Ich bin ein Radfahrer auf der Suche nach Antworten, nach denen niemand gefragt hat: Welcher Radweg hat die süßesten Gänse? Wo gibt es die lobbyistischsten Achterbahnen und die salzigsten Berge? Warum verläuft die Grenze ausgerechnet auf diesem Fluss - und wieso sollte ich sie auf keinen Fall in Jogginghose überqueren? Finden Sie es jetzt heraus! (Oder auch später, mein Geschreibsel läuft Ihnen ja nicht weg.)
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31 März 2026
Gersprenz & Modau: Von Stockstadt nach Stockstadt
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10 August 2025
Donau: Von Bratislava nach Vrakúň
Wir verließen Bratislava auf direktem Weg über die Alte Brücke, was eine gute Idee war, auch wenn mir auf dem Weg zur Brücke eine Fahrschule abrupt in den Fahrradstreifen grätschte und dann zwei Polizeiautos darauf parkten.
Wegen der mangelnden Einkehr- und Verpflegungsmöglichkeiten sollten Sie diese Route sorgfältig planen!, warnt der Reiseführer. Wie um seine Worte zu verhöhnen, überhäufte Bratislava die ersten Kilometer mit Imbissen am Wegesrand. Außerdem ratterte ein leeres Kiesfließband unter dem Radweg hindurch (sonst führen die Dinger immer obendrüber) zu einem Altarm der Donau.
Während die letzten hochwertigen Speckgürtelhäuser und Luxuswohnungen verschwanden, genossen wir den Luxus, zwischen zwei Radwegen wählen zu können: Dem Deichradweg und einer Art Fahrradstraße auf der anderen Seite des Grabens. Die Sonne stieg immer höher, und um uns gegen sie zur Wehr zu setzen, wechselten wir rechtzeitig auf die Fahrradstraße.
Lag er auch. Und was für einer!
Er heißt Rusovské Jezero (Rosa See? Rosensee? Russensee?) und hat eine tiefblaue Farbe, als käme er frisch aus den Alpen und nicht aus dem flachen Grenzland zwischen der Slowakei und Österreich. Nichts wie hinein! Sogar unser Vater sah ein, dass ihm nichts anderes übrigblieb, nachdem er sich mit einer durchgeschüttelten Kofola-Flasche bekleckert hatte.
Das Wasser ist unglaublich klar (übrigens auch in den Flüssen und Gräben), silbrige Fische wuseln über dem steinigen Grund mit 1,5 Meter Sicherheitsabstand zu menschlichen Füßen herum. Wir schwammen hinaus und steuerten eine Insel an. Doch kurz vor dem Ziel, wir konnten bereits wieder stehen, richtete sich hinter einer Palisade aus geflochtenen Zweigen eine Slowakin auf und rief "Nuda, nuda!" Eine kleine Gemeinschaft scheint die Insel zu einem FKK-Resort ausgebaut zu haben. Da uns nicht der Sinn danach stand, die Badehosen auf den letzten Metern auszuziehen und dann durch die Gegend zu tragen, kehrten wir um.
Ein anderer Anziehungspunkt ist dieser Baum, an dem sich bereits ein paar teils mutige, teils zögerliche slowakische Kinder angestellt hatten. Das Wasser wird rasch tief, deshalb bietet er Möglichkeiten für mehrere Mutproben.
Level 1: Vom seitlichen Ast springen.
Level 2: Ganz weit raufklettern und das Seil der Schaukel herbeiziehen, dann wieder ein Stück runter und sich daran seitlich in den See schwingen.
Level 3: Wie Level 2, nur dass dabei eine Wespe auf dir herumkrabbelt.
Kurz darauf bogen wir bei Čunčovo links ab. Wären wir geradeaus weitergefahren, wären wir kurz darauf in Ungarn gelandet. Nur ein kurzes Stück weiter rechts, hinter der Autobahn, liegt das Dreiländereck Österreich/Slowakei/Ungarn. Dadurch ist Bratislava die einzige Hauptstadt auf diesem Planeten, die an zwei andere Staaten grenzt. Die ungarische Variante des Donauradwegs geht hier weiter durch die Städte mit den wunderbaren Namen Mosonmagyaróvár und Győr.
Wir haben uns aber aus verschiedenen Gründen entschieden, auf der slowakischen Seite weiterzufahren. Und das heißt, wir müssen jetzt zu einem Stausee. Es ist der größte der gesamten Donau und einer der merkwürdigsten, die ich je gesehen habe.
Die erste Staumauer hat die Aufgabe, ein bisschen Donau auszusortieren, das mehr oder weniger naturbelassen weiterfließen (und vorher ein bisschen Strom produzieren) soll, und den Rest schon mal kräftig anzustauen.
Als erstes fuhren wir über die ganz schmale Mosoni-Duna (Kleine Donau), die rein nach Ungarn und manchmal kurz am ungarischen Donauradweg fließt, wobei sie sich noch weiter aufteilt. Im Vergleich zum Rest ist sie aber wirklich eine Mini-Donau.
Die weiten Auen und Arme dieser Donau waren die Heimat der Seeadler, Großtrappen und anderer seltener Arten. Aber sie bereiteten den Menschen auch viel Kummer, vor allem 1965, als das größte Hochwasser jemals die Slowakei heimsuchte. 1977 schlossen die sozialistischen Bruderstaaten Ungarn und die Tschechoslowakei einen Vertrag über den Bau des Wasserkraftwerks, und trotz großer Proteste ging es los mit der Zerstörung einer einzigartigen Auenlandschaft. Weil das meiste auf slowakischer Seite liegen sollte, sollte Ungarn auch ein paar komplett slowakische Bauwerke bezahlen, aber der Strom sollte Hälfte-Hälfte aufgeteilt werden. Doch 1989 wurde der Umweltschutz in Ungarn ein viel größeres Thema. Die neue Regierung ließ die ökologischen Folgen genauer untersuchen und stoppte die Bauarbeiten einfach, ohne ihre Gründe zu verraten - Streit, erfolglose Verhandlungen, und sogar der Internationale Gerichtshof in Den Haag musste entscheiden, dass der sozialistische Vertrag von 1977 rechtmäßig war.
An der Spitze des Stauwehrs steht das Meulensteen Danubiana Art Museum. Ein Name, der in unserer Gruppe große Vorfreude und Erwartungen weckte.
Erwartungen wir: "Prima, da gibt es bestimmt ein Café und ein Klo."
Gab es nicht, zumindest für niemanden, der nicht erst einmal den Eintritt bezahlt. Durch den Zaun erspähte ich dieses Kunstwerk, das auf Englisch schlicht Transformation heißt, auf Slowakisch dagegen so viel wie... Erstes Selbstportrait? Okay, was sagt man zu einem Künstler, der sich selbst so wahrnimmt? Glückwunsch zur erfolgreichen Diät?
Zumindest gab es im Foyer den letzten kühlen Moment.
Und dann: Das hier.
Die Slowakei hat sichergestellt, dass 97,5 Prozent des Donauwassers auf ihrer Seite bleiben. Damit auch Platz dafür ist, hat sie 150 Kubikmeter Naturlandschaft weggebaggert. Das Ergebnis ist eine endlose Fläche namens Vodné Dielo Gabčikovo, durchsetzt mit kleinen Grasinseln und... Moment, sind das da hinten Schiffswracks?
Eine der größten Auswirkungen auf die Natur scheint zu sein, dass a) das Wasser auf einmal eine trübe dümpelnde Suppe mit Algeninseln ist und b) nur noch weiße Vögel überleben, von denen aber echt viele in allen Größen. Das Ufer besteht aus Asphalt oder Betonplatten, die unter dem Unkraut manchmal kaum zu erkennen sind. Was für ein komisches Gewässer.
Wir gewährten einem Fahrzeug vom Water Management Vorfahrt, dann bogen wir ein auf einen der monotonsten Abschnitte des Donauradwegs. Und kamen dort richtig, richtig fix voran. Ausgerechnet auf der längsten Etappe bekam ich das Gefühl, dass wir uns endlich eingegroovt hatten.
Wir hatten genug Verpflegung, waren noch erfrischt vom Badesee, der auf diesem Abschnitt gefürchtete Gegenwind hielt sich sehr in Grenzen, und alles war asphaltiert.
Nur ein Problem gab es: Schatten. Denn Schatten gibt es auf dieser Strecke ungefähr so häufig wie Pride-Paraden in Afghanistan. Was zu abenteuerlichen Kopfbedeckungen mit nassen Lappen und schützenden Handtüchern führte, sodass ich eine Weile in Begleitung von Deichscheichen dahinradelte. Es gibt zwar Bäume auf diesem Streifen Land, aber sie sind einfach zu weit weg!
Wir erinnern uns: Nebenan ist ja immer noch die Donau, also das alte Flussbett, das gar nicht mal so schmal ist. Sie ist jetzt die Grenze. Obwohl wir genau zwischen den Strömen fuhren, war diese Donau sehr schüchtern. Und so war das erste, was ich in meinem Leben von Ungarn sah, ein paar äußerst zaghafte Baumspitzen hinter slowakischen Bäumen.
Um mehr von Ungarn (das heißt, komplette Bäume) zu sehen, musste ich den Deich runter, die Straße überqueren und einem Waldweg folgen. Auch an diesem kurzen Erdstrand hatte sich bereits eine Familie zum Baden niedergelassen.
Allmählich normalisiert sich die Landschaft ein bisschen, der Stausee verjüngt sich zum Privodný kanál, und die Donau lässt Platz für slowakische Dörfer, jedes mit einer silbernen Kugel auf einem Mast. Damit die auch irgendwie von der restlichen Slowakei aus gut erreichbar sind, pendelt eine Fähre nach drüben. Ein paar Autos standen an, doch der Fährmann war zunächst damit beschäftigt, sein modernes Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen.
Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als über die Straße in den Schatten der Bäume zu fliehen. Dort kamen wir in Berührung mit der slowakischen Insektenwelt, die, ohne dass wir jetzt alle Arten bestimmen können, schon irgendwie anders aussieht. Neben einer ganz grünen Gottesanbeterin umfasst sie viele kleine graue hüpfende Dreiecke.
Das Gras in der prallen Sonne war übrigens grün und saftig, es hatte wohl vom Regen der letzten Wochen gut getankt und profitierte auch von der Flussnähe.
An der Fähre stießen wir auf ein vergilbtes Schild.
Kotva Bufet, Ankerbuffet, 5 km? Mit großer Skepsis folgten wir dem Schild weiter den Deich entlang, dann runter auf einen alternativen Radweg am Waldrand (immer noch kaum Schatten), und schließlich rein ins nächste Dorf und... oho! Da ist es wieder, das paradiesische Blau von heute Morgen. Das Šulianské Jezero wurde bereits eifrig zum Baden genutzt, zum Springen gab es einen hohen Steg. Eine Familie plantschte liebevoll mit ihren Kindern, nur das behinderte Mädchen blieb an Land und sah von seinem Wagen aus zu. Zum Schwimmen war der See fast so herrlich wie der erste, abgesehen von einem einzigen scharfen Metallstück am Grund und der Tatsache, dass irgendwann Bojen den Badebereich begrenzten.
Und das "Buffet"? War natürlich ein Imbiss mit Holzbänken (diesmal abgedeckt mit Folie gegen tropfende Badegäste). Inzwischen war auch ich vom Englischen ins Tschechische gewechselt, und es funktionierte problemlos. Die Slowaken, die sich einst von einem fehlenden Bindestrich getriggert fühlten, sehen es nicht als Zeichen von tschechischem Zentrismus, wenn man ganz selbstverständlich auf Tschechisch bestellt und erwartet, dass es jeder versteht.
Durch zwei Schleusenkammern passieren die Schiffe das Bauwerk. Angeblich sind es jedes Jahr 15 000 Schiffe und 6 Millionen Tonnen Güter, die hier durchtuckern.
Ich habe da meine Zweifel, ob diese Zahlen noch aktuell sind. Obwohl wir heute die Donau fast die ganze Zeit im Blick hatten, war die Anzahl der Lastschiffe, die wir gesehen haben, Trommelwirbel:
3.
Sogar bei den Flusskreuzfahrtschiffen gab es eins mehr.
Was ist los mit der Wasserstraße? Wasser schien sie genug zu geben, doch angesichts der ständigen Unsicherheit mit Niedrigwasser haben sich vielleicht mehr Unternehmen auf den Landweg zurückgezogen. Obwohl der Rhein ja schlimmeres Niedrigwasser zu haben schien, und dort ist trotzdem noch viel mehr Schiffsverkehr.
Ohne Schatten, versteht sich.
Noch weiter hinten liegt übrigens die Stadt Dunajská Streda, also Donau-Mittwoch, oder eher Donau-Mitte. Hä, das ist doch total weitab von der Donau? Nicht ganz, hinter Dunajská Streda gibt es noch die Malý Dunaj, die slowakische Kleine Donau, die sich schon bei Bratislava abgespalten hat. Auch die Stauwehranlage kann nicht ganz verhindern, dass die Donau nach wie vor ein weitverzweigtes Binnendelta hat. Manche sehen die Große Schüttinsel, auf der wir gerade fahren, als die größte Flussinsel Europas an. Inselflair kommt aber nicht auf.
Nur unser Hotel fällt da ein bisschen aus der Reihe. Das erkannten wir nicht nur daran, dass der Rasen einen Tacken höher wuchs. Sondern vor allem, weil über den Parkplatz ein brauner Hase hoppelte, welcher sich an besagtem Rasen gütlich tat. Zum Streicheln war er leider zu schüchtern.
Ganz anders dieses Kätzchen, das beim Frühstück um die Tische strich und um Streicheleinheiten bettelte. Leider war es in der Nacht offenbar in eine Wanne voll Klebstoff gefallen und hatte sich anschließend in einer Wiese gewälzt. Der Schwanz klebte am linken Hinterbein, es konnte nur ungeschickt durch die Gegend taumeln, und niemand wollte es in diesem klebrigen Zustand während des Frühstücks berühren.
06 August 2025
Donau: Von Wien nach Carnuntum
Der Wiener Prater ist nicht einfach nur ein Freizeitpark.
Er ist eben auch - ein Park. Eine grüne Lunge der Stadt, in der sich die Wiener Rentner oberkörperfrei ihre graue Lunge aus dem Leib joggen. Gleich neben dem weltberühmten Riesenrad beginnt eine extralange, extrabreite Allee mit Blick auf extragroße Wiesen und Sportplätze. Ein bisschen hat mich diese Parkstraße an den Mažaparks von Riga erinnert.
Denn auch diese Allee ist die Fortsetzung eines Radfernwegs. Willkommen bei der Donau, Staffel 4!
Eine Tafel mit Baderegeln am Steg schrieb uns eine Menge vor, beantwortete aber nicht meine Fragen, ob a) man komplett rüberschwimmen darf (es waren keine Schiffe, sondern nur SUPs unterwegs) und ob b) all die nackten Rentner hier erlaubterweise FKK betreiben. (Zumindest auf manchen Abschnitten: Ja. Wir fuhren sogar mitten durch ein FKK-Strandlokal, Nackenbaderldorf oder irgendwie so ähnlich.)
Schließlich umrundeten wir einen Ölhafen. Die Donauinsel endet in einer stahlbefestigten Spitze, und der Radweg verzieht sich hinter den Deich und entfernt sich von der Donau - dafür dümpeln aber ein paar andere sumpfige Gewässer um die Bauwurzeln vor sich hin.
Dabei kann man mit Wasser so viel mehr machen! Scharndorf hat damit mitten im Dorf einen runden, hellblauen Dorfpool gefüllt. Die Dörfer haben alle schon so ein gewisses slawisches Etwas, und solche pragmatischen Badelösungen tragen definitiv dazu bei. Vielleicht ist das auch zugleich ein Löschwasserteich für die Feuerwehr, so wie in manchen tschechischen Dörfern.
Damit steht das Thema für das heutige Ziel, sogar unser Hotel ist römisch thematisiert. Petronell-Carnuntum ist eine Römerstadt mit viel Archäologie... aber sonst nix. Nicht mal einen Supermarkt mit brauchbaren Öffnungszeiten.
Aber hey, wer nicht motiviert ist, fünf Kilometer zum Einkaufen zu radeln, der kann sich ja entsprechende Inspiration bei den antiken Philosophen an den Hotelzimmertüren holen.
Es beginnt ein langer, gerader, langer, gerader, langer, gerader Radweg durch die Lobau. Dieses Waldgebiet gehört zum Nationalpark Donauauen, angeblich die letzte große unberührte Flussaue in Mitteleuropa und neben der Wachau der einzige Abschnitt Österreichs, wo die Donau frei fließt. Wer den einen zentralen Radweg verlässt, der muss sein Rad an einem der vielen hölzernen Fahrradparkplätze abstellen und weiterwandern. Der Sumpfwald besteht zur Hälfte aus Misteln und ist zum Durchradeln zwar nicht sehr schattig, aber wirklich schön.
Ausgerechnet auf dieser denkbar einfachen Strecke mussten wir aber feststellen, dass wir uns als Familie und Reisegruppe erst wieder eingrooven müssen: Der eine hatte sich schon in der Donau müdegeschwommen und machte schlapp, jemand anders hatte sich irgendein Wiener Virus eingefangen und legte sich bei der Pause so ins Gras, dass man meinen könnte, Komissar Rex hätte einen neuen Fall. Einige Kilometer weiter vorn ging in praller Hitze ein Rad platt und der Flicken wollte zunächst nicht halten, dann aber doch.
Alles in allem waren wir ganz froh, als wir den Traumradweg vorzeitig verließen und die Fähre erreichten. Nanu, ein Restaurant-Schiff, fährt das wirklich nach drüben?
"Wolle Sie noch rüberfahre?", rief ein Mann an Deck. Die echte Fähre legt versteckt hinter dem großen Schiff ab.
Wir schoben die Räder auf einen skurrilen Kahn und plumpsten auf ein Schaumstoffsofa, aus dem die Füllung quoll.
"Nicht den Ständer, das hält nicht! Sie müssen's anlehnen!", lautete die Anweisung. Dann peeste der Kapitän los.
"Oh", kommentierte der Kleine, denn in diesem Moment näherte sich ein weitaus größeres Flusskreuzfahrtschiff. Der Fährmann hatte so lang auf den Rest unserer Gruppe gewartet, er wollte nicht noch länger warten. Wruuummmm...! Die Schaumstofffähre raste drauflos und forderte die Arielle Royale zum Wettrennen heraus. Arielle die Flussjungfrau flappte gemächlich weiter, und so gewann die kleine Fähre locker. Als wir sie schließlich abgehängt hatten, kreuzten wir ihren Fahrweg und steuerten das Ufer an.
Moment, hier? Aber... hier ist doch nix?
In völliger Wildnis legte der Fährmann seinen metallenen Steg aus. Verwirrt schoben wir über Erde, Gras, Stock und Stein. Da vorn ist ja schon wieder Wasser! Aber davor tauchte immerhin eine Art Straße auf, wenn auch offenbar eine aus römischer Zeit.
In Haslau hechelten wir einen Berg hoch und dann weit über der Donau dahin, zwischen Gleis und Mais. Über unseren Köpfen zerfaserten die letzten Wolken und blieben hinter uns zurück, als hätten sie Angst, sich über die Grenzen Österreichs hinaus zu wagen.
Die Form der Pappeln und die Berge, die fern am Horizont wieder erschienen, riefen entfernt italienische Assoziationen hervor. Zumindest in mir. Unser Ziel mag dazu beigetragen haben. Und natürlich das Wetter. Andere waren bereits zu k.o., um irgendwas zu assoziieren außer Wasser mit Mund.
Trotzdem: Dafür haben wir den perfekten Lobau-Radweg verlassen? Und das alles nur wegen des eingeschränkten Übernachtungsangebots? Nein, es gibt noch einen anderen Grund.
Wir gurkten die letzten Kilometer hin und her durch die Maisfelder auf der Suche nach dem besten Weg und begegneten dabei unterschiedlichen grauen Tieren, die sich alle als kamerascheu erwiesen: Eine Herde Wachteln flatterte sogleich davon, ein Schwarm Kaninchen verzog sich gleich wieder in die Büsche und eine Schlange in den Mais. Nur das Heidentor blieb stehen, wo es war. Das heißt, wir sind am Ziel!
Als dieses Tor ausgegraben wurde, bekam es einen komplett falschen Namen. Es ist nicht heidnisch, bei seiner Erbauung war Rom schon christianisiert. Und es war auch kein Tor, sondern ein Quadrifons. Das ist ein quadratisches Bauwerk mit einem Bogen zum Durchgehen auf allen vier Seiten, quasi ein Tor zum Quadrat. Aber eben nicht als Eingang, sondern als Deko auf einer Straßenkreuzung. Dieses Quadrifons aus recycelten Steinen stammt aus der Zeit von Constantius II., der in der Gegend Feldzüge gegen die Quaden und Sarmaten führte. Wahrscheinlich also ein Triumphbogen für irgendeine gewonnene Schlacht.
Dabei war diese Gegend, die damals Pannonien hieß, für die Römer nur sehr eingeschränkt triumphal. Ursprünglich ließen sie sich hier nieder, um nördlich der Donau weiterzuerobern und Slawensklaven zu fangen. Aber dann kam erst der Pannonische Aufstand und dann auch noch die Varusschlacht, da verschoben sie das Erobern und konzentrierten sich auf das Sichern. Die Stadt Carnuntum hatten sie da schon längst erbaut, und warum auch nicht, Reichsgrenzen und Handelsstraßen sichern ist schließlich auch wichtig.
Carnuntum war eine große und zivile Stadt, nicht einmal Soldaten durften hier in Rüstung und Waffen herumlaufen. Dennoch muss die Stadt durchaus blutdürstig gewesen sein, denn sie hatte gleich zwei Amphitheater für Tier- und Gladiatorenkämpfe, dazu eine Gladiatorenschule. Ein Theater ist ausgegraben und gratis zugänglich. Die Grundmauern und die Mauer um die Arena sind noch zu erkennen, die Sitzreihen bestehen aus Gras. In der Mitte veranstaltete ein privater Sponsor aus der Gegend gerade einen kostenfreien und überaus brutalen Tierkampf zwischen einem ca. 40 Zentimeter langen Hund und einer Frisbeescheibe.
Die anderen Ruinen kosten was, dafür bekamen wir im Archäologiepark aber auch was geboten. Im Eingangsgebäude stehen vor allem (neben dramatischen, aber inhaltsleeren Römervideos) Carnuntums Grabsteine. Irgendwo im Keller sitzen vermutlich versklavte Lateinschüler, welche die Texte übersetzen und an den Projektor weiterleiten müssen, damit wir einen Einblick in das Leben ziemlich genau 2000 Jahre alter Menschen erhalten.
Caius Aemibus Lixa, Sohn des Caius, aus Padua, 25 Jahre alt, liegt hier begraben. Aufgrund testamentarischer Verfügung errichtet.
Ich habe nicht gesagt, dass es ein ausführlicher Einblick ist.
Außer bei den Sklavinnen und Sklaven. Ausgerechnet bei denen sind die Texte viel länger.
Primigenia, Sklavin des Caius Petronius. Wer immer du bist, Fremder, bedenke, wie bedauernswert ich ob meines Todes bin... Es folgen viele Zeilen darüber, wie toll und tugendhaft Primigenia und wie tragisch ihr Tod doch war.
Der Außenbereich ist ähnlich wie in Xanten, etwas kleiner und kompakter, und aus meiner Sicht sogar noch gelungener. Wo man nicht genau weiß, was das für ein Haus war und wie es aussah (z.B. bei der Herberge, die vielleicht gar keine war), da wurden nur die ausgegrabenen Grundmauern stehengelassen.
Um die Villen der Kaufleute zu rekonstruieren, wurde zum Teil auf Erkenntnisse von Ausgrabungen aus Großbritannien zurückgegriffen. Ein seltsamer Gedanke, dass damals in halb Europa Gebäude nach ähnlichen Blaupausen standen, die wir so auch schon in Xanten, bei Basel und in Südfrankreich gesehen haben.
Aber eine Sache gibt es nur in Carnuntum: Der komplette, funktionsfähige Wiederaufbau einer römischen Therme am Originalstandort. Dieses öffentliche Badehaus war nicht mal das einzige in der Stadt und stand prinzipiell allen Gesellschaftsschichten offen, die bezahlen konnten. Ganz so hufeisenförmig-riesig wie in meinem Lateinlehrbuch ist die Therme nicht, aber es gibt auf jeden Fall einen Raum mit kühlem und einen mit warmem Becken. Als wir die Tür öffneten, waberte uns die schwüle Luft entgegen, und der Boden unter unseren Füßen war spürbar warm. Noch immer wird er von einem richtigen Holzofen beheizt. Dazwischen: Handtuchhalter und Ruheräume voller Liegen. Gar nicht so anders als in heutigen Thermen, nur mit viel weniger Wasserfläche.
Aber eine Sache gibt es nur in Carnuntum: Der komplette, funktionsfähige Wiederaufbau einer römischen Therme am Originalstandort. Dieses öffentliche Badehaus war nicht mal das einzige in der Stadt und stand prinzipiell allen Gesellschaftsschichten offen, die bezahlen konnten. Ganz so hufeisenförmig-riesig wie in meinem Lateinlehrbuch ist die Therme nicht, aber es gibt auf jeden Fall einen Raum mit kühlem und einen mit warmem Becken. Als wir die Tür öffneten, waberte uns die schwüle Luft entgegen, und der Boden unter unseren Füßen war spürbar warm. Noch immer wird er von einem richtigen Holzofen beheizt. Dazwischen: Handtuchhalter und Ruheräume voller Liegen. Gar nicht so anders als in heutigen Thermen, nur mit viel weniger Wasserfläche.
Carnuntum existierte bis ins 5. Jahrhundert, dann vertrieben ein Erdbeben und sinkende Temperaturen (nicht doll, aber halt so, dass italienische Nutzpflanzen nicht mehr wuchsen) die Römer.
Doch die Grenzlage ist geblieben und sollte noch viele weitere Gefechte nach sich ziehen. Diesmal aber nicht mit der Donau als Grenzfluss zwischen Nord und Süd, sondern zwischen Ost und West. Ungefähr dort, wo auch wir morgen eine Grenze überqueren werden.
Unsere Fahrräder übernachten heute in einer stinknormalen, staubigen Garage. Laangweilig! Keine Sorge, das ändert sich bald.
27 Juli 2025
Lahn: Von Runkel nach Lahnstein
Filahne! Den letzten Tag hatte ich mir nach Betrachten der Karte lahnsinnig bergig und Tandem-ungeeignet vorgestellt, aber tatsächlich wäre er wahrscheinlich auch mit Tandem klargegangen. Der schöne Uferweg ab Weilburg geht nämlich noch weiter.
Und auf der Radstätte vom Radweg Deutschen Einheit läuft sogar das Display und zeigt genau das Startmenü an, das es zeigen soll. Mehr als dieses Menü zeigt es leider nicht, denn der Bildschirm reagiert weder auf Berührung noch auf Mausklicks. Trotzdem ist das die am besten funktionierende Radstätte am RDE.
Das Haus streckte ihr die ebenfalls die Zunge raus.
Genau genommen hatte das Haus sogar damit angefangen. Denn an den Köpfen der Fachwerkbalken glotzen sieben bunte Gesichter auf die Straße und stellen die sieben Todsünden dar (im Bild von links nach rechts: Wollust, Unmäßigkeit, Zorn und Trägkeit). Welche Art von Zungeausstrecken, Schnauzbart und dämlichem Gesichtsausdruck nun genau für welche Todsünde steht, ist auf den ersten Blick nicht so ganz eindeutig. Bei der Limburgerin, die im Clinch mit diesem Haus lag, lag die Sache schon klarer: Das sah stark nach Zorn aus.
Genau wie in Frankfurt heißt der zentrale Platz in der Altstadt einfach nur Römer. Wobei ich bei der Enge gar nicht so leicht erkennen konnte, wo da jetzt der Platz sein soll. Mittendrin steht nämlich nochmal ein Fachwerkblock: Römer 2-6. Hinter diesem eher stumpfen Namen verbirgt sich das älteste freistehende Haus Deutschlands (von 1289). Obwohl, wieso ist das freistehend, wenn sogar der Name sagt, dass das eigentlich fünf Häuser sind? Wann zählt etwas als Haus und nicht als Häuserblock?
"Erinnerst du dich noch an Tebartz van Elst?", fragte ich.
"Na klar."
"Und war er auch das erste, woran du bei Limburg denken musstest?"
"Jap."
Was sind schon über tausend Jahre Geschichte gegen einen Bischof, der sich am Haus der sieben Laster von der Gier inspigieren ließ und verheimlichte, dass seine neues Bischofshaus 31 Millionen statt 2 kostet? Das Bauprojekt, das vor einer Ewigkeit in den Schlagzeilen stand, steht längst fertig direkt neben dem Dom, ein seltsames Ensemble aus Stadtmauern, einem Limburger Fachwerkhaus (diesmal wirklich freistehend) und einer eigenartigen Black-Box-Kapelle (rechts im Bild). So groß sieht das Ding gar nicht aus (was vielleicht ein Grund war, warum der Bischof sich noch eine Extrawohnung unten in den Fels fräsen ließ). Bei der schlechten Presse ist es kein Wunder, dass der neue Bischof Bätzing nicht darin wohnt, sondern alles als Museum für Reliquien und Archäologie freigegeben hat. Das Schlafzimmer ist nun ein Lagerraum. Und wo schläft nun der arme Elst? Keine Sorge, dem geht's gut, er ist jetzt Kurienbischof in Rom.
Der Dom hat sieben Türme, keine Kirche in Deutschland hat mehr (oder gleich viele). Von außen ist der Dom weiß mit roten Streifen, also im Prinzip genau wie ein Limburger Fachwerkhaus. Und von innen... also, ich habe mich noch nie in einer Kirche so sehr wie in einem Innenhof gefühlt. Die vielen Fenster mit Gängen dahinter, die ganze Helligkeit und die Kreuzung aus zwei Kirchenschiffen, da musste ich mich doch einmal mehr daran erinnern, dass ich in einem Gebäude war und nicht auf der Straße.
Der Dom ist so wahnsinnig hell, weil 1968 ein Haufen Restauratoren vier Jahre lang sehr vorsichtig, aber intensiv dran rumgeschrubbt haben. Es waren nicht allein die Abgase des Industriezeitalters, die sie abkriegen mussten, sondern auch jede Menge Kerzenruß aus den Jahrhunderten davor. In einem Seitenraum (unten links) haben sie mit Absicht ein paar Bögen schwarz gelassen, damit mit man auch einen authentischen Eindruck hat, wie hart sie geschuftet haben wie die Kirche während des Großteils ihrer Geschichte aussah.
Dabei wurden auch jede Menge Bilder aus dem Mittelalter freigelegt. Einige haben sie neu ausgemalt, andere hatten noch genug Farbe, dass man sie so lassen konnte. Wo hat man sonst Gelegenheit, ganz locker an 800 Jahre alten Bildern vorbeizugehen, so nah, dass man sie anfassen könne (aber nicht sollte)?
Vor diesem Bild liegt das Grab von Konrad Kurzbold. Dieser kurze Graf hat kurzentschlossen vor über tausend Jahren kurzerhand das St.-Georg-Stift gegründet, der Ursprung der Stadt und gleichzeitig der Grund, warum ihre Geschichte (sogar bis heute in unseren Köpfen) so eng mit der Kirche verknüpft ist.
Sogar Seerosen überleben in diesem stillen Wasser. Da muss gleich definitiv ein Stauwehr kommen. (Es kam eins.)
Zum Glück ist das alles Vergangenheit, denn die Lücke wurde geschlossen mit der sogenannten Zwei-Brücken-Lösung.
"Klingt das für dich auch nach Nahostkonflikt?"
"Jap."
Naja, ich hoffe für alle Beteiligten, dass die Lösung nicht ganz so schwierig war. An den felsigen Hängen des Gabelsteins (hinten im Bild) wechselten wir auf besagten zwei silbrigen Brücken kurz ans linke Ufer und zurück, und fertig war der Lack.
So, nun kam eigentlich der einzige wirklich schwierige Abschnitt, wo es mit dem Tandem kritisch geworden wäre. Wir hechelten und schoben den schlimmsten Anstieg zum Kloster Arnstein hoch, danach lief der Kiesweg die ganze Zeit an den Felswänden auf und ab. Einmal war sogar ein Stück des Weges abgestürzt und abgesperrt. Aber selbst das ging noch.
Der Gabelstein war übrigens der letzte Fels, der auf -stein endet. Ab jetzt gibt es Allerley-Felsen: Wolfslei, Liebeslei, Kux-Lay... ein klares Zeichen, dass wir uns dem Mittelrhein (inkl. Loreley) nähern. Die Burgen obendrauf sind Privatbesitz.
Aber nun ließ unsere Leystung allmählich nach. In Limburg hatten wir noch keinen Hunger, jetzt schon. Nach ein paar Kilometern straßenbegleitendem Radweg kehrten wir in Obernhof in den erstbesten Campingplatz-Imbiss mit dem genderqueeren Namen Tante Horst ein und erwarteten nichts Besonderes. Auf jeden Fall keinen so netten Herrn, der ein frisch geklopftes und ungewöhnlich gutes Schnitzel brachte.
Dieser Bereich ist eine der wenigen Stellen, wo noch die superseltene Würfelnatter lebt, eine komplett harmlose Wasserschlange mit quadratischen Flecken auf dem Kopf, die kleine Fische frisst.
Auf der nächsten Infotafel behauptete ein Soldat namens Astericus Flavius, wir würden jetzt schon wieder eine Grenze überqueren: Von GERMANIA LIBERA ins IMPERIUM ROMANUM (Provinz GERMANIA SUPERIOR).
Aus den Bergen des Taunus kommt der Limes inklusive Limes-Radweg, der einzige andere Grenzradweg neben dem Eisernen Vorhang. Genau wie an der Innerdeutschen Grenze sollen da oben immer noch Wachtürme stehen, so nah, dass ich den ersten eigentlich hätte erkennen müssen. Konnte ich aber nicht, alles, was ich sah, war ein mutmaßlicher Solebohrturm. In Wahrheit sind von den Römertürmen nur Nachbauten oder Fundamente übrig. Ab jetzt ist die Lahn mit der Grenze des Römischen Reichs identisch, aber weitere Wachtürme aus der Antike tauchten nicht auf. Trotzdem reichte schon die theoretische Anwesenheit des Limes aus, um meine "Wann hast du das letzte Mal an das Römische Reich gedacht?"-Uhr erfolgreich auf 0 zurückzusetzen. (Besser das als die Unfalluhr bei der Tetra Pak AG.)
Und dann ist da noch Bad Ems, das in vielerlei Hinsicht aussieht wie das Karlsbad Deutschlands. Es besteht im Prinzip aus einer Kette von Kurhotels auf einer endlosen Promenade an der grauen Ufermauer. Darüber Felsen, Wald und eine steilsten Standseilbahnen der Welt. Weil dort gerade alles für eine Sportveranstaltung oder so abgesperrt war, haben wir uns das Ganze nur vom anderen Ufer aus angeguckt. In einem der ältesten Heilbäder nördlich der Alpen fühlten sich unter anderem der Hochadel, Russen (für die extra eine orthodoxe Kirche gebaut wurde) und Glücksritter (bis die Preußen ihr Casino verboten) wohl.
Aber wenn so hohe Tiere unterwegs sind, dann passiert eben auch mal mehr, als dass sie bloß baden, rumlaufen und Wasser trinken: Richard Wagner hat hier eine Oper fertig geschrieben und König Wilhelm während seiner Kur einen Krieg begonnen und sich selbst zum Kaiser gemacht, also quasi. Am 13.7.1871 spazierte der Kur-Kaiser über die Promenade, als der französische Botschafter aufkreuzte und verlangte, er sollte versprechen, nie wieder einen Deutschen zu unterstützen, der Anspruch auf den spanischen Thron haben könnte. Der verdutzte Willi erklärte, so was könne er ja jetzt nicht einfach so Hals über Kopf versprechen. Als Bismarck in Berlin den Bericht bekam, kürzte er den Großteil weg, damit es so aussah, als hätte der Kaiser ganz provokant die kalte Schulter gezeigt und bloß gesagt, dass er ihm nichts zu sagen habe. Bismarck fragte nochmal nach, ob Deutschland auch gut gerüstet für einen Krieg sei, dann schickte er der Presse die sogenannte Emser Depesche und wartete ab, bis Frankreich den Krieg erklärte. Den Krieg, der das Deutsche Kaiserreich vereinigen würde. Aber gut, letztendlich waren damals beide Regierungen scharf auf Krieg, also wäre es Quatsch, einem Blatt Papier oder Bad Ems die Schuld zu geben.
Immer wieder teilt sich die Ems in zwei Arme mit einer Insel in der Mitte: Der eine Arm hat ein Stauwehr, der andere eine kleine Schleuse. Aber in den Schleusen herrschte gähnende Leere, und wir sahen nichts, das größer war als ein Paddelboot. Wer große Pötte sehen will, muss noch ein paar Kilometer bis zum Rhein durchziehen.
Der Torbogen erinnerte mich an die Drachenschlucht, also hatte ich etwas Ähnliches erwartet. Ganz so wurde es dann aber nicht: Zunächst folgten wir dem Bach einen ausgetretenen Pfad hinauf. Der Pfad war dermaßen staubig und ausgetreten, dass der Schlucht trotz des Wassers, der Farne und Buchen ein bisschen die Frische fehlte. Komisch, es waren zwar einige Koblenzer Familien mit Kindern unterwegs, aber voller als die Drachenschlucht ist dieser Pfad nicht.
Die ersten Felsen schauten aus dem Staub, und wir wechselten ans rechte Ufer. Und dann ans linke. Und dann ans rechte. Und dann... immer wieder verlor sich der Pfad und wir mussten überlegen, wo genau wir jetzt nach drüben treten sollten.
Das heißt aber nicht, dass die ständigen Uferwechsel aufhören.
Dort befindet sich auch eine Brücke. Die Platzierung von Brücken in der Ruppertsklamm ist etwas komisch. Es gibt insgesamt zwei. Die eine auf dem Wasserfall (hinten im Bild) ist quasi nur eine Aussichtsplattform, denn an der Stelle wechselt man ausnahmsweise mal nicht das Ufer. Und die andere steht weiter unten im Staub an einer von ca. 986 Stellen, wo man das Ufer wechselt, wobei völlig unklar bleibt, warum ausgerechnet diese Stelle so schwierig sein soll, dass sie eine Brücke erfordert.
Lahnstein (bei Koblenz) kannte ich schon vom Rheinradweg. Die Stadt war lange geteilt in Ober- und Niederlahnstein. Oberlahnstein (im Süden) fand ich schon auf der Rheintour wegen des starken Verkehrs nicht so knülle. Das Schöne am Lahnradweg ist: Man muss nur durch Niederlahnstein. Und in Niederlahnstein konnten wir einfach auf dem Uferweg bis zur Mündung in den Rhein durchfahren: Eine Steinspitze mit einer rotweißen Stange und Gras, eher unspektakulär im Vergleich zur Moselmündung (fast) gegenüber. Aber das gelbe Schloss Stolzenfels und das Mittelrheintal an sich sorgen für Kulisse. (Lahnstein hat außerdem Burg Lahneck und Schloss Martinsburg, die sind nicht im Bild. Um alle Burgen am Mittelrhein zu fotografieren, habe ich nicht genug Urlaub.) Und so hatten wir hier einen der schönsten Momente des Tages, indem wir uns einfach bloß in die Gänseblümchen legten und... absolut nichts taten. Muss auch mal sein.
Zwei Nilgänse sahen das jedoch gans anders. Wir haben diese Art schon den ganzen Tag über gesehen, sie sind leicht zu erkennen an den rotbraunen Flügeln und den heftigsten Augenringen im Tierreich, als hätten sei drei Nächte lang durchgemacht. Viele Gänse ließen ihre jugendlichen Küken das Gras rupfen und stellten sich wachsam daneben. Eindeutig das Lahn-Äquivalent zu den Graugänsen an Rhein, auch wenn sie ursprünglich aus Afrika kommen. Bei dem Paar an der Mündung waren die Kleinen anscheinend schon aus dem Haus, aber die Beschützerinstinkte immer noch da. Sie watschelten auf uns zu und fauchten, bis... wir absolut nicht reagierten und sie sich zurückzogen, nur um zwei Minuten später wieder anzukommen.
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