Posts mit dem Label Viadukt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Viadukt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

08 April 2026

Flöha: Von Hetzdorf nach Flöha

 Flöha-Tag 2: Ach, diese Brücke, diese ergötzliche Brücke
 
gefahren im: Mai 2026
Start: Hetzdorfer Viadukt, Rastplatz
Ziel: Flöha, Struthweg, Hochwasserschutzdeich am Flöha-Zschopau-Zusammenfluss
Länge: 7,4 km
Flöhaquerungen: 1 (+1 für die Weiterfahrt an der Zschopau)
Ufer: links
Bundesländer: Sachsen
Landschaft: unauffälliges, nicht zu breites Gleistal, Stadtrandpark(plätze)
Wegbeschaffenheit: schöner kurzer Bahnradweg, Erdradweg am Gleis, Stadtra(n)dweg
Steigungen: jup
Wetter: ruhig & grau
Wind: nicht wirklich
Highlight: Hetzdorfer Viadukt
Größte Hürde: die richtigen Abbiegungen in Falkenau finden
Zitat des Tages: "Was wollen wir? Das der "Hetzdorfer Viadukt" weiterhin ein gepflegter Anlaufpunkt der Wanderer und Erholungssuchenden bleibt."
- Interessenverein Hetzdorfer Viadukt e.V., Aushang zur Nachwuchssuche-
 
In der Dämmerung schälte sich ein Umriss hinter den Bäumen hervor, und trotz des schwindenden Lichts scheiterten die 42 Meter hohen Bögen komplett daran, sich zu verstecken. Das hier ist die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands mit einer Etage, das Hetzdorfer Viadukt. Und da wollte ich hoch.

Gar nicht so einfach, denn der direkte Wanderweg nach oben sieht wirklich alles andere als fahrradtauglich aus, und ich hatte heute schon genug Experimente auf Wanderwegen. Ich folgte also dem hölzernen Wegweiser Hetzdorfer Viadukt - bequemer Weg, bog erst einmal in ein Nachbartal auf irgendwelche Dorfstraßen ab und schließlich hintenrum auf einen nicht ganz so steilen Waldweg, der irgendwann auf eine Bahnstrecke trifft. Von der zweigt sang- und klanglos ein unscheinbarer Bahnradweg ab, und der endet nach kurzer Zeit hier, an einem großen Haufen Rasthütten und einem hölzernen Imbisshäuschen. Hier gibt es nur selten etwas zu kaufen. Der Interessenverein Hetzdorfer Viadukt kümmert sich an das Bauwerk: Wenn schon keine Züge mehr fahren, soll es zumindest bei Wanderern und Touristen beliebt sein. Dazu organisieren sie an manchmal eine Bewirtung, also sprich, sie machen den Imbiss auf - aber eben nur an bestimmten Feiertagen wie Himmelfahrt und Pfingsten. Aber selbst dafür wird es schwierig, Leute aufzutreiben, und so wirbt ein Plakat für die Mitgliedschaft im Verein: Nachwuchs ist bei uns jeder, der unter 50 Jahre alt ist.
Ein schöner Übernachtungsplatz, dachte ich, und vollkommen menschenleer. Als nach Stunden noch immer niemand aufgetaucht war, war ich sicher, dass hier heute keiner mehr vorbeikommen würde. Dann vielen mir die vielen Male ein, wo sich dieser Gedanke als Trugschluss erwiesen hatte, und mit einem Mal war ich mir sicher, dass gleich eine große Gruppe für eine nächtliche Viadukt-Party auftauchen würde. Aber nein, diesmal stimmte es, es erschien niemand.

Das Viadukt stammt aus den 1860ern. Damals war die Bahnstrecke Breslau-München fast fertig, bis auf eine 27 Kilometer lange Lücke. Durch den Lückenschluss wurden auch endlich die beiden getrennten Streckennetze der sächsischen Staatsbahnen verbunden (denn die Strecke Leipzig-Dresden war damals eine Privatbahn). Also eine wichtige Verbindung, sogar der siebenwöchige Krieg zwischen Preußen und Österreich konnte den Bau nicht lange ausbremsen.
Ich fuhr auf die monumentalen Bögen voller Greis, Granit und Pirnaer Sandstein drauf, geschützt von einem doppelten Geländer. Ein paar mal ist das neue Stahlgeländer so gnädig und macht einen Bogen, damit die Besucher auf einen der steinernen Balkons heraustreten und den Blick über das weite Tal noch besser genießen können. Das Ding ist richtig breit, hier lagen eindeutig zwei Gleise drauf. Als ich abends ankam, konnte ich sogar erkennen, dass ein Auto drüberfuhr - kein Wunder, dass es hier durchpasst, aber wie zur Hölle ist das hier überhaupt hochgekommen?

Warum also wurde so eine wichtige Bahnstrecke überhaupt stillgelegt? Die Antwort hierauf ist in der Ferne zu erkennen, und sie lautet: Wurde sie nicht. Also nicht richtig. 1992 war das Viadukt schon sehr marode, und so wurde die Strecke komplett neu geplant. Aus einer alten Brücke wurden zwei neue aus Stahlbeton, die über das Nebental und das Flöhatal führen und die Strecke so um einen Kilometer verkürzen.


Die alten Mauern haben Zinnen wie eine Burg. Durch eine davon ist zu erkennen, dass sich direkt neben dem Viadukt eine letzte graue Felswand erhebt.

Auf die sogenannte Hetzdorfer Bastei führen auch mehrere Wanderwege drauf, vom Viadukt aus war es nur ein kurzer Spaziergang nach oben. Die Aussichtsplattform zeigt das Bauwerk noch mal aus einem ganz andere Brückwinkel. Die chaotischen grauen Scharten des Felsens gucken aus dem Boden und versuchen halbherzig, den geneigten Wanderer ins Stolpern zu bringen. Optisch erinnert mich dieser Fels weniger an die Bastei an der Elbe, eher an die Loreley.


Der dazugehörige Bahnradweg ist nicht asphaltiert und eigentlich auch eher als Wanderweg gedacht, aber online als Radweg verzeichnet, denn der Platz auf dem breiten Weg reicht locker für sie. Blumentöpfe markieren die Eingänge, dazu ein Insektenhotel in Phallusform. 

Dahinter verbergen sich schöne kleine Hohlwege mit zugewachsenen Steinwänden und einem weiteren kleinen Viadukt obendrüber. Die Strecke ist offiziell zwar nicht Teil des Flöha-Radwegs, aber definitiv zu empfehlen. Sie ist aber nicht besonders lang, denn irgendwann vereint sich die alte Bahntrasse wieder mit der neuen, die von den Betonbrücken kommt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Trasse und Viadukt noch immer relativ unbekannt sind.

Nach diesem kleinen Bahnbogen war ich auch schon wieder am Ufer der Flöha. Dort erklärt Falkenau den Radlern dann noch, was es außer Brückenbauen noch alles kann, und zwar anhand eines Bergbau-Memorys.

Danach konnte ich den stillen Fluss noch besser erkennen, obwohl ich über die Gleise hinwegsehen musste. Und gelegentlich über die Köpfe und Leinen von Hunden, die zu frühen Spaziergängern gehörten. Irgendwo an der Bahnlinie stand ein windschiefes, vergessenes Dixiklo, das prinzipiell noch durchaus benutzbar war, sofern man die Angst ablegt, in dem Teil auf die Gleise zu kippen.

Der Asphalt kehrte erst zurück, als ich die Wohnblocks, Parks und Parkplätze von Flöha umrundet habe.

Das ging sehr schnell, und so stand ich kurz darauf vor der Mündung und... durfte nicht weiter. Die komplette Hochwasserschutzanlage ist verboten. Und ich hielt mich sogar dran, weil ich ja auch von hier aus erkennen konnte, wie sich Flöha und Zschopau hinter einer grünen Grasspitze mit vier Bäumen ganz ohne großes Drama vermischen.
Für Geographen ist die Flöha nur ein Nebenfluss eines Nebenflusses eines Quellflusses eines Nebenflusses. Dabei ist sie ein bisschen größer als die Zschopau, und damit hydrologisch eigentlich der Hauptfluss - nicht nur der Zschopau, sondern von der kompletten Mulde. Und so ergibt auch das Wappen von Flöha viel mehr Sinn. Das zeigt nämlich die beiden Flüsse der Stadt, also quasi: Zwei Frauen mit silbernen Klamotten und goldenen Haaren, die gleich groß und Hand in Hand überquellende Wassereimer tragen.


01 Juni 2020

Eder: Von Frankenberg nach Herzhausen

Ereignisse einer Eder-Expedition
2. Tag: Das Edertal

Am Bahnhof Frankenberg stoße ich auf ein einsames Eisenbahngleis, auf welchem gelegentlich sogar ein Zug fährt. Ich folge ihm über eine schmale Brücke...


...und einen mittelgut gesicherten Bahnübergang. Eine Messung an einem vorbeifahrenden Zug ergibt, dass keine Unfallgefahr besteht, da die Geschwindigkeit der Bahnen kaum die einer Hainschnirkelschnecke übertrifft.


Auf einmal sacke ich zwei Zentimeter nach unten. Der Reifen meines Fahrzeugs ist geplatzt. Auf einer Wiese in Sichtweite der Stadt richte ich meine provisorische Werkstatt ein. Zwar habe ich inzwischen einige Erfahrung in der Reparatur, dennoch wird diese zur besonderen Herausforderung: Auf einmal läuft ein braunes Ungeheuer schnüffelnd auf mich zu, in seinen gierigen Augen glüht der Hunger. Und es ist offensichtlich, wen es als Mahlzeit ausersehen hat: Mein belegtes Brötchen. Verzweifelt verteidige ich alles, was ich an Nahrung bei mir führe. Endlich gelingt es dem Herrn des Monsterhundes, ihn unter Kontrolle zu bringen. Er weist mir den Weg zu einer nahen kostenlosen Reparaturstation mit Werkzeug.


Als nächstes folge ich der Straße vorbei an einer Maschinerie, in der die Abwässer Frankenbergs gereinigt werden. Das funktioniert so gut, dass nicht etwa Gestank, sondern ein Geruch von frischem Seewasser mit einer Prise Pflanzen in meine Nase steigt. Irgendetwas scheinen die Frankenberger bei der Reinigung richtig zu machen.

Nun passiert die Eder ein 20 Kilometer langes Tal mit der einen oder anderen Steigung.

Die Eingeborenen von Viermünden haben das Wasser der Eder durch einen Kanal abgeleitet und mit Netzen Abschnitte abgetrennt. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt auf diese Weise mit der Fischzucht.

Der größte Teil des Edertals ist jedoch unbesiedelt. Wälder erstrecken sich an beiden Ufern, doch auf der rechten Seite erscheinen sie noch dunkler und dichter. Dieser Schein trügt nicht: Dort beginnt der Kellerwald, ein Gebirge, welches deutlich mehr Wald als Keller enthält.
Durch das Frühlingswasser ist die Eder angeschwollen, schätzungsweise mindestens auf das Doppelte ihrer durchschnittlichen Breite. Dadurch verwandelt sie einige Baumgruppen in Inseln.
In diesem Tal scheint alles, die Wege, die Gleise und der Fluss, einem fernen Ziel entgegenzustreben. Braune Wegweiser weisen darauf hin, auch wenn es noch ein gutes Stück bis zum berühmtesten Bauwerk an der Eder ist: einer Mauer.

Auf der Durchreise eilen viele in Richtung des sagenhaften Bauwerks, ohne die Schönheit des Tals um sie herum wahrzunehmen. Zwei Tierarten entdecke ich entlang des Weges: Drei Sumpfkühe drängen sich im schlammigen Schatten eines Baums und trinken von der Eder. Und dort, über den Wiesen schweben die drei Rotmilane von gestern. Heute scheint die Sonne, sie fühlen sich in der Luft offensichtlich wohler und so kann ich sie auch im Flug beobachten. Das wunderschöne Muster ihrer Flügel leuchtet in der Sonne. Sie kreisen in ziellosen Runden über die Weiden und halten Ausschau nach kleinen Nagetieren oder Aas. Das ist beruhigend: Sollte ich während meiner Expedition umkommen, ist für meine Bestattung bereits gesorgt.

Auch entdecke ich faszinierende Bauwerke aus grauem Naturstein. Die vielen Brückenbögen schienen mir fast zu pompös für solch kleine Dörfer, hier herrschte offenbar zum Zeitpunkt der Erbauung kein Geldmangel. Das kleine Türmchen am Flussufer gibt mir Rätsel auf. Es scheint noch benutzt zu werden, doch zu welchem Zweck? Ein wenig ähnelt es der Wohnstatt eines unbedeutenden Hexenmeisters. Daher wage ich es nicht, anzuklopfen.

Ich suche mir einen Weg durch den hellen Wald am linken Ufer, um mehr von der Landschaft zu sehen. Dazu muss ich durch einige Furten furten. Trotz der angeschwollenen Bäche im Frühling ist die Strömung recht harmlos.

Als ich die Fließgeschwindigkeit der Eder messe, stelle ich fest, dass sie seit Frankenberg rapide abgenommen hat. Merkwürdig. Natürlich nimmt die Fließgeschwindigkeit von Flüssen stromabwärts immer ab, aber nicht derart schnell und so hoch oben in den Bergen. Hinzu kommt, dass die Eder immer breiter wird, als würde sie irgendetwas aufhalten. Ein Erdrutsch möglicherweise, der das Tal blockiert.

Doch des Rätsels Lösung muss warten, denn zunächst wartet ein anderes Rätsel auf mich.
An einem See entdecke ich einen verlassenen Eisenbahnwagen. Offenbar fuhren hier einstmals deutlich längere Züge als heute, und diese sahen ganz anders aus.

Schon gestern habe ich mich gefragt: Wie kann es sein, dass es hier einst so viel mehr Züge gab?
Um diesem Zeitalter der Züge näher auf den Grund zu gehen, verlasse ich die Eder und fahre mit der Eisenbahn in die Stadt Korbach, wo ich mir weitere Hinweise erhoffe. (Dass dort auch die Twiste entspricht, sollte ich erst Jahre später erfahren.) Dort folge ich dem Bahngleis aus der Stadt heraus und entdecke einen zugewachsenen Bahndamm, auf dem offensichtlich ein abzweigendes Gleis verlief. Nach kurzer Strecke auf dem alten Damm stelle ich fest: Mein Instinkt lag goldrichtig!
Ich stoße auf eine vergessene, vollständig erhaltene Bahnstrecke von Korbach nach Affoldern an der Eder: Die Ederseebahn. Die Höhenunterschiede werden mit prächtigen Bauwerken überbrückt. Brücken, Viadukte, Unterführungen und zwei kurze Tunnel, allesamt so massiv und doch seltsam filigran. Dies müssen Zeugnisse einer uralten Hochkultur sein, in der die Eisenbahn einen ganz anderen Stellenwert hatte. Eine Sensation! Es liegen fast nur winzige Dörfer an der Strecke, doch jedes hatte einen großen Bahnhof mit Rundbögen im klassizistischen Stil.

Vor lauter Begeisterung vergesse ich meine Eder-Expedition und verbringe einige Wochen damit, diese Bauwerke zu untersuchen. Irgendwann will ich zur Eder zurückkehren, doch wann immer ich mich zum Bahnhof begebe, fallen die Eisenbahnen aus. Dies zeigt den Stellenwert, den Eisenbahnen heute in diesen Landen haben. Erst nach Monaten gelingt es mir, zur Eder zurückzukehren.
Dort herrscht inzwischen eine andere Jahreszeit.
Aber das passt mir sehr gut.