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08 April 2026

Flöha: Von Hetzdorf nach Flöha

 Flöha-Tag 2: Ach, diese Brücke, diese ergötzliche Brücke
 
gefahren im: Mai 2026
Start: Hetzdorfer Viadukt, Rastplatz
Ziel: Flöha, Struthweg, Hochwasserschutzdeich am Flöha-Zschopau-Zusammenfluss
Länge: 7,4 km
Flöhaquerungen: 1 (+1 für die Weiterfahrt an der Zschopau)
Ufer: links
Bundesländer: Sachsen
Landschaft: unauffälliges, nicht zu breites Gleistal, Stadtrandpark(plätze)
Wegbeschaffenheit: schöner kurzer Bahnradweg, Erdradweg am Gleis, Stadtra(n)dweg
Steigungen: jup
Wetter: ruhig & grau
Wind: nicht wirklich
Highlight: Hetzdorfer Viadukt
Größte Hürde: die richtigen Abbiegungen in Falkenau finden
Zitat des Tages: "Was wollen wir? Das der "Hetzdorfer Viadukt" weiterhin ein gepflegter Anlaufpunkt der Wanderer und Erholungssuchenden bleibt."
- Interessenverein Hetzdorfer Viadukt e.V., Aushang zur Nachwuchssuche-
 
In der Dämmerung schälte sich ein Umriss hinter den Bäumen hervor, und trotz des schwindenden Lichts scheiterten die 42 Meter hohen Bögen komplett daran, sich zu verstecken. Das hier ist die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands mit einer Etage, das Hetzdorfer Viadukt. Und da wollte ich hoch.

Gar nicht so einfach, denn der direkte Wanderweg nach oben sieht wirklich alles andere als fahrradtauglich aus, und ich hatte heute schon genug Experimente auf Wanderwegen. Ich folgte also dem hölzernen Wegweiser Hetzdorfer Viadukt - bequemer Weg, bog erst einmal in ein Nachbartal auf irgendwelche Dorfstraßen ab und schließlich hintenrum auf einen nicht ganz so steilen Waldweg, der irgendwann auf eine Bahnstrecke trifft. Von der zweigt sang- und klanglos ein unscheinbarer Bahnradweg ab, und der endet nach kurzer Zeit hier, an einem großen Haufen Rasthütten und einem hölzernen Imbisshäuschen. Hier gibt es nur selten etwas zu kaufen. Der Interessenverein Hetzdorfer Viadukt kümmert sich an das Bauwerk: Wenn schon keine Züge mehr fahren, soll es zumindest bei Wanderern und Touristen beliebt sein. Dazu organisieren sie an manchmal eine Bewirtung, also sprich, sie machen den Imbiss auf - aber eben nur an bestimmten Feiertagen wie Himmelfahrt und Pfingsten. Aber selbst dafür wird es schwierig, Leute aufzutreiben, und so wirbt ein Plakat für die Mitgliedschaft im Verein: Nachwuchs ist bei uns jeder, der unter 50 Jahre alt ist.
Ein schöner Übernachtungsplatz, dachte ich, und vollkommen menschenleer. Als nach Stunden noch immer niemand aufgetaucht war, war ich sicher, dass hier heute keiner mehr vorbeikommen würde. Dann vielen mir die vielen Male ein, wo sich dieser Gedanke als Trugschluss erwiesen hatte, und mit einem Mal war ich mir sicher, dass gleich eine große Gruppe für eine nächtliche Viadukt-Party auftauchen würde. Aber nein, diesmal stimmte es, es erschien niemand.

Das Viadukt stammt aus den 1860ern. Damals war die Bahnstrecke Breslau-München fast fertig, bis auf eine 27 Kilometer lange Lücke. Durch den Lückenschluss wurden auch endlich die beiden getrennten Streckennetze der sächsischen Staatsbahnen verbunden (denn die Strecke Leipzig-Dresden war damals eine Privatbahn). Also eine wichtige Verbindung, sogar der siebenwöchige Krieg zwischen Preußen und Österreich konnte den Bau nicht lange ausbremsen.
Ich fuhr auf die monumentalen Bögen voller Greis, Granit und Pirnaer Sandstein drauf, geschützt von einem doppelten Geländer. Ein paar mal ist das neue Stahlgeländer so gnädig und macht einen Bogen, damit die Besucher auf einen der steinernen Balkons heraustreten und den Blick über das weite Tal noch besser genießen können. Das Ding ist richtig breit, hier lagen eindeutig zwei Gleise drauf. Als ich abends ankam, konnte ich sogar erkennen, dass ein Auto drüberfuhr - kein Wunder, dass es hier durchpasst, aber wie zur Hölle ist das hier überhaupt hochgekommen?

Warum also wurde so eine wichtige Bahnstrecke überhaupt stillgelegt? Die Antwort hierauf ist in der Ferne zu erkennen, und sie lautet: Wurde sie nicht. Also nicht richtig. 1992 war das Viadukt schon sehr marode, und so wurde die Strecke komplett neu geplant. Aus einer alten Brücke wurden zwei neue aus Stahlbeton, die über das Nebental und das Flöhatal führen und die Strecke so um einen Kilometer verkürzen.


Die alten Mauern haben Zinnen wie eine Burg. Durch eine davon ist zu erkennen, dass sich direkt neben dem Viadukt eine letzte graue Felswand erhebt.

Auf die sogenannte Hetzdorfer Bastei führen auch mehrere Wanderwege drauf, vom Viadukt aus war es nur ein kurzer Spaziergang nach oben. Die Aussichtsplattform zeigt das Bauwerk noch mal aus einem ganz andere Brückwinkel. Die chaotischen grauen Scharten des Felsens gucken aus dem Boden und versuchen halbherzig, den geneigten Wanderer ins Stolpern zu bringen. Optisch erinnert mich dieser Fels weniger an die Bastei an der Elbe, eher an die Loreley.


Der dazugehörige Bahnradweg ist nicht asphaltiert und eigentlich auch eher als Wanderweg gedacht, aber online als Radweg verzeichnet, denn der Platz auf dem breiten Weg reicht locker für sie. Blumentöpfe markieren die Eingänge, dazu ein Insektenhotel in Phallusform. 

Dahinter verbergen sich schöne kleine Hohlwege mit zugewachsenen Steinwänden und einem weiteren kleinen Viadukt obendrüber. Die Strecke ist offiziell zwar nicht Teil des Flöha-Radwegs, aber definitiv zu empfehlen. Sie ist aber nicht besonders lang, denn irgendwann vereint sich die alte Bahntrasse wieder mit der neuen, die von den Betonbrücken kommt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Trasse und Viadukt noch immer relativ unbekannt sind.

Nach diesem kleinen Bahnbogen war ich auch schon wieder am Ufer der Flöha. Dort erklärt Falkenau den Radlern dann noch, was es außer Brückenbauen noch alles kann, und zwar anhand eines Bergbau-Memorys.

Danach konnte ich den stillen Fluss noch besser erkennen, obwohl ich über die Gleise hinwegsehen musste. Und gelegentlich über die Köpfe und Leinen von Hunden, die zu frühen Spaziergängern gehörten. Irgendwo an der Bahnlinie stand ein windschiefes, vergessenes Dixiklo, das prinzipiell noch durchaus benutzbar war, sofern man die Angst ablegt, in dem Teil auf die Gleise zu kippen.

Der Asphalt kehrte erst zurück, als ich die Wohnblocks, Parks und Parkplätze von Flöha umrundet habe.

Das ging sehr schnell, und so stand ich kurz darauf vor der Mündung und... durfte nicht weiter. Die komplette Hochwasserschutzanlage ist verboten. Und ich hielt mich sogar dran, weil ich ja auch von hier aus erkennen konnte, wie sich Flöha und Zschopau hinter einer grünen Grasspitze mit vier Bäumen ganz ohne großes Drama vermischen.
Für Geographen ist die Flöha nur ein Nebenfluss eines Nebenflusses eines Quellflusses eines Nebenflusses. Dabei ist sie ein bisschen größer als die Zschopau, und damit hydrologisch eigentlich der Hauptfluss - nicht nur der Zschopau, sondern von der kompletten Mulde. Und so ergibt auch das Wappen von Flöha viel mehr Sinn. Das zeigt nämlich die beiden Flüsse der Stadt, also quasi: Zwei Frauen mit silbernen Klamotten und goldenen Haaren, die gleich groß und Hand in Hand überquellende Wassereimer tragen.


30 März 2026

Lippe: Von Haltern nach Wesel

Lippenbekenntnisse
Tag 4: Das Banaltal

Sonne, Wolken und Bahntrassen empfingen uns am letzten Lippe-Tag. Unter der Bahntrasse sind wir zunächst auf einem straßenbegleitenden Radweg durchgefahren, was auch gut war, denn so konnten wir eine Eisenbahnbrücke bewundern. Die war tatsächlich mal auf eine moderne, aber alles andere als scheußliche Weise neu gebaut.

Später läuft der Radweg mal auf dem Bahndamm, mal daneben oder eben einmal schräg obendrüber. Dann wird der Verlauf der Schienen mit Pflastersteinen angedeutet.

Asphaltiert ist er leider auch oft nicht. Rechts im Bild ist das Haus Ostendorf zu erkennen. Das graue Rittergut mit seinem Turm duckt sich an den Boden. Es ist benannt nach Gertrudis de Ostendorp, der Frau des ersten bekannten Ritters in dem Haus. Allerdings wechselte das Gut andauernd den Eigentümer zwischen verschiedenen Grafen, Stiften, der antidemokratische Organisation Stahlhelm und einem Bauunternehmen. Die probierten auf dem Land allerhand aus, Mühlen, Hexenprozesse, Wollverarbeitung, Folter, Schweinemast, Hinrichtungen, Brennereien, Fischzucht, und die Schifffahrt der Lippe kontrollierten sie auch noch. Aber die vielen Eigentumswechsel deuten nicht gerade darauf hin, dass das alles wirtschaftlich funktioniert hat. Als das Haus Feuer fing, waren die Gräben verschlammt und es musste Wasser von der weiter entfernten Lippe geholt werden.

Die schneidet sich ihren Weg durch gelbes Schilf mit kahlen Kugelbäumchen, zunächst in einem versteckten Waldtal, das nur von Brücken aus zu erkennen ist. Auf der Einfahrt nach Dorsten öffnet sich das Tal und wir radelten auf einem Deich dahin. Kleine Brücken überspannten den Fluss, die einen für Fußgänger, die anderen für Röhren, eine für beides. Hinter den Deichen lugen die Häuser hervor. So fährt es sich doch angenehm in die Stadt rein!

 
Ins Stadtzentrum kommt man so aber nicht. Zuerst gibt es eine Insel zwischen Lippe und Wesel-Datteln-Kanal, auf der unter anderem die maßlos überfüllte Atlantis-Therme liegt. Vor dem Bad steht ein hölzerner Kutter, der angeblich direkt von der Ostsee stammt. Irgendwie seltsam, wenn die eigene Heimat als exotische Thematisierung herhält.

Erst nach einem schlichten, aber seltsam ästhetischen Kanalübergang am Shoppingcenter folgt die Altstadt von Dorsten. Wobei das Wort Altstadt hier etwas hochgegriffen ist, nach Hamm ist das wahrscheinlich die optisch langweiligste Innenstadt an der Lippe. Der Brunnen auf dem Markt zeigt in allen vier Ecken metallene Figuren, die typischen Dorstener Berufen wie Bergbau oder, ähm, Büroarbeit bei der Kirche nachgehen. Dorsten liegt supergünstig zwischen Straßen und Wasserwegen und hatte deswegen zwei ökonomische Höhepunkte: In der Hanse und in der Industrialisierung. Dazwischen ging es aber wegen des Dreißigjährigen Krieges so krass bergab mit der Stadt, dass sie gar keine Stadt mehr war, sondern zum Landkreis Recklinghausen gehörte - was für eine Demütigung.
Es war noch immer recht kühl, und auf den Straßen war jetzt nicht superviel los. Deshalb waren wir erstaunt, wie viele Cafés im März schon mutig ihre Stühle auf die Straße gestellt hatten und Eis und Warmes anboten. Und die Nachfrage schien ihnen recht zu geben, zumindest ein paar Gäste hatten sich schon vormittags niedergelassen. Ich verstand sie sehr gut, die Betreiber und die Gäste - alle sehnen sich nach dem Frühling, und ob der schon begonnen hat, ist jenseits von kalendarischem und meteorologischen Frühlingsbeginn eben auch manchmal Einstellungssache. In diesem Sinne gönnten wir uns einen ungewöhnlich frühen Eisbecher.

Die letzte Kanalstrecke am Wesel-Datteln-Kanal war so schön wie gestern Nachmittag, und sie sollte uns direkt rein nach Wesel... ach nö, wieder Baustelle. Na gut, Alternativplan. Auf hügelige Nebenstraßen hatten wir wenig Lust, also wechselten wir ein gutes Stück nach Norden auf die sogenannte Römerspuren-Schleife.
Die Römer-Lippe-Route hat eines mit dem Leine-Heide-Radweg gemeinsam: Hochtrabende Namen für Alternativrouten, die weit mehr versprechen, als da ist. Die Viktoria-Schleife zum Beispiel ist benannt nach dem Nachbau eines römischen Schiffs, der da vor Jahren mal langgesegelt ist, sich aber längst nicht mehr vor Ort befindet. Und ein altes Bergwerk heißt wohl auch irgendwie so, aber das ist weder direkt am Weg noch zu besichtigen.
Mit der Römerspuren-Schleife ist es ähnlich. Die Allee verläuft schnurgerade und flach durch die Wiesen, offenbar wieder mal auf oder zumindest neben einer Bahntrasse, wie die überwucherten Gleise im Unterholz beweisen. Womöglich ist das auch die Heerstraße an der Lippe, die damals die Legionäre bauen, freiräumen und mit Gräben versehen mussten, um anschließend darauf zu marschieren. In einem Contubernium von acht Soldaten kochten, biwakierten und kämpften die jungen, unverheirateten (das war Pflicht) Männer gemeinsam als enge Zeltgemeinschaft. So schafften sie 18 bis 20 Kilometer pro Tag, zumindest ist das der Abstand der üblichen Lager. Diese Marschlager hatten oft keine Mauer und keine Häuser, nur Zelte, dafür aber über 250 Backöfen. Im Prinzip wurden sie bei jedem Durchmarsch neu errichtet, abgesehen vom Spitzgraben.
Aber wo sind denn die Lager? Rostige Schilder mit Römerhelmen und blasse Infotafeln sind die einzigen Römerspuren, die zu finden sind. Im Reiseführer ist genau ein Römerlager markiert, in Holsterhausen, aber zum einen ist dort laut Satellitenbildern absolut null zu sehen und zweitens führt die Radroute dort gar nicht dran vorbei, sondern macht einen vollkommen unnötigen weiten Bogen drum herum, obwohl der Bahnradweg direkt daran vorbeiführt. Hä?
Ansonsten heißt es, hier gebe es noch viele Römerspuren auszugraben. Hm, okay, und das sollen jetzt die Radtouristen übernehmen oder wie?

Dann lieber schnell ans Ziel, wo wir noch ein wenig durch Vororte zickzacken mussten und dabei auch auf die Oberseite der ausladenden Bögen der Lippe stießen. Wo heute ein Kanuverein durch die Gegend kanutet, hat 1912 der größte Arbeitgeber von Wesel, der Holzhafen, 140 Menschen beschäftigt. Besonders waldreich kam mir die Landschaft eigentlich nicht vor, aber das Holz wurde in Wesel ja auch nicht gefällt, sondern gehobelt, gesägt und umgeladen.
Daneben steht das Alte Wasserwerk stoisch vor sich hin, direkt hinter seinem eigenen Bahnhof. Eine Dampf- und eine Elektro-Kreiselpumpe pumpten hier zeitweise gleichzeitig vor sich hin, die Maschinen sind Zeugen einer längst vergangenen Energiewende. Das Trinkwasser kam nicht aus der Lippe, sondern über Brunnen aus den Ufersedimenten der Lippewiesen. An der Ruhr funktioniert die Gewinnung noch heute so.

Wesel hat eigentlich auch nur einzelne historische Gebäude wie Kirche, Rathaus und Stadttor, aber zumindest die Fußgängerzone ist ein ordentliches Stück länger und gerader. Sonst würde das Hanseband nicht reinpassen. Dort sind die Namen aller Hansestädte eingraviert, und das sind verdammt viele - ich hatte gar nicht die Zeit, alle 185 zu lesen und meine Heimatstadt rauszusuchen. Wesel hat lange dafür gekämpft, in diesen lukrativen Handelsbund aufgenommen zu werden.
Je weiter ich nach Osten in Richtung Bahnhof spazierte, umso mehr erschienen auf dem Hanseband polnische und russische Namen. Wesel verwendet dabei konsequent nicht die früheren deutschen, sondern die heutigen Namen, inklusive durchgestrichener Łs. Der ungewohnte Buchstabe führte aber auch zu einem Fehler: Einer aufmerksamen Passantin fiel auf, dass zwei polnischen Städte falsch geschrieben waren: Chełmno in Polen mit falschem L und Stykkishólmur in Island mit falschem Ł. Sie informierte das Rathaus, die Buchstabensteine konnten vertauscht und eine Einbestellung des deutschen Botschafters in Polen abgewendet werden.

Vor dem Berliner Tor (es ist gerade halb eingerüstet) steht der Esel von Wesel. Genau genommen sogar zwei Esel, denn ein Restaurant hat sich eine bunte Nachbildung gegönnt. Die Skulpturen beweisen Selbstironie, denn sie erinnern an den bekannten Echo-Reim: Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? Richtig, Rainer Benien (SPD).

 Überraschenderweise habe ich auch gelesen, dass Wesel als eine der fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands gilt. In der Tat gibt es an den großen Hauptstraßen eigentlich immer Radwege, was mittlerweile zum Glück nicht mehr total außergewöhnlich ist. Nur die Ampelphasen dauerten manchmal quälend lange. 

Die Hanse tat der Weseler Wirtschaft gut, die strategische Lage weniger: Wesel steht ganz oben am rechten Rheinufer und war damit in vielen Kriegen ein wichtiger Eckpfeiler. Bei den Römern, Karl dem Großen und Napoleon verschanzte sich das große Reich immer gegenüber am linken Rheinufer. Das änderte sich, als Napoleons Erzfeind Preußen die Citadelle Napoleon übernahm und einen Verteidigungswall aus Osterglocken pflanzte in der Hoffnung, der Feind werde es nicht wagen, die schönen Blumen zu zertrampeln.

 

Ein Stück südöstlich der Stadt endet das glatte graue Wasserband der Lippe. (Und zwar nicht an der Lippemündungs-Schleife, dort münden bloß die dickeren Kanäle, und auch das nur grob in der Nähe der Route.) Rundherum finden sich Industriegebäude und die letzten Baumkugeln, die wieder etwas dichter wachsen. Normalerweise wären das durchaus Hindernisse, die den Blick auf die Mündung verdecken könnten und bei denen ich gucken müsste, ob ich vielleicht noch einen holprigen Pfad auf die Landspitze rauf finde. Aber nicht so bei der Lippe und dem Rhein. Die Flüsse sind längst so breit und die Brücken so hoch und zahlreich, dass die Mündung von der Bundesstraße problemlos zu erkennen ist. Hinter der grauen Lippebrücke wird gerade eine neue Lippebrücke gebaut, sogar die Pfeiler einer gesprengten Bahnbrücke von 1945 stehen noch irgendwo.

 

Die Lippe als letzter großer deutscher Nebenfluss bringt den Rhein auf seine maximale Größe, bevor er sich im Delta zu teilen beginnt. Der Flussradweg endet in Wesel, die Römer-Lippe-Route überquert wie schon die flüchtigen Römer von Aliso den Rhein und folgt dem linken Rheinufer zum Freilichtmuseum Xanten. Anders als die flüchtigen Römer müssen die Radfahrer kein Segelschiff nehmen, es gibt ja eine rötliche Riesenhängebrücke (hinten links zu erahnen), die ausnahmslos alle Lippebrücken mickrig erscheinen lässt.

30 Juli 2025

Fränkische Saale: Von Königshofen nach Neustadt

Bei der Ausfahrt aus Bad Königshofen bin ich erstmal im komplett falschen Dorf gelandet, weil das Fahrradschild nur die Radrouten Meinungen - Haßfurt und Merkershausen - Bad Königshofen Süd kannte. Logisch, die sind bestimmt viel bekannter als der Fränkische-Saale-Radweg.
Allzu lange wollte ich in der Gegend nicht anhalten, sonst bauen die womöglich auch mein Fahrrad in ihren Gartenzaun ein.

Dann aber ging es ganz einfach am schattigen Flussufer vorbei. Die Saale ist noch ein schmaler, etwas unmotivierter brauner Wurm.

Geht's noch einfacher? Jup, hier beginnt eine Bahntrasse, Königshofen war also auch mal an die Bahn angebunden.

Noch ist das Grabfeld eine gelbliche Hochebene, in der sich die Saale als grüne Baumreihe durch die Felder schlängelt. Schön, aber jetzt nicht gerade Bayerns spannendste Landschaft.

Doch langsam bäumten sich die Wälder am Horiziont auf, rückten näher und umschlossen die Saale, die prompt anfing, aufgeregt zu plätschern. Sie taucht jetzt ein in eines der vielen tiefen grünen Täler rund um den Main - ihr eigenes, versteht sich.

Die Verkaufshäuschen der Bauern sind viel zu gesund und bieten nur rohes Gemüse (und einmal rohe Milch) an. Von hausgemachtem Eis weit und breit keine Spur.
Gerade mal 27,5 Kilometer sind es bis zur nächsten Kurstadt. Kurz vor dem Ziel wird das Tal etwas breiter (ich fuhr mit ein paar Unterbrechungen noch immer auf der Bahntrasse), und an der Mündung der Streu kommt die Bahnlinie aus Thüringen und Mellrichstadt dazu.

Bad Neustadt an der Saale wird mit hoher Frequenz durchfahren von eigenwilligen Busfahrern, die mir schon mehr als einen Radtourplan durchkreuzt haben (was im Wesentlichen auch der Grund ist, warum ich an diesem Tag nur so eine kurze Etappe gefahren bin, denn ich musste ja erstmal irgendwie nach Königshofen kommen).
Die Altstadt auf dem Hügel hat eine fast komplett erhaltene Stadtmauer, aber nur ein Tor, das Hohntor. Dahinter kommen erstmal ein paar Fachwerkhäuser, doch je tiefer ich reinging, umso mehr muss ich voller Hohn sagen: Da gibt es schönere Altstädte.

Auf der linken Marktplatzseite steht Fachwerk, sonst rutschte mein Blick oft an eintönigem Beige ab.
Angeblich ist die Altstadt nur eine romantische Geste: Karl der Große hat sie herzförmig bauen lassen, als Geschenk für seine Frau Fastrada, die offenbar auf beige stand. Die Legende um Fastrada ist fast wahr - zumindest steht fest, dass der große Karl die Stadt gegründet hat.
Aber es war eine ganz andere Frau, die Gräfin von Haxthausen, die der Stadt ein Badehaus gab und damit schon mal ankündigte, was mich an der restlichen Saale erwartet - ein Thermaltal.

01 August 2023

WHH: Von Hann. Münden nach Göttingen

Zwischen der Leine und der parallelen Weser gibt es mehrere Querverbindungen, von Elze nach Hameln zum Beispiel oder am Steinhuder Meer.

Die erste und möglicherweise schönste Querverbindung verläuft auf dem Weser-Harz-Heide-Radweg zwischen Göttingen und Hann. Münden. Diese Strecke von etwa 40 Kilometern sind wir hin- und zurückgefahren, um die Weser kennenzulernen. Wir erkundeten die Stadt einige Stunden lang und radelten dann zurück, bevor es dunkel wurde. Hann. Münden und die Weser gefielen uns ausgesprochen gut, und daher beschlossen wir: Irgendwann fahren wir auch mal den Weserradweg.

In Hann. Münden aus folgten wir kurz dem rechten Werra- und Weserufer entlang der Hauptstraße, vorbei an der Jugendherberge und der niedersächsischen Polizeiakademie. An der dicken Dorfkirche von Gimte bogen wir rechts ab.

Dort wurde es erstmal ein bisschen steil. Wir müssen die erste Hügelkette überwinden, um das Wesertal zu verlassen. Der Radweg und die Hauptstraße folgen dabei einem schmalen Einschnitt, den die Schede geschaffen hat, ein Bach, der zur Weser plätschert.

Dann begegnen wir einer ehemaligen Bahntrasse. Hier wurde sie mit glatten Betonplatten belegt. Sogar alte Signalanlagen stehen noch daneben. Schnurgerade zieht sich der Weg durch Wälder in ein enges Tal. Einfach ein fabelhafter Radweg, besonders für Bahnliebhaber.

Das ist der Weser-Harz-Heide-Radweg von seiner besten Seite!

Bei Scheden führt der Weg an einem Reiterhof vorbei, dessen Eigentümer bei Verfassen von Verbotsschildern ihrer kreativen Ader freien Lauf gelassen haben.

Hier erreichten wir eine hügelige Zwischental-Landschaft aus braunen Äckern. Die könnte man eigentlich auch weglassen und gleich zum nächsten Bahnradweg übergehen, aber ich mache die Landschaften ja nicht.

Leider kann der Radweg nicht die ganze Zeit auf der alten Bahntrasse verlaufen. In verschiedenen Dörfern mussten wir ordentlich auf und ab strampeln, während uns alte Menschen auf Bänken zusahen. Wir passierten unter anderem einen heruntergekommenen Bauernhof mit Ziegen.
Irgendwie wirken Bereiche in Niedersachsen, die keine Bahnanbindung haben, gleich viel ausgestorbener.

In der Mitte des Zwischentals liegt Dransfeld, die einzige Stadt zwischen Göttingen und Hann. Münden. Die Skyline Dransfelds besteht aus dem winzigen spitzen Türmchen der Kirche (links im Bild) und fetten gelben Quadern, in denen sich ein Haus- und Gartenmarkt befindet.

Die Innenstadt ist etwas idyllischer. Ich glaubte plötzlich, ich sei aus Versehen im Harz gelandet - die Fachwerkhäuser mit Schiefer und das eingerückte Rathaus mit Grünanlage davor erinnerten mich ganz stark an die harzigen Städtchen, vor allem an Clausthal-Zellerfeld. So weit entfernt sind die ja auch nicht.
Dransfeld ist überraschend lebendig - an der Hauptstraße waren viele Geschäfte und Imbisse, womit ich nach den ausgestorbenen Dörfern ringsherum gar nicht gerechnet hatte. Es mangelte nur an Fußgängern, die in die Geschäfte hineingingen. Das lag wohl auch an der gewaltigen Hitze.

Gegen die Hitze hilft das putzige kleine Freibad. Es liegt eine Etage höher am Campingplatz, die Straße dorthin führt steil bergauf. Dafür wartet oben eine schöne Aussicht und sehr kühles Wasser (fast schon zu kühles Wasser, aber bei dem Wetter will ich mich nicht beschweren).

Der Radweg entlang der Hauptstraße durch Dransfeld ist kürzer, aber auch steiler. Der Weser-Harz-Heide-Radweg verläuft mit Abstand im Bogen um die Stadt herum. Von dort aus sieht Dransfeld so aus wie auf diesem Bild - die gelben Klötze sind auch aus der Ferne zu erkennen. Wer in der Stadt nicht essen oder schwimmen will, muss entscheiden, ob er lieber mehr Strecke oder mehr Höhenmeter zurücklegen will. Ich glaube, ich würde tatsächlich die Höhenmeter empfehlen.
Auf den Bergen hinter Dransfeld steht der Gaußturm. Er erinnert an den Mathematiker und Landvermesser Carl Friedrich Gauß, der in Göttingen gewirkt hat. Der Aussichtsturm ist jedoch dauerhaft geschlossen.

Im Wald bei Ossenfeld beginnt dann der zweite Bahntrassen-Abschnitt. Der besteht zwar nur aus Kies, macht aber wirklich Spaß, vor allem in Richtung Göttingen. Denn dann hat der Weg ein leichtes, unsichtbares, aber doch spürbares Gefälle, sodass es sich fast wie von selbst fährt. In der Gegenrichtung fühlt es sich eher wie ein normaler ebenerdiger Weg an, vielleicht mit einem minimal Widerstand als sonst.
So tauchten wir ins Leinetal ein, und zwischen den Hecken öffneten sich weite Blicke auf die Göttinger Vororte.

Dann wurde es schattiger, und wir drehten eine Schleife um ein Dorf und unterquerten die Straßen in merkwürdigen Tunneln aus Wellblech, die an übergroße Abwasserkanäle erinnerten.
Von der Luftlinie her wäre es eindeutig kürzer, die Bahntrasse zu verlassen und quer durchs Dorf zu radeln. Aber ich bezweifle, dass man dadurch auch nur eine Minuten Zeit spart - es ist so viel unkomplizierter, sich einfach immer weiter durch den Kies abwärts ziehen zu lassen.

Schnurgerade zieht der WHH-Radweg zwischen aktiven Bahngleisen und dem Friedhof hindurch, überquert zwei Hauptstraßen und kommt schließlich am Ufer der Leine in Göttingen raus.

17 April 2023

Ulster: Von Philippsthal nach Wüstensachsen

Die schöne Rhöngrenze I

Länge: 37 km ( + 23 km zum Bahnhof Wildeck-Bosserode, +31 km Milseburgradweg oder +15 km für das restliche Ulstertal)
Grenzquerungen: 6
Bundesländer: Hessen/Thüringen
Seite: etwas mehr West als Ost
Erkenntnis: Die Vergangenheit bewegt sich in entgegengesetzter Richtung zur Sonne.

Kaum hatte ich Hessen mitsamt der letzten Kali-Förderanlagen hinter mir gelassen, tauchte ich ein auf die Trasse der Ulstertalbahn. Die Mündung der Ulster ist ziemlich zugewachsen, ihr Tal dagegen überaus zeigefreudig. Es blühte in blassen Gelbtönen und bot ein ulstimatives Erlebnis.
Zwischenzeitlich vollführt die Grenze eine ganz komische, superenge Schleife auf dem Fluss und dem Radweg. Trotzdem ist sie längst nicht so chaotisch wie die Werragrenze.

Diese Gegend war eine katholische Exklave, ähnlich wie das Eichsfeld. Doch statt brutal blutigen Jesusfiguren haben die Katholiken hier glückliche Grotten aufgestellt, mit blühenden Blumen, bunten Marienstatuen und künstlichen Felsen. Bei aller Kritik an der katholischen Kirche, mit diesen Grotten hat sie einen Volltreffer gelandet und verschönert jedes Dorf.

Zwischendurch musste ich das Ulstertal verlassen und eine Hügelkette hinauf.
Uff, hier geht es ja echt steil hoch, und jetzt wieder runtaah, stopp, anhalten! Mist, wieso müssen meine Bremsen ausgerechnet jetzt ihren Geist aufgeben?
Och, was für eine süße Brücke! Da oben beginnt die Bahntrasse des Kegelspielradwegs. So viele Bahntrassen, wieso kann ich dann nicht auf einer davon fahren, anstatt mich querfeldein die Berge hochzuquälen? Ach ja, richtig, weil da oben eine der allerwichtigsten Stellen des Eisernen Vorhangs liegt.

Dies ist der westlichste Punkt des kompletten Warschauer Pakts. Die Amerikaner haben ihn Point Alpha genannt und folgendes befürchtet: Wenn die Russen angreifen, dann hier. Also errichteten Sie ein großes Lager. Heute dient es als Grenzmuseum - endlich ein Museum, in dem es mal um die westliche Seite geht! Auf dem Gelände stehen Zelte, blaue Blechbaracken, hohe Nadelbäume sowie eine noch höhere US-Flagge, vor der die Soldaten jeden Morgen salutieren mussten. Für ein Militärlager eigentlich ganz nett. Wenn all die Panzer nicht wären, hätte es fast was von einem Pfadfinderlager.

Anfangs waren hier normale Soldaten stationiert, die in der Besatzungszone auch Aufgaben der Polizei übernahmen. Später wurden sie durch eine kleine Elitetruppe namens Black Horse abgelöst. Die schwarzen Pferde schliefen in Doppelstockbetten zu zweit im Zimmer und mussten ihren Spind nach genauen Vorschriften einräumen. (Das Bild der nackten Frau war vermutlich auch vorgeschrieben.)
Ihre Aufgaben waren: 1. Beobachten und 2. Militärmanöver üben für den Ernstfall. Der nie eintrat. Deswegen hatten sie jede Menge Zeit, um in der Gegend Freibäder zu bauen, betrunken Schaufenster einzuschlagen, in diskrimibierender Weise keine Getränke in lokalen Kneipen zu bekommen, per Präzisionsflug ein restauriertes Kreuz auf einem Kirchendach zu montieren und zu vergewaltigen. All das ist im Laufe der Jahrzehnte vorgekommen. Nicht alle Straftaten durch die Soldaten konnten aufgeklärt werden.

Dass dieses Lager zum Westen gehört, ist schon an der Begrenzung zu erkennen - ein ganz normaler Maschendrahtzaun. Nur die Eingangstür besteht aus dem Streckmetallzaun der DDR. Das liegt daran, dass sie eingebaut wurde, als der DDR-Zaun nicht mehr gebraucht wurde. Der ursprüngliche Eingang befand sich am anderen Ende, möglichst weit weg von der Grenze.
Zum US-Camp gehört natürlich auch ein Beobachtungsturm. Und was für einer!

Dieser Turm hat eine richtige Treppe, großzügige Räume und ein total breite Plattform - kein Vergleich zu den DDR-Klötzen oder dem amerikanischen Hochsitz bei Bad Sooden-Allendorf.
Grüne Säulen (z.B. rechts im Bild) erzählen die Erinnerungen der stationierten Soldaten.
Nur 200 Meter entfernt überragt ein DDR-Grenzturm den amerikanischen Luxusturm. So konnten sich die Machtblöcke aus nächster Nähe klassenfeindselig anstarren.
Falls der Warschauer Pakt hier wirklich angreifen sollte, hatte die NATO folgende Strategien:
  • Bis ca. 1965: Sofort Atomwaffen! Egal, ob die anderen welche einsetzen!
  • Ab ca. 1965: Okay, vielleicht doch nicht sofort Atomwaffen, das kommt auf den Angriff an.
  • Ab 1980: Aus der Luft von hinten den russischen Nachschub bombardieren, damit keine mehr nachströmen.

Wie immer gehört ein kostenloser Kolonnenweg mit originalen Grenzanlagen zum Museum. Im Preis inkludiert ist auch das Haus auf der Grenze, ein relativ normales Grenzmuseum über die Ostseite, in dem ich nichts Neues mehr gelernt habe. Von außen ist es mit Zitaten der DDR-Führung beschrieben. Der Kolonnenweg geht im Gebäude weiter.

Hätte ich diesen Ort vor einem Jahr besucht, wäre das für mich einfach ein spannendes Stück Vergangenheit. Nun sieht das ganz anders aus. Die Vergangenheit ist nie vergangen, sondern nach Osten gerückt. Ich lebe in einer Zeit an einem Ort, in dem Probleme längst erkannt, von Gedenkstätten als vergangene Fehler angemahnt und gleichzeitig weiter aktiv begangen werden, in einer seltsamen Phase zwischen Vergangenheit und Zukunft, die sich Gegenwart nennt.

Zum Frieden mahnen ein runder Tisch und ein riesiges Windspiel. Von allen Mahnmälern hat mich das Windspiel am meisten beeindruckt. Wahnsinn, wie schafft es der Wind nur, die ganze Zeit diese dicken Metallplatten zu drehen? Hm, es ist sicherlich hilfreich, dass es so hoch oben steht, direkt vor dem Panorama der Rhönvulkane, die im Gegensatz zum Kalten Krieg wirklich längst erkaltet sind.
Hoffentlich symbolisiert die Anlage nicht, dass sich die Suche nach Frieden immer nur im Kreis dreht.

Auf der anderen Straßenseite wird der Kolonnenweg zum Pfad der Hoffnung, an dem sich die katholische und kommunistische Vergangenheit der Region künstlerisch überschneiden. Da stehen Skulpturen aus rostigem Edelstahl, welche die Kreuzigung Jesu darstellen, nur dass es eigentlich gar nicht Jesus sein soll, sondern die Widerstandskämpfer der DDR. Was ich aber nur von den Schildern weiß, die Figuren selbst geben keinen Hinweis darauf. Eindeutiger wäre es, wenn Jesus statt Kreuz Hammer und Sichel tragen müsste.

Irgendwann verlassen die Radler den Kolonnenweg wieder - nur wann?
Wer der Karte folgt, nimmt den Waldweg gleich vorne am US-Camp, ohne richtig entlang der Grenze zu fahren. Das ist schade, schließlich ist das die einzige Gelegenheit auf dieser Tagesetappe.
Wer wie ich der Hauptstraße runter nach Geisa folgt, ist ein Trottel und hat sich die nervigste Route ausgesucht.
Und wer den Schildern folgt... nanu, noch weiter auf dem Kolonnenweg? Erst als die Betonplatten völlig unzumutbar zugewuchert sind, knickt der Radweg ab ins Tal. Diese Route hat den Nachteil, dass man nicht direkt durch Geisa kommt.

Und erst ganz, ganz hinten folgt dann der Grenzturm Wiesenfeld. Im Flyer des Point-Alpha-Museums ist er so eingezeichnet, als käme er gleich hinter dem Pfad der Hoffnung. Von wegen, das ist ne Halbtageswanderung zum Turm! Naja, aus der Ferne angucken reicht auch.

Ein Stück darunter, aber immer noch recht weit oben, wartet Geisa, die westlichste Stadt des Warschauer Pakts. Die Amerikaner konnten sie vom Beobachtungsturm aus sehen und erzählten an den Audiosäulen, wie deprimierend das da drüben doch alles ausgehen habe und wie schlimm sie sich das Leben in der Stadt vorstellten.
Seither muss Geisa einmal komplett abgerissen und neu aufgebaut worden sein. Mindestens. Auf mich sah Geisa wirklich alles andere als deprimierend aus. Die Stadt erstrahlt frisch in verschiedenen Orangetönen, ein Brunnen sprudelt, und vom Glasbalkon lässt sich ein grasgrünes Tal mit einer erlesenen Auswahl an friedlichen Vulkanen bestaunen. Es war recht ruhig, aber nicht ausgestorben, rund um die Innenstadt flanierten viele Spaziergänger.

Na gut, ich checke es nochmal aus der anderen Blickrichtung, unten im Tal: Die Ulster plätschert, Kinder spielen zwischen den Teichen im Park und hinter ihnen ragt eine Stadtmauer mitsamt Schloss in den Himmel. Deprimierend? Nope.

Einige Kilometer darauf wechselt das komplette Ulstertal rüber nach Hessen, und da bleibt es dann auch. Ich bin wieder auf der Trasse der Ulstertalbahn gefahren. Glaube ich jedenfalls. Diese Bahntrasse ist so flach, dass sie mich manchmal irritiert hat. Bin ich jetzt auf dem Bahndamm oder daneben? Führte die Bahn wirklich so lange neben der Straße entlang? Wozu diese großen Steine, war das eine historische Version einer Schallschutzwand?

War das mal ein Bahnhof? Wenn ja, hat er seine besten Zeiten hinter sich.

"Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden Eiserner Vorhang und Todesstreifen bundesweit zur Privatsache", schrieb bereits der Betreiber der Instagramseite Gärten des Grauens. Traurigerweise war das nicht auf diesen Garten hier bezogen, woraus folgt, dass es mindestens zwei Gärten geben muss, zu denen diese Beschreibung passt.

Aber es wurde noch verstörender. Der nächste Garten wird durch kunterbunte Metallplatten begrenzt. Komische Farbgebung für ein Mahnmal, dachte ich. Dann begriff ich, dass es keins war, sondern Werbung für irgendein Unternehmen, das Metall verarbeitet und Gärten mit Blickschutz ausstattet. Und ausgerechnet am Iron Curtain Trail werben die mit einem Metallzaun und einer Zielscheibe. Wow, da bin ja sogar ich taktvoller.

1 Stunden nach der Reichsgrenze behauptet diese alte Grenzsäule. Die Reichsgrenze der beiden deutschen Reiche BRD und DDR verlief auf den Hügeln rechts im Bild.

Ab jetzt fahre ich auf einer Rhönstraße, die sich wie betrunken hin- und herschlängelt und damit für Nüchterne nur bedingt geeignet ist. Der Bahndamm der Ulstertalbahn verflüchtigt sich zwischen einer Tankstelle und einem Mini-Burgtor. 

Das Original-Tor steht auf dem Marktplatz von Tann. Ein Stadtführer erklärte den Gästen gerade den Brunnen, aber ich stand zu weit weg, um etwas zu verstehen. Mann, ist das schön in Tann in der Rhön. Zugegen, ich war nicht ganz so begeisat wie in Geisa, aber hübsch ist es immer noch.

In diesem Schloss lebte Eberhard von der Tann, der als Theologiestudent in Wittenberg Unterricht von Martin Luther höchstpersönlich erhielt. Später setzte er die Reformation durch, sowohl in Tann als auch anderswo in Thüringen, denn er wurde Amtmann der Wartburg.
Das alles verrät die kleine Sandsteinsäule vor dem Schloss, also quasi. Das Symbol ist eine Kombination aus Eberhards Wappen und der Lutherrose, und den Rest kann man sich dann ja denken, oder? Nicht? Na gut, dann stellen wir eben eine Infotafel daneben.

Die Ulster erzeugt ein wenig Strom. Ein Banner verlangt, dass sie das auch in Zukunft tut. Das Wasserkraftwerk soll anscheinend geschlossen werden.

Der alte Grenzzaun dient nun als Komposthaufen, oder er schützt junge Bäume vor rollendem Geröll. Damit tut er im Grunde genommen dasselbe, was er schon immer getan hat. Denn das einzig Sinnvolle, was der antifaschistische Schutzwall je geschützt hat, war die Natur.
 

Die dritte Stadt im Ulstertal heißt Hilders und sieht nicht allzu interessant aus - die Pracht der Ulsterstädte nimmt offenbar in Richtung Süden ab. Zu den schöneren Gebäuden zählt der ehemalige Bahnhof, der nun mitsamt Spielplatz und altem Bahnwagen auf einem Privatgrundstück steht.

Echte Züge sind hier Mangelware, der nächste Bahnhof liegt in Gersfeld an der Rhön. Da kann man ebensogut direkt nach Fulda fahren, denn die Strecke dorthin ist ein Traum: Am Bahnhof Hilders endet ein anderer Bahnradweg. Während die Ulstertalbahn die Region allgemein wirtschaftlich erschließen sollte, war die Milseburgbahn vor allem als Anbindung für ein Braunkohlebergwerk gedacht. Der Milseburgradweg auf seiner Trasse ist nicht nur schöner und besser ausgebaut, sondern führt auch noch mitten durch einen der Rhönvulkane durch.

Der Ulstertal-Radweg geht aber noch ein kleines Stückchen weiter. Nicht auf der Bahntrasse, sondern ein paar Meter daneben. Und zugleich ein paar Meter höher. Liegen da noch Gleise? Schwer zu erkennen durch das graue Gestrüpp. Das ist das letzte entspannte Stück auf dem Iron Curtain Trail für die nächste Zeit.


Lange dauert es nicht. In Batten fuhr ich quer durch den Bahndamm - zum Glück hat er an der Stelle eine Lücke. Der Iron Curtain Trail verlässt hier das Ulstertal und steuert steil auf die Berge am Rand des Tals zu, wo immer noch die Grenze verläuft.

Aber als ich in einer Karte zum Rhönradweg blätterte, entdeckte ich, dass der Ulstertalradweg immer noch weitergeht - und der bleibt entspannt, und auch noch in richtig gutem Zustand! Hoch an der Talseite führt er in sanften Wellen auf und ab, dem Ende des Tals entgegen. Die letzte Ansiedlung heißt Wüstensachsen. Das klingt so ungefähr nach dem letzten Ort, den man besuchen möchte. Aber auch wenn es in Wüstensachsen eher ruhig zuging - niemand sprach sächsisch, und der Ort sah ein bisschen besser aus als Hilders (vor allem die Kirche). Zu den Attraktionen zählen das Sternenkino (eine drehbare Bank zum Sternegucken) und ein Eis-Automat, in dem jede Sorte außer Lakritz ausverkauft war.
Vorsicht: Die Busse hier haben die bösartige Angewohnheit, manchmal ein paar Minuten zu früh abzufahren.

Nun neigen sich die Wiesen des Ulstertals allmählich steiler nach oben. Die Ulster trifft auf ein erstes Nadelöhr im Wald - und legt erst richtig los. Was bislang wie ein energischer, aber normaler Fluss aussah, wird im Oberlauf zum wahrscheinlich schönsten und kräftigsten Bach der Rhön! Diese moosbedeckten Steine sind perfekt abgerundet und sehen aus wie auf einem Gemälde. Die Ulster gerät kräftig ins Rauschen, und an einer Stelle stürzt sie tatsächlich einen kleinen Wasserfall runter. Okay, Harz- und Alpenbewohner mögen über diesen Fall vielleicht schmunzeln, aber nachdem ich mir die Ödnis des Nüst- und Suhltal-Radwegs gegeben habe, weiß ich auch solche kleinen Highlights zu schätzen.

Noch ein paar steilere Felder, dann verschwindet das Bächlein endgültig im Wald. Inzwischen ist es zwar deutlich schmaler, zieht sich aber durch richtig schmale Waldschluchten. Das sieht man freilich nur, wenn man ein Stück auf dem Trampelpfad nebenher wandert.
Der Radweg dagegen macht einen Bogen und kommt pünktlich zur Quelle wieder dazu. Neben einem Wanderrastplatz sammeln sich die Rinnsale und feuchten Wiesen, verschwinden in einem Steinhaufen - und schießen auf der anderen Seite volle Kanne aus einem Holzrohr heraus. Wow, hier kommt fast so viel raus wie aus der (hässlicheren) Feldaquelle. Das erklärt dann wohl die Power vorhin am Wasserfall!