. Damals totaler Hightech, bis jemand die sogenannte Kläranlage erfand. Für Notfälle werden aber immer noch ein paar Becken freigehalten (etwa, falls die Regierung zu viel Mist machen sollte).

An diese Bundesstrecke grenzt auch, welche Überraschung, schon wieder ein Friedhof. Der verfügt über den wahrscheinlich gigantischsten KfZ-Sperrgraben des gesamten Eisernen Vorhangs.

Ein bisschen bergig wurde es wieder, als ich den Hahneberg umrundet habe. Der besteht im Prinzip aus Bauschutt, ist aber trotzdem bei Schmetterlingen wie dem Schwalbenschwanz und bei rodelnden Kindern beliebt. Der Bauschutt wird immer grüner, was dem Steinschmätzer gar nicht gefällt, denn dieser Vogel brütet lieber in kuscheligen Steinhaufen. Aber keine Sorge, die Menschen haben ihm ein paar Extrasteine dafür hingelegt. Sogar die Russische Kamille wächst dort - auf Westberliner Gebiet! Vermutlich hat die Stalin heimlich bei der Potsdamer Konferenz ausgesät, um zu stänkern.
Gleich nebenan bauten die Spandauer 1882 ein Fort. Sie hatten gerade erst für Bismarck gegen Frankreich gekämpft und dabei festgestellt, dass ihre Zitadelle im Zentrum gar nicht mehr zeitgemäß ist gegen all die dicken Kanonen und den Sprengstoff, der inzwischen erfunden wurde. Aber bevor das Fort Hahneberg überhaupt fertig war, upsi, war die Militärtechnik schon wieder ein Stück weiter. Die Spandauer hinkten der Zeit hinterher, und das Fort Hahneberg blieb unbewaffnet.

Am Rewe von Staaken treffe ich auf die Bundesstraße nach Lauenburg, die einzige Verbindung der beiden Deutschlands, die Radfahrer nutzen konnten (mehr dazu hier).
1972 schlossen beide Deutschlands ein Transitabkommen. Damit wurde vieles einfacher: Wenn Sie an dieser Stelle als Westbürger von Westberlin nach Hamburg fahren wollten, durften Sie fortan nur noch in begründeten Einzelfällen durchsucht werden (zum Beispiel, wenn das Heck besonders tief lag - vermutlich ein Flüchtling im Kofferraum). Und Sie mussten keine Gebühr abdrücken, das erledigte die BRD mit einer pauschalen Gebühr an die DDR jedes Jahr für Sie. Dafür mussten Sie aber auch in einem westdeutschen Merkblatt (die Kurzfassung hängt noch heute aus) durchlesen, was alles verboten war: Die festgelegte Transitstrecke verlassen, Anhalter mitnehmen, andere Raststätten als erlaubt benutzen und natürlich irgendwelche Zeitschriften oder sonstwas liegenlassen, in denen eventuell irgendwas Kritisches über den Staat steht, den sie gerade durchqueren... ach ja, und ganz normale Verkehrsregeln gibt es ja auch noch. Falls Sie gegen irgendwas davon verstießen, passierte erstmal... nichts. Die Stasi guckte am Rand der Straße zu und gab die Infos an den Grenzübergang in Lauenburg weiter. Sobald Sie hunderte Kilometer später die DDR wieder verlassen wollten, kam die böse Überraschung.

Dieses Kreuz erinnert an Dieter Wohlfahrt. Er war zwar in Berlin aufgewachsen, aber österreichischer Staatsbürger. Dadurch hatte er den Vorteil, dass er deutlich einfacher nach Ostberlin einreisen konnte. Das wollte er nutzen, um möglichst vielen Menschen zu helfen. Er ging zu einer Fluchthilfegruppe, die Menschen durch Abwasserkanäle schleuste, und er öffnete für sie immer die Gullydeckel auf der Ostseite. 1961 probierte er es auch mal damit, den Grenzzaun durchzuschneiden, um die Mutter eines Kommilitonen rauszuschleusen. Doch an dem Tag hatte sie jemand verraten, und Wohlfahrt wurde hingerichtet. Westdeutsche wurden bedroht, als sie ihn versorgen wollten, und die Grenzsoldaten holten ihn erst ab, als er definitiv tot war.

Damit wäre ich in Staaken angekommen. Schon 1920 schlossen sich die Staakener begeistert Groß-Berlin an. Sie mussten vorher nur noch die skeptischen Spandauer dazwischen überzeugen, und schon wurde Berlin die drittgrößte Stadt der Welt nach London und New York.
Als ich an diesem grünen Graben herauskam, wunderte mich der Zusammenschluss nicht: Die Häuser da drüben sehen schon echt urban aus. Die Gartenstadt sollte eine grüne Mischung aus Stadt und Land werden und war Vorbild für den Siedlungsbau der Weimarer Republik. 1938 startete in Staaken der erste Nonstop-Flug von Berlin nach New York, den aus Versehen alle Medien übersahen (das würde heute wohl nicht mehr passieren). Der erfolgreiche Rückflug wurde umso mehr bejubelt.
Die Staakener Kirchgemeinde war in beiden Unrechtsregimen rebellisch eingestellt: Zuerst taufte hier ein Pfarrer der Bekennenden Kirche Juden, um ihr Leben zu retten, und in der DDR wurde die Kirche zum Zentrum des Widerstands im Havelland. Interessanterweise riss die DDR sie trotzdem nicht ab, sondern verlieh ihr im Gegenteil sogar Denkmalschutz.
Der Westteil von Staaken war das Gebiet, das die Briten den Sowjets im Gegenzug für die Zufahrt zu ihrem Flughafen überließen. Der alliierte Kontrollrat fand den Tausch nicht okay, die Sowjets besetzten das Gebiet trotzdem über Nacht. Am nächsten Tag rannten viele Staakener überstürzt in Richtung Westen (also politisch, eigentlich in Richtung Osten).
So viel Geschichte sieht man den Wohnklötzen echt nicht an, oder?

Abgesehen vom Gasthaus Grenz-Eck gibt's in Staaken nicht viel zu sehen, es geht einfach am Stadtrand entlang über viele, viele Brücken und viele, viele Gleise unter den Brücken. Eine davon benutzten die Westberliner illegal, obwohl sie kurz vorm Einstürzen war und dringend saniert werden musste.  Westberlin brauchte die Brücke als Umleitung, weil sie ihre eigene Brücke noch dringender und länger sanieren mussten. Deswegen liehen sie sich die Brücke von der DDR aus (Kann man Territorium völkerrechtlich ausleihen? Egal.) und hinterließen sie der DDR gratis hübsch saniert.
Der Lokführer Harry Deterling und sein Schwager, der Heizer, hatten 1961 beide so gar keine Lust mehr auf ihre sogenannte Republik. Als sie hörten, dass ihre Eisenbahnstrecke bald woandershin umgeleitet wird, luden sie 14 Familienmitglieder auf und ballerten mit vollem Karacho über die Grenze - eine etwas stumpfere Eisenbahnflucht als die im tschechischen Aš, aber ebenso erfolgreich. Insgesamt saßen da 32 Passagiere drin, auch Soldaten und Polizisten. Nur sieben kehrten freiwillig zurück. Gerade mal zwei Jahre später wurde die Flucht schon verfilmt (Durchbruch Lok 234 gibt's auch auf Youtube), vermutlich nicht am Originalschauplatz. Eine andere Flucht erfolgte ähnlich branchial per Planierraupe.
Die Brücke wurde übrigens extra für einen Transrapid verlängert, der niemals fuhr.

Uiuiui... an der nächsten Straße hat irgendwer einen regelrechten Wald an Informationstafeln aufgestellt, endlos fächern sich die Infos, Bilder und Zitate der Zeitzeugen neben dem Radweg auf. Aber hm, eigentlich bin ich total gut in der Zeit. Wozu beeilen? Ich lese mir das jetzt alles ganz in Ruhe durch.
Hier draußen in Falkensee wurden schon in den 50ern Straßen und Buslinien dichtgemacht und das Überqueren knifflig, denn schließlich war das hier die Außengrenze und nicht die innerstädtische Sektorengrenze. Dennoch hingen viele an ihrem Haus und fuhren immer nur kurz in den Westen, um Waren einzukaufen und besser zu verdienen.
Als dann der 13. August eintrat, waren viele gerade mit der S-Bahn unterwegs, die auf einmal nicht weiterfuhr. Zwar bekamen sie ihr Fahrgeld zurück, aber wie sollten sie nach Hause kommen? Beim Umweg außenrum mussten sie so oft umsteigen, dass sie erst acht Stunden später zu Hause waren. Eine Tante schickte ihre Nichte an der Grenze zu ihren Eltern zurück, die Zehnjährige tapste völlig ungerührt durch die Sperranlagen.
Falkensee gehörte nun komplett zur Sperrzone. Jeden Freitagnachmittag verteilte ein Soldat in der Gaststätte die Besuchsgenehmigungen, die man vier Wochen vorher beantragen muss.
Eine West-Familie durfte ihre Großmutter in Falkensee nicht besuchen. Sie konnten ihr zwar durchs Fenster winken, zurückwinken war der Oma aber streng verboten. Stattdessen hängte sie als Wink-Ersatz ein Taschentuch raus.

In einer Lücke im Wald verbirgt sich der Eiskeller. Der heißt so, weil a) im Gutshof Eis im Keller gelagert wurde und b) hier die höchsten und niedrigsten Temperaturen Berlins herrschen. Der Eiskeller war eine Westberliner Exklave, aber immerhin mit einer vier Meter breiten Zufahrt. Im Eiskeller gab es wiederum ein Ministück DDR, also eine Exklave in der Exklave, und andere Stücke DDR ragten von der Seite rein. In diesem Chaos lebten drei Familien. Eines ihrer Kinder wurde 1952 weltberühmt. Erwin erzählte, die Grenzsoldaten hätten ihn auf dem Weg zur Schule gestoppt. Die Briten reagierten sofort, schickten 30 Soldaten in die Exklave und begleiteten den Zwölfjährigen jeden Tag mit einem Panzerspähwagen auf dem Schulweg (zu sehen im Foto oben auf der vordersten Infotafel, das mittlere Bild). Erst Jahre später gab er zu: Er hatte die Schule geschwänzt und eine Ausrede gebraucht.
Auf der sowjetischen Seite wurden die Gutsbesitzer von den Sowjets enteignet, andere Bauern hauten ab - darum gab es viele neue Bauern, die noch nicht so gut eingearbeitet waren. Zum Beispiel waren sie mit den Kartoffelkäfern überfordert. Aber die Lösung ist ganz einfach: Erzähl den Schulkindern, dass die Amis die Käfer aus Flugzeugen abwerfen, und schick die empörten Kleinen dann in der Schulzeit zum Sammeln aufs Feld.

Das wars auch schon mit der Stadt, jetzt geht's wieder richtig ins Grüne. Bunte Skulpturen säumen den Weg. Eine erinnert an drei junge Männer, die einen eher skurrilen Fluchtplan ausgeheckt haben: Sie nahmen weiße Klamotten und eine weiße Leiter, um vor der weißen Mauer nicht aufzufallen. Das allein reichte aber nicht, die drei müssen zusätzlich Glück gehabt haben: Entweder haben die Grenzposten gepennt oder den Schießbefehl verweigert.

Die Steinerne Brücke ist im Prinzip ein schräger Betonklotz (hinten in der Mitte) und erinnert an diejenigen, die es nicht geschafft haben.
Willi Block verfing sich dermaßen im Stacheldraht, dass er nicht mehr aufstehen konnte. Nicht mal, als ihn die Soldaten dazu aufforderten. Da er sich scheinbar nicht ergeben wollte, schossen sie. Dietmar Schwitzer floh aus dem eher ungewöhnlichen Grund, dass er als Hobby gerne funkte - zu gut, denn die Stasi wollte ihn unbedingt anwerben, aber er wollte da auf keinen Fall dienen. Ein Grenzer erschoss unter nicht ganz klaren Umständen seinen Kollegen Ulrich Steinhauer, der selbst auch kein begeisterter Grenzsoldat war, um fliehen zu können. Der Westberliner Adolf Philipp, der als Fluchthelfer regelmäßig das Niemandsland erkundete, versteckte sich in einem Bunker, brachte aber durch seine Fußspuren zwei Soldaten auf seine Fährte. Offenbar sah sich der Grenzsoldat bedroht und schoss in Notwehr, tatsächlich hatte Philipp nur eine Gaspistole dabei. Zwei Motorradfahrer verpassten ins Gespräch vertieft ihre Ausfahrt und wendeten erst, als sie sahen, dass sie aus Versehen die Grenzanlagen erreicht hatte. Der Torwächter schoss und traf nicht wie geplant den Reifen, sondern einen der Brüder.

Aus dem Westberliner Zollweg ist ein fabelhafter Radweg geworden, der sich zielstrebig durch den Spandauer Forst zieht. Zum Teil war das Gelände so sumpfig, dass es nur für einen Stacheldrahtzaun reichte.
Vor allem am Laßzinsee leben viele seltene Arten. Als ich auf die Aussichtsplattform stieg, bekam ich leider weder einen Bekassinen noch einen Flussregenpfeifer zu Gesicht. Aber der See allein war den Aufstieg schon wert - er funkelt fast so blau wie ein Bergsee in den Alpen!

Diese Etappe endet, wie sie begann: Mit einem kleinen Hügel im Wald. Dann bin ich auch schon zurück an der Havel am äußersten Rand von Spandau, und es ist gerade mal früher Nachmittag.
Da kühle ich mich doch erstmal entspannt im Wasser ab und hole mir eine Riesencurrywurst. Vielleicht lenkt mich das ein bisschen ab von den grauenhaften Sachen, die ich in den letzten anderthalb Tagen gelernt habe.
Jetzt kommt noch ein Mauerstück an der Havel, das ich schon kenne und dessen grauenvolle Sachen ich mir schon während der Havelradtour durchgelesen habe. Tja, und dann werde ich wohl auch schon, überraschend früh, zurück nach Hause fahren. (Nein, werde ich nicht. Ich werde zwei Stunden in einem Oranienburger McDonalds ohne Stühle sitzen und versuchen, das Deutschlandticket für den neuen Monat irgendwie in die App zu laden.)

01 Juni 2023

Berliner Mauer: Von Berlin-Mitte nach Kreuzberg

Die Berliner Mittelmauer

Länge: 6 km
Grenzquerungen: mindestens 4, aber schwer zu sagen, wenn man exakt auf der Grenzlinie geht
Bundesländer: nur Berlin
Seite: Hm, eigentlich meistens genau auf der Grenze.
Erkenntnis: 1 Kilometer Berliner Mauer entspricht 100 Kilometern innerdeutscher Grenze.

Wo war eigentlich die Mauer? Immer wieder müssen Berliner diese Frage beantworten. In Berlin-Mitte beantwortet sie auch ein informatives Metallband auf dem Boden, oder eine Stele, oder eine Gedenktafel, oder ein Stück Originalmauer, oder ein graubrauner Mauerwegweiser... nur nie alles gleichzeitig oder gar einheitlich. An jeder Kreuzung musste ich einen Moment suchen, bis ich wusste, wo es weitergeht.
Im 9-Euro-Sommer 2022 strandete ich für zwei Stunden in Berlin und entschied mich zum ersten Mal, den größtenteils braunen Zeichen zu folgen. Dieses erste Stück Mauer habe ich also zu Fuß zurückgelegt. Und ganz ehrlich, das würde ich auch jedem empfehlen, der die Zeit dazu hat. Am besten nimmt man sich ein bis zwei Tage und läuft sogar noch mehr zu Fuß, nämlich das komplette Stück von der Bernauer Straße bis zum Landwehrkanal. Dieser Bereich ist einfach zu stressig, um Radfahren und Sightseeing zu kombinieren.
Am Hauptbahnhof lief ich ein Stück am Parlament der Bäume und am Parlament der Menschen an der Spree entlang, beim Bundestag wendet sich der Mauerweg dann wieder gen Süden.

Ein entspannter Stadtspaziergang wird das nicht, so viel war klar. Schon nach wenigen Minuten wiesen mich weiße Kreuze darauf hin, dass an dieser Stelle Menschen erschossen wurden. Ihr Verbrechen bestand darin, einen Bürgersteig zu überqueren.

Der Mauerweg verläuft am Rande des Tiergartens (der kein Zoo ist, sondern einfach ein Park - für ahnungslose Nichtberliner irreführend). Der Park macht einen Bogen um das Brandenburger Tor. Jeder denkt bei dem Tor an den Kalten Krieg, aber eigentlich ist es das letzte Überbleibsel der allerersten Berliner Mauer: 1734 hatte der Soldatenkönig Friedrich I. alle Vororte zur preußischen Residenzstadt Berlin vereinigt. Um bei allen Zölle abzukassieren, die da reinwollten, mauerte er die Stadt ein - sogar die Bahnhöfe lagen außen. Weil das Tor keinen militärischen Zweck hatte, konnte er guten Gewissens Friedenssymbole reinmeißeln.
Als Berlin wuchs, wurde die Mauer wieder abgerissen, nur das Brandenburger Tor durfte bleiben, weil seine langen Säulen von Athen inspiriert waren und besonders schick aussahen. Trotzdem beeinflusste der Verlauf der ersten Mauer noch lange danach das Straßenbild, die Grenzen der Stadtteile, die U1 - und die zweite Mauer.
Nach der Wiedervereinigung wurde heftig gestritten, ob Autos durch das Tor fahren sollen. Der alte Busfahrer, der es vor dem Mauerbau als letzter durchquert hatte, sollte eigentlich bei einer feierlichen Zeremonie als erster wieder durchfahren, aber Aktivisten hatten das Tor besetzt. Das Bus-Event fand am Ende statt, langfristig setzte sich trotzdem das autofreie Tor durch.
Gleich nebenan gab es schon 1988 einen anderen Umweltprotest - und die einzige Massenflucht in Richtung Osten: Westberlin hatte von der DDR ein Stück Land gekauft, das eh außerhalb der Mauer lag, um eine Straße drauf zu bauen. Jugendliche besetzten es, und als die Polizei anrückte, kletterten sie über die Mauer nach Osten. Sie hatten sich wohl mit der DDR abgesprochen, denn nach einem Frühstück verteilte man sie über verschiedene Grenzübergänge zurück.

Das war noch eher kurios, nun wird es richtig bedrückend: Wenige Meter entfernt ist ein Platz komplett übersät mit Betonblöcken. Anfangs konnte ich noch darüber hinwegschauen, aber je weiter ich hineinging, desto tiefer verschluckten mich die grauen Schluchten. Das weltweit einzigartige Mahnmal erinnert an den Völkermord an den Juden Europas, und zwar nach dem Prinzip, dass jeder selbst reininterpretieren kann, was Beton mit dem Holocaust zu tun hat. Als ich es zum ersten Mal gesehen habe, war mein Gedanke: Die Millionen Menschen waren alle unterschiedlich (wie die Quader unterschiedlich hoch sind), aber ihnen ist dasselbe zugestoßen (weshalb die Quader alle wie Särge aussehen). Tja, im Reiseführer werden Politiker mit komplett anderen Deutungen zitiert.

Meine Güte, ich bin gerade mal einen Kilometer unterwegs und schon quer durch die Jahrhunderte vor und zurückgesprungen, von Hoffnung über Kuriosität zu Verzweiflung. Um so viel Geschichte zu erfahren, müsste ich auf dem Radweg an der Innerdeutschen Grenze mindestens zwei Tage lang unterwegs sein.
Die nächste Station ist der Potsdamer Platz, der laut Reiseführer das Symbol schlechthin für die geteilte Stadt darstellt - ich hätte da eher an das Brandenburger Tor gedacht, über diesen Platz wusste ich eigentlich kaum etwas. Dabei ist der wirklich faszinierend: Hier startete 1835 Deutschlands zweite Eisenbahnstrecke (dazu später mehr), 1924 regelte Deutschlands erste Ampel den Verkehr auf dem Platz, auf dem 40 Straßenbahnlinien unterwegs waren, und 1990 spielte Pink Floyd das einzige Konzert, das je auf einer Bühne in zwei Staaten stattfand. Während der Teilung war der Platz allerdings lange Zeit eine Wüste, selbst im Westen wurde alles abgerissen und es fanden bloß mal Flohmärkte statt. Die relativ kurze britische Grenze wurde hier auch schon vom amerikanischen Sektor abgelöst.

Inzwischen fahren hier wieder Züge aller Art, allerdings versteckt unter der Erde. Darüber lassen große Unternehmen ihre gläsernen Zacken in den Platz ragen. Die Hochhäuser sind ökologisch besonders effizient und schon beeindruckend, aber nicht jedermanns Geschmack. Davor stehen Reste der Mauer, die im Grunde nur noch von buntem Kaugummi zusammengehalten werden.
Moment mal, wo kommen denn die vielen Trabis her? Na, so ein Zufall, heute muss irgendein Oldtimer-Treffen sein oder so. (Nein, ist es nicht. Das ist eine ständige Stadtführung für Touristen, die sogenannte Trabi-Safari.)

Die DDR wollte hier ein Denkmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht errichten, das letzten Endes nicht komplett zustandekam, es lag zu nah am Grenzstreifen. Deswegen steht da nur der Sockel. Was Rosa Luxemburg wohl zur Mauer gesagt hätte? Tote Idole hatten für die SED den Vorteil, dass aus ihnen nicht plötzlich Kritik rauskam, sodass man sie aus der Geschichte tilgen musste.

In einer Seitenstraße hinter dem Bundesrat befindet sich der älteste erhaltene Grenzturm Berlins. Er wurde um 10 Meter versetzt, wirkt auf der Baustelle aber immer noch ganz schön deplatziert. In Berlin sahen die meisten Wachtürme so rund und dünn aus. Nur 32 von 280 Türmen waren rechteckige Führungstürme. Alle 250 Meter stand in Berlin ein Turm, sodass die Soldaten wirklich restlos alles sehen konnten. Sie arbeiteten selbstständig immer weiter daran, ihren Abschnitt zu verbessern, denn für jede erfolgreiche Flucht bekamen sie ordentlich auf den Deckel.

Kaum zu glauben, aber in der Niederkirchnerstraße konzentriert sich sogar noch mehr Geschichte auf engstem Raum. Im preußischen Landtag (hinten) entschieden sich die Arbeiterräte 1918 gegen eine Räterepublik, die KPD wurde da drin gegründet und prügelte sich wenige Jahre später am selben Ort mit Nazis. Heute sitzen da zwar keine Abgeordneten aus ganz Preußen, aber immerhin aus Berlin.
Gleich neben der Straße ist ein langer Mauerstreifen erhalten geblieben. Der zeigt richtig eindrucksvoll, wie das damals ausgesehen haben muss - während ich auf der Straße entlangging, konnte ich überhaupt nicht ahnen, was auf der anderen Seite ist.
Und was ist da? Ein kleines Gratismuseum aus Glas und wahnsinnig vielen Texttafeln. Manche hängen direkt an einer Glasscheibe vor der Mauer, andere in einem Glashaus. Die Ausstellung heißt Topographie des Terrors. Es geht darin nicht nur um die Mauer, sondern auch um die SS. Die hatte genau hier ihre Zentrale mitsamt Folterkellern und plante den Holocaust. Ich dachte, das Lager Juliushütte am Harz sei die Stelle mit der grauenvollsten Geschichte in Deutschland - aber diese Ausstellung ist womöglich noch schlimmer.

Auf der anderen Seite der Mauer stand das Haus der Ministerien, in dem Walter Ulbricht damals versicherte, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten. Der Typ hat das tatsächlich direkt neben der (bereits geplanten) Mauer gesagt.
Das Haus enthält heute das Bundesfinanzministerium - und eine ganz andere Art der Geschichtsschreibung: Statt tausender Texttafeln hängt ein Comic am Zaun. Der erzählt die Geschichte eines Vaters, der im Haus der Ministerien arbeitete, dort aber gar nicht mal so glücklich war. Mit seiner Familie entkam er auf völlig verrückte Weise: Nachts kletterten die drei aufs Dach und warfen ein Seil rüber zu ihren Helfern in Westberlin. Sie flohen im Prinzip mit einer selbstgebauten Seilbahn, wie man sie heute in Kletterparks findet. Und das Beste: Die Grenzsoldaten beobachteten sie und gingen davon aus, dass alles schon seine Richtigkeit haben wird - wenn die vom Ministerium starten, dann sind das wahrscheinlich Geheimagenten, die in den Westen geschleust werden.
(Wäre es sehr pietätlos, wenn man die Seilbahn als Touristenattraktion wieder aufbaut? Ja, vermutlich schon...)

An der nächsten Kreuzung wechselt die Farbgebung zurück von Grau zu Kunterbunt. Auf diesem Platz können die Besucher Currywurst futtern oder mit dem ersten Ballon aufsteigen (also quasi, eigentlich ist der damals vorm Reichstag gestartet - und es ist auch nicht mehr derselbe Ballon). Ein Plakat wirbt dafür, die legendären Rosinenbomber zu retten. Anscheinend droht den US-Flugzeugen, die Westberlin während der sowjetischen Blockade versorgt haben, die Verschrottung.

Diese Ecke Berlins ist auch so bunt, weil sich der italienische Architekt Aldo Rossi mit verschiedenen Stilrichtungen ausgetobt hat.
Jetzt folgt der berühmteste Grenzübergang des Eisernen Vorhangs, obwohl oder gerade weil den kein Deutscher überschreiten konnte. Checkpoint Charlie war nur für Ausländer und Diplomaten bestimmt. Die ostdeutschen Grenzgebäude wurden vom neuen Grundstückseigentümer abgerissen, weil die Stadt sie nicht unter Denkmalschutz gestellt hat. Vom amerikanischen Grenzhäuschen gibt's immerhin einen Nachbau (am linken Rand). Das ist eine der wenigen wichtigen Stellen am Eisernen Vorhang, wo nur Überbleibsel von der Westseite stehen.

Aber keine Sorge, wer sich über die Ostseite informieren will, hat wahnsinnig viele Möglichkeiten. Das Haus am Checkpoint Charlie ist inmitten von Bauzäunen versteckt. Und gegenüber gibt's auch noch eine Outdoor-Ausstellung. Das schaffe ich doch gar nicht alles! 

Stattdessen entschied ich mich für das Asisi-Panorama, das klang am außergewöhnlichsten. Es befindet sich in einer Betonkuppel. Der Vorraum sah noch mehr oder weniger nach einem normalen Museum aus. Dann wechselte ich ins Zimmer nebenan.
Dunkelheit hüllte mich ein. Ich erkannte gerade so die Treppe zu einem Bauwerk, die aus so etwas wie Baugerüsten zu bestehen scheint - die Aussichtsplattform für Westberliner in der Bernauer Straße.
Walter Ulbrichts Stimme dringt aus der Finsternis. In voller Länge erklärt er den Journalisten, die eigentlich gar nicht so richtig danach gefragt haben, ob er eine Mauer bauen wolle. Tragische Musik ertönt. Dann taucht die Mauer auf. Sie scheint hinter einem depressiven Schleier aus Nieselregen zu liegen - vielleicht, weil meine Augen eine Art Foto erwartet haben, kein Gemälde. Dennoch sieht der Nieselregen und alles andere irgendwie realistisch aus.
Wenn Sie allerdings für dasselbe Geld ein fröhlicheres Asisi-Panorama mit mehreren Stockwerken begutachten wollen, welches Sie sogar zu 360 Grad umfängt, dann sind geben Sie sich vielleicht doch lieber das Pergamon-Panorama vom selben Künstler. Da kann man immerzu etwas neues entdecken, während man das Mauerpanorama doch recht schnell angeschaut hat.

In der Zimmerstraße starben Flüchtlinge auf besonders üble Weise. Einer wurde auf dem Niemandsland (das offiziell zum Osten gehörte) angeschossen. Die Uniformierten im Westen trauten sich nicht, die im Osten wollten ihm nicht sofort helfen. Erst nach einer halben Stunde kamen sie dann doch, und das war zu spät. Für diese Grausamkeit hagelte es Kritik gegen beide Seiten.

Der Axel-Springer-Verlag baute hier sein Glashaus direkt an der Grenze - mit voller Absicht, denn so konnten er Bildschirme mit kritischen Botschaften nach Ostberlin rüberblinken lassen. Davor schreitet die Statue des Grenzgängers (rechts unten) vorwärts, ein überraschend fröhliches Mahnmal. Gleich neben der Axel-Springer-Straße verläuft die Rudi-Dutschke-Straße. Wenn ich das richtig verstanden habe, waren der konservative Verlag, der Anführer der Studentenbewegung und die DDR-Führung durch eine Art seltsame Dreiecks-Hassliebe verbunden.

Ein paar Straßen weiter lag der nächste Grenzübergang, über den unter anderem die Post transportiert wurde. In der Prinzenstraße a.k.a. Heinrich-Heine-Straße versuchten drei Männer, in einem LKW durch drei Schranken zu brettern. Der Fahrer wurde tödlich angeschossen, aber er schaffte es noch, seine verletzten Beifahrer in den Westen zu bringen.
Anschließend wurde der Grenzübergang so umgebaut, dass fortan alle Autofahrer Slalom fahren mussten - eine ganz andere Lösung als die Monsterschranke am Grenzübergang von Duderstadt.

Dann lief die Mauer auf dem Luisenstädter Kanal entlang. Hier drohte immerhin niemand zu ertrinken. Der Kanal sollte eigentlich Baumaterial für neue Stadtteile heranbringen, aber er floss schon 1926 so langsam und stank dermaßen, dass die Berliner ihn doch lieber zuschütteten.
An seinem Ufer Straßenrand schnappten sich ein paar Jugendliche, die von den teuren Luxussanierungen im Westen angepisst waren, ein Haus. Das Künstlerhaus Bethanien wurde die Keimzelle der deutschen Hausbesetzer-Bewegung. Und außerdem ragte ein Zacken DDR hier nach Westberlin rein, der außerhalb der Mauern lag. Da waren hauptsächlich Obdachlose und Trinker unterwegs. Zumindest, bis der Türke Osman Kalin aufräumte, Gemüse anbaute und ein einfaches Sommerhaus zimmerte. Aus irgendeinem Grund hatte die DDR kein Problem damit.

Anschließend führt die Grenze nochmal hoch zur Spree, wo Künstler neben der schönsten Brücke Berlins die größte Freiluftgalerie der Welt auf die Mauer gemalt haben. Erst dann geht es weiter in Richtung Süden und aus der Innenstadt hinaus.

Oh Gott, wie viele Züge hatte ich inzwischen sausen lassen? Ich musste zurück. Aber seitdem stand für mich fest: Der Mauerradweg kommt auf meine Liste.