Posts mit dem Label Sachsen-Anhalt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sachsen-Anhalt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

23 Juli 2023

Unstrut: Von Gorsleben nach Naumburg

Nach einem durchwachsenen Mittelteil zeigt der Unstrut-Radweg im Finale nochmal so richtig, was er draufhat (und das nicht nur in meteorologischer Hinsicht).

Morgens fand ich mich verpennt in einem Nebel wieder, in dem ich kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Ich erkannte gerade so den Rasenrand der Flutmulde gegen Hochwasser. Und die Steinbrücke, unter der ich gerade durchfuhr. Und die Hand, die das Fahrrad unter dieser Brücke hindurchlenkt. Mit Ach und Krach.

Die Hügel der Hohen Schrecke? Könnten genauso gut in Papua-Neuguinea stehen. Irgendwo da oben soll es eine Schlucht mit Hängebrücke geben. Aber jetzt da hinzufahren, wäre wahrscheinlich so sinnvoll, wie stocktaub ein Symphoniekonzert zu besuchen.

An dieser Stelle, sagt der Wegweiser, zweigt der Unstrut-Werra-Radweg ab. Ein Wegweiser, der Fragen aufwirft. Frage eins: Warum zur Hölle nach Norden? Wie soll man in die Richtung bitte an der Werra rauskommen? Frage zwei: Warum braucht es einen zweiten Unstrut-Werra-Radweg, wenn es mit dem Kanonenbahn-Radweg bereits eine perfekte Werra-Unstrut-Verbindung gibt?

Kurz vor der Grenze nach Sachsen-Anhalt bringt mich schon wieder ein kurzes Stück Bahntrasse in eine Stadt mit Kurtherme. Artern sieht aber deutlich trister aus als Langensalza. Die Wiedervereinigung war hier etwas schwieriger, aber hey, dafür hat die Stadt ihre eigene "ostdeutsche Truman-Show" (so einige Zeitungen) bekommen, wo alle genau sehen können, wie schwierig das doch für die Einwohner ist.

Sachsen-Anhalt begrüßt mich dann erstmal mit verstreuten Burgen und Gutshöfen, manche mehr, manche weniger beeindruckend.

Doch was ist das? Kann das wahr sein? Ist das möglich? Ist das... Licht? Die Sonne bricht sich einen Spalt durch die Wolken, und auf einmal sehe etwas vom Land, das ich durchquere.
Also, ein bisschen.

Puh, gerade noch rechtzeitig. Ich wollte gleich einen ganz speziellen Aussichtsturm besteigen, und da wär es doch nett, etwas mehr zu sehen als graue Suppe.
Es wurde knapp. Als ich in die Biegung des Tals reinfuhr, war der Berg mit dem Turm immer noch deutlich eingenebelt. Erst ganz kurz, bevor ich oben ankam, verzog sich der letzte graue Fetzen, als würde er vor meiner Kamera fliehen. (So furchteinflößend ist die nun auch wieder nicht.)

Neugierig radelte ich den Berg rauf und in den schlanken Birkenwald rein. Daneben müsste theoretisch ein steiler Abhang sein, und direkt darunter Radweg und Fluss unten im Tal, da, wo ich gerade langgefahren bin. Davon war leider nichts zu sehen, dafür wuchs der Wald einfach zu dicht.
Nach einer Weile bog ich ab auf einen Extraweg, den irgendwelche Künstler mit allen möglichen Extras dekoriert haben. Zum Beispiel ein Open Air Kino: Die Sonne sinkt herab und der Nachthimmel wird zur Leinwand. Der Mond und die Sterne sind die Akteure.
Mooment, nicht so schnell, ich bin doch froh, dass die Sonne überhaupt erst angekommen ist. Die kann ruhig erstmal bleiben, auch wenn der Film dadurch ein bisschen zur One-Sun-Show wird. Allzu viel von der Leinwand ist durch die Bäume eh nicht zu sehen, der Standort scheint mir nicht optimal gewählt.

Irgendwann kam ich dann oben auf einer Lichtung heraus. Im Jahr 1999 war das noch irgendein stinknormaler Wald in Sachsen Anhalt (ein sogenannter Sachsen-Anwald) ohne irgendwelche Himmelskinos und anderen Schnickschnack.
Bis zwei Grabräuber den Boden mit Metallsonden absuchten. Ohne Genehmigung, also illegal. In einer Mulde, wo heute eine riesige silbrige Scheibe liegt, piepste es. Sie gruben ein rundes Stück Metall aus und dachten, das sei ein Schild. Obwohl sie es erfolgreich verticken konnten, sprach sich auf dem Schwarzmarkt schnell herum, dass da so ein komisches Dings mit Sternen drauf im Umlauf ist und dass es eigentlich dem Land Sachsen-Anhalt gehört. Ein verdeckter Ermittler behauptete, er wolle die Scheibe ankaufen, die Hehler wurden verhaftet und endlich konnte die Sensation ganz offiziell zelebriert werden.
Der Fundort der Scheibe ist heute eine riesige Sonnenuhr. Betonlinien am Boden sind das Zifferblatt, und der Zeiger ist ein riesiger Aussichtsturm in Sonnengelb. Auf so was muss man auch erstmal kommen. In eigentümlichen Winkeln windet sich die Betontreppe aufwärts, während vor dem tiefen Sturz ins Treppenhaus kein Geländer, sondern nur ein durchsichtiges Netzt schützt - mein Gleichgewichtssinn war nicht direkt begeistert, fand sich aber damit ab.

Als Himmelsscheibe von Nebra ging das Ding in die Geschichte ein. Wobei die Stadt Nebra eigentlich noch ein Stück entfernt liegt und weitgehend abgewrackt aussieht. Das Dorf, über dem die Scheibe wirklich gefunden wurde, heißt Wangen. Vor dem Fund hielt da nicht mal die Bahn an, bis die Bewohner bei mehreren Radsternfahrten ihren eigenen Bahnhof durchsetzten, auch, damit da Touristen aussteigen können. Die können dann direkt die Arche Nebra besichtigen. Dieses Museum thront über den Dorf wie ein gestrandeter Goldbarren. Auf den ersten Blick hat es nicht wirklich Ähnlichkeit mit einer Arche oder einem Schiff. Aber wenn man weiß, dass auf der Scheibe auch ein Schiff zu sehen ist, das ganz ähnlich aussieht (wobei ich mich frage, wie die Forscher dann überhaupt mit Sicherheit wissen, dass es ein Schiff ist), dann ergibt das natürlich Sinn.
Die Scheibe hat sogar ernsthaft ihren eigenen Himmelsscheiben-Radweg, der von hier bis zur Original-Scheibe im Landesmuseum Halle führt. Bisschen enttäuschend für die Arche Nebra, aber man kann so ein wertvolles Stück ja nicht wirklich in einem Kaff wie Wangen verstecken.

Das Museum entstammt der häufigen Kategorie: Modern, großzügig, anschaulich gemacht, aber für den Preis halt doch nicht soo groß. Die Ausstellung dreht sich vor allem darum, wie die Menschen zur Bronzezeit so gelebt haben. Und wie andere Völker die Sterne erforscht haben.
Und welche nicht ganz so ernstgemeinten Theorien es über die Himmelsscheibe von Nebra gibt.

Aber wer sich mit den ernstgemeinten Theorien beschäftigen will, der muss entweder eine VR-Brille aufsetzen und in einem virtuellen Sachsen-Anhalt-Stonehenge, das irgendwo in der Gegend liegt, die Himmelsscheibe aufheben. Oder aber, wenn ihm all die Knöpfe zu kompliziert sind, setzt er sich einfach ins Planetarium.
Die Scheibe wurde 1600 v. Chr. geschmiedet. Damit ist sie die älteste Darstellung des Himmels auf diesem Planeten. Das allein würde ja für eine Sensation reichen, selbst wenn das Bild einfach nur Deko oder für irgendeine religiöse Zeremonie gedacht gewesen wäre. Aber die Wahrheit ist anscheinend eine ganz andere.
Die Wissenschaftler sind sich bei vielem, was die Platte angeht, immer noch nicht einig, weil es ganz einfach kein vergleichbares Fundstück gibt. Nur weil im selben Grab ein paar Waffen lagen, konnten sie überhaupt ungefähr die Zeit bestimmen. Es ist noch nicht mal klar, ob der Kreis nun die Sonne oder den Vollmond darstellt. Andere Sachen sind überraschend klar. Zum Beispiel, dass es drei Versionen der Scheibe gab, weil sie zweimal umgeschmiedet wurde. Und, dass der Sternhaufen da drauf die Plejaden sind. Das ist eine Art Sternenkindergarten, eine helle Wolke voller frisch geschlüpfter Sonnen.
Von den Plejaden aus kamen die Forscher also auf folgende Vermutung: Die Himmelsscheibe 1.0 war für die Bronzezeit ein hochwissenschaftliches Gerät. Die Menschen konnten auf ihr ablesen: Wenn Mond und Plejaden eine bestimmte Position haben, dann muss man das Getreide aussäen (sagen die einen) oder das Jahr um so und so viele Tage (nämlich die Anzahl der restlichen Sterne) verlängern, damit das astronomisch mit den Schaltjahren hinkommt (sagen die anderen).
Die Himmelsscheibe 2.0 hat am Rand sogenannte Horizontbögen dazubekommen, mit denen man sie waagerecht halten und so die Bewegung der Sonne das Jahr über ablesen kann, eventuell mithilfe des Brockens am Horizont oder auch nicht. Und erst bei der Himmelsscheibe 3.0 kam etwas Religiöses dazu, nämlich ganz unten ein göttliches Sonnenschiff (oder noch eine Mondsichel, sagen andere).
Wenn Aliens die Scheibe finden, würden sie also schlussfolgern, die Menschen hätten sich im Laufe ihrer Geschichte von der Wissenschaft weg und hin zur Religion entwickelt.

Die freundlichen Fliesen auf dieser Wand verraten: Der Schluss wird fahrradfreundlich!

Naja, zugegeben, die Städte am Schluss sind irgendwie seltsam. Eine graue Leere zum Durchfahren mit einem Namen, der klingt, als hätte jemand auf die Ortsschilder geniest.

Aber die Strecke dazwischen ist 1A! Hinter Nebra musste ich an der ersten rotbraunem Felswand vorbeischieben, ab da konnte ich bequem an Fels- und Pflanzenwänden vorbeirasen. Besonders nah kam ich dem Felsen an einer Klippe namens Glockenseck.
Auch bei Kanufahrern ist das Tal sehr beliebt.

Manchmal enthalten die Fels- und Pflanzenwände zusätzlich Alkohol - das Land der Weinberge beginnt! Der erste Wein wächst auf dem Hahnenberg. Der heißt angeblich so, weil die Winzer frühmorgens gemeinsam mit den Hühnern aufstehen - seit 800 Jahren. Dann ist es aber dringend an der Zeit, dass sie auch mal ausschlafen.
Weil der im Kalkboden so gut gedeiht, baut man hier seit 1000 Jahren Rotwein an, am meisten die Zisterziensermönche vor der Reformation. Bei denen sollen die Weinberge eine "heute unvorstellbare" Ausdehnung gehabt haben. Noch viel mehr als heute? Wie kann ich mir das vorstellen, waren die Berge doppelt so hoch? Ja, okay, ich weiß, was unvorstellbar bedeutet.
Hmm, dieses Hin und Her der grauen Weinmauern erinnert mich doch an irgendwas...

Jedes Dorf hat irgendein Weingut. Hm, wenn der Unstrut-Wein so beliebt ist, dann nehme ich mir auch eine Flasche mit. Die ersten Weingüter waren aber (noch) geschlossen.

Woran ich das gemerkt habe?
Wenn hängt der Strauß, schenken Wein wir aus, stand überall dran. Es hing kein Strauß, also auch kein Wein - ebenso eindeutig und energiesparender als ein rotes OPEN-Display.
Aber schließlich stieß ich auf ein größeres Weingut. Die hatten sogar ein Museum eingerichtet mit alten Geräten und vergilbten Listen, auf denen jemand handschriftlich den Tagesablauf eines Weinbauers und einer Bäuerin vor 1945 notiert hatte. Wenig überraschend hatten sie viel zu arbeiten, eigentlich war immer irgendwas. Interessant wäre da jetzt zum Vergleich eine Liste mit dem heutigen Tagesablauf. Was läuft automatisiert, und wie viel Zeit kostet es, stattdessen die Social-Media-Präsenz des Weinguts zu pflegen (etwas, mit dem sich die Bäuerin vor 1945 nicht herumschlagen musste)? Aber vielleicht setzt der Hof auch vollständig auf andere Methoden, um junge Menschen anzusprechen: Neben Wein kann man auch Hanflikör und Hanfkuchen erwerben.
Der mitgebrachte Wein stieß jedenfalls zu Hause auf großes Lob.

Freyburg (wo übrigens auch Turnvater Jahn herkommt, falls den noch jemand kennt) hat einen besonders hübschen Herzoglichen Weinberg mit Fachwerktürmchen. Die Mauern sehen alt aus, sind sie auch, aber anders als die Burg nebenan stammen sie nicht aus dem Mittelalter. Solche Wein-Terrassen werden erst seit dem Barock gebaut. Vorher musste der Wein vermutlich waagerecht aus dem Berg rauswachsen.
Anfang des 20. Jahrhunderts ereignete sich eine Katastrophe. Also, klar, Anfang des 20. Jahrhunderts gab es viele Katastrophen, aber schlimmer noch als irgendwelche Weltkriege war für die Winzer ein Insekt: Die Reblaus zerstörte zusammen mit dem Mehltau den Großteil der Pflanzen. Erst amerikanische Anti-Reblaus-Unterlagen brachten die Rettung.

Die letzten Unstrut-Weinberge sind dann noch einmal ungewöhnlich künstlerisch. Einen kaufte der Bildhauer Max Klinger, um mittendrin in seinem Haus Skulpturen zu klopfen.
Und gleich nebenan haben die Bürger ihre Steinfiguren direkt in den Weinberg reingeklopft. Das Ding heißt aus irgendeinem Grund Steinernes Album, obwohl ein Fotoalbum doch ziemlich anders aussieht.
Die Reliefs sind von 1722 und standen die ganze Zeit draußen im Regen rum, kein Wunder, dass die Gesichter und eigentlich auch sonst alles etwas verwaschen aussehen. Zum Glück stehen die Erklärungen am Wegesrand, sonst käme ich gar nicht klar (wobei die Bilder auf den Infotafeln auch keine wirklich höhere Bildqualität haben).

Die meisten Bilder stammen aus der Bibel, mache zeigen auch versoffene Fürsten aus der Region. Die Hauptsache ist, dass das Motiv irgendetwas mit Wein zu tun hat.

Unter diesem Hang zum Alkohol erreicht die Unstrut schließlich den Blütengrund. Der ist fast so idyllisch, wie es klingt, auch wenn eventuell vorhandene Blüten um diese Jahreszeit schon fertiggeblüht haben und grasgrün glühen. Und auch die Unstrut ist nun verblüht und am Ende, denn sie fließt in die Saale rein. Wobei es eigentlich eher so aussieht, als würde die Saale von der Seite in die Unstrut münden und nicht umgekehrt - aber die Saale ist trotzdem länger und breiter.
Direkt dahinter pendelt ein kleines Fährboot zur anderen Seite. Fahrräder passen rein, auch wenn es nicht direkt angenehm ist, das volle Rad mit Taschen die Stufen ins Boot runterzutragen. Außerdem ist der Fahrpreis vergleichsweise hoch. Im Prinzip spricht also nichts dagegen, die Fähre Blütengrund rechts liegenzulassen und noch zwei Kilometer weiter zur Brücke zu fahren. Es sei denn, man hat es eilig oder möchte der Mündung möglichst nahe kommen - denn der Blütengrund ist dermaßen grün zugewachsen, dass der Zusammenfluss sonst nur aus einem bestimmten Blickwinkel mit etwas Abstand zu erkennen ist.

Am anderen Ufer beginnt Naumburg an der Saale, eine eindrucksvolle Stadt aus Arkaden und rotweißen Prachtbauten -  und verdammt alt: Im Jahr 1000 Jahren beschloss ein Bischof, in die Naumburg zu ziehen, die, wie es der Zufall wollte, im heutigen Naumburg stand. Kurz darauf zogen Kaufleute aus dem Unstruttal dazu, denn sie fanden es praktischer, wenn sie einen zentralen Umschlagplatz für leckere Dinge wie Alkohol, Gewürze und (Farb)Stoffe hatten. König Konrad schenkte ihnen ein paar Handelsprivilegien. Das war die älteste urkundliche Stadtgründung Deutschlands. Mit anderen Worten: Es gibt vielleicht ältere Städte in Deutschland, aber die können es nicht beweisen.
Nach der Gründung gab es eine Situation ähnlich wie in Höxter: Einer Doppelstadt im Kalten Krieg, der eine Teil kirchlich, der andere bürgerlich. Erst nach 500 Jahren sorgte ausgerechnet ein Mönch namens Luther aus Versehen dafür, dass die Kirche in den Wirren der Reformation verlor. Heute kann ich nur rätseln, wo die Trennlinie verlief.
Und was passt zu einem Kalten Krieg? Wettrüsten! Als eine der allerersten deutschen Städte schaffte sich Naumburg Feuerwaffen an, weil sie gehört hatten, dass eine Saaleburg durch eine komische, Pechpfeile schließende Wunderwaffe gefallen war.

Naumburg war Friedrich Nietzsches Kindheitsstadt und hat das kleinste Straßenbahnnetz Deutschlands.

Tatsächlich kenne ich die Stadt auch über den Nahverkehr, weil ich dort im 9-Euro-Sommer einmal nachts mit der Bahn gestrandet bin. Und ich muss sagen, es war eine ganz gute Stadt zum Stranden im Sommer. Gut beleuchtet führte eine bequeme Straße als Rampe hinauf in die hübsche Altstadt und sogar ein Restaurant war bis spät geöffnet. Auch wenn der Rest vom Marktplatz trotzdem etwas leer schien.

13 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Ilsenburg nach Walkenried

Die Harzgrenze

Länge: 53 km (plus 10 km vom Bahnhof Bad Harzburg)
Grenzquerungen: 4
Bundesländer: Niedersachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen
Seite: viel mehr Ost als West
Erkenntnis: Im Gebirge ist alles etwas anders.

So, neben all dem Gewander will ich aber auch noch radfahren. Nach dem Weser-Harz-Heide-Radweg war das schon das zweite Mal, dass ich mir vorgenommen hatte, an einem Tag mitten durch den Harz zu radeln - mit einem Tourenrad und ein bisschen Gepäck auf jeden Fall eine Herausforderung. Und wie beim WHH-Radweg wurde es gegen Ende knapp.
Zunächst einmal bin ich vom Bahnhof Bad Harzburg zur Betonbrücke von Stapelburg zurückgekehrt, um dann über diverse Birkenhügel die Schlucht von Ilsenburg anzusteuern. Damit beginnt der Iron Curtain Trail seinen großen Schlenker tief hinein in den Nordostharz, auf dem er die unwegsame Hälfte der Harzgrenze weiträumig umfährt.

Erst das Ilsetal bietet Radfahrern endlich die Möglichkeit, in den Harz einzutauchen. Durch den Wald schlängelt sich ein Kiesweg ganz sanft bergauf. Die Ilse plätschert in kleinen Wasserfällen in die entgegengesetzte Richtung.

Auf dem Weg liegt die Prinzess-Quelle, eine der Ilsequellen. Deren Wasser wurde früher über ein Rohr direkt ins Tal geleitet und als Tafelwasser abgefüllt.
Mensch, dachte ich, wer hätte gedacht, dass der Weg in den Harz hinauf so angenehm ist? Ich musste nur ab und zu Fußgänger aus dem Weg klingeln.


An der nächsten Kreuzung sollte ich links abbiegen. Da verschwanden die Fußgänger und das Terrain wurde plötzlich rauer. Der Kiesweg schraubt sich staubig steil bergauf. Plötzlich kam mir ein Bus entgegen. Ich musste ausweichen und fuhr den nächsten halben Kilometer in einer monströsen Staubwolke. Ja, auf diesem abenteuerlichen Weg fahren Linienbusse, und zwar gar nicht so selten. Die einsamen Harzhäuschen sind hier besser an den Nahverkehr angebunden als viele deutsche Dörfer.


Einen Vorteil hatten die Bushaltestellen allerdings: Sie sind gute Orientierungspunkte für die Wegbeschreibung im Radführer ("an der Haltestelle Bielstein rechts").
Ansonsten bin ich den hölzernen Wanderschildern des Nationalparks gefolgt. Fahrradschilder gab es nicht.


Der Harz, das sind ja im Prinzip Halbkugel-Berge mit viel Wald drauf, die in der Ferne aus irgendeinem Grund blau und durchsichtig schimmern. Je höher sich der Weg schraubte, desto öfter hatte der Wald Lücken. Der Borkenkäfer hat wieder zugeschlagen.


Auf diesen leeren Flächen liegen richtig dicke Granitbrocken herum. Also, eigentlich liegen die überall im Harz herum, aber auf den leeren Flächen fallen die mehr auf. Besonders, wenn sie auch noch zu erstaunlichen Stapeln aufgetürmt wurden.
Einer dieser Riesensteine am Wegesrand ist dem Forstmeister Ernst Freiherr von Eschwege gewidmet, der sich für diese Landschaft engagiert hat. Einfach eine Tafel an den Stein tackern, so spart man sich die Statue.
In der Ferne ertönt ein Heulen. Schuhuuu! Was mag das sein?


Es ist die Harzer Schmalspurbahn. Das sind hochpreisige, berühmte Züge, die mit Dampf und Diesel fahren. Im Kalten Krieg waren die Schienen geteilt, heute bilden sie das größte Schmalspurbahn-Netz Deutschlands.

Nach über zehn Kilometern Wald bin ich in Drei Annen Hohne rausgekommen. Dabei handelt es sich um eine winzige Handvoll Häuser, einen Bahnhof und einen Imbiss.
Drei Annen Hohne hat also vor allem deshalb einen eigenständigen Namen, damit überhaupt mal wieder irgendein Name auf der Karte steht. Aber wieso ausgerechnet so ein seltsamer Name? Weil sich der Adlige Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode Anteile an einem Bergwerk gekauft hat, das in der Nähe lag. Seine Mutter, Tochter und Nichte hießen alle Anna, um die Ecke lagen die Hohneklippen, und aus irgendeinem Grund ist daraus Drei Annen Hohne geworden. Das Bergwerk ging übrigens pleite. Der Christian hätte lieber Anteile an dem Imbiss am Bahnübergang erwerben sollen, der ausschließlich Erbsensuppe, seltsame Wurst und Bier serviert. Vielleicht hätten ihm schon damals Radler und Motorradfahrer die Tür eingerannt.

Diesen Bahnhof habe ich später auch als Ausgangspunkt für eine Radtour an der Holtemme genutzt.

Dann geht der Waldweg weiter. An dieser Bank mit rustikalem Fußhocker habe ich eine kleine Wanderung zum Königshütter Wasserfall eingeschoben.

Am Kreisverkehr von Elend steht Deutschlands kleinste Holzkirche nebst einigen schwedischen Ferienhäusern. Elend ist immerhin ein richtiges Dorf, nicht nur ein Imbiss an der Kreuzung. Trotzdem war es viel ausgestorbener als Drei Annen Hohne, zu essen gab es auch nix. Dafür ist Elend der Ausgangspunkt, wenn man vom Iron Curtain Trail aus zum Wurmberg oder Brocken will.


Nun ist die Zeit der wilden Waldwege zu Ende. Ich bin auf einer schmalen Straße gefahren, die von kleinen gelben Blümchen und zahllosen Bahnübergängen gesäumt wird. Die Schmalspurbahn kreuzt immer wieder den Weg.

Die Grenze kommt aus Richtung Braunlage langsam wieder näher. Im Tal der Bremke und Bode gibt es aber nur miese Lochplatten und sogar eine große Kreuzung vieler Lochplatten, also schickt mich der Radweg noch nicht dorthin.


Diese Katze ist in Sorge. Nicht nur, weil sich Gewitterwolken sammeln und weil sich fremde Leute ihrem Restaurant nähern, sondern auch, weil ihr Restaurant im Dorf namens Sorge liegt. Ich habe mich von ihrem grimmigen Blick nicht abschrecken lassen und mir im Sonnenhof den Bauch vollgeschlagen.


Elend, Sorge, später kommt auch noch Zorge… wieso haben die Orte hier so deprimierende Namen, wo sie doch so schön gelegen sind und auch ganz schön aussehen? Der Name Sorge kommt vom altdeutschen Wort zarge für Grenze. Dieses Wort war längst ausgestorben, als besagte Grenze begann, den Leuten so richtig Sorgen zu machen.


Am Bahnhof steht ein kleines Grenzmuseum. Daneben sehen Sie einen der Vollpfosten aus der DDR.


Das Museum besteht aus einem Raum. Darin erklärte der Museumswärter gerade zwei anderen Besuchern die Ausstellungsstücke. Dass ich mittendrin dazukam, störte mich nicht - die allgemeinen Fakten zu den Grenzanlagen hatte ich inzwischen schon zu Genüge gehört. Aber jedes Museum bringt auch ein paar neue Informationen (Wussten Sie, dass Igel und Mäuse durch Löcher im Beton unter den Zäunen durchschlüpfen konnten? Nicht aus Tierliebe, sondern damit sie die Selbstschussanlagen nicht auslösten.) und besondere Ereignisse aus der Region. (An der hiesigen Grenze hinterließ ein genervter junger Grenzsoldat auf seinem abgerissenen Kragen eine verbotene Nachricht an seinen Nachfolger in einer Thermoskanne: Viel Glück und er solle bloß nicht länger beim Militär bleiben als nötig. Oder: Weil der Boden am Grenzzaun mit Chemikalien behandelt wurde, wächst dort oft auch heute nichts mehr. Dennoch wird die Harzgrenze schwerer zu erkennen, denn durch den Borkenkäfer verschwinden auch die anderen Bäume.)

Eigentlich besteht das Museum nicht nur aus diesem Raum. Es hat auch noch einen kostenlosen Outdoor-Teil. Den kann man sich mit vorher runtergeladenem Audioguide oder sogar zu Hause rein virtuell angucken. Um das Freilichtmuseum zu erreichen, leitete mich die Karte doch noch auf den Betonplattenweg - diesmal ist es die Holperei wert. Zuerst durchquerte ich ein Tor im Signalzaun...

...und es folgten der Streckmetallzaun, ein Beobachtungsturm und jede Menge Holz. Der Turm wurde kürzlich frisch hergerichtet, man soll ihn demnächst sogar besteigen können - von innen. Damit wäre er meines Wissens der erste an der innerdeutschen Grenze.


Ein Museum, originale Grenzanlagen, ein Kolonnenweg... was fehlt noch? Richtig, ein künstlerisches Mahnmal.
Man nehme vier alte Betonpfähle, entferne den Zaun, lege einen Haufen totes Holz im Kreis drumherum und pflanze Sträucher, die den Ring zuwuchern. Fertig ist der Ring der Erinnerung. Die Natur holt sich alles zurück.


Nun ist das Freilichtmuseum zu Ende, doch der Kolonnenweg geht immer weiter - und bildet sich offenbar ein, er sei eine Achterbahn. Aaargh… wie tief geht es hier bitte runter?
Ich habe versucht, den Löchern auszuweichen, um nicht komplett durchgeschüttelt zu werden. Aber selbst wenn es mir gelang, ganz gerade in einer Linie zu fahren, nützte das nichts - die Betonplatten waren leicht versetzt.


Nach einigem Auf und Ab führte mich der Weg nach Niedersachsen - zum ersten Mal seit heute Morgen.
Im Westen begrüßte mich ein niedersächsisches Dorf namens Hohegeiß. Der Name lautete früher hogeyz und dann Hohegeist, er hat demzufolge nichts mit einer Geiß, also Ziege, zu tun. Trotzdem bewacht ein steinerner Geißbock die Kreuzung. Auf seinem Sockel steht geschrieben:
Ich stehe hier zum Lob und Preis
für mein schönes Hohegeiß.
Auf einmal erklingt in meinem verdrehten Hirn die Melodie von Gangsters Paradise. Während der restlichen Tour spielt es den Refrain immer und immer wieder mit dem Hohegeiß-Vers ab.
Ich stehe hier zum Lob und Preis
für mein schönes Hohegeiß.
Alter, was ein geiler Scheiß:
Dieser Geißbock steht in Hohegeiß.
Sie bezahlten einen hohen Preis
für die Grenze hier in Hohegeiß.
Doch nun steh ich hier zum Lob und Preis
für mein schönes Hohegeiß.


Zum Schluss muss man nur noch die steile Straße bergab sausen und ist aus dem Harz raus. Wegen des stürmischen Wetters war niemand unterwegs, ich hatte die Bergstraßen für mich.
Leider habe mich entschieden, noch einen Umweg einzuschieben, und eine andere Straße gewählt. Die führte mich zurück in den Osten - also wieder nach Sachsen-Anhalt, oder?


Falsch, nach Thüringen! Ein paar Meter neben der Straße, umgeben von Tannen, treffen sich die drei Harz-Bundesländer Niedersachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen am Dreiländerstein. Der wurde seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr aktualisiert. Deshalb stehen da noch die Kürzel der früheren Herzogtümer drauf.


Joa, und dann hatte ich die glorreiche Idee, auf einem Waldweg rüber zur Straße mit der offiziellen Route zu wechseln. Ich erwischte leider den falschen Waldweg, der sich eine ganze Weile um die Berge herumschlängelte. Einmal überquerte ich erneut ein Stück Kolonnenweg und wusste, dass ich wieder an der Grenze war - aber wo?
Endlich führte mich der Weg in ein Dorf namens... Sülzhayn? Verdammt, wo bin ich?

Eigentlich hätte ich der Straße und dem Flüsschen Zorge durch ein langgezogenes Dorf namens Zorge folgen sollen, in dem Lokomotiven und Weihnachtspyramiden hergestellt wurden.


Naja, auf jeden Fall führte in Sülzhayn ein Weg aus dem Harz hinaus. Gemeinsam mit dem Getreide wogte ich dort im Wind.

Die Grenze verlässt den Harz ein paar Kilometer weiter, sobald sich das Tal der Zorge zu einer Wiese öffnet. Hier bekommt man Einblicke ins Next Farming (so stand es auf dem Auto), die Zukunft der Landwirtschaft: Ein next Farmer fährt mit seinem Auto rum, an dem hinten einen dickes Teil rangebaut wurde. Es bohrt alle paar Meter lautstark tiefe Löcher ins Gras. Welche Pflanze muss den so tief eingesät werden? Oder sucht er nach Öl?


Nach einer gesperrten Straße und einer Umleitung bin ich in Ellrich endlich auf die offizielle Route gestoßen. Ellrich ist nicht so schön wie andere Harzstädte, besonders düster ist es aber hinter dem Bahnhof. Dort befand sich Juliushütte, ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald.


Die unterernährten Häftlinge mussten aus diesen Felswänden Gips abbauen.

Weil das Lager genau auf dem Grünen Band lag, ist es während des Kalten Krieges völlig verfallen. Hier entstand keine umfangreiche Gedenkstätte wie in Buchenwald, Sachsenhausen, Bergen-Behlsen und all den anderen schrecklichen Orten. Die Natur hat sich bemüht, die Erinnerungen an diesen Ort zu tilgen. Nur noch die Grundmauern sind übrig. Die Tafeln daneben verraten, dass zum Beispiel diese Mauern der Küche gehörten.
Juliushütte ist (zusammen mit der Topographie des Terrors in Berlin) vielleicht der einzige deutsche Ort, der das volle doppelte Grauen des 20. Jahrhunderts abgekriegt hat. Nirgendwo sonst dürften so viele ruhelose Geister unterwegs sein.

Als ich in den Wald eingetauchte, wurde es schlagartig dunkel. Donner grollte, Regen peitschte der Weg wurde zu einem schmalen Trampelpfad, und immer neue Überreste der grauenhaften Anlage schälten sich aus der Finsternis. Das nenne ich gruselig.


Der Weg führte zwischen ein paar Teichen von Walkenried hindurch. Er wurde immer mieser und hatte kleine Brücken, die vermutlich nicht für Radfahrer gedacht waren. Ich wünschte, ich wäre an den Resten von Juliushütte umgekehrt und das letzte Stück auf der Straße gefahren.
Die offizielle Route führt auf Pfaden durch diesen Wald, aber bestimmt nicht auf diesem Pfad. Ich war schon wieder falsch. Fluchend hievte ich mein Rad zwischen großen Teichen über matschige Wege, die kaum noch als solche zu erkennen waren. Panik erfasste mich. Sollte ich umdrehen? Aber wie lange war ich schon auf dem falschen Weg, und würde ich den letzten Zug des Tages dann überhaupt noch schaffen? Sowohl ich als auch der Wald waren zu nass für eine Übernachtung in der Wildnis.

(Nachtrag: Auch bei Tageslicht ist die richtige Strecke, die in der Karte wirklich verzeichnet ist, größtenteils Mist. Nur wenn man den Online-Karten auf einen breiten Waldweg folgt, geht es.)

Aus irgendeinem Grund kam ich nachts bei den Bahngleisen heraus. Zum Glück verlief daneben ein etwas besserer Pfad, dem ich dann einfach gefolgt bin. Dabei habe ich auch einen Tunnel durchquert, was vermutlich nicht so richtig erlaubt war. Obwohl, ein Verbotsschild war da auch nicht.

Kurze Zeit später überquerte etwas den Radweg. Im Dunkeln brauchte ich ein paar Sekunden, um eine Horde Wildschweine zu identifizieren, inklusive Frischlinge. Großzügig, wie ich nun einmal bin, gewährte ich ihnen Vorfahrt.


Als ich am Bahnhof von Walkenried erreichte, war ich weitgehend durchnässt und hatte an dem Tag keine Zeit mehr, die eindrucksvollen Ruinen des Zisterzienserklosters zu bewundern.