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23 November 2025

Naab: Von Weiden nach Regensburg

Was macht die Waldnaab in Weiden? Sie fließt geradeaus am Stadtrand vorbei, nimmt die Schweinnaab mit (ja, die heißt wirklich so) und hat eine der schönsten, verschlungensten und natürlichsten Fischtreppen, die ich je gesehen habe.
Außerdem ist da der Flutkanal. Der zweigt von der Waldnaab ab, fließt noch geradeauser am Stadtrand vorbei, per Brücke über die Waldnaab rüber...

...und schließlich wieder in sie rein.
Die graugrüne Parklandschaft war da schon längst einer graugrünen Feldlandschaft gewichen. Und zwar keiner sonderlich weiten: Nach ein bis zwei Kilometern endeten die Felder an einer grauen Wand, die mich den ganzen Tag begleiten sollte.

Darum konnte ich auf der Brücke von Oberwildenau auch nicht so richtig erkennen, wie sich die Haidenaab [sic] mit der Waldnaab vereinigt. Es gibt mehr Weiden als in Weiden, und der Boden ist so flach, die Flüsse dementsprechend so verschlungen, dass ich im Nebel nicht durchgesehen habe, was jetzt welcher Fluss ist.
Fest steht jedenfalls: Erst an diesem Zusammenfluss entsteht der Fluss, der einfach nur Naab heißt. Allerdings ist das, wo wir bisher langgefahren sind, der Länge nach der Hauptfluss der Naab.

Vor der Autobahn musste ich einmal die Gleise überqueren. Bis zu 20 Minuten soll man hier warten müssen, wer es eilig hat, soll einen anderen Weg nehmen? Na supi. Wer es aber nicht eilig hat, soll... diesen Knopf drücken? Okay... mit leichter Skepsis, ob das rostig-gelbe Gerät noch funktionierte, drückte ich drauf.
"Krsch... Oan kloan Moment bitte."
Oan kloan Moment später klappten die Schranken tatsächlich nach oben.

Nebel, Wiesen, Nebel, Wiesen... habe ich mir das wirklich gut überlegt, über 100 Kilometer hier durchzufahren?
Ja, denn das ist höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit des Jahres zum Radfahren. Und sobald der Fluss und kleine Felswände dazukommen, sieht es auch nicht mehr so unheimlich monoton aus.

Naabburg ragt mit einem massiven "Dom" und massigen Stadtmauer über der Naab in den Nebel. Diese Stadt hat keine Burg - diese Stadt ist die Burg. Warum genau die gotische Kirche nur gut genug für einen Dom in Anführungszeichen ist, erklärt die Infotafel nicht. Vielleicht, weil 1536 ein Blitz den zweiten Turm für immer abgefackelt hat.
Hier wurde das originale Grubenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat.

Erst in Schwarzenfeld habe ich mir die Zeit genommen, eine Ortschaft von innen anzusehen. Naja, was heißt, Zeit genommen - die Wegweiser haben mich sowieso hinein ins Kopfsteinpflastergebiet geleitet. Und das sah erstmal alles sehr still, aber nett aus. Am Fluss ragte ein Zwiebelturm auf. Er gehört zum fest verschlossenen Schlosshotel. Im Schloss und "auf" Schwarzenfeld saßen verschiedene Adelsfamilien, darunter die Herren "Teuffel von Pirchensee" und Karl Theodor Graf von Holnstein. Der war Oberstallmeister des bayrischen Königs. In diesem Job war er aber nicht mit Ausmisten beschäftigt, stattdessen verhandelte er mit dem Saupreißen Bismarck mit dem Ergebnis, dass Bayern einverstanden war, dass der Saupreiß Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Zur Belohnung durfte der Graf von Holnstein seinen Ruhestand erblindet in diesem Schloss verbringen, das sich hinter Gitterzäunen verschanzt.
Aber direkt daneben ist ja noch eine gelb-weiße Pfarrkirche. Und dort stand die Tür offen.

Jeder kann sich ansehen, wie das barocke Innere der Kirche in Weiß-Gold ausgeschmückt ist. Zumindest durch Gitterstäbe. Die befinden sich hier, anders als beim Schloss, im Innenraum, kurz bevor die Bänke beginnen. Damit Sie den Anblick stabfrei genießen können, habe ich durch sie hindurch fotografiert.
Die Kirche sieht so aus, weil die Hussiten und ein Feuer den Vorgänger zerstört haben. Sie ist gleich zwei Heiligen gewidmet, die beide auf den Altar gemalt sind: St. Ägidius plaudert mit einem Engel, während St. Dionysius geköpft wird.

Am Marktplatz war Schwarzenfeld dann nicht mehr so schön anzusehen. Das hier könnte so auch ein Bild einer Kleinstadt in NRW sein - wäre da nicht das riesige Kruzifix.

Vor einem Haus entdeckte ich ein lyrisch wie privatsphäremäßig fragwürdiges Gedicht: Nach langer Zeit ist es vollbracht / der Franzi hat die Rosi zur Frau gemacht. / Dieser Baum soll ein Jahr stehen. / Wir wollen ein Kind in der Wiege sehen. / Nach einem Jahr sind wir wieder hier / auf a Sau und a Fassl Bier. Kein Druck also bei der Familienplanung!

In Schwandorf hieß es: Halbzeit, Teezeit und Essenszeit! Puh, ist aber immer noch ne ganz schöne Strecke übrig.
Der nette Rasttisch befand sich zwischen der Naab und einem Wohnmobilstellplatz, auf dem genau ein Wohnmobil stand.

Neben der Naab befinden sich ein paar Baggerseen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen davon besucht, und zwar den stahlblauen Steinberger See, welcher von Unmengen an Enten und nicht ganz so großen Unmengen an Booten bewohnt wird.

Über halb gefrorene Nadelwäldchen und Wiesen voller Hunde spazierten wir eine Runde um den Wasserspiegel.
Ich staunte, wie flach Bayern auch sein kann. Es gab keinerlei Bergblick. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich dieses Bild in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt!

Das touristische Zentrum befindet sich allerdings am Westufer, denn hier hatten zwei einfallsreiche Unternehmer eine Vision. Sie wollten, dass sich Menschen bewegen! Und zwar draußen! Und gemeinsam! Und so bauten sie etwas Einzigartiges, das sich so oder ähnlich nirgendwo anders findet außer in Dolní Morava, Bad Harzburg und an vielen weiteren Baumwipfelpfaden. Wir erwarben am Automaten eine Plastikkarte mit Strichcode und spazierten dann eine lange, lange Spiralrampe hinauf. Dabei hüpften wir über ein paar Balancierparcours und Boden-Kletternetze mit Blick nach unten.
Die beiden Männer nannten das Teil inMotion PARK. Ein Comic auf der Rückseite ihres Flyers erzählt, wie bei der feierlichen Eröffnungsfeier ein gewisser Markus Söder den Namen vergessen hatte oder doof fand und darum improvisierte: "Hiermit eröffne ich die Erlebnisholzkugel!"
Joa. Und das ist der Name, unter dem das Ding bis heute bekannt und auf Google Maps eingetragen ist. Gegen die Macht Söders hatte der ursprüngliche Name keine Chance. Und er hat da ja schon einen Punkt: Die Kugelform ist ein Blickfang und das, was diesen Turm im Vergleich zu ähnlichen Bauwerken einzigartig macht.

Eine trockene Edelstahlrutsche mit Rutschteppichen darf natürlich nicht fehlen! Sie sieht erstmal verdammt steil aus, aber das ist auch nötig, um ohne Wasser überhaupt auf ein gescheites Tempo zu kommen. Vor allem, wenn einen auch noch die Schweißnähte kräftig durchrütteln. Wuppwuppwuppwuppwpwpwpwpwphuii...

Von oben ist dann doch zu sehen, dass die Berge gar nicht so weit entfernt sind.

Und die Naab dringt jetzt wieder in sie ein. Immer mal wieder musste ich am Waldrand hoch und runter, der Fluss war nur ein verwaschener grauer Streifen hinter den Bäumen.

Aber immer mal wieder waren da auch flache Straßenstrecken abseits des Flusses, mal mit, mal ohne Radweg. Trotz Radweg ist hier anscheinend jemand zu Tode gekommen. Die kleine Kerzenflamme im großen grauen Nichts war ein seltsamer Anblick, und das perfekte Symbolbild für Ende November.

Gott sei Dank zog sich das Nichts weit genug zurück, um mir diese mystische Felsformation zu enthüllen. Das hier sieht nicht mehr sächsisch aus, es weckte eher Assoziationen an schottische Highlands oder den Hund von Baskerville. Schöön, vielleicht sogar meine Lieblingslandschaft an der Naab.

Ja, nun türmen sich die Berge endgültig wieder auf, und die Naab taucht ein in ihr Finaltal.
Frage: Welches Tier würden sie in einer solchen Landschaft am ehesten erwarten? Vielleicht ein paar Schafe oder Ziegen?

Auf jeden Fall keine Pfauen. Wie eigenartig, diese Ziervögel nicht in einem Zoo oder Schlosspark, sondern einfach so auf einem Acker herumpicken zu sehen.

Unter den Felswänden des Finaltals liegt das putzige Örtchen Kallmünz. (Der Name hätte mir eine Warnung sein müssen.) Am rechten Ufer erstreckt sich ein kleiner Marktplatz, umgeben von bunten Häusern, deren Farben gegen den Nebel und die Abenddämmerung ankämpften. Hinter den Fenstern brannte warmes Licht. Zumindest in den Privatwohnungen, in den Geschäften war es kalt und still.

Am anderen Ufer werden die Gassen kleiner und weißer, dafür brannte endlich mal im Erdgeschoss ein Licht. Und zwar im Schmalzkuchl.
Als mein Magen den Namen las (also quasi), war er der Meinung, ich sollte da jetzt reingehen. Auch wenn ich dadurch das letzte Tageslicht verpassen würde, egal. Ich zwängte mich in den gut gefüllten und vor allem warmen Gastraum, und bestellte ohne nachzudenken. Auch, wenn ich nicht genau wusste, was sich hinter Worten wie Kiachlschmarrn verbarg (im Prinzip halt Kaiserschmarrn ohne Rosinen).

Erst beim Warten fiel mir, siedendheiß wie die heiße Schokolade, ein, dass ich keine Geldautomaten gesehen, nicht mehr viel Bargeld und gar nicht gefragt hatte, ob sie Karte nehmen.
"Nein, aber kein Problem, Sie können anschreiben lassen."
Und weg war sie wieder, ehe ich weiter nachhaken konnte.
Anschreiben, aha. Diese kontaktlose Zahlungsmethode kannte ich bislang nur noch aus Geschichten. Soweit ich weiß, wird dabei der abgebuchte Betrag auf einem analogen Datenspeicher namens Tafel eingegeben. Dieser Bezahlvorgang ist, anders als Paypal, ApplePay und Visa, vollständig unabhängig von Strom- und Internetausfällen, kann jedoch mit einer simplen Hacker-Software namens Schwamm manipuliert werden. Außerdem, und das war das eigentliche Problem hier, ergibt Anschreiben doch nur Sinn bei Einheimischen oder Urlaubern, die länger bleiben und deshalb irgendwann zum Bezahlen zurückkommen, oder? Mein Auftreten und vor allem Aussprechen müsste eigentlich verraten haben, dass ich zu keiner der beiden Gruppen gehörte. Beim Abrechnen wollte ich einfach vorschlagen, dass sie mir Daten zum Überweisen geben, aber ehe ich mich versah, hatte schon jemand die fehlenden Kallmünzen auf den Tisch gelegt. Ach so, auch gut, danke sehr.

Nach den letzten Kilometern im engen Flusstal fuhr ich auf Mariaort rauf, eine Halbinsel mit kleiner Klosterkirche. Am anderen Ufer der Donau leuchtete bereits Regensburg und machte seinem Namen alle Ehre, denn es hatte ein leiser Nieselregen eingesetzt, zum Glück erst jetzt. Ein Bauer hat auf dieser Spitze zwischen den Flüssen ein keltisches Hügelgrab gefunden. Die Finaltäler der Naab und Regen waren natürliche Einfallschneisen, und deshalb mussten die Römer drüben in Regensburg dieses Gebiet besonders gut befestigen.
Ich fuhr über die überraschend wenig holprige Wiese, bis ich zwischen kahlen Hecken auf einen Grabstein stieß. Zumindest sah er auf den ersten Blick wie einer aus, aber im Licht der Handytaschenlampe erkannte ich... äh, soll das eine Zeichnung der beiden Flüsse sein? Und sind das Entfernungsangaben wie auf einem Meilenstein? Jap, danke, jetzt weiß ich, wo es zum Schwarzen Meer geht, da wollte ich heute noch hin.
Schwarz waren die beiden Flüsse ja immerhin schon, auch wenn die Donau im Licht der Stadt leicht orange glühte. Nur leicht, denn das eigentliche Stadtzentrum ist noch fünf Kilometer weiter. Ganz so weit musste ich zum Glück nicht mehr, denn der Stadtteil Prüfening da drübening hat einen eigenen Bahnhof.


23 Juli 2023

Unstrut: Von Gorsleben nach Naumburg

Nach einem durchwachsenen Mittelteil zeigt der Unstrut-Radweg im Finale nochmal so richtig, was er draufhat (und das nicht nur in meteorologischer Hinsicht).

Morgens fand ich mich verpennt in einem Nebel wieder, in dem ich kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Ich erkannte gerade so den Rasenrand der Flutmulde gegen Hochwasser. Und die Steinbrücke, unter der ich gerade durchfuhr. Und die Hand, die das Fahrrad unter dieser Brücke hindurchlenkt. Mit Ach und Krach.

Die Hügel der Hohen Schrecke? Könnten genauso gut in Papua-Neuguinea stehen. Irgendwo da oben soll es eine Schlucht mit Hängebrücke geben. Aber jetzt da hinzufahren, wäre wahrscheinlich so sinnvoll, wie stocktaub ein Symphoniekonzert zu besuchen.

An dieser Stelle, sagt der Wegweiser, zweigt der Unstrut-Werra-Radweg ab. Ein Wegweiser, der Fragen aufwirft. Frage eins: Warum zur Hölle nach Norden? Wie soll man in die Richtung bitte an der Werra rauskommen? Frage zwei: Warum braucht es einen zweiten Unstrut-Werra-Radweg, wenn es mit dem Kanonenbahn-Radweg bereits eine perfekte Werra-Unstrut-Verbindung gibt?

Kurz vor der Grenze nach Sachsen-Anhalt bringt mich schon wieder ein kurzes Stück Bahntrasse in eine Stadt mit Kurtherme. Artern sieht aber deutlich trister aus als Langensalza. Die Wiedervereinigung war hier etwas schwieriger, aber hey, dafür hat die Stadt ihre eigene "ostdeutsche Truman-Show" (so einige Zeitungen) bekommen, wo alle genau sehen können, wie schwierig das doch für die Einwohner ist.

Sachsen-Anhalt begrüßt mich dann erstmal mit verstreuten Burgen und Gutshöfen, manche mehr, manche weniger beeindruckend.

Doch was ist das? Kann das wahr sein? Ist das möglich? Ist das... Licht? Die Sonne bricht sich einen Spalt durch die Wolken, und auf einmal sehe etwas vom Land, das ich durchquere.
Also, ein bisschen.

Puh, gerade noch rechtzeitig. Ich wollte gleich einen ganz speziellen Aussichtsturm besteigen, und da wär es doch nett, etwas mehr zu sehen als graue Suppe.
Es wurde knapp. Als ich in die Biegung des Tals reinfuhr, war der Berg mit dem Turm immer noch deutlich eingenebelt. Erst ganz kurz, bevor ich oben ankam, verzog sich der letzte graue Fetzen, als würde er vor meiner Kamera fliehen. (So furchteinflößend ist die nun auch wieder nicht.)

Neugierig radelte ich den Berg rauf und in den schlanken Birkenwald rein. Daneben müsste theoretisch ein steiler Abhang sein, und direkt darunter Radweg und Fluss unten im Tal, da, wo ich gerade langgefahren bin. Davon war leider nichts zu sehen, dafür wuchs der Wald einfach zu dicht.
Nach einer Weile bog ich ab auf einen Extraweg, den irgendwelche Künstler mit allen möglichen Extras dekoriert haben. Zum Beispiel ein Open Air Kino: Die Sonne sinkt herab und der Nachthimmel wird zur Leinwand. Der Mond und die Sterne sind die Akteure.
Mooment, nicht so schnell, ich bin doch froh, dass die Sonne überhaupt erst angekommen ist. Die kann ruhig erstmal bleiben, auch wenn der Film dadurch ein bisschen zur One-Sun-Show wird. Allzu viel von der Leinwand ist durch die Bäume eh nicht zu sehen, der Standort scheint mir nicht optimal gewählt.

Irgendwann kam ich dann oben auf einer Lichtung heraus. Im Jahr 1999 war das noch irgendein stinknormaler Wald in Sachsen Anhalt (ein sogenannter Sachsen-Anwald) ohne irgendwelche Himmelskinos und anderen Schnickschnack.
Bis zwei Grabräuber den Boden mit Metallsonden absuchten. Ohne Genehmigung, also illegal. In einer Mulde, wo heute eine riesige silbrige Scheibe liegt, piepste es. Sie gruben ein rundes Stück Metall aus und dachten, das sei ein Schild. Obwohl sie es erfolgreich verticken konnten, sprach sich auf dem Schwarzmarkt schnell herum, dass da so ein komisches Dings mit Sternen drauf im Umlauf ist und dass es eigentlich dem Land Sachsen-Anhalt gehört. Ein verdeckter Ermittler behauptete, er wolle die Scheibe ankaufen, die Hehler wurden verhaftet und endlich konnte die Sensation ganz offiziell zelebriert werden.
Der Fundort der Scheibe ist heute eine riesige Sonnenuhr. Betonlinien am Boden sind das Zifferblatt, und der Zeiger ist ein riesiger Aussichtsturm in Sonnengelb. Auf so was muss man auch erstmal kommen. In eigentümlichen Winkeln windet sich die Betontreppe aufwärts, während vor dem tiefen Sturz ins Treppenhaus kein Geländer, sondern nur ein durchsichtiges Netzt schützt - mein Gleichgewichtssinn war nicht direkt begeistert, fand sich aber damit ab.

Als Himmelsscheibe von Nebra ging das Ding in die Geschichte ein. Wobei die Stadt Nebra eigentlich noch ein Stück entfernt liegt und weitgehend abgewrackt aussieht. Das Dorf, über dem die Scheibe wirklich gefunden wurde, heißt Wangen. Vor dem Fund hielt da nicht mal die Bahn an, bis die Bewohner bei mehreren Radsternfahrten ihren eigenen Bahnhof durchsetzten, auch, damit da Touristen aussteigen können. Die können dann direkt die Arche Nebra besichtigen. Dieses Museum thront über den Dorf wie ein gestrandeter Goldbarren. Auf den ersten Blick hat es nicht wirklich Ähnlichkeit mit einer Arche oder einem Schiff. Aber wenn man weiß, dass auf der Scheibe auch ein Schiff zu sehen ist, das ganz ähnlich aussieht (wobei ich mich frage, wie die Forscher dann überhaupt mit Sicherheit wissen, dass es ein Schiff ist), dann ergibt das natürlich Sinn.
Die Scheibe hat sogar ernsthaft ihren eigenen Himmelsscheiben-Radweg, der von hier bis zur Original-Scheibe im Landesmuseum Halle führt. Bisschen enttäuschend für die Arche Nebra, aber man kann so ein wertvolles Stück ja nicht wirklich in einem Kaff wie Wangen verstecken.

Das Museum entstammt der häufigen Kategorie: Modern, großzügig, anschaulich gemacht, aber für den Preis halt doch nicht soo groß. Die Ausstellung dreht sich vor allem darum, wie die Menschen zur Bronzezeit so gelebt haben. Und wie andere Völker die Sterne erforscht haben.
Und welche nicht ganz so ernstgemeinten Theorien es über die Himmelsscheibe von Nebra gibt.

Aber wer sich mit den ernstgemeinten Theorien beschäftigen will, der muss entweder eine VR-Brille aufsetzen und in einem virtuellen Sachsen-Anhalt-Stonehenge, das irgendwo in der Gegend liegt, die Himmelsscheibe aufheben. Oder aber, wenn ihm all die Knöpfe zu kompliziert sind, setzt er sich einfach ins Planetarium.
Die Scheibe wurde 1600 v. Chr. geschmiedet. Damit ist sie die älteste Darstellung des Himmels auf diesem Planeten. Das allein würde ja für eine Sensation reichen, selbst wenn das Bild einfach nur Deko oder für irgendeine religiöse Zeremonie gedacht gewesen wäre. Aber die Wahrheit ist anscheinend eine ganz andere.
Die Wissenschaftler sind sich bei vielem, was die Platte angeht, immer noch nicht einig, weil es ganz einfach kein vergleichbares Fundstück gibt. Nur weil im selben Grab ein paar Waffen lagen, konnten sie überhaupt ungefähr die Zeit bestimmen. Es ist noch nicht mal klar, ob der Kreis nun die Sonne oder den Vollmond darstellt. Andere Sachen sind überraschend klar. Zum Beispiel, dass es drei Versionen der Scheibe gab, weil sie zweimal umgeschmiedet wurde. Und, dass der Sternhaufen da drauf die Plejaden sind. Das ist eine Art Sternenkindergarten, eine helle Wolke voller frisch geschlüpfter Sonnen.
Von den Plejaden aus kamen die Forscher also auf folgende Vermutung: Die Himmelsscheibe 1.0 war für die Bronzezeit ein hochwissenschaftliches Gerät. Die Menschen konnten auf ihr ablesen: Wenn Mond und Plejaden eine bestimmte Position haben, dann muss man das Getreide aussäen (sagen die einen) oder das Jahr um so und so viele Tage (nämlich die Anzahl der restlichen Sterne) verlängern, damit das astronomisch mit den Schaltjahren hinkommt (sagen die anderen).
Die Himmelsscheibe 2.0 hat am Rand sogenannte Horizontbögen dazubekommen, mit denen man sie waagerecht halten und so die Bewegung der Sonne das Jahr über ablesen kann, eventuell mithilfe des Brockens am Horizont oder auch nicht. Und erst bei der Himmelsscheibe 3.0 kam etwas Religiöses dazu, nämlich ganz unten ein göttliches Sonnenschiff (oder noch eine Mondsichel, sagen andere).
Wenn Aliens die Scheibe finden, würden sie also schlussfolgern, die Menschen hätten sich im Laufe ihrer Geschichte von der Wissenschaft weg und hin zur Religion entwickelt.

Die freundlichen Fliesen auf dieser Wand verraten: Der Schluss wird fahrradfreundlich!

Naja, zugegeben, die Städte am Schluss sind irgendwie seltsam. Eine graue Leere zum Durchfahren mit einem Namen, der klingt, als hätte jemand auf die Ortsschilder geniest.

Aber die Strecke dazwischen ist 1A! Hinter Nebra musste ich an der ersten rotbraunem Felswand vorbeischieben, ab da konnte ich bequem an Fels- und Pflanzenwänden vorbeirasen. Besonders nah kam ich dem Felsen an einer Klippe namens Glockenseck.
Auch bei Kanufahrern ist das Tal sehr beliebt.

Manchmal enthalten die Fels- und Pflanzenwände zusätzlich Alkohol - das Land der Weinberge beginnt! Der erste Wein wächst auf dem Hahnenberg. Der heißt angeblich so, weil die Winzer frühmorgens gemeinsam mit den Hühnern aufstehen - seit 800 Jahren. Dann ist es aber dringend an der Zeit, dass sie auch mal ausschlafen.
Weil der im Kalkboden so gut gedeiht, baut man hier seit 1000 Jahren Rotwein an, am meisten die Zisterziensermönche vor der Reformation. Bei denen sollen die Weinberge eine "heute unvorstellbare" Ausdehnung gehabt haben. Noch viel mehr als heute? Wie kann ich mir das vorstellen, waren die Berge doppelt so hoch? Ja, okay, ich weiß, was unvorstellbar bedeutet.
Hmm, dieses Hin und Her der grauen Weinmauern erinnert mich doch an irgendwas...

Jedes Dorf hat irgendein Weingut. Hm, wenn der Unstrut-Wein so beliebt ist, dann nehme ich mir auch eine Flasche mit. Die ersten Weingüter waren aber (noch) geschlossen.

Woran ich das gemerkt habe?
Wenn hängt der Strauß, schenken Wein wir aus, stand überall dran. Es hing kein Strauß, also auch kein Wein - ebenso eindeutig und energiesparender als ein rotes OPEN-Display.
Aber schließlich stieß ich auf ein größeres Weingut. Die hatten sogar ein Museum eingerichtet mit alten Geräten und vergilbten Listen, auf denen jemand handschriftlich den Tagesablauf eines Weinbauers und einer Bäuerin vor 1945 notiert hatte. Wenig überraschend hatten sie viel zu arbeiten, eigentlich war immer irgendwas. Interessant wäre da jetzt zum Vergleich eine Liste mit dem heutigen Tagesablauf. Was läuft automatisiert, und wie viel Zeit kostet es, stattdessen die Social-Media-Präsenz des Weinguts zu pflegen (etwas, mit dem sich die Bäuerin vor 1945 nicht herumschlagen musste)? Aber vielleicht setzt der Hof auch vollständig auf andere Methoden, um junge Menschen anzusprechen: Neben Wein kann man auch Hanflikör und Hanfkuchen erwerben.
Der mitgebrachte Wein stieß jedenfalls zu Hause auf großes Lob.

Freyburg (wo übrigens auch Turnvater Jahn herkommt, falls den noch jemand kennt) hat einen besonders hübschen Herzoglichen Weinberg mit Fachwerktürmchen. Die Mauern sehen alt aus, sind sie auch, aber anders als die Burg nebenan stammen sie nicht aus dem Mittelalter. Solche Wein-Terrassen werden erst seit dem Barock gebaut. Vorher musste der Wein vermutlich waagerecht aus dem Berg rauswachsen.
Anfang des 20. Jahrhunderts ereignete sich eine Katastrophe. Also, klar, Anfang des 20. Jahrhunderts gab es viele Katastrophen, aber schlimmer noch als irgendwelche Weltkriege war für die Winzer ein Insekt: Die Reblaus zerstörte zusammen mit dem Mehltau den Großteil der Pflanzen. Erst amerikanische Anti-Reblaus-Unterlagen brachten die Rettung.

Die letzten Unstrut-Weinberge sind dann noch einmal ungewöhnlich künstlerisch. Einen kaufte der Bildhauer Max Klinger, um mittendrin in seinem Haus Skulpturen zu klopfen.
Und gleich nebenan haben die Bürger ihre Steinfiguren direkt in den Weinberg reingeklopft. Das Ding heißt aus irgendeinem Grund Steinernes Album, obwohl ein Fotoalbum doch ziemlich anders aussieht.
Die Reliefs sind von 1722 und standen die ganze Zeit draußen im Regen rum, kein Wunder, dass die Gesichter und eigentlich auch sonst alles etwas verwaschen aussehen. Zum Glück stehen die Erklärungen am Wegesrand, sonst käme ich gar nicht klar (wobei die Bilder auf den Infotafeln auch keine wirklich höhere Bildqualität haben).

Die meisten Bilder stammen aus der Bibel, mache zeigen auch versoffene Fürsten aus der Region. Die Hauptsache ist, dass das Motiv irgendetwas mit Wein zu tun hat.

Unter diesem Hang zum Alkohol erreicht die Unstrut schließlich den Blütengrund. Der ist fast so idyllisch, wie es klingt, auch wenn eventuell vorhandene Blüten um diese Jahreszeit schon fertiggeblüht haben und grasgrün glühen. Und auch die Unstrut ist nun verblüht und am Ende, denn sie fließt in die Saale rein. Wobei es eigentlich eher so aussieht, als würde die Saale von der Seite in die Unstrut münden und nicht umgekehrt - aber die Saale ist trotzdem länger und breiter.
Direkt dahinter pendelt ein kleines Fährboot zur anderen Seite. Fahrräder passen rein, auch wenn es nicht direkt angenehm ist, das volle Rad mit Taschen die Stufen ins Boot runterzutragen. Außerdem ist der Fahrpreis vergleichsweise hoch. Im Prinzip spricht also nichts dagegen, die Fähre Blütengrund rechts liegenzulassen und noch zwei Kilometer weiter zur Brücke zu fahren. Es sei denn, man hat es eilig oder möchte der Mündung möglichst nahe kommen - denn der Blütengrund ist dermaßen grün zugewachsen, dass der Zusammenfluss sonst nur aus einem bestimmten Blickwinkel mit etwas Abstand zu erkennen ist.

Am anderen Ufer beginnt Naumburg an der Saale, eine eindrucksvolle Stadt aus Arkaden und rotweißen Prachtbauten -  und verdammt alt: Im Jahr 1000 Jahren beschloss ein Bischof, in die Naumburg zu ziehen, die, wie es der Zufall wollte, im heutigen Naumburg stand. Kurz darauf zogen Kaufleute aus dem Unstruttal dazu, denn sie fanden es praktischer, wenn sie einen zentralen Umschlagplatz für leckere Dinge wie Alkohol, Gewürze und (Farb)Stoffe hatten. König Konrad schenkte ihnen ein paar Handelsprivilegien. Das war die älteste urkundliche Stadtgründung Deutschlands. Mit anderen Worten: Es gibt vielleicht ältere Städte in Deutschland, aber die können es nicht beweisen.
Nach der Gründung gab es eine Situation ähnlich wie in Höxter: Einer Doppelstadt im Kalten Krieg, der eine Teil kirchlich, der andere bürgerlich. Erst nach 500 Jahren sorgte ausgerechnet ein Mönch namens Luther aus Versehen dafür, dass die Kirche in den Wirren der Reformation verlor. Heute kann ich nur rätseln, wo die Trennlinie verlief.
Und was passt zu einem Kalten Krieg? Wettrüsten! Als eine der allerersten deutschen Städte schaffte sich Naumburg Feuerwaffen an, weil sie gehört hatten, dass eine Saaleburg durch eine komische, Pechpfeile schließende Wunderwaffe gefallen war.

Naumburg war Friedrich Nietzsches Kindheitsstadt und hat das kleinste Straßenbahnnetz Deutschlands.

Tatsächlich kenne ich die Stadt auch über den Nahverkehr, weil ich dort im 9-Euro-Sommer einmal nachts mit der Bahn gestrandet bin. Und ich muss sagen, es war eine ganz gute Stadt zum Stranden im Sommer. Gut beleuchtet führte eine bequeme Straße als Rampe hinauf in die hübsche Altstadt und sogar ein Restaurant war bis spät geöffnet. Auch wenn der Rest vom Marktplatz trotzdem etwas leer schien.