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27 Juli 2025

Lahn: Von Runkel nach Lahnstein

Filahne! Den letzten Tag hatte ich mir nach Betrachten der Karte lahnsinnig bergig und Tandem-ungeeignet vorgestellt, aber tatsächlich wäre er wahrscheinlich auch mit Tandem klargegangen. Der schöne Uferweg ab Weilburg geht nämlich noch weiter.


Die Tetra Pak AG (ja, das schreibt man so) zeigt stolz, dass sie seit 77 Tagen unfallfrei ist. Ist das wirklich ein guter Wert, sind Tetrapacks so gefährlich?

Die nächste Fachwerkstatt ist sehr auf Fahrräder eingestellt. Zumindest kommuniziert sie vor dem Brückentor auf der Alten Lahnbrücke ein ganz strenges Verbot, Zweiräder zu überholen. Über diese Brücke lief die Handelsstraße von Antwerpen nach Byzanz/Istanbul. Die Limburger wurden reich, indem sie für diese Brücke neben Überholverbot auch Zölle anordneten, obwohl der König das gar nicht erlaubt hatte.
Und auf der Radstätte vom Radweg Deutschen Einheit läuft sogar das Display und zeigt genau das Startmenü an, das es zeigen soll. Mehr als dieses Menü zeigt es leider nicht, denn der Bildschirm reagiert weder auf Berührung noch auf Mausklicks. Trotzdem ist das die am besten funktionierende Radstätte am RDE.

Selbst in manchen der engen Altstadtgassen darf man Rad fahren, wenn die Situation es zulässt. Anfangs ließ es die Situation zu, denn die Gassen waren leer bis auf eine etwas abgehalfterte Frau, die umherirrte, Gott und die Welt beschimpfte und dem Haus der Sieben Laster die Zunge herausstreckte.
Das Haus streckte ihr die ebenfalls die Zunge raus.
Genau genommen hatte das Haus sogar damit angefangen. Denn an den Köpfen der Fachwerkbalken glotzen sieben bunte Gesichter auf die Straße und stellen die sieben Todsünden dar (im Bild von links nach rechts: Wollust, Unmäßigkeit, Zorn und Trägkeit). Welche Art von Zungeausstrecken, Schnauzbart und dämlichem Gesichtsausdruck nun genau für welche Todsünde steht, ist auf den ersten Blick nicht so ganz eindeutig. Bei der Limburgerin, die im Clinch mit diesem Haus lag, lag die Sache schon klarer: Das sah stark nach Zorn aus.

Genau wie in Wetzlar war die Stadt erst sehr wichtig und dann plötzlich nicht mehr, was eine super Voraussetzung ist, um viel Altstadt zu erhalten. Alles ist krumm und schief und süß und trotzdem frisch wie aus dem Ei gepellt. Auf dem Fischmarkt prangen noch immer Metallfische an den Fassaden.
Genau wie in Frankfurt heißt der zentrale Platz in der Altstadt einfach nur Römer. Wobei ich bei der Enge gar nicht so leicht erkennen konnte, wo da jetzt der Platz sein soll. Mittendrin steht nämlich nochmal ein Fachwerkblock: Römer 2-6. Hinter diesem eher stumpfen Namen verbirgt sich das älteste freistehende Haus Deutschlands (von 1289). Obwohl, wieso ist das freistehend, wenn sogar der Name sagt, dass das eigentlich fünf Häuser sind? Wann zählt etwas als Haus und nicht als Häuserblock?

Der Vergleich mit Wetzlar war natürlich nicht ganz fair, denn erstens ist Limburg schon eine Nummer größer und zweitens kam Limburgs Einfluss nicht aus der Justiz, sondern aus dem Handel und der Kirche. Womit wir beim Thema wären.
"Erinnerst du dich noch an Tebartz van Elst?", fragte ich.
"Na klar."
"Und war er auch das erste, woran du bei Limburg denken musstest?"
"Jap."
Was sind schon über tausend Jahre Geschichte gegen einen Bischof, der sich am Haus der sieben Laster von der Gier inspigieren ließ und verheimlichte, dass seine neues Bischofshaus 31 Millionen statt 2 kostet? Das Bauprojekt, das vor einer Ewigkeit in den Schlagzeilen stand, steht längst fertig direkt neben dem Dom, ein seltsames Ensemble aus Stadtmauern, einem Limburger Fachwerkhaus (diesmal wirklich freistehend) und einer eigenartigen Black-Box-Kapelle (rechts im Bild). So groß sieht das Ding gar nicht aus (was vielleicht ein Grund war, warum der Bischof sich noch eine Extrawohnung unten in den Fels fräsen ließ). Bei der schlechten Presse ist es kein Wunder, dass der neue Bischof Bätzing nicht darin wohnt, sondern alles als Museum für Reliquien und Archäologie freigegeben hat. Das Schlafzimmer ist nun ein Lagerraum. Und wo schläft nun der arme Elst? Keine Sorge, dem geht's gut, er ist jetzt Kurienbischof in Rom.

Am Dom mussten wir kurz warten, es fand eine Messe statt. Kein Wunder, denn hier findet noch jeden Tag um 10 eine statt. Und kaum war sie vorbei, starteten sofort die Domführungen. Na, hier ist ja richtig Betrieb.
Der Dom hat sieben Türme, keine Kirche in Deutschland hat mehr (oder gleich viele). Von außen ist der Dom weiß mit roten Streifen, also im Prinzip genau wie ein Limburger Fachwerkhaus. Und von innen... also, ich habe mich noch nie in einer Kirche so sehr wie in einem Innenhof gefühlt. Die vielen Fenster mit Gängen dahinter, die ganze Helligkeit und die Kreuzung aus zwei Kirchenschiffen, da musste ich mich doch einmal mehr daran erinnern, dass ich in einem Gebäude war und nicht auf der Straße.
Der Dom ist so wahnsinnig hell, weil 1968 ein Haufen Restauratoren vier Jahre lang sehr vorsichtig, aber intensiv dran rumgeschrubbt haben. Es waren nicht allein die Abgase des Industriezeitalters, die sie abkriegen mussten, sondern auch jede Menge Kerzenruß aus den Jahrhunderten davor. In einem Seitenraum (unten links) haben sie mit Absicht ein paar Bögen schwarz gelassen, damit mit man auch einen authentischen Eindruck hat, wie hart sie geschuftet haben wie die Kirche während des Großteils ihrer Geschichte aussah.

Dabei wurden auch jede Menge Bilder aus dem Mittelalter freigelegt. Einige haben sie neu ausgemalt, andere hatten noch genug Farbe, dass man sie so lassen konnte. Wo hat man sonst Gelegenheit, ganz locker an 800 Jahre alten Bildern vorbeizugehen, so nah, dass man sie anfassen könne (aber nicht sollte)?
Vor diesem Bild liegt das Grab von Konrad Kurzbold. Dieser kurze Graf hat kurzentschlossen vor über tausend Jahren kurzerhand das St.-Georg-Stift gegründet, der Ursprung der Stadt und gleichzeitig der Grund, warum ihre Geschichte (sogar bis heute in unseren Köpfen) so eng mit der Kirche verknüpft ist.

Wir wechselten von Hessen nach Rheinland-Pfalz, fuhren in Diez über die erste Steigung drüber und kurz an der Straße, dafür aber mit Blick auf das Grafenschloss und (zur Abwechslung mal nicht rote) Fachwerkhäuser. Eigentlich bietet Diez das schönste Stadtpanorama auf der Radstrecke, in Limburg war der Blick vom anderen Ufer aus immer etwas verdeckt. Die Grafen hier hatten einen besonderen Draht zu den Niederländern und haben ihnen beim Zurückerobern von den Spaniern geholfen. Mit Auswirkungen bis heute: Die damaligen Grafen sind direkte Vorfahren des heutigen niederländischen Königs, und die Niederlande haben die Sanierung von Schloss und Museum kräftig mitbezahlt.

Dann wurde es wieder still in der Lahndschaft. Sogar das Wasser war außergewöhnlich ruhig. Fließt da überhaupt noch was? Im Wasser war kaum noch Bewegung zu sehen, und als uns in der nächsten Kurve der Wind entgegenblies, sah es aus, als würde die Lahn rückwärts fließen.
Sogar Seerosen überleben in diesem stillen Wasser. Da muss gleich definitiv ein Stauwehr kommen. (Es kam eins.)

Das nächste Stück war bis vor Kurzem lebensgefährlich: Auf der steilen Serpentinenstraße nach Holzappel (der offiziellen Route) gab es schwere Unfälle, und auf dem abbröckelnden Pfad am Ufer stürzte ein Radfahrer sogar tödlich ab. Die Bürgerinitiative empfahl einen (auch sehr steilen) Schleichweg über Privatgrundstücke, mein Reiseführer rät, einfach eine Station Zug zu fahren.
Zum Glück ist das alles Vergangenheit, denn die Lücke wurde geschlossen mit der sogenannten Zwei-Brücken-Lösung.
"Klingt das für dich auch nach Nahostkonflikt?"
"Jap."
Naja, ich hoffe für alle Beteiligten, dass die Lösung nicht ganz so schwierig war. An den felsigen Hängen des Gabelsteins (hinten im Bild) wechselten wir auf besagten zwei silbrigen Brücken kurz ans linke Ufer und zurück, und fertig war der Lack.

Der Gabelstein war übrigens der letzte Fels, der auf -stein endet. Ab jetzt gibt es Allerley-Felsen: Wolfslei, Liebeslei, Kux-Lay... ein klares Zeichen, dass wir uns dem Mittelrhein (inkl. Loreley) nähern. Die Burgen obendrauf sind Privatbesitz.
Aber nun ließ unsere Leystung allmählich nach. In Limburg hatten wir noch keinen Hunger, jetzt schon. Nach ein paar Kilometern straßenbegleitendem Radweg kehrten wir in Obernhof in den erstbesten Campingplatz-Imbiss mit dem genderqueeren Namen Tante Horst ein und erwarteten nichts Besonderes. Auf jeden Fall keinen so netten Herrn, der ein frisch geklopftes und ungewöhnlich gutes Schnitzel brachte.

So, nun kam eigentlich der einzige wirklich schwierige Abschnitt, wo es mit dem Tandem kritisch geworden wäre. Wir hechelten und schoben den schlimmsten Anstieg zum Kloster Arnstein hoch, danach lief der Kiesweg die ganze Zeit an den Felswänden auf und ab. Einmal war sogar ein Stück des Weges abgestürzt und abgesperrt. Aber selbst das ging noch.

Dieser Bereich ist eine der wenigen Stellen, wo noch die superseltene Würfelnatter lebt, eine komplett harmlose Wasserschlange mit quadratischen Flecken auf dem Kopf, die kleine Fische frisst.

Die Lahn hat schon einen seltsamen Aufbau: In der Mitte ist sie eher flach, und das klassische enge Lahntal mit den berühmten Städtchen, Weinbergen und Badeorten kommt gegen Ende. Ein bekanntes Städtchen ist sicherlich Nassau - ganz sicher nicht wegen seiner Größe, sondern deshalb, weil wichtige Adlige ein Nassau im Namen hatten. Sie zogen im Laufe in der Zeit von der hohen Burg runter in die Stadt und irgendwann in die Niederlande und Luxemburg, wo ihre Nachkommen noch heute wichtig sind.

Auf der nächsten Infotafel behauptete ein Soldat namens Astericus Flavius, wir würden jetzt schon wieder eine Grenze überqueren: Von GERMANIA LIBERA ins IMPERIUM ROMANUM (Provinz GERMANIA SUPERIOR).
Aus den Bergen des Taunus kommt der Limes inklusive Limes-Radweg, der einzige andere Grenzradweg neben dem Eisernen Vorhang. Genau wie an der Innerdeutschen Grenze sollen da oben immer noch Wachtürme stehen, so nah, dass ich den ersten eigentlich hätte erkennen müssen. Konnte ich aber nicht, alles, was ich sah, war ein mutmaßlicher Solebohrturm. In Wahrheit sind von den Römertürmen nur Nachbauten oder Fundamente übrig. Ab jetzt ist die Lahn mit der Grenze des Römischen Reichs identisch, aber weitere Wachtürme aus der Antike tauchten nicht auf. Trotzdem reichte schon die theoretische Anwesenheit des Limes aus, um meine "Wann hast du das letzte Mal an das Römische Reich gedacht?"-Uhr erfolgreich auf 0 zurückzusetzen. (Besser das als die Unfalluhr bei der Tetra Pak AG.)

Und dann ist da noch Bad Ems, das in vielerlei Hinsicht aussieht wie das Karlsbad Deutschlands. Es besteht im Prinzip aus einer Kette von Kurhotels auf einer endlosen Promenade an der grauen Ufermauer. Darüber Felsen, Wald und eine steilsten Standseilbahnen der Welt. Weil dort gerade alles für eine Sportveranstaltung oder so abgesperrt war, haben wir uns das Ganze nur vom anderen Ufer aus angeguckt. In einem der ältesten Heilbäder nördlich der Alpen fühlten sich unter anderem der Hochadel, Russen (für die extra eine orthodoxe Kirche gebaut wurde) und Glücksritter (bis die Preußen ihr Casino verboten) wohl.
Aber wenn so hohe Tiere unterwegs sind, dann passiert eben auch mal mehr, als dass sie bloß baden, rumlaufen und Wasser trinken: Richard Wagner hat hier eine Oper fertig geschrieben und König Wilhelm während seiner Kur einen Krieg begonnen und sich selbst zum Kaiser gemacht, also quasi. Am 13.7.1871 spazierte der Kur-Kaiser über die Promenade, als der französische Botschafter aufkreuzte und verlangte, er sollte versprechen, nie wieder einen Deutschen zu unterstützen, der Anspruch auf den spanischen Thron haben könnte. Der verdutzte Willi erklärte, so was könne er ja jetzt nicht einfach so Hals über Kopf versprechen. Als Bismarck in Berlin den Bericht bekam, kürzte er den Großteil weg, damit es so aussah, als hätte der Kaiser ganz provokant die kalte Schulter gezeigt und bloß gesagt, dass er ihm nichts zu sagen habe. Bismarck fragte nochmal nach, ob Deutschland auch gut gerüstet für einen Krieg sei, dann schickte er der Presse die sogenannte Emser Depesche und wartete ab, bis Frankreich den Krieg erklärte. Den Krieg, der das Deutsche Kaiserreich vereinigen würde. Aber gut, letztendlich waren damals beide Regierungen scharf auf Krieg, also wäre es Quatsch, einem Blatt Papier oder Bad Ems die Schuld zu geben.

Der Bahnhof von Bad Ems hat die kleinste Bahnhofshalle Deutschlands - als hätte man diese riesigen Stahl- und Glasbögen aus Frankfurt Hbf, Hamburg Hbf & Co. zu heiß gewaschen und dann einem Dorfbahnhof übergestülpt. Eigentlich sollte die Halle schon längst restauriert sein, aber... naja, das hier sieht ganz und gar nicht fertig aus. Die ganze Lahntalbahn ab Limburg ist immer noch eine Baustelle bis werweißwann, weshalb wir nachher für die Rückfahrt über Frankfurt fahren müssen. Theoretisch sollte alles Anfang Mai öffnen, und sogar die Bahnapp hat wenige Tage vorher alle Züge in der App angezeigt. Die DB hat nicht mal ihrer eigenen App mitgeteilt, dass sie die Bauarbeiten nicht rechtzeitig fertigkriegen, geschweige denn der Öffentlichkeit.

Immer wieder teilt sich die Ems in zwei Arme mit einer Insel in der Mitte: Der eine Arm hat ein Stauwehr, der andere eine kleine Schleuse. Aber in den Schleusen herrschte gähnende Leere, und wir sahen nichts, das größer war als ein Paddelboot. Wer große Pötte sehen will, muss noch ein paar Kilometer bis zum Rhein durchziehen.

Aber Moment, wir sind super in der Zeit, vorher machen wir noch eine kleine Wanderung. Denn jetzt mündet der Ruppertsbach in die Lahn. Glaube ich. Die Mündung habe ich nicht gefunden, die letzten Meter sind komplett unterirdisch. Aber als wir ein Stück über einen Pfad und an der Bundesstraße liefen, fanden wir endlich die Stelle, wo der Bach in einem groß gemauerten Tunnel verschwindet. Und laut dem hölzernen Torbogen beginnt dort die Wildromantische Rupprechtsklamm.
Der Torbogen erinnerte mich an die Drachenschlucht, also hatte ich etwas Ähnliches erwartet. Ganz so wurde es dann aber nicht: Zunächst folgten wir dem Bach einen ausgetretenen Pfad hinauf. Der Pfad war dermaßen staubig und ausgetreten, dass der Schlucht trotz des Wassers, der Farne und Buchen ein bisschen die Frische fehlte. Komisch, es waren zwar einige Koblenzer Familien mit Kindern unterwegs, aber voller als die Drachenschlucht ist dieser Pfad nicht.
Die ersten Felsen schauten aus dem Staub, und wir wechselten ans rechte Ufer. Und dann ans linke. Und dann ans rechte. Und dann... immer wieder verlor sich der Pfad und wir mussten überlegen, wo genau wir jetzt nach drüben treten sollten.

Dann vereinigten sich die Steine zu Felswänden, in die sogar Drahtseile reingehämmert wurden. Anders als in der Drachenschlucht regnet es nicht von diesen Felsen, aber immerhin wurden die Felsen immer grüner, die Luft immer feuchter, der Staub verzog sich. Und schließlich zog sich die ganze Klamm zu einer engen Rinne zusammen, in der wir die Felsstufen hochstiegen. Herrlich, so habe ich mir das vorgestellt!
Das heißt aber nicht, dass die ständigen Uferwechsel aufhören.

Die typische Stelle der Ruppertsklamm kommt aber erst dahinter: Ein kastenförmiges Tal, dermaßen rechteckig, dass ich nicht weiß, ob ich der Natur das abkaufen soll. Während der Ruppertsbach durch einen Haufen Holz und Geröll rauscht, fallen an den Seiten gewaltige Wasserfälle aus Efeu runter. Und ganz am Schluss ein Wasserfall aus Wasser.
Dort befindet sich auch eine Brücke. Die Platzierung von Brücken in der Ruppertsklamm ist etwas komisch. Es gibt insgesamt zwei. Die eine auf dem Wasserfall (hinten im Bild) ist quasi nur eine Aussichtsplattform, denn an der Stelle wechselt man ausnahmsweise mal nicht das Ufer. Und die andere steht weiter unten im Staub an einer von ca. 986 Stellen, wo man das Ufer wechselt, wobei völlig unklar bleibt, warum ausgerechnet diese Stelle so schwierig sein soll, dass sie eine Brücke erfordert.

Lahnstein (bei Koblenz) kannte ich schon vom Rheinradweg. Die Stadt war lange geteilt in Ober- und Niederlahnstein. Oberlahnstein (im Süden) fand ich schon auf der Rheintour wegen des starken Verkehrs nicht so knülle. Das Schöne am Lahnradweg ist: Man muss nur durch Niederlahnstein. Und in Niederlahnstein konnten wir einfach auf dem Uferweg bis zur Mündung in den Rhein durchfahren: Eine Steinspitze mit einer rotweißen Stange und Gras, eher unspektakulär im Vergleich zur Moselmündung (fast) gegenüber. Aber das gelbe Schloss Stolzenfels und das Mittelrheintal an sich sorgen für Kulisse. (Lahnstein hat außerdem Burg Lahneck und Schloss Martinsburg, die sind nicht im Bild. Um alle Burgen am Mittelrhein zu fotografieren, habe ich nicht genug Urlaub.) Und so hatten wir hier einen der schönsten Momente des Tages, indem wir uns einfach bloß in die Gänseblümchen legten und... absolut nichts taten. Muss auch mal sein.
Zwei Nilgänse sahen das jedoch gans anders. Wir haben diese Art schon den ganzen Tag über gesehen, sie sind leicht zu erkennen an den rotbraunen Flügeln und den heftigsten Augenringen im Tierreich, als hätten sei drei Nächte lang durchgemacht. Viele Gänse ließen ihre jugendlichen Küken das Gras rupfen und stellten sich wachsam daneben. Eindeutig das Lahn-Äquivalent zu den Graugänsen an Rhein, auch wenn sie ursprünglich aus Afrika kommen. Bei dem Paar an der Mündung waren die Kleinen anscheinend schon aus dem Haus, aber die Beschützerinstinkte immer noch da. Sie watschelten auf uns zu und fauchten, bis... wir absolut nicht reagierten und sie sich zurückzogen, nur um zwei Minuten später wieder anzukommen.

24 Juli 2025

Lahn: Von Marburg nach Gießen

Südlich von Marburg ist die Lahn stark renaturiert. Ihre Kiesinseln sind an der Aussichtplattform Lahnorama zu bewundern. Ein kurzer, unbekannter Bahnradweg auf der Strecke der Marburger Kreisbahn folgt kurz ihren Ufer und dann durch sein eigenes Tal nach Ebsdorf, offene Wiesen und bewaldete Schluchten wechseln sich ab.



Der Lahnradweg verläuft aber ganz woanders. Wer auf diesem Weg einen Mangel entdeckt, soll ihn bei der angegebenen Telefonnummer melden. Kurz nach Fertigstellung des Weges wurde jede einzelne der neuen Solarlaternen als kaputt gemeldet, und so erhielt der Weg den Namen Marburger Mängelmelder. Inzwischen beleuchten die Laternen wieder den Weg nach Süden, sogar tagsüber.

Die Fahrt an der mittleren Lahn ist einfach, angenehm und unspektakulär. Das Tal ist breit, und die Lahn bleibt meist in der Ferne. Zwar macht der Weg ein ziemliches Zickzack durch die Straßen und Wiesen, aber die Richtung ist so gut beschildert, dass das nicht weiter stört. Auch ein paar Baggerseen liegen an der Strecke, einmal ragen Förderbänder auf, die anscheinend noch Kies abbauen.


Die Orte an den Zacken der Zickzackroute sind überraschend klein, abgesehen von Lollar, aber das gehört auch schon mehr oder weniger zu Gießen.
Vor Bellnhausen stießen wir auf besonders viele Hühner, die in Wohnwagenställen leben und von Wiese zu Wiese ziehen. Kurz darauf sahen wir dann auch, was aus den Erzeugnissen dieser Hühner wird. Und beschlossen, dass es Zeit war für eine Rast auf einer Holzpalettenbank. Essen gab es genug, denn in der Hütte daneben verbarg sich ein sehr umfangreicher Hofladen, an dem wir uns richtig den Bauch vollschlagen konnten. Aber erst, nachdem wir den Automaten überzeugt hatten, die Karte zu akzeptieren, und er sich unwiederbringlich an unserem 5-Euro-Schein verschluckt hatte. Das Angebot umfasst Fleischkeulen, Chips, Eier, Kakao und natürlich wie so oft das selbstgemachte Eis vom Hof. Das gibt es hier nicht nur in handlichen Pappbechern, sondern sogar in großen 500g-Behältern, von denen ich für den Rest der Tour pappsatt wurde.
Mit einem Mal füllte sich die leere Straße komplett mit Rennradfahrern. Nanu, ist hier irgendein Rennen? Sie bogen um die Ecke, in einer andere Richtung als der Lahnradweg, und verschwanden.
Fünf Minuten später: Die nächste Gruppe. Sind das dieselben, fahren die immer im Kreis? Nein, diesmal bestand die Gruppe ausschließlich aus Frauen. Auch sie bogen um dieselbe Ecke. Anscheinend praktiziert der lokale Rennradverein ein Rennen inspiriert von Bibi und Tina - Mädchen gegen Jungs.
Und als wir uns schließlich zur Weiterfahrt erhoben - noch eine Frauengruppe.

Sehenswert sind ansonsten eigentlich nur die historischen Brücken aus Buntsandstein, die immer nur nur draußen im Grünen, außerhalb der Ortschaften, stehen. Innerorts sind nur Beton und Metall als Brückenmaterialien zugelassen.

Zwischendurch kamen wir noch an einem Skate- und Fahrradpark vorbei. Ich rollte probehalber eine Runde über die Asphaltwellen, aber obwohl sie für solche Parks sogar relativ sanft waren, erwies sich mein Rad nicht als qualifiziert, ein Pedal schleifte gegen den Boden.

Einen richtigen Uferweg gibt es erst bei der Einfahrt nach Gießen. Wir sind sogar noch näher ans Ufer rangefahren, um das sogenannte Lahnfenster zu finden. Dazu mussten wir auf eine Mühlen- und Hafeninsel rauf. Über den Fluss ragt ein moderner Glaskasten, in dem man Lahnfische beim Besteigen einer Fischtreppe beobachten kann.
Es sei denn, das Fenster hat noch Winterpause. Schade. Aber immerhin lernten wir auf dem Touchscreen etwas über die unsichtbaren Fisch-Territorien der Lahn und sowie jene Tierarten, die unter die Kategorie "Gäste" fallen (Höckerschwäne, Hunde, Taucher, Kanufahrer).


In Gießen lehrten allerhand berühmte Mathematiker und andere Wissenschaftler. Als Beispiel sei hier nur mal Conrad Röntgen genannt, der... was hat er nochmal erfunden? Ich komm nicht drauf.

Deswegen gibt es in Gießen einen der härtesten Jobs der Welt: Locke als Museumspädagoge Kinder und Erwachsene ins Mitmach-Mathematik-Museum. Sie versuchen es, indem sie vor dem Museum unterschiedlich hohe Klangröhren aufstellen, die dem Luftrauschen unterschiedliche Töne verleihen. Nett, aber ob es den Kindern wirklich Töne entlockt, die so ähnlich klingen wie "Au ja, auf ins Mathe-Museum!", darf bezweifelt werden.

Laut der Tafel am Marktplatz hat der Krieg 70 Prozent der historischen Gebäude zerstört.
Hm. Von einer Stadt der Mathematiker hätte ich erwartet, dass sie besser in Prozentrechnung ist. Historisch sah eigentlich bloß diese eine Ecke hier aus, plus die Schlösser mit ihren Gärten. Niemals sind das 30 Prozent!

Auch der mittelalterliche Marktplatz war nicht gerade superschick: Er hatte lange gar keine Pflastersteine, sondern war einfach eine verschlammte Wüste, über die Zweige gestreut und Holzstege gebaut wurden. Mit dem neusten Umbau sollte der Markt wieder die "Gute Stube" der Stadt werden - tja, legt man die Schlammwüste als Maßstab an, ist das wohl gelungen.
Auch die Gießener Gräben verstopfte der Morastboden ständig mit Matsch. Die sogenannten Schlammbeiser mussten sie mit Eisenhaken freimachen, und der letzte von ihnen erinnert nun als Statue an die schmutzige Zeit.

Das aus Berlin bekannte, neue Phänomen der Pop-Up-Radwege ist anscheinend auch in Gießen eingezogen.

Lahn: Von Biedenkopf nach Marburg

Kommentar zur Lahnradtour 2 - "Biedenkopf nach Marburg" am 16.03.2025

Es begab sich zu einer Zeit, als die neue Bundesregierung noch nicht zusammengestellt worden war und der März noch kalte Winde über das karge hessische Hinterland schickte. Da begaben sich zwei mehr oder minder mutige Männer auf den nicht sonderlich beschwerlichen, aber recht sehenswerten Lahntalradweg.

Nach einer wenig ereignisreichen Bahnfahrt von Marburg in Richtung des landkreisnamensgebenden Städtchens Biedenkopf, welches im Rahmen seiner Möglichkeiten vorgab, ein Luftkurort zu sein, stiegen wir auf die Räder. Nach ein weniger erhellenden Pläuschchen mit einem markigen Bahnangestellten, der uns auf die Unwägbarkeiten der herannahenden Züge und der daraus resultierenden Verpflichtung zur Nutzung des beschränkten bahnhofsseitigen Gleisübergangs, sowie einer unfreiwilligen kreativen Schaffenspause zur Instandsetzung unserer Räder, konnte die Reise beginnen.

Nanu, wer schreibt denn da? Die Lahn bin ich in Begleitung gefahren, und eben diese gibt an dieser Stelle ihren Senf dazu.
Um die Sache mit dem Bahnhof nochmal zu erklären: Kurz nachdem der Zug den Bahnsteig verlässt, schließt sich eine Schranke, die alle trödelnden Reisenden einschließt. Wer an dieser vorbeigeht, kriegt vom Schrankenwärter den Deckel. So weit, so gut, nur ist diese Schranke vom hinteren Ende des Bahnsteigs nicht zu erkennen und es gibt auch keinerlei Schild mit der Aufschrift Bahnsteig sofort verlassen oder so. Nur einen obskuren Paragraphen im Beförderungsvertrag, auf den sich der schimpfende Schrankenwärter beruft und den selbstverständlich jeder Bahnreisende zu kennen hat.
Aber ansonsten ist Biedenkopf schöner als Bad Laasphe, weil die ihre Altstadt nicht an der Hauptstraße, sondern etwas höher gebaut haben.

Wenig ereignisreiche Minuten später erreichten wir das vollständig eingerüstete Rathaus des Städtchens Biedenkopf, welches anstelle eines kecken spätbarocken Löwen lediglich eine rostrote impressionistische Skulptur zu bieten hatte. Unzufrieden mit der Gesamtsituation machten wir uns daher schnellstmöglich auf den Weg in Richtung Marburg, wenngleich einige mehr oder minder relevante Dörfchen auf dem Weg liegen würden. Jedoch hatten wir aufgrund des enttäuschenden Rathauses Gelegenheit das Landgrafenschloss in Biedenkopf aus der Ferne zu inspizieren, was zu unserer Zufriedenheit immer noch recht annehmbar aussah.

Hinter Biedenkopf mussten wir eine steile Waldstraße am Waldrand rauf und wieder runter. Ablenkung und Erfrischung während dieser Lahnstrengung bringt eine Installation aus den 60ern: Fotzbrünnche & Pyramide. Ja, die heißen wirklich so.
Erstmal zur Pyramide: Die ist eher ein Kegel aus unregelmäßigen Steinplatten, in den ganz oben ein Porzellankrug eingemauert ist. Aus dem kommt Wasser, das überall an der Pyramide runtertröpfelt, weshalb das Ding an ein Gradierwerk erinnert.
So, und jetzt das Fotzbrünnche: Auch das ist eine Quelle, aber traditioneller, es fließt aus einem Rohr in ein Steinbecken. Nur der Name ist nicht besonders traditionell, sondern vulgär. Aber nicht so, wie Sie denken: Mit dem Wasser sprudelt auch immer stoßweise Luft raus, und die macht Furzgeräusche.

Auf dem Weg zwischen unzähligen kratzpützigen und hinterländischen* Dörfchen und ausgewachsenen Dörfern hatten die beiden wackeren Radfahrenden die Möglichkeit, die Schönheit hessischer Autobahnbrücken, Bahntrassen und einiger ländlicher Flecken wahrzunehmen. Das Wetter war den beiden netterweise hold und so verlief die Radreise erfrischend problemlos und in strahlendem Märzensonnenschein. Begleitet von regelmäßigen Klopf- und Schleifgeräuschen des mit aller Kraft am Fortkommen uninteressierten Fahrrades des einen Reisenden wurden ungefähr 38 km mit teilweise elektrischer Unterstützung zurückgelegt.**

* In diesem Fall ist "Hinterland" die Selbstbezeichnung dieser Gegend und nicht abwertend gemeint.

** Aber nur wenn es unbedingt nötig war, soviel hat uns die Radfahrerehre doch schon abverlangt. Wobei der widerspenstige Odem, dessen erklärtes Ziel unsere Verlangsamung war, doch Grund zur Abkehr vom altbekannten Muskelantrieb bot, war diese moderne Unterstützung nur von kurzer Dauer.


Ja, an diesem Tag hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, auf einer längeren Strecke ein E-Bike auszuprobieren. Wir haben hin und wieder die Räder getauscht. Für alle 12 Radfahrer Deutschlands, die noch immer analog fahren, hier kurz die wesentlichen Erkenntnisse:
1. Ja, es stimmt, was die E-Biker sagen, streng genommen ist es nur eine elektrische Unterstützung und kein Motorantrieb. Wenn man nicht tritt, bewegt sich gar nichts.
2. Und sobald man in voller Fahrt ist, hört die Unterstützung wieder auf, denn dann tritt es sich ja sowieso ganz leicht.
3. Trotzdem ist es geradezu schockierend, wie mühelos man selbst auf Stufe 1 (von 3) vorankommt (mit einem Akku, der am Ende des Tages noch fast voll ist).
4. Und vor allem: Bei Anstiegen oder Gegenwind erreicht man volle Fahrt ja nur schwer, und dann hört die Unterstützung niemals auf.
5. Der Umstieg zurück aufs analoge Rad war nicht so ernüchternd wie befürchtet. Trotzdem mag ich mir nicht vorstellen, wie das aussieht, wenn ich ein paar Tage elektrisch gefahren bin und plötzlich mitten in der Wildnis der Akku abkackt.
Von diesem Luxus will ich mich erst dann abhängig machen, wenn ich so alt bin, dass ich anders nicht mehr fahren kann.

Bei diesen Bildern mag man sich fragen: Wofür zum Geier braucht man auf dieser Strecke elektrische Unterstützung? Der Lahnradweg war nun ganz flach, dafür schritt ein anderer Gegner ein: Der Wind, das himmlische Kind, das heute sehr erwachsen wirkte.
Während der stärksten Böen waren wir doch ganz froh über den Strom und gelegentlich unterstützte der elektrische Radler den analogen mit einer neuartigen Erfindung namens Organic E-Tandem Extension (Anschieben mit ausgestrecktem Arm). Anfangs spottete er noch über meine Langsamkeit, als wir dann aber mal tauschten, er plötzlich kämpfen musste und so weit zurückblieb wie ich vorhin, verging ihm das Lachen.

Ansonsten hat diese Strecke eine besondere Vorliebe für absurd viele Wellblechtunnel.

Wir hatten eine angenehme Mittagspause am Flussufer bei Kernbach, wo ein grob gestapelter Insektenhotelturm mit mehreren großen Stockwerken aufragt.

Bei einem Dorf namens Göttingen knickte die Lahn dann nach Süden ab, das Tal wurde etwas schmaler und wir fuhren voller E-Lahn dichter an die Berge heran, zwischen Fluss und Gleise. Puh, endlich windgeschützt!

Bei der Ohmmündung in Cölbe hat die Lahn ganz viele grüne Inselchen - fast wie bei den Isteiner Schwellen am Rhein, wäre das Wasser wilder. Doch die Lahn rauscht nur noch an den Wehren. Im Fluss endet das Territorium der Äschen und es beginnt die Barbenregion.

Der Weg versteckt sich in den Nischen des Waldes und schnörkelt kurz zwischen Straßen und Gleisen herum.

Als ich hier auf dem Radweg Deutsche Einheit lahnggefahren bin, war der Lahnradweg gerade eine Baustelle. Aber inzwischen ist alles fertig, und so konnten wir bald direkt ans Flussufer zurückkehren und bequem in die wohl bekannteste Lahnstadt reinfahren. Diese empfängt ihre Gäste mit einer berauschenden Villa.


Was den Lahnradweg angeht, ist Marburg vorbildlich. Fast durchgehend konnten wir im Grünen (mal mehr, mal weniger grün) dem Fluss folgen. Etwas skurril ist die Passage am Bahnhof, wo solch ein Platzmangel herrscht, dass sich die verknoteten Schnörkel grauer Schnellstraßen über dem Radweg zusammendrängen. Obwohl der Bahnhof fast direkt daneben liegt, kommt man nicht hoch, sondern muss irgendeinen Umweg auswählen.

Nach ungefähr 2 Stunden 17 Minuten und 24 Sekunden reiner Fahrzeit sowie 4 Stunden 22 Minuten und 57 Sekunden gesamter Wegzeit, kamen wir im urigen Drehspießrestaurant unseres Vertrauens in Marburg an. Erschöpft und glücklich über die überstandene Tour, insbesondere im Hinblick auf die mehrfach Widerstand leistenden fahrenden Untersätze, hatten wir insgesamt 42,74 km Strecke inklusive der Anreise zum Bahnhof in Marburg und der Rückreise zu unserem Ausgangspunkt zurückgelegt. Wobei hier anzumerken ist, dass die aufgezeichnete Wegstrecke ein paar wenige Kilometer der anfänglichen Bahnfahrt von Marburg nach Biedenkopf enthielt, ob hier nun die Bahn für ihre entschleunigte Fahrweise oder das GPS-basierte Aufzeichnungsgeräte von uns für diesen Faux-Pas verantwortlich ist, muss die oder der geneigte Leserin oder Leser entscheiden.

Marburg ist schön, klein und eine Studentenstadt. Eine teure Kombination: Viele wollen auch nach dem Studium bleiben und können sich dann höhere Mieten leisten, was zu Lasten der neuen Studenten geht. Diese kunstvolle Alltagsinstallation von Buch und Bier symbolisiert den Geist der Studentenstadt sehr gut. (Die Bilder sind so dunkel, weil ich meinen ersten Rundgang durch Marburg abends gemacht habe, als ich hier eine Stunde Umstiegszeit hatte.)


Ich könnte Marburg als das Göttingen Hessens bezeichnen, aber damit erwiese ich den Marburger Radwegen wohl doch zu viel Ehre. Aber zumindest beim Fachwerk passt es!

Außerdem hat Marburg engere Gassen und ist viel, viel dreidimensionaler als Göttingen, vielleicht die dreidimensionalste Universitätsstadt Deutschlands. Eine Kneipentour durch die Altstadt wird zum sportlichen Event, bei dem die Kalorien direkt wieder abgebaut werden.

Was haben Marburg und Helgoland gemeinsam? Fahrstühle stellen ein wichtige öffentliche Verkehrsmittel dar, welche die Ober- und Unterstadt verbinden. In Marburg sind sie sogar kostenlos. Mist, hätte ich das mal gewusst, dann hätte ich das Rad hier nicht hochschieben müssen. Im Dunkeln erschien mir das regennasse Kopfsteinpflaster, das gefühlt senkrecht abwärts ging, auch nicht gerade als sicherer Rückweg, also nahm ich den Aufzug zumindest für die Rückkehr nach unten.

Herzstück der verwinkelten Altstadt ist der Marktplatz mit dem alten Rathaus. Auf dem Weihnachtsmarkt steht an dieser Stelle ein dermaßen winziges Riesenrad, dass man es eigentlich Zwergenrad nennen müsste.

Für eine moderne Verwaltung reicht der Platz nicht aus, darum gehört auch das ganze große Nachbarhaus dazu - das hier ist der Balkon des Bürgermeisters.

Das reicht der Stadt Marburg aber immer noch nicht, deswegen hat sie lauter Wohnungen über dem Markt gemietet und darin Büros eingerichtet. Wer als ahnungsloser Tourist auf dem Marktplatz steht, ahnt nicht, dass er nicht nur von Rieseninsekten, sondern auch von Bürokratie umzingelt ist.
Aber um fair zu bleiben: Die Häuser sind halt echt klein im Vergleich zu den Neuen Rathäusern in Göttingen oder Hannover. Und soweit ich gehört habe, funktioniert hier einiges schon besser als in anderen Städten.

Außerdem kann jeder ins historische Rathaus reinspazieren und die Geheimnisse zwischen den schwarzen Balken entdecken. Im Erdgeschoss wird die Kommunikation gesichert durch eine Alte Posthalterei, die wirklich immer noch so heißt und auch so aussieht. Im Treppenhaus haben sie dasselbe gemacht wie im Museum in Jena und lassen die Stadtgeschichte an einem Zeitstrahl die Treppen hochwandern. Eine kleine goldene astronomische Uhr tickt vor sich hin, und wer sich im Saal trauen lässt, der sieht das übergroße Gemälde einer stillenden Frau und bekommt so gleich gespoilert, wie die nächste Station des Lebens aussieht. Zumindest für viele.

Im Erdgeschoss dagegen wurde eine Sonderausstellung namens Rosa Winkel aufgestellt. Die Texttafeln erzählen von einer Gruppe in den Konzentrationslagern, die zwar etwas kleiner war, aber die einzige, die nach dem Krieg nicht als Opfer anerkannt wurden, sondern vielmehr vom Kaiserreich bis hinein in die Zeit des geteilten Deutschland verfolgt wurde. Einen speziellen Bezug zu Marburg hat das Thema nicht, außer dass 700 homosexuelle Männer (und einige Frauen, obwohl das nach dem Gesetz nicht mal illegal war) in die Lager Mittelbau-Dora und Buchenwald gesperrt haben, die aber nur so ganz ganz grob in der Nähe von Marburg lagen.

Marburgs Markenzeichen ist das Schloss, das die Stadt überragt und auch von unten super zu sehen ist. Was gut ist.

Denn wer es aus der Nähe sehen will, der muss sich eine noch steilere Straße hochschleppen. Dabei kommt er an einer alten Mauer vorbei (unten rechts), an der ein ganz besonderer Wein wächst - die Stara Trta (Alte Rebe). Was eine ziemliche Untertreibung ist, denn das ist die älteste Rebe der Welt, die noch Weintrauben produziert. Beziehungsweise ein Ableger von ihr - das Original wächst in Maribor in Slowenien. Ganz selten verschenken die Slowenen Stücke ihres Urweins an Leute wie den tschechischen Staatspräsidenten. Dabei müssen Sie nicht nur darauf achten, ob sie die Beschenkten lieb genug für so was haben, sondern auch, ob die Rebe denn am Zielort wirklich geeignete Bedingungen hat. Die Schlossbergwinzer von Marburg haben ihre Mauer offenbar dafür qualifiziert gekriegt.

Es war mal das Machtzentrum des ganzen Bundeslandes - darin lebten die Landgrafen von Hessen. Als die ihren Sitz verlegten (warum auch immer, etwas Schickeres können sie kaum gefunden haben), wurde der Bau zur Festung, zum Gefängnis, Archiv, Museum und Veranstaltungsort. Vom Krieg blieb es offenbar verschont, und so kann dieses hessische Hogwarts mit seinen dicken Bögen bis heute bewundert werden. Die meisten spazieren einfach außen hoch, um die Aussicht zu bewundern.


Das bekannteste Ereignis im Schloss war das Marburger Religionsgespräch, ein Meeting der führenden Protestanten wie Luther, Heynrich Zwingli und Graf Philipp I. von Hessen. Irgendwie lese ich so etwas extrem oft in Mitteldeutschland, die Protestanten hatten wirklich viele Besprechungen. Wie viele davon wohl eine E-Mail hätten sein können? Der Protestantismus ist auf jeden Fall vom Schloss heruntergeschwappt, und so entstand hier auch die erste protestantische Uni in Europa. (Eine seltsame Vorstellung heute, dass sich Unis einer Kirche zuordnen müssen.)
Ach ja, und im Winter hängen hier die meisten Zwergfledermäuse in Deutschland ab. Um zu verstehen, was uns die Fledermäuse zu sagen haben, steht da ein Apparat, der auf Knopfdruck alle Ultraschalltöne im Umkreis von 15 Metern in hörbare Töne umwandelt. Weil die Fledermäuse mir gerade nichts mitteilen wollten, musste ich mich mit drei Arten von Fledermausfiepsen vom Band begnügen.

Die heilige Elisabeth von Thüringen (die von der Wartburg) wollte hier das Franziskushospital gründen, quasi das erste Krankenhaus Europas. Problem: Dazu gehörte vorschriftsgemäß auch eine Kirche, und wo könnte man die hinstellen? Alle Grundstücke waren ungeeignet. Also ließ sie Gott das Bauland aussuchen und rollte einen Stein vom höchsten Berggipfel. Gott hatte an diesem Tag offenbar irgendwas gegen Bauarbeiter, denn der Stein blieb in einem Moor stecken, und dort baut es sich bekanntlich besonders schwer. Erstmal musste der Boden mit Baumstämmen befestigt werden. Als irgendwann unter großen Mühen die Elisabethkirche fertiggestellt wurde, war Elisabeth schon längst tot.

Bei meiner Übernachtung erhielt ich durch Zufall Gelegenheit, die Veranstaltung einer Studentenverbindung zu besuchen. Bisher hatte ich mit so etwas nie zu tun gehabt und war daher ziemlich verblüfft über diese verqualmte Angelegenheit. Es handelt sich um eine bizarre Mischung aus Studentensaufen und Gottesdienst, zwei Dinge, bei denen ich nicht auf die Idee gekommen wäre, dass sie sich überhaupt mischen lassen. Aber Rechtsextremisten waren das auf jeden Fall nicht, es gab eine geradezu woke Rede, die im Gegensatz zur altertümlichen Einrichtung stand.
Außerdem habe ich erstmals eins dieser Sushi-Restaurants mit Fließband ausprobiert. (Lecker, aber der Teller mit 8 Sushirollen ist ernsthaft so viel wert wie ein Teller mit einem kleinen Orangenstückchen?)

Aber es geht noch moderner:
Bei meinen Reisen durch Mittelhessen bin ich immer wieder auf Teo-Supermärkte gestoßen. Die gehören zur Kette Tegut, sind 24 Stunden offen und brauchen kein Personal. Ein Gericht hat den Betrieb an Sonntagen zum Schutz der Feiertage verboten, doch die hessische Regierung hat daraufhin das Gesetz geändert. Um reinzukommen, muss man seine Karte scannen lassen. Alle Kühlwaren befinden sich hinter Türen in einem extrakalten Raum.
Die Teos, die ich bisher kannte, standen allein in einer Art großer Holztonne herum. Der in Marburg ist in ein normales Gebäude integriert. Und das ist nicht die einzige Besonderheit. Die Decke ist über und über und über bestückt mit Kameras, noch viel mehr als in den Holztonnen-Teos. Wo ist denn nun die Selbstbedienungskasse?
Es gibt keine.
Dieser Laden hat in einem digitalen Quantensprung direkt die Selbstbedienungskassen und kleinen Handscanner, die gerade immer öfter zu sehen sind, übersprungen.
Die Kameras erkennen, was man einsteckt, und der Preis wird automatisch abgebucht. Wer am Eingang einen QR-Code scannt, bekommt einige Minuten später einen digitalen Kassenbon zugeschickt. Wer braucht da noch Kassen? Aber etwas unheimlich ist es.