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10 August 2025

Donau: Von Bratislava nach Vrakúň

Wir verließen Bratislava auf direktem Weg über die Alte Brücke, was eine gute Idee war, auch wenn mir auf dem Weg zur Brücke eine Fahrschule abrupt in den Fahrradstreifen grätschte und dann zwei Polizeiautos darauf parkten.


Dafür waren wir ruckzuck auf dem Deichradweg am Südufer - auf der angeblich härtesten Etappe dieser Tour.
Wegen der mangelnden Einkehr- und Verpflegungsmöglichkeiten sollten Sie diese Route sorgfältig planen!, warnt der Reiseführer. Wie um seine Worte zu verhöhnen, überhäufte Bratislava die ersten Kilometer mit Imbissen am Wegesrand. Außerdem ratterte ein leeres Kiesfließband unter dem Radweg hindurch (sonst führen die Dinger immer obendrüber) zu einem Altarm der Donau.

Während die letzten hochwertigen Speckgürtelhäuser und Luxuswohnungen verschwanden, genossen wir den Luxus, zwischen zwei Radwegen wählen zu können: Dem Deichradweg und einer Art Fahrradstraße auf der anderen Seite des Grabens. Die Sonne stieg immer höher, und um uns gegen sie zur Wehr zu setzen, wechselten wir rechtzeitig auf die Fahrradstraße.

Denn direkt am Straßenrand sollte laut Google Maps ein Badesee liegen.
Lag er auch. Und was für einer!
Er heißt Rusovské Jezero (Rosa See? Rosensee? Russensee?) und hat eine tiefblaue Farbe, als käme er frisch aus den Alpen und nicht aus dem flachen Grenzland zwischen der Slowakei und Österreich. Nichts wie hinein! Sogar unser Vater sah ein, dass ihm nichts anderes übrigblieb, nachdem er sich mit einer durchgeschüttelten Kofola-Flasche bekleckert hatte.
Das Wasser ist unglaublich klar (übrigens auch in den Flüssen und Gräben), silbrige Fische wuseln über dem steinigen Grund mit 1,5 Meter Sicherheitsabstand zu menschlichen Füßen herum. Wir schwammen hinaus und steuerten eine Insel an. Doch kurz vor dem Ziel, wir konnten bereits wieder stehen, richtete sich hinter einer Palisade aus geflochtenen Zweigen eine Slowakin auf und rief "Nuda, nuda!" Eine kleine Gemeinschaft scheint die Insel zu einem FKK-Resort ausgebaut zu haben. Da uns nicht der Sinn danach stand, die Badehosen auf den letzten Metern auszuziehen und dann durch die Gegend zu tragen, kehrten wir um.
Ein anderer Anziehungspunkt ist dieser Baum, an dem sich bereits ein paar teils mutige, teils zögerliche slowakische Kinder angestellt hatten. Das Wasser wird rasch tief, deshalb bietet er Möglichkeiten für mehrere Mutproben.
Level 1: Vom seitlichen Ast springen.
Level 2: Ganz weit raufklettern und das Seil der Schaukel herbeiziehen, dann wieder ein Stück runter und sich daran seitlich in den See schwingen.
Level 3: Wie Level 2, nur dass dabei eine Wespe auf dir herumkrabbelt.

Die Donau verbarg sich immerfort hinter Bäumen. Kleine Betonpyramiden wiesen darauf hin, dass wir uns noch immer im Grenzgebiet des ehemaligen Eisernen Vorhangs befanden und die österreichischen, ungarischen oder sonstigen Panzer nicht auf dumme Ideen kommen sollten, denn diese Teile machen bestimmt mehr als einen platten Reifen.
Kurz darauf bogen wir bei Čunčovo links ab. Wären wir geradeaus weitergefahren, wären wir kurz darauf in Ungarn gelandet. Nur ein kurzes Stück weiter rechts, hinter der Autobahn, liegt das Dreiländereck Österreich/Slowakei/Ungarn. Dadurch ist Bratislava die einzige Hauptstadt auf diesem Planeten, die an zwei andere Staaten grenzt. Die ungarische Variante des Donauradwegs geht hier weiter durch die Städte mit den wunderbaren Namen Mosonmagyaróvár und Győr.

Wir haben uns aber aus verschiedenen Gründen entschieden, auf der slowakischen Seite weiterzufahren. Und das heißt, wir müssen jetzt zu einem Stausee. Es ist der größte der gesamten Donau und einer der merkwürdigsten, die ich je gesehen habe.
Die erste Staumauer hat die Aufgabe, ein bisschen Donau auszusortieren, das mehr oder weniger naturbelassen weiterfließen (und vorher ein bisschen Strom produzieren) soll, und den Rest schon mal kräftig anzustauen.
Als erstes fuhren wir über die ganz schmale Mosoni-Duna (Kleine Donau), die rein nach Ungarn und manchmal kurz am ungarischen Donauradweg fließt, wobei sie sich noch weiter aufteilt. Im Vergleich zum Rest ist sie aber wirklich eine Mini-Donau.

Als zweites holperten wir auf kleinen Blechplatten über sehr großen Blechplatten dahin. (Die Mutter bestand darauf, diesen schmalen Fußweg zu benutzen statt die stark befahrene Straße.) Unter uns rieselte und rauschte etwas Wasser auf die andere Seite und sammelte sich im alten Flussbett der Donau, das auch in heutigen Landkarten einfach Donau heißt.

Viel wilder ist das Wasser an diesem Rafting-Parcour für Paddler, das letztlich auch im alten Donau-Flussbett landet. (Auch anderswo waren Slowaken gerade dabei, ihre Schlauchboote vom Auto zu holen.)
Die weiten Auen und Arme dieser Donau waren die Heimat der Seeadler, Großtrappen und anderer seltener Arten. Aber sie bereiteten den Menschen auch viel Kummer, vor allem 1965, als das größte Hochwasser jemals die Slowakei heimsuchte. 1977 schlossen die sozialistischen Bruderstaaten Ungarn und die Tschechoslowakei einen Vertrag über den Bau des Wasserkraftwerks, und trotz großer Proteste ging es los mit der Zerstörung einer einzigartigen Auenlandschaft. Weil das meiste auf slowakischer Seite liegen sollte, sollte Ungarn auch ein paar komplett slowakische Bauwerke bezahlen, aber der Strom sollte Hälfte-Hälfte aufgeteilt werden. Doch 1989 wurde der Umweltschutz in Ungarn ein viel größeres Thema. Die neue Regierung ließ die ökologischen Folgen genauer untersuchen und stoppte die Bauarbeiten einfach, ohne ihre Gründe zu verraten - Streit, erfolglose Verhandlungen, und sogar der Internationale Gerichtshof in Den Haag musste entscheiden, dass der sozialistische Vertrag von 1977 rechtmäßig war.

An der Spitze des Stauwehrs steht das Meulensteen Danubiana Art Museum. Ein Name, der in unserer Gruppe große Vorfreude und Erwartungen weckte.
Erwartungen wir: "Prima, da gibt es bestimmt ein Café und ein Klo."
Gab es nicht, zumindest für niemanden, der nicht erst einmal den Eintritt bezahlt. Durch den Zaun erspähte ich dieses Kunstwerk, das auf Englisch schlicht Transformation heißt, auf Slowakisch dagegen so viel wie... Erstes Selbstportrait? Okay, was sagt man zu einem Künstler, der sich selbst so wahrnimmt? Glückwunsch zur erfolgreichen Diät?
Zumindest gab es im Foyer den letzten kühlen Moment.

Und dann: Das hier.
Die Slowakei hat sichergestellt, dass 97,5 Prozent des Donauwassers auf ihrer Seite bleiben. Damit auch Platz dafür ist, hat sie 150 Kubikmeter Naturlandschaft weggebaggert. Das Ergebnis ist eine endlose Fläche namens Vodné Dielo Gabčikovo, durchsetzt mit kleinen Grasinseln und... Moment, sind das da hinten Schiffswracks?
Eine der größten Auswirkungen auf die Natur scheint zu sein, dass a) das Wasser auf einmal eine trübe dümpelnde Suppe mit Algeninseln ist und b) nur noch weiße Vögel überleben, von denen aber echt viele in allen Größen. Das Ufer besteht aus Asphalt oder Betonplatten, die unter dem Unkraut manchmal kaum zu erkennen sind. Was für ein komisches Gewässer.
Wir gewährten einem Fahrzeug vom Water Management Vorfahrt, dann bogen wir ein auf einen der monotonsten Abschnitte des Donauradwegs. Und kamen dort richtig, richtig fix voran. Ausgerechnet auf der längsten Etappe bekam ich das Gefühl, dass wir uns endlich eingegroovt hatten.
Wir hatten genug Verpflegung, waren noch erfrischt vom Badesee, der auf diesem Abschnitt gefürchtete Gegenwind hielt sich sehr in Grenzen, und alles war asphaltiert.
Nur ein Problem gab es: Schatten. Denn Schatten gibt es auf dieser Strecke ungefähr so häufig wie Pride-Paraden in Afghanistan. Was zu abenteuerlichen Kopfbedeckungen mit nassen Lappen und schützenden Handtüchern führte, sodass ich eine Weile in Begleitung von Deichscheichen dahinradelte. Es gibt zwar Bäume auf diesem Streifen Land, aber sie sind einfach zu weit weg!

Wir erinnern uns: Nebenan ist ja immer noch die Donau, also das alte Flussbett, das gar nicht mal so schmal ist. Sie ist jetzt die Grenze. Obwohl wir genau zwischen den Strömen fuhren, war diese Donau sehr schüchtern. Und so war das erste, was ich in meinem Leben von Ungarn sah, ein paar äußerst zaghafte Baumspitzen hinter slowakischen Bäumen.
Um mehr von Ungarn (das heißt, komplette Bäume) zu sehen, musste ich den Deich runter, die Straße überqueren und einem Waldweg folgen. Auch an diesem kurzen Erdstrand hatte sich bereits eine Familie zum Baden niedergelassen.

Nur ganz kurz ist diese Grenzdonau auch vom Radweg aus zu sehen, dort beginnt sie sich zu teilen, wobei ein Arm auch gleich von einem kleineren Wehr gestaut wird. Aber immerhin haben wir dank der ungarischen Umweltschützer der Wendezeit eine grobe Ahnung, wie die Donauauen in der Kleinen Ungarischen Tiefebene damals wohl überall ausgesehen haben.

Allmählich normalisiert sich die Landschaft ein bisschen, der Stausee verjüngt sich zum Privodný kanál, und die Donau lässt Platz für slowakische Dörfer, jedes mit einer silbernen Kugel auf einem Mast. Damit die auch irgendwie von der restlichen Slowakei aus gut erreichbar sind, pendelt eine Fähre nach drüben. Ein paar Autos standen an, doch der Fährmann war zunächst damit beschäftigt, sein modernes Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen.

Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als über die Straße in den Schatten der Bäume zu fliehen. Dort kamen wir in Berührung mit der slowakischen Insektenwelt, die, ohne dass wir jetzt alle Arten bestimmen können, schon irgendwie anders aussieht. Neben einer ganz grünen Gottesanbeterin umfasst sie viele kleine graue hüpfende Dreiecke.
Das Gras in der prallen Sonne war übrigens grün und saftig, es hatte wohl vom Regen der letzten Wochen gut getankt und profitierte auch von der Flussnähe.

An der Fähre stießen wir auf ein vergilbtes Schild.
Kotva Bufet, Ankerbuffet, 5 km? Mit großer Skepsis folgten wir dem Schild weiter den Deich entlang, dann runter auf einen alternativen Radweg am Waldrand (immer noch kaum Schatten), und schließlich rein ins nächste Dorf und... oho! Da ist es wieder, das paradiesische Blau von heute Morgen. Das Šulianské Jezero wurde bereits eifrig zum Baden genutzt, zum Springen gab es einen hohen Steg. Eine Familie plantschte liebevoll mit ihren Kindern, nur das behinderte Mädchen blieb an Land und sah von seinem Wagen aus zu. Zum Schwimmen war der See fast so herrlich wie der erste, abgesehen von einem einzigen scharfen Metallstück am Grund und der Tatsache, dass irgendwann Bojen den Badebereich begrenzten.
Und das "Buffet"? War natürlich ein Imbiss mit Holzbänken (diesmal abgedeckt mit Folie gegen tropfende Badegäste). Inzwischen war auch ich vom Englischen ins Tschechische gewechselt, und es funktionierte problemlos. Die Slowaken, die sich einst von einem fehlenden Bindestrich getriggert fühlten, sehen es nicht als Zeichen von tschechischem Zentrismus, wenn man ganz selbstverständlich auf Tschechisch bestellt und erwartet, dass es jeder versteht.

Endlich, endlich erschien am Horizont ein rostrotes Dreieck, welches das Ende der Strecke verkündete. Wir radelten abermals auf der Hauptstraße über eine Staumauer. Die Mauer von Gabčikovo hat acht Kaplan-Turbinen und macht aus dem aufgestauten Donauwasser Strom. Dabei ist die Mauer in der heutigen Form nur eine Notlösung, nachdem die Ungarn ausgestiegen waren - eigentlich waren mehr Turbinen auf ungarischer Seite geplant.

Damit sich die Menschen das Bauwerk ansehen können, wurde direkt unter das rostrote Kontrollgebäude eine Aussichtsplattform in derselben dreieckigen Form gebaut. Sehr schön, dass habe ich so noch nicht gesehen. Und über der Seite, wo das Wasser abfließt, ragt zusätzlich ein Glasbalkon in die Donau. Ich bin schon abgehärtet vom Arnhemer Kirchturm am Rhein, aber trotzdem... aiaiai, das geht tief runter, und wenn ich da unten lande, sind die Strömungen bestimmt richtig fies.

Durch zwei Schleusenkammern passieren die Schiffe das Bauwerk. Angeblich sind es jedes Jahr 15 000 Schiffe und 6 Millionen Tonnen Güter, die hier durchtuckern.
Ich habe da meine Zweifel, ob diese Zahlen noch aktuell sind. Obwohl wir heute die Donau fast die ganze Zeit im Blick hatten, war die Anzahl der Lastschiffe, die wir gesehen haben, Trommelwirbel:
3.
Sogar bei den Flusskreuzfahrtschiffen gab es eins mehr.
Was ist los mit der Wasserstraße? Wasser schien sie genug zu geben, doch angesichts der ständigen Unsicherheit mit Niedrigwasser haben sich vielleicht mehr Unternehmen auf den Landweg zurückgezogen. Obwohl der Rhein ja schlimmeres Niedrigwasser zu haben schien, und dort ist trotzdem noch viel mehr Schiffsverkehr.

Das reicht für heute,  das waren schon deutlich über 50 Kilometer. Aber wohin nun? Direkt am Wehr stehen ein paar verfallene Bungalows, die laut Onlinebewertungen total heruntergekommen sind und in denen man sich nicht waschen kann. Üblich und unvermeidlich ist es daher, der Hauptstraße bis in die Stadt Gabčikovo hinein zu folgen. Aber selbst dort hatten wir nichts gefunden. Nein, die nächste freie Übernachtung gab es erst im Dorf hinter Gabčikovo namens Vrakúň, 10 Kilometer vom Ufer entfernt. So einen weiten Umweg nur zum Schlafen haben wir noch nie zuvor gemacht. Immerhin mussten wir nicht die Straße nehmen, es gab auch eine Route über Feld- und Radwege.
Ohne Schatten, versteht sich.
Noch weiter hinten liegt übrigens die Stadt Dunajská Streda, also Donau-Mittwoch, oder eher Donau-Mitte. Hä, das ist doch total weitab von der Donau? Nicht ganz, hinter Dunajská Streda gibt es noch die Malý Dunaj, die slowakische Kleine Donau, die sich schon bei Bratislava abgespalten hat. Auch die Stauwehranlage kann nicht ganz verhindern, dass die Donau nach wie vor ein weitverzweigtes Binnendelta hat. Manche sehen die Große Schüttinsel, auf der wir gerade fahren, als die größte Flussinsel Europas an. Inselflair kommt aber nicht auf.

Auch nicht in Vrakúň. Die kurz gemähten und gesprengten Rasenflächen hinter abweisenden Mauern deuten darauf hin, dass es sich eher um ein wohlhabendes Dorf handelt. "Die bauen erstmal ne Mauer und überlegen dann, was reinkommt.", beschrieb unser Vater den Baustil.
Nur unser Hotel fällt da ein bisschen aus der Reihe. Das erkannten wir nicht nur daran, dass der Rasen einen Tacken höher wuchs. Sondern vor allem, weil über den Parkplatz ein brauner Hase hoppelte, welcher sich an besagtem Rasen gütlich tat. Zum Streicheln war er leider zu schüchtern.

Ganz anders dieses Kätzchen, das beim Frühstück um die Tische strich und um Streicheleinheiten bettelte. Leider war es in der Nacht offenbar in eine Wanne voll Klebstoff gefallen und hatte sich anschließend in einer Wiese gewälzt. Der Schwanz klebte am linken Hinterbein, es konnte nur ungeschickt durch die Gegend taumeln, und niemand wollte es in diesem klebrigen Zustand während des Frühstücks berühren.

Unsere Fahrräder übernachten in der Speisekammer zwischen Bierfässern und Kühltruhen. Damit sie auch genügend Platz haben, hauten wir abends im Restaurant kräftig rein.

17 Juni 2023

Inselsee

Inselsee & Sumpfsee
Zwischen den Zitrusringen - Wen man straflos stalken darf - Eine Insel mit zwei Zäunen - So erziehen Sie Ihr Kind zu einem guten Sklaven - Der spontane See und seine Bewohner - Wahl ohne Qual - Ehre sei dem Kaffee und dem Tee und der heiligen Milch - Blutspende am Ende - Rasender Radler, Versteckter Schwimmer und andere Partizipien

Die Sonne scheint, ich besuche meine Familie, das heißt: Zeit für eine Mecklenburger Seentour! Wo darf es hingehen, welche fehlen uns noch? Der Malchiner See? Die Feldberger Seen? Ach nö, wir sind alle bisschen spät aufgestanden und die sind so weit weg und bei den Benzinpreisen... machen wir einfach entspannt den kleinen Güstrower Inselsee.

Der Mühlengraben erinnerte mich an die Wasserläufe von Bützow, die aber keine so netten Radwege haben. Er verbindet die Stadt Güstrow mit ihrem See, an seinem Ufer verläuft auch der Radweg Berlin-Kopenhagen. Wir starteten in der Nähe des Wildparks auf einen Kiesweg. Sofort stellten wir fest: Dieser See ist reich an Gräben und hölzernen Bootshäusern.

Ein gelber Ring aus Raps umschließt den See. Irgendwo dahinter sind manchmal die Güstrower Kirchtürme zu erkennen.
Und in diesem Rapsring befindet sich ein schmaler, zugewachsener Buschring. Diese Büsche und der See bilden ein Natura-2000-Gebiet, weil da unterschiedliche Arten von Wiesen und Mooren drinstecken.

Was uns nur recht ist, solange wir in diesem grünen Ring fahren können. Und das können wir. Zwar nur auf schmalen Pfaden, dafür aber gleich auf mehreren. Die sich nach wenigen Metern aber wieder vereinigen.

Manche Familien schaffen es sogar, ihr Auto in den grünen Ring reinzuquetschen - wie auch immer das möglich ist.

Andere mögen es rustikaler und campen lieber - auch dabei stoßen sie auf gewisse Schwierigkeiten.

Boah, ist das heiß. Zeit für die erste Badepause. Der See ist mit dicht bewachsen, aber wie üblich hat der Röhricht Lücken, in denen sich eine traditionelle Mecklenburger Badestelle verbirgt: Eine Kante mit Erde, über die man ins Wasser watet, um dann zwischen dem Schilf rauszuschwimmen.
Der Inselsee hat einen angenehmen Boden und wird recht schnell tief. Man kann bis zu drei Meter tief sehen, erklärt ein Schild, was wohl heißt, dass er noch deutlich tiefer sein muss. Da unten lebt die seltene Armleuchteralge. Der Inselseebewohner schlechthin ist aber, soweit ich das beurteilen kann, die Libelle. Überall wirbelten die blauen Geschöpfe über dem Schilf dahin, wechselten von der einen auf die andere Seite, flohen vor dem polternd-platschenden Menschen. Manche hatten sich zu romantischen Zwecken direkt hintereinander auf ein Blatt gesetzt. Andere Libellen waren noch Single und guckten in den Röhricht.
Wo ist eigentlich meine wasserfeste Handyhülle? Nein, für gute Fotos bin ich zu laut und die Insekten zu scheu.

Soo, nun heiß der See ja Inselsee. Wo ist denn jetzt die Insel? Ich erinnere mich vage, wie ich in jungen Jahren einmal über die Güstrower Insel gelaufen bin - da ich gerade erst Jim Knopf gelesen hatte, fand ich es klasse, auch mal auf einer echten Insel von Lummerland-Größe zu sein. Selbst, wenn sie jetzt nicht im engeren Sinne im großen weiten Meer lag und auch keine so gut ausgebauten (beziehungsweise überhaupt keine) öffentlichen Verkehrsmittel hatte.
Die Insel heißt Schöninsel und beinhaltet einen alten slawischen Burgwall. Was wir hier sahen, war jedoch weniger schön.

Die Brücke war verrammelt und verriegelt. Warum, ist auch deutlich zu erkennen: An einigen Stellen sind die Bretter schon durchgebrochen. Das verschlossene Tor sich war nicht das Problem, denn jeder mit ein bisschen Gleichgewichtssinn konnte das Tor ganz easy an der Seite umgehen und den Bruchstellen ausweichen. Aber auch auf der Insel folgt nach wenigen Metern das nächste Tor, und irgendwo dahinter liegt das abgeschottete Haus von König Alfons, der ganz offensichtlich dringend möchte, dass sich alle von seiner Privatinsel verpissen - aber dann doch nicht so dringend, dass er deswegen Geld ausgeben würde, um die Schwachstelle seiner Verteidigungsanlagen zu beheben. Diese Insel wirft viele Fragen auf. Gibt es noch andere Schleichwege zu zugänglichen Teilen der Insel? Manche sagen ja, die Karte sagt nein, wir haben jedenfalls keine gefunden.
Ich war der einige, der sich die paar Schritte auf die Insel wagte. Auf der Brücke und auf dem Bootssteg direkt direkt daneben hatten sich jedoch eine Menge Menschen angefunden, die ungerührt angelten und ihr Bier tranken.
Die Familie am Ufer war bereits zu härteren Drogen übergegangen.
"Zigarette!", befahl der Vater.
"Muss ich erst drehen", entgegnete der Zehnjährige und sprang dienstbeflissen auf.
Hach, Güstrow, diese Stadt kann einem richtig ans Herz wachsen. Wie ein Tumor.

"Die Tour um den Inselsee ist so kurz, wollen wir nicht noch einen anderen machen?", schlug unser nichtrauchender Vater vor, während er die Kartenapp studierte. "Da hinten ist der, äh... Sumpfsee."
Klingt einladend, und das mit der kurzen Strecke ist völlig richtig, ich bin dabei! Wir kreuzten uns zwischen einer Tankstelle und dem schneeweißen Güstrower Ligusterweg hindurch - und fanden uns auf einer kahlen braunen Einöde wieder. Der Sumpfsee könnte auch Ackersee heißen. Ach, da hinten ist er ja endlich.

Als wir in den neuen Grüngürtel eintauchten, wurde der Sumpfsee seinem Namen doch noch gerecht: Das Wasser breitete sich bis über den Weg aus.

Der Sumpfsee wird vorwiegend von Schnecken bewohnt. Während die Schneckenhäuser an Land aktuell leerstehen (eine Schande bei der Situation auf dem Wohnungsmarkt), sind die schwarzen Seeschnecken quicklebendig.

Auf den Sumpf folgt der Sand: In brütender Hitze schleppten wir uns durch die Dünen am Waldesrand. Diesen Weg fanden wir nicht besonders schaf.

Wer näher am See bleiben will, muss an den Windrädern links abbiegen. Dieser Sandweg sieht aber nicht viel besser aus. Nein danke, wir nehmen die leichtere Variante.

Die Bauern in Bülow sind aktuell möglicherweise besser ausgerüstet als die Bundeswehr.

Wir bogen vom Bundesstraßenradweg ab nach Ganschow. Das Dorf ist bekannt für seine Pferderennen und landwirtschaftlichen Messen. Aber wir müssen die Gestüte wohl irgendwie umfahren haben, denn alles, was wir sahen, waren Ziegen in allen Farbschattierungen. Außer Gelb, die Farbe übernahmen stattdessen die Fachwerkhäuschen.

Mit unserer Mutter unterwegs zu sein, heißt, unterwegs mindestens eine Kirche mit Friedhof zu besichtigen. Ist ja auch oft das einzige, was die Dörfer zum Besichtigen haben.
Ein schattiges, leeres Sträßchen brachte uns nach Lohmen. Dort empfing uns die Dorfkirche mit offenen Türen (also quasi, eigentlich mussten wir sie selbst öffnen). Sie besteht wie die meisten Mecklenburger Dorfkirchen aus Feldsteinen aus dem 13. Jahrhundert. Und wie viele Mecklenburger Dorfkirchen hat sie später einen Fachwerkturm bekommen, als die Menschen herausfanden, dass runde Steine superviel Mörtel verbrauchen und eventuell gar nicht mal das allerbeste Baumaterial darstellen.

Da führt eine Treppe hoch - ob man da auf den Turm kommt? Nee, erstmal nur zur Empore. Wer noch höher will, muss die gut getarnte Falltür (im linken Bild oben rechts) aufkriegen und da irgendwie hochkommen. Ui, das ist ja sogar noch abenteuerlicher als der Göttinger Jacobikirchturm, nee danke.
Dann fiel uns etwas Seltsames auf. Wo eigentlich die Orgel stehen sollte, befindet sich nun eine Teeküche. Natürlich ist Tee etwas Wunderbares, aber ob das Brodeln und Klicken eine Wasserkochers wirklich Orgelmusik ersetzen kann? Natürlich nicht. Die Lütkemüller-Orgel wurde nach unten verschoben, als man sie zum neuen Jahrtausend renoviert hat. (Mit neuem Jahrtausend meine ich natürlich das Jahr 2000. Im Jahr 1000 sollte es noch 890 Jahre dauern, bis die Orgel überhaupt existierte.) Wahrscheinlich kommen nicht mehr soo viele Besucher in die Kirche, sodass unten genug Platz ist und niemand mehr auf der Empore sitzt - warum sollte man also unnötigen Abstand zwischen die Menschen und die Musik bringen?

Zurück an der Bundesstraße erwarteten uns die größten Hügel der Strecke, aber der Asphalt machte sie trotzdem viel einfacher als die Sandhügel vorhin. Ab und zu funkelt hinter den Kuhweiden der blaue Inselsee.

Kurz vor dem Ziel erwartet uns der Uitkiek. Das ist der einige Aussichtsturm am Inselsee. Genau genommen steht er nicht mal wirklich am Inselsee, sondern ein Stückchen entfernt im Wald. Das ist einerseits toll, denn oben auf dem Berg und nach vier Metalltreppen, reicht der Blick ziemlich weit, deutlich über den See hinaus zur Güstrower Skyline. (In die andere Richtung dagegen endet der Blick nach wenigen Metern an einer grünen Nadelwand.)
Doch wer sich diesen Blick sehen will, muss dafür bezahlen. Nicht mit Geld, der Uitkiek ist gratis. Stattdessen war anscheinend Lord Voldemort da, hat hier einen Horkrux verbuddelt und eine (wie Dumbledore sagen würde, primitive) Bezahlschranke installiert. Der Preis wird in Blut bezahlt. Zuständig sind hierfür die Mücken. Sie ließen mich zunächst gutgläubig in ihr Refugium radeln. Doch sobald ich länger als 0,3 Sekunden am selben Ort stehenblieb, kam der Schwarm von allen Seiten und fiel gierig über mich her wie ein Finanzamt auf Ecstasy. Ich rannte um mein, naja, nicht mein Leben, aber um mein wertvolles Gruppe-Null-Blut.

Damit wären wir im spaßigen Stadtviertel Güstrow-Schabernack angekommen. Statt an der Straße radeln wir hier an einer Pferdekoppel und dann am Seeufer. Hier stoßen wir auch wieder auf den Radfernweg Berlin-Kopenhagen, der in Richtung Krakow abzweigt.
Der wohl berühmteste Güstrower ist der Bildhauer Ernst Barlach. Er hämmerte und goss ausdrucksstarke Skulpturen im Partizip I: Lesender Klosterschüler, Lachende Alte und natürlich, am bekanntesten, Der Schwebende. Letzterer hängt an der Decke des Güstrower Doms ab, die meisten Werke jedoch verbergen sich in einer modernen Galerie aus Efeu und Beton, direkt am Seeufer in Schabernack. Während meiner allerersten Klassenfahrt marschierten wir alle brav ungefähr 129 Kilometer vom Reisebus bis hierher, um uns Ernst Barlachs große und kleine Gestalten erklären zu lassen. Die Führung war sogar einigermaßen kindgerecht, obwohl die meisten Figuren etwas Düsteres, oder naja, zumindest Melancholisches haben. Auf jeden Fall passen sie sehr gut zum Vornamen des Künstlers und sehr schlecht zum Namen des Stadtteils.

Dahinter war es Zeit für das letzte Bad des Tages. Die größte Badestelle am See ist ausgestattet mit einem Steg und einer Schwimminsel. Nanu, ist da unterm Steg etwa ein Hohlraum? Wir tauchten hinein und stellten fest: In diesem Versteck kann man sogar atmen. Ideal zum Versteckenspielen, als Fluchtort vor den Eltern, die loswollen, oder für tragische Badeunfälle.
Am Imbiss ergatterten wir noch die letzte Currywurst des Tages, die uns Treibstoff für die letzten Meter bis zum Parkplatz lieferte.