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10 Mai 2026

Moldau: Von Purkarec nach Radíč

V. Die Roadtrip-Moldau

Jetzt kommt der Teil der Moldau, den keiner wirklich kennt, wo Otto Normaltourist mit dem Auto durchfährt und höchstens mal an einer Burg eine Pause einlegt. Das Mittelböhmische Hügelland besteht aus offenen Wellen voller Pusteblumen, Felder, Pusteblumen, Raps, Strommasten und Pusteblumen. Ich war zu sehr aus der Puste, um sie alle wegzupusten.
120 Kilometer sind es bis zur nächsten Übernachtungshütte - bei diesem Gelände schaffe ich das aber nicht an einem Tag, also muss ich mir dazwischen noch eine andere Bleibe suchen.

Schon gestern Abend war die Moldau ein kleines bisschen breiter, aber noch kaum merklich. Heute früh bin ich dann über die kleinere Mauer am

Stausee Nr. 3: vodní nádrž Hněvkovice

gefahren. Zählt das schon als Stausee? Joa, direkt hinter der Mauer ist die Moldau ja schon deutlich breiter, kommt dann aber immer noch recht breit raus. Die Talsperre wurde extra gebaut, um Kühlwasser zu liefern.

Kurz konnte ich nochmal auf der Straße am Flussufer fahren. Die Felswände waren meist in Netze gefesselt, damit sie sich von den Verkehrsteilnehmern fernhalten.

In Týn war dann aber endgültig Schluss mit Uferwegen. Die Stadt ist eine der ältesten in Böhmen. Kein Wunder, das einiges neu gemacht werden muss, und so war die komplette Altstadt eine einzige Baustelle. Noch baggerte niemand, was es etwas leichter machte, durch die Wüste zwischen den rosaroten Fassaden zu navigieren.

Hinter Týn mündet in einer versteckten Waldecke die Lužnice (hinten rechts) in die Moldau. Die kommt aus Österreich und ist dementsprechend gar nicht mal so kurz... und hat auch einen Radweg?! In diesem Moment habe ich es aufgegeben, in nächster Zeit alle Nebenflüsse der Elbe zu schaffen. Die wichtigen habe ich ja jetzt, und von den anderen füge ich vielleicht ab und zu noch einen hinzu.

Der Moldauradweg will mich nun auf einen weiten Umweg schicken, jede Menge Waldberge mit Rasthütten rauf und runter, weitab von der Moldau. Da habe ich dann doch lieber die Straße gewählt, die zwar auch hoch und runter geht, aber etwas geradliniger.

Hinter den endlosen Pusteblumenhügeln spucken neben einer unauffälligen Kuppel vier weiße Türme das Moldauwasser aus der Talsperre Hněvkovice in den Himmel. Ah, das kenne ich doch schon aus Lego! (Die Lego-Version sah durch die vier Türme von oben ein bisschen wie eine Ohrenqualle aus). Das ist Temelín, das einzige Atomkraftwerk Tschechiens.
Obwohl das Land der Atomenergie gegenüber eher positiv eingestellt ist, ist kein zweites geplant, nur neue Blöcke in Temelín, und es wird an Energiegewinnung durch die Abwärme von Atommüll geforscht. Wahrscheinlich arbeiten viele Menschen in den Dörfern ringsrum im Kraftwerk, auch die Buslinien weisen in seine Richtung.

Dann bin doch mal der Radroute gefolgt und ein Stück bergab gefahren, etwas näher an die Moldau. Für die paar Kilometer durch den unscheinbaren Wald hat es sich aber nicht wirklich gelohnt.

Viele Dörfer haben eigene Fischteiche, die in der Regel alle einfach [HierDorfnameeinfügen]cký rybník heißen. Das hier ist schon einer der mit Abstand größten.

Auch die Eisenbahn hat sich nun verabschiedet und wird erst kurz vor Prag wieder auftauchen.

Plötzlich war ich schon in Zvíkovské Podhradí, überquerte eine Hauptstraße und verließ die Route, stattdessen steuerte ich auf eine Landspitze zu. Hinter dem Dorf wurde die Spitze schmaler und schmaler, Wasser und Felsen drängten sich heran. Eine Ringelnatter sonnte sich im Weg. Sie war deutlich aktiver als die Blindschleichen - nach dem dritten Foto verzog sie sich in eine Mauerspalte.
"Was ist da?", fragte eine Familie mit Kind, die mich beobachtet hatten.
"Eine Schlange."
"Wo?"
Es brauchte einiges Fingerzeigen und Überzeugungsarbeit, bis sie mir glaubten.

Warum überhaupt Landspitze? Weil links die Otava fließt und rechts (hinter den Bäumen) die Moldau. Beide Flüsse sind nicht im Normalzustand, sondern schon ordentlich angeschwollen zum

Stausee Nr. 4: vodní nádrž Orlík

Aber schon lange vor dem Stausee, als der Wasserspiegel 40 Meter tiefer lag und die untere Burg noch nicht darin versunken war, war die Lage etwas ganz Besonderes. Und aus diesem Grund baute König Přemysl Ottokar I. in die Spitze zwischen den Flüssen seine Burg rein. Die ist aber auch wie gemacht dafür, denn ungefähr eine Burglänge vor dem Zusammenfluss hat die Landspitze schon eine schmale Stelle, an der die Felsen eine Art Schlucht bilden. Der einzig mögliche Zugang in die Burg Zvíkov (Klingenberg) ist die Steinbrücke.
Hinter dem Tor wartet dann erst einmal ein Turm namens Kreisrund.
Hm.
Wer sich die Form des Turmes genauer anschaut, möchte dem einstigen Baumeister wahrscheinlich zurufen: You had one job. Die einzige Ecke in Richtung der Brücke sieht zwar komisch aus, hat aber einen total sinnvollen Sinn: Kugeln prallen so nie frontal gegen den Turm, sondern gleiten immer seitlich ab. In den Turm rein kam man damals nur im 1. Obergeschoss per Leiter oder Treppe, heute dementsprechend gar nicht mehr.

Ich schob das Rad in den Innenhof, wo sogar Fahrradboxen bereitstehen. Dort müsste ich das Rad allerdings senkrecht reinstellen.

 
Ich erreichte die Kasse rechtzeitig eine Stunde vor der Mittagspause. Burg Zvíkov hat zwar auch ausgedehnte Außenanlagen, wo man sich den ganzen Tag kostenlos herumtreiben darf. Aber diese Burg wollte ich mir von vorn bis hinten anschauen, das hatte ich von vorneherein so geplant. Der Grund dafür ist, nun ja, Instagram. Als ich diese App noch installiert hatte, bin ich auf ein Bild dieser Moldauburg gestoßen und wusste direkt, da wollte ich hin.
Der kostenpflichtige Innenbereich liegt nur teilweise innen. Mittendrin liegt ein rechteckiger Innenhof mit spitzen Arkaden, wo auf zwei Etagen Räume in alle Richtungen abgehen. Die Instagramisierung der Burg folgt immerhin einer langen Tradition, denn Zvíkov wurde oft gemalt und bedichtet. Und so zeigt der Raum Nummer 1 erst mal Bilder von Zvíkov in allen denkbaren Stilrichtungen, sogar Kinderzeichnungen. Da hätte das Instragram-Foto der Vollständigkeit halber auch gut reingepasst.

Das Erdgeschoss gehört zu den ersten Räumen in Böhmen, in denen Terrakotta benutzt wurde. Eine Etage darunter liegt der kühle Keller, in noch Tageslicht fällt, zum Beispiel auf die aufgestellten Säulen der Burg. Und noch eine Etage tiefer ist das zweite Kellergeschoss, das direkt in den Fels gemeißelt wurde. In den Räumen mussten schließlich Diener arbeiten, Köche kochen, Vorräte lagern und sich im Notfall der Burgherr vor Feind und Feuer verstecken. Oder sogar fliehen? Der Sage nach gibt es einen Gang zur Wallfahrtskirche St. Anna, aber der einzige Fluchtweg, den man fand, wurde nie zu Ende gemeißelt.

In der ersten Etage lagen rundherum die Räume der Könige. Karl IV. bewahrte sogar seine Reichskleinodien, also die Kronjuwelen, in Zvíkov auf. Der Königssaal war besonders mutig konstruiert, nur zwei Pfeiler und sechs Kreuzgewölbejoche hielten ihn zusammen. Ein bisschen zu mutig konstruiert, denn als eines Tages ein Teil der Außenmauern einstürzte, stürzte der ganze Saal mit.
Was war da los? Hussiten belagerten die Burg, und König Sigismund entschloss sich zu einem militärstrategisch interessanten Schachzug: Einfach die Burg an jemand anders verpfänden, dann ist das sein Problem. Er befürchtete nämlich, sein eigener Burggraf Kunatá Kapléř würde ihn bald an die Rebellen verraten. Ab da wechselte die Burg von Adelshaus zu Adelshaus. Die Schwanberger füllten die Lücke in der Außenmauer wieder auf, aber ihr Architekt überzeugte sie mit den Worten "Joa, das ist so ne Art offenes Konzept", den Rest einfach so zu lassen. Eine gute Entscheidung. Dank ihm hat die Burg bis heute eine lange Reihe einzigartiger Ruinenterassen mit traumhaftem Moldaublick zwischen verfallenen Gewölberesten.

Und keine Sorge, auf der anderen Hälfte gibt es noch immer Räume mit Dach. Die Schwarzenberger (Die waren auch hier, muss ich nicht extra erwähnen, oder?) haben die Burgkapelle restauriert, und auch die restlichen Räume sind mit malerischen Malereien und zeitgenössischen schwarzen Möbeln dekoriert.
Die Fresken aus dem 15. Jahrhundert wurde im vier Jahrhunderte später "nicht sonderlich feinfühlig" restauriert. Und dann dachten die Banausen auch noch, da sei eine Hochzeit gemalt, dabei ist das eindeutig ein Tanzfest! Was darüber zu sehen ist, sollte bei den Wappen ja klar sein: Die vier Kurfürsten wählen den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Der König von Böhmen steht ganz links, darf als einziger eine Krone tragen und seine Stimme als erster abgeben.


Ich spazierte durch die restlichen Wiesen und Wehrgänge, vorbei an weiteren verschlossenen Gebäuden, die nach Restaurants oder Übernachtungszimmern aussahen. Irgendwann war ich dann doch raus aus den Mauern und kam am Bootssteg heraus und konnte voller Pracht das sehen, was mir die Burgmauern nach und nach enthüllt hatten. Nämlich die Tatsache, dass der Orlík-Stausee der schönste der Moldau-Stauseen ist und die schönsten Felslandschaften am ganzen Fluss hat. Ach Mensch, wenn ich doch nur hier direkt am Ufer radeln könnte anstatt am Lipno-Stausee, aber nein, die Felsen berühren direkt ihr Spiegelbild im See, dazwischen ist kein Platz. Und irgendwie ist es ja auch fair, wenn der versteckte Stausee die schönere Landschaft kriegt und nicht der See, zu dem ohnehin schon alle fahren.
Der verwinkelte Pfad endet schließlich an einem Bootssteg. Ab und zu legen hier Ausflugsschiffe an, und auch Kanufahrer dürfen an dem kleinen Strand eine Burgpause einlegen. Der Mülleimer bittet sie allerdings höflich darum, ihn nicht gleich mit allem Abfall zu überfüllen, der sich im Boot angesammelt hat. Der Paddeltourismus ist offensichtlich immer noch ein Ding, und das, obwohl an den großen Staumauern vermutlich keine Floßgassen mehr runterführen. Ein paar Meter neben dem Steg mündet die Otava (links), die ich ja schon am ersten Tag der Moldaureise im wilden Zustand gesehen habe, in die Moldau (rechts). Es ist die großartigste Flussmündung in Tschechien, da kann (Spoiler) nicht mal das Ende der Moldau mithalten.


Das Dorf Zvíkovské Padhradí ("Klingenberger Unterburg", früher Karlsdorf) enthält zwei teure Pensionen und einen Schickimicki-Familiencampingplatz im skandinavischen Stil, mit allen möglichen Arten von Holzbungalows mit nordischen Namen. Das weiß ich, weil ich ursprünglich tatsächlich erwogen hatte, da zu übernachten. Damals, am Anfang dieses Beitrags, als mir 120 Kilometer in diesem bergig-pusteblumigen Gelände noch unrealistisch erschien.
Als ich aber Burg Zvíkov angeschaut, die halbe Strecke hinter mir und einen ordentlichen Langoš am Imbiss verspeist hatte und es trotzdem erst 13 Uhr war, da sah die Sache ganz anders aus. Der Ehrgeiz packte mich und zog mich zurück zur Straße und runter von der Landspitze. Die Hauptstraße überquert die angestaute Moldau an einer hohen Betonbrücke, die auch zum Bungeejumping genutzt wird. Die Felsen sind hier noch kleine Steinränder am Fluss, die tolle Stelle an der Burg kommt aus Sicht der Moldau ja erst noch.


Die nächsten Kilometer waren ein Zizack durch Dörfer, von denen Zahrádka ("Gärtchen") das schönste war. Die Mauern vor den barocken Bauerngehöften bröckeln zwar vor sich hin, aber eben auf malerische Weise, und deshalb ist das Dorf denkmalgeschützt.

Der Orlík-Stausee ist nur noch als bewaldeter, langer Einschnitt in der endlosen grünen Hügelei zu erkennen, die Staumauer blieb mir verborgen. Der Radführer empfiehlt einen Abstecher zur nächsten berühmten Schwarzenberger-Burg, der Burg Orlík. Die steht auch am Stausee, aber nicht an einem Zusammenfluss, sondern an einer Stelle, wo der See noch viel breiter ist. Anders als Burg Zvíkov wurde Burg Orlík nach der Wende an die Schwarzenberger zurückgegeben. Das war möglich, weil das (wir erinnern uns, ganz ursprünglich deutsche) Adelshaus während der deutschen Besatzung für den tschechoslowakischen Staat einstand und die deutsche Staatsangehörigkeit ablehnte. Ex-Außenminister Karel Schwarzenberg wurde 2023 in der dortigen Gruft beigesetzt.
Ich hatte meine Burg aber schon ausgesucht, und es erschließt sich mir auch nicht, warum die Karte von den zwei ähnlich interessanten Burgen nur den längeren Abstecher einzeichnet und empfiehlt.

Dann durfte ich die Moldau endlich nochmal besuchen. In einem hochgradig idyllischen Tälchen absolvierte ich eine verschnörkelte Schussfahrt und bekam den kleineren

Stausee Nr. 5: vodní nádrž Kamýk

gerade noch rechtzeitig zu sehen, bevor er durch eine Staumauer abgeschlossen wurde. Er produziert etwas Strom und Trinkwasser, vor allem aber puffert der den Abfluss vom größeren Orlík-Stausee ab.

Ich folgte einer netten Uferstraße bis zu den Wohnblocks nach Kamýk. Schiefe Steinpfosten mit Stahlseilen schützten mich vor einem Absturz in den Fluss.

Danach hieß es aber wieder hinauf, hinauf und noch weiter hinauf. Auf den Hügelrücken weideten Schafe, und mitten durch eine der Schafherden sollte ein Weg führen, den es dann in der Realität nicht gab. Gezwungenermaßen machte ich den Umweg auf der großen Straße.
Die meiste Zeit aber gurkte ich von Dorf zu Dorf, bis mir auffiel: Der Himmel war zum ersten Mal seit langem nicht mehr blau. Grau und grollend braute sich ein Gewitter zusammen, in der Ferne fiel deutlich sichtbar Regen. Hmm, und wann ist das bei mir? Schwer zu sagen, die Wolken schienen jedes Mal in einer anderen Richtung zu liegen.
Alle paar Kilometer stand eine potthässliche Bushaltestelle aus Wellblech, die im Ernstfall guten Schutz geboten hätte. Dadurch war ich etwas flexibler und dachte mir bei jeder einzelnen Haltestelle: Naa, ich schaffe es noch bis zur nächsten, bis es losregnet.
Was sich immer wieder als wahr erwies.
Weil es nie losregnete. Mit mehr Glück als Verstand habe ich mit meinem Zickzackkurs das Gewitter komplett ausmanövriert und umfahren. Großartig!
Leider habe ich dabei einen anderen verhängnisvollen Fehler begangen. 

Nach mehr Links und Rechts und Auf und Ab, als ich je zählen oder erzählen könnte, kam ich endlich nach Radíč. Dieses Dörfchen fällt durch zwei gegensätzliche Anblicke auf: Ein weißgelbes Barockschloss, das sich im Privatbesitz befindet. Und ein altes rostiges Schild, laut dem man keine Sender und Radaranlagen benutzen darf, die explodieren könnten. Schade aber auch, wozu habe ich die ganze Zeit mein dynamitbetriebenes Radar auf dem Sattel mitgeschleppt?

120 geschafft, ich bin am Ziel! Fast.
Radíč liegt am Ufer des Mastník ("Fetter"), der sich hinter der Steinbrücke und den letzten Einfamilienhäusern in eine versteckte Schlucht verzieht. Da will ich auch rein. Auf die lange Straße über noch mehr Hügel hatte ich keine Lust. Ein Wanderweg führt auf direktem Weg am Bach zur Hütte, da lässt sich das Rad hoffentlich irgendwie durchschieben. Auf der Wiese war das auch zunächst kein Problem.

Dann aber schon. Der Pfad ging direkt am Ufer des Flüsschens entlang, das trotz seines Namens dünn, klar und steinig daherkam. Ein schöner Weg, keine Frage, nur leider zerrten zeckige Schlingpflanzen an meinen Beinen, der Boden wurde immer schlammiger, und schließlich ging der Pfad dann senkrecht (also quasi) nach oben. Hm, ich hätte mir die Höhenmeter auf diesem Wanderweg doch nochmal genauer anschauen sollen. Morgen früh nehme ich definitiv die Straße.

Der Mastník hat es nicht eilig, in die Moldau zu münden. Er dreht vorher ein paar ganz enge 180-Grad-Schleifen, und in einer davon wollte ich pennen. Aber nicht in diesem Hochsitz, da kann ich nicht mal die Beine ausstrecken! (Ja, das ist ein Hochsitz. Er braucht keine Leiter, durch seine Lage ist er schon hoch genug). Am Ende der Schleife beginnt der Mastník bereits anzuschwellen. (Kommt daher sein Name?) Die Moldau ist zwar noch ein gutes Stück entfernt, aber ihr nächster Stausee macht sich schon bemerkbar.

Der heutige Übernachtungsplatz ist benannt nach der Burgruine mit dem sehr tschechischen Namen Kozí hřbět ("Ziegenrücken"). Die soll gleich dahinter sein, also ging ich trotz aller Erschöpfung noch die paar Schritte über den Bergkamm in der Flussschleife.
Es war eine sehr merkwürdige Ruine. Von den einstigen Burgtoren und Gräben konnte ich nichts sehen. Der Pfad brauchte mich in eigenwilligen Windungen an den moosigen Felsen hoch und runter. Der Nebel und die einbrechende Dämmerung verschleierten, wie nach und nach vergessene Mauerstücke aus dem Boden ragten wie steinerne Klauen, die sich langsam um den ahnungslosen Touristen schließen, sodass er gar nicht merkt, dass er schon drin ist. Die Czech Repubrick hatte Unrecht: Isengard steht nicht in Tschechien, Dol Guldur hingegen schon.
Zwei Bewohner der Burg waren die Brüder Petr und Hašek Břekovcov. In den Hussitenkriegen schlossen sie sich der radikal-militanten Bewegung der Taboriten an, die möglichst einfach leben wollten und so ziemlich alles ablehnten außer Taufe, Abendmahl und Kontakten zur katholischen Kirche. Inwiefern dieser Lebensstil zum Eigentum an einer Burg passt, selbst wenn sie Ziegenrücken heißt und auch dementsprechend aussieht, bleibt unklar. Als es mit den Taboriten abwärts ging, schlossen die Brüder einen Friedensvertrag und liefen zur gemäßigten Mehrheit über - prompt wurde ihre Burg von ihren ehemaligen Glaubensgenossen belagert, wenn auch ohne Erfolg.
Als offenbar einzige Burg an der Moldau ist diese hier nie in die Hände der Schwarzen- oder Rosenberger gefallen.

Am Rande dieser Flussschleife steht eine Übernachtungshütte, diesmal einen Tacken älter - und deutlich mehr auf dem Präsentierteller. Aus meinem "Esszimmer" konnte ich die Fenster der langweiligen weißen Fassaden eines entlegenen Teils von Radíč sehen. Trotzdem war ich auch heute Nacht allein.
Und leider nicht ganz fit.
Die Temperaturschwankungen waren die letzten Tage ohnehin schwierig. Morgens war es noch kalt, und nicht immer konnte ich vormittags den idealen Moment abpassen, um Kleidungsschichten abzulegen und schließlich ganz auf Kurzärmlig umzusteigen - zumal es auch nicht überall eine zum Umziehen geeignete Stelle gab.
Heute Nachmittag hatte ich zudem noch den Moment verpasst, um wieder auf Langärmlig zurückzuschalten. Das umherziehende Gewitter hatte rauschenden Wind mitgebracht, und im Rausch der Geschwindigkeit hatte ich zu spät mitbekommen, wie sehr sich die Luft abgekühlt hatte. So musste ich abends feststellen: Ich brütete eine Erkältung aus, oder vielleicht sogar mehr.
Dass mir die Holzluke auf den Zeigefinger fiel, war dann auch nicht gerade hilfreich.

 
Aber aus irgendeinem Grund war das trotzdem die Nacht auf dieser Reise, in der ich am besten geschlafen habe. 

09 Mai 2026

Moldau: Von Boršov nach Purkarec

IV. Die Radelmoldau

In Boršov ändert sich die Moldau wieder komplett. Alles wird flach, und plötzlich gibt es Radwege. Am Ufer. Durchgehend. Was geht denn hier ab?
Am anderen Ufer standen Gebäude, an meinem Ufer nur ein Feld und eine Reihe Bäume, die daran scheiterte, einen durchgehenden Schatten zu werfen. Schließlich verzog ich mich in eine der vielen Rasthütten, um Essen zu machen.
1992 kam an diesem Ufer ein Militärpilot bei einer Flugshow ums Leben. Eigentlich galt er als kompetent und erfahren. Aber wenn man mit 700 km/h zwei 360-Grad Wendungen drehen und dazwischen auch noch das Flugzeug auf den Rücken drehen will, dann kann es selbst dem größten Profi passieren, dass er plötzlich in einem zu steilen Winkel nach unten schießt und da nicht mehr rauskommt. Der Aufschlag bildete einen Krater am Moldauufer und verteilte Trümmer über 200 Meter.

Die Gebäude sind oft modern, besonders ins Auge stach mir dieser eigentümliche Kindergarten vor einem übergroßen Dorfplatz.

Die Einfahrt nach České Budějovice (von einigen wenigen auch Budweis genannt) war also richtig angenehm und hat mich an Strasbourg erinnert. Allmählich wuchsen die Wohnblocks an beiden Ufern in die Höhe, dann teilte sich die Moldau und bildete (im Bild ganz links) den Sokolský ostrov ("Turn-Insel"), wo ich mich im Hallenbad abgekühlt und erfrischt habe.
Neben der Insel beginnt die Skyline der Altstadt. Von links nach rechts zeigt das Bild die Solní branka (Salztor - hier wurde Salz nach Prag geflößt), die Ottokarova bašta (Auf Deutsch Ottokar-Bastei, aber die ist jetzt tschechisch. Basta.) und den Turm Železná panna (Eiserne Jungfrau, bekannt für Folter und einen Blitzeinschlag).

Ausgerechnet an dieser idyllischen Stelle ereignete sich dann eine verstörende Szene, die ich so noch nicht gesehen hatte. Im Wasser verfolgten mehrere Männer eine Frau und fielen gemeinsam über sie her, drückten sie unter Wasser, auch wenn sie schrie und um sich schlug. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als die Erpeltäter mit einer Handvoll Kieselsteine zu vertreiben. In České Budějovice haben Enten, die Füttervögel unserer Kindheit, für mich jegliche Unschuld verloren.

České Budějovice ist ist für Moldauradler fast ideal: Nicht nur haben wir einen perfekten Weg durch die Stadt durch, es ist auch nur ein kleiner Abstecher zum Marktplatz. Der ist ziemlich kahl und schattenfrei, und die Sonne gab sich alle Mühe, die Pastellfarben der Barockhäuser auszubleichen. Die Bilder auf den Fassaden heißen Sgrafittos, und nein, das S ist kein Tippfehler. Der Brunnen in der Mitte versorgte die Stadt einst mit Moldauwasser und zeigt Samson aus der Bibel, eine Pestsäule fehlt dagegen. Damit wäre dann wohl auch die Frage beantwortet, welche tschechischen Städte denn nun eigentlich von der Pest heimgesucht wurden.
Die Stadt war im Prinzip ein privilegiertes Projekt von König Přemysl Ottokar II., dem die südböhmischen Adligen wie die Rosenberger dann doch ein bisschen zu einflussreich geworden waren. Und das Projekt war ziemlich erfolgreich. Dass es in der Nähe Silber und Salzstraßen gab, war da natürlich von Vorteil.

Ich kaufte neue Getränke in einem sehr versteckten Supermarkt im Keller eines Einkaufszentrums, dann schaute ich noch bei der Kathedrale Sv. Mikuláš (St. Nikolaus) vorbei. Der Kirchturm steht separat und heißt Čerkná věž (Schwarzer Turm), obwohl er eigentlich graubraun ist. Nach intensivem Studium der komplexen Öffnungszeiten- und Preistafel kam ich zu dem Schluss, dass ich heute nicht nach oben steigen darf.

 
Die Kirche wirkt wie der Rest der Stadt hell, barock und gar nicht mal so alt, was wie beim Rest der Stadt an einem sehr gründlichen Stadtbrand liegt, der andere Stilepochen wie Gotik und Renaissance vom Antlitz der Stadt tilgte. Zwei Männer namens Canevale & Cipriani haben die Kathedrale neu aufgebaut. Mit den Nachnamen waren sie vermutlich keine Tschechen, und das sieht man auch. Für die größte Kirche der zehntgrößten Stadt Tschechiens und einen Bischofssitz sieht sie allerdings gar nicht mal soo groß aus.
Stille herrschte, nur eine Handvoll Menschen saßen versunken auf den Bänken und vertrauten Gott ihre Probleme an.
 

Ich kann verstehen, dass sie besagte Probleme nicht dem Beichtstuhl anvertraut haben, denn der ist durchsichtig. Die eine Hälfte ist noch so eine uralte hölzerne Kabine, die andere dagegen ein moderner Raum mit Glastür und Deckenbeleuchtung. Die Kabine ließ sich offenbar von außen nicht ohne Weiteres öffnen, also muss der Priester in der Kabine und der gläserne Gläubige im Raum sitzen, oder?
Ich glaube, die katholische Kirche hat die Forderung nach mehr Transparenz gründlich missverstanden.


Wer sich mit der himmlischen sowie irdischen Datenerhebung einverstanden erklärt, kann anschließend beichten, dass er sich mithilfe von zu viel Budweiser Budvar der Todsünde der Völlerei hingegeben hat. Das Bier von Budějovice blieb anders als Pilsner Urquell auch nach der Wende in staatlicher Hand und wirbt damit sogar stolz auf seinen Flaschen.
Die Brauerei hatte nur ein Dauerproblem: Ein paar böhmische Auswanderer hatten unter demselben Namen Bier in den Vereinigten Staaten zu brauen begonnen, und zwar angeblich schon 20 Jahre vor Gründung der Aktienbrauerei in Budweis. Das Ergebnis war der wohl längste Markenrechtsstreit der Menschheitsgeschichte - von 1907 bis 2014. Damals schlugen die Tschechen vor, dass die Amis ihr Bier so nennen dürfen, wenn sie es mit Hopfen aus Budweis brauen. Die Amis willigten ein - und nutzten den Namen kackdreist weiter, ohne dass auch nur eine einzige Hopfendolde den Atlantik überquerte. Stand heute: Die Amerikaner dürfen ihre Plörre auf ihrem eigenen Kontinent als Budweiser verkaufen, in Europa nur als Bud.
Natürlich gibt es in Budějovice ein riesiges Brauereimuseum außerhalb des Zentrums, aber so eine Tour hatte ich schon mal in Pilsen gemacht. Mehr interessiert hätte mich das Pferdeeisenbahnmuseum über die älteste Eisenbahn auf dem Europäischen Kontinent, die 1836 mit mehreren Pferdestärken die Reise nach Linz antrat. Aber alles in Stadt folgt wieder mal dem Motto Montag Ruhetag, seufz.

Beim Rausfahren ist der Radweg sogar zweispurig. Am anderen Ufer rauschte die Autobahn, in der Mitte hüpften zwei Mädchen mit Schulranzen über die steinerne Furt auf eine künstliche Insel.

Natürlich ist die Moldau hier komplett begradigt, und natürlich folgt nach wie vor Wehr auf Wehr auf Wehr auf Wehr, denn an tschechischen Flüssen gilt die Wehrpflicht. Eins davon wurde gerade umgebaut, und bei dieser Baustelle war definitiv kein Durchkommen. Der Erdwall, an dem gebaggert wurde, erstreckte sich weit ins Feld rein und zwang mich mehrere Kilometer zurück und ans andere Flussufer - hier haben sogar beide Ufer einen Radweg?!

Auch wenn die klassische Paddelstrecke in Boršov endet, paddeln kann man immer noch. Ich habe gehört, dass man rund um České Budějovice das Boot öfter umtragen muss, deshalb hat unser Paddelpastor von der Strecke immer Abstand genommen. Aber vom Radweg aus habe ich nach wie vor öfter mal Floßgassen gesehen.
Und nicht nur das: Bei einem Wehr wurde ein komplett neuer Moldauarm zum Rafting angelegt, der eine Wassersport-Insel umschließt. Da schießt das Wasser eine Surferwelle runter. Ein Surfer versuchte darin tapfer die Stellung zu halten, während ihm sein Kumpel zusah, in der einen Hand ein Kinderwagen, in der anderen die Handykamera.

Danach rauscht das Surferwasser durch einen wilden Parcours. Menschen in winzigen Böötchen navigierten durch die Stromschnellen. Und mit winzig meine ich die Art von Boot, in dem mit Ach und Krach die Beine Platz finden und die oben komplett geschlossen sind bis auf ein Loch für den Oberkörper. Mit solchen Nusschalen spielten die Wassermassen herum, wie sie Lust hatten, und kippten sie auch mal komplett um, sodass vom Paddler nichts mehr zu sehen war. Aber wie ein Stehaufmännchen tauchte er wieder auf und versuchte, mit dem Paddel etwas ähnliches wie eine Richtung vorzugeben und zumindest in der Nähe der Slalomstangen durchzufahren.
Wären wir hier weitergefahren, wäre die Paddeltour tatsächlich noch heftiger geworden.

Kurz entfernte sich der Radweg vom Ufer und umkurvte ein paar künstliche Kiesseen, etwas, dass man in Tschechien längst nicht so oft sieht wie in Deutschland.

Im schneeweißen Schloss Hluboká sind der letzte Bär, der letzte Wolf, die letzte Wildkatze und der letzte Biber im Jagdmuseum ausgestellt, was nach einer richtig deprimierenden Ausstellung klingt, aber hey, wer die Tiere lieber lebendig mag, ist im angeschlossenen Zoo genau richtig.
Ursprünglich wollte Přemysl Ottokar II. mit dem Schloss einen weiteren Pfeiler der Macht gegen die mächtigen südböhmischen Familien einschlagen und in Richtung seiner gedeihenden Großstadt gucken. Aber er konnte nicht verhindern, dass das Schloss Jahrhunderte später zum Sitz , sie erraten es, zum Sitz der... Rosenberger wurde? Nein, der Schwarzenberger. (Ach verdammt, naja, die Chancen standen 50 zu 50.)
Wait, doesn't Hluboká mean deep in Czech? And it's perched high up on a hill? I'm getting confused!, schrieb der sprechende Legostein der Czech Repubrick. Dem ist nichts hinzuzufügen.

In Hluboká gehen die Berge wieder los, das ist aber vorerst kein Problem. Im Gegenteil, der Radweg wird jetzt noch traumhafter und gleitet direkt zwischen Wald, Felswänden, Wasser und Holzgeländer hindurch. Für Radler ist das eindeutig der schönste Abschnitt der Moldau, und dieser ganze Tag die schönste Tagesetappe. Kaum ein Boot war auf dem Fluss unterwegs, aber das war ja schon auf der klassischen Paddelmoldau der Fall gewesen, kann also sein, dass hier im Sommer auch viel los ist. Auf dem Radweg zischten immer wieder Freizeit- und Feierabendradler vorbei. 

 

Irgendwann wird es dann schon bergig, aber nicht so Quer-durchs-Land-bergig, sondern nur Am-Talrand-im-Wald-hoch-und-runter-bergig.


In diesem Wald fühlen sich Blindschleichen besonders wohl. Diese hier lag komplett träge im Kies, es schien ihr egal zu sein, dass Ameisen auf ihr herumkrochen und ob sie jemand zertrampelte. Entweder war sie sehr gutmütig oder sehr krank.

Am Ende der Bergstrecke wartet oben noch die Karlův hrádek (auf Deutsch Karlsburg oder Karlshaus genannt, wortwörtlich "Karls Bürgchen"). Nur wenige Meter vom Radweg entfernt führt eine Holzbrücke zwischen die braunen Mauern.

Kar(e)l IV., König von Böhmen und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, hat im Zuge einer großen Burgbauinitiative lauter solche Projekte begonnen oder, wie in diesem Fall, eine Baustelle seines Vaters wiederbelebt. Auch seine berühmteste Burg Karlštejn gehört zu diesen Projekten, der ähnliche Name ist also kein Zufall. Karlštejn, Karlsburg und all die anderen sollten Karl repräsentieren, Zölle eintreiben, ab und zu für Jagd- und Diplomatentreffen genutzt werden und speziell hier im Süden Stärke gegenüber den zu mächtigen Adelsfamilien zeigen.
Wer allerdings genau hinsieht, erkennt doch ein paar klitzekleine Unterschiede zum berühmten Karlštejn. Karls Bürgchen gehört noch zur Stufe 2: Steinmauern und Steinhaufen, die ziellos in der Gegend herumstehen, als sei eine Burgbaustelle vor langer Zeit abgebrochen worden, dazu eine hölzerne Bühne. Jeder einzelne Steinhaufen ist mit einem Schild versehen: Die Steine werden noch für weitere Rekonstruktionen von Wänden verwendet. NICHT VERSETZEN! Immerhin sind manche Mauern noch soweit intakt, dass einzelne Fenster und Nischen zu erkennen sind.
Warum sind hier nur ein paar kümmerliche Reste, während in Karlštejn bis heute Touristenhorden durch Saal um Saal geschleust werden? Das weiß niemand. Ab 1370 wurde die Baustelle verlassen und die Burg nie mehr erwähnt. Erst im 19. Jahrhundert entdeckten Romantiker die Ruine wieder und schauten gelegentlich vorbei, um sie zu malen, zu beschreiben oder zu erforschen - darunter ausgerechnet zwei Schwarzenberger.

Von der Burgruine schoss ich über einem Feldweg zurück auf den Radweg und runter nach Purkarec. Das Dorf liegt immer noch ein gutes Stück über der Moldau, die nur hinter den Häusern und Gärten hervorblitzt. Der Saal der Flößer erzählt vom Leben der Holzflößer auf der Moldau, aber das Museum war natürlich bereits geschlossen, falls es heute überhaupt geöffnet war.

Dahinter bin ich auf einen Waldweg abgebogen. Soo, jetzt müsste hier doch eigentlich, hoffentlich stimmt die Karte, sonst muss ich im Hochsitz pennen... ah, da, geht doch.

Bis vor Kurzem war mein Informationsstand: Wildcamping ist in Tschechien illegal, sogar mit Erlaubnis des Grundstückseigentümers. Zwar halten sich da viele nicht dran, selbst die tschechischen Pfadfinder verlangen als Initiationsritual, eine Nacht allein im Wald zu verbringen. Trotzdem davon ausgegangen, an der Moldau zwischen Campingplätzen, Zimmern und vielleicht mal einem Biwak in einem sehr versteckten Waldstück wählen zu müssen. Dann las ich wenige Tage vor der Tour das Buch Iron Woman und stieß so auf die Naturlagerplätze der Šumava, woraufhin ich entschied, doch noch mal genauer zu recherchieren, ob es irgendwas Ähnliches im Rest des Landes gibt. Gibt es. Und zwar 33 dieser Hütten, verteilt über das ganze Land, davon 3 in der Nähe der Moldau (und über die erste bei Branná entdeckte ich dann auch noch den verlassenen Campingplatz). So setzte ich mir die Challenge, sie alle auszuprobieren und völlig legal wildcampend der Moldau zu folgen, womit dann auch meine Tagesetappen weitgehend feststanden.

Die 33 Übernachtungshütten folgen ähnlichen Regeln wie die Naturlagerplätze und sind alle nach demselben Muster aufgebaut, unterscheiden sich aber im Alter und der Farbe des Holzes. Sie bestehen auf den ersten Blick ganz aus Holz, erst das nächtliche Pladdern verriet mir, dass oben auch Metall drauf ist. Im Erdgeschoss setzte ich mich auf die Bank, mache Essen und verzichtete auf die Verwendung der Gegenstände, welche frühere Reisende hiergelassen hatten: Kerzen, Cracker, Küchenpapier, Salz und Tütchen mit uraltem Paprikapulver.

Eine Leiter führt ins Dachgeschoss, das dem Schlafen dient und komplett zu ist. Die Fenster lassen sich nur einen kleinen Spalt breit ankippen, und sogar der Einstieg kann mit einer Fallklappe verschlossen werden. Die ideale Lösung für alle, die sich in der Wildnis ansonsten zu sehr vor wilden Tieren fürchten. Im Prinzip handelt es sich um eine sehr simple Version der Chata, des tschechischen Wochenendhäuschens (und zwar in einem besseren Zustand als so manche "richtige" Chata).
Es mag daran liegen, dass diese Landschaft nicht so beliebt ist wie die Šumava und dass ich nun unter der Woche unterwegs war, aber auf jeden Fall hatte ich diese Hütten immer komplett für mich. Kein Spaziergänger oder Jäger kam abends auf dem abgelegenen Waldweg vorbei, geschweige denn jemand, der im Haus übernachten wollte. Ist auch besser so, mit Wildfremden in dem dunklen Dachgeschoss, wo man sich nur per Krabbeln fortbewegen kann, wäre es schon etwas komisch.