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17 Juni 2023

Inselsee

Inselsee & Sumpfsee
Zwischen den Zitrusringen - Wen man straflos stalken darf - Eine Insel mit zwei Zäunen - So erziehen Sie Ihr Kind zu einem guten Sklaven - Der spontane See und seine Bewohner - Wahl ohne Qual - Ehre sei dem Kaffee und dem Tee und der heiligen Milch - Blutspende am Ende - Rasender Radler, Versteckter Schwimmer und andere Partizipien

Die Sonne scheint, ich besuche meine Familie, das heißt: Zeit für eine Mecklenburger Seentour! Wo darf es hingehen, welche fehlen uns noch? Der Malchiner See? Die Feldberger Seen? Ach nö, wir sind alle bisschen spät aufgestanden und die sind so weit weg und bei den Benzinpreisen... machen wir einfach entspannt den kleinen Güstrower Inselsee.

Der Mühlengraben erinnerte mich an die Wasserläufe von Bützow, die aber keine so netten Radwege haben. Er verbindet die Stadt Güstrow mit ihrem See, an seinem Ufer verläuft auch der Radweg Berlin-Kopenhagen. Wir starteten in der Nähe des Wildparks auf einen Kiesweg. Sofort stellten wir fest: Dieser See ist reich an Gräben und hölzernen Bootshäusern.

Ein gelber Ring aus Raps umschließt den See. Irgendwo dahinter sind manchmal die Güstrower Kirchtürme zu erkennen.
Und in diesem Rapsring befindet sich ein schmaler, zugewachsener Buschring. Diese Büsche und der See bilden ein Natura-2000-Gebiet, weil da unterschiedliche Arten von Wiesen und Mooren drinstecken.

Was uns nur recht ist, solange wir in diesem grünen Ring fahren können. Und das können wir. Zwar nur auf schmalen Pfaden, dafür aber gleich auf mehreren. Die sich nach wenigen Metern aber wieder vereinigen.

Manche Familien schaffen es sogar, ihr Auto in den grünen Ring reinzuquetschen - wie auch immer das möglich ist.

Andere mögen es rustikaler und campen lieber - auch dabei stoßen sie auf gewisse Schwierigkeiten.

Boah, ist das heiß. Zeit für die erste Badepause. Der See ist mit dicht bewachsen, aber wie üblich hat der Röhricht Lücken, in denen sich eine traditionelle Mecklenburger Badestelle verbirgt: Eine Kante mit Erde, über die man ins Wasser watet, um dann zwischen dem Schilf rauszuschwimmen.
Der Inselsee hat einen angenehmen Boden und wird recht schnell tief. Man kann bis zu drei Meter tief sehen, erklärt ein Schild, was wohl heißt, dass er noch deutlich tiefer sein muss. Da unten lebt die seltene Armleuchteralge. Der Inselseebewohner schlechthin ist aber, soweit ich das beurteilen kann, die Libelle. Überall wirbelten die blauen Geschöpfe über dem Schilf dahin, wechselten von der einen auf die andere Seite, flohen vor dem polternd-platschenden Menschen. Manche hatten sich zu romantischen Zwecken direkt hintereinander auf ein Blatt gesetzt. Andere Libellen waren noch Single und guckten in den Röhricht.
Wo ist eigentlich meine wasserfeste Handyhülle? Nein, für gute Fotos bin ich zu laut und die Insekten zu scheu.

Soo, nun heiß der See ja Inselsee. Wo ist denn jetzt die Insel? Ich erinnere mich vage, wie ich in jungen Jahren einmal über die Güstrower Insel gelaufen bin - da ich gerade erst Jim Knopf gelesen hatte, fand ich es klasse, auch mal auf einer echten Insel von Lummerland-Größe zu sein. Selbst, wenn sie jetzt nicht im engeren Sinne im großen weiten Meer lag und auch keine so gut ausgebauten (beziehungsweise überhaupt keine) öffentlichen Verkehrsmittel hatte.
Die Insel heißt Schöninsel und beinhaltet einen alten slawischen Burgwall. Was wir hier sahen, war jedoch weniger schön.

Die Brücke war verrammelt und verriegelt. Warum, ist auch deutlich zu erkennen: An einigen Stellen sind die Bretter schon durchgebrochen. Das verschlossene Tor sich war nicht das Problem, denn jeder mit ein bisschen Gleichgewichtssinn konnte das Tor ganz easy an der Seite umgehen und den Bruchstellen ausweichen. Aber auch auf der Insel folgt nach wenigen Metern das nächste Tor, und irgendwo dahinter liegt das abgeschottete Haus von König Alfons, der ganz offensichtlich dringend möchte, dass sich alle von seiner Privatinsel verpissen - aber dann doch nicht so dringend, dass er deswegen Geld ausgeben würde, um die Schwachstelle seiner Verteidigungsanlagen zu beheben. Diese Insel wirft viele Fragen auf. Gibt es noch andere Schleichwege zu zugänglichen Teilen der Insel? Manche sagen ja, die Karte sagt nein, wir haben jedenfalls keine gefunden.
Ich war der einige, der sich die paar Schritte auf die Insel wagte. Auf der Brücke und auf dem Bootssteg direkt direkt daneben hatten sich jedoch eine Menge Menschen angefunden, die ungerührt angelten und ihr Bier tranken.
Die Familie am Ufer war bereits zu härteren Drogen übergegangen.
"Zigarette!", befahl der Vater.
"Muss ich erst drehen", entgegnete der Zehnjährige und sprang dienstbeflissen auf.
Hach, Güstrow, diese Stadt kann einem richtig ans Herz wachsen. Wie ein Tumor.

"Die Tour um den Inselsee ist so kurz, wollen wir nicht noch einen anderen machen?", schlug unser nichtrauchender Vater vor, während er die Kartenapp studierte. "Da hinten ist der, äh... Sumpfsee."
Klingt einladend, und das mit der kurzen Strecke ist völlig richtig, ich bin dabei! Wir kreuzten uns zwischen einer Tankstelle und dem schneeweißen Güstrower Ligusterweg hindurch - und fanden uns auf einer kahlen braunen Einöde wieder. Der Sumpfsee könnte auch Ackersee heißen. Ach, da hinten ist er ja endlich.

Als wir in den neuen Grüngürtel eintauchten, wurde der Sumpfsee seinem Namen doch noch gerecht: Das Wasser breitete sich bis über den Weg aus.

Der Sumpfsee wird vorwiegend von Schnecken bewohnt. Während die Schneckenhäuser an Land aktuell leerstehen (eine Schande bei der Situation auf dem Wohnungsmarkt), sind die schwarzen Seeschnecken quicklebendig.

Auf den Sumpf folgt der Sand: In brütender Hitze schleppten wir uns durch die Dünen am Waldesrand. Diesen Weg fanden wir nicht besonders schaf.

Wer näher am See bleiben will, muss an den Windrädern links abbiegen. Dieser Sandweg sieht aber nicht viel besser aus. Nein danke, wir nehmen die leichtere Variante.

Die Bauern in Bülow sind aktuell möglicherweise besser ausgerüstet als die Bundeswehr.

Wir bogen vom Bundesstraßenradweg ab nach Ganschow. Das Dorf ist bekannt für seine Pferderennen und landwirtschaftlichen Messen. Aber wir müssen die Gestüte wohl irgendwie umfahren haben, denn alles, was wir sahen, waren Ziegen in allen Farbschattierungen. Außer Gelb, die Farbe übernahmen stattdessen die Fachwerkhäuschen.

Mit unserer Mutter unterwegs zu sein, heißt, unterwegs mindestens eine Kirche mit Friedhof zu besichtigen. Ist ja auch oft das einzige, was die Dörfer zum Besichtigen haben.
Ein schattiges, leeres Sträßchen brachte uns nach Lohmen. Dort empfing uns die Dorfkirche mit offenen Türen (also quasi, eigentlich mussten wir sie selbst öffnen). Sie besteht wie die meisten Mecklenburger Dorfkirchen aus Feldsteinen aus dem 13. Jahrhundert. Und wie viele Mecklenburger Dorfkirchen hat sie später einen Fachwerkturm bekommen, als die Menschen herausfanden, dass runde Steine superviel Mörtel verbrauchen und eventuell gar nicht mal das allerbeste Baumaterial darstellen.

Da führt eine Treppe hoch - ob man da auf den Turm kommt? Nee, erstmal nur zur Empore. Wer noch höher will, muss die gut getarnte Falltür (im linken Bild oben rechts) aufkriegen und da irgendwie hochkommen. Ui, das ist ja sogar noch abenteuerlicher als der Göttinger Jacobikirchturm, nee danke.
Dann fiel uns etwas Seltsames auf. Wo eigentlich die Orgel stehen sollte, befindet sich nun eine Teeküche. Natürlich ist Tee etwas Wunderbares, aber ob das Brodeln und Klicken eine Wasserkochers wirklich Orgelmusik ersetzen kann? Natürlich nicht. Die Lütkemüller-Orgel wurde nach unten verschoben, als man sie zum neuen Jahrtausend renoviert hat. (Mit neuem Jahrtausend meine ich natürlich das Jahr 2000. Im Jahr 1000 sollte es noch 890 Jahre dauern, bis die Orgel überhaupt existierte.) Wahrscheinlich kommen nicht mehr soo viele Besucher in die Kirche, sodass unten genug Platz ist und niemand mehr auf der Empore sitzt - warum sollte man also unnötigen Abstand zwischen die Menschen und die Musik bringen?

Zurück an der Bundesstraße erwarteten uns die größten Hügel der Strecke, aber der Asphalt machte sie trotzdem viel einfacher als die Sandhügel vorhin. Ab und zu funkelt hinter den Kuhweiden der blaue Inselsee.

Kurz vor dem Ziel erwartet uns der Uitkiek. Das ist der einige Aussichtsturm am Inselsee. Genau genommen steht er nicht mal wirklich am Inselsee, sondern ein Stückchen entfernt im Wald. Das ist einerseits toll, denn oben auf dem Berg und nach vier Metalltreppen, reicht der Blick ziemlich weit, deutlich über den See hinaus zur Güstrower Skyline. (In die andere Richtung dagegen endet der Blick nach wenigen Metern an einer grünen Nadelwand.)
Doch wer sich diesen Blick sehen will, muss dafür bezahlen. Nicht mit Geld, der Uitkiek ist gratis. Stattdessen war anscheinend Lord Voldemort da, hat hier einen Horkrux verbuddelt und eine (wie Dumbledore sagen würde, primitive) Bezahlschranke installiert. Der Preis wird in Blut bezahlt. Zuständig sind hierfür die Mücken. Sie ließen mich zunächst gutgläubig in ihr Refugium radeln. Doch sobald ich länger als 0,3 Sekunden am selben Ort stehenblieb, kam der Schwarm von allen Seiten und fiel gierig über mich her wie ein Finanzamt auf Ecstasy. Ich rannte um mein, naja, nicht mein Leben, aber um mein wertvolles Gruppe-Null-Blut.

Damit wären wir im spaßigen Stadtviertel Güstrow-Schabernack angekommen. Statt an der Straße radeln wir hier an einer Pferdekoppel und dann am Seeufer. Hier stoßen wir auch wieder auf den Radfernweg Berlin-Kopenhagen, der in Richtung Krakow abzweigt.
Der wohl berühmteste Güstrower ist der Bildhauer Ernst Barlach. Er hämmerte und goss ausdrucksstarke Skulpturen im Partizip I: Lesender Klosterschüler, Lachende Alte und natürlich, am bekanntesten, Der Schwebende. Letzterer hängt an der Decke des Güstrower Doms ab, die meisten Werke jedoch verbergen sich in einer modernen Galerie aus Efeu und Beton, direkt am Seeufer in Schabernack. Während meiner allerersten Klassenfahrt marschierten wir alle brav ungefähr 129 Kilometer vom Reisebus bis hierher, um uns Ernst Barlachs große und kleine Gestalten erklären zu lassen. Die Führung war sogar einigermaßen kindgerecht, obwohl die meisten Figuren etwas Düsteres, oder naja, zumindest Melancholisches haben. Auf jeden Fall passen sie sehr gut zum Vornamen des Künstlers und sehr schlecht zum Namen des Stadtteils.

Dahinter war es Zeit für das letzte Bad des Tages. Die größte Badestelle am See ist ausgestattet mit einem Steg und einer Schwimminsel. Nanu, ist da unterm Steg etwa ein Hohlraum? Wir tauchten hinein und stellten fest: In diesem Versteck kann man sogar atmen. Ideal zum Versteckenspielen, als Fluchtort vor den Eltern, die loswollen, oder für tragische Badeunfälle.
Am Imbiss ergatterten wir noch die letzte Currywurst des Tages, die uns Treibstoff für die letzten Meter bis zum Parkplatz lieferte.

13 Juni 2015

Schweriner Außensee

 Tag 2: Die Außense(e)ite

gefahren im: Oktober 2021
Start & Ziel: Rampe, Sackgasse am Radweg
Länge: 35 km
Seequerungen: 1 (Brücke und Damm)
Landschaft: Weiden und Wald
Wegbeschaffenheit: erst super Radweg, dann wilder Matschpfad oder Straße
Steigungen: wenige bei Willigrad
Wetter: grau mit einzelnen Tropfen
Wind: angeblich Böen bis 50 km/h, aber nur auf dem letzten Stück zu spüren
Highlight: Fischimbiss Hohen Viecheln
Größte Hürde: gerissene Kette im Matsch
Zitat des Tages: "Zwei junge Männer aus Hohen Viecheln wollten sich nachts aus dem Aalfang mit frischem Aal versorgen. Da bemerkten Sie auf der Erdschanze hinter dem Wallensteingraben ein Lagerfeuer und in seinem Schein schwedische Uniformen."
-Hinweistafel zur Schwedenschanze am Niklot-Pfad-

1. Fahren Sie nun um die nördliche Hälfte vom Schweriner See. Meistens nennt sich so was Obersee, aber die Schweriner haben ihn Außensee genannt, weil er an ihrer Außenstadt... nee, das Wort gibts gar nicht. Der See grenzt tatsächlich noch an Wickendorf, einen offiziellen Stadtteil Schwerins.
Wenn Sie sich gleich zu beginn das Sahnestück des Rundwegs gönnen wollen, nehmen Sie zuerst den Radweg am Ostufer.

Bewundern Sie den Weidenweg mit Hagebutten. Auch wenn Sie hier schnell vorankommen, vergessen Sie nicht, ab und zu einen Blick auf den See zu werfen, wenn er sich zwischen den Pflanzen zeigt. Er sieht ganz anders aus als der Außensee, trüb und grau statt klar und blau. Das könnte aber daran liegen, dass inzwischen ein halbes Jahr vergangen und der Herbst eingezogen ist. Auf den stürmischen Wellen sind sogar Windsurfer unterwegs.

2. Fahren Sie am Campingplatz von Flessenow geradeaus weiter, bis Ihnen auffällt, dass Sie auf eine Sackgasse zusteuern.


Sollten Sie nur mit Ihrem Vater unterwegs sein, nutzen Sie die Gelegenheit für eine echte Männertour. Neben schnellerem Tempo gehört dazu auch furchtloses Experimentieren mit Abkürzungen quer durch Schrebergärten und Sümpfe.

In diesem Sumpf haben sich siegreiche Soldaten aus Belarus am Ende des Zweiten Weltkriegs traditionelle Blockhütten gebaut. Einige Monate später wurden die Hütten als Quarantänelager benutzt, in dem 235 Menschen starben.


3. Finden Sie den richtigen Weg wieder und entdecken Sie den Langen See und den Döpen. Diese wunderbaren Wasserflächen entstanden aus Toteis am Ende der Eiszeit und verstecken sich nun tief im Wald.

Lesen Sie sich sämtliche Metalltafeln auf dem Niklot-Pfad durch. Die Tafeln informieren über die Überreste historischer Stätten, wobei es deutlich mehr Tafeln als Überreste gibt. Im Grunde besteht der Niklot-Pfad fast nur aus Findlingen und Metalltafeln.
Der dickste Findling steht da, wo der Slawenfürst Niklot seine wichtigste Burg in den Sumpf gebaut hat. Die Burg von Dobin konnte Kreuzzügen aus Dänemark und Sachsen gleichzeitig standhalten. Damit die Belagerer endgültig abzogen, musste Niklot aber einen Kompromiss aushandeln und ein paar Leute taufen lassen. Trotzdem wurde er später an der Warnow nochmal richtig besiegt. Sein Geist soll hier je nach Quellenangabe alle 100 Jahre oder jede Nacht herumreiten.

4. Kehren Sie bei Hohen Viecheln zurück in die Gegenwart in Form der Bahntrasse Rostock-Hamburg.

Statten Sie der Gotischen Hallenkirche einen Besuch ab. Von außen sieht sie vielleicht ein wenig klobig und löchrig aus, zumal die Glocken in einem ollen Schuppen hängen, weil der Kirchturm nie fertiggebaut wurde.
Die Löcher stammen von Holzbalken, die ein Gerüst bildeten und nach dem Bau rausgezogen wurden. Ich habe aber noch nie so viele dieser Backsteinlöcher gesehen, die Hohen Viechelner waren bei der Sicherheit ihrer Baugerüste offenbar besonders vorsichtig.
Aber lassen Sie sich nicht von all dem täuschen.

Denn von innen ist die Kirche - wow! Die Säulen tragen Streifen aus glasierten Backsteinen. Normalerweise werden solche Steine nur draußen zum Angeben eingemauert, weil sie so teuer sind, doch die Hohen Viechelner sind nicht nur vorsichtig, sondern auch bescheiden und konzentrieren die ganze Pracht auf den Innenraum. Der ist auch noch super sauber und in Schuss. Ein Schild am Eingang macht Werbung für den Podcast des Pastors.

Gönnen Sie sich am Imbiss ein warmes Fischbrötchen, es lohnt sich. Passen Sie dabei auch gleich einen Regenschauer ab. Lesen Sie auf der Zeittafel, dass diese Fischerfamilie hier schon seit 1680 frische Fische fischt.

Fahren Sie lieber zur warmen Jahreszeit, denn der Außensee hat zahlreiche Badestellen. Viele sind mit Bänken ausgestattet, eine sogar mit einer blauen Schwimminsel.

5. Folgen Sie der Bahnstrecke durch den Wald und überqueren Sie den Wallensteingraben. Hier lebten bereits Steinzeitmenschen.
Im 16. Jahrhundert haben die Mecklenburger einen kleinen Kanal bis nach Wismar gebuddelt, sodass der Schweriner See plötzlich in die Ostsee und nicht mehr über Stör, Elde und Elbe in die Nordsee abgeflossen ist.

Einige Abenteurer paddeln auf diesem Weg vom Schweriner See in die Ostsee. Dabei stelle ich mir insbesondere die Stelle abenteuerlich vor, an der sie durch ein Gitter unter der Bahnstrecke durchmüssen.

Erobern Sie die Schwedenschanze! Das ist endlich mal ein historischer Ort, an dem ein klein wenig mehr zu sehen ist. 

Die Form des sternförmigen Walls ist noch gut zu erkennen. Seine Strahlen sind unterschiedlich lang und spitz, auf Symmetrie legten die Erbauer nicht viel Wert. Obendrauf wachsen Birken, hinten steht eine Bank mit schönem Seeblick.
Der Sage nach heißt das Ding Schwedenschanze, weil zwei Männer darauf schwedische Soldaten entdeckt und das Dorf gewarnt haben - die Schweden stockten ihre Armee damals unterwegs gerne per Zwangsrekrutierung auf.
Auf der Schanze waren also nie dauerhaft irgendwelche Schweden stationiert (selbst dass sie eine Nacht hier waren, ist nicht belegt). Die Schanze gehörte dem Mecklenburger Militär, das die Handelsroute vor Überfällen bewachen sollte. Also, jetzt nicht aus Barmherzigkeit mit den Händlern, sondern damit der Herzog in Schwerin genug Essen bekam.

5. Durchqueren Sie Bad Kleinen und ignorieren Sie die Schilder, die Sie über die Gleise leiten wollen - Sie können ebensogut auf dieser Seite bleiben. Fahren Sie vorbei an den Ruinen alter Bahnhofsgebäude und einem scheußlichen grauen Turm, in dem 50 Eigentumswohnungen entstehen sollen.

Obwohl Sie der Bahn eine Weile folgen, hat Bad Kleinen den einzigen Bahnhof an der Strecke. Er wurde mehrmals komplett umgebaut, damit ihn auch ja kein Reisender wiedererkennt, wobei 2017 auch denkmalgeschützte Gebäude abgerissen wurden. In einem Tunnel (der inzwischen durch eine Brücke mit bunten Fenstern ersetzt wurde) wollte die Polizei 1993 die letzten Terroristen der RAF festnehmen. Wolfgang Grams floh auf einen Bahnsteig und beging entweder Suizid oder wurde hingerichtet - suchen Sie sich die Variante aus, der Sie lieber glauben. Was hingegen feststeht: Die Polizei machte ein paar schlampige Fehler, stürmte wegen eines missverstandenen Funkspruchs zu früh los und beseitigte beim Aufräumen wichtige Spuren, weshalb sich die Todesumstände nicht mehr ganz sicher feststellen lassen.


Während der Industrialisierung beschlossen die Eisenbahner, dass Sie lieber keine Bahntrasse über den Paulsdamm mitten über den Schweriner See bauen wollen. Wegen dieser Entscheidung ist Bad Kleinen immer noch ein wichtiger Umsteigepunkt.
Wenn Sie mit der Bahn irgendwohin fahren wollen, bringen Sie ein wenig Geduld mit. Zum einen müssen Sie einen großen Umweg machen, denn der Bahnhof hat keinen direkten Zugang zum See. Zum anderen wird die Bahnstrecke zwischen Rostock und Hamburg aktuell durch Baustellen zerhackt, sodass noch mehr verwirrte Reisende hier stranden. So hat die Wurstbude am Bahnhof immer genug hungrige Kunden.

Passieren Sie die drei Tunnel am Außensee:

Der bunte Bahnhofsbrückentunnel - Der verstörende Eiertunnel - Der Parkpflanzentunnel
  

6. Am Westufer hat der See eine schwarze Steilküste, gegen die Wellen klatschen. Nun haben Sie die Wahl: Wollen Sie festen Boden unter den Rädern, folgen Sie den Schildern auf die obere Straße. Haben Sie Lust auf Abenteuer, dann folgen Sie der dubiosen Karte, die Sie sich ausgedruckt haben, auf den Weg unten am See.
Heben Sie Ihr Rad über zwei Bäume, schieben Sie durch schwarzen Schlamm. Jemand hat Teiles des Weges provisorisch befestigt, indem er einfach ganz viel Holz nebeneinandergelegt hat.

Falls Ihre Kette in diesem Wald reißen sollte, haben Sie ein Problem. Am gesamten Außensee gibts keine Fahrradwerkstatt, nicht mal in Bad Kleinen. Improvisieren Sie eine abenteuerliche Reparatur, die Ihre Kette bei vorsichtiger Fahrweise in niedrigen Gängen tatsächlich durchhält.
Biegen Sie das gerissene Kettenglied mit einer Zange auf, fädeln sie es wieder ein - und dann hämmern Sie es irgendwie fest. Halten Sie mit Ihrer ersten Hand die Kette mit der Zange fest, mit Ihrer zweiten Hand halten Sie einen schmalen Schraubendreher, damit ausschließlich die Niete plattgeklopft wird, und mit Ihrer dritten Hand hämmern Sie den Hammer auf den Schraubendreher. Sie haben keinen Hammer? Nun, dann suchen Sie einen geeigneten mittelgroßen Stein. Nein, nicht am Seeufer, da sind nur Kiesel. Aber mit viel Geduld werden Sie auf dem Waldboden fündig.

7. Verlassen Sie spätestens in Willigrad den Uferweg und radeln Sie das Ufer hoch - jetzt reicht es mit Abenteuern. Eine Etage höher erreichen Sie die Dorfstraße.

Umrunden Sie das Schloss Willigrad. Auch wenn die Kunstausstellung darin schon geschlossen hat, können Sie es sich von allen Seiten anschauen. Es sieht dem Schloss Klink an der Müritz zum Verwechseln ähnlich. Schon erstaunlich, was man mit nichts als Ziegelsteinen und weißer Farbe für eine prächtige Fassade basteln kann. Vor dem Schloss steht der Braunschweiger Löwe.

Würdigen Sie auch den Blick vom Schlosspark auf den See, denn auf den letzten Kilometern werden die Seeblicke eher selten. Ein paar winzige Insel ragen spitz und grün aus dem Wasser.

8. Sausen Sie entlang der Straße durch diverse Dörfer und Maisfelder bis zum Ziel, hier ist eh nichts Interessantes. Sollten Sie Gegenwind haben, werden Sie ihn nur auf diesem Abschnitt spüren, bisher hat die Landschaft Sie gut geschützt. Keine Sorge, es ist sowieso nicht mehr weit.
Achtung: Der Name Hundorf ist wörtlich zu nehmen. Vermeiden Sie nach Möglichkeit einen Herzinfarkt, wenn der wilde Hundorfer Hund sie urplötzlich anbellt.

9. Biegen Sie in Wickendorf links ab zu der Stelle, wo die beiden Seen verbunden sind. Kehren Sie über den Paulsdamm nach Rampe zurück, das kennen Sie ja schon.