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22 November 2025

Naab: Von Silberhütte nach Weiden

Bis vor Kurzem war die Naab für mich bloß einer von vielen Flüssen im berühmten Donaugedicht, und die Oberpfalz hätte ich auf einer Deutschlandkarte nicht korrekt anzeigen können. Doch unverhofft bot sich mir eine wunderbare kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit am Waldnaab-Radweg.
Und nicht nur das, auch für die Anreise bot sich eine ganz neue Möglichkeit: Der freundliche Gastgeber fuhr uns gleich hoch zum Wanderparkplatz/Wendeschleife/geschlossenen Gasthaus Silberhütte. Danke dafür, sonst wäre das echt schwierig geworden, hier hinzukommen. Noch besser: Jetzt geht es fürs Erste nur bergab! Aber vorher erst mal die Vorderräder wieder einsetzen, denn im Gesamtpaket haben die Räder nicht in den Kofferraum gepasst.


Wenige Waldwege später beginnt die Waldnaab in einer eingesunkenen Rinne moosiger Steine. Diese Quelle hat zwei Besonderheiten: Erstens kommt da kein Wasser raus, sondern allem Anschein nach nur Laub. (Immerhin ist es am Anfang der Rinne etwas feuchter.)
Und zweitens liegt die Quelle allem Anschein nach haargenau auf einer Grenze. Nicht nur in der App ist die Grenzlinie so eingezeichnet, auch vor Ort standen links und rechts der Quelle je ein weißer Grenzstein, der eine tschechisch (C 11, im Bild), der andere deutsch (DB 11 - Deutsche Bundesrepublik oder wat? Wer kürzt das denn bitte so ab?)
Auf einer steinernen Bank sind die bunten Wappen der Städte an der Waldnaab eingemeißelt.
Der Blätterfluss macht erst mal einen kleinen Bogen rüber in den den tschechischen Wald.

Wir dagegen holperten entlang der Grenze über den rauen Waldpfad, welcher ein Radweg sein sollte. Damit verursachten wir die einzigen, oder zumindest die mit Abstand lautesten Geräusche in diesem menschenleeren Grenzwald.
Und wenn ich entlang der Grenze sage, dann meine ich damit: Der Pfad liegt wirklich haargenau auf der Grenzlinie. Das ist eine echte Seltenheit auf dem ehemaligen Eisernen Vorhang und anderswo, es hat aber auch seine Nachteile. Die Tschechen haben ausgerechnet auf diesem Abschnitt beschlossen, ganz penibel Grenzsteine aufzustellen (sonst kenne ich das nicht von denen), und die standen dann auch wirklich exakt in der Wegmitte. Hmm, weiche ich denen jetzt über Deutschland oder über Tschechien aus, oder mache ich einen internationalen Slalom draus?
Die Trennung der Tschechoslowakei wurde auf diesen Steinen pragmatisch umgesetzt: Das eingravierte S wird einfach nicht mehr in schwarz ausgemalt, nur noch das C. Warum sie aber das tschechische Häkchen auf dem Č ebenfalls nicht mehr ausmalen, bleibt unklar.

Nach vielleicht einem Kilometer war die skurrile Holperei auch schon zu Ende. Geradeaus zog sich eine schnurgerade Schneise durch den Wald, in der die Grenzsteine unverändert weitergingen. Wir aber bogen ein nach Deutschland auf einen gewöhnlichen Waldweg.
Auch die Waldnaab kehrt zurück. Irgendwo in Tschechien muss sie echtes Wasser aufgetrieben haben, und so plätschert sie kristallklar über den braunen Waldboden, durch das eine oder andere Betonrohr unter dem Weg durch und durch ein die ersten hübschen Minischluchten.

Das Waldgrenzgebirge heißt übrigens Oberpfälzer Wald/Český les ("böhmischer Wald") und ist nicht zu verwechseln mit dem Böhmerwald/Šumava nebenan im Süden. Da hätten sich die Nachbarländer echt besser absprechen sollen wegen der Namen.

Trotz ihres Namens ist dann erst mal Schluss mit Wald an der Waldnaab. Der Waldweg wird zur Straße, und im Tal häufen sich die Häuser an zur ersten Naabstadt.

Zählt das schon als Stadt? Bärnau wirkt zunächst wie eine Kreuzung mit einer Kapelle und einem abgehalfterten Karpfen. (Ein paar Kilometer weiter stand ein ähnlicher Karpfen in einem Vorgarten, nur dass er dort komplett mit bunten Fotos bedruckt war.)
Dass die hier Karpfen gezüchtet haben, ergibt Sinn, wenn als Abnehmer links ein Bundesland und rechts ein kompletter Staat liegt, in dem Karpfen das traditionelle Weihnachtsessen sind. Aber Bärnau zelebriert die Nähe zu Tschechien noch auf andere Weise.

Denn gleich am Ortseingang erstreckt sich der deutsch-tschechische Geschichtspark Bärnau-Tachov, ein internationales Freilichtmuseum. (Tachov/Tauchau ist die erste tschechische Ortschaft hinter der Grenze, aber nein, liebe Gamer, es ist nicht das Tachau, welches durch seine Nachbarschaftsfehde in einem Computerspiel einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat.)
Ein frühmittelalterliches Slawendorf und eine hochmittelalterliche Kleinstadt stehen hier in direkter Nachbarschaft. Auch die Gruben-, Block-, Flechtwand-, Pfosten- und Fachwerkhäuser könnte man - selbst in einer Zeitmaschine - wahrscheinlich nicht im selben Dorf nebeneinander finden. Es geht schließlich darum, die Geschichte der Baukunst zu zeigen. Immer nur denselben Haustyp nebeneinander zu bauen, wäre ja auch langweilig. Mehrere Quellen zeigen, dass in diesen Häusern nicht nur Franken, sondern auch Slawen lebten. Darum hieß die Region Bavaria Slavica.

Wann und wo genau der jeweilige Haustyp nun gebaut wurde, verrät der Audioguide. Wie man dagegen die ganzen Stoffe, die da drin ausliegen, so schön bunt bekommt (Spoiler: Vegan ist es nicht, man muss Läuse zerquetschen.) und spinnt, das verraten die verkleideten Handwerker. Im Sommer leben die Darsteller tatsächlich eine Zeit lang im Museumsdorf, es wird also für sie ein noch immersiveres Erlebnis, dem sie aus einer gewissen Leidenschaft nachgehen.

Zur Anlage gehört eine Wiese mit slawischem Kultplatz (oder, so wie es für mich aussah: eine Wiese) und ihr Nachfolger, eine frühe Kirche in einem Blockhaus, ganz in weiß.

Im frühen Hochmittelalter hatte das Dorf zur Verteidigung schon eine Burg, die jedoch etwas anders aussieht als das, was wir allgemein unter einer Burg verstehen. Im Ernstfall verzogen sich die bayrischen Slawen auf den Hügel hinter die Palisaden, und von da aus im noch ernsteren Ernstfall über die Holzbrücke ins 1. Obergeschoss des Turms.
So eine Burg nannte sich aus irgendeinem Grund Motte. Hoffentlich hatten sie genug zu Essen für eine Belagerung da drin, dann war es zumindest eine Lebensmittelmotte. Weil das hier eine ganz frühe Form der Motte ist, besteht der Turm nur aus Holz, nicht mal mit ein bisschen Lehm. Die Brandpfeile freut es.

Am Rande des Parks wird seit 2018 etwas aus dem Spätmittelalter aufgebaut, nämlich eine Reisestation für den deutsch-tschechischen Kaiser Karl IV. Sie ist noch nicht fertig, und bis sie es ist, wird es noch eine ganze Weile dauern, denn Bagger, Betonmischer und gelbe Liebherr-Kräne sind hier strengstens verboten. Es darf nur mit dem gebaut werden, was es damals gab, zum Beispiel übergroßen Hamsterrädern, etwas, auf das selbst die dubiosesten Bauunternehmer heutzutage verzichten. Die experimentellen Archäologen planen einen Palas, zwei Fachwerkhäuser, eine Wehrmauer, ein Torhaus und eine Kapelle. Die Reisestation soll zur zweitgrößten Mittelalter-Baustelle Europas heranwachsen und etwa 2038 fertig sein. Gerade arbeitete niemand, die Besucher durften aber auch nicht ins Hamsterrad steigen und mit anpacken. So isses kein Wunder, dass das 20 Jahre dauert.

Hinter Bärnau fuhren wir ein Stück Vizinalbahn-Radweg. Wat für eine Bahn? Eine Vizinalbahn ist einfach nur eine günstigere Nebenbahnstrecke, die aber trotz ihrer Günstigkeit erst mal irgendwie finanziert werden muss. Bei dieser Strecke machten das zur Hälfte das Königreich Bayern, zur anderen Hälfte Überschüsse der Staatsbahn, und die Gemeinden bezahlten den Grundstückskauf und die Erdarbeiten, dafür kriegten sie was von den Einnahmen ab. Die Stadt Tirschenreuth beschaffte sich das Geld, indem sie den Malzzuschlag für die Bierbrauer anhob. Jeder Biertrinker der Stadt finanzierte also die Bahn. Bayrischer wird es heute nicht mehr.
Der Bahnradweg ging durch helle Hohlwege und hoch über noch helleren Feldern dahin. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das Laub wegzuräumen, aber wir hatten Glück, alles war ziemlich trocken und null rutschig.

Im Prinzip kann man auf dem Vizinalbahn-Radweg bis Tirschenreuth durchfahren, dann hätten wir aber den Blick auf den einzigen Stausee der Naab verpasst, den Hochwasserspeicher Liebenstein. Er schmiegt sich recht unerwartet in die grünen Felder, landschaftlich hätte ich jetzt nicht mit einem Stausee gerechnet, hätte die Karte ihn mir nicht gespoilert. An seinem Rand sind aber die vertrauen felsig-grauen Riffellinien der unterschiedlichen Wasserstände, wie sie auch bei Stauseen mitten im Gebirge vorkommen.

Und noch ein Juwel hätten wir auf dem direkten Wege nicht entdeckt. An der Straße stand ein Wegweiser zur Burgruine Liebenstein. Im 12. Jahrhundert lernten die Menschen der Bavaria Slavica nämlich doch noch, Burgen aus Stein zu bauen, so stabil, dass hoffentlich noch ein bisschen originale Substanz übrig ist. 
Schauen wir mal, der Berg sieht gar nicht so hoch aus, und eine Pause brauchen wir eh - rauf da! Und es war wirklich ein traumhafter Ort für eine Pause. Der Berg ist voller Buckel und Felsplatten, und aus den hinteren ragen ein paar alte Burgmauern auf, die aussehen, als seien sie direkt aus dem Fels gewachsen. Sogar die Zugbrücke wurde nachgebaut, und es gibt zwei Rastplätze - einen vor, einen in der Burg. Und auch einen Beschützer hat die Burg, nämlich eine gehäkelte Raupe in einer Prospekthülle: Ich ging nicht verloren, ich wurde für dich geboren. Ich bin ein kleiner Talisman, der deine Sorgen fressen kann. Als Zauberraupe winzig klein will ich dein Begleiter sein. Och.

Diese Burgmauern sind aus dem 14. und 15. Jahrhundert, aber zum Teil wurden auch Quader von der vorherigen Burg recycelt. Obendrauf kam ein weißer Palas aus Fachwerk wie bei der Wartburg, nur viel kleiner, und eben längst vermodert. Die Liebensteiner waren eine der mächtigsten Ministerialen-Familien des Egerlandes. (Okay, wie viele Ministerialen-Familien hatte das Egerland eigentlich genau?) Jedenfalls, bis sie ausstarben und die Burg an ein Kloster ging. Links im Bild ist eine Zisterne zu erkennen, in der sie 20 000 Liter Regenwasser sammeln konnten.
Hm, als wir so drinstanden und über den knirschenden Kiesboden schlenderten, sahen die Mauern doch überraschend frisch aus. Aber bei der Rekonstruktion wurden sie angeblich nur freigelegt und "ergänzt".

Sodann kehrten wir zurück auf den Vizinalbahnradweg, den jetzt streng geradeaus führt und wie die Waldnaab in trübe Sumpftäler abtaucht.

Aber schließlich windet sich die Bahntrasse vorbei an einer hellen Stadt namens Tirschenreuth. Hier wurde das originale Pfostenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat. Die Stadt war lange eine Insel, bis die Bewohner dem Kloster seine Stauteiche abkaufen und trockenlegten.
Wir irrten durch ein Gewerbegebiet und schnauften hinauf auf den extrabreiten Marktplatz, dessen Arkaden noch stark an die böhmischen Bögen Tschechiens erinnern. Meine Güte, ist der lang, der Platz könnte ja zwei bis drei Kleinstädte mit Marktplätzen versorgen! Aber halt auch mit nichts anderem. Wir wollten uns in der Bäckerei bei einem Heißgetränk aufwärmen - "Tut mir leid, wir schließen jetzt." Im Gegensatz zu den anderen Cafés, die hatten schon geschlossen oder waren generell schon in der Winterpause.
Über dem Platz wacht Johann Andreas Schmeller, Mundartforscher und Verfasser des Bayrischen Wörterbuchs (ich habe in der Schule gelernt, Mundart hat keine Rechtschreibregeln - Schachmatt, Herr Schmeller). Die Folklore der Oberpfalz hat viele Regionalforscher angezogen. Die einen haben die Sprache aufgeschrieben, die anderen ihre Sagen und Märchen. In Tirschenreuth spielte eine Variante des Rattenfängers von Hameln, bei der die Kinder am Ende vom Rattenfänger in einen Berg gesperrt werden - aber da taucht ein Käfer auf und schenkt einem Jungen den Schlüssel in die Freiheit, und eine Märchenprinzessin wartet auch noch an der nächsten Ecke auf ihn. Angeblich soll das die Originalgeschichte sein, es wirkt aber eher, als hätte jemand nachträglich ein Happy End obendrauf geklatscht.

Als nächstes fuhren wir auf der Straße, oder besser gesagt, auf der ehemaligen Straße. Diese asphaltierte Landstraße hat anscheinend ausgedient, die neue Ersatzstraße windet sich ein paar hundert Meter weiter um die Äcker und Felder. Die alte Straße dient uns nun als extrabreiter Fahrradweg, wunderbar!

Anscheinend befinden wir uns auch im Stiftland (keine Ahnung, inwieweit sich dieser Begriff mit dem Egerland und der Oberpfalz unterscheidet oder überschneidet) alias Land der tausend Teiche. Die Karpfenteichlandschaft ist Unesco-Weltkulturerbe, und die erste Teichen kommen... schon vor einigen Kilometer, ups, wir haben sie auf dem Ehemaligen-Landstraßen-Radweg übersprungen (der wohl gar nicht der offizielle Waldnaab-Radweg war). Hier mal trotzdem ein paar Fotos aus der Tirschenreuther Teichpfanne von einer anderen Wanderung. Der auffällige Aussichtsturm heißt Himmelsleiter und ist somit besonders Typen zu empfehlen, die ihren Zwillingsbruder um sein Erbe betrogen haben und deshalb auf der Flucht sind. Sie ist nur eins von mehreren christlich angehauchten, rechteckigen Objekten aus Holz und Beton.
Außerdem wurden hier wilde Wasserbüffel angesiedelt.

Unter der Burg und dem spitzen Kirchturm von Falkenberg wird das Flussbett der Waldnaab gerade komplett umgebaut. Keine Brücke, was nun? Ein paar Meter weiter nach rechts ausweichen, da steht die nächste.
So, und nun ist Schluss mit Entspannung. Es geht wieder steil aufwärts und rein in den Wald.

Dort folgen die nächsten Teiche. Nur manche halt ohne Wasser, davon liefert der Mühlnickelbach im Winter wohl nicht genug. Der kleine Bach wand sich durch den zähen Schlamm, durch Teich um Teich.
Für diese Mühe sollte er reich belohnt werden.

Bald türmten sich knubbelige Sandsteinfelsen rund um den Bach auf, und die Schlammflächen wurden abgelöst durch eine traumhafte Schlucht - Zeit für die zweite Rast. Schließlich kamen wir wieder unten an der Waldnaab heraus, die jetzt auch ein Sandstein-Outfit trug, das schon fast ans Kirnitzschtal herankam. Bin ich hier wirklich in Bayern? Ich könnte schwören, das ist das Elbsandsteingebirge. Nur der Fluss ist noch relativ ruhig.
Dieses Waldnaabtal ist in erster Linie Naturschutzgebiet und eine beliebte Wanderstrecke. Radfahrer können bloß im Mittelteil ein Stück auf einem normalen Waldweg dabeisein. Die Wanderer wanderten am anderen Ufer auf ihrem schmalen Pfad, hin und wieder über Holzbrücken. Ein Hund mühte sich kläglich an den rutschigen Stufen ab, bis sein Herrchen ihn herübertrug.

Die Burg in diesem Tal ist schon lange komplett verfallen, aber hin und wieder sind als menschliche Werke irgendwelche Heilige anzutreffen, in Bildern oder gemeißelten Reliefs, vom Heiligen Antonius bis zum Heiligen GIERSCHGEFCANDJURI... was? Ach so, das sind Gefallene des Krieges.

Und natürlich haben ein paar markante Felsformationen auch Namen abbekommen, obwohl das Waldnaabtal in dieser Hinsicht nicht ganz so kreativ ist. Dieser Tisch (Tirschenreuther Tisch?) heißt Fischstein, weil hier ein Geiger ertrunken ist, aha.

Vorzeitig mussten wir Radler das schöne Tal jedenfalls wieder verlassen und die Waldberge rauf. In Windischeschenbach (das kommt von wendisch, wieder ein Hinweis auf die Slawen) ist das besondere Tal dann zu Ende, und die Fichtelnaab fließt vom Ochsenkopf kommend dazu. Laut manchen Quellen heißt der Fluss, dem wir bisher gefolgt sind, auch Tirschenreuther Waldnaab, und erst ab dem Zusammenfluss mit der Fichtelnaab ist es einfach nur die Waldnaab.

Wenn man diese Namensgebung akzeptiert, dann ist die Waldaab aber weder besonders waldreich noch besonders attraktiv. Was jetzt kam, hat ehrlich gesagt einfach bloß noch genervt. Der erste Anstieg aus dem Tal raus ging ja noch, mit dem hatte ich auch gerechnet. Nicht auf dem Schirm hatte ich, dass es danach für fast den Rest des Tages genauso intensiv rauf und runter geht, rauf und runter, über die Waldnaab und rauf und runter. Landschaftlich war dieses Ackertal auch nicht mehr wirklich spannend, und die einbrechende Kälte und Dämmerung taten ihr Übriges.

Sehr erleichtert waren wir also, als wir von oben auf die Vororte und Tankstellen von Neustadt an der Waldnaab herabstießen. Ab hier übernahm mein Oberpfälzer die Navigation und suchte Schleichwege zwischen den Einfamilienhäusern hindurch.

Das hier ist die Altstadt von Neustadt. Bei genauem Hinsehen ist auch erkennbar, warum ich sie nur aus der Ferne fotografiert habe: Sie lag oben.

In Neustadt beginnt übrigens auch ein zweiter Oberpfälzer Bahnradweg. Der sogenannte Bockl Radweg (der heißt wirklich so) ist ein gutes Stück länger als die Vizinalbahn, dieses Video zeigt nur ein Teilstück.

Der Waldnaab-Radweg wollte uns schon wieder am linken Ufer irgendwo hochschicken, aber wir weigerten uns. Das Tal hatte sich endlich geweitet, es gab Wiesen, Hauptstraßen und Bahngleise, zwischen denen es sich weitaus bequemer durchschlüpfen und durchholpern ließ bis zu den Vorstadtvillen der nächsten Stadt. Das hatten wir bereits auf der Bockl-Tour getan, darum wollte ich ursprünglich vorschlagen, jetzt die eingetragene Route des Waldnaab-Radwegs auszuprobieren, wo auch immer die genau verläuft. Mittlerweile war ich aber doch in einem Zustand, indem ich lieber widerspruchslos den kurzen Weg nahm.

Weiden in der Oberpfalz ist das, oder zumindest ein, Zentrum der Region und zieht sich überraschend weit hin. In der Mitte umschließt eine Stadtmauer mit schmalen Parkstreifen die Altstadt.

Die ist schlicht und pastellfarben geraten, hier und da mit barocken Schnörkeln. Auf den Stadttoren leben Schlingpflanzen, was gerade aber jahreszeitlich bedingt nicht ganz so sehr ins Auge stach.
Die Stadtbefestigung war wichtig, denn aus dem Osten kam nicht nur das Geld der Händler auf der Goldenen Straße (Prag - Nürnberg), sondern eben auch Feinde, und das bedeutet in Weiden: Hussiten. So unterschiedlich sind noch immer die Sichtweisen auf die Geschichte: Im protestantischen Norden sind die Hussiten frühe Reformatoren und damit erst mal grundsätzlich positiv. Die Weidener kamen zwar alle neugierig gucken, als Jan Hus durch ihre Stadt zog. Doch Jahre später, als Hus verbrannt und seine Anhänger schwerbewaffnet vor den Toren standen, waren die Hussiten in erster Linie feindliche Invasoren. Zumal die Katholiken gerade erst in Weiden beraten hatten, was man gegen sie unternehmen könnte (offenbar mit mäßigem Erfolg).

Die Weidener sahen die Hussiten rechtzeitig, schlugen Alarm und verrammelten die Tore. Die Hussiten zogen ab und verwüsteten lieber Sachsen/Thüringen, um von da aus wieder Richtung Süden nach Franken einzufallen. Soweit die Geschichtsbücher. Die Sage erzählt von einem zweiten Versuch, an die Reichtümer von Weiden zu kommen, diesmal etwas raffinierter. In finsterer Nacht krochen die Hussiten an die Stadtmauer heran und gruben einen kleinen Tunnel, durch den sie... nein, sie krochen nicht durch, sondern ließen Wasser rein, das ein ganzes Mauerstück zum Einsturz bringen sollte.
Die Stadtbewohner schliefen und bekamen nichts mit. Aber das kleinste Glöckchen im Rathausturm fing plötzlich an zu wimmern. Und auf magische Weise drang der Ton durch alle Türen und weckte die Stadt auf. Dem "Hussitenglöckerl" sei Dank konnten die Männer das Loch rechtzeitig mit Sandsäcken verstopfen, Weiden blieb unerobert und katholisch.

Keine Sage dagegen ist die Geschichte hinter diesem Brunnen: Er enthält eine Leitung zum nahen Hotel. Einmal im Jahr schickte das Hotel aus den Fässern in seinem Keller Bier in die Leitung, und zapfte es mitten auf dem Markt - genau aus dem Loch (Bierlöcherl?) links im Bild.

18 August 2025

Donau: Von Feyveshegy nach Budapest

Am letzten Fahrradtag entschieden wir: Wir bleiben an diesem Ufer und sparen uns die Strecke über die Insel Szentendrei Sziget, die Stadt Szentendre und an der Szentendrei-Duna. Dort muss man auch nicht weniger Straße fahren als hier. Und das war keine schlechte Entscheidung. Häufig ging der Weg durch irgendwelche Parks und Hohlwege, die genau wussten, was wir brauchen: Schatten und Wasser.


Auf der letzten Etappe trafen wir viele Reiter an, die sich morgens bis an die Donau vorwagten und später auf ihre eigenen Parkplätze zurückzogen.
"Kinder, das ist die letzte Chance, in der Donau zu baden, nachher kommt schon die Stadt!"
Das klang überzeugend, ich sprang hinein.
Eine Stunde später hielten wir am nächsten Strand.

Gesäumt wurde der Radweg von sehr, sehr unterschiedlich gestalteten Fahrrädern (das auf dem ersten Bild ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen).

Aber natürlich ging es auch lange an lauten, heißen Straßen entlang. Ein Industriegebiet poppte links von uns auf, und dann...
"Da!"
Fast hätten wir es übersehen, das kleine grüne Ortsschild auf der anderen Straßenseite. So kennzeichnet man in Deutschland kleine Käffer, die keine vollwertigen Ortschaften sind - doch Budapest ist mit Sicherheit eine vollwertige Ortschaft. (Beweisstück A: Zu unserer Unterkunft waren es noch immer 13 Kilometer.) Unsere Eltern wollten am Schild gern ein Gruppenfoto machen, also hatte ich ich aufmerksam danach Ausschau gehalten. Die Straße überqueren wollten wir für das Schild dann aber doch nicht. Auf dem Handy einen Kreis ins Bild malen, birgt eine viel geringere Gefahr, überfahren zu werden. Es sei denn, man malt den Kreis während des Radfahrens.

Wenn die Türken während ihrer langen Invasion bis kurz vor Wien vorrückten und dann wieder zurück, kann man sich ausrechnen, dass sie in Budapest etwas länger gewesen sein mussten. Ein positives Ergebnis davon sind die türkischen Bäder, die Budapest zu einer Thermenstadt machten. Sogar die Aquaworld am Nordrand scheint davon noch architektonisch inspiriert zu sein, und selbst die Wasserrutschen stammen von einer türkischen Firma.

Nun ging es richtig los: Wohnblocks, komische Kästen, malerisch überwucherte Altbauten und Ruinen hatten alle einen Platz an der Straße gefunden. Nur die Straße selbst musste irgendwann neu gemacht werden.

Zeit, an die Donau zurückzukehren. Die hat hier eine sehr breite Uferpromenade mit mehreren Ebenen, wie man sie in vielen Metropolen findet - vor allem dieses Geländer verströmt intensive Berlin-Vibes.
Die Szentendrei-Sziget ist längst vorbei, nach zwei weiteren Inseln hat nun die sehr viel kleinere Margitsziget (Margareteninsel) zwischen zwei Budapester Straßenbrücken angedockt. Und da, hinter der nächsten Biegung beginnt auch schon die Skyline der ganzen Budapaläste. Das ist vielleicht die letzte Stadt an der Donau, die noch so richtig an zwei eng verknüpften Ufern liegt (mehr noch als in Wien), ansonsten ist der Fluss schon zu breit für so was. Wenn ich da an Komárno/Komárom denke, wo beide Ufer in ganz verschiedenen Welten zu liegen schienen...
Aber Moment mal. Das hat nicht nur was mit Bebauung und Staatsgrenzen zu tun - die Donau war dort viel breiter. Ein Blick auf die Karte bestätigt: Diese Innenstadtdonau mag breit wirken, aber sie hat seit gestern früh extremst abgenommen. Ui. Es ist ja bekannt, dass Flüsse in Städten eingepfercht werden, aber so krass? Da will ich nicht wissen, wie tief und rasend schnell die nun sein muss. Die letzte Badepause in der Donau ist nun definitiv vorbei, hier springt niemand rein. Was wohl auch die türkischen Bäder erklärt.

Auch die Margitsziget hat Thermalquellen und Freibäder, die Mineralwasserfabrik wurde dagegen geschlossen. Zuerst hieß das Eiland Kanincheninsel, bis die Königstochter Margarete in ein Kloster auf der Insel zog.
Die Insel ist der wichtigste Stadtpark mit ihrem Sportplätzen, einem Musikbrunnen, bunten Blumenbeeten, kleinem Zoo, noch kleinerem japanischen Garten und dem Arboretum of Invasive Species, was auch immer das ist. Obwohl wir neben der Insel übernachtet haben, habe ich leider nur Zeit für einen kurzen Spaziergang über die breiten Parkstraßen gefunden. Man kann auch solche Fahrradrikschawagen für 2 bis 6 Personen mieten, wie wir sie schon aus dem italienischen Lucca kannten - auf Ungarisch heißen sie Bringó Hintó.

Was haben wir auf dieser Reise nur immer für tolle Übernachtungen? Diesmal sind wir in einer Traumwohnung in einem authentischen Wohnhaus gelandet, mitten in einem wunderbaren Stadtviertel namens Ujlipotvaros, in dem maximal viele Bäume zwischen die parkenden Autos und die Tische der Restaurants gepflanzt wurden.

Es war höchste Zeit, sich durch die ungarische Küche zu probieren: Gulaschsuppe, Paprikahuhn (auch hier mit diesen kleinen halušky-Knödeln wie in der Slowakei), etwas Weißwein, einfach alles schmeckte so toll wie erwartet.
Und beim Stadtrundgang am nächsten Tag gab es dann noch Langos. Ich habe mich schon lange gefragt, inwiefern sich das original ungarische vom Langos auf unserem Weihnachtsmarkt daheim unterscheidet. Die frittierten Teigfladen mit Knoblauchöl sind an sich schon recht ähnlich, aber es kommt mehr drauf. Schon die Tschechen häufen auf ihr Langos im Freibad gern ganze Berge von Käse und anderem Zeug, statt es wie in Deutschland nur sachte zu bestreuen. Die Ungarn gehen noch einen Schritt weiter und machen manchmal sogar Zeug ins Langos rein.
Kurz gesagt, wir sind satt geworden.

Wir sind am Ziel, satt und gut untergebracht! Nun steht zwei spannenden Tagen in Budapest nichts mehr entgegen. Außer der Wetterbericht. Der sagt: Morgen und übermorgen 36 Grad, nur 6 Grad unter der höchsten gemessenen Temperatur in Ungarn jemals. Das sei im Grunde "wie Dauerregen, nur anders", befand unsere Mutter.
Wie gehen die Menschen mit dieser Hitze um, die auch für Ungarn (noch) außergewöhnlich sein muss? Mit Wasserdüsen. In jeder Stadt auf dieser Reise stand mindestens ein halber Rohr-Torbogen, unter dem Mensch und Tier einen feinen kühlen Nebel genießen durften. Vor dem Parlament in Budapest kommt sogar ein riesiges Nebelfeld dieser Düsen aus der Erde, das aber gar nicht mal so effektiv ist, weil es nur den unteren Bereich der Waden kühlt.

Aus Rücksicht auf die Schwächeren haben wir unsere Stadtbesichtigung und vor allem die Gehstrecken gekürzt. Diese Stadt muss doch Öffis haben, oder?
Hat sie. Erstens sehr rabiate Oberleitungsbusse, zweitens Straßenbahnen, die manchmal ihre Endstation einfach an einem Gleisende mitten in der Stadt haben und deshalb in beide Richtungen fahren können, und drittens U-Bahnen, die ein faszinierender Spiegel der Geschichte sind.
Die M1 (auf den Bildern) ist von 1896 und damit die zweitälteste U-Bahn Europas (nach London) und die älteste auf dem eurasischen Festland. Mit der Eröffnung sollte gefeiert werden, dass die Ungarn/Magyaren vor genau tausend Jahren in dieses Land gezogen sind. Die M1 verläuft praktisch nur unter der schnurgeraden Prachtstraße Ándrassy Út (linkes Bild, ich fand sie nicht so prächtig). Erst am Ende hat die Bahn zwei Kurven, und in beiden teilt die Bahn lautstark mit, dass ihr null Kurven lieber gewesen wären. So eine kurze Strecke, so kurze Abstände zwischen den Haltestellen, und so eine niedrige Decke, die praktisch direkt ins Straßenpflaster übergeht - kein Mensch würde heute so eine U-Bahn bauen. Damals waren die gelben Fliesen und schwarzen Stahlträger die absolute Moderne, heute hat das Ganze etwas von einer Museumsbahn und ist Weltkulturerbe. Aber ausgerechnet dort kann man plötzlich mit Kreditkarte einchecken.
Erst 1970 kam mithilfe der Sowjets die M2 dazu, im Moskauer Stil total tief, mit Fake-Marmor und Kronleuchtern. 1983-90 dann die M3, bei der das Geld viel knapper war und die Stationen billig mit Alu verkleidet wurden. Und die M4 von 2014 fährt dank Siemens fahrerlos.

Aber am ersten Tag stiegen wir zunächst in die Straßenbahn Richtung Parlament. Und was für ein Parlament! Ursprünglich war das nur ein Spin-Off vom Wiener Vielvölkerparlament: Ungarn wollte unabhängiger sein, und das Kaiserreich einigte sich beim sogenannten Ausgleich mit Ungarn darauf, dass ab jetzt die komplette östliche Hälfte von Österreich-Ungarn in Budapest regiert wird, also unter anderem auch Teile vom heutigen Rumänien und Kroatien. Das brachte aber nur bedingt Ruhe, denn jetzt fragten die Tschechen, Rumänen und so weiter, warum sie nicht auch eigene Parlamente bekamen.
Die Ungarn gaben sich alle Mühe, die Wiener zu übertrumpfen - welches andere Parlament in Europa hat so viele prunkvolle Türmchen, Spitzen und Seitenflügel? Jedenfalls ist es das zweitgrößte Europas und das drittgrößte der Welt. In der großen Kuppel ganz oben liegt die Krone von König Stephan dem Heiligen. Und während Österreich in seine Vorhalle bewusst Materialien aus allen Teilen seines Vielvölkerreiches eingebaut hat, wollte Ungarn unbedingt nur ungarische Materialien benutzen, was nicht ganz klappte, denn Marmorsäulen gab's nur im Ausland.
Abends aber wurde es seltsam beleuchtet: Nur ein kleiner Bereich hell, dann ein Bereich mit einem seltsamen Gittermuster und über dem Großteil - Dunkelheit. Also, wenn das die politische Situation widerspiegeln soll, dann gute Nacht.

Mit Spezialeffekten kennt sich diese Stadt aus, denn das gothige Budapest ist ein beliebter Drehort für Comic- und Fantasyfilme geworden. Für mich relevant: Terry Pratchetts Ab die Post/Going Postal. Das hier soll Ankh-Morpork sein? Ich weiß ja nicht, da müssen die im Film aber noch einen kräftigen braunen Sepiafilter über die Gebäude gelegt haben.
Obwohl, da an der Ecke! Das eine oder andere Gebäude (links) hat sich diesen Filter schon selbst übergelegt. Und auch das Parlament könnte ich mir super als Lord Vetinaris Patrizierpalast vorstellen - und der tatsächliche Drehort liegt genau gegenüber. Es ist das Justizzentrum (rechts) mit ähnlichen weißen Säulen, Türmchen und Statuen, leider aber gerade größtenteils eingerüstet.

Und genau wie Ankh-Morpork besteht auch Buda-Pest aus zwei Hälften an einem Fluss. Wir wollten nun von Pest (ausgesprochen "Pescht") nach Buda hinüber, und zur Auswahl standen neun Brücken. Die nächstbeste Brücke war die (neben der Steinernen Brücke von Regensburg) berühmteste Donaubrücke überhaupt und heißt Kettenbrücke, mit vollständigem Namen Széchenyi-Kettenbrücke nach dem Grafen, der die Idee dafür hatte. Ein enormes Teil aus bläulich gestrichenem Stahl, dazwischen zwei traditionellere Torbögen, die einzigen Schattenspender bei der Wanderung nach drüben. Am Eingang wachen Steinlöwen, die in Budapest öfter präsent sind.
Alles schön und gut, aber wieso nun Kettenbrücke? Die einzigen Ketten, die ich fand, hielten die Lampen in den Torbögen, der Rest sind doch einfach Stahlträger und Stahlstangen? Erst, als wir beim zweiten Mal rüberliefen, erkannte ich mit etwas Abstand: Die Stahldinger ganz oben, die die Brücke tragen, sind eine Kette. Nur dass ein einziges Kettenglied (oben links) etwa so groß ist wie wir alle zusammen. Eine Kette wie diese habe ich noch nie gesehen, nicht mal als Ankerkette von Schiffen (oder im Kettenschmiedemuseum Fröndenberg).
Dennoch: Als begeisterter Besitzer eines neuen Fahrrads mit Riemen statt Kette finde ich, eine Riemenbrücke wäre die bessere Wahl gewesen.

Das war erstmal genug gelaufen, Zeit für das nächste Verkehrsmittel. Buda ist bergig. (Pest auch, aber da kommen die Berge erst viel weiter hinten.) Damit die Touristen also die ganzen budistischen Festungen komfortabel erobern können, bedecken gleich mehrere Zahnrad- und Standseilbahnen die Hänge. Wir stellten uns in die lange Schlange der Zahnradbahn zum Burgberg, die mit der Kettenbrücke beinahe eine Linie bildet, und überraschend schnell stiegen wir auch schon in eine der beiden altmodischen Gondeln, die jeweils aus drei abgestuften Holzkammern bestehen. Sie wurden nach der Wende instandgesetzt und sehen, anders als die Bahnhofsgebäude, tatsächlich noch gut in Schuss aus.
"Lass uns nach ganz oben setzen, da können wir in beide Richtungen sehen!", schlug unser Vater vor.
Doof nur, wenn nach oben nicht viel zu sehen ist und der Blick nach unten (im Bild unverdeckt) vom Dach der unteren Kammern blockiert wird. Kaum zwei Minuten später (auch wenn der Fahrpreis auf eine längere Fahrzeit hindeutet) waren wir auch schon oben.

Der Burgberg besteht aus einem Haufen stuckverzierter weißer Bauten, die gar nicht so anders aussehen als die unten in der Stadt. Erst von Weitem ist ihnen eine burgähnliche Form anzusehen. Bewacht werden sie von Soldaten, so stocksteif wie in England, aber ohne bunte Uniform, sondern richtig militärisch. Und man kommt auch nicht für ein Selfie an sie heran.
In diesem Komplex liegen die Nationalgalerie und ein historisches Museum, mit denen wir den Jüngsten aber nicht so locken konnten. Wir mussten uns etwas anderes ausdenken. Also kauften wir in der brüllenden Hitze drei Eis am Stiel für 7600 Forint - fast 20 Euro, was wir erst hinterher beim Durchrechnen feststellten. Verdammte Forint! Eine so bescheuerte Währung habe ich noch nie erlebt. Klar ist das immer Gewöhnungssache, aber wenn ein einzelner Forint (=ein Viertelcent) so lächerlich klein ist, dass er praktisch komplett irrelevant ist, dann ist die Währung einfach objektiv unpraktisch.

An die Burg grenzt das Burgviertel, wo die Stuckhäuser wieder in ganz normalen Straßen herumstehen. Im Mittelalter war es das Herz der Stadt, die heutige Version wurde aber während der türkischen Besatzung aufgebaut. Ein paar Straßen weiter steht die sehr filigrane Matthiaskirche, die ein ähnliches Mosaik auf dem Dach hat wie der Wiener Stephansdom - sogar auf einem der Türmchen. Sie war während der türkischen Besatzung eine Moschee, vorher wurden die ungarischen Könige da drin gekrönt. Ich dachte, das war in Bratislava? Wie viele Kronen haben die übereinander getragen?

Und gleich dahinter beginnt der nächste große Hotspot, die Fischerbastei. Sie ist nicht mit der Rostocker Fischerbastion zu verwechseln, obwohl es dort ähnlich voll ist wie auf dem Rostocker Weihnachtsmarkt. Die Fischerbastei ist eine Art Burgmauer, aber genauso grau und filigran gemeißelt wie die Kirche dahinter. Man könnte sagen, die Fischerbastei ist quasi eine Kirche in Form einer Burgmauer. (Darunter wohnten und handelten Fischer, daher der Name.) Doch die Mauer funktionierte nicht gut, eine Reisegruppe erstürmte die Stufen und bat unseren Vater um ein Foto. Könnte daran liegen, dass das Ganze von vorneherein schon als Deko gebaut wurde.
In ihren Nischen (rechts und links) stehen die sieben Stammesfürsten der Magyaren, die wahrscheinlich irgendwo aus Richtung Ural kamen und genau ein Jahrtausend vor Erbauung der M1 im Karpatenbecken eine "Landnahme" abzogen und eine Stammesförderation gründeten. Landnahme, was soll das sein? Eine Eroberung, bei der noch keiner im Land gewohnt hat? Doch, doch, ein paar Slawen und Verstreute wohnten hier schon. Viel ist nicht mit Sicherheit bekannt über diesen Gründungsmythos. Gab es eine oder zwei Landnahmen, waren die Magyaren in der Überzahl und haben die Bewohner unterworfen und vertrieben, oder waren sie eigentlich in der Unterzahl und haben sich nur zur neuen Oberschicht aufgeschwungen und allmählich mit den Bewohnern vermischt? Alles umstritten, fest steht nur, dass dies der Ursprung des ungarischen Staats ist. 

Alarm, viel zu viel Bildung! Um dem Jüngsten seine Bildung schonend zu verabreichen und uns alle runterzukühlen, hatte ich die ideale Sehenswürdigkeit rausgesucht: Das Burglabyrinth. Es verbirgt sich hinter einem unscheinbaren und nicht sehr burgigen Hauseingang, in dem wir "Oh Gott, wie tief geht das runter?!" Treppenstufen zur Kasse herunterstiegen und nur leicht überteuerte Tickets lösten. Ist das eine Touristenfalle? Ja, aber für uns in dem Moment genau das Richtige.
Feuchte Mauern wölbten sich über unseren Köpfen, und Choräle hallten durch die Gänge. Das hier ist definitiv ein Labyrinth zum Verirren. Im Prinzip ist da zwar ein verschlungener Gang, dem wir anhand von gelegentlichen Pfeilschildern folgen sollten. Doch es gibt immer wieder Abkürzungen, Sackgassen, an deren Ende auch etwas zu sehen ist, und selbst die einzelnen Räume sind von so vielen Säulen und Bögen durchzogen, dass wir oft völlig verunsichert waren, wo es nun weitergeht und wo wir schon waren. Die Dunkelheit trug dazu bei. Mit Licht wird so sparsam umgegangen, dass manche Infoschilder absolut unlesbar sind.
An allen Ecken stehen weiße Statuen der ungarischen Könige und auch wieder der sieben Stammesfürsten. Die Gruft von Winterfell existiert wirklich! Nur Königin Gisela darf liegen. Sie war die Frau von Stephan dem Heiligen und Schwester vom deutschen Kaiser. Gemeinsam verbreitete das Paar in Ungarn das Christentum. Als aber ihr heiliger Sohn bei der Jagd nach einem Eber und dann ihr heiliger Mann gestorben waren, hatte auch Gisela genug von der Politik und wurde Äbtissin in einem Kloster in Passau. Für die katholische Kirche reichte das zumindest, um sie seligzusprechen.

Dieses Höhlenlabyrinth war der Fluchtweg des Königs, aber auch Werkstatt mittelalterlicher Steinmetze und sogar ein richtiges Kulturzentrum. Musik und Opern wurden hier unten aufgeführt, woran Wachsfiguren hinter Gittern in entsprechender Kulisse erinnern - natürlich mit Musikuntermalung. Die Effekte in diesem Labyrinth waren für unsere Mutter zu doll, für uns andere gerade richtig.
Die gleißende Sonne war fern, aber sie war uns längst im Fleisch und Blut übergegangen: Sogar hier unten wartete der Jüngste instinktiv immer im Schatten.

Zum Beispiel hier. Mit einem Mal stolperten wir in einen richtig, richtig nebligen Gang. Bunter Dunst kroch an uns hoch, und wir sahen noch gerade genug, um nicht gegen die nächste Mauer zu laufen. Selbst das Atmen fiel schwerer. Wo stolpern wir da gerade rein?
Wir besuchen den berühmtesten Bewohner des Labyrinths. Er wurde 1431 geboren. Sein Vater war im Drachenorden von König Sigismund und hieß deshalb Vlad II. Dracul (vom lateinischen draco Malfoy). Der Sohn Vlad III. war deshalb ein Sohn des Drachen, also draculea. Jetzt wissen Sie vermutlich, zu wem dieser Gang führt. Gehen Sie trotzdem weiter?

Theoretisch erbte der kleine Drache von seinem Vater den Titel als Fürst der Walachei (heutiges Rumänien und teils Serbien). Praktisch musste er das ständig vom Osmanischen Reich zurückerobern, was doof war, weil er gerade noch selbst von diesem Reich als Geisel gefangen gehalten wurde. Eigentlich sollte er zum Marionettenherrscher ausgebildet werden, stattdessen lernte er a) das Pfählen und b) Hass auf Osmanen, eine für Osmanen eher ungünstige Kombi, die darauf hindeutet, dass ihr Ausbildungsplan nicht ganz ausgereift war. Als Vlad endlich die Walachei regierte, ließ er haufenweise Menschen aufspießen, um seinem von Dauerkrieg, Kriminalität und Aufständen zerrütteten Land Disziplin aufzuzwingen. Als er dann seinen eigenen Kreuzzug gegen die Osmanen startete, machte er damit bei den Muslimen weiter - für ihn war Rache ein Gericht, das am liebsten kalt am Spieß serviert wird. Inzwischen fiel einigen Leuten auf, dass dracul auch Teufel bedeuten kann. Manche Rumänen sehen ihn bis heute aber durchaus als tapferen Helden und Bekämpfer der Korruption, und auch wenn manche seiner Gräueltaten definitiv passiert sind, waren sie nicht zwangsläufig schlimmer als das, was die westeuropäischen Fürsten taten, vielleicht waren manche Übertreibungen auch Propaganda.

Aber was hat der Nichtvampir nun in Budapest verloren? Kompliziert, denn die Ungarn waren für ihn mal Feinde, mal Verbündete. Eingesperrt wurde er jedenfalls nicht wegen seiner Pfählereien, sondern wegen eines wahrscheinlich gefälschten Briefs, der ihn des Verrats belastete. Ob er aber wirklich in diesem Labyrinth angekettet war wie eine kreideweiße Statue, oder ob das eher ein bequemer Hausarrest war, das ist nicht so ganz klar. Immerhin heiratete er eine Verwandte des Königs und kämpfte später auch wieder für Ungarn.

Der Autor Bram Stoker wurde von Vlad III. inspiriert zum berühmtesten Vampirroman, der aber kaum etwas mit der historischen Figur zu tun hat, nicht mal das typische Pfählen kommt darin vor. Vielleicht ist der Roman ja auch in dieser wunderbaren Bücherkutsche zu finden. Eine Buchhandlung auf Rädern, großartig!

Wo wir beim Thema Shopping sind, das hier ist die Altstadt, beziehungsweise der Teil von Pest, der direkt an der Kettenbrücke beginnt, natürlich auch wieder mit einer Kuppelkathedrale in der Mitte. Hm, aber ehrlich gesagt, das sieht jetzt nicht so anders aus als der Rest der Stadt. Da hat uns unser Wohnviertel besser gefallen - das hier ist zwar eine Fußgängerzone, dafür aber auch viel voller und weniger grün. Stattdessen mühten sich Ventilatoren mit integrierten Wassernebeldüsen ab, um die Restaurantgäste auf Betriebstemperatur zu halten.

Wo immer wir sind, mein kleiner Bruder will das Geschäft eines gewissen Klemmbausteinherstellers besuchen. Dieses hier sah mir ein bisschen zu sehr nach Kinderfalle aus, deshalb bin ich lieber mit nach unten gestiegen. War dann aber doch nur ein enger Raum voller Regale.

Kreativer wird es auf diesem Wochenend-Flohmarkt, der sich in einen sehr langgezogenen Innenhofdurchgang reingequetscht hat. Und mit ihm quetschen sich viele Touristen und nicht ganz so viele Einheimische. Neben Schmuck gibt es auch haufenweise Bretter mit den Filmmotiven drauf zu kaufen, keine Schneidebretter, sondern anscheinend einfach so nerdige Holzstücke zum Hinstellen. Am einprägsamsten war aber sicherlich ein Stand, der Klemmbaustein-Figuren von Darth Vader bis zur Budapester Freiheitsstatue verkaufte und sogar Klemmbaustein- und Haribo-Ohrringe (mit winzigen Tütchen dran). Offiziell lizenziert ist das wohl nicht, woraus auch kein Hehl gemacht wird: Please don't photograph our handmade works. Die Arme der Konzerne reichen weit, aber vielleicht ja nicht bis in diesen Hinterhof.

Der Flohmarkt liegt schon im jüdischen Viertel. Doch auch hier: Ähnliche Architektur, enge Bürgersteige, laute Durchgangsstraßen, der einzige Unterschied ist erst einmal, dass die Bars jetzt Mazel Tov oder so heißen. Kann es wirklich sein, dass unser Wohnviertel schon das Schönste war?
Nicht ganz, eine herrlich begrünte und ruhige Fußgängerzone entdeckten wir dann doch noch, die Liszt Ferenc tér. Der Name verrät auch schon, welchen Komponisten die Staue links darstellt. Aber das ist nur der Anfang, in diesem Bereich lebten wohl lauter Künstler, an die mit auffälligen bis ausgeflippten Statuen gedacht wird. Super, dachten wir, denn einen der Budapester Künstler schätzen wir ganz besonders. Laut Google Maps war das Ephraim Kishon Monument nicht mehr weit entfernt.

Und da ist es.
Was? Um die Ecke wurde der beste Satiriker von allen geboren, und das ist das Beste, was euch dazu einfällt? Frechheit. Was soll das überhaupt sein, ein aufgeschlagenes Buch oder Kishons Hintern? Oder doch nur der Deckel irgendeines Lüftungsschachts, an den eine Gedenktafel getackert wurde.
Vielleicht sind die Ungarn neidisch, weil er Ungarn verlassen hat. Als der Mann 1924 auf die Welt kam, hieß er noch Hoffmann Ferenc (in Ungarn steht der Nachname zuerst). Als er erwachsen wurde, gab es bereits Maximalquoten, wie viele Juden auf die Hochschulen durften, darum wurde er erstmal Goldschmied. Aus dem Zug in ein Arbeitslager konnte er fliehen. Im Kommunismus benannte er sich dann um in Kishont Ferenc, weil das weniger bürgerlich klang, und wurde Kunsthistoriker, was ihn wiederum bürgerlicher machte, floh dann aber doch lieber nach Israel. Was dann geschah, beschreibt er in einer Kurzgeschichte: Der Grenzbeamte war von seinem ungarischen Namen wie paralysiert, wusste nicht mal, was davon der Vorname sein sollte, und ersetzte ihn mit der Bemerkung "Gibt es nicht" durch Ephraim Kishon. In dem Moment entdeckte der Autor seine schräge Liebe zu diesem Land und beschloss, nicht (nur) über das Dunkel in seiner Vergangenheit zu schreiben, sondern auch über den Alltag in Tel Aviv mit seinen Ärzten, Anwälten und unfertigen U-Bahnen, womit er gerade bei den deutschsprachigen Ländern richtig gut ankam.

Aber gehen wir nochmal zurück zum Anfang dieses Stadtviertels.
Im Jahr 1785 lebten nur 40 Juden in der Stadt. Was logisch war, denn die Tore waren erst seit zwei Jahren für sie geöffnet. Im Laufe der Jahrzehnte siedelten sich immer mehr an, aus dem Osten, Westen und ein paar auch aus dem Balkan, und nutzen die Möglichkeiten der europäischen Handelsstadt. Viele wollten Ungarn beweisen, dass es eine gute Entscheidung war, sie aufzunehmen: Sie trugen die Kippa nicht mehr, verlegten den Sabbat auf den Sonntag, wollten vollwertige Bürger des Königreichs Ungarn sein und Juden nur noch hinsichtlich ihrer Religion. Doch manchen ging das auch zu weit, und eine Spaltung ging durch die wachsende jüdische Gemeinde: Etwa 80 Prozent gehörten zu den Integrationswilligen, 20 Prozent zu den Traditionalisten.
Auf ihren Spuren besuchten wir nun ein prächtiges Gebäude an der Ecke der Dohány-Straße, die größte Synagoge Europas und die zweitgrößte der Welt. Sie ist im maurischen Stil erbaut, das heißt anscheinend: Runde Bögen und hellorange-gelbe Ziegelstreifen. Ein Gewirr aus Warteschlangenbändern erstreckt sich vor ihr, doch wir hatten überraschend schnell Eintritt gezahlt und waren durch die Sicherheitskontrolle.
In einem Haus direkt neben der Synagoge, das heute nicht mehr steht, kam übrigens 1860 ein Mann auf die Welt, der zuerst zu den 80 Prozent und dann zu keiner der beiden Gruppen gehörte. Der kleine Theodor Herzl begleitete seinen Vater in die Große Synagoge. Aber erst beim Studium in Wien kam der Schriftsteller allmählich zu dem Schluss, dass die Juden nie wirklich akzeptiert werden und einen eigenen Staat bräuchten. In einem Jahrhundert, in dem Menschen überall in Europa ihre Nationalität entdeckten, kein so abwegiger Gedanke. Herzl suchte Sponsoren, um Land im damaligen Osmanischen Reich anzukaufen und zu besiedeln, etwa dort, wo die Juden vor 2500 Jahren schon mal ein Königreich hatten. Anfangs verlachten ihn auch die meisten Juden, aber letztendlich war das die Keimzelle des heutigen Israel, im Guten wie im Schlechten.

Texte und Bilder im Keller erzählen, wie es weiterging: Zur Jahrhundertwende wurde die Stadt umgeplant und Häuser neben der Synagoge abgerissen, die den entstandenen Platz für einen öffentlichen Garten mit Pool nutzte und noch eine Heldensynagoge als Denkmal für jüdische Soldaten dazubaute.
Aller Integrationswille half nichts, als sich in Ungarn die rechtsradikale Pfeilkreuz-Partei (weil deren Symbol so ein bescheuertes + mit Pfeilen an allen Enden war) an die Macht putschte und das Stadtviertel als Ghetto abriegelte. Deutschland verlangte 25 000 bis 50 000 jüdische Arbeiter, und die Ungarn schickten sie breitwillig auf Hungermärsche, bei denen ein Fünftel der Menschen schon auf dem Weg starb. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der einst so belebte Innenhof zum Friedhof, auf dem, von Efeu überwachsen, die herumliegenden Erfrorenen, Verhungerten und Erschossenen aus dem Ghetto begraben wurden, zum Teil ohne Namen. Es scheint, dass der ungarische Holocaust chaotischer und weniger organisiert ablief als in Deutschland, doch an dem Grauen der Zeit ändert das nichts.

Wir schauten über eine Absperrkordel in den eigentlichen Innenraum der Synagoge, und alles glänzte uns entgegen. Die Integrationswilligkeit der 80 Prozent sieht man dem Raum deutlich an: Es ist eine Orgel eingebaut, und die Bima (Lesepult) steht nicht in der Mitte, sondern am Rand, fast wie eine evangelische Kanzel. Erst auf den zweiten Blick kristallisierten sich in dem goldenen Gefunkel die Unterschiede zu einer Kirche heraus, zum Beispiel sind die runden Buntglasfenster viel kleiner und zeigen immer dasselbe Symbol.
Aber wie kommen wir da rein, da drinnen sind ja Leute? Oder kann man den Raum nur mit der Führung betreten, die wir gerade verpasst hatten? Denn bei genauerem Hinsehen sahen die Menschen da drin eigentlich nicht nach Touristen aus, sondern nach Gläubigen.
Immerhin sind es mehr als 40.

Schneller als befürchtet kam der letzte Abend, und hier wollten wir noch einen Tipp umsetzen, den ich von einem guten Freund hatte, wobei er sich jetzt nicht mehr erinnern kann, mir den Tipp gegeben zu haben, also habe ich ihn vielleicht doch von jemand anders. Ich rede von einer Nachtbootsfahrt auf der Donau, denn Budapest lässt viele seiner Uferbauwerke beleuchten, zum Beispiel den Burgberg (hinten).
Doch unser erster Blick auf das Lichtermeer fand nicht gerade in romantischer Atmosphäre statt. Wir standen eine halbe Stunde zwischen Brückenpfeiler und Leitplanke, neben uns brausten die Autos dahin. Wer das Ticket mit Pizza und Cocktails gebucht hatte, durfte zuerst rauf und sich die Fensterplätze sichern. Wir saßen dann unten in der Schiffsmitte oder drängten uns draußen am Heck zusammen, um mehr zu sehen, während sich Kellner mit Pizza hindurchschoben. Natürlich kann ein Schiff nicht nur Fensterplätze haben, und doch ist diese Tatsache recht unbefriedigend bei einem touristischen Konzept, das eigentlich nur mit Fensterplatz Sinn ergibt.

Zumindest sahen wir schon einmal, was hinter der Kettenbrücke noch kommt. Nämlich viel: Eine kleinere Freiheitsstatue mit Bieröffner Palmwedel in der Hand, darüber auf dem dunklen Berg die Citadella, Brücken, die älteste rein technische Uni, Thermalbäder, Theater...

...und sogar der Donauwal ist doch nicht ganz ausgestorben! Das Kultur-, Unterhaltungs- und Einkaufszentrum wird nämlich auf Englisch mit CET abgekürzt, und das heißt auf ungarisch Wal, wovon sich der Architekt offensichtlich hat inspirieren lassen.

Unsere Fahrräder übernachten in einem original Budapester Innenhof.

Und wohin fahren sie nun weiter?
Erstmal nirgends und nach Hause.
Unsere Familientouren an den drei größten Flüssen Deutschlands sind hiermit abgeschlossen (was nicht heißt, dass uns die Ideen für künftige Touren ausgegangen sind). Es gibt da jedoch ein klitzekleines Aber: Bei Elbe und Rhein waren wir nach der vierten Staffel am Ende des Flusses, bei der Donau sind wir noch nicht mal bei der Hälfte. Doch die übrige Strecke ist für die anderen nun definitiv zu abenteuerlich, und auch ich musste meiner Mutter versprechen, den Rest zumindest nicht allein zu fahren. Fahren will ich ihn schon irgendwann, aber ganz oben auf meiner Liste steht das jetzt nicht.
Denn zur Zeit gibt es da noch ein anderes Problem.
Die Donau strömt nichts Böses ahnend nach Osten und hat noch keine Ahnung, dass am Ufer ihres zehnten und letzten Staates gerade Bomben fallen.