Ich bin ein Radfahrer auf der Suche nach Antworten, nach denen niemand gefragt hat: Welcher Radweg hat die süßesten Gänse? Wo gibt es die lobbyistischsten Achterbahnen und die salzigsten Berge? Warum verläuft die Grenze ausgerechnet auf diesem Fluss - und wieso sollte ich sie auf keinen Fall in Jogginghose überqueren? Finden Sie es jetzt heraus! (Oder auch später, mein Geschreibsel läuft Ihnen ja nicht weg.)
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31 März 2026
Gersprenz & Modau: Von Stockstadt nach Stockstadt
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27 März 2026
Lippe: Von Bad Lippspringe nach Schloss Neuhaus
Lippenbekenntnisse
Tag 1: Das Thermaltal
Von der Ruhr hat schon die halbe Welt gehört - ihr Stahltal prägte eine Ära. Von der Lippe hat wahrscheinlich nicht mal die Hälfte Deutschlands gehört - ihr Thermaltal prägt aber immerhin auch die Gestalt von NRW und dem Ruhrgebiet. Außerdem ist die Lippe und nicht die Ruhr der längste Fluss des Bundeslandes (also von denen, die nur in NRW fließen). Reicht das für einen eigenen Radweg? Offenbar nicht ganz - es braucht obendrauf noch eines der größten Imperien der Weltgeschichte.
Der Römer-Lippe-Radweg verbindet nicht nur einen Fluss, sondern auch ein paar römische Relikte. Deswegen beginnt er in der hübschen Schlossstadt Detmold. Ein Riesensteinstatuengebilde oben auf dem Hügel soll daran erinnern, wie Hermann den Römern bei der Hermannsschlacht (oder auch Varusschlacht, falls Sie mit den Römern sympathisieren) so heftig den Hintern versohlte, dass ein Achtel des römischen Militärs umkam, woraufhin die restlichen sieben Achtel den Versuch aufgaben, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zu erobern. Das passierte, als Jesus angeblich 9 Jahre alt war - wo genau, ist superumstritten.
In Wahrheit sieht der riesige junge Germane mit erhobenem Schwert nicht aus wie der historische Hermann, und auch sonst verrät das Denkmal mehr über das 19. Jahrhundert als über das Jahr 9. Nicht ohne Grund erinnert es verdächtig an die Wacht am Rhein, Porta Westfalica, das Völkerschlacht- und Kyffhäuser-Denkmal und wie sie alle heißen - eine weitere ideologische Säule für das neu vereinigte Deutsche Kaiserreich. Nur dass diesmal halt ausnahmsweise nicht Kaiser Wilhelm geehrt wurde. Also, fast nicht. Eine bescheidene Gedenktafel, laut der Wilhelm dem Typen oben auf dem Denkmal "gleich" sei, hat er sich trotzdem gegönnt. Die Steine stammen von der Ruine der Grotenburg, die hier vorher stand, und bilden eine Kuppel mit einem engen Treppenhaus, durch das ich für 4 Euro auf einen Balkon stieg und zusah, wie der Nebel aus dem Flachland über den Teutoburger Wald jagte.
Der Hermann guckt drohend nach Rom und Frankreich, wo die Franzosen zur selben Zeit Denkmäler für den Gallier Vercingetorix (die Inspiration für Asterix) errichteten, der den Römern auch mal eine bittere Niederlage beschert hatte. Deutschland und Frankreich wetteiferten damals quasi, wer den krasseren Anti-Römer hatte.
Zu diesem Denkmal bin ich gewandert, und anschließend habe ich noch ein zweites Ziel angesteuert. Auf dem Weg durch die Teutoburger Wälder entdeckte ich spontan noch eine Heidefläche und die mystische sogenannte Geisterschlucht. Zwischen ihren Felswänden ist es nachts bestimmt noch atmosphärischer als an einem Nieseltag.
Dann kam ich an einem See heraus, an dem das sandsteinerne Rückgrat des Teutoburger Walds außerhalb der Erde liegt, quasi extern. Vielleicht nennen sich die skurrilen Säulen deswegen Externsteine. Als ich zum See runtermarschierte und die Felsspitzen zum ersten Mal durch die Wipfel schauten, musste ich unwillkürlich an die künstlichen Felsen in einem Zoo denken - so unmöglich erschien mir der Anblick in dieser sonst felslosen Umgebung. Aber das ist kein Beton mit Tierkot - es ist der gepresste Strandsand eines uralten Kreidemeeres. Als Europa mit Afrika zusammenstieß und sich die Alpen falteten, richteten sich die Sandsäulen plötzlich senkrecht auf. Und jetzt konnte ich sie besteigen. Zumindest die erste Säule mit Seeblick. Auf der dritten war die Treppe in der ersten Kurve noch gesperrt, und ich durfte leider nicht über das lustige steile Brücklein zur zweiten Säule mit der Aussicht durch ein vergittertes Felsfenster laufen.
In den Fels wurden aber nicht nur verwinkelte Treppen gehämmert, sondern auch ein Relief, auf dem Jesus vom Kreuz abgehängt wird. Es ist vielleicht die älteste Darstellung dieses eher untypischen Moments. Die Externsteine waren mal quasi das europäische Jerusalem, ein superwichtiger Pilgerort.
So, diesen Teil des Römer-Lippe-Radwegs bin ich gewandert, nun aber zur eigentlichen Lipperadtour:
Die Lippe beginnt erst 17 Kilometer später im Kurort Bad Lippspringe. Genau wie die Pader in Paderborn quillt sie überall aus allerhand Rohren in ein üppiges Steinbecken, als wäre der komplette Ort eine Quelle. Nur befindet sich rundherum keine richtige Stadt, sondern nur Kurparks, weiße Kurhäuser und anderer Kurkram. Das liegt nicht nur am Quellwasser, sondern auch an der Lage: Eingekeilt zwischen Eggegebirge, Paderborner Hochland und Kiefernwald ist die Luft besonders gut.
Im blauen Teich namens Odins Auge kommt das Wasser aus acht Meter Tiefe. Die Arminiusquelle dagegen wurde nach keinem anderen als dem Hermann von der Hermannsschlacht benannt - Arminius war sein lateinischer Name, weil er von Kindheit an quasi als Schläfer und Spion in der römischen Armee diente. Nur so konnte er die römischen Legionen im Teutoborger Wald überhaupt erst in die fatale Falle locken.
Darf ich vorstellen, der erste Lippewasserfall. Viel wilder wird der Fluss auch nicht mehr.
In einer versteckten Felsschlucht im Arminiuspark verbirgt sich die Jordanquelle.
Ich kann jedoch Entwarnung geben: An diesem Fluss spielen sich keine blutigen Konflikte ab, sein Wasser ist kein internationaler Streitpunkt. Andererseits hat er auch keine Seen, auf denen Heilige zu Fuß rübergegangen sind, in denen man ohne Schwimmen oben treiben und aus denen ein Schluck Wasser tödlich sein kann. Es hat eben alles sein Für und Wider.
Da Lippspringe keinen Bahnhof hat, bin ich damals von Paderborn Hauptbahnhof zur Westfalen-Therme von Bad Lippspringe rübergeradelt. Damals war das eines der ersten Hallenbäder, das in der Pandemie geöffnet hatte. Dafür auch mit dem strengsten Regeln: Im Badrestaurant wurde, tropfend in Badehose, nur mit Maske gegessen. Ansonsten ist die Therme ganz schick, hat die sechstbeste Wasserrutschenanlage in NRW und erinnert sehr an die Ostseetherme Scharbeutz.
Danach habe ich Lippspringe wieder auf dieser angenehm ruhigen Straße verlassen.
Aber es wird noch ruhiger. Von der Straße bin ich in den Wald abgebogen. Ein Teil davon gehört zum Truppenübungsplatz Senne, den ich schon von der Emsquelle kenne. Und das bedeutet: Ruhe, Sand, Grün und kleine künstliche Seen (diesmal jedoch keine Wildpferde).
Von den Talleseen in der Lippeniederung war auf meiner Strecke kaum etwas zu sehen.
Und bei der Lippe selbst sieht es ganz ähnlich aus. Sie strudelt um die rostigen Stangen alter Wehre und ist noch schwärzer als die Seen. Kein Wunder, auch die Erde der Senne sieht öfter mal besonders schwarz aus.
Unter den Trauerweiden, Engstellen und schließlich unter einer großen Brücke von Schloss Neuhaus mündet die Pader aus Paderborn, und dort bin ich dann auch wieder in Richtung Paderborn abgebogen. Es war eine nette kleine Rundtour um Pader, Lippe und Paderborn, dennoch habe ich die Lippe dann erstmal ein paar Jahre nicht fortgesetzt.
Ach ja, wo ist eigentlich das Schloss, das so wichtig ist, dass es extra im Ortsnamen stehen muss? Da ist es ja, gleich neben der Mündung. In dem Weserrenaissance-Schloss (Sollten wir nicht inzwischen weit genug entfernt von der Weser sein?) wohnten Paderborns Fürstbischöfe, jetzt ist ein Kunst- und Naturkundemuseum drin. Ob das Schloss nun aber gleichzeitig das Neuhaus im Ortsnamen ist, bleibt unklar. Neu genug sieht es jedenfalls aus.
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29 Juli 2025
Fränkische Saale: Von Alsleben nach Königshofen
Die Saalegrenze I
Länge: 10 km
Grenzquerungen: 0
Bundesländer: Bayern/Thüringen
Seite: West
Erkenntnis: Bürgermeister machen an sich korrekte, aber unvollständige Quellenangaben.
Es gibt noch einen zweiten Fluss namens Saale, der ein bisschen unbekannter ist (aber immerhin bekannter als die kurze Saale bei Hannover, die in die Leine fließt). Die erste Fränkische Saaletappe kenne ich schon von meiner Iron Curtain Tour (in die entgegengesetzte Richtung).
Die Fränkische Saale entspringt bei Alsleben in einer Art halbfertigem Brunnen aus Ziegelsteinen. Ich füllte eine Trinkflasche auf. Nach Angaben des Bürgermeisters sei das Wasser schließlich trinkbar, schreibt der Reiseführer. Überrascht schmeckte ich so ungefähr das beste Quellwasser der Welt. Doch schon ein paar Stunden später war es eher eklig. Sprich: Das Wasser ist trinkbar, aber mit sehr kurzem Haltbarkeitsdatum.
Die Quelle liegt nur wenige Meter von der Grenze nach Thüringen entfernt. Anders als ihr längerer Kollege, die Sächsische Saale, hat die Fränkische Saale den Status als Grenzfluss haarscharf verfehlt. Ist vielleicht auch besser so, wer weiß, was die DDR in sie reingekippt hätte. Da wäre der Fluss bestimmt überhaupt nicht trinkbar gewesen.
Bevor in Bayern die Sonne aufsteigt, steigt der Nebel auf. Das Wasser verströmt weißen Dunst, als würde es langsam verdampfen. Dabei war es längst nicht warm genug zum Verdampfen. Genau genommen war rein gar nichts um diese Uhrzeit warm genug.
Dies ist das obere Tal der Fränkischen Saale. Ich folgte der Linie aus Schilf und Bäumen, in der sich der kleine Fluss verbarg.
Dies ist das obere Tal der Fränkischen Saale. Ich folgte der Linie aus Schilf und Bäumen, in der sich der kleine Fluss verbarg.
Aus Gründen, zu denen ich gleich komme, hatte ich am Abend vorher während meiner Iron Curtain Tour folgendes Problem: Es dämmerte schon so massiv, dass ich die Suche nach einem guten Schlafplatz quasi halbblind durchführen musste. Bei Eyershausen bog ich planlos ab in einen Wald. Wie sich herausstellte, bestand der "Wald" zu je einem Drittel aus spitzen Dornen, eisigem Sumpfwasser und abgeholzten Baumstümpfen.
Alles in allem habe ich schon besser geschlafen.
An der Wallfahrtskirche von Ipthausen befindet sich die größte bayrische Anlage mit Beos. Das sind unauffällige schwarze Vögel aus Nord- und Hinterindien, die besser sprechen können als die meisten Papageien. Im Rostocker Zoo hatten wir damals ein paar sehr begabte Beos, die mich sogar mit meinem Namen ansprechen konnten - doch leider kam der Tag viel zu früh, an dem wir feststellen mussten, dass sie auch in artgerechter Haltung höchstens 25 Jahre alt werden.
Umso mehr freute ich mich auf ihre bayrisch-katholischen Artgenossen. Der Bergbeo heißt wissenschaftlich sogar gracula religiosa, weil ihnen Gebete beigebracht wurden. Ein paar christliche Beos, die Psalmen rezitieren oder "Gloria in excelsis Beo" singen - das wäre jetzt genau das richtige zur Aufmunterung! Doch während die kunterbunten Papageien noch munter herumflatterten und kreischten, war die Beo-Voliere sehr viel zugewachsener. Die Mittelbeos namens Schlumbes und Schatzi ließen weder von sich sehen noch von sich hören. Schade...
Wir befinden uns im Grabfeld, ein etwas eigenartiger Name für eine Landschaft. Der Sage nach hatte eine Königin in der Region einen Ring verloren. Auf der Suche ließ sie das komplette Land umgraben (ihre Nazghul waren bestimmt begeistert, zu Gartenarbeit abkommandiert zu werden), zack, schon hieß das Land Grabfeld. Als sie den Ring endlich fand, errichtete sie am Fundort aus Dankbarkeit einen Königshof, zack, schon stand da die Stadt Bad Königshofen im Grabfeld. Das Fachwerk und die Wandmalereien (rechts) machen schon was her, auch wenn die Altstadt nicht mehr ganz so frisch wirkt.
Königshofen und das Grabfeld waren schon lange Grenzland und Bollwerk gegen den kommunistischen barbarischen Nordosten. Die Römer nannten die Grenzstadt Chuningishaoba (ich weiß nicht, wonach das klingt, aber jedenfalls nicht nach Latein) in pago Graffeldi, Graf Berthold hatte später so gute Connections zum bayrischen König, dass er die Festungsstadt weiter ausbauen durfte, im Dreißigjährigen Krieg verkackte die Stadt trotzdem komplett gegen die Schweden. Ein paar Stadtmauern und Waffenlager stehen noch, so richtig ist die sternförmige Gestalt von damals aber nicht mehr zu erkennen.
In diesem Grabfeld war nun leider meine Kette gerissen. Zwar hatte Königshofen laut Website eine Radwerkstatt, doch meine Chancen, dass die Werkstatt um die Zeit in einer solch kleinen Stadt noch geöffnet hatte, standen fast ebenso schlecht wie die, durch sorgfältiges Umgraben des Bodens eine neue Kette zu finden.
Aber ich griff nach dem Strohhalm. Also, der Werkstatt, nicht dem Umgraben. Als ich mich dem Bikeshop Grabfeld näherte, stand die Tür tatsächlich offen. Sollte ich Glück haben? Es war zwar nicht der Werkstattbesitzer, der war während die nächsten Tage unterwegs. Aber seine Frau war nicht nur bereit, eine neue Kette zu verkaufen, sondern auch, einen anderen Fahrradmechaniker im Ruhestand aus dem Nachbarhaus herbeizuklingeln. Der allerdings auch nicht da war. Macht aber nichts, ich habe die Kette allein eingefädelt bekommen. Zwar nicht ganz perfekt, sodass ich die nächsten Tage nicht alle Gänge nutzen konnte. Aber immerhin.
Insofern eine klare Empfehlung an den rettenden Bikeshop Grabfeld, der sogar erstklassigen Service leistet, wenn er eigentlich geschlossen ist. Danke!
Nur leider hatte die gerissene Kette durch den Zeitverlust trotzdem eine Kettenreaktion ausgelöst, und daher eben die suboptimale Nacht.
Aber Königshofen ist auch eine Kurstadt. Im Park schob sich eine Glastür auf und offenbarte eine Trinkhalle, die so ganz anders aussah als die im tschechischen Bäderdreieck. Und das nicht nur, weil die Pappbecher gratis waren. Inmitten weißer Moderne und grauer Sitzmöbel sprudelte das Heilwasser aus den Metallhähnen. Die Urbani-Quelle schmeckte leicht salzig, aber noch okay, bei der Regius-Quelle dagegen kostete mich das Schlucken viel Überwindung.
Viel erholsamer ist der große, lauwarme Heilwassersee. Der liegt im Außenbereich der Frankentherme, ein kleines Schwimmbad für Familien und Entspanner (eher weniger für Sportler und Erlebnishungrige). Doch die größte Besonderheit thront angeblich auf dem Thermendach - und diesmal sollten die Königshofener Vögel nicht enttäuschen. Auf einem Kamin der Therme schnäbelte und streckte sich ein Storchenpaar behaglich unter den warmen Dämpfen. Ihre Kinder waren nicht so sehen, oder wahrscheinlich schon ausgeflogen.
Wie es dazu kam, ist im Detail auf frankentherme.de nachzulesen: 2020 versuchte zum ersten Mal ein Storchenpaar auf dem Kamin zu bauen, es klappte aber nicht so richtig. Die Betreiber waren aber so große Storchenfans, dass sie ihnen im nächsten Jahr ein Nest bereitstellen wollten. Eine Schlosserei baute das Nest kostenlos, die Feuerwehr brachte es an, und die Störche Adele und Schorsch belegten es. Heraus kamen zwei Küken namens Mina (nach der Mineralheilquelle) und Lui (nach dem Luitpoldbrunnen, ein bisschen Eigenwerbung für die Kurstadt muss sein). Seitdem dokumentiert die Website genau, wie viele Eier jedes Jahr auf dem Kamin lagen und wie viele Störche daraus erfolgreich geschlüpft sind. Per Youtube gibt es sogar einen Livestream ins Nest.
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23 Juli 2025
Lahn: Von Feudingen nach Biedenkopf
Die Lahn ist zwar ein ganz zentraler Fluss von Hessen, beginnt aber in NRW. Das Rothaargebirge bildet hier einen langgezogenen Bergrücken mit einer welligen Straße obendrauf, wo überall Wasser rauskommt. Quellhorizont nennt sich so was, wie ich auf dieser Tour gelernt habe. Gut zu wissen, schließlich ist das nicht mein erster Quellhorizont. Aber definitiv einer der quelligsten.
Die Lahnquelle ist ein stiller Teich. Auf Fotos wimmelt er von Entengrütze, aber als ich vor Ort war, dümpelte er bräunlich und annähernd durchsichtig vor sich hin.
Im Gasthaus Lahnhof kann man direkt mit Blick auf dieses gemütliche, aber nicht gerade superspannende Naturschauspiel speisen.
Am Spielplatz beginnt ein Märchenweg, der aber keine kompletten Geschichten erzählt, sondern eher schön illustrierte random Märchenfunfacts. Zum Beispiel, dass engagierte Kobolde solche Trittsteine über die Furten gelegt haben. Die junge Lahn plätschert sanft durch ein paar dieser Steine hindurch...
...und verschwindet auf einer zugewachsenen Weide, auf der anscheinend nicht sonderlich hungrige Nutztiere leben.
Weitere Quellen auf dem Quellhorizont:
- Die Ilm. Pardon, liebes Holzschild, ich meine natürlich Jlm! Eine kleine Erdpfütze direkt neben der Straße, die gleich wieder unsichtbar im Gestrüpp verschwindet und schon nach 2,8 Kilometern in der Lahn lahndet.
- Dicht hinter ihr folgt an derselben Straße die Siegquelle.
- Und dann hinter der Wasserscheide zur Weser die Ederquelle.
- Die Ilse ist bekannt für ihre idyllische Schlucht und war im Mittelalter eine der bekanntesten Heilquellen Europas. Die laut dem Märchenweg von einem rothaarigen Kobold entdeckt wurde. (Quelle: Vertrau mir einfach.) Eine radelbare Straße passiert das Ilsetal, aber nicht bis zur Quelle, die ist ziemlich abseits im Wald.
Der Lahnhof ist keine richtige Ortschaft, sondern wirklich nur ein einsames Gehöft. Entsprechend liegt der öffentliche Nahverkehr nach da oben bei Null. Lahnradler müssen entweder 15 Kilometer von Erndtebrück (aber nicht entlang der Eder) oder 11 Kilometer von Feudingen durch die Ilseschlucht hochfahren.
Und dann 8,5 Kilometer an der Lahn wieder runter. Diese 8,5 Kilometer sind schöner und naturnäher als die Quelle selbst. Erstmal macht der Kiesweg einen steilen Bogen ohne die Lahn, aber das macht nichts, es gibt ja einen anderen Wasserlauf direkt auf dem Weg! Jedenfalls, wenn es kürzlich geregnet hat.
Zügig geht es Dorfstraßen und Kieswege runter. Die Lahn ist schon ziemlich breit, und die ersten Dörfer tauchen auf. Sie sind sehr, sehr weiß, so als hätte der letzte Regenguss alle Farben abgespült.
Architektonisch und landschaftlich nichts Besonderes, aber es fährt sich auf jeden Fall sehr angenehm durch einen warmen, frisch durchgespülten Sommerwald.
Puh, bei Feudingen nimmt der Lahnradweg dann ein paar Hügel mit. Aber richtig schöne! Hier hatte ich das beste Panorama der kurzen Etappe, viel besser als oben auf dem Quellhorizont.
Das Jäjersch Backhaus (vorne links) von 1885 hat sogar beides. Solche Dinger habe ich am Iron Curtain Trail öfter gesehen, aber dieses hier ist besonders, weil da drin immer noch gebacken wird. Der Eigentümer hat es an die Stadt verpachtet, und die vergibt gegen ein Entgelt Backtermine und eine genaue Anleitung, wie man das nutzt und reinigt. Die Temperatur misst man nicht mit irgendwelchen neumodischen Knöpfen, sondern ganz klassisch, indem man Kornähren reinhält. Je mehr Körner verkokeln, desto heißer. ("Auf 20 Körner vorheizen und bei 20-25 Körnern und Umluft 30 Minuten backen." Oder so ähnlich.)
Kurz darauf folgt eine etwas größere Stadt. Was man daran erkennt, dass der Verkehr stark zunimmt und noch mehr Fachwerk das endlose Fassadenweiß durchbricht. In Bad Laasphe (der Name bedeutet Lachswasser) kann man an den historischen Gebäuden angeblich die ovale Form der alten Stadtmauer erkennen. Aber mir kam die Stadt eher vor wie eine langgestreckte Linie an einer lauten Hauptstraße.
Bis hier gehörte die Lahn den Forellen, denn die mögen es dort, wo das Wasser am klarsten, kältesten und sauerstoffreichsten ist. Nun, wo es langsam trüber und wärmer wird, beginnt das Reich der Äschen. Die Fische haben so unterschiedliche Ansprüche, dass sie nicht ins Territorium ihrer Nachbarn einfallen und die Grenzen automatisch respektiert werden. Eine Lösung für menschliche Kriege? Wohl eher nicht, denn dummerweise sind wir von ein und derselben Art.
Das Tal wird immer breiter, das Rothaargebirge verschwindet im weißen Dunst. Bei Bad Laasphe verlaufen zwei Themenpfade: Ein Bierwegelchen über die Brauereikunst (das ich aber nicht gefunden habe) und ein maßstabsgetreuer Planetenweg. So weit nichts Ungewöhnliches, aber ein bisschen ungewöhnlich ist, dass die Straßen und Feldwege auch alle Sonne und Pluto heißen. Nicht mal Plutoweg oder so, nein, einfach nur Pluto.
09 März 2025
Freiberger Mulde: Von Moldava nach Freiberg
Zur Abwechslung mal wieder ein aufwendigeres Reisevideo, das leider zu lang geworden ist.
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01 August 2020
01 April 2020
Werra: Von Neuhaus nach Trostadt
gefahren im: August 2020
Start: Neuhaus am Rennweg, Bahnhof/Werraquelle Siegmundsburg
Ziel: Trostadt, Naturlagerplatz am Forsthaus
Länge: 57 km
(Die Werra ist 299,6 km lang. Ich zähle hier den Werraradweg anhand meiner Karte. Er misst etwa 331 km. Darin enthalten sind die Nicht-Werra-Strecken von Neuhaus zu den Quellen, von Hörschel nach Eisenach und zurück nach Hörsel, die alle etwas mehr als 10 km lang sind.)
Werraquerungen: 8 (7 Brücken, 1 Rohr unterm Waldweg)
Ufer: erst rechts, dann links
Bundesländer: nur Thüringen
Landschaft: freundliche Waldkuppen des Kleinen Thüringer Waldes
Wegbeschaffenheit: Kieswege im Wald, steile Dorfstraßen, Seitenwald-Radwege
Wegbeschaffenheit: Kieswege im Wald, steile Dorfstraßen, Seitenwald-Radwege
Steigungen: Aber hallo!
Wetter: heiße Sonne mit Cumuluswolken
Wind: kaum kühle Brisen
Highlight: Tubinganlage Siegmundsburg
Größte Hürde: Steigungen mit Spülwasser
Zitat des Tages: "Ach und die Sonne/Senkrecht die Spitzen/Bohrt in den Scheitel;/Blutig die Steine/Netzet der Fluss." - Otto Ludwig, Dichter aus Eisfeld, Des Menschen Bürde -
Dieser Post ist der Mitarbeiterin der Südthüringenbahn gewidmet, die diese Tour gerettet hat, indem sie mich darauf hinwies, ich solle langsam einsteigen, statt auf dem Bahnsteig zu frühstücken. Zwar waren es noch 15 Minuten bis zur Abfahrt, aber 5 von 6 Fahrradplätzen waren schon besetzt.
1607, Neuhaus am Rennweg, 830 m ü. NN, Kilometer 0 Die erste Glashütte in Neuhaus wird errichtet. Das ist sehr umsichtig, denn so ist die Kleinstadt in den Bergen heute nicht nur von Touristen abhängig, sondern produziert auch alles mögliche aus Glas, von Thermometern bis hin zu Weihnachtsschmuck.
1814 Der Physiker Heinrich Geißler wird geboren. Er lernt von seinem Vater das Glasblasen und erfindet später eine neue Niederdruck-Gasentladungsröhre zur Glasherstellung.
1892 Die Holzkirche von Neuhaus wird errichtet.
11:49 Die Bahn hat sich endlich bis zur Endstation in die Berge hinaufgeschraubt, wo meine phantastische Reise beginnt. Ich sehe in Neuhaus weder Glas noch Holz, sondern nur Schiefer - Neuhaus hat einen akuten Schieferfetisch. Dass die Holzkirche aus Holz besteht, kann ich zum Beispiel nicht persönlich bestätigen. Sie ist komplett mit Schiefer verkleidet und verschlossen, kein einziger Holzsplitter guckt heraus (außer an Tür und Fensterrahmen).
Das ist also Neuhaus am Rennweg. Als nächstes stellt sich die Frage: Was ist ein Rennweg?
Im Mittelalter war ein Rennweg oder Rennsteig eine gerader Kiesweg durch die Berge als Abkürzung für Soldaten oder Boten. Die hießen so, weil man darauf nur laufen oder rennen (das bedeutete damals: schnell reiten) konnte, aber nicht mit Kutschen fahren.
11:58 Dieser spezielle Rennsteig verbindet die Werra mit der Saale und hat in der Moderne Karriere als Deutschlands beliebtester Wanderweg gemacht, auf dem man zum Glück nicht zwangsweise rennen muss.
Die Werra ist noch gar nicht zu sehen und der Werratal-Radweg auch nicht. Also folge ich den Schildern mit dem großen R des Rennsteig-Radwegs durch den Wald.
12:32 Ich verlasse den Weg und steige einen Pfad einige Minuten bergab. Hier liegt eine Quelle - doch es ist noch nicht die Werra.
Diese Quelle ist etwas merkwürdig. Oben ist eine Steinplatte mit einem Becken in Form eines Schlüssellochs, in dem schwarzes Wasser steht, aber überhaupt nichts fließt. Unten sprudelt dann Wasser in eine Holzrinne.
Hier entspringt die Schwarza. Die ist bekannt für ihre "Sprudeltöpfe" und Talsperren (die ich von oben auch ein wenig erkennen konnte), außerdem ist das der goldreichste Fluss Deutschlands. Die Schwarza fließt über die Saale in die Elbe.
12:51 Moment, die Elbe? Soll das heißen, ich bin noch nicht mal im richtigen Flusssystem? Ganz genau. Erst einmal geht es steil bergauf.
13:10 Meine Limonade ist fast leer, die Wasserflasche ebenfalls. Ich fülle sie mit meinem Wassersack auf und stelle sodann fest, dass das Wasser darin intensiv nach Spülmittel schmeckt. Ich habe den Sack gestern gründlich ausgewaschen und danach ein Testglas getrunken, um genau diesen Geschmack auszuschließen, aber irgendwie muss mir das Spüli entgangen sein.
Okay. Es herrscht praller Sonnenschein bei 32 Grad, kein Geschäft oder geöffnetes Restaurant ist zu sehen und ich habe einen Schluck Limonade und fünf Liter Spülwasser dabei. Super.
13:15 Am dreieckigen Dreistromstein liegt die Wasserscheide zwischen Rhein, Elbe und Weser. Ich folge natürlich der Seite des Steins, wo Saar/Werra/Weser draufsteht.
13:27, Siegmundsburg, 805 m ü. NN, Kilometer 12 Ich weiche vom Weg ab und fahre eine Straße runter. Dort sprudelt die Werraquelle Siegmundsburg aus einer grauen Mauer und rettet mich vor dem Verdursten. Ich fülle meine leeren Flaschen auf und halte damit gut bis zum Edeka in Eisfeld durch.
13:28 Der Quellfluss, der hier entspringt, heißt aus irgendeinem Grund Saar, dabei sind wir weit vom Saarland entfernt. Direkt neben der Quelle liegt die B281, die der Saar talabwärts folgt. Auch wenn die Quelle mich gerettet hat, so richtig schön ist es hier nicht. Kein Wunder, dass der Radweg woanders verläuft.
12:42 Noch vor der Quelle erstreckt sich das Dorf Siegmundsburg entlang der Straße. Alles ist still, die Restaurants verschlossen. Nur an einem Ort herrscht ein wenig Betrieb: An der Tubinganlage. Ein Imbiss verkauft hier Crepes und Bratwurst.
Im Winter rutschen die Gäste hier auf Ski, Schlitten oder harten Gummireifen den Schnee hinunter - und im Sommer stehen diese Gummireifen ebenfalls zur Verfügung. Ich lasse mich von einem kleinen Lift hinaufziehen. Oben beginnen zwei Bahnen, eine normale und eine mit einer kleinen Flugschanze, bei der man auf einem orangefarbenen Luftkissen landet. Die Schanze war wegen der Trockenheit geschlossen, man bekommt angeblich nicht genug Schwung für den Absprung.
12:43 Also nehme ich die normale Strecke und rutsche durch vier Kurven abwärts. Die Bahn besteht aus harten Plastikwaben mit Gras dazwischen, wie man sie normalerweise auf Parkplätzen findet. Ja, auf solchen Dingern kann man tatsächlich rutschen. Das ist langsamer als eine Sommerrodelbahn, aber auch wilder und unkontrollierter. Ich drehe mich ständig.
14:20 Wir befinden uns im Kleinen Thüringer Wald, wo die grünen Bergkuppen ein bisschen kleiner, idyllischer und weniger vom Borkenkäfer zerfressen sind. Dennoch ist es hier nicht ungefährlich: Auf einmal muss ich den Rettungswagen der Bergwacht ausweichen.
14:25 Ich passiere den Unglücksort, sogar ein Rettungshubschrauber kommt dazu. Ich frage mich, was passiert ist, schließlich klaffen keinerlei Abgründe am Wegesrand. Dennoch fahre ich ab jetzt noch vorsichtiger.
14:32 Der Waldweg besteht aus Kies. Manchmal holpere ich über ein paar größere Steine, aber meistens ist er gut befahrbar. Am Wegesrand liegt eine Rindenhütte, in der einst ein Köhler lebte.
Sehen Sie die neue ICE-Strecke nach Eisenach? Ich auch nicht. Die verläuft laut Karte genau hier, aber ein paar Meter tiefer in einem über 8 Kilometer langen Tunnel. Beim Bau wurden zwei Tropfsteinhöhlen entdeckt.
1897, Fehrenbach, 797 m ü. NN, Kilometer 18 Oberförster Georg Schröder und Mauerer Elias Traut mauern die andere Werraquelle in Stein. Dorthin mache ich einen weiteren Abstecher. Hier findet gerade eine Hochzeit statt, und sogar ein geöffnetes Restaurant ist vorhanden, wo Hühner um die Tische laufen.
Es gibt also zwei Werraquellen. Die beiden werden Werraquelle Siegmundsburg und Werraquelle Fehrenbach, Werraquelle Bleßberg und Werraquelle Eselsberg, vordere und hintere oder nasse und trockene Werraquelle genannt. Letzteres verstehe ich gar nicht: Ich kann persönlich bestätigen, dass beide nass sind. Fehrenbacher sprechen auch von der falschen und der echten Werraquelle. So steht es auch auf der Hinweistafel: Die "echte" Werraquelle.
Stimmt das? Die beiden Bäche sind ungefähr gleich lang und haben gleich viel Wasser. Ein langer Streit der beiden Dörfer, zahlreiche Gutachten und Werraquellfeste lieferten keine eindeutige Antwort.
Ich kann sagen, dass die Siegmundsburger Quelle nur zwei Vorteile hat: Sie ist mit dem Auto besser zu erreichen (für mich irrelevant) und dort kann man das Wasser besser abfüllen (für mich sehr relevant). Ansonsten hat mir die Fehrenbacher Quelle besser gefallen, sie ist sehr viel idyllischer gelegen und aufwändiger hergerichtet. Ja, bei der Einfassung der Quelle haben Traut & Schröder sogar fast ein bisschen übertrieben.
Zuerst sprudelt das Wasser aus einem goldenen Löwenkopf in ein Steinbecken. Die grauen Steinblöcke ringsherum tragen die Bilder von Städten an der Werra und Weser. Das Wasser taucht noch einmal kurz unter die Erde ab...
...und läuft dann durch mehrere grüne Teiche. Die grüne Farbe kommt vom hohen Kupferanteil. In der Mitte erhebt sich ein hölzerner Aussichtsturm. Nach dem größten Teich läuft das Wasser in eine Rinne,...
...bildet einen kleinen Wasserfall und darf dann endlich als normaler Bach in den Wald abtauchen. Zumindest theoretisch. Im Hochsommer blieb das wenige Wasser im Teich, da lief nichts.
15:33 Nach einer Mahlzeit an der Quelle kehre ich zum Hauptweg zurück.
15:38 Als nächstes begegne ich der Werra am Werrateich mit Goldwäscherplatz. Zumindest theoretisch. Der Teich wurde zur Sanierung abgelassen, deshalb plätschern dort nur zwei Bächlein (aber immerhin, es fließt etwas). Also wirklich! Ich dachte, Martin Luther hätte den Ablass in Thüringen abgeschafft.
15:40 Nun schraube ich mich neben der Werra die Berge hinunter.
15:46 Bei einem Fußbad zeigt sich die Werra herrlich klar und kühl. Kaum zu glauben, dass das hier später der verseuchteste Fluss Deutschlands wird.
15:42 Ah, jetzt glaube ich es schon eher. Industriebauten zeigen an, dass die Berge gleich zu Ende sind. Kleine Staumauern bremsen die junge Werra aus - und halten sie schließlich sogar komplett an.
15:58, Sachsenbrunn, 491 m ü. NN, Kilometer 25,5 Die Saar (von Siegmundsburg) und die Werra (von Fehrenbach) fließen nun zusammen. Zumindest theoretisch. Vor der Reise hatte ich mir Gedanken gemacht, ob die Quellen wohl ausgetrocknet sind. Das waren sie zum Glück nicht, dafür aber manch anderer Teil des Flusses.
ca. 1630 Im Dreißigjährigen Krieg pflanzen die Sachsenbrunner eine Tanzlinde.
16:11 Dieser dicke Baum ist von einem Tanzbruck umschlossen, einer Art niedrigem Riesenbaumhaus ohne Dach. Auf dieser coolen Plattform tanzen die Sachsenbrunner im Frühling und gucken von oben herab auf andere Dörfler, welche um einen gewöhnlichen Maibaum tanzen müssen.
16:17 Die nächsten fünf Kilometer sind zur Abwechslung mal ganz flach. Mehrere Mähdrescher dröhnen und furzen mir eine Wolke aus kratzigen Pflanzenpartikeln auf den Radweg. Um sie nicht einzuatmen, halte ich die Luft an.
16:18 Ich atme wieder.
3. Pfingsttag 1608, Eisfeld, Kilometer 31 Herzog Johann Casimir befiehlt, dass sich ab jetzt jedes Jahr an diesem Tag die Männer auf der Wiese vor der Stadt treffen müssen. Sie sollen mit den Waffen üben und gemustert werden, falls die Stadt angegriffen werden sollte. Danach wird gefeiert. Deswegen feiern die Eisfelder bis heute das sogenannte Kuhschwanzfest an diesem Tag, nur halt ohne Waffen.
16:26 In der ersten größeren Stadt an der Werra entdecke ich trotz ihres Namens keine Eisdiele, sondern nur Baustellen und einen Edeka. Die Häuser sind bunt, das Schloss weiß, die Kirchen und Brunnen grau - so sehen die meisten Städte an der oberen Werra aus. Die anderen sind aber etwas belebter als Eisfeld.
17:17 Die restliche Strecke besteht aus zwei Arten von Wegen. Zum einen muss ich steile Dorfstraßen in Bockstadt, Harras, Veilsdorf und wie die Dörfchen alle heißen im Zickzack rauf- und runterstrampeln.
50 Prozent aller Straßen heißen entweder Schöne Aussicht oder Ernst-Thälmann-Straße. Ersteres ist noch aktuell, letzteres seit dem Mauerfall nicht mehr.
Ein zwiebelförmiger Kirchturm ist die endgültige Bestätigung meiner These, dass Thüringen das Tschechien Deutschlands ist.
1950-1998 Im Sozialismus wurden die Straßen andauernd umbenannt: Die Bahnhofstraße machen wir zur Stalinallee, ach nee, Chruschtschow hat gesagt, Stalin war doch nicht so gut, dann wieder Bahnhofstraße. Die Coburger Straße nennen wir Straße der Einheit, ups, jetzt eröffnet da ein Grenzübergang, die Wessis könnten das missverstehen, wir sind schließlich ein eigener Staat, dann nennen wir sie halt nach irgendeinem Parteiführer.
16:29 Etwas besser gefallen mir die Seitenwald-Radwege am Rande des Tals. Da geht es zwar auch mal ein bisschen auf und ab, aber nicht ganz so stark. Außerdem stehen da extrem viele freundliche Rasthütten aus hellem Holz.
An der Werra verläuft keine der beiden Wegearten. Ich erkenne sie nur unten im Tal als Reihe von Bäumen.
Dieses niedrige Tal schlängelt sich nun in Richtung Norden und wird nach und nach zur Grenze zwischen Muschelkalk und Buntsandstein, zwischen Thüringer Wald und Rhön, irgendwann sogar zwischen Thüringen und Hessen und zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Die DDR-Grenze verläuft noch nicht im Tal, aber nicht weit entfernt.
1960er Der spätere Bundestags-Vizepräisdent Wolfgang Thierse will seine schwerkranke Mutter besuchen. Das Problem: Sie wohnt in Eisfeld, in der abgeriegelten Sperrzone nahe der Grenze. Eine Besuchsgenehmigung kann er so kurzfristig nicht bekommen. Also steigt er ein paar Bushaltestellen früher aus und versucht, sich zu Fuß reinzuschleichen. Das klappt nicht, er wird erwischt und kassiert ein saftiges Bußgeld.
18:17 Ich sehe das plätschernde Flüsschen erst wieder, als ich in die nächste Stadt hineinfahre.
1840, Hildburghausen, Kilometer 47 Das erste Meyers Lexikon erscheint in Hildburghausen. Auch wenn der Verlag mit dem etwas sperrigen Namen Bibliographisches Institut hier schon längst nicht mehr seinen Sitz hat, liegt hier also auch der Ursprung von Meyers Kinderbibliothek, mit der ich aufgewachsen bin. (Das sind unter anderem diese Bücher, wo man die dunklen Seiten mit einer Papiertaschenlampe beleuchtet.)
1845 Ein mysteriöses, zurückgezogen lebendes Paar der Stadt ist gestorben, der sogenannte Dunkelgraf und die Dunkelgräfin. Umgehend machen sich die neugierigen Hildburghausener an die Recherche, wer die beiden denn nun waren. Der Mann war holländischer Händler, das finden sie schnell heraus. Die wahrscheinlichste Theorie zur Frau lautet heute, dass sie eine französische Prinzessin war, die Tochter von Ludwig XVI. Beeindruckend, dass die beiden es geschafft haben, für ihr restliches Leben unerkannt unterzutauchen - aber damals gab es ja auch noch kein Internet.
18:20 Ich mache einen Abstecher über den Fluss nach Hildburghausen. Auch diese Stadt hat einen schicken Südthüringer Marktplatz, der um diese Zeit bereits recht still ist.
18:21 Ansonsten kommt sie jedoch etwas schäbiger daher.
18:54 Uff! Noch mehr steile Dorfstraßen. Bergauf bin ich sowieso langsam und bergab bremsen mich Bremsschwellen aus kleinen Pflastersteinen. Na danke.
19:00 Ich kühle mich unter einem kleinen Werrawehrwasserfall ab. Ah, schon viel besser! Jetzt kann ich das letzte Stückchen in Angriff nehmen.
1775, Trostadt, Kilometer 57 Das Wohnhaus der Nonnen im Kloster Veßra (wo ich morgen früh vorbeikomme) brennt ab. Die Nonnen bekommen ein neues Zuhause in Trostadt gestiftet. Hier leben sie einsam und bescheiden zusammen mit einem Probst, einer Äbtissin, einem Frühmessner, einem Kellermeister, einer Küsterin, einem Hofmeister, Knechten, Mägden und einem Kaplan.
20:00 Ich erreiche die Reste des Klosters. Es steht noch eine große graue Mauer, um die ich erst einmal lange herumfahre, bis ich einen Zugang finde, und ein Gebäude, bei dem nicht ganz klar ist, ob es sich um einen Teil der Kirche oder eine Scheune handelt (links). Heute befinden sich darin jedenfalls Toiletten und Duschen. Das Forsthaus (rechts) ist deutlich jünger und kann für Veranstaltungen gemietet werden.
Laut meiner Karte befindet sich hier ein Naturlagerplatz, und auch auf der Website des Forsthauses ist ein entsprechender Hinweis versteckt. Als ich vor Ort erst einmal keinen Eingang entdecke, spricht mich der Nachbar und ruft "den Jens mal an", der eine halbe Stunde später vorbeikommt. Es ist offenbar so gedacht, dass man vorher eine E-Mail schreibt und dann vor Ort gegen 10 Euro die Waschräume im ehemaligen Kloster nutzen kann, also eher eine Art sehr günstiger Campingplatz als ein Naturlagerplatz. Auf jeden Fall eine wunderbare Übernachtungsmöglichkeit.
21:00 Eine Familie aus Paderborn möchte sich mit mir bei Stockbrot unter anderem über die Verkehrswende unterhalten. In anderen Fahrradblogs stünde an dieser Stelle nun deren komplette Lebensgeschichte (weil das wirklich Interessante ja die Menschen sind, die man trifft und so), worauf ich aus Datenschutzgründen aber verzichte.
22:30 Ich lege mich ins Stroh in einer grünen Jurte schlafen. Die steht zufällig noch, weil hier zuvor ein junger Handwerker auf der Walz (Wanderschaft) traditionsgemäß auf diese Weise genächtigt hat, und ich darf es nutzen. Genial! Da habe ich mein Zelt ganz umsonst mitgeschleppt.
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