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05 Juni 2025

Spree: Von Erkner nach Köpenick

Der aufmerksame Leser wird sich wundern: Hö, wieso sind da immer noch drei Tage übrig? Hat der Trottel echt so lange durch Berlin gebraucht, so zäh kann der Verkehr dort nun auch wieder nicht gewesen sein?
Nein, war er nicht (nur fast). Diese kurzen Berliner Spreetappen bin ich während eines Wochenendbesuchs, einer Berliner-Mauer- und einer Havelradtour gefahren, daher die Zersplitterung. Aber es ist nicht so, als gäbe es nichts zu erzählen über die kurzen Stückchen.


Erkner hat auch seinen eigenen See, der Dämeritzsee versteckt sich aber lieber hinter modernen Villen. So richtig bekam ich ihn erst zu Gesicht, als die Spree schon wieder rausfloss. Wobei, eigentlich auch da nicht so richtig. Macht nix, der nächste kugelrundliche See folgt sogleich. Das Land an der sogenannten Müggelspree zwischen den Seen war mal eine Sumpflandschaft, quasi eine Art Mini-Spreewald. In den 20ern wurde das alles mit Kanälen trockengelegt und Neu-Venedig genannt, was noch am ehesten von den Grundstückspreisen her passen könnte.


Am Müggelsee wollte ich nichts dem Zufall überlassen und verließ die empfohlene Strecke, um mir die zweite annähernd kugelrunde Wasserfläche anzuschauen.
Damit überließ ich aber etwas ganz anderes dem Zufall.
Nämlich die Tatsache, ob sich unter meinen Reifen fester Boden befindet oder doch purer Strandsand.
Ein paar Sportboote lagen im Hafen, doch ansonsten war es erstaunlich ruhig. Sollte hier nicht schon mehr los sein, an einem solch schönen Strand nah an der Metropole?

Der Radweg ist eigentlich super ausgebaut, wenn man bereit ist, etwas Abstand zum See zu halten. Die Waldstraßen und Radwege kurven fast vollkommen flach über den Blätterboden und um die schlanken Säulen der Laubbäume.
Schwer zu glauben, dass sich gleich nebenan ein Berg mit dem Müggelturm befinden soll. Der alte Müggelturm ist 1958 abgebrannt, aber ein paar Kunststudenten haben gleich einen neuen Entwurf für das beliebte Ausflugsziel gewagt. Hm, da könnte ich ja eigentlich wirklich mal hoch... ah nee, Google sagt, is schon zu. Außerdem klagen die Bewertungen über einen furchtbaren baulichen Zustand und das seit ein paar Monaten geschlossene Café. Nein danke, das klingt mir verdächtig nach dem gruseligen Bayernturm von Zimmerau...

Später rückt der Radweg näher an den Gehweg und die kleinen Grasstrände heran.

Als die Spree den Müggelsee wieder verließ, habe ich meinen Weg ebenfalls verlassen, um mir eine kleine Besonderheit anzuschauen - den ersten Tunnel unter der Spree. Wenn auch nicht der einzige, in Berlin-Mitte gibt es definitiv einen Eisenbahntunnel, mehrere U-Bahn-Tunnel und wahrscheinlich auch mindestens einen Straßentunnel. Aber die lassen sich mit dem Spreetunnel nur sehr bedingt vergleichen.
Erst einmal war er ganz schön schwer zu finden unter den ausladenden Baumkronen. Ich schob die letzten Zweige zur Seite, und auf einmal klaffte ein archaisches Treppenmaul vor mir auf, aus dem hysterische Geigenmusik hallte.
What?
Neugierig und fast gar nicht beunruhigt stieg ich die Stufen hinunter in den niedrigen Tunnel, der zu 80 Prozent von Graffiti, zu 15 Prozent von Patina (eine genauere Untersuchung wurde aus Selbstschutzgründen abgebrochen) und zu 5 Prozent von bröckelndem Stein zusammengehalten wird. So, nun müsste ich aber gleich... nee, noch mehr Stufen, aber gleich... jap, nun bin ich ganz unten angekommen.
In dem niedrigen Gang befand sich keine Menschenseele außer einem bärtigen Violinisten, der sich mit all seiner Kraft und Leidenschaft in rasendem Tempo (auf jeden Fall deutlich schneller als mein heutiges Tempo) die Seele aus dem Leib geigte.
Dit is Berlin, dachte ich mir.
"Das ist Berlin", lachte später auch mein Gastgeber.
Dit is Berlin, denkt sich da wahrscheinlich jeder, sogar jene, die bisher noch nie wirklich was mit der Stadt zu tun hatten.

Eigentlich musste ich überhaupt nicht unter der Spree durch, sondern einfach immer derselben Straße bis rein nach Köpenick folgen. Berlin-Köpenick ist so was wie das östliche Gegenstück zu Berlin-Spandau: Eine kleine Altstadtinsel in einer Flussmündung und eine der drei mittelalterlichen Keimzellen Berlins.
Die Dahme mündet in die Spree (guck an, es gibt also doch einen Spree-Nebenfluss mit eigenem Radweg) und bildet ein dickes nasses Dreieck, das in der Abenddämmerung und den Lichtern der Stadt violett schimmerte. Das beobachtete ich eine Weile in einem Rosengarten am Ufer (sogar der hatte Patina), während ich mich vor einem Regenschauer versteckte. Zwischen den Wohnblocks in meinem Rücken herrschte die gesetzlich vorgeschriebene Nachtruhe, das hatte so gar nichts von der ach so gefährlichen Stadt, in der ich mich laut der CSU befand. Wie ich später von meinem Gastgeber hörte, war die Nahverkehrsanbindung nach Köpenick gerade äußerst bescheiden ("Von A nach B ist keine gute Idee."), und es hatte fast den Anschein, als hätten die Berliner diesen schwer erreichbaren Stadtteil am Rande irgendwie vergessen.

Die Altstadt selbst ist, ähnlich wie in Spandau, nicht superhistorisch und darüber hinaus weitgehend gefüllt mit Baustelle vier. Unter den (ehemals) weißen Häusern sticht die märkische Backsteingotik am Rathaus umso deutlicher hervor, wie eine Mini-Version des Roten Rathauses im Zentrum. Sogar die kleinen weißen Flächen zwischen den Ziegeln wirken wesentliche weißer als die komplett "weißen" Häuser.
Aus dem Rathaus schreitet eine Figur des bekanntesten Köpenickers, der bisher auch das einzige war, was ich mit Köpenick in Verbindung gebracht hatte. Sein Name war Wilhelm Voigt, Schuhmacher, Dieb und Urkundenfälscher. Nach Jahren im Gefängnis wollte er sein Leben in den Griff bekommen und fand ordentliche Arbeit. Dummerweise bekam das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin Wind von seinen Vorstrafen und verwies ihn des Landes. Er zog in die Nähe von Berlin - dasselbe Spiel wiederholte sich. Der rehabilitationswillige Wilhelm hatte genug. Er kaufte sich an verschiedenen Stellen eine Hauptmannsuniform zusammen. Am 16.10.1906 ging er, als Hauptmann verkleidet, zu einer Militärbadeanstalt und befahl elf Soldaten, mitzukommen, Kabinettsorder. Sie folgten ihrem Befehlshaber gehorsam in die Stadtbahn ("Es war mir nicht möglich, Kraftwagen zu requirieren.") und ins Köpenicker Rathaus.
An dieser Stelle gibt es zwei Versionen. Mein Reiseführer, Voigts Autobiographie, das Theaterstück und der Film mit Heinz Rühmann behaupten, er wollte sich eigentlich nur einen Pass ausstellen lassen, den er als Vorbestrafter aus bürokratischen Gründen nicht bekommen konnte, und im Ausland endlich ein gesetzestreues Leben beginnen. Dagegen sprechen einige Gründe, zum Beispiel, dass in diesem Rathaus überhaupt keine Pässe ausgestellt wurden, was ihm bei seinen umfangreichen Vorbereitungen eigentlich hätte auffallen müssen. Laut Wikipedia hatte er deshalb von Anfang an vor, das zu tun, was er am Ende tat: Den Bürgermeister, Oberstadtsekretär und Polizeichef verhaften und die Stadtkasse "beschlagnahmen." Während er mit besagter Kasse in die Bahn stieg, hielten die loyalen Soldaten weiter das Rathaus besetzt. Erst zehn Tage später verpfiff ein ehemaliger Zellengenosse den Hauptmann von Köpenick an die Polizei.
Die Richter kauften ihm die Passgeschichte nicht ab, was es umso überraschender macht, wie viel Verständnis sie für den Mann zeigten, der offensichtlich versucht hatte, ehrlich zu leben, und ohne eigene Schuld daran gehindert worden war. Der Hauptmann von Köpenick hatte eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Eigentlich hatte er die Schwächen des preußischen Gehorsams offengelegt, aber Kaiser Wilhelm checkte das nicht so richtig, und war im Gegenteil sogar auf verquere Weise stolz auf den amüsanten Vorfall. ("Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!") So stolz, dass er den Hauptmann von Köpenick begnadigte. Nach seiner Freilassung war er ein Star und konnte von Bühnenauftritten leben (also der Hauptmann von Köpenick, nicht der Kaiser).

Die anderen preußischen Ereignisse aus Köpenick sind weniger witzig. Am 1. Mai 1933 weigerten sich die Köpenicker Arbeiter, zu Naziparolen zu marschieren. Darauf folgte Ende Juni die Köpenicker Blutwoche, bei der die SA überall linke Regimegegner verschwinden ließ - ein Testlauf, um die Fähigkeit des deutschen Volkes beim Wegsehen einzuschätzen.

Am Ufer der Dahme steht ein weißes, barockes und unvollendetes Stuckschloss, das in jetziger Form für den Soldatenkönig Friedrich I. gebaut wurde. Über die Zugbrücke konnte ich den Innenhof und den Garten besichtigen, aber die paar kugelrund zurechtgeschnittenen Hecken waren nicht übermäßig spannend. Ganz anders das dramatischste Ereignis, das in diesem Schloss stattfand, der Kronprinzenprozess.
Der Sohn des Soldatenkönigs und spätere König Friedrich II. war sehr unglücklich unter seinem tyrannischen Vater, der seinen Tagesablauf genau eintaktete (7 Minuten fürs Frühstück) und sowohl seinen Sohn als auch dessen Lehrer verprügeln ließ, wenn er mitbekam, dass der Junge heimlich ein bisschen Latein und Literatur statt Militär- und Wirtschaftswissen gelernt hatte. Dann lernte der junge Friedrich einen acht Jahre älteren Leutnant namens Hans Hermann von Katte kennen, der sich ebenfalls für Dichtung und Flötenspiel interessierte. Weil er sich nicht anders zu helfen wusste, versuchte der Prinz mehrfach, mit seinem Freund ins Ausland zu fliehen und scheiterte jedes Mal am zu loyalen (oder zu ängstlichen) Personal seines Vaters. Nach dem letzten Versuch bekam der König einen Brief seines Sohnes an Hermann von Katte in die Hände, und mit diesem Beweismittel konnte er sie beide endlich im Köpenicker Schloss vors Militärgericht bringen. Der Prozess begann damit, dass Friedrich I. Hermann von Katte erst einmal persönlich brutal verprügelte. Die (vermutlich etwas blassen) Richter erklärten sich als allererstes für nicht zuständig, was den Thronfolger anging, und verurteilten dann Katte wegen Desertion zu lebenslanger Festungshaft. Woraufhin der König ihnen nahelegte, sie sollten sich nochmal zusammensetzen und das Urteil überdenken. Als die Richter dabei blieben, wandelte der König persönlich das Urteil in eine Todesstrafe um.
Als der Prinz das Urteil hörte, fiel er in Ohnmacht.
Man steckte beide Freunde in dieselbe braune Kleidung, damit der Prinz glaubte, auch er würde sterben. Stattdessen war er gezwungen zuzusehen, wie sein Freund mit dem Schwert enthauptet wurde.

So weit, so tragisch. Ein Heranwachsender, das auf diese Weise seinen engsten Freund verliert, ist in jedem Fall fürs Leben gezeichnet.
Dennoch bleibt die Frage: Wie nahe standen sich diese beiden Freunde nun eigentlich wirklich? Die Anzeichen sind da, dass zwischen ihnen was lief. Zum Beispiel Friedrichs Schwester, laut der Katte ihren Bruder weg von einem "anständigen Leben" hin zu "Verirrungen" trieb.
Natürlich sind wir wie alle Generationen nicht frei davon, die Geschichte durch die Augen unserer Zeit zu deuten, und mit Sicherheit können wir das sowieso nie wissen. Ich sag mal so: Wer jede enge Freundschaft mit Ausrufen wie „Wie unglücklich bin ich, mein lieber Katte, ich bin schuld an Ihrem Tod, wäre ich doch um Gottes Willen an Ihrer Stelle!“ - „Ach, Monseigneur, hätte ich tausend Leben, ich opferte sie Ihnen.“ als Liebesbeziehung interpretiert, der wird wohl in manchen Fällen falsch liegen, aber in manchen Fällen sicherlich auch richtig.

04 Juni 2025

Spree: Von Trebatsch nach Erkner

Ich habe Hunger. Da stand doch gestern Abend mindestens ein Symbol für Hier gibt's Essen auf dem Schild, oder?


In der Tat. Der kurz angebundene Bäcker von Trebatsch rührte mir auf anrührende Weise ein Bäckerührei an, das ich auf der Terasse verspeisen konnte, während einzelne Trebatscher zum Zeitung- und Brötchenholen eintrudelten. Soo viel Strecke war nun auch nicht mehr übrig, daher verbrachte ich den heutigen Morgen relativ gechillt.

Als erstes bin ich schnurstracks gen Norden gedüst, neben dem geraden Radweg verlief eine ebenso gerade Straße. Der Wald wird wieder feuchter und belaubter.

Mitten auf dieser Strecke ragt die Stadtmauer von Beeskow empor, diese komplett rechtwinklige Stadt sieht aber von außen historischer aus als von innen. Beeskow soll die komplette Industrialisierung verschlafen und sich dadurch den "Kleinstadtcharakter bewahrt" haben... ja, das glaube ich gern.

Allerdings stand Beeskow an einem wichtigen Spreeübergang. Ansonsten ist die Spree viel zu breit zum Übergehen: Sie fließt durch den Schwielochsee und ein paar andere längliche, norddeutsche Spreeseen, von denen ich aber kaum etwas zu seen bekam.

So hätte es gern den ganzen Tag weitergehen können, und wäre es so weitergegangen, dann hätte ich mein Ziel sicher schon um 16 Uhr erreicht. Stattdessen: Baustellen. Der erste Uferweg wurde gerade neu gemacht, die Bäume waren zum Schutz vor außer Kontrolle geratenen Baggerschaufeln in Holzkorsetts gepackt. Ein unerschrockener Radrentner raste da trotzdem durch, ich umschob einige fleißige Baumaschinen auf der Wiese. Soo viel Flussufer gab es da am Ende auch nicht, eigentlich hätte ich ebenso gut die Umleitung durch ganz andere Dörfer nehmen können.

An der Kersdorfer Schleuse endete Baustelle1. Ein Kanal verbindet die Spree und den Kersdorfer See mit der Oder. Wer sich hier durchschleusen will, muss in die Sprechanlage sprechen und die Öffnungszeiten beachten (in der Nebensaison nur von 8 bis 17:30 Uhr). Naja, wenn die Berliner Paddler Abends um 17:45 hier stehen, können sie ja immer noch außenrum tragen.
Die DDR nahm im alten Forsthaus am See heimlich RAF-Aussteiger aus den Westen auf. Sie wurden umgeschult ("Sie sind jetzt bei den Guten, also bitte hier keine Politiker abmurksen.") und bekamen eine neue Identität.

Dann bin ich auch schon an der Regionalbahnlinie Magdeburg-Berlin-Frankfurt (Oder) rausgekommen, ab jetzt geht es nach Westen.
Auf dieser Strecke liegt Fürstenwalde. In dieser Stadt hat die Firma Pintsch Leuchttürme für die Ostsee zusammengeschweißt, darum steht einer vor dem Museum.

Soll ich da jetzt wirklich noch reinfahren, um mir den Dom anzuschauen? Es haben doch so viele Städte eine große Kirche, als ob die in Fürstenwalde da jetzt so einzigart... oh.
Dieser Dom ist einzigartig und gehört zusammen mit Havelberg und Brandenburg/Havel zu den drei märkischen Domen. Und zugleich zur verbreiteten Kategorie Lasst-uns-die-Löcher-im-kaputten-Bauwerk-so-modern-zubauen-dass-eine-malerische Ruine-quasi-im-Gebäude-inkludiert-ist. Und das sah so aus:
Ich lief durch eine Glaswand (also, durch die Glastür, um genau zu sein) und unter einer weißen Empore hindurch - hinein in einem Backsteinraum, der heute wahrscheinlich viel weiter wirkt als früher. Der Grund dafür sind die Säulen, denn die enden einfach so und stehen abgeschnitten in der Gegend herum. Ihre ursprüngliche Aufgabe des Stützens ist überflüssig geworden, denn das neue Holzdach trägt sich problemlos selbst. So können sich die Säulen ganz auf den eigentlichen Sinn ihrer Existenz konzentrieren: So stehen, dass der Blick nach vorn ausgerechnet von Ihrem Sitzplatz aus blockiert ist.
Das wurde doch bestimmt erst nach der Wende (quasi postwendend, höhö) wieder aufgebaut, oder? Jein, eigentlich stand der Plan schon vorher, und die Wiedervereinigung brachte nur die ganze Budgetplanung (4,5 Millionen DDR-Mark und 1,5... was zur Hölle sind Valutamark?) durcheinander.

Kurz konnte ich in einem Park am Ufer fahren, dann vereinnahmte Baustelle2 den nächsten Uferweg. Das war wirklich schade, da ging es lange am Wasser lang. 
Die Spree hat jetzt etwas von einem Kanal, immerhin ist sie nun selbst die Wasserstraße zwischen Oder und Berlin. Kein Wunder, dass schon 1840 das gefährliche Wildbaden durch eine Militärbadeanstalt ("Ab einer Wassertiefe von 1,5 m beginnt der Soldat selbstständig mit Schwimmbewegungen.") ersetzt wurde. Aber ich bin stattdessen auf dem deutlich stärker frequentierten Asphaltkanal für Autos gefahren, seufz.

Zum Glück ist der Spree diese Verkehrsachse auch zu laut, sie knickt in Mönchwinkel im 45-Grad-Winkel ab und schiebt einen Bogen in Richtung Süden ein. Puh, endlich Stille. Und das mitten im Dorf. Campingkocher raus, Zeit für's Mittag. Sogar das Flusswasser für den Abwasch war in Reichweite.

Dass der Bogen nach Süden wieder aus Dörferzickzack besteht, störte mich also eher weniger.
In Neu Hartmannsdorf sollte es noch eine weitere besondere Kirche geben. Ob ich hier mehr Glück habe als im gestrigen Hartmannsdorf? Immerhin passiere ich die besonderen Kirchen heute mitten am Tag, da muss doch mal was klappen.
Die fragliche Kirche war von außen in sehr unauffälligem Zahnarztgrün gestrichen. Vor dem Portal führte ein tüchtiger Inquisitor gerade ketzerisches Unkraut den Flammen der Hölle zu. Ich näherte mich daher mit der gebotenen Vorsicht und fragte sehr höflich, ob die Kirche wohl geöffnet sei. Natürlich, lautetet die freundliche Antwort, er senkte seinen Flammenwerfer und ließ mich gern hinein.

Das erste, was mir an der Kirche auffiel, war der Geruch. Sie roch wahnsinnig gut. Nicht nach Weihrauch oder dergleichen, sondern nach Wachs. Bienenwachs. Viel mehr Bienenwachs als nur ein paar Kerzen. Der achteckige Altar aus Bienenwachs entpuppte sich als eher unauffälliges Wachstischchen vor dem Hintergrund, das auch die komplette Wand dahinter gewachst war. 1993 hat diese Kirchgemeinde den Vers „Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus.“ (2. Petrus 3, 18) mal ganz anders interpretiert. Am Eingang der Hoffnungskirche a.k.a. Honigkirche gibt es Blüten, betende Hände und Kreuze mit Psalmen zu kaufen, alles aus Wachs.
Die Wachswand hat etwas Unwirkliches. Blütenpollen wurden beigemischt, Nasen aus Wachs sind daran herunterlaufen und zu einer unregelmäßigen Oberfläche erstarrt. Aber was ist das? Da sind ja Buchstaben im Wachs eingekratzt und eingeschlossen, ganze Worte... VERGEBUNG, NOT, BEGNADIGT, SCHULD... das ganze Werk sieht aus wie ein Portal in ein Paralleluniversum, in dem eine riesige Bienenkönigin eine christliche Theokratie errichtet hat.
Ist mir aber egal, solange es dort so gut riecht.

Das weltliche Symbol von Hartmannsdorf 2.0 ist eine Basketball spielende Spreejungfrau.

Im letzten Wald des Tages hat irgendein künstlerisch abgedrehter Mensch einen Haufen Skulpturen abgestellt, und dazu folgenden Hinweis:
Ihr könnt hier rasten und auch quatschen,
doch keine bösen Sachen machen.
Seid so lieb und so nett
schmeißt euren Müll auch hier nicht weg!
AAH! Die aus Baumstümpfen geschnitzten Zwerge ziehen qualvolle Grimassen unter dieser vogonischen Dichtkunst. Bitte sei so lieb und so nett und bleib bei der Bildhauerei, das kannst du, danke.

Erkner ist die letzte brandenburgische Stadt und besteht eigentlich nur aus einer endlosen Shoppingstraße mit Baustelle Nr. 3, an der ich ewig vorbeischieben musste. Zwei botanische Sehenswürdigkeiten ducken sich nebeneinander in eine Ecke: Die Blumenuhr (nein, es war nicht erst zwölf Uhr) und ein Maulbeerbaum. Er ist das letzte Überbleibsel der Maulbeerplantagen, die es einstmals um Berlin herum gab. Friedrich II. wollte darin Seidenraupen züchten, um sich von Importen aus Asien unabhängig zu machen. Die Plantage wurde ein ökonomisches Desaster. Wie sich herausstellte, war es eine schlechte Idee, in Brandenburg exotische Bäume anzupflanzen und dann zu erwarten, dass die richtig gedeihen, während der Boden mehrfach von Kriegen verwüstet wird.
Erfolgreicher war da die Teeindustrie aus Erkner. Das mit den Verwüstungen wurde leider nur noch schlimmer: Von 1945 bis in die 70er war der Stadtkern nur eine "Barackenstadt".

So, das war der zweite große Fluss quer durch Brandenburg. Und auch ohne den Berliner Teil kann ich an dieser Stelle schon mal sagen: Ich glaube, die Spree hat mir tatsächlich besser gefallen als die Havel.
Bin selbst überrascht.

17 Juni 2023

Inselsee

Inselsee & Sumpfsee
Zwischen den Zitrusringen - Wen man straflos stalken darf - Eine Insel mit zwei Zäunen - So erziehen Sie Ihr Kind zu einem guten Sklaven - Der spontane See und seine Bewohner - Wahl ohne Qual - Ehre sei dem Kaffee und dem Tee und der heiligen Milch - Blutspende am Ende - Rasender Radler, Versteckter Schwimmer und andere Partizipien

Die Sonne scheint, ich besuche meine Familie, das heißt: Zeit für eine Mecklenburger Seentour! Wo darf es hingehen, welche fehlen uns noch? Der Malchiner See? Die Feldberger Seen? Ach nö, wir sind alle bisschen spät aufgestanden und die sind so weit weg und bei den Benzinpreisen... machen wir einfach entspannt den kleinen Güstrower Inselsee.

Der Mühlengraben erinnerte mich an die Wasserläufe von Bützow, die aber keine so netten Radwege haben. Er verbindet die Stadt Güstrow mit ihrem See, an seinem Ufer verläuft auch der Radweg Berlin-Kopenhagen. Wir starteten in der Nähe des Wildparks auf einen Kiesweg. Sofort stellten wir fest: Dieser See ist reich an Gräben und hölzernen Bootshäusern.

Ein gelber Ring aus Raps umschließt den See. Irgendwo dahinter sind manchmal die Güstrower Kirchtürme zu erkennen.
Und in diesem Rapsring befindet sich ein schmaler, zugewachsener Buschring. Diese Büsche und der See bilden ein Natura-2000-Gebiet, weil da unterschiedliche Arten von Wiesen und Mooren drinstecken.

Was uns nur recht ist, solange wir in diesem grünen Ring fahren können. Und das können wir. Zwar nur auf schmalen Pfaden, dafür aber gleich auf mehreren. Die sich nach wenigen Metern aber wieder vereinigen.

Manche Familien schaffen es sogar, ihr Auto in den grünen Ring reinzuquetschen - wie auch immer das möglich ist.

Andere mögen es rustikaler und campen lieber - auch dabei stoßen sie auf gewisse Schwierigkeiten.

Boah, ist das heiß. Zeit für die erste Badepause. Der See ist mit dicht bewachsen, aber wie üblich hat der Röhricht Lücken, in denen sich eine traditionelle Mecklenburger Badestelle verbirgt: Eine Kante mit Erde, über die man ins Wasser watet, um dann zwischen dem Schilf rauszuschwimmen.
Der Inselsee hat einen angenehmen Boden und wird recht schnell tief. Man kann bis zu drei Meter tief sehen, erklärt ein Schild, was wohl heißt, dass er noch deutlich tiefer sein muss. Da unten lebt die seltene Armleuchteralge. Der Inselseebewohner schlechthin ist aber, soweit ich das beurteilen kann, die Libelle. Überall wirbelten die blauen Geschöpfe über dem Schilf dahin, wechselten von der einen auf die andere Seite, flohen vor dem polternd-platschenden Menschen. Manche hatten sich zu romantischen Zwecken direkt hintereinander auf ein Blatt gesetzt. Andere Libellen waren noch Single und guckten in den Röhricht.
Wo ist eigentlich meine wasserfeste Handyhülle? Nein, für gute Fotos bin ich zu laut und die Insekten zu scheu.

Soo, nun heiß der See ja Inselsee. Wo ist denn jetzt die Insel? Ich erinnere mich vage, wie ich in jungen Jahren einmal über die Güstrower Insel gelaufen bin - da ich gerade erst Jim Knopf gelesen hatte, fand ich es klasse, auch mal auf einer echten Insel von Lummerland-Größe zu sein. Selbst, wenn sie jetzt nicht im engeren Sinne im großen weiten Meer lag und auch keine so gut ausgebauten (beziehungsweise überhaupt keine) öffentlichen Verkehrsmittel hatte.
Die Insel heißt Schöninsel und beinhaltet einen alten slawischen Burgwall. Was wir hier sahen, war jedoch weniger schön.

Die Brücke war verrammelt und verriegelt. Warum, ist auch deutlich zu erkennen: An einigen Stellen sind die Bretter schon durchgebrochen. Das verschlossene Tor sich war nicht das Problem, denn jeder mit ein bisschen Gleichgewichtssinn konnte das Tor ganz easy an der Seite umgehen und den Bruchstellen ausweichen. Aber auch auf der Insel folgt nach wenigen Metern das nächste Tor, und irgendwo dahinter liegt das abgeschottete Haus von König Alfons, der ganz offensichtlich dringend möchte, dass sich alle von seiner Privatinsel verpissen - aber dann doch nicht so dringend, dass er deswegen Geld ausgeben würde, um die Schwachstelle seiner Verteidigungsanlagen zu beheben. Diese Insel wirft viele Fragen auf. Gibt es noch andere Schleichwege zu zugänglichen Teilen der Insel? Manche sagen ja, die Karte sagt nein, wir haben jedenfalls keine gefunden.
Ich war der einige, der sich die paar Schritte auf die Insel wagte. Auf der Brücke und auf dem Bootssteg direkt direkt daneben hatten sich jedoch eine Menge Menschen angefunden, die ungerührt angelten und ihr Bier tranken.
Die Familie am Ufer war bereits zu härteren Drogen übergegangen.
"Zigarette!", befahl der Vater.
"Muss ich erst drehen", entgegnete der Zehnjährige und sprang dienstbeflissen auf.
Hach, Güstrow, diese Stadt kann einem richtig ans Herz wachsen. Wie ein Tumor.

"Die Tour um den Inselsee ist so kurz, wollen wir nicht noch einen anderen machen?", schlug unser nichtrauchender Vater vor, während er die Kartenapp studierte. "Da hinten ist der, äh... Sumpfsee."
Klingt einladend, und das mit der kurzen Strecke ist völlig richtig, ich bin dabei! Wir kreuzten uns zwischen einer Tankstelle und dem schneeweißen Güstrower Ligusterweg hindurch - und fanden uns auf einer kahlen braunen Einöde wieder. Der Sumpfsee könnte auch Ackersee heißen. Ach, da hinten ist er ja endlich.

Als wir in den neuen Grüngürtel eintauchten, wurde der Sumpfsee seinem Namen doch noch gerecht: Das Wasser breitete sich bis über den Weg aus.

Der Sumpfsee wird vorwiegend von Schnecken bewohnt. Während die Schneckenhäuser an Land aktuell leerstehen (eine Schande bei der Situation auf dem Wohnungsmarkt), sind die schwarzen Seeschnecken quicklebendig.

Auf den Sumpf folgt der Sand: In brütender Hitze schleppten wir uns durch die Dünen am Waldesrand. Diesen Weg fanden wir nicht besonders schaf.

Wer näher am See bleiben will, muss an den Windrädern links abbiegen. Dieser Sandweg sieht aber nicht viel besser aus. Nein danke, wir nehmen die leichtere Variante.

Die Bauern in Bülow sind aktuell möglicherweise besser ausgerüstet als die Bundeswehr.

Wir bogen vom Bundesstraßenradweg ab nach Ganschow. Das Dorf ist bekannt für seine Pferderennen und landwirtschaftlichen Messen. Aber wir müssen die Gestüte wohl irgendwie umfahren haben, denn alles, was wir sahen, waren Ziegen in allen Farbschattierungen. Außer Gelb, die Farbe übernahmen stattdessen die Fachwerkhäuschen.

Mit unserer Mutter unterwegs zu sein, heißt, unterwegs mindestens eine Kirche mit Friedhof zu besichtigen. Ist ja auch oft das einzige, was die Dörfer zum Besichtigen haben.
Ein schattiges, leeres Sträßchen brachte uns nach Lohmen. Dort empfing uns die Dorfkirche mit offenen Türen (also quasi, eigentlich mussten wir sie selbst öffnen). Sie besteht wie die meisten Mecklenburger Dorfkirchen aus Feldsteinen aus dem 13. Jahrhundert. Und wie viele Mecklenburger Dorfkirchen hat sie später einen Fachwerkturm bekommen, als die Menschen herausfanden, dass runde Steine superviel Mörtel verbrauchen und eventuell gar nicht mal das allerbeste Baumaterial darstellen.

Da führt eine Treppe hoch - ob man da auf den Turm kommt? Nee, erstmal nur zur Empore. Wer noch höher will, muss die gut getarnte Falltür (im linken Bild oben rechts) aufkriegen und da irgendwie hochkommen. Ui, das ist ja sogar noch abenteuerlicher als der Göttinger Jacobikirchturm, nee danke.
Dann fiel uns etwas Seltsames auf. Wo eigentlich die Orgel stehen sollte, befindet sich nun eine Teeküche. Natürlich ist Tee etwas Wunderbares, aber ob das Brodeln und Klicken eine Wasserkochers wirklich Orgelmusik ersetzen kann? Natürlich nicht. Die Lütkemüller-Orgel wurde nach unten verschoben, als man sie zum neuen Jahrtausend renoviert hat. (Mit neuem Jahrtausend meine ich natürlich das Jahr 2000. Im Jahr 1000 sollte es noch 890 Jahre dauern, bis die Orgel überhaupt existierte.) Wahrscheinlich kommen nicht mehr soo viele Besucher in die Kirche, sodass unten genug Platz ist und niemand mehr auf der Empore sitzt - warum sollte man also unnötigen Abstand zwischen die Menschen und die Musik bringen?

Zurück an der Bundesstraße erwarteten uns die größten Hügel der Strecke, aber der Asphalt machte sie trotzdem viel einfacher als die Sandhügel vorhin. Ab und zu funkelt hinter den Kuhweiden der blaue Inselsee.

Kurz vor dem Ziel erwartet uns der Uitkiek. Das ist der einige Aussichtsturm am Inselsee. Genau genommen steht er nicht mal wirklich am Inselsee, sondern ein Stückchen entfernt im Wald. Das ist einerseits toll, denn oben auf dem Berg und nach vier Metalltreppen, reicht der Blick ziemlich weit, deutlich über den See hinaus zur Güstrower Skyline. (In die andere Richtung dagegen endet der Blick nach wenigen Metern an einer grünen Nadelwand.)
Doch wer sich diesen Blick sehen will, muss dafür bezahlen. Nicht mit Geld, der Uitkiek ist gratis. Stattdessen war anscheinend Lord Voldemort da, hat hier einen Horkrux verbuddelt und eine (wie Dumbledore sagen würde, primitive) Bezahlschranke installiert. Der Preis wird in Blut bezahlt. Zuständig sind hierfür die Mücken. Sie ließen mich zunächst gutgläubig in ihr Refugium radeln. Doch sobald ich länger als 0,3 Sekunden am selben Ort stehenblieb, kam der Schwarm von allen Seiten und fiel gierig über mich her wie ein Finanzamt auf Ecstasy. Ich rannte um mein, naja, nicht mein Leben, aber um mein wertvolles Gruppe-Null-Blut.

Damit wären wir im spaßigen Stadtviertel Güstrow-Schabernack angekommen. Statt an der Straße radeln wir hier an einer Pferdekoppel und dann am Seeufer. Hier stoßen wir auch wieder auf den Radfernweg Berlin-Kopenhagen, der in Richtung Krakow abzweigt.
Der wohl berühmteste Güstrower ist der Bildhauer Ernst Barlach. Er hämmerte und goss ausdrucksstarke Skulpturen im Partizip I: Lesender Klosterschüler, Lachende Alte und natürlich, am bekanntesten, Der Schwebende. Letzterer hängt an der Decke des Güstrower Doms ab, die meisten Werke jedoch verbergen sich in einer modernen Galerie aus Efeu und Beton, direkt am Seeufer in Schabernack. Während meiner allerersten Klassenfahrt marschierten wir alle brav ungefähr 129 Kilometer vom Reisebus bis hierher, um uns Ernst Barlachs große und kleine Gestalten erklären zu lassen. Die Führung war sogar einigermaßen kindgerecht, obwohl die meisten Figuren etwas Düsteres, oder naja, zumindest Melancholisches haben. Auf jeden Fall passen sie sehr gut zum Vornamen des Künstlers und sehr schlecht zum Namen des Stadtteils.

Dahinter war es Zeit für das letzte Bad des Tages. Die größte Badestelle am See ist ausgestattet mit einem Steg und einer Schwimminsel. Nanu, ist da unterm Steg etwa ein Hohlraum? Wir tauchten hinein und stellten fest: In diesem Versteck kann man sogar atmen. Ideal zum Versteckenspielen, als Fluchtort vor den Eltern, die loswollen, oder für tragische Badeunfälle.
Am Imbiss ergatterten wir noch die letzte Currywurst des Tages, die uns Treibstoff für die letzten Meter bis zum Parkplatz lieferte.

13 Juni 2015

Schweriner Außensee

 Tag 2: Die Außense(e)ite

gefahren im: Oktober 2021
Start & Ziel: Rampe, Sackgasse am Radweg
Länge: 35 km
Seequerungen: 1 (Brücke und Damm)
Landschaft: Weiden und Wald
Wegbeschaffenheit: erst super Radweg, dann wilder Matschpfad oder Straße
Steigungen: wenige bei Willigrad
Wetter: grau mit einzelnen Tropfen
Wind: angeblich Böen bis 50 km/h, aber nur auf dem letzten Stück zu spüren
Highlight: Fischimbiss Hohen Viecheln
Größte Hürde: gerissene Kette im Matsch
Zitat des Tages: "Zwei junge Männer aus Hohen Viecheln wollten sich nachts aus dem Aalfang mit frischem Aal versorgen. Da bemerkten Sie auf der Erdschanze hinter dem Wallensteingraben ein Lagerfeuer und in seinem Schein schwedische Uniformen."
-Hinweistafel zur Schwedenschanze am Niklot-Pfad-

1. Fahren Sie nun um die nördliche Hälfte vom Schweriner See. Meistens nennt sich so was Obersee, aber die Schweriner haben ihn Außensee genannt, weil er an ihrer Außenstadt... nee, das Wort gibts gar nicht. Der See grenzt tatsächlich noch an Wickendorf, einen offiziellen Stadtteil Schwerins.
Wenn Sie sich gleich zu beginn das Sahnestück des Rundwegs gönnen wollen, nehmen Sie zuerst den Radweg am Ostufer.

Bewundern Sie den Weidenweg mit Hagebutten. Auch wenn Sie hier schnell vorankommen, vergessen Sie nicht, ab und zu einen Blick auf den See zu werfen, wenn er sich zwischen den Pflanzen zeigt. Er sieht ganz anders aus als der Außensee, trüb und grau statt klar und blau. Das könnte aber daran liegen, dass inzwischen ein halbes Jahr vergangen und der Herbst eingezogen ist. Auf den stürmischen Wellen sind sogar Windsurfer unterwegs.

2. Fahren Sie am Campingplatz von Flessenow geradeaus weiter, bis Ihnen auffällt, dass Sie auf eine Sackgasse zusteuern.


Sollten Sie nur mit Ihrem Vater unterwegs sein, nutzen Sie die Gelegenheit für eine echte Männertour. Neben schnellerem Tempo gehört dazu auch furchtloses Experimentieren mit Abkürzungen quer durch Schrebergärten und Sümpfe.

In diesem Sumpf haben sich siegreiche Soldaten aus Belarus am Ende des Zweiten Weltkriegs traditionelle Blockhütten gebaut. Einige Monate später wurden die Hütten als Quarantänelager benutzt, in dem 235 Menschen starben.


3. Finden Sie den richtigen Weg wieder und entdecken Sie den Langen See und den Döpen. Diese wunderbaren Wasserflächen entstanden aus Toteis am Ende der Eiszeit und verstecken sich nun tief im Wald.

Lesen Sie sich sämtliche Metalltafeln auf dem Niklot-Pfad durch. Die Tafeln informieren über die Überreste historischer Stätten, wobei es deutlich mehr Tafeln als Überreste gibt. Im Grunde besteht der Niklot-Pfad fast nur aus Findlingen und Metalltafeln.
Der dickste Findling steht da, wo der Slawenfürst Niklot seine wichtigste Burg in den Sumpf gebaut hat. Die Burg von Dobin konnte Kreuzzügen aus Dänemark und Sachsen gleichzeitig standhalten. Damit die Belagerer endgültig abzogen, musste Niklot aber einen Kompromiss aushandeln und ein paar Leute taufen lassen. Trotzdem wurde er später an der Warnow nochmal richtig besiegt. Sein Geist soll hier je nach Quellenangabe alle 100 Jahre oder jede Nacht herumreiten.

4. Kehren Sie bei Hohen Viecheln zurück in die Gegenwart in Form der Bahntrasse Rostock-Hamburg.

Statten Sie der Gotischen Hallenkirche einen Besuch ab. Von außen sieht sie vielleicht ein wenig klobig und löchrig aus, zumal die Glocken in einem ollen Schuppen hängen, weil der Kirchturm nie fertiggebaut wurde.
Die Löcher stammen von Holzbalken, die ein Gerüst bildeten und nach dem Bau rausgezogen wurden. Ich habe aber noch nie so viele dieser Backsteinlöcher gesehen, die Hohen Viechelner waren bei der Sicherheit ihrer Baugerüste offenbar besonders vorsichtig.
Aber lassen Sie sich nicht von all dem täuschen.

Denn von innen ist die Kirche - wow! Die Säulen tragen Streifen aus glasierten Backsteinen. Normalerweise werden solche Steine nur draußen zum Angeben eingemauert, weil sie so teuer sind, doch die Hohen Viechelner sind nicht nur vorsichtig, sondern auch bescheiden und konzentrieren die ganze Pracht auf den Innenraum. Der ist auch noch super sauber und in Schuss. Ein Schild am Eingang macht Werbung für den Podcast des Pastors.

Gönnen Sie sich am Imbiss ein warmes Fischbrötchen, es lohnt sich. Passen Sie dabei auch gleich einen Regenschauer ab. Lesen Sie auf der Zeittafel, dass diese Fischerfamilie hier schon seit 1680 frische Fische fischt.

Fahren Sie lieber zur warmen Jahreszeit, denn der Außensee hat zahlreiche Badestellen. Viele sind mit Bänken ausgestattet, eine sogar mit einer blauen Schwimminsel.

5. Folgen Sie der Bahnstrecke durch den Wald und überqueren Sie den Wallensteingraben. Hier lebten bereits Steinzeitmenschen.
Im 16. Jahrhundert haben die Mecklenburger einen kleinen Kanal bis nach Wismar gebuddelt, sodass der Schweriner See plötzlich in die Ostsee und nicht mehr über Stör, Elde und Elbe in die Nordsee abgeflossen ist.

Einige Abenteurer paddeln auf diesem Weg vom Schweriner See in die Ostsee. Dabei stelle ich mir insbesondere die Stelle abenteuerlich vor, an der sie durch ein Gitter unter der Bahnstrecke durchmüssen.

Erobern Sie die Schwedenschanze! Das ist endlich mal ein historischer Ort, an dem ein klein wenig mehr zu sehen ist. 

Die Form des sternförmigen Walls ist noch gut zu erkennen. Seine Strahlen sind unterschiedlich lang und spitz, auf Symmetrie legten die Erbauer nicht viel Wert. Obendrauf wachsen Birken, hinten steht eine Bank mit schönem Seeblick.
Der Sage nach heißt das Ding Schwedenschanze, weil zwei Männer darauf schwedische Soldaten entdeckt und das Dorf gewarnt haben - die Schweden stockten ihre Armee damals unterwegs gerne per Zwangsrekrutierung auf.
Auf der Schanze waren also nie dauerhaft irgendwelche Schweden stationiert (selbst dass sie eine Nacht hier waren, ist nicht belegt). Die Schanze gehörte dem Mecklenburger Militär, das die Handelsroute vor Überfällen bewachen sollte. Also, jetzt nicht aus Barmherzigkeit mit den Händlern, sondern damit der Herzog in Schwerin genug Essen bekam.

5. Durchqueren Sie Bad Kleinen und ignorieren Sie die Schilder, die Sie über die Gleise leiten wollen - Sie können ebensogut auf dieser Seite bleiben. Fahren Sie vorbei an den Ruinen alter Bahnhofsgebäude und einem scheußlichen grauen Turm, in dem 50 Eigentumswohnungen entstehen sollen.

Obwohl Sie der Bahn eine Weile folgen, hat Bad Kleinen den einzigen Bahnhof an der Strecke. Er wurde mehrmals komplett umgebaut, damit ihn auch ja kein Reisender wiedererkennt, wobei 2017 auch denkmalgeschützte Gebäude abgerissen wurden. In einem Tunnel (der inzwischen durch eine Brücke mit bunten Fenstern ersetzt wurde) wollte die Polizei 1993 die letzten Terroristen der RAF festnehmen. Wolfgang Grams floh auf einen Bahnsteig und beging entweder Suizid oder wurde hingerichtet - suchen Sie sich die Variante aus, der Sie lieber glauben. Was hingegen feststeht: Die Polizei machte ein paar schlampige Fehler, stürmte wegen eines missverstandenen Funkspruchs zu früh los und beseitigte beim Aufräumen wichtige Spuren, weshalb sich die Todesumstände nicht mehr ganz sicher feststellen lassen.


Während der Industrialisierung beschlossen die Eisenbahner, dass Sie lieber keine Bahntrasse über den Paulsdamm mitten über den Schweriner See bauen wollen. Wegen dieser Entscheidung ist Bad Kleinen immer noch ein wichtiger Umsteigepunkt.
Wenn Sie mit der Bahn irgendwohin fahren wollen, bringen Sie ein wenig Geduld mit. Zum einen müssen Sie einen großen Umweg machen, denn der Bahnhof hat keinen direkten Zugang zum See. Zum anderen wird die Bahnstrecke zwischen Rostock und Hamburg aktuell durch Baustellen zerhackt, sodass noch mehr verwirrte Reisende hier stranden. So hat die Wurstbude am Bahnhof immer genug hungrige Kunden.

Passieren Sie die drei Tunnel am Außensee:

Der bunte Bahnhofsbrückentunnel - Der verstörende Eiertunnel - Der Parkpflanzentunnel
  

6. Am Westufer hat der See eine schwarze Steilküste, gegen die Wellen klatschen. Nun haben Sie die Wahl: Wollen Sie festen Boden unter den Rädern, folgen Sie den Schildern auf die obere Straße. Haben Sie Lust auf Abenteuer, dann folgen Sie der dubiosen Karte, die Sie sich ausgedruckt haben, auf den Weg unten am See.
Heben Sie Ihr Rad über zwei Bäume, schieben Sie durch schwarzen Schlamm. Jemand hat Teiles des Weges provisorisch befestigt, indem er einfach ganz viel Holz nebeneinandergelegt hat.

Falls Ihre Kette in diesem Wald reißen sollte, haben Sie ein Problem. Am gesamten Außensee gibts keine Fahrradwerkstatt, nicht mal in Bad Kleinen. Improvisieren Sie eine abenteuerliche Reparatur, die Ihre Kette bei vorsichtiger Fahrweise in niedrigen Gängen tatsächlich durchhält.
Biegen Sie das gerissene Kettenglied mit einer Zange auf, fädeln sie es wieder ein - und dann hämmern Sie es irgendwie fest. Halten Sie mit Ihrer ersten Hand die Kette mit der Zange fest, mit Ihrer zweiten Hand halten Sie einen schmalen Schraubendreher, damit ausschließlich die Niete plattgeklopft wird, und mit Ihrer dritten Hand hämmern Sie den Hammer auf den Schraubendreher. Sie haben keinen Hammer? Nun, dann suchen Sie einen geeigneten mittelgroßen Stein. Nein, nicht am Seeufer, da sind nur Kiesel. Aber mit viel Geduld werden Sie auf dem Waldboden fündig.

7. Verlassen Sie spätestens in Willigrad den Uferweg und radeln Sie das Ufer hoch - jetzt reicht es mit Abenteuern. Eine Etage höher erreichen Sie die Dorfstraße.

Umrunden Sie das Schloss Willigrad. Auch wenn die Kunstausstellung darin schon geschlossen hat, können Sie es sich von allen Seiten anschauen. Es sieht dem Schloss Klink an der Müritz zum Verwechseln ähnlich. Schon erstaunlich, was man mit nichts als Ziegelsteinen und weißer Farbe für eine prächtige Fassade basteln kann. Vor dem Schloss steht der Braunschweiger Löwe.

Würdigen Sie auch den Blick vom Schlosspark auf den See, denn auf den letzten Kilometern werden die Seeblicke eher selten. Ein paar winzige Insel ragen spitz und grün aus dem Wasser.

8. Sausen Sie entlang der Straße durch diverse Dörfer und Maisfelder bis zum Ziel, hier ist eh nichts Interessantes. Sollten Sie Gegenwind haben, werden Sie ihn nur auf diesem Abschnitt spüren, bisher hat die Landschaft Sie gut geschützt. Keine Sorge, es ist sowieso nicht mehr weit.
Achtung: Der Name Hundorf ist wörtlich zu nehmen. Vermeiden Sie nach Möglichkeit einen Herzinfarkt, wenn der wilde Hundorfer Hund sie urplötzlich anbellt.

9. Biegen Sie in Wickendorf links ab zu der Stelle, wo die beiden Seen verbunden sind. Kehren Sie über den Paulsdamm nach Rampe zurück, das kennen Sie ja schon.