10 Mai 2026

Moldau: Von Purkarec nach Radíč

V. Die Roadtrip-Moldau

Jetzt kommt der Teil der Moldau, den keiner wirklich kennt, wo Otto Normaltourist mit dem Auto durchfährt und höchstens mal an einer Burg eine Pause einlegt. Das Mittelböhmische Hügelland besteht aus offenen Wellen voller Pusteblumen, Felder, Pusteblumen, Raps, Strommasten und Pusteblumen. Ich war zu sehr aus der Puste, um sie alle wegzupusten.
120 Kilometer sind es bis zur nächsten Übernachtungshütte - bei diesem Gelände schaffe ich das aber nicht an einem Tag, also muss ich mir dazwischen noch eine andere Bleibe suchen.

Schon gestern Abend war die Moldau ein kleines bisschen breiter, aber noch kaum merklich. Heute früh bin ich dann über die kleinere Mauer am

Stausee Nr. 3: vodní nádrž Hněvkovice

gefahren. Zählt das schon als Stausee? Joa, direkt hinter der Mauer ist die Moldau ja schon deutlich breiter, kommt dann aber immer noch recht breit raus. Die Talsperre wurde extra gebaut, um Kühlwasser zu liefern.

Kurz konnte ich nochmal auf der Straße am Flussufer fahren. Die Felswände waren meist in Netze gefesselt, damit sie sich von den Verkehrsteilnehmern fernhalten.

In Týn war dann aber endgültig Schluss mit Uferwegen. Die Stadt ist eine der ältesten in Böhmen. Kein Wunder, das einiges neu gemacht werden muss, und so war die komplette Altstadt eine einzige Baustelle. Noch baggerte niemand, was es etwas leichter machte, durch die Wüste zwischen den rosaroten Fassaden zu navigieren.

Hinter Týn mündet in einer versteckten Waldecke die Lužnice (hinten rechts) in die Moldau. Die kommt aus Österreich und ist dementsprechend gar nicht mal so kurz... und hat auch einen Radweg?! In diesem Moment habe ich es aufgegeben, in nächster Zeit alle Nebenflüsse der Elbe zu schaffen. Die wichtigen habe ich ja jetzt, und von den anderen füge ich vielleicht ab und zu noch einen hinzu.

Der Moldauradweg will mich nun auf einen weiten Umweg schicken, jede Menge Waldberge mit Rasthütten rauf und runter, weitab von der Moldau. Da habe ich dann doch lieber die Straße gewählt, die zwar auch hoch und runter geht, aber etwas geradliniger.

Hinter den endlosen Pusteblumenhügeln spucken neben einer unauffälligen Kuppel vier weiße Türme das Moldauwasser aus der Talsperre Hněvkovice in den Himmel. Ah, das kenne ich doch schon aus Lego! (Die Lego-Version sah durch die vier Türme von oben ein bisschen wie eine Ohrenqualle aus). Das ist Temelín, das einzige Atomkraftwerk Tschechiens.
Obwohl das Land der Atomenergie gegenüber eher positiv eingestellt ist, ist kein zweites geplant, nur neue Blöcke in Temelín, und es wird an Energiegewinnung durch die Abwärme von Atommüll geforscht. Wahrscheinlich arbeiten viele Menschen in den Dörfern ringsrum im Kraftwerk, auch die Buslinien weisen in seine Richtung.

Dann bin doch mal der Radroute gefolgt und ein Stück bergab gefahren, etwas näher an die Moldau. Für die paar Kilometer durch den unscheinbaren Wald hat es sich aber nicht wirklich gelohnt.

Viele Dörfer haben eigene Fischteiche, die in der Regel alle einfach [HierDorfnameeinfügen]cký rybník heißen. Das hier ist schon einer der mit Abstand größten.

Auch die Eisenbahn hat sich nun verabschiedet und wird erst kurz vor Prag wieder auftauchen.

Plötzlich war ich schon in Zvíkovské Podhradí, überquerte eine Hauptstraße und verließ die Route, stattdessen steuerte ich auf eine Landspitze zu. Hinter dem Dorf wurde die Spitze schmaler und schmaler, Wasser und Felsen drängten sich heran. Eine Ringelnatter sonnte sich im Weg. Sie war deutlich aktiver als die Blindschleichen - nach dem dritten Foto verzog sie sich in eine Mauerspalte.
"Was ist da?", fragte eine Familie mit Kind, die mich beobachtet hatten.
"Eine Schlange."
"Wo?"
Es brauchte einiges Fingerzeigen und Überzeugungsarbeit, bis sie mir glaubten.

Warum überhaupt Landspitze? Weil links die Otava fließt und rechts (hinter den Bäumen) die Moldau. Beide Flüsse sind nicht im Normalzustand, sondern schon ordentlich angeschwollen zum

Stausee Nr. 4: vodní nádrž Orlík

Aber schon lange vor dem Stausee, als der Wasserspiegel 40 Meter tiefer lag und die untere Burg noch nicht darin versunken war, war die Lage etwas ganz Besonderes. Und aus diesem Grund baute König Přemysl Ottokar I. in die Spitze zwischen den Flüssen seine Burg rein. Die ist aber auch wie gemacht dafür, denn ungefähr eine Burglänge vor dem Zusammenfluss hat die Landspitze schon eine schmale Stelle, an der die Felsen eine Art Schlucht bilden. Der einzig mögliche Zugang in die Burg Zvíkov (Klingenberg) ist die Steinbrücke.
Hinter dem Tor wartet dann erst einmal ein Turm namens Kreisrund.
Hm.
Wer sich die Form des Turmes genauer anschaut, möchte dem einstigen Baumeister wahrscheinlich zurufen: You had one job. Die einzige Ecke in Richtung der Brücke sieht zwar komisch aus, hat aber einen total sinnvollen Sinn: Kugeln prallen so nie frontal gegen den Turm, sondern gleiten immer seitlich ab. In den Turm rein kam man damals nur im 1. Obergeschoss per Leiter oder Treppe, heute dementsprechend gar nicht mehr.

Ich schob das Rad in den Innenhof, wo sogar Fahrradboxen bereitstehen. Dort müsste ich das Rad allerdings senkrecht reinstellen.

 
Ich erreichte die Kasse rechtzeitig eine Stunde vor der Mittagspause. Burg Zvíkov hat zwar auch ausgedehnte Außenanlagen, wo man sich den ganzen Tag kostenlos herumtreiben darf. Aber diese Burg wollte ich mir von vorn bis hinten anschauen, das hatte ich von vorneherein so geplant. Der Grund dafür ist, nun ja, Instagram. Als ich diese App noch installiert hatte, bin ich auf ein Bild dieser Moldauburg gestoßen und wusste direkt, da wollte ich hin.
Der kostenpflichtige Innenbereich liegt nur teilweise innen. Mittendrin liegt ein rechteckiger Innenhof mit spitzen Arkaden, wo auf zwei Etagen Räume in alle Richtungen abgehen. Die Instagramisierung der Burg folgt immerhin einer langen Tradition, denn Zvíkov wurde oft gemalt und bedichtet. Und so zeigt der Raum Nummer 1 erst mal Bilder von Zvíkov in allen denkbaren Stilrichtungen, sogar Kinderzeichnungen. Da hätte das Instragram-Foto der Vollständigkeit halber auch gut reingepasst.

Das Erdgeschoss gehört zu den ersten Räumen in Böhmen, in denen Terrakotta benutzt wurde. Eine Etage darunter liegt der kühle Keller, in noch Tageslicht fällt, zum Beispiel auf die aufgestellten Säulen der Burg. Und noch eine Etage tiefer ist das zweite Kellergeschoss, das direkt in den Fels gemeißelt wurde. In den Räumen mussten schließlich Diener arbeiten, Köche kochen, Vorräte lagern und sich im Notfall der Burgherr vor Feind und Feuer verstecken. Oder sogar fliehen? Der Sage nach gibt es einen Gang zur Wallfahrtskirche St. Anna, aber der einzige Fluchtweg, den man fand, wurde nie zu Ende gemeißelt.

In der ersten Etage lagen rundherum die Räume der Könige. Karl IV. bewahrte sogar seine Reichskleinodien, also die Kronjuwelen, in Zvíkov auf. Der Königssaal war besonders mutig konstruiert, nur zwei Pfeiler und sechs Kreuzgewölbejoche hielten ihn zusammen. Ein bisschen zu mutig konstruiert, denn als eines Tages ein Teil der Außenmauern einstürzte, stürzte der ganze Saal mit.
Was war da los? Hussiten belagerten die Burg, und König Sigismund entschloss sich zu einem militärstrategisch interessanten Schachzug: Einfach die Burg an jemand anders verpfänden, dann ist das sein Problem. Er befürchtete nämlich, sein eigener Burggraf Kunatá Kapléř würde ihn bald an die Rebellen verraten. Ab da wechselte die Burg von Adelshaus zu Adelshaus. Die Schwanberger füllten die Lücke in der Außenmauer wieder auf, aber ihr Architekt überzeugte sie mit den Worten "Joa, das ist so ne Art offenes Konzept", den Rest einfach so zu lassen. Eine gute Entscheidung. Dank ihm hat die Burg bis heute eine lange Reihe einzigartiger Ruinenterassen mit traumhaftem Moldaublick zwischen verfallenen Gewölberesten.

Und keine Sorge, auf der anderen Hälfte gibt es noch immer Räume mit Dach. Die Schwarzenberger (Die waren auch hier, muss ich nicht extra erwähnen, oder?) haben die Burgkapelle restauriert, und auch die restlichen Räume sind mit malerischen Malereien und zeitgenössischen schwarzen Möbeln dekoriert.
Die Fresken aus dem 15. Jahrhundert wurde im vier Jahrhunderte später "nicht sonderlich feinfühlig" restauriert. Und dann dachten die Banausen auch noch, da sei eine Hochzeit gemalt, dabei ist das eindeutig ein Tanzfest! Was darüber zu sehen ist, sollte bei den Wappen ja klar sein: Die vier Kurfürsten wählen den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Der König von Böhmen steht ganz links, darf als einziger eine Krone tragen und seine Stimme als erster abgeben.


Ich spazierte durch die restlichen Wiesen und Wehrgänge, vorbei an weiteren verschlossenen Gebäuden, die nach Restaurants oder Übernachtungszimmern aussahen. Irgendwann war ich dann doch raus aus den Mauern und kam am Bootssteg heraus und konnte voller Pracht das sehen, was mir die Burgmauern nach und nach enthüllt hatten. Nämlich die Tatsache, dass der Orlík-Stausee der schönste der Moldau-Stauseen ist und die schönsten Felslandschaften am ganzen Fluss hat. Ach Mensch, wenn ich doch nur hier direkt am Ufer radeln könnte anstatt am Lipno-Stausee, aber nein, die Felsen berühren direkt ihr Spiegelbild im See, dazwischen ist kein Platz. Und irgendwie ist es ja auch fair, wenn der versteckte Stausee die schönere Landschaft kriegt und nicht der See, zu dem ohnehin schon alle fahren.
Der verwinkelte Pfad endet schließlich an einem Bootssteg. Ab und zu legen hier Ausflugsschiffe an, und auch Kanufahrer dürfen an dem kleinen Strand eine Burgpause einlegen. Der Mülleimer bittet sie allerdings höflich darum, ihn nicht gleich mit allem Abfall zu überfüllen, der sich im Boot angesammelt hat. Der Paddeltourismus ist offensichtlich immer noch ein Ding, und das, obwohl an den großen Staumauern vermutlich keine Floßgassen mehr runterführen. Ein paar Meter neben dem Steg mündet die Otava (links), die ich ja schon am ersten Tag der Moldaureise im wilden Zustand gesehen habe, in die Moldau (rechts). Es ist die großartigste Flussmündung in Tschechien, da kann (Spoiler) nicht mal das Ende der Moldau mithalten.


Das Dorf Zvíkovské Padhradí ("Klingenberger Unterburg", früher Karlsdorf) enthält zwei teure Pensionen und einen Schickimicki-Familiencampingplatz im skandinavischen Stil, mit allen möglichen Arten von Holzbungalows mit nordischen Namen. Das weiß ich, weil ich ursprünglich tatsächlich erwogen hatte, da zu übernachten. Damals, am Anfang dieses Beitrags, als mir 120 Kilometer in diesem bergig-pusteblumigen Gelände noch unrealistisch erschien.
Als ich aber Burg Zvíkov angeschaut, die halbe Strecke hinter mir und einen ordentlichen Langoš am Imbiss verspeist hatte und es trotzdem erst 13 Uhr war, da sah die Sache ganz anders aus. Der Ehrgeiz packte mich und zog mich zurück zur Straße und runter von der Landspitze. Die Hauptstraße überquert die angestaute Moldau an einer hohen Betonbrücke, die auch zum Bungeejumping genutzt wird. Die Felsen sind hier noch kleine Steinränder am Fluss, die tolle Stelle an der Burg kommt aus Sicht der Moldau ja erst noch.


Die nächsten Kilometer waren ein Zizack durch Dörfer, von denen Zahrádka ("Gärtchen") das schönste war. Die Mauern vor den barocken Bauerngehöften bröckeln zwar vor sich hin, aber eben auf malerische Weise, und deshalb ist das Dorf denkmalgeschützt.

Der Orlík-Stausee ist nur noch als bewaldeter, langer Einschnitt in der endlosen grünen Hügelei zu erkennen, die Staumauer blieb mir verborgen. Der Radführer empfiehlt einen Abstecher zur nächsten berühmten Schwarzenberger-Burg, der Burg Orlík. Die steht auch am Stausee, aber nicht an einem Zusammenfluss, sondern an einer Stelle, wo der See noch viel breiter ist. Anders als Burg Zvíkov wurde Burg Orlík nach der Wende an die Schwarzenberger zurückgegeben. Das war möglich, weil das (wir erinnern uns, ganz ursprünglich deutsche) Adelshaus während der deutschen Besatzung für den tschechoslowakischen Staat einstand und die deutsche Staatsangehörigkeit ablehnte. Ex-Außenminister Karel Schwarzenberg wurde 2023 in der dortigen Gruft beigesetzt.
Ich hatte meine Burg aber schon ausgesucht, und es erschließt sich mir auch nicht, warum die Karte von den zwei ähnlich interessanten Burgen nur den längeren Abstecher einzeichnet und empfiehlt.

Dann durfte ich die Moldau endlich nochmal besuchen. In einem hochgradig idyllischen Tälchen absolvierte ich eine verschnörkelte Schussfahrt und bekam den kleineren

Stausee Nr. 5: vodní nádrž Kamýk

gerade noch rechtzeitig zu sehen, bevor er durch eine Staumauer abgeschlossen wurde. Er produziert etwas Strom und Trinkwasser, vor allem aber puffert der den Abfluss vom größeren Orlík-Stausee ab.

Ich folgte einer netten Uferstraße bis zu den Wohnblocks nach Kamýk. Schiefe Steinpfosten mit Stahlseilen schützten mich vor einem Absturz in den Fluss.

Danach hieß es aber wieder hinauf, hinauf und noch weiter hinauf. Auf den Hügelrücken weideten Schafe, und mitten durch eine der Schafherden sollte ein Weg führen, den es dann in der Realität nicht gab. Gezwungenermaßen machte ich den Umweg auf der großen Straße.
Die meiste Zeit aber gurkte ich von Dorf zu Dorf, bis mir auffiel: Der Himmel war zum ersten Mal seit langem nicht mehr blau. Grau und grollend braute sich ein Gewitter zusammen, in der Ferne fiel deutlich sichtbar Regen. Hmm, und wann ist das bei mir? Schwer zu sagen, die Wolken schienen jedes Mal in einer anderen Richtung zu liegen.
Alle paar Kilometer stand eine potthässliche Bushaltestelle aus Wellblech, die im Ernstfall guten Schutz geboten hätte. Dadurch war ich etwas flexibler und dachte mir bei jeder einzelnen Haltestelle: Naa, ich schaffe es noch bis zur nächsten, bis es losregnet.
Was sich immer wieder als wahr erwies.
Weil es nie losregnete. Mit mehr Glück als Verstand habe ich mit meinem Zickzackkurs das Gewitter komplett ausmanövriert und umfahren. Großartig!
Leider habe ich dabei einen anderen verhängnisvollen Fehler begangen. 

Nach mehr Links und Rechts und Auf und Ab, als ich je zählen oder erzählen könnte, kam ich endlich nach Radíč. Dieses Dörfchen fällt durch zwei gegensätzliche Anblicke auf: Ein weißgelbes Barockschloss, das sich im Privatbesitz befindet. Und ein altes rostiges Schild, laut dem man keine Sender und Radaranlagen benutzen darf, die explodieren könnten. Schade aber auch, wozu habe ich die ganze Zeit mein dynamitbetriebenes Radar auf dem Sattel mitgeschleppt?

120 geschafft, ich bin am Ziel! Fast.
Radíč liegt am Ufer des Mastník ("Fetter"), der sich hinter der Steinbrücke und den letzten Einfamilienhäusern in eine versteckte Schlucht verzieht. Da will ich auch rein. Auf die lange Straße über noch mehr Hügel hatte ich keine Lust. Ein Wanderweg führt auf direktem Weg am Bach zur Hütte, da lässt sich das Rad hoffentlich irgendwie durchschieben. Auf der Wiese war das auch zunächst kein Problem.

Dann aber schon. Der Pfad ging direkt am Ufer des Flüsschens entlang, das trotz seines Namens dünn, klar und steinig daherkam. Ein schöner Weg, keine Frage, nur leider zerrten zeckige Schlingpflanzen an meinen Beinen, der Boden wurde immer schlammiger, und schließlich ging der Pfad dann senkrecht (also quasi) nach oben. Hm, ich hätte mir die Höhenmeter auf diesem Wanderweg doch nochmal genauer anschauen sollen. Morgen früh nehme ich definitiv die Straße.

Der Mastník hat es nicht eilig, in die Moldau zu münden. Er dreht vorher ein paar ganz enge 180-Grad-Schleifen, und in einer davon wollte ich pennen. Aber nicht in diesem Hochsitz, da kann ich nicht mal die Beine ausstrecken! (Ja, das ist ein Hochsitz. Er braucht keine Leiter, durch seine Lage ist er schon hoch genug). Am Ende der Schleife beginnt der Mastník bereits anzuschwellen. (Kommt daher sein Name?) Die Moldau ist zwar noch ein gutes Stück entfernt, aber ihr nächster Stausee macht sich schon bemerkbar.

Der heutige Übernachtungsplatz ist benannt nach der Burgruine mit dem sehr tschechischen Namen Kozí hřbět ("Ziegenrücken"). Die soll gleich dahinter sein, also ging ich trotz aller Erschöpfung noch die paar Schritte über den Bergkamm in der Flussschleife.
Es war eine sehr merkwürdige Ruine. Von den einstigen Burgtoren und Gräben konnte ich nichts sehen. Der Pfad brauchte mich in eigenwilligen Windungen an den moosigen Felsen hoch und runter. Der Nebel und die einbrechende Dämmerung verschleierten, wie nach und nach vergessene Mauerstücke aus dem Boden ragten wie steinerne Klauen, die sich langsam um den ahnungslosen Touristen schließen, sodass er gar nicht merkt, dass er schon drin ist. Die Czech Repubrick hatte Unrecht: Isengard steht nicht in Tschechien, Dol Guldur hingegen schon.
Zwei Bewohner der Burg waren die Brüder Petr und Hašek Břekovcov. In den Hussitenkriegen schlossen sie sich der radikal-militanten Bewegung der Taboriten an, die möglichst einfach leben wollten und so ziemlich alles ablehnten außer Taufe, Abendmahl und Kontakten zur katholischen Kirche. Inwiefern dieser Lebensstil zum Eigentum an einer Burg passt, selbst wenn sie Ziegenrücken heißt und auch dementsprechend aussieht, bleibt unklar. Als es mit den Taboriten abwärts ging, schlossen die Brüder einen Friedensvertrag und liefen zur gemäßigten Mehrheit über - prompt wurde ihre Burg von ihren ehemaligen Glaubensgenossen belagert, wenn auch ohne Erfolg.
Als offenbar einzige Burg an der Moldau ist diese hier nie in die Hände der Schwarzen- oder Rosenberger gefallen.

Am Rande dieser Flussschleife steht eine Übernachtungshütte, diesmal einen Tacken älter - und deutlich mehr auf dem Präsentierteller. Aus meinem "Esszimmer" konnte ich die Fenster der langweiligen weißen Fassaden eines entlegenen Teils von Radíč sehen. Trotzdem war ich auch heute Nacht allein.
Und leider nicht ganz fit.
Die Temperaturschwankungen waren die letzten Tage ohnehin schwierig. Morgens war es noch kalt, und nicht immer konnte ich vormittags den idealen Moment abpassen, um Kleidungsschichten abzulegen und schließlich ganz auf Kurzärmlig umzusteigen - zumal es auch nicht überall eine zum Umziehen geeignete Stelle gab.
Heute Nachmittag hatte ich zudem noch den Moment verpasst, um wieder auf Langärmlig zurückzuschalten. Das umherziehende Gewitter hatte rauschenden Wind mitgebracht, und im Rausch der Geschwindigkeit hatte ich zu spät mitbekommen, wie sehr sich die Luft abgekühlt hatte. So musste ich abends feststellen: Ich brütete eine Erkältung aus, oder vielleicht sogar mehr.
Dass mir die Holzluke auf den Zeigefinger fiel, war dann auch nicht gerade hilfreich.

 
Aber aus irgendeinem Grund war das trotzdem die Nacht auf dieser Reise, in der ich am besten geschlafen habe. 

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