Lippenbekenntnisse
Tag 1: Das Thermaltal
Von der Ruhr hat schon die halbe Welt gehört - ihr Stahltal prägte eine Ära. Von der Lippe hat wahrscheinlich nicht mal die Hälfte Deutschlands gehört - ihr Thermaltal prägt aber immerhin auch die Gestalt von NRW und dem Ruhrgebiet. Außerdem ist die Lippe und nicht die Ruhr der längste Fluss des Bundeslandes (also von denen, die nur in NRW fließen). Reicht das für einen eigenen Radweg? Offenbar nicht ganz - es braucht obendrauf noch eines der größten Imperien der Weltgeschichte.
Der Römer-Lippe-Radweg verbindet nicht nur einen Fluss, sondern auch ein paar römische Relikte. Deswegen beginnt er in der hübschen Schlossstadt Detmold. Ein Riesensteinstatuengebilde oben auf dem Hügel soll daran erinnern, wie Hermann den Römern bei der Hermannsschlacht (oder auch Varusschlacht, falls Sie mit den Römern sympathisieren) so heftig den Hintern versohlte, dass ein Achtel des römischen Militärs umkam, woraufhin die restlichen sieben Achtel den Versuch aufgaben, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zu erobern. Das passierte, als Jesus angeblich 9 Jahre alt war - wo genau, ist superumstritten.
In Wahrheit sieht der riesige junge Germane mit erhobenem Schwert nicht aus wie der historische Hermann, und auch sonst verrät das Denkmal mehr über das 19. Jahrhundert als über das Jahr 9. Nicht ohne Grund erinnert es verdächtig an die Wacht am Rhein, Porta Westfalica, das Völkerschlacht- und Kyffhäuser-Denkmal und wie sie alle heißen - eine weitere ideologische Säule für das neu vereinigte Deutsche Kaiserreich. Nur dass diesmal halt ausnahmsweise nicht Kaiser Wilhelm geehrt wurde. Also, fast nicht. Eine bescheidene Gedenktafel, laut der Wilhelm dem Typen oben auf dem Denkmal "gleich" sei, hat er sich trotzdem gegönnt. Die Steine stammen von der Ruine der Grotenburg, die hier vorher stand, und bilden eine Kuppel mit einem engen Treppenhaus, durch das ich für 4 Euro auf einen Balkon stieg und zusah, wie der Nebel aus dem Flachland über den Teutoburger Wald jagte.
Der Hermann guckt drohend nach Rom und Frankreich, wo die Franzosen zur selben Zeit Denkmäler für den Gallier Vercingetorix (die Inspiration für Asterix) errichteten, der den Römern auch mal eine bittere Niederlage beschert hatte. Deutschland und Frankreich wetteiferten damals quasi, wer den krasseren Anti-Römer hatte.
Zu diesem Denkmal bin ich gewandert, und anschließend habe ich noch ein zweites Ziel angesteuert. Auf dem Weg durch die Teutoburger Wälder entdeckte ich spontan noch eine Heidefläche und die mystische sogenannte Geisterschlucht. Zwischen ihren Felswänden ist es nachts bestimmt noch atmosphärischer als an einem Nieseltag.
Dann kam ich an einem See heraus, an dem das sandsteinerne Rückgrat des Teutoburger Walds außerhalb der Erde liegt, quasi extern. Vielleicht nennen sich die skurrilen Säulen deswegen Externsteine. Als ich zum See runtermarschierte und die Felsspitzen zum ersten Mal durch die Wipfel schauten, musste ich unwillkürlich an die künstlichen Felsen in einem Zoo denken - so unmöglich erschien mir der Anblick in dieser sonst felslosen Umgebung. Aber das ist kein Beton mit Tierkot - es ist der gepresste Strandsand eines uralten Kreidemeeres. Als Europa mit Afrika zusammenstieß und sich die Alpen falteten, richteten sich die Sandsäulen plötzlich senkrecht auf. Und jetzt konnte ich sie besteigen. Zumindest die erste Säule mit Seeblick. Auf der dritten war die Treppe in der ersten Kurve noch gesperrt, und ich durfte leider nicht über das lustige steile Brücklein zur zweiten Säule mit der Aussicht durch ein vergittertes Felsfenster laufen.
In den Fels wurden aber nicht nur verwinkelte Treppen gehämmert, sondern auch ein Relief, auf dem Jesus vom Kreuz abgehängt wird. Es ist vielleicht die älteste Darstellung dieses eher untypischen Moments. Die Externsteine waren mal quasi das europäische Jerusalem, ein superwichtiger Pilgerort.
So, diesen Teil des Römer-Lippe-Radwegs bin ich gewandert, nun aber zur eigentlichen Lipperadtour:
Die Lippe beginnt erst 17 Kilometer später im Kurort Bad Lippspringe. Genau wie die Pader in Paderborn quillt sie überall aus allerhand Rohren in ein üppiges Steinbecken, als wäre der komplette Ort eine Quelle. Nur befindet sich rundherum keine richtige Stadt, sondern nur Kurparks, weiße Kurhäuser und anderer Kurkram. Das liegt nicht nur am Quellwasser, sondern auch an der Lage: Eingekeilt zwischen Eggegebirge, Paderborner Hochland und Kiefernwald ist die Luft besonders gut.
Im blauen Teich namens Odins Auge kommt das Wasser aus acht Meter Tiefe. Die Arminiusquelle dagegen wurde nach keinem anderen als dem Hermann von der Hermannsschlacht benannt - Arminius war sein lateinischer Name, weil er von Kindheit an quasi als Schläfer und Spion in der römischen Armee diente. Nur so konnte er die römischen Legionen im Teutoborger Wald überhaupt erst in die fatale Falle locken.
Darf ich vorstellen, der erste Lippewasserfall. Viel wilder wird der Fluss auch nicht mehr.
In einer versteckten Felsschlucht im Arminiuspark verbirgt sich die Jordanquelle.
Ich kann jedoch Entwarnung geben: An diesem Fluss spielen sich keine blutigen Konflikte ab, sein Wasser ist kein internationaler Streitpunkt. Andererseits hat er auch keine Seen, auf denen Heilige zu Fuß rübergegangen sind, in denen man ohne Schwimmen oben treiben und aus denen ein Schluck Wasser tödlich sein kann. Es hat eben alles sein Für und Wider.
Da Lippspringe keinen Bahnhof hat, bin ich damals von Paderborn Hauptbahnhof zur Westfalen-Therme von Bad Lippspringe rübergeradelt. Damals war das eines der ersten Hallenbäder, das in der Pandemie geöffnet hatte. Dafür auch mit dem strengsten Regeln: Im Badrestaurant wurde, tropfend in Badehose, nur mit Maske gegessen. Ansonsten ist die Therme ganz schick, hat die sechstbeste Wasserrutschenanlage in NRW und erinnert sehr an die Ostseetherme Scharbeutz.
Danach habe ich Lippspringe wieder auf dieser angenehm ruhigen Straße verlassen.
Aber es wird noch ruhiger. Von der Straße bin ich in den Wald abgebogen. Ein Teil davon gehört zum Truppenübungsplatz Senne, den ich schon von der Emsquelle kenne. Und das bedeutet: Ruhe, Sand, Grün und kleine künstliche Seen (diesmal jedoch keine Wildpferde).
Von den Talleseen in der Lippeniederung war auf meiner Strecke kaum etwas zu sehen.
Und bei der Lippe selbst sieht es ganz ähnlich aus. Sie strudelt um die rostigen Stangen alter Wehre und ist noch schwärzer als die Seen. Kein Wunder, auch die Erde der Senne sieht öfter mal besonders schwarz aus.
Unter den Trauerweiden, Engstellen und schließlich unter einer großen Brücke von Schloss Neuhaus mündet die Pader aus Paderborn, und dort bin ich dann auch wieder in Richtung Paderborn abgebogen. Es war eine nette kleine Rundtour um Pader, Lippe und Paderborn, dennoch habe ich die Lippe dann erstmal ein paar Jahre nicht fortgesetzt.
Ach ja, wo ist eigentlich das Schloss, das so wichtig ist, dass es extra im Ortsnamen stehen muss? Da ist es ja, gleich neben der Mündung. In dem Weserrenaissance-Schloss (Sollten wir nicht inzwischen weit genug entfernt von der Weser sein?) wohnten Paderborns Fürstbischöfe, jetzt ist ein Kunst- und Naturkundemuseum drin. Ob das Schloss nun aber gleichzeitig das Neuhaus im Ortsnamen ist, bleibt unklar. Neu genug sieht es jedenfalls aus.
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