02 Juni 2024

Saale: Von Saaldorf nach Rudolstadt

Saalegeprahle II: Die Stausaale

An der Saale stillem Strande
liegen Stauseen groß und voll.
Ganze Dörfer sind verfallen
und geflutet ihre Hallen.
Trotzdem sind die Seen toll.
 

Stauseen... viele Flüsse haben einen, aber die Saale hat komplett übertrieben.
Stauseen... woanders sind sie ein Anlass für entspannte Radwege am Ufer. Aber an der sogenannten Saalekaskade sind sie ein Anlass für einen echt harten Tag. Die Route windet sich mit viel und wenig Abstand um die Seen und nimmt dabei so gut wie jede denkbare Form an.

Am Bleiloch-Stausee erstmal als Kiesweg in einem bergigen Auf-und-ab-Wald. Alles ist total zugewachsen und wild, obwohl kein Schild und nichts auf ein Naturschutzgebiet hinweist. Wer hätte gedacht, dass es das in Deutschland noch gibt - eine Wildnis, die nicht wegen irgendwelcher Schutzgesetze wild ist, sondern einfach deshalb, weil sich niemand für sie interessiert? Sehr schön eigentlich, auch wenn es wirklich schwierig ist, in dem dichten Gestrüpp von Brennnesseln überhaupt eine Stelle zum Übernachten zu finden.
Vom Stausee war erstmal nichts zu sehen. Nur die Musik von einem Partyboot (zumindest vermute ich das, denn sie bewegte sich) wummerte herauf.


Erst an der Spitze eines Stausee-Ausläufers traf ich wieder auf das Wasser. Ich fuhr über einen Damm, der die Spitze des Ausläufers abschneidet und zu einem trüben Teich macht. Da ist der richtige See schon der schönere Anblick, kein Wunder, dass ihm alle Bänke zugewandt sind. Ein schöner Platz für ein Frühstück, wenn die Bänke nur nicht so nass wären.

Nach einem katastrophalen Hochwasser 1890 hatte zum ersten Mal jemand die Idee: Hey, was, wenn wir ab jetzt selber kontrollieren, wie viel durch die Saale fließt? Aber erst 1932 war der größte Stausee Deutschlands dann fertig. Inzwischen war Hochwasserschutz gar nicht mehr so wichtig, es ging vor allem um den Strom, den man damit erzeugen kann. Und das kleine Saalburg, das man bisher nur für seinen Marmor kannte (der immerhin im Berliner Dom und in St. Petersburg verbaut wurde), lag auf einmal am Ufer von etwas, dass aussieht wie ein skandinavischer Fjord. Da passt es irgendwie, dass Vattenfall die dazugehörigen Wasserkraftwerke betreibt.
Bleiloch-Talsperre klingt nach einer ganz typischen Staumauer, einem richtig unansehnlichen Betonmonster. Dabei ist der Name viel älter als die Mauer: Das Große und Kleine Bleiloch waren zwei fiese Strudellöcher in der früheren Saale, die immer mal wieder Schiffe ins Verderben rissen. Trotzdem waren die Saalburger ihnen gegenüber wohl irgendwie nostalgisch, wenn sie die Talsperre nach ihnen benannt haben.

Boah! 215 Millionen Kubikmeter Wasser muss ich ansammeln, damit ich über die Mauer frei nach unten fließen darf. Habt ihr eine Ahnung, wie selten so viel zusammenkommt?

Hinter der Halbinsel, auf der sich die schicken Fachwerkhäuschen Saalburgs der Brücke entgegenstrecken, beginnt dann das letzte, was ich auf diesem Abschnitt erwartet hätte - ein Bahnradweg. Eine Weile läuft der sogenannte Oberland-Radweg über den Campingplätzen am Ufer entlang.

Dann überquert er einen Stausee-Ausläufer und verschwindet in den Bergen. Die erste Staumauer bekam ich darum nicht zu Gesicht, aber das machte mir herzlich wenig aus.
Die Schleizer Kleinbahn wurde zuerst für den Bau der Talsperre gebaut, aber die Schleizer wollten dann gleich Schienen mit Köpfen machen und ihr normales Bahnnetz erweitern.

Endlich mal ein Anstieg, den ich auf angenehme Weise überbrücken kann! Entspannt radelte ich am alten Bahnhof von Gräfenwarth vorbei.

Wow, nicht nur angenehm, sondern auch noch spektakulär!

Erst ganz oben an einem komplett zugewachsenen Tagebau musste ich die Bahntrasse, die nach Schleiz weiterführt, verlassen und die Straße bergab nehmen. (Lieber so als umgekehrt!)

Von oben stieß ich auf den Ort Burgk. (Der Name sieht aus wie ein Erstklässler, der nicht sicher ist, wie man Burg schreibt.) Am Ortseingang steht der Saaleturm: Eine 43 Meter hohe Spirale aus Stahl und Holz. Auf den einzelnen Stockwerken kann man etwas über die Burgken und die Saale lernen, ehe man ganz oben die Bögen des Flusses bewundert. Kostet das was? Da hatte ich mich bisher gar nicht so genau informiert.

Okay, die erste Etage erreichte ich schon mal gratis. Aber dann: 2 Euro ins Drehkreuz bitte, aber erst ab acht Uhr, genau wie beim Bayernturm von Zimmerau. Die halbe Stunde hätte ich ja gewartet, aber der Automat wechselt kein Geld, und auch nirgendwo sonst kann man um die Zeit passende Münzen eintauschen. Also musste ich es wohl oder übel bei der ersten Etage belassen.
Die Aussicht war unterwältigend.

Die Saaleschleifen bewunderte ich stattdessen durch die Bäume. Inzwischen hatte sich das Wasser schon zusammengedrängt zum

Stausee Nr. 2: Talsperre Burgkhammer

Er sah ungefähr so breit aus wie der Bleiloch-Stausee gegen Anfang, dabei ist er schon fast zu Ende.
Und ich bin noch so hoch über ihm, dabei bin ich doch schon die ganze Zeit bergab gefahren!

Aber Burgk ist ein sehr horizontales Örtchen. Eine Schussfahrt tiefer liegen nicht nur die meisten Häuser, sondern auch das namensgebende Schloss Burgk (ich habe mir diesen Namen nicht ausgedacht, sorry). Wie der Rest von Burgk schlief es noch, aber in den äußeren Ring konnte ich trotzdem reinfahren. Wirklich eine schicke Burg, und auch noch direkt am Wegesrand! Es hat eben auch Vorteile, wenn die Strecke dermaßen auf und ab geht.

Im Mittelalter war das noch eine ganz klassische gotische Burg zur Verteidigung. Fürst Reuß wohnte nicht nur auf dem Berg, sondern auch noch so in der Spitze der Flussschleife, sodass man wirklich nur auf einem schmalen Grat von Norden reinkonnte. Sag mir, dass du keinen Besuch willst, ohne zu sagen, dass du keinen Besuch willst!
Jahrhunderte später wollten die adligen Bewohner auf einmal doch Besuch - preußische Grafen machten daraus ein Rokokko-Schlösschen zum Jagen, Angeben und Pläneschmieden. In der Zeit dazwischen haben sich alle möglichen Baustile angesammelt. Der widersprüchliche Name Schloss Burgk passt also schon irgendwie.

Noch eine Schussfahrt tiefer ist dann endlich das Wasser... also, gleich... nur noch ein bisschen runter. (Irre, wie hoch ich gewesen bin, und wie wenig ich das dank der Bahntrasse gemerkt habe.) Über den Felswänden müsste die Burg sein, aber selbst mit dem Kopf im Nacken war sie kaum zu erkennen.

Vor der Talsperre Burgkhammer stoppt die Saale. Der Regen der letzten Wochen hatte den See gut gefüllt, überlaufen tat jedoch nichts.
Burgkhammer... Die Burgk habe ich gesehen, aber wo ist der Hammer? In der Vergangenheit. Vor der Talsperre musste die Saale Wasserräder mit Hämmern dran (technisch leicht vereinfacht ausgedrückt) für ein Hammerwerk drehen. Damit im Winter nichts zufror, floss das Wasser durch einen extra gebuddelten Tunnel.
Allzu groß ist diese Talsperre nicht, nur eine nüchterne, hellgraue Stufe.

Entsprechend sieht das Tal dahinter kaum anders aus als davor. Kein Wunder, der Fluss verdickt sich ja gleich wieder ein bisschen zum

Stausee Nr. 3: Saalestaustufe a.k.a. Talsperre Walsburg

Und es ist großartig. Diesmal bin ich völlig allein mit dem Stausee - nur ich, die Felswände, der Kiesweg, das Wasser und der Wald. Und ein paar Leitpfosten, die mich davon abhalten sollen, noch sehr viel alleiner im Stausee zu sein.

Nach einer Weile wollte der Stausee sogar ohne mich allein sein, und schickte mich den Berg hoch. Ich sollte die Flussschleife abkürzen, in der die Staumauer liegt. (Sofern man das Wort abkürzen für etwas verwenden kann, das dreimal so lange dauert.) Umpf... diesen Anstieg hatte ich zu spät gesehen, ich musste schieben.

Als ich ans Ufer zurückkehrte, hatte die Saale zur Abwechslung mal eine kurzen Abschnitt ohne Staumauer angetreten. Ohne Staumauer? Nein, ganz ohne geht es natürlich auch nicht. Wie bei den meisten Flüssen rauschen zumindest hier und da ein paar dieser kleinen Staustufen und produzieren die größten Wasserfälle der Saale.

In Zeiten des Trinkwassermangels suchte der Mechaniker Ernst Heinze neue Quellen und fand eine, die zufälligerweise bald darauf seinen Namen tragen sollte.
Trinkwassermangel, ja, das beschreibt meine Situation inzwischen recht gut - ich habe noch immer nichts zum Nachfüllen gefunden. Mal sehen, laut Schild wurde der Heinze-Quelle eine hervorragende Mineralwasserqualität bescheinigt, das Dorf Ziegenrück hat nur nicht genug Geld für regelmäßige chemische Prüfungen, und deshalb ist das Wasser nicht offiziell zertifiziert. Nun, eine Flasche, bis ich zum nächsten Wasserhahn komme, werde ich ja wohl vertragen.
Über der Quelle thront eine richtig große, gute Schutzhütte. Da hätte ich gern drin gepennt!

Ziegenrück war clever und hat sich in diesem unwegsamen Gebirge nicht nur Quellen, sondern auch Einnahmequellen gebaut, nämlich die älteste Wassermühle der oberen Saale und eine Chaussee. So nannte man damals Straßen, die gepflastert, halbwegs befahrbar und deshalb nicht gratis waren. Am Haus des Chausseemeisters hängen noch die Preise (pro halbe Meile) aus. Mal sehen, da steht was von Fuhrwerken, Schweinen, Lämmern, Kälbern (Kinderrabatt: Weniger als fünf Tierbabys kommen gratis rüber)... von Fahrrädern ist nicht die Rede, ich kann ohne Maut weiterfahren.

Kommen Sie getrost herein! Sollen wohl empfangen sein!, spricht die katholische Kapelle am Ausgang von Walsburg. Na gut, das Haus sieht zwar von außen ganz normal aus und nicht nach Kapelle, aber gut...
Eigentlich ist das protestantisches Gebiet, aber in den Wirren von 1946 hat Walsburg 1500 katholische Flüchtlinge aufgenommen und ihnen eine Scheune zur Verfügung gestellt, aus der sie ihr gut getarntes Gotteshaus zusammenzimmerten. (Die evangelische Kirche, eine Privatwohnung und das Schloss waren ja keine Dauerlösung.) Inzwischen hat sich die Scheunenkapelle in ein privates Wohnhaus verwandelt, und der geöffnete Raum sieht aus wie eine gemütliche Mischung aus Kirche und Wohnzimmer.
Nun, der Eigentümer muss sicher keine Angst vor Vandalen haben. Wer immer auf dem Saaleradweg vorbeikommt, ist viel zu erschöpft, um irgendwas zu verwüsten.

Vor allem, wenn er aus der anderen Richtung kommt. Alles bisher war nur zum Warmwerden, ab Walsburg wird es ernst. Den Berg rauf, den Berg runter, zur Mühlenfähre und am anderen Ufer gleich wieder rauf... Ich hatte schon beim Warmwerden große Teile meines Frühstücks verdampft und musste erneut ein- oder zweimal schieben. Es gibt sogar einen extra Shuttlebus, mit dem man die Passage überspringen kann. Wobei ich sagen würde: Wer auf den angewiesen ist, hat sich generell den falschen Radfernweg ausgesucht.
Unvermeidlich dagegen ist die Fähre: Die pendelt mittendrin und doch so abgelegen zwischen den Ufern hin und her. Obwohl es nicht danach aussieht, nimmt das Boot sogar Autos mit (nur keine Wohnmobile). Kein Wunder, die Verbindung ist doch ziemlich essentiell. Stellt man fest, dass das Schiff nicht fährt, muss man alles wieder hochfahren und einen gewaltigen Umweg machen.
Irgendwann muss es hier mal eine Brücke gegeben haben, ihre Überreste ragen aus dem Grün. Böse Zungen in Onlinebewertungen verbreiten die Verschwörungstheorie, die Fähre würde so oft ausfallen, damit Brücken-Lobbyisten mit der daraus resultierenden Unzufriedenheit ihre Agenda (den Bau einer neuen Mühlenbrücke) vorantreiben können. Big Bridge is watching you!

Aber bei mir fuhr sie genau zu den angegebenen Zeiten ab um neun. Der Fährmann plauderte gerade mit einem Kumpel, erklärte sich nach kurzer Wartezeit jedoch bereit, gegen 1,5 Euro die Debatte zu unterbrechen und abzulegen.
Die Saale ist wieder deutlich dicker geworden, wurde auch Zeit! Ich befand mich auf

Stausee Nr. 4: Hohenwartetalsperre


Nun also wieder die nächste Serpentine rauf. Seit meinem neu entdeckten Weg nach Blankenstein gestern hatte ich immer mal wieder die Onlinekarten gecheckt, ob es nicht irgendwo Abkürzungen von all den Bergstraßen gibt, aber bisher lautete die Antwort: Nein, schwer zu glauben, aber es ist wirklich so kaffig hier, dass es nur diesen einen Weg gibt (es sei denn, du willst in die Sackgasse zum Campingplatz).
Doch hier lautete die Antwort auf einmal: Ja, klar. Mitten in der Sepentinenkurve zweigte ein hübscher Waldweg ab, vorbei an der (nicht sonderlich reptiloiden) Drachenschwanzhütte. Es war recht holprig, aber das war mir im Moment ziemlich wurscht. Wieso bitte führt der Saaleradweg nicht hier lang, das ist doch viel schöner? Bin ich etwa der erste, der diese Strecke entdeckt hat?

Die Hohenwartetalsperre ist eine von den großen. Die zweitgrößte Talsperre der Saale und viertgrößte Deutschlands lässt die Flussschleifen dermaßen anschwellen, dass der Wald auf dem Berggrat zu einer schmalen Spitze voller Bäume zusammenschrumpft. Muss bestimmt auch cool sein, da bis ans Ende zu wandern. Moment, steht da jemand, oder ist das nur ein komisch geformter Baum?

Höchst zufrieden mit meiner Abkürzung kam ich in Reitzengeschwenda raus. Dass ich wieder auf der Straße weitermusste, störte mich nicht wirklich. Erstens, weil besagte Straße gleich ordentlich bergab gehen würde. Und zweitens, weil zuerst die Mittagspause anstand!

Wieder einmal war es ein langer, langer Abstieg, bis ich wieder am Wasser ankam. Und selbst dort lag die Straße noch immer eine Etage über dem See. Inzwischen war die Sonne herausgekommen, und die Luft fühlte sich wieder sommerlich an. Na endlich! Ich wollte die Seen eigentlich noch besser kennenlernen, bevor sie zu Ende sind. Die ausgewiesenen Badestellen am Bleilochstausee hatte ich alle verpasst, aber das hier könnte auch gut werden. Vorsichtig kletterte ich das Ufer hinab, die letzte Etage zum See hinunter.
Und fand eine der schönsten Badestellen in Deutschland.

Völlig ungestört konnte ich mich umziehen und ins Wasser springen.
Aaah! Nichts geht über den Kälte-Boost, der nach dem Fahren in der Hitze den ganzen Körper wieder auflädt, als würde ein Eisblitz hindurchfahren. Nichts geht über den Kälte-Boost? Doch, und zwar, wenn dieser Boost in vollkommen klarem Wasser stattfindet, das wie ein skandinavischer Fjord aussieht und das ich mit niemandem teilen muss außer einen einzelnen Segelschiff, das vorbeigleitet! Ich liebe es.

Die Hohenwarte-Talsperre ist etwas jünger, von 1942, und kümmert sich vor allem darum, dass unten auf der Saale und Elbe immer genug Wasser für die Schiffe ist (quasi das Gleiche wie die Edertalsperre für die Weser). Es fahren auch Schiffe auf dem Stausee selbst, aber bloß Touristenausflüge.

Die Straße folgt dem See, bis ihm einige Tonnen großer, ernster Beton ein Ende setzen.
Hinter jedem Riesenstausee muss immer noch ein kleiner als Ausgleichsbecken kommen. Bisher war das kein Ding, die Seen der Saalekaskade haben diese Aufgabe füreinander übernommen. Aber nun, wo die Berge bald vorbei sind, heißt es aufpassen, dass das Ganze auch ordnungsgemäß mit einem kleineren See endet, nämlich...

Stausee Nr. 5: Talsperre Eichicht

Zu diesem See gehört ein Pumpspeicherwerk - ich habe noch nie eins mit acht fetten Röhren auf einmal gesehen.

Und es ist der einzige Saalestausee, an dem man komplett ebenerdig vorbeifahren kann - ohne den geringsten Anstieg, und sogar mit Radweg und Felswänden.
Noch bis ins 20. Jahrhundert fuhren die Menschen hier mit Flößen (nein, nicht mit Flöten, liebe Autokorrektur) herum, das war einfach die praktischste Fortbewegungsart.

Über die langweilig-weißgrau angemalte Staumauer von Eichicht habe ich wieder das Ufer gewechselt. Dahinter sieht die Saale erstmal noch so breit aus, als käme gleich der nächste Stausee. Kommt er aber nicht - die Saalekaskade ist zu Ende.

Das Thüringer Schiefergebirge aber noch nicht ganz. Da ich nicht die Hauptstraße nehmen wollte, musste ich noch einen ziemlichen Auf-und-ab-Umweg über die Felder an den Rändern des Gebirges drehen. Eine Holzhütte mit gelbem Dach informiert über die Bienen.

Und ein Stück weiter verkauft ein Automat auch Bienenprodukte an Radfahrer. Es waren aber bloß noch Fächer mit Kräuterlimonade und Mineralwasser übrig. Wie lieb von den Bienen, dass sie in mühsamer Kleinstarbeit all die Mineralien für mein Sprudelwasser gesammelt haben!

Vermutlich haben sie dabei auch ein paar Steine befruchtet und so den Fortbestand der Berge gesichert. Denn sie bestehen definitiv fort! An der Straße zeigt das Gebirge noch einmal so richtig seine schartige Flanke.

Auch das Flussufer bekommt ein Stückchen davon ab. Rauschendes Wasser passt einfach besser dazu als rauschender Verkehr.

Dann erreichte ich mein Ziel: Saalfeld an der Saale ist die erste klassische Saalestadt und grenzt gleichzeitig ans Schiefergebirge, damit markiert es den Übergang zwischen zwei ganz unterschiedlichen Abschnitten des Flusses.
Als Wahrzeichen der Stadt steht am Ufer die Burgruine Hoher Schwarm, in der es wie in einem Bienenstock zuging, als hier quasi als Bienenkönigin die Herzöge von Sachsen oder die Kurfürsten von Meißen wohnten - mit der Unabhängigkeit von Adligen hatte es diese Stadt eher nicht so.

Woran erkennt man eine klassische Saalestadt? An den schönen Renaissance-Gebäuden und einer Vorliebe für verschiedene Töne von Gelb und Beige.
Der Marktplatz ist relativ leer.

Saalfeld ist besonders stolz auf seine vier Stadttore, in die es alle eine kleine Ausstellung reingesteckt hat.

Aber mich interessierte etwas anderes, auch wenn ich dafür nochmal weit raus an den Stadtrand fahren musste. Nachdem ich bereits einmal über das Schiefergebirge drübergefahren war, wollte ich auch noch unten rein!
Am Waldrand von Saalfeld erstreckt sich ein komplexer Komplex, ein künstliches Fachwerkdörfchen, fast schon wie ein kleiner Freizeitpark. Kinder kraxeln hier durch die Feenwelt, einen Abenteuerspielplatz zwischen den Bäumen. Eine überraschend gute Pommesbude lockt Menschen mit dem Duft der Bratwurst an.

Im zentralen Fachwerkhaus befindet sich ein kleines Museum. Es folgt dem Grundsatz: Zeige bloß nie eine normale Wand, künstliche Felsen überall! Touchscreens erzählen etwas über die Mineralien, die in den Glaskästen stehen. Wie sie abgebaut wurden, erklären Modelle und ein lebensgroßer, laut rumpelnder Flaschenzug, an dem permanent irgendein Kind dreht. Nett gemacht, aber dafür wäre ich keinen so großen Umweg gefahren. Das Museum war nur automatisch inkludiert in der Führung, die nun kommt.

Also rasch ein Ticket kaufen und zwei bis drei zusätzliche Schichten überziehen, denn gleich könnte es kühler werden.
Zu Stoßzeiten (z.B. als ich gerade ankam) wird alle halbe Stunde eine Gruppe durch dieses touristische Highlight gelightet. Und abgelichtet. Als erstes durften wir zum Schutz und zur intensiveren Thematisierung braune Bergwerksumhänge anziehen (die Zipfelmützen haben sie bei uns vergessen). Mit denen knipste die größte Kamera Thüringens (eine 1,5 Meter hohe Holzkamera, in der ein Mensch mit normaler Kamera drinsaß) ein Gruppenfoto, das wir nachher am Ausgang doch bitte käuflich erwerben sollten. Was klingt wie ein ziemlich dämliches Touristenspektakel, machte mit den Kommentaren des launigen Bergwerksführers tatsächlich Laune.

Und dann ließ er uns durch eine unauffällige Tür in die Saalfelder Feengrotten eintreten. Mir war diese Höhle schon vor langer Zeit empfohlen worden, aber mir war gar nicht klar, dass das eigentlich ein Bergwerk und keine natürliche Höhle ist. Oder besser gesagt, eine Mischung aus beidem, wie in der Iberger Tropfsteinhöhle im Harz.
Und so war auch die Führung ein Kompromiss aus beiden: Erstes Untergeschoss zum Thema Bergbau, zweites Untergeschoss zum Thema Geologie.
"Wir fahren jetzt in den Berg ein. Aber wenn Bergleute fahren sagen, dann meinen sie nur, dass sie irgendwie in den Berg reinkommen, auch wenn sie zu Fuß laufen."
"Aber in Merkers...", plapperte ein Junge drauflos.
"Ja, ich weiß, in Merkers fährt man wirklich.", seufzte der Bergführer. Das Bergwerk an der Werra bringt die Konkurrenz an der Saale ordentlich ins Schwitzen.
Ansonsten bringt einen dort nichts so schnell ins Schwitzen, auch keine endlosen Gänge und tiefen, feuchten Stahltreppen. Wenn doch Tropfen übers Gesicht rinnen, dann haben sie ihren Ursprung an der Decke. Die verschlungenen Gänge führen meist zu ihrem Ursprung zurück, sodass sich die Gruppen bei einer halben Stunde Abstand gut koordinieren müssen, damit sie einander nicht auf den Füßen herumstehen.

Dieses Bergwerk ist wirklich ganz anders als Merkers. Als hier Bergleute arbeiteten, waren Dynamit und Förderbänder noch Science Fiction in einer unendlich weit entfernten Zukunft. Im Bergbau-Stockwerk zeigen Figuren, was für ein ärmliches Bergwerk das eigentlich war. Unser Bergführer holte die Werkzeuge von damals aus einer Truhe. Mit einem Tempo von ein paar Millimetern pro Tag klopften die Männer mit den Dingern Alaunsalz aus dem Berg. Von all den Rohstoffen in diesen Bergen war das das einzige, was wirklich rentabel war. (Der Goldrausch im Thüringer Schiefergebirge erwies sich als Flop). Und auch das musste man draußen noch wochenlang kompliziert zerfallen lassen, begießen und abbrennen, bis sich irgendwann kleine Salzkristalle heraustrauten, mit denen die Gerber dann Leder bearbeiten konnten. (Auch Mediziner benutzten sie gern gegen alles, was auf der Haut eklig aussieht- und tatsächlich wirkt das Zeug desinfizierend. Die Menschen hielten es sogar für ein Verhütungsmittel, dass man einfach in einem Säckchen dabeihaben muss - diesen Trick hat uns die Bravo glatt verschwiegen.)
Die Arbeitsbedingungen waren wortwörtlich grottig, besonders mies war das Licht. Die Bergmänner hatten nur einen Kienspan, ein Holzstück, das am Ende ein bisschen vor sich hinkokelte und dabei weniger Licht produzierte als ein depressives Glühwürmchen oder eine rote LED, die anzeigt, dass das Handy noch 1 Prozent Akku hat. Wer keinen Sohn als sogenannten Armleuchter hatte, der musste das Holz in den Mund nehmen. Damit die Zähne nach stundenlanger Arbeit nicht so wehtaten, schlugen sich einige Bergleute lieber gleich zwei Schneidezähne raus, um einen praktischen Steckplatz im Gesicht zu schaffen. Das war der Moment, wo die vielen Kinder der Führung sehr verstört guckten. Und die Erwachsenen auch.

Also lieber eine Etage tiefer, wo es schöner wird. Viel schöner. Als die Bergleute die ganzen aufgeschlagenen Mineralien liegen ließen, strömte Sauerstoff rein und produzierte Schiefersäure, die Eisen und Phosphate rauszog und zu Didacholit mixte. Ein erstaunliches Zeug.
Die Mineralien so auszulaugen, hat eine irre Nebenwirkung: Es beschleunigt Tropfsteine!
Die Dinger, die sonst ein Jahrhundert für einen Zentimeter brauchen, wachsen in Saalfeld dreihundertmal so schnell. In rasendem Tempo (also aus geologischer Sicht) sind bunte Stalaktiten und Stalagmiten hervorgeschossen. Sie wachsen rund um mehrere braune Teiche mit arsenhaltigem Wasser, das man nicht trinken sollte. (Am Ende kommt aber noch eine Heilwasserquelle, von der man probieren darf und die gut gegen Karies und für Harndrang ist.)
Die erste Wassergrotte hat viel Wasser, aber noch nicht so viele Tropfsteine.
Die zweite Wassergrotte hat die längsten, die ganze Decke hängt voller orangebrauner Spitzen.

Der wahre Rekordhalter ist aber die dritte, denn sie hat die buntesten. 48 verschiedene Farbtöne wurden hier gezählt, und damit sind die Feengrotten im Guiness-Buch der Rekorde die bunteste Höhle auf diesem Planeten.

Eine Etage tiefer liegt die vierte Grotte namens Märchendom, wo die Tropfsteine dicke zusammengewachsene Formationen bilden. Dort laufen zwei Märchenprogramme: Einmal Lichteffekte mit Herr-der-Ringe-Musik und einmal eine Sage über eine holografische Fee, die im Gestein herumflattert. Der Lautsprecherstimme zufolge haben die Bergleute sie gesucht, weil sie Wünsche erfüllen kann. Am Ende hat sich die Fee aber gar nicht irgendwelche Wünsche angehört, sondern ohne zu fragen schöne Tropfsteine hinterlassen, womit die Bergleute komischerweise zufrieden waren - von einer Gewerkschaft und besserem Arbeitsrecht hätten sie wahrscheinlich mehr gehabt. Vermutlich sind die Feen aber einfach in den Namen der Grotte geflattert, als ein paar Bergmänner einen über den Durst getrunken haben - bekanntlich eine verbreitete Alternative zu einer Gewerkschaft.

Aber nicht alle Tropfsteine sind bezaubernd. Einige sind auch eklig. Die blaugrauen Sulfate, die beim Abbau entstanden sind, machten komische Sachen mit den Mineralien. In einer Ecke wachsen Wackeltropfsteine. Flüchtig betrachtet sehen sie ganz normal aus, aber wenn man dagegenpustet, biegen sie sich im Wind, denn sie bestehen vollständig aus Glibber. Oder Trollschnodder, wie der Bergführer behauptete.

Nun, ein paar Stündchen Tageslicht hatte ich noch, also düste ich noch eine Stadt weiter. Verglichen mit der Saalekaskade ging diese schnurgerade Strecke geradezu lächerlich schnell, als wäre ich nur innerhalb derselben Stadt gefahren.
Seit dem Ende der Saalekaskade fahren auch wieder Züge durchs Saaletal, und zwar gar nicht so wenige.

Am Flussufer ziehen sich rostige Röhren entlang. Sie laufen auf rostigen Pfosten mitten durch eine Schrebergartenanlage und fügen sich nur selten ins Gestaltungskonzept der jeweiligen Gärtner ein.

In Rudolstadt konnte ich auf einem schnurgeraden Damm zwischen Straße und Schienen durchzischen, aber ich wollte dann doch einen Blick auf die Stadt werfen.
Egal, wo man in Rudolstadt steht, immer bildet das abartig lange Schloss Heidecksburg auf dem Berg den Hintergrund.

Rudolstadt hat gehört, was ich über den leeren Marktplatz in Saalfeld gesagt habe, und seinen gefüllt. Mit parkenden Autos.

In diesem Haus lebte eine gewisse Dame namens Frau von Lengefeld mit ihren Töchtern Caroline und Charlotte. Die Dame empfing gern berühmte Besucher zum Diskutieren wie Wilhelm von Humboldt, Goethes Crush Charlotte Kestner oder einen gewissen Friedrich Schiller. Der traf in diesem Haus zum allerersten Mal Goethe, aber die beiden freundeten sich damals noch nicht an, weil Schiller viel zu abgelenkt von Frau Lengenfelds Töchtern war. Nach längerem Überlegen und Flirten mit beiden Schwestern entschied er sich schließlich für Charlotte. Wie sich das auf die geschwisterliche Bindung ausgewirkt hat, bleibt unklar.

Für die nächste Nacht habe ich einen herrlichen Rastplatz direkt am Flussufer gefunden, naturnah, aber nicht so restlos zugewachsen wie der letzte Wald. Es gab mehr als genug Platz, um dem Paar am Ufer seine Privatsphäre für ein ernstes Gespräch zu lassen, und es war sogar ein großes Floß mit Bänken vertäut, sodass ich auf der Saale gefrühstückt habe.
Alles schön und gut, aber gibt es auch Glühwürmchen? Klar doch! Auch meine zweite Nacht wurde zuverlässig neongrün beleuchtet. Sie leben also nicht nur im Schiefergebirge. Was mag es nur sein, weshalb die Saale diese Tierchen so besonders anzieht?

01 Juni 2024

Saale: Von Münchberg nach Saaldorf

Saalegeprahle I: Die Saalegrenze


An der Saale kleinem Strande
leben Bayern laut und froh.
Fleisch tut ihnen gut gefallen,
dazu trinken, lachen, lallen.
Man versteht sie gerade so.


Münchberg ist, wie der Name schon sagt, bayrisch und bergig. Und hat einen rosa Bahnhof. Viel mehr kann ich zu ihr auch nicht sagen, denn dazu hätte ich einen extra Berg in die Innenstadt bezwingen müssen. Und das wollte ich nicht.
Auf mich warteten mehr als genug Berge. Ich starte ich mit einer neuen Herausforderung - dem zweitschwierigsten Nebenfluss der Elbe.

Ein Nebenbach, die Pulschnitz, entspringt bereits im Keller eines Hauses in Münchberg. Aber bis zur richtigen Quelle sollen es noch 12,5 Kilometer sein. Für mich ein bisschen weniger, weil ich statt der vorgeschlagenen verwinkelten Route lieber den großen Straßen gefolgt bin, was als Strecke auch ganz in Ordnung war. Am Horizont ragte eine grüne Wand in die Höhe, die noch eine Nummer höher ist als die Hügel unter meinen Rädern: Das Fichtelgebirge.

Die Durstigen. An sie erinnere ich mich als erstes. Matte Seelen, die durch den Wald taumeln und nach Flüssigkeit lechzen, obwohl sie überall welche ausdünsten (vor allem unter den Armen). Das ergibt keinen Sinn, doch ich muss sie nicht verstehen, ich muss ihnen helfen. Das ist meine erste Prüfung. Mindestens alle tausend Jahre muss ich einem von ihnen das Leben retten, nur dann darf ich existieren. Tausend Jahre sind für die Durstigen ein unüberwindlicher Abstand, weil sie Zeit anders wahrnehmen. Für mich sind all die Jahre und alle Seelen, die an meinem Anfang vorbeigewandert sind, nebeneinander aufgereiht, und ich muss nur die richtigen auswählen und retten.

-800 Ein Schmied, dem das Wasser ausging, einer der ersten, die sich in der Eisenzeit vom Donautal hinauf in die Gebirge Bayerns wagten.
2 Eine Bäuerin, die ein entflohenes Tier sucht und nicht genug Vorräte mitgenommen hat.
867 Ein junger Jäger mit sehr schlechtem Orientierungssinn, der den Rückweg im Gestrüpp zwischen den Felsklüften nicht wiedergefunden hat. Er war besonders dankbar und wollte mir irgendetwas im Gegenzug geben. Als ob es nicht genug wäre, tausend Jahre weiterexistieren zu dürfen! Er bestand trotzdem darauf, allen von der Flussnymphe Salaha zu erzählen, die ihn gerettet hatte.
1794 Ein Oberbergmeister namens Alexander von Humboldt. Er überprüfte das Bergwerk, das die Menschen inzwischen um mich herum gebaut hatten, wodurch sie auch meine Quelle verschoben hatten. Als ich mit ihm sprach, erfuhr ich, dass die Mundpropaganda des Jägers nicht richtig funktioniert hatte. Mein Name war zwar damals urkundlich aufgeschrieben worden. Aber nun behaupteten alle, Saale oder Saalaha hieße "salziges Wasser". So ein Unsinn! Kann Salzwasser etwa Menschenleben retten? Es bedeutet "weidenbestandener Fluss"! Auch in dem Bergwerk wurde kein Salz abgebaut, sondern nur Gelbkreide, mit der die Menschen Dinge ocker anmalen wollten. Eine steinerne Mauer hatte ich da noch nicht, die bauten sie erst 70 Jahre später.

2072 Eine E-Bikerin, verletzt in einem Unwetter von einem fallenden Baum. Von denen gab es für einige Jahrzehnte recht viele, bis die Stürme zu stark wurden. Vom Bergwerk sind längst alle Spuren verschwunden, mein neues steinernes (Ge)Wand und meine Rinne sind schon wieder recht verwittert. Ich kann weniger und unregelmäßiger Wasser herauspressen in diesen Jahren, doch es reicht, um ihre Seele zu bewahren.
3070 Ein verärgerter wissenschaftlicher Berater einer Erdenpolitikerin, der seinen Job gekündigt hat, als sich diese für den Austritt aus der Föderation der Planeten aussprach. Vor lauter Ärger vergaß er seinen Mikroreplikator und Taschentransporter während seiner Bergwanderung.
Danach kann ich nichts mehr ausrichten. Die Menschen haben sich in etwas Neues verwandelt und alle Probleme mit der Flüssigkeitszufuhr hinter sich gelassen.
Ich habe meine Prüfung bestanden, ich darf leben. Also stürze ich mich die steinerne Mauer hinunter und tauche ein in den vor Leben pulsierenden Wald.

Ja, so ähnlich muss die Stelle aussehen aus Sicht des Flusses. Zumindest der (ganz, ganz geringfügig ausgeschmückten) Sage zufolge. Es ist eine herrliche Quellenstelle, wunderbar ausgebaut mitsamt Rasthütte und angenehm schattig, und es sprudelt sehr kräftig in die steinerne Rinne. Auch der Waldweg dorthin ist völlig in Ordnung. Das hatte ich mir alles viel schlimmer vorgestellt. Bin ich wirklich 707 Meter hoch, nur 70 Meter vom Gipfel des Großen Waldsteins entfernt?

Der Fluss wird in Bayern manchmal Sächsische Saale genannt, um ihn von der Fränkischen Saale zu unterscheiden. Das ergibt aber null Sinn, weil beide durch Franken fließen, aber keine von beiden durch Sachsen. (Jaja, historische Gründe, Sachsen war mal größer, ich weiß.)

Dieser Wald war begehrt. Brennstoff war schon Jahrhunderte vor Öl und Wärmepumpe ein Streitpunkt, Adlige und die Stadt Münchberg zofften sich um das kostbare Brennholz und handelten immer wieder komplexe Kompromisse aus. Bis heute garantiert der Bürgerrezeß von 1699 den Münchbergern eine bestimmte Menge Holz, aber nur, wenn genug da ist.


Ich rede immer von Münchberg, dabei ist die erste Stadt an der Saale doch Zell im Fichtelgebirge. Ein idyllisches Örtchen, insbesondere auf dem Rückweg, wenn es bergab geht. Die Saale fließt weitgehend verborgen zwischen den steinernen Häusern und Blumen vorbei. 

Auch zum Radweg hält sie großen Abstand.
Aber abgesehen von den Steigungen (und vor denen wurde ich ja reichlich gewarnt) ist der Weg zwar nicht lückenlos, aber schon echt gut ausgebaut. Immer wieder prangt unmissverständlich das Logo auf dem Asphalt, für alle, die die Wegweiser übersehen haben sollten.
Die Saale verbirgt sich unter kleinen Bäumen, mitunter auch hinter ganzen Hügeln.

Ach, ihr Menschen nutzt doch selbst bei diesem Wetter jede Möglichkeit, um euch vor den sengenden Strahlen zu verstecken. Wollt ihr mir da vorhalten, dass ich es genauso mache (nur eben erfolgreicher)?
Der beste Sonnenschutz sind, wie ihr seht, Weiden, auf Lateinisch Salix. Glaubt ihr mir nun, woher mein Name stammt?

In Schwarzenbach strömt die Saale gleich hinter den schlingpflanzenbewachsenen Mauern dahin. Gestaut wird sie bisher noch nicht, nur ihre Nebenflüsse. (Einer davon zum Untreusee. Keine Ahnung, was dieser Fluss angestellt hat.)

Aber sie haben mich trotzdem ganz schön verändert: Ich sollte die Färbereien, Gerbereien, Mühlen und natürlich das Mulzhaus (damit ihr Bier habt) versorgen, die Fische sollen aber bitte auch noch irgendwie über eine Treppe hochkommen, und ach ja, große Überschwemmungen wie 1916 soll es bitte nicht geben, dazu müssen noch Granitplatten hin. Es tut mir ja leid, dass ich in diesem Moment die Kontrolle verloren habe, aber da war einfach zu viel Stress und Regen.

Die obere Saale ist eigentlich kein so wilder Fluss, aber hier rauscht doch die eine oder andere Stromschnelle.

In Oberkotzau kotzte der Himmel. Mit anderen Worten, es regnete in Strömen. Die versprochene Sommersonne ließ sich noch etwas Zeit.
Die Bayern lieben ihre Schweine so sehr, dass sie ihren Statuen aufgestellt haben. Wahlweise in Originalform (in Oberkotzau) oder als Würstchenverkäufer, pardon, Wärschtlamo (in Hof). Im Verhältnis zur Einwohnerzahl hat Oberfranken die meisten Brauereien, Metzgereien und Bäckereien auf diesem Planeten. (Kein Scherz.)
Aber auch das katholische Bayern ist präsent: Kleine Skulpturen in Form aufgeschlagener Metallbücher verkünden am Saaleufer Bibelverse.

Ich spüre gelangweilten Seelen in Käfigen. Ihre Körper werden in kleinen Buden in platter oder länglicher Form gebrutzelt. Nun, alles Leben muss enden, das weiß ich, doch vorher sollte es wirklich leben.

Hier habe ich einen Abstecher zu einem besonderen Park unternommen. Der Summa-Park ist eine Grünanlage mit Spielplätzen und Fitnessgeräten am Nebenfluss Schwesnitz, gestiftet ursprünglich vom Baumwollfabrikanten Lorenz Summa. Mich interessiert aber nur ein Teil davon: Der Fernwehpark. Das ist eine Sammlung von Ortschildern aus aller Welt. Von einem Amphitheater gehen sternförmig die über und über mit Schildern benagelten Holzpfosten ab.
Rovaniemi (Finnland), Mödlareuth, Lübeck... ich sah zwar keine Ortsnamen von der Saale, dafür habe ich viele Namen schon im Zusammenhang mit dem Eisernen Vorhang gehört. Der ist schließlich auch nicht weit, und sein Untergang hat die Idee für den Fernwehpark inspiriert. Ursprünglich stand der Park in Hof, wo der Radweg an der Innerdeutschen Grenze endet, musste dann aber nach Oberkotzau verlegt werden, wo mehr Platz ist. Auch sonst ist das hier durchaus ein Grenzgebiet: Tschechien ist nicht weit, und die Wasserscheiden zur Eger und zum Main ebensowenig.

Ganz hinten stehen die Signs of Fame, signierte Schilder von Promis. Wie Schilder sehen sie nicht aus, eher wie Werbeplakate von Konzerten. Und der Text ist immer derselbe:
Andrea Berg grüßt die Besucher des Hofer Fernwehparks Signs of Fame. For a peaceful world.
Helene Fischer grüßt die Besucher des...
Waren die verpflichtet, immer denselben Standardtext zu nehmen? Oder wie zum Geier sind die mit so wenig Kreativität berühmt geworden?

Abwechslungsreicher ist da die Sammlung kurioser Ortsnamen. Wo wäre die auch besser aufgehoben als in Oberkotzau? Neben allerlei Vulgaritäten darf natürlich der längste Orts(teil)name Deutschlands nicht fehlen (Schmedeswurtherwesterdeich bei Brunsbüttel), und der längste Ortsname Europas, dieses walisische Llanfairdingsda, das ich jetzt nicht abtippen werde. (Ein Schumacher hat sich den Namen ausgedacht, um Aufmerksamkeit für den Wirtschaftsstandort zu erregen und endlich einen Bahnanschluss zu bekommen.)

Nanu, Region Entenhausen? Ja, das obere Saaletal hat eine besondere Beziehung zu den amerikanischen sprechenden Enten. Erika Fuchs, die Übersetzerin der Donald-Duck-Comics, hat in Schwarzenbach gelebt, dort ist ihr ein eigenes Comic-Museum gewidmet. Dabei hat sie in die deutsche Version Oberkotzau, Schnarchenreuth und andere lustige Ortsnamen ihrer Heimat eingesetzt. Entenhausen ist in Oberfranken!, behauptet also der Fernwehpark. Tatsächlich kommt in den Comics eine Karte vor, die Entenhausen inmitten von Kleinschloppen, Kirchenlamitz und so weiter zeigt. Das Ganze aber auf einem Kontinent, der eher nordamerikanisch aussieht...

Nun konnte ich immer öfter direkt am Wasser fahren, und die ersten Felswände versüßten mir die Strecke in die erste große Saalestadt noch mehr. Zwei Felsen heißen Frosch und Maus, sind aber nicht wirklich als solche zu erkennen.

Die Stadtmauer sieht beinahe wie die nächste Felswand aus, und Pflanzen ergießen sich darüber wie dunkelgrüne Wasserfälle.

Auf den ersten Blick ist Hof vor allem sehr, sehr beige. Aber je weiter ich in Richtung Rathaus vordrang, desto öfter tauchten auch andere Farben auf. Ja, die Stadt ist schon ganz schön, aber bei Weitem nicht die schönste an der Saale. Doch bis die nächsten richtigen Städte auftauchen, dauert es noch.

Ein Themenweg folgt dem Dichter Jean Paul, der in Hof und im Dorf Joditz (zu erkennen am achteckigen gelben Zwiebelturm) lebte.
Jean war zu seiner Zeit der populärste Dichter Deutschlands - noch vor Goethe, der erst im Nachhinein auf den ersten Platz aufstieg. Kein Wunder, Paul ließ sich schließlich inspirieren von diesen neuen Hightech-SciFi-Fluggeräten, die in Frankreich gerade entwickelt wurden (Ballons), und so was bringt natürlich mehr Klicks als schon hundertmal durchgekauter Stoff wie ein Pakt mit dem Teufel oder Selbstmord weil Liebe.

Genau wie Goethe hatte der Jean viele Frauengeschichten und ließ ständig Verlobungen platzen. Die Damen warnen trotzdem fast nie sauer, eine besorgte ihm danach sogar eine Wohnung. Befreundet war er auch mit Helene Köhler, der Tochter des Bürgermeisters und Gewürzhändlers. Der lagerte seine Waren auf den Ostindischen Gewürzinseln. So umschrieb sie jedenfalls der Dichter, eigentlich waren das bloß künstliche Saaleinseln aus Schutt, die beim Bau des Mühlgrabens entstanden waren.

Ostindisch? Stinken die Wässer in Indien etwa auch so wie ich in diesen Jahren, in denen alle ihre Körperwässer in mich reingekippt haben?
Nun ja, mein Bewusstsein kann diese eklige Epoche zum Glück einfach verlassen, wenn ich es möchte. Nur, wenn ich noch weiter durch die Zeit zurückgehen möchte, muss ich blöderweise jedes Mal durch die ekligen Jahrhunderte durch.
Der Jean hat einmal geschrieben "Die Saale gleich mir im Fichtelgebirge entsprungen" - stimmt ja auch, ist aber ziemlich offensichtlich. Der Dichter Wolfgang Stefan hat mich besser verstanden: "Für das Wasser, wie für die Sonne, gibt es keine Zeit."

Die Strecke zwischen Hof und Joditz ist Jean Paul als Kind oft zu Fuß gegangen, und laut Reiseführer stehen hier Tafeln mit amüsanten Geschichten aus seinem Leben.
"Hier liegt Jean Pauls Bruder vergraben, der 1789 in der Saale ertrank, weil er entweder ermordet wurde oder Selbstmord beging, deshalb durfte er nicht richtig bestattet werden."
Äh, ja. Sehr amüsant.

Die Wege werden hinter Hof (Hinterhof, höhö) etwas wilder. Eine dicke Autobahnbrücke überspannt die sprudelnde Saale.

So. Aber nun beginnt das große Problem des Saaleradwegs. Kaum ein Radweg hat mir so widersprüchliche Signale gesendet. Nach den allerschönsten Routen kommen immer wieder lange, steile und stark befahrene Hauptstraßen. Und solange es die gibt, bleibt es eine echte Abenteuertour. Zwar nicht ganz so schlimm, wie ich sie mir vorgestellt hatte, aber ungeeignet für meine Familie und kleine Kinder.


An der Saale dunklem Strande
standen Grenzer mit Gewehr.
Ihre Türme sind gefallen.
Nimmer ihre Schüsse knallen
und vorbei die DDR.

So erreichte ich den 12,5 Kilometer langen Abschnitt, auf dem die Saale wirklich eine Grenze ist, vor 35 Jahren sogar noch viel mehr als heute. Die Grenze trifft die Saale in einer uneinsehbaren, verlassenen Flussschleife, während ich noch weiter oben über die Hauptstraße keuchte. Erst in Hirschberg stieß ich auf die Saalegrenze.
Hier produzierte die größte Lederfabrik Europas Schuhsohlen. Die Fabrik finanzierte nebenbei den Bau von Bahngleisen, Schulen, Wohnhäusern, einem Freibad und der Saalebrücke. Letztere wurde in aller Bescheidenheit Heinrich-Knoch-Brücke genannt. Heinrich Knoch war rein zufällig der Typ, der die Fabrik geleitet und die industrielle Produktion eingeführt hatte.
Die Nazis sprengten die Brücke und nahmen damit ihren angeblichen Erzfeinden, den Kommunisten, die Arbeit ab. Als die Fabrik im Sozialismus verstaatlicht wurde, kamen ab sofort auch komplette Schuhe und andere Kleidungsstücke aus Hirschberg. Im November 1989 wurde die Brücke in nur fünf Tagen wieder aufgebaut und Brücke der Freiheit genannt. Heinrich-Knoch-Brücke hätte auch nicht mehr so gut gepasst, denn die meisten Fabrikgebäude wurden in den nächsten Jahren abgerissen.

Vor dem Schloss erinnert ein ungewöhnlich groß geratenes Mahnmal an die Toten der Weltkriege.

Ich blieb vorerst auf der bayrischen Seite. Sie bleibt bergig, aber immerhin geht es auf einem richtigen Radweg weiter. Kleine Bäumchen machen ihn zu einer Allee, gefällt mir.

Ich kenne die Strecke ja schon von der Iron Curtain Tour letztes Jahr. Damals verlangte mein Magen dringend nach einem Frühstück, ohne dass ein Bäcker in Sicht war. Da fiel mir etwas auf: In der Karte ist das Brückenrasthaus Frankenwald eingezeichnet, direkt an der Autobahn. Erinnerungen blitzten auf: Eine Raststätte, welche die Autobahn als Brücke überspannt, die man also von beiden Seiten betreten kann. Bei irgendeiner Autofahrt muss ich dort schon gegessen haben.
Das wär doch mal was Neues, auf einer Radtour auf einer Autobahnraststätte essen. Aber kommt man da von außen rein? Autobahnen sind doch mit Zäunen abgeriegelt, um Rehe vom Suizid abzuhalten.
Doch der Zaun hat eine geheime Lücke. Kein Verbotsschild, also nichts wie rein! Diese Viehsperre hält vielleicht Wildtiere fern, aber keine hungrigen Radler.

Das Rührei hatte zwar, naja, Raststättenqualität, aber allein schon die hochgezogenen Augenbrauen über schlaftrunkenen Augen, als ich mit dem Rad auf dem Parkplatz einfuhr, waren den Abstecher wert.

Genau wie bei der Fränkischen Saale steigt morgens ein Nebelband aus dem Wasser auf, als würde ein zweiter, dunstiger Fluss dem Licht der aufgehenden Sonne entgegenfließen. Die beiden Saalen (Ist das der richtige Plural?) haben doch einiges gemeinsam.
Die Iron-Curtain-Strecke am Südufer geht auf einer steilen Hauptstraße weiter. Tja, mit solchen schwierigen Wegen fügt sich die Saale zumindest gut in den Iron Curtain Trail ein.

Und die Steigung macht das neblige Panorama noch besser!
Auf dem Weg liegt eine alte Abraumhalde für Schiefer. Im Thüringer Schiefergebirge ist Schiefer das Baumaterial, seit 200 Jahren auch im großen Stil: Er schützt das Holz der Häuser im kühlen, feuchten Klima vor der Fäulnis, und er ist vor Ort in großen Mengen vorhanden. Was gibt es besseres?
Aber nur 5 Prozent des Schiefers war geeignet, um damit Dächer zu decken, der Rest wurde in solchen Haufen abgeladen. Anders als bei Abraumhalden von Kalibergwerken sind die Schieferhalden sogar gut für die Natur, viele Arten fühlen sich darin wohl.

Auf meiner Saaletour wollte ich etwas anderes probieren und bin auf halber Strecke vom Iron Curtain Trail ans Thüringer Nordufer gewechselt. Google Maps hat hier allerhand versteckte Highlights eingezeichnet, Höhlen, Klippen und so was.
Ich konnte sie nicht alle besuchen, aber zumindest diese grüne (und nicht ganz so versteckte) Aussichtsplattform in Pottiga lag ganz nah am Radweg. 31 Stufen ragten einladend ins Panorama hinein. Das Ding steht auf dem Wachhügel. Gewacht haben hier die Bauern (die damals für das Kloster in Saalfeld ackerten), ob Räuberbanden aus Franken rüberkommen. Und weil der Blick dabei so schön war, wurde der Wachhügel ein beliebter Treffpunkt. Kein Wunder, dass die Dorfbewohner nach der Wende so eine Plattform gebaut haben - sie waren schon lange mehr als Bauern, verdienten Geld mit dem Hammerwerk oder der Wallfahrtskapelle. Und auch heute pendeln nicht alle, manche verkaufen in Pottiga Versicherungen oder entwickeln Software. Die Tafel zur Dorfgeschichte wirkt wie ein aufgepeppter Lebenslauf zum Angeben.

Puh, hier musste ich mich durch Vulkangestein fressen, deswegen ist es so eng. Danach kommt wieder Ton, der lässt sich viel leichter auflösen, dann kann ich euch auch wieder mehr Platz schaffen.

Der Fluss macht so große Schleifen, dass ich auf der Plattform weder Hirschberg noch Blankenstein erblicken konnte, weder den Anfang noch das Ende des eigentlich sehr kurzen Grenzabschnitts. Auch wenn auf dem Geländer die Richtung und Entfernung zu diesen Orten markiert waren. Dennoch ist der Postkartenblick unbedingt eine Pause wert.
Einige Besucher fanden, man müsse hier nicht nur die Ortschaften aufschreiben, sondern auch ausgewählte Einwohner. Aus diesem Grund stand zwischen den Ortsnamen gekritzelt, in welche Richtung man Dietmar und Deine Mutter erkennen kann. Alles Lüge: Meine Mutter war dort unten nirgendwo zu sehen.

Auf der Fahrt aus Pottiga raus muss ich einen Wegweiser übersehen haben. Gott sei Dank habe ich den übersehen! Denn als mich ein Mann vor seinem Haus fragte, wohin ich wolle, schickte er mich auf den nächsten Waldweg. Das war definitiv nicht das, was die Karte sagte, aber er versicherte mir, so käme ich direkt nach Blankenberg. Tja, die Karte verspricht eh nur steile Straßen (wenn auch nicht ganz so große wie am Südufer), also warum nicht probieren? Ich rauschte den Berg hinunter und kam auf einem grasigen Gleisgebiet zwischen einer Felswand und einer alten Papierfabrik heraus.
Hier steht seit 1730 eine Papiermühle (eine Mühle sogar schon 500 Jahre früher). Alle wollten ihr hochwertiges Papier, die Eigentümer kauften sich neue Fabrikstandorte und moderne Maschinen aus London.

Dieser Standort hier überstand die Wende eher schlecht. Dubiose Geschäftsleute kauften ihn, versprachen ein Museum, altes Handwerk und den Tourismus wiederzubeleben. Die Gemeinde wurde etwas skeptisch, als die Wiederbelebungsstrategie folgendermaßen aussah: Die wertvollen Teile wegschaffen und dafür eigenes Gerümpel abstellen. Sie mussten zwangsvollstrecken, um das Schlimmste zu verhindern.

Aber ein paar Kilometer weiter in Blankenstein rollt weiterhin frisches Papier vom Fließband!

Schmalspurbahnen verbanden die beiden Fabrikstandorte. An der geschlossenen Papierfabrik startet ein Betonplattenweg - der einzige an der Innerdeutschen Grenze, bei dem auch noch Gleise mit drin sind. Trotzdem lässt er sich richtig gut fahren, und er verläuft auch noch flach direkt zwischen dem Fluss und hohen Felswänden! Wieso bitte führen Saaleradweg und Iron Curtain Trail nicht hier lang, das ist doch viel schöner? Bin ich etwa der erste, der diese Strecke entdeckt hat?

Auch im Bergbau war Pottiga aktiv - diese Lore zog (bereits elektrisch) Erz aus einem Versuchsstollen.

Glücklich rollte ich bis in die Doppelstadt Blankenberg, und wechselte per Brücke rüber in die südliche Hälfte, die Blankenstein heißt. Blankenstein besteht aus besagter Papierfabrik, steilen Straßen, einem Bahnhof und dem Selbitzplatz. Dieser Park am Nebenfluss Selbitz ist ein großes Wanderdrehkreuz, in dem der Rennsteig und andere Fernwanderwege starten. Die Blankensteiner haben sich viel Mühe gegeben, ihn entsprechend thematisch zu gestalten, zum Beispiel mit einem Spielplatz in Form eines Wanderschuhs.
Gerade fand in einem weißen Zelt irgendeine Veranstaltung statt, doch bisher mit spärlichem Publikum. Der Gitarrensänger mühte sich trotzdem tapfer, mit seinen Schlagern so etwas wie Stimmung zu erzeugen. Das Ganze gehört alles zu Thüringen, Bayern liegt auf der anderen Seite der Selbitz, aber ohne Ortschaft.

Die Grenze folgt jetzt noch ein Stückchen der Selbitz, ehe sie in den Bergen verschwindet. Ich habe einen Ausflug unternommen und bin dem Fluss noch ein bisschen weiter gefolgt, dorthin, wo er richtig spektakulär werden soll. Das Höllental erwartet mich.
Bei dem Namen hatte ich mir so etwas vorgestellt wie die Harzer Bodeschlucht, doch es kam anders. Die Felswände nahmen zwar immer mehr zu, dunkel und schartig und herrlich anzusehen, aber ein richtig reißender Canyon wurde daraus nicht.
Der Fels besteht aus Diabas, also Vulkangestein, oder genauer gesagt, richtig altem Vulkangestein aus dem Erdaltertum (sonst hieße es Basalt).

Das Zeug wird gern bei Beton untergemischt. Und so finden sich sogar in diesem völlig versteckten Tal vergessene Züge, Ruinen und Wasserkraftwerke.

Das Wasser der Selbitz verbarg sich lieber inmitten der Pflanzen und umspülte sie mit einem Rauschen, das eher verträumt als dramatisch klang. Sonst war es still. Richtig still.
Und dann tauchte mitten im Nirgendwo eine alte Eisenbahnbrücke über mir auf, ein wirklich sehr lostes Lost Place.

Auch die Saale hat solch eine Brücke, aber da fahren noch richtige Züge drüber. Die mich nun allerdings verlassen - hier beginnt ein langer Abschnitt ohne Eisenbahn und mit nur wenigen Bussen, und wenn, dann oft solche Minidinger, in die kein Fahrrad passt. Da muss ich jetzt heil durchkommen.

Endlich konnte ich die Straße verlassen und einen Uferweg nehmen, auch wenn der längst nicht immer so flach war wie auf diesem Bild.
Die Saale wurde plötzlich immer breiter und verwandelte sich in

Stausee Nr. 1: Bleilochtalsperre


Die Stauseen der Saale sind dermaßen groß, dass sie auch viele Nebenbäche zu dicken Nebenarmen anstauen. Die musste ich meistens auf einem extra Umweg umrunden, ganz weit nach hinten, bis sie endlich schmal genug für eine Brücke waren.
Schließlich konnte ich auf der großen Brücke über den Haupt-Stausee rüber nach Saaldorf. Das heißt, nachdem die Bauampel auf Grün geschaltet hatte. Offenbar sind die Saalburger unzufrieden mit ihrer Brücke und bauen gleich daneben eine neue.

Puh. Schon dieses erste Stückchen der Saale-Stauseen war nicht ohne. Aber trotzdem: Mein Ziel ist es, hier morgen wieder rauszukommen.

Abends im Wald erschien auf einmal ein kleiner grüner Punkt. Na so was, ich hatte schon seit Jahren kein Glühwürmchen mehr gesehen! Dann kam das nächste, und bald kreuzten mindestens fünf von ihnen über meinem Schlafsack hin und her.

Die Saalegrenze II

Länge: 12,5 km
Grenzquerungen: 2
Bundesländer: Bayern/Thüringen
Seite: fast nur West (Iron Curtain Trail) oder etwa gleich viel (Saaleradweg)
Erkenntnis: Erfolg und Misserfolg liegen nur wenige Kilometer auseinander.