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22 November 2025

Naab: Von Silberhütte nach Weiden

Bis vor Kurzem war die Naab für mich bloß einer von vielen Flüssen im berühmten Donaugedicht, und die Oberpfalz hätte ich auf einer Deutschlandkarte nicht korrekt anzeigen können. Doch unverhofft bot sich mir eine wunderbare kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit am Waldnaab-Radweg.
Und nicht nur das, auch für die Anreise bot sich eine ganz neue Möglichkeit: Der freundliche Gastgeber fuhr uns gleich hoch zum Wanderparkplatz/Wendeschleife/geschlossenen Gasthaus Silberhütte. Danke dafür, sonst wäre das echt schwierig geworden, hier hinzukommen. Noch besser: Jetzt geht es fürs Erste nur bergab! Aber vorher erst mal die Vorderräder wieder einsetzen, denn im Gesamtpaket haben die Räder nicht in den Kofferraum gepasst.


Wenige Waldwege später beginnt die Waldnaab in einer eingesunkenen Rinne moosiger Steine. Diese Quelle hat zwei Besonderheiten: Erstens kommt da kein Wasser raus, sondern allem Anschein nach nur Laub. (Immerhin ist es am Anfang der Rinne etwas feuchter.)
Und zweitens liegt die Quelle allem Anschein nach haargenau auf einer Grenze. Nicht nur in der App ist die Grenzlinie so eingezeichnet, auch vor Ort standen links und rechts der Quelle je ein weißer Grenzstein, der eine tschechisch (C 11, im Bild), der andere deutsch (DB 11 - Deutsche Bundesrepublik oder wat? Wer kürzt das denn bitte so ab?)
Auf einer steinernen Bank sind die bunten Wappen der Städte an der Waldnaab eingemeißelt.
Der Blätterfluss macht erst mal einen kleinen Bogen rüber in den den tschechischen Wald.

Wir dagegen holperten entlang der Grenze über den rauen Waldpfad, welcher ein Radweg sein sollte. Damit verursachten wir die einzigen, oder zumindest die mit Abstand lautesten Geräusche in diesem menschenleeren Grenzwald.
Und wenn ich entlang der Grenze sage, dann meine ich damit: Der Pfad liegt wirklich haargenau auf der Grenzlinie. Das ist eine echte Seltenheit auf dem ehemaligen Eisernen Vorhang und anderswo, es hat aber auch seine Nachteile. Die Tschechen haben ausgerechnet auf diesem Abschnitt beschlossen, ganz penibel Grenzsteine aufzustellen (sonst kenne ich das nicht von denen), und die standen dann auch wirklich exakt in der Wegmitte. Hmm, weiche ich denen jetzt über Deutschland oder über Tschechien aus, oder mache ich einen internationalen Slalom draus?
Die Trennung der Tschechoslowakei wurde auf diesen Steinen pragmatisch umgesetzt: Das eingravierte S wird einfach nicht mehr in schwarz ausgemalt, nur noch das C. Warum sie aber das tschechische Häkchen auf dem Č ebenfalls nicht mehr ausmalen, bleibt unklar.

Nach vielleicht einem Kilometer war die skurrile Holperei auch schon zu Ende. Geradeaus zog sich eine schnurgerade Schneise durch den Wald, in der die Grenzsteine unverändert weitergingen. Wir aber bogen ein nach Deutschland auf einen gewöhnlichen Waldweg.
Auch die Waldnaab kehrt zurück. Irgendwo in Tschechien muss sie echtes Wasser aufgetrieben haben, und so plätschert sie kristallklar über den braunen Waldboden, durch das eine oder andere Betonrohr unter dem Weg durch und durch ein die ersten hübschen Minischluchten.

Das Waldgrenzgebirge heißt übrigens Oberpfälzer Wald/Český les ("böhmischer Wald") und ist nicht zu verwechseln mit dem Böhmerwald/Šumava nebenan im Süden. Da hätten sich die Nachbarländer echt besser absprechen sollen wegen der Namen.

Trotz ihres Namens ist dann erst mal Schluss mit Wald an der Waldnaab. Der Waldweg wird zur Straße, und im Tal häufen sich die Häuser an zur ersten Naabstadt.

Zählt das schon als Stadt? Bärnau wirkt zunächst wie eine Kreuzung mit einer Kapelle und einem abgehalfterten Karpfen. (Ein paar Kilometer weiter stand ein ähnlicher Karpfen in einem Vorgarten, nur dass er dort komplett mit bunten Fotos bedruckt war.)
Dass die hier Karpfen gezüchtet haben, ergibt Sinn, wenn als Abnehmer links ein Bundesland und rechts ein kompletter Staat liegt, in dem Karpfen das traditionelle Weihnachtsessen sind. Aber Bärnau zelebriert die Nähe zu Tschechien noch auf andere Weise.

Denn gleich am Ortseingang erstreckt sich der deutsch-tschechische Geschichtspark Bärnau-Tachov, ein internationales Freilichtmuseum. (Tachov/Tauchau ist die erste tschechische Ortschaft hinter der Grenze, aber nein, liebe Gamer, es ist nicht das Tachau, welches durch seine Nachbarschaftsfehde in einem Computerspiel einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat.)
Ein frühmittelalterliches Slawendorf und eine hochmittelalterliche Kleinstadt stehen hier in direkter Nachbarschaft. Auch die Gruben-, Block-, Flechtwand-, Pfosten- und Fachwerkhäuser könnte man - selbst in einer Zeitmaschine - wahrscheinlich nicht im selben Dorf nebeneinander finden. Es geht schließlich darum, die Geschichte der Baukunst zu zeigen. Immer nur denselben Haustyp nebeneinander zu bauen, wäre ja auch langweilig. Mehrere Quellen zeigen, dass in diesen Häusern nicht nur Franken, sondern auch Slawen lebten. Darum hieß die Region Bavaria Slavica.

Wann und wo genau der jeweilige Haustyp nun gebaut wurde, verrät der Audioguide. Wie man dagegen die ganzen Stoffe, die da drin ausliegen, so schön bunt bekommt (Spoiler: Vegan ist es nicht, man muss Läuse zerquetschen.) und spinnt, das verraten die verkleideten Handwerker. Im Sommer leben die Darsteller tatsächlich eine Zeit lang im Museumsdorf, es wird also für sie ein noch immersiveres Erlebnis, dem sie aus einer gewissen Leidenschaft nachgehen.

Zur Anlage gehört eine Wiese mit slawischem Kultplatz (oder, so wie es für mich aussah: eine Wiese) und ihr Nachfolger, eine frühe Kirche in einem Blockhaus, ganz in weiß.

Im frühen Hochmittelalter hatte das Dorf zur Verteidigung schon eine Burg, die jedoch etwas anders aussieht als das, was wir allgemein unter einer Burg verstehen. Im Ernstfall verzogen sich die bayrischen Slawen auf den Hügel hinter die Palisaden, und von da aus im noch ernsteren Ernstfall über die Holzbrücke ins 1. Obergeschoss des Turms.
So eine Burg nannte sich aus irgendeinem Grund Motte. Hoffentlich hatten sie genug zu Essen für eine Belagerung da drin, dann war es zumindest eine Lebensmittelmotte. Weil das hier eine ganz frühe Form der Motte ist, besteht der Turm nur aus Holz, nicht mal mit ein bisschen Lehm. Die Brandpfeile freut es.

Am Rande des Parks wird seit 2018 etwas aus dem Spätmittelalter aufgebaut, nämlich eine Reisestation für den deutsch-tschechischen Kaiser Karl IV. Sie ist noch nicht fertig, und bis sie es ist, wird es noch eine ganze Weile dauern, denn Bagger, Betonmischer und gelbe Liebherr-Kräne sind hier strengstens verboten. Es darf nur mit dem gebaut werden, was es damals gab, zum Beispiel übergroßen Hamsterrädern, etwas, auf das selbst die dubiosesten Bauunternehmer heutzutage verzichten. Die experimentellen Archäologen planen einen Palas, zwei Fachwerkhäuser, eine Wehrmauer, ein Torhaus und eine Kapelle. Die Reisestation soll zur zweitgrößten Mittelalter-Baustelle Europas heranwachsen und etwa 2038 fertig sein. Gerade arbeitete niemand, die Besucher durften aber auch nicht ins Hamsterrad steigen und mit anpacken. So isses kein Wunder, dass das 20 Jahre dauert.

Hinter Bärnau fuhren wir ein Stück Vizinalbahn-Radweg. Wat für eine Bahn? Eine Vizinalbahn ist einfach nur eine günstigere Nebenbahnstrecke, die aber trotz ihrer Günstigkeit erst mal irgendwie finanziert werden muss. Bei dieser Strecke machten das zur Hälfte das Königreich Bayern, zur anderen Hälfte Überschüsse der Staatsbahn, und die Gemeinden bezahlten den Grundstückskauf und die Erdarbeiten, dafür kriegten sie was von den Einnahmen ab. Die Stadt Tirschenreuth beschaffte sich das Geld, indem sie den Malzzuschlag für die Bierbrauer anhob. Jeder Biertrinker der Stadt finanzierte also die Bahn. Bayrischer wird es heute nicht mehr.
Der Bahnradweg ging durch helle Hohlwege und hoch über noch helleren Feldern dahin. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das Laub wegzuräumen, aber wir hatten Glück, alles war ziemlich trocken und null rutschig.

Im Prinzip kann man auf dem Vizinalbahn-Radweg bis Tirschenreuth durchfahren, dann hätten wir aber den Blick auf den einzigen Stausee der Naab verpasst, den Hochwasserspeicher Liebenstein. Er schmiegt sich recht unerwartet in die grünen Felder, landschaftlich hätte ich jetzt nicht mit einem Stausee gerechnet, hätte die Karte ihn mir nicht gespoilert. An seinem Rand sind aber die vertrauen felsig-grauen Riffellinien der unterschiedlichen Wasserstände, wie sie auch bei Stauseen mitten im Gebirge vorkommen.

Und noch ein Juwel hätten wir auf dem direkten Wege nicht entdeckt. An der Straße stand ein Wegweiser zur Burgruine Liebenstein. Im 12. Jahrhundert lernten die Menschen der Bavaria Slavica nämlich doch noch, Burgen aus Stein zu bauen, so stabil, dass hoffentlich noch ein bisschen originale Substanz übrig ist. 
Schauen wir mal, der Berg sieht gar nicht so hoch aus, und eine Pause brauchen wir eh - rauf da! Und es war wirklich ein traumhafter Ort für eine Pause. Der Berg ist voller Buckel und Felsplatten, und aus den hinteren ragen ein paar alte Burgmauern auf, die aussehen, als seien sie direkt aus dem Fels gewachsen. Sogar die Zugbrücke wurde nachgebaut, und es gibt zwei Rastplätze - einen vor, einen in der Burg. Und auch einen Beschützer hat die Burg, nämlich eine gehäkelte Raupe in einer Prospekthülle: Ich ging nicht verloren, ich wurde für dich geboren. Ich bin ein kleiner Talisman, der deine Sorgen fressen kann. Als Zauberraupe winzig klein will ich dein Begleiter sein. Och.

Diese Burgmauern sind aus dem 14. und 15. Jahrhundert, aber zum Teil wurden auch Quader von der vorherigen Burg recycelt. Obendrauf kam ein weißer Palas aus Fachwerk wie bei der Wartburg, nur viel kleiner, und eben längst vermodert. Die Liebensteiner waren eine der mächtigsten Ministerialen-Familien des Egerlandes. (Okay, wie viele Ministerialen-Familien hatte das Egerland eigentlich genau?) Jedenfalls, bis sie ausstarben und die Burg an ein Kloster ging. Links im Bild ist eine Zisterne zu erkennen, in der sie 20 000 Liter Regenwasser sammeln konnten.
Hm, als wir so drinstanden und über den knirschenden Kiesboden schlenderten, sahen die Mauern doch überraschend frisch aus. Aber bei der Rekonstruktion wurden sie angeblich nur freigelegt und "ergänzt".

Sodann kehrten wir zurück auf den Vizinalbahnradweg, den jetzt streng geradeaus führt und wie die Waldnaab in trübe Sumpftäler abtaucht.

Aber schließlich windet sich die Bahntrasse vorbei an einer hellen Stadt namens Tirschenreuth. Hier wurde das originale Pfostenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat. Die Stadt war lange eine Insel, bis die Bewohner dem Kloster seine Stauteiche abkaufen und trockenlegten.
Wir irrten durch ein Gewerbegebiet und schnauften hinauf auf den extrabreiten Marktplatz, dessen Arkaden noch stark an die böhmischen Bögen Tschechiens erinnern. Meine Güte, ist der lang, der Platz könnte ja zwei bis drei Kleinstädte mit Marktplätzen versorgen! Aber halt auch mit nichts anderem. Wir wollten uns in der Bäckerei bei einem Heißgetränk aufwärmen - "Tut mir leid, wir schließen jetzt." Im Gegensatz zu den anderen Cafés, die hatten schon geschlossen oder waren generell schon in der Winterpause.
Über dem Platz wacht Johann Andreas Schmeller, Mundartforscher und Verfasser des Bayrischen Wörterbuchs (ich habe in der Schule gelernt, Mundart hat keine Rechtschreibregeln - Schachmatt, Herr Schmeller). Die Folklore der Oberpfalz hat viele Regionalforscher angezogen. Die einen haben die Sprache aufgeschrieben, die anderen ihre Sagen und Märchen. In Tirschenreuth spielte eine Variante des Rattenfängers von Hameln, bei der die Kinder am Ende vom Rattenfänger in einen Berg gesperrt werden - aber da taucht ein Käfer auf und schenkt einem Jungen den Schlüssel in die Freiheit, und eine Märchenprinzessin wartet auch noch an der nächsten Ecke auf ihn. Angeblich soll das die Originalgeschichte sein, es wirkt aber eher, als hätte jemand nachträglich ein Happy End obendrauf geklatscht.

Als nächstes fuhren wir auf der Straße, oder besser gesagt, auf der ehemaligen Straße. Diese asphaltierte Landstraße hat anscheinend ausgedient, die neue Ersatzstraße windet sich ein paar hundert Meter weiter um die Äcker und Felder. Die alte Straße dient uns nun als extrabreiter Fahrradweg, wunderbar!

Anscheinend befinden wir uns auch im Stiftland (keine Ahnung, inwieweit sich dieser Begriff mit dem Egerland und der Oberpfalz unterscheidet oder überschneidet) alias Land der tausend Teiche. Die Karpfenteichlandschaft ist Unesco-Weltkulturerbe, und die erste Teichen kommen... schon vor einigen Kilometer, ups, wir haben sie auf dem Ehemaligen-Landstraßen-Radweg übersprungen (der wohl gar nicht der offizielle Waldnaab-Radweg war). Hier mal trotzdem ein paar Fotos aus der Tirschenreuther Teichpfanne von einer anderen Wanderung. Der auffällige Aussichtsturm heißt Himmelsleiter und ist somit besonders Typen zu empfehlen, die ihren Zwillingsbruder um sein Erbe betrogen haben und deshalb auf der Flucht sind. Sie ist nur eins von mehreren christlich angehauchten, rechteckigen Objekten aus Holz und Beton.
Außerdem wurden hier wilde Wasserbüffel angesiedelt.

Unter der Burg und dem spitzen Kirchturm von Falkenberg wird das Flussbett der Waldnaab gerade komplett umgebaut. Keine Brücke, was nun? Ein paar Meter weiter nach rechts ausweichen, da steht die nächste.
So, und nun ist Schluss mit Entspannung. Es geht wieder steil aufwärts und rein in den Wald.

Dort folgen die nächsten Teiche. Nur manche halt ohne Wasser, davon liefert der Mühlnickelbach im Winter wohl nicht genug. Der kleine Bach wand sich durch den zähen Schlamm, durch Teich um Teich.
Für diese Mühe sollte er reich belohnt werden.

Bald türmten sich knubbelige Sandsteinfelsen rund um den Bach auf, und die Schlammflächen wurden abgelöst durch eine traumhafte Schlucht - Zeit für die zweite Rast. Schließlich kamen wir wieder unten an der Waldnaab heraus, die jetzt auch ein Sandstein-Outfit trug, das schon fast ans Kirnitzschtal herankam. Bin ich hier wirklich in Bayern? Ich könnte schwören, das ist das Elbsandsteingebirge. Nur der Fluss ist noch relativ ruhig.
Dieses Waldnaabtal ist in erster Linie Naturschutzgebiet und eine beliebte Wanderstrecke. Radfahrer können bloß im Mittelteil ein Stück auf einem normalen Waldweg dabeisein. Die Wanderer wanderten am anderen Ufer auf ihrem schmalen Pfad, hin und wieder über Holzbrücken. Ein Hund mühte sich kläglich an den rutschigen Stufen ab, bis sein Herrchen ihn herübertrug.

Die Burg in diesem Tal ist schon lange komplett verfallen, aber hin und wieder sind als menschliche Werke irgendwelche Heilige anzutreffen, in Bildern oder gemeißelten Reliefs, vom Heiligen Antonius bis zum Heiligen GIERSCHGEFCANDJURI... was? Ach so, das sind Gefallene des Krieges.

Und natürlich haben ein paar markante Felsformationen auch Namen abbekommen, obwohl das Waldnaabtal in dieser Hinsicht nicht ganz so kreativ ist. Dieser Tisch (Tirschenreuther Tisch?) heißt Fischstein, weil hier ein Geiger ertrunken ist, aha.

Vorzeitig mussten wir Radler das schöne Tal jedenfalls wieder verlassen und die Waldberge rauf. In Windischeschenbach (das kommt von wendisch, wieder ein Hinweis auf die Slawen) ist das besondere Tal dann zu Ende, und die Fichtelnaab fließt vom Ochsenkopf kommend dazu. Laut manchen Quellen heißt der Fluss, dem wir bisher gefolgt sind, auch Tirschenreuther Waldnaab, und erst ab dem Zusammenfluss mit der Fichtelnaab ist es einfach nur die Waldnaab.

Wenn man diese Namensgebung akzeptiert, dann ist die Waldaab aber weder besonders waldreich noch besonders attraktiv. Was jetzt kam, hat ehrlich gesagt einfach bloß noch genervt. Der erste Anstieg aus dem Tal raus ging ja noch, mit dem hatte ich auch gerechnet. Nicht auf dem Schirm hatte ich, dass es danach für fast den Rest des Tages genauso intensiv rauf und runter geht, rauf und runter, über die Waldnaab und rauf und runter. Landschaftlich war dieses Ackertal auch nicht mehr wirklich spannend, und die einbrechende Kälte und Dämmerung taten ihr Übriges.

Sehr erleichtert waren wir also, als wir von oben auf die Vororte und Tankstellen von Neustadt an der Waldnaab herabstießen. Ab hier übernahm mein Oberpfälzer die Navigation und suchte Schleichwege zwischen den Einfamilienhäusern hindurch.

Das hier ist die Altstadt von Neustadt. Bei genauem Hinsehen ist auch erkennbar, warum ich sie nur aus der Ferne fotografiert habe: Sie lag oben.

In Neustadt beginnt übrigens auch ein zweiter Oberpfälzer Bahnradweg. Der sogenannte Bockl Radweg (der heißt wirklich so) ist ein gutes Stück länger als die Vizinalbahn, dieses Video zeigt nur ein Teilstück.

Der Waldnaab-Radweg wollte uns schon wieder am linken Ufer irgendwo hochschicken, aber wir weigerten uns. Das Tal hatte sich endlich geweitet, es gab Wiesen, Hauptstraßen und Bahngleise, zwischen denen es sich weitaus bequemer durchschlüpfen und durchholpern ließ bis zu den Vorstadtvillen der nächsten Stadt. Das hatten wir bereits auf der Bockl-Tour getan, darum wollte ich ursprünglich vorschlagen, jetzt die eingetragene Route des Waldnaab-Radwegs auszuprobieren, wo auch immer die genau verläuft. Mittlerweile war ich aber doch in einem Zustand, indem ich lieber widerspruchslos den kurzen Weg nahm.

Weiden in der Oberpfalz ist das, oder zumindest ein, Zentrum der Region und zieht sich überraschend weit hin. In der Mitte umschließt eine Stadtmauer mit schmalen Parkstreifen die Altstadt.

Die ist schlicht und pastellfarben geraten, hier und da mit barocken Schnörkeln. Auf den Stadttoren leben Schlingpflanzen, was gerade aber jahreszeitlich bedingt nicht ganz so sehr ins Auge stach.
Die Stadtbefestigung war wichtig, denn aus dem Osten kam nicht nur das Geld der Händler auf der Goldenen Straße (Prag - Nürnberg), sondern eben auch Feinde, und das bedeutet in Weiden: Hussiten. So unterschiedlich sind noch immer die Sichtweisen auf die Geschichte: Im protestantischen Norden sind die Hussiten frühe Reformatoren und damit erst mal grundsätzlich positiv. Die Weidener kamen zwar alle neugierig gucken, als Jan Hus durch ihre Stadt zog. Doch Jahre später, als Hus verbrannt und seine Anhänger schwerbewaffnet vor den Toren standen, waren die Hussiten in erster Linie feindliche Invasoren. Zumal die Katholiken gerade erst in Weiden beraten hatten, was man gegen sie unternehmen könnte (offenbar mit mäßigem Erfolg).

Die Weidener sahen die Hussiten rechtzeitig, schlugen Alarm und verrammelten die Tore. Die Hussiten zogen ab und verwüsteten lieber Sachsen/Thüringen, um von da aus wieder Richtung Süden nach Franken einzufallen. Soweit die Geschichtsbücher. Die Sage erzählt von einem zweiten Versuch, an die Reichtümer von Weiden zu kommen, diesmal etwas raffinierter. In finsterer Nacht krochen die Hussiten an die Stadtmauer heran und gruben einen kleinen Tunnel, durch den sie... nein, sie krochen nicht durch, sondern ließen Wasser rein, das ein ganzes Mauerstück zum Einsturz bringen sollte.
Die Stadtbewohner schliefen und bekamen nichts mit. Aber das kleinste Glöckchen im Rathausturm fing plötzlich an zu wimmern. Und auf magische Weise drang der Ton durch alle Türen und weckte die Stadt auf. Dem "Hussitenglöckerl" sei Dank konnten die Männer das Loch rechtzeitig mit Sandsäcken verstopfen, Weiden blieb unerobert und katholisch.

Keine Sage dagegen ist die Geschichte hinter diesem Brunnen: Er enthält eine Leitung zum nahen Hotel. Einmal im Jahr schickte das Hotel aus den Fässern in seinem Keller Bier in die Leitung, und zapfte es mitten auf dem Markt - genau aus dem Loch (Bierlöcherl?) links im Bild.

23 Juli 2025

Lahn: Von Feudingen nach Biedenkopf

Die Lahn ist zwar ein ganz zentraler Fluss von Hessen, beginnt aber in NRW. Das Rothaargebirge bildet hier einen langgezogenen Bergrücken mit einer welligen Straße obendrauf, wo überall Wasser rauskommt. Quellhorizont nennt sich so was, wie ich auf dieser Tour gelernt habe. Gut zu wissen, schließlich ist das nicht mein erster Quellhorizont. Aber definitiv einer der quelligsten.

Die Lahnquelle ist ein stiller Teich. Auf Fotos wimmelt er von Entengrütze, aber als ich vor Ort war, dümpelte er bräunlich und annähernd durchsichtig vor sich hin.

Im Gasthaus Lahnhof kann man direkt mit Blick auf dieses gemütliche, aber nicht gerade superspannende Naturschauspiel speisen.
Am Spielplatz beginnt ein Märchenweg, der aber keine kompletten Geschichten erzählt, sondern eher schön illustrierte random Märchenfunfacts. Zum Beispiel, dass engagierte Kobolde solche Trittsteine über die Furten gelegt haben. Die junge Lahn plätschert sanft durch ein paar dieser Steine hindurch...

...und verschwindet auf einer zugewachsenen Weide, auf der anscheinend nicht sonderlich hungrige Nutztiere leben.

Weitere Quellen auf dem Quellhorizont:

  • Die Ilm. Pardon, liebes Holzschild, ich meine natürlich Jlm! Eine kleine Erdpfütze direkt neben der Straße, die gleich wieder unsichtbar im Gestrüpp verschwindet und schon nach 2,8 Kilometern in der Lahn lahndet.
  • Dicht hinter ihr folgt an derselben Straße die Siegquelle.
  • Und dann hinter der Wasserscheide zur Weser die Ederquelle.
  • Die Ilse ist bekannt für ihre idyllische Schlucht und war im Mittelalter eine der bekanntesten Heilquellen Europas. Die laut dem Märchenweg von einem rothaarigen Kobold entdeckt wurde. (Quelle: Vertrau mir einfach.) Eine radelbare Straße passiert das Ilsetal, aber nicht bis zur Quelle, die ist ziemlich abseits im Wald.



Der Lahnhof ist keine richtige Ortschaft, sondern wirklich nur ein einsames Gehöft. Entsprechend liegt der öffentliche Nahverkehr nach da oben bei Null. Lahnradler müssen entweder 15 Kilometer von Erndtebrück (aber nicht entlang der Eder) oder 11 Kilometer von Feudingen durch die Ilseschlucht hochfahren.

Und dann 8,5 Kilometer an der Lahn wieder runter. Diese 8,5 Kilometer sind schöner und naturnäher als die Quelle selbst. Erstmal macht der Kiesweg einen steilen Bogen ohne die Lahn, aber das macht nichts, es gibt ja einen anderen Wasserlauf direkt auf dem Weg! Jedenfalls, wenn es kürzlich geregnet hat.

Zügig geht es Dorfstraßen und Kieswege runter. Die Lahn ist schon ziemlich breit, und die ersten Dörfer tauchen auf. Sie sind sehr, sehr weiß, so als hätte der letzte Regenguss alle Farben abgespült.
Architektonisch und landschaftlich nichts Besonderes, aber es fährt sich auf jeden Fall sehr angenehm durch einen warmen, frisch durchgespülten Sommerwald.

Puh, bei Feudingen nimmt der Lahnradweg dann ein paar Hügel mit. Aber richtig schöne! Hier hatte ich das beste Panorama der kurzen Etappe, viel besser als oben auf dem Quellhorizont.

Unten im Tal liegt der Bahnhof Feudingen. Hier wird das monotone Weiß der Häuser zumindest mit ein bisschen Schiefer und Balken aufgelockert.
Das Jäjersch Backhaus (vorne links) von 1885 hat sogar beides. Solche Dinger habe ich am Iron Curtain Trail öfter gesehen, aber dieses hier ist besonders, weil da drin immer noch gebacken wird. Der Eigentümer hat es an die Stadt verpachtet, und die vergibt gegen ein Entgelt Backtermine und eine genaue Anleitung, wie man das nutzt und reinigt. Die Temperatur misst man nicht mit irgendwelchen neumodischen Knöpfen, sondern ganz klassisch, indem man Kornähren reinhält. Je mehr Körner verkokeln, desto heißer. ("Auf 20 Körner vorheizen und bei 20-25 Körnern und Umluft 30 Minuten backen." Oder so ähnlich.)

Nachdem ich die schlimmsten Hügel überwunden hatte, glitt ich eine Weile auf den Blättern des Seitenwalds abwärts.

Kurz darauf folgt eine etwas größere Stadt. Was man daran erkennt, dass der Verkehr stark zunimmt und noch mehr Fachwerk das endlose Fassadenweiß durchbricht. In Bad Laasphe (der Name bedeutet Lachswasser) kann man an den historischen Gebäuden angeblich die ovale Form der alten Stadtmauer erkennen. Aber mir kam die Stadt eher vor wie eine langgestreckte Linie an einer lauten Hauptstraße.

Bis hier gehörte die Lahn den Forellen, denn die mögen es dort, wo das Wasser am klarsten, kältesten und sauerstoffreichsten ist. Nun, wo es langsam trüber und wärmer wird, beginnt das Reich der Äschen. Die Fische haben so unterschiedliche Ansprüche, dass sie nicht ins Territorium ihrer Nachbarn einfallen und die Grenzen automatisch respektiert werden. Eine Lösung für menschliche Kriege? Wohl eher nicht, denn dummerweise sind wir von ein und derselben Art.

Das Tal wird immer breiter, das Rothaargebirge verschwindet im weißen Dunst. Bei Bad Laasphe verlaufen zwei Themenpfade: Ein Bierwegelchen über die Brauereikunst (das ich aber nicht gefunden habe) und ein maßstabsgetreuer Planetenweg. So weit nichts Ungewöhnliches, aber ein bisschen ungewöhnlich ist, dass die Straßen und Feldwege auch alle Sonne und Pluto heißen. Nicht mal Plutoweg oder so, nein, einfach nur Pluto.

Obwohl das Gebirge verschwindet, wird die Lahn immer wilder. Über ein paar kräftigen Stromschnellen erhebt sich das Landgrafenschloss Biedenkopf. Alles bisher war Vorspiel, nun beginnt das an, was den Lahnradweg wirklich ausmacht: Schlösser, Altstädte und, in meinem Fall, das Ausprobieren etwas anderer Fahrräder.

23 Juli 2023

Unstrut: Von Gorsleben nach Naumburg

Nach einem durchwachsenen Mittelteil zeigt der Unstrut-Radweg im Finale nochmal so richtig, was er draufhat (und das nicht nur in meteorologischer Hinsicht).

Morgens fand ich mich verpennt in einem Nebel wieder, in dem ich kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Ich erkannte gerade so den Rasenrand der Flutmulde gegen Hochwasser. Und die Steinbrücke, unter der ich gerade durchfuhr. Und die Hand, die das Fahrrad unter dieser Brücke hindurchlenkt. Mit Ach und Krach.

Die Hügel der Hohen Schrecke? Könnten genauso gut in Papua-Neuguinea stehen. Irgendwo da oben soll es eine Schlucht mit Hängebrücke geben. Aber jetzt da hinzufahren, wäre wahrscheinlich so sinnvoll, wie stocktaub ein Symphoniekonzert zu besuchen.

An dieser Stelle, sagt der Wegweiser, zweigt der Unstrut-Werra-Radweg ab. Ein Wegweiser, der Fragen aufwirft. Frage eins: Warum zur Hölle nach Norden? Wie soll man in die Richtung bitte an der Werra rauskommen? Frage zwei: Warum braucht es einen zweiten Unstrut-Werra-Radweg, wenn es mit dem Kanonenbahn-Radweg bereits eine perfekte Werra-Unstrut-Verbindung gibt?

Kurz vor der Grenze nach Sachsen-Anhalt bringt mich schon wieder ein kurzes Stück Bahntrasse in eine Stadt mit Kurtherme. Artern sieht aber deutlich trister aus als Langensalza. Die Wiedervereinigung war hier etwas schwieriger, aber hey, dafür hat die Stadt ihre eigene "ostdeutsche Truman-Show" (so einige Zeitungen) bekommen, wo alle genau sehen können, wie schwierig das doch für die Einwohner ist.

Sachsen-Anhalt begrüßt mich dann erstmal mit verstreuten Burgen und Gutshöfen, manche mehr, manche weniger beeindruckend.

Doch was ist das? Kann das wahr sein? Ist das möglich? Ist das... Licht? Die Sonne bricht sich einen Spalt durch die Wolken, und auf einmal sehe etwas vom Land, das ich durchquere.
Also, ein bisschen.

Puh, gerade noch rechtzeitig. Ich wollte gleich einen ganz speziellen Aussichtsturm besteigen, und da wär es doch nett, etwas mehr zu sehen als graue Suppe.
Es wurde knapp. Als ich in die Biegung des Tals reinfuhr, war der Berg mit dem Turm immer noch deutlich eingenebelt. Erst ganz kurz, bevor ich oben ankam, verzog sich der letzte graue Fetzen, als würde er vor meiner Kamera fliehen. (So furchteinflößend ist die nun auch wieder nicht.)

Neugierig radelte ich den Berg rauf und in den schlanken Birkenwald rein. Daneben müsste theoretisch ein steiler Abhang sein, und direkt darunter Radweg und Fluss unten im Tal, da, wo ich gerade langgefahren bin. Davon war leider nichts zu sehen, dafür wuchs der Wald einfach zu dicht.
Nach einer Weile bog ich ab auf einen Extraweg, den irgendwelche Künstler mit allen möglichen Extras dekoriert haben. Zum Beispiel ein Open Air Kino: Die Sonne sinkt herab und der Nachthimmel wird zur Leinwand. Der Mond und die Sterne sind die Akteure.
Mooment, nicht so schnell, ich bin doch froh, dass die Sonne überhaupt erst angekommen ist. Die kann ruhig erstmal bleiben, auch wenn der Film dadurch ein bisschen zur One-Sun-Show wird. Allzu viel von der Leinwand ist durch die Bäume eh nicht zu sehen, der Standort scheint mir nicht optimal gewählt.

Irgendwann kam ich dann oben auf einer Lichtung heraus. Im Jahr 1999 war das noch irgendein stinknormaler Wald in Sachsen Anhalt (ein sogenannter Sachsen-Anwald) ohne irgendwelche Himmelskinos und anderen Schnickschnack.
Bis zwei Grabräuber den Boden mit Metallsonden absuchten. Ohne Genehmigung, also illegal. In einer Mulde, wo heute eine riesige silbrige Scheibe liegt, piepste es. Sie gruben ein rundes Stück Metall aus und dachten, das sei ein Schild. Obwohl sie es erfolgreich verticken konnten, sprach sich auf dem Schwarzmarkt schnell herum, dass da so ein komisches Dings mit Sternen drauf im Umlauf ist und dass es eigentlich dem Land Sachsen-Anhalt gehört. Ein verdeckter Ermittler behauptete, er wolle die Scheibe ankaufen, die Hehler wurden verhaftet und endlich konnte die Sensation ganz offiziell zelebriert werden.
Der Fundort der Scheibe ist heute eine riesige Sonnenuhr. Betonlinien am Boden sind das Zifferblatt, und der Zeiger ist ein riesiger Aussichtsturm in Sonnengelb. Auf so was muss man auch erstmal kommen. In eigentümlichen Winkeln windet sich die Betontreppe aufwärts, während vor dem tiefen Sturz ins Treppenhaus kein Geländer, sondern nur ein durchsichtiges Netzt schützt - mein Gleichgewichtssinn war nicht direkt begeistert, fand sich aber damit ab.

Als Himmelsscheibe von Nebra ging das Ding in die Geschichte ein. Wobei die Stadt Nebra eigentlich noch ein Stück entfernt liegt und weitgehend abgewrackt aussieht. Das Dorf, über dem die Scheibe wirklich gefunden wurde, heißt Wangen. Vor dem Fund hielt da nicht mal die Bahn an, bis die Bewohner bei mehreren Radsternfahrten ihren eigenen Bahnhof durchsetzten, auch, damit da Touristen aussteigen können. Die können dann direkt die Arche Nebra besichtigen. Dieses Museum thront über den Dorf wie ein gestrandeter Goldbarren. Auf den ersten Blick hat es nicht wirklich Ähnlichkeit mit einer Arche oder einem Schiff. Aber wenn man weiß, dass auf der Scheibe auch ein Schiff zu sehen ist, das ganz ähnlich aussieht (wobei ich mich frage, wie die Forscher dann überhaupt mit Sicherheit wissen, dass es ein Schiff ist), dann ergibt das natürlich Sinn.
Die Scheibe hat sogar ernsthaft ihren eigenen Himmelsscheiben-Radweg, der von hier bis zur Original-Scheibe im Landesmuseum Halle führt. Bisschen enttäuschend für die Arche Nebra, aber man kann so ein wertvolles Stück ja nicht wirklich in einem Kaff wie Wangen verstecken.

Das Museum entstammt der häufigen Kategorie: Modern, großzügig, anschaulich gemacht, aber für den Preis halt doch nicht soo groß. Die Ausstellung dreht sich vor allem darum, wie die Menschen zur Bronzezeit so gelebt haben. Und wie andere Völker die Sterne erforscht haben.
Und welche nicht ganz so ernstgemeinten Theorien es über die Himmelsscheibe von Nebra gibt.

Aber wer sich mit den ernstgemeinten Theorien beschäftigen will, der muss entweder eine VR-Brille aufsetzen und in einem virtuellen Sachsen-Anhalt-Stonehenge, das irgendwo in der Gegend liegt, die Himmelsscheibe aufheben. Oder aber, wenn ihm all die Knöpfe zu kompliziert sind, setzt er sich einfach ins Planetarium.
Die Scheibe wurde 1600 v. Chr. geschmiedet. Damit ist sie die älteste Darstellung des Himmels auf diesem Planeten. Das allein würde ja für eine Sensation reichen, selbst wenn das Bild einfach nur Deko oder für irgendeine religiöse Zeremonie gedacht gewesen wäre. Aber die Wahrheit ist anscheinend eine ganz andere.
Die Wissenschaftler sind sich bei vielem, was die Platte angeht, immer noch nicht einig, weil es ganz einfach kein vergleichbares Fundstück gibt. Nur weil im selben Grab ein paar Waffen lagen, konnten sie überhaupt ungefähr die Zeit bestimmen. Es ist noch nicht mal klar, ob der Kreis nun die Sonne oder den Vollmond darstellt. Andere Sachen sind überraschend klar. Zum Beispiel, dass es drei Versionen der Scheibe gab, weil sie zweimal umgeschmiedet wurde. Und, dass der Sternhaufen da drauf die Plejaden sind. Das ist eine Art Sternenkindergarten, eine helle Wolke voller frisch geschlüpfter Sonnen.
Von den Plejaden aus kamen die Forscher also auf folgende Vermutung: Die Himmelsscheibe 1.0 war für die Bronzezeit ein hochwissenschaftliches Gerät. Die Menschen konnten auf ihr ablesen: Wenn Mond und Plejaden eine bestimmte Position haben, dann muss man das Getreide aussäen (sagen die einen) oder das Jahr um so und so viele Tage (nämlich die Anzahl der restlichen Sterne) verlängern, damit das astronomisch mit den Schaltjahren hinkommt (sagen die anderen).
Die Himmelsscheibe 2.0 hat am Rand sogenannte Horizontbögen dazubekommen, mit denen man sie waagerecht halten und so die Bewegung der Sonne das Jahr über ablesen kann, eventuell mithilfe des Brockens am Horizont oder auch nicht. Und erst bei der Himmelsscheibe 3.0 kam etwas Religiöses dazu, nämlich ganz unten ein göttliches Sonnenschiff (oder noch eine Mondsichel, sagen andere).
Wenn Aliens die Scheibe finden, würden sie also schlussfolgern, die Menschen hätten sich im Laufe ihrer Geschichte von der Wissenschaft weg und hin zur Religion entwickelt.

Die freundlichen Fliesen auf dieser Wand verraten: Der Schluss wird fahrradfreundlich!

Naja, zugegeben, die Städte am Schluss sind irgendwie seltsam. Eine graue Leere zum Durchfahren mit einem Namen, der klingt, als hätte jemand auf die Ortsschilder geniest.

Aber die Strecke dazwischen ist 1A! Hinter Nebra musste ich an der ersten rotbraunem Felswand vorbeischieben, ab da konnte ich bequem an Fels- und Pflanzenwänden vorbeirasen. Besonders nah kam ich dem Felsen an einer Klippe namens Glockenseck.
Auch bei Kanufahrern ist das Tal sehr beliebt.

Manchmal enthalten die Fels- und Pflanzenwände zusätzlich Alkohol - das Land der Weinberge beginnt! Der erste Wein wächst auf dem Hahnenberg. Der heißt angeblich so, weil die Winzer frühmorgens gemeinsam mit den Hühnern aufstehen - seit 800 Jahren. Dann ist es aber dringend an der Zeit, dass sie auch mal ausschlafen.
Weil der im Kalkboden so gut gedeiht, baut man hier seit 1000 Jahren Rotwein an, am meisten die Zisterziensermönche vor der Reformation. Bei denen sollen die Weinberge eine "heute unvorstellbare" Ausdehnung gehabt haben. Noch viel mehr als heute? Wie kann ich mir das vorstellen, waren die Berge doppelt so hoch? Ja, okay, ich weiß, was unvorstellbar bedeutet.
Hmm, dieses Hin und Her der grauen Weinmauern erinnert mich doch an irgendwas...

Jedes Dorf hat irgendein Weingut. Hm, wenn der Unstrut-Wein so beliebt ist, dann nehme ich mir auch eine Flasche mit. Die ersten Weingüter waren aber (noch) geschlossen.

Woran ich das gemerkt habe?
Wenn hängt der Strauß, schenken Wein wir aus, stand überall dran. Es hing kein Strauß, also auch kein Wein - ebenso eindeutig und energiesparender als ein rotes OPEN-Display.
Aber schließlich stieß ich auf ein größeres Weingut. Die hatten sogar ein Museum eingerichtet mit alten Geräten und vergilbten Listen, auf denen jemand handschriftlich den Tagesablauf eines Weinbauers und einer Bäuerin vor 1945 notiert hatte. Wenig überraschend hatten sie viel zu arbeiten, eigentlich war immer irgendwas. Interessant wäre da jetzt zum Vergleich eine Liste mit dem heutigen Tagesablauf. Was läuft automatisiert, und wie viel Zeit kostet es, stattdessen die Social-Media-Präsenz des Weinguts zu pflegen (etwas, mit dem sich die Bäuerin vor 1945 nicht herumschlagen musste)? Aber vielleicht setzt der Hof auch vollständig auf andere Methoden, um junge Menschen anzusprechen: Neben Wein kann man auch Hanflikör und Hanfkuchen erwerben.
Der mitgebrachte Wein stieß jedenfalls zu Hause auf großes Lob.

Freyburg (wo übrigens auch Turnvater Jahn herkommt, falls den noch jemand kennt) hat einen besonders hübschen Herzoglichen Weinberg mit Fachwerktürmchen. Die Mauern sehen alt aus, sind sie auch, aber anders als die Burg nebenan stammen sie nicht aus dem Mittelalter. Solche Wein-Terrassen werden erst seit dem Barock gebaut. Vorher musste der Wein vermutlich waagerecht aus dem Berg rauswachsen.
Anfang des 20. Jahrhunderts ereignete sich eine Katastrophe. Also, klar, Anfang des 20. Jahrhunderts gab es viele Katastrophen, aber schlimmer noch als irgendwelche Weltkriege war für die Winzer ein Insekt: Die Reblaus zerstörte zusammen mit dem Mehltau den Großteil der Pflanzen. Erst amerikanische Anti-Reblaus-Unterlagen brachten die Rettung.

Die letzten Unstrut-Weinberge sind dann noch einmal ungewöhnlich künstlerisch. Einen kaufte der Bildhauer Max Klinger, um mittendrin in seinem Haus Skulpturen zu klopfen.
Und gleich nebenan haben die Bürger ihre Steinfiguren direkt in den Weinberg reingeklopft. Das Ding heißt aus irgendeinem Grund Steinernes Album, obwohl ein Fotoalbum doch ziemlich anders aussieht.
Die Reliefs sind von 1722 und standen die ganze Zeit draußen im Regen rum, kein Wunder, dass die Gesichter und eigentlich auch sonst alles etwas verwaschen aussehen. Zum Glück stehen die Erklärungen am Wegesrand, sonst käme ich gar nicht klar (wobei die Bilder auf den Infotafeln auch keine wirklich höhere Bildqualität haben).

Die meisten Bilder stammen aus der Bibel, mache zeigen auch versoffene Fürsten aus der Region. Die Hauptsache ist, dass das Motiv irgendetwas mit Wein zu tun hat.

Unter diesem Hang zum Alkohol erreicht die Unstrut schließlich den Blütengrund. Der ist fast so idyllisch, wie es klingt, auch wenn eventuell vorhandene Blüten um diese Jahreszeit schon fertiggeblüht haben und grasgrün glühen. Und auch die Unstrut ist nun verblüht und am Ende, denn sie fließt in die Saale rein. Wobei es eigentlich eher so aussieht, als würde die Saale von der Seite in die Unstrut münden und nicht umgekehrt - aber die Saale ist trotzdem länger und breiter.
Direkt dahinter pendelt ein kleines Fährboot zur anderen Seite. Fahrräder passen rein, auch wenn es nicht direkt angenehm ist, das volle Rad mit Taschen die Stufen ins Boot runterzutragen. Außerdem ist der Fahrpreis vergleichsweise hoch. Im Prinzip spricht also nichts dagegen, die Fähre Blütengrund rechts liegenzulassen und noch zwei Kilometer weiter zur Brücke zu fahren. Es sei denn, man hat es eilig oder möchte der Mündung möglichst nahe kommen - denn der Blütengrund ist dermaßen grün zugewachsen, dass der Zusammenfluss sonst nur aus einem bestimmten Blickwinkel mit etwas Abstand zu erkennen ist.

Am anderen Ufer beginnt Naumburg an der Saale, eine eindrucksvolle Stadt aus Arkaden und rotweißen Prachtbauten -  und verdammt alt: Im Jahr 1000 Jahren beschloss ein Bischof, in die Naumburg zu ziehen, die, wie es der Zufall wollte, im heutigen Naumburg stand. Kurz darauf zogen Kaufleute aus dem Unstruttal dazu, denn sie fanden es praktischer, wenn sie einen zentralen Umschlagplatz für leckere Dinge wie Alkohol, Gewürze und (Farb)Stoffe hatten. König Konrad schenkte ihnen ein paar Handelsprivilegien. Das war die älteste urkundliche Stadtgründung Deutschlands. Mit anderen Worten: Es gibt vielleicht ältere Städte in Deutschland, aber die können es nicht beweisen.
Nach der Gründung gab es eine Situation ähnlich wie in Höxter: Einer Doppelstadt im Kalten Krieg, der eine Teil kirchlich, der andere bürgerlich. Erst nach 500 Jahren sorgte ausgerechnet ein Mönch namens Luther aus Versehen dafür, dass die Kirche in den Wirren der Reformation verlor. Heute kann ich nur rätseln, wo die Trennlinie verlief.
Und was passt zu einem Kalten Krieg? Wettrüsten! Als eine der allerersten deutschen Städte schaffte sich Naumburg Feuerwaffen an, weil sie gehört hatten, dass eine Saaleburg durch eine komische, Pechpfeile schließende Wunderwaffe gefallen war.

Naumburg war Friedrich Nietzsches Kindheitsstadt und hat das kleinste Straßenbahnnetz Deutschlands.

Tatsächlich kenne ich die Stadt auch über den Nahverkehr, weil ich dort im 9-Euro-Sommer einmal nachts mit der Bahn gestrandet bin. Und ich muss sagen, es war eine ganz gute Stadt zum Stranden im Sommer. Gut beleuchtet führte eine bequeme Straße als Rampe hinauf in die hübsche Altstadt und sogar ein Restaurant war bis spät geöffnet. Auch wenn der Rest vom Marktplatz trotzdem etwas leer schien.