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24 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Oberzech nach Aš

Die Böhmische Waldgrenze I

Länge: 20 km (24 km laut Beschilderung/App)
Grenzquerungen: 0 auf der Strecke (nur 1 am Dreiländereck und 1 per Bahn)
Länder: Deutschland (Bayern/Sachsen), Tschechien (Karlovarský kraj=Karlsbader Region)
Seite: nur Ost
Erkenntnis: Sogar in der evangelischsten Stadt Tschechiens reicht es nicht für eine komplette Kirche.

Die erste Etappe des tschechischen Eisernen Vorhangs beginnt in einem Zipfel in einem Zipfel: Am Dreiländereck von Oberzech streckt sich Tschechien so weit es geht nach Deutschland rein. Als erstes bin ich also aus dem Zipfel herausgefahren, dazu musste ich einfach nur dem Bach Rokytnice alias Regnitz folgen. Auf seinem Wasser verläuft die Grenze.
Das Grüne Band in Tschechien ist nicht nur grün und gelb, sondern auch noch weiß: Im Tal blühen die Buschwindröschen. Kaum zu glauben, aber in diesem unberührten Sumpf lebten vor nicht allzu langer Zeit Menschen. Das Dorf Kaiserhammer war bekannt für das Bier in seinem Gasthaus, die älteste Mühle an der Rokytnice und seinen Bergschiefer. Die Bergleute suchten im Bach auch nach Zinn und Eisenerz.
Kaiserhammer musste gleich aus zwei Gründen weg: Erstens stand es nah an der Grenze in einem sozialistischen Staat, und zweitens war das Dorf größtenteils von Deutschen bewohnt, und das in einem Staat, der gerade erst von Deutschen überfallen worden war. Zwangsaussiedlung und Vertreibung fielen an diesem Ort zusammen, die Informationstafel spricht trotzdem beschönigend vom "Auszug" der Bevölkerung.
Einziger Überrest ist ein schiefes Sühnekreuz. Es erinnert an ein brutales Duell, bei dem ein Offizier den anderen erstach. Zur Strafe sollte er am Ort des Verbrechens dieses Kreuz zurechthauen.

Das Tal ist der einzige Ort in Tschechien, an dem die bedrohte Flussperlmuschel lebt. Früher suchte so mancher Tscheche die Muscheln nach Perlen ab - aber nicht aus Gier oder Böswilligkeit gegenüber der Natur, sondern um sein täglich Brot zu verdienen und zu überleben, wie die Infotafel klarstellt.
Schilder informieren per skizzierter Landkarte, welche Teile der Natur geschützt sind und aufgrund welcher Paragraphen sie nicht betreten werden dürfen.
Nach kurzer Zeit teilt sich die Rokytnice in zwei Quellbäche, den Ziegenbach, der auf Tschechisch immer noch Rokytnice heißt, und den Aubach alias Lužní potok, der von jetzt an die Grenze bildet. Er ist etwas stärker mit Bäumen bewachsen, der Idylle tut das kaum einen Abbruch. Was für ein herrlicher Waldweg, es war eine super Idee, durch Tschechien weiterzufahren!

Auf ehemaligen Grenzkontrollweg (auf Tschechisch Signálka) radelte ich allmählich eine Etage höher den Hügel hinauf und stieß bald auf eine Meinungsverschiedenheit: Die Schilder und meine App wiesen mich nach links, in einen Ort namens Hranice (das bedeutet buchstäblich Grenze) mitsamt dem Vorort Trojmezí (das bedeutet buchstäblich Dreiländereck, wirklich einfallsreiche Namen). Die analoge Karte aber sagt, ich soll geradeaus dem Radweg Nr. 2058 folgen. Diese kurze Route hatte ich auch eingeplant, mit der längeren wäre womöglich die Zeit knapp geworden.

Doch offenbar war meine Sehnsucht nach Deutschland schon nach einer halben Stunde derart stark, dass ich versehentlich vom Radweg 2058 abkam und noch weiter westlich auf einem wilden Waldweg strandete, der sich immer mehr zwischen Moos, Tannenzapfen und einer enormen Pfütze verlor. Uff, lieber weg hier. Notfalls schiebe ich eben quer über die Wiese zum richtigen Weg.

Joa, nur ist der ganz offizielle Iron Curtail Trail (bei dem sich all meine Karten wieder einig sind) auch nicht viel besser. Eigentlich sollte sich der Kiesweg jetzt in Asphalt verwandeln. Stattdessen wurde alles noch schlimmer.
Ich meine, ja, im Prinzip ist da Asphalt. Und ja, in der Wegbeschreibung stand was von Schlaglöchern. Dort wurde aber nicht erwähnt, dass es im Grunde nur zwei langgestreckte Schlaglöcher sind, die den gesamten Weg umfassen. Was ist denn bitte mit diesem Asphalt passiert, wurde der von Thors Hammer zertrümmert? Langsam verstehe ich, warum kaum ein Deutscher oder Tscheche Lust verspürte, an diesem herrlichen Frühlingstag ausgerechnet diesen Radweg zu erkunden, trotz der vielen Rastplätze und herrlichen Natur: Der holprige, ständig wechselnde Belag nervt halt. Von der Elbe weiß ich: Das kann Tschechien viel besser! Nur Waldarbeiter fuhren mit ihren Autos herum und gingen verschiedensten Waldarbeiten nach.

Weitere Hindernisse: Eine Schranke und die nächste Megapfütze.

Bisher hatte ich folgende Vorstellung: Die Grenze der anderen Ostblockstaaten war im Prinzip wie die der DDR, nur etwas weniger extrem. Das ist so nicht korrekt. Die Tschechoslowakische Sozialistische Republik machte einiges anders als die DDR, übertrieb dabei zum Teil noch viel mehr und musste deswegen schon in den 60ern, deutlich früher als die DDR, massiv zurückrudern.
Bis zu 15 Kilometer vor der Grenze musste man eine Genehmigung vorzeigen (das sind 10 Kilometer mehr als in der DDR), acht Kilometer vorher wurden alle Wegweiser abgebaut, und zwei Kilometer vorher (das sind 1,5 Kilometer mehr als in der DDR) durfte absolut niemand außer den Soldaten rumlaufen. Das war einfach dermaßen unpraktisch, dass die 15-Kilometer-Zone nachträglich auf drei Kilometer reduziert werden musste.
Statt Streckmetall setzte die ČSSR auf normalen Stacheldraht, statt gepflügter Erde verstreute sie Sand, um Fußspuren zu erkennen. Und vor allem benutzte sie statt Selbstschussanlagen Drähte mit 5000 Volt. Einen tödlichen Stromschlag erlitten so nicht nur Flüchtlinge, sondern auch umfallende Bäume, Tiere und mehrere Grenzsoldaten. Deswegen wurde der Zaun auf eine nicht tödliche Spannung herabgesetzt, die nur Alarm bei den Soldaten auslöste. Und das ganz ohne irgendeinen Micháil Gartenschlegr, der ein paar Volt klauen musste. Einfach nur, weil die Entscheidungsträger dermaßen blöd waren, dass sie einen Teil ihrer eigenen Blödheit von allein erkannt hatten.
Auch wenn der Elektrozaun 1991 abgebaut wurde, trauen sich tschechische Hirsche bis heute nicht über die imaginäre Linie.

Ein Imker nutzt den ehemaligen Grenzstreifen, um dort einen Tisch voller Bienenstöcke aufzustellen. Im Kalten Krieg hätte er die ČSSR womöglich auf dumme Ideen gebracht, zum Beispiel auf jedem Grenzkilometer 5000 aggressive Bienen pro Grenzkilometer zu halten und die Zahl dann, nachdem die eigenen Soldaten völlig zerstochen zurückgekommen sind, auf fünf Bienen zu reduzieren.

Der zerkloppte Asphalt geht in immer größeren Bögen auf und ab. (Achterbahnfans sprechen in diesem Zusammenhang von Camelbacks). Die beiden größten Gipfel haben sogar Namen. Der erste heißt Mlýnský vrch (Mühlenhöhe). Diesem Namen wird er voll und ganz gerecht, denn er ist bedeckt mit Windrädern.
Oben angekommen fiel mir ein seltsamer Turm am Horzont auf. Ist das schon der Bismarckturm von Aš? (Einer von nur drei Bismarcktürmen in Tschechien. Kein Wunder, Bismarck ist dort vermutlich weniger beliebt.) Nee, die Richtung passt überhaupt nicht, das muss irgendein bayrischer Turm sein. An dieser Stelle ragt Tschechien sogar noch weiter nach Deutschland hinein - nicht am Dreiländereck vorhin, sondern hier am Mühlenberg liegt Tschechiens westlichster Punkt, behauptet ein Wegweiser.

Der zweite Berg heißt Štítarský vrch, versteckt sich halb im Wald, ist mit einer Rasthütte ausgestattet und sogar zum Teil richtig asphaltiert. Alle fünf Meter durchzieht eine schräge Rinne den Asphalt, durch die wohl Regenwasser abfließen soll. Hoffentlich bleibe ich da nicht drin hängen, wenn ich mich gleich mit einem Affenzahn von der Schwerkraft runterziehen lasse.

Kurz vor dem Ziel treffe ich zum ersten Mal auf Gleise. Das kleine Städtchen Aš (eingedeutscht Asch) hat sage und schreibe drei Bahnhöfe. An den ersten beiden hält aber kein internationaler Grenzverkehr (Ich weiß, bei dem Anblick dieses Bahnhofs ist das sehr überraschend), sondern nur die Bummelbahn nach Hranice. Mein Ziel ist Bahnhof Nr. 3.

In Aš gibt es sogar eine Fahrradstraße. Naja, oder zumindest irgendetwas in der Art. Mit dem Asphalt bekommen die das nicht mal innerorts so richtig hin.
Dieser Weg brachte mich direkt ins Herz und Highlight von Aš: Dem Park.

Dieses gelbe Schlösschen ist das Ašer Rathaus. Es war einst von ganz ähnlichen Häusern umgeben, die einen typisch tschechischen Arkarden-Marktplatz bildeten. Damit man sich das heute vorstellen kann, braucht es eine Menge Phantasie. Nur das sture Rathaus hat den Lauf der Geschichte überdauert: Nach dem Stadtbrand 1814 benötigte es zum Beispiel bloß ein neues Dach, während ringsherum alles zerstört war. Damals wurde der komplette Verkehr durch den Rathausbogen durchgeleitet. Ursprünglich gehörten Teile des Rathauses den umliegenden Gemeinden, aber die Städter kauften ihnen ihre Anteile einfach ab. Und weil sie immer noch nicht genug Platz zum Verwalten hatten, setzten sie noch ein Stockwerk obendrauf, in einer, wie die Infotafel meint, "aufdringlichen Architektur". Ich schätze, um als Gebäude in Aš zu überleben, muss man auch etwas aufdringlich sein. Im Sozialismus diente das Haus zwischendurch als Museum und Bücherei.
Die Häuser rundherum hatten weniger Glück, sie brannten 1814 ab, wurden später zerbombt oder sind zerfallen, als sie ungenutzt in der Grenzzone herumstanden. Die Einwohner haben dann Nägel mit Köpfen gemacht und die letzten Reste abgerissen. Wer sagt denn, dass nur der tschechische Standard-Marktplatz gut aussieht? Wenn man die Wohnblocks bunt anmalt und dazwischen Grünanlagen pflanzt, dann ist die Stadt doch auch sehr einladend!

Ganz besonders, wenn der Park mit alten Mauerbögen, neuen Hängebrücken und kreativen Spielplätzen ausgestattet ist.

Mitten im Park steht kein anderer als Martin Luther, denn hier findet sich das einzige Lutherdenkmal in Tschechien. Die Statue wurde in Nürnberg gegossen und zu Luthers 400. Geburtstag aufgestellt. Aš war eine evangelische Stadt, und nach dem Dreißigjährigen Krieg durfte die Gemeinde ihren Glauben behalten und sich dem evangelischen Oberkirchenrat in Wien anschließen. Nach der "zwangsweisen Aussiedlung" der Deutschen (diesmal beschönigt die Infotafel nichts) erhielt die tschechische evangelische Landeskirche das Gebäude, und die ganz wenigen tschechischen Protestanten hatten auf einmal einen üppigen Barockbau mit 2500 Sitzplätzen.
Die Betonung liegt auf hatten.
1960 war die Kirche fast fertig saniert und alle Kriegsschäden beseitigt. Dann explodierte ein Heizofen und alles brannte wieder ab. Heute liegen im Park nur noch die Grundmauern und ein paar Grabplatten.

Ich musste noch ein Weilchen die Wellen der Hauptstraße auf und ab radeln, bis ich endlich den Abzweig zum Bahnhof entdeckte.
Auf der Bahnstrecke ins bayrische Selb-Plößberg ereignete sich 1952 eine tiptop organisierte und völlig reibungslose Flucht. Ein Lokführer und ein Fahrdienstleiter hatten von Widerstandskämpfern erfahren, dass Haftbefehle gegen sie beide vorlagen, weil sie anderen zur Flucht verholfen hatten. Sie luden ihren Zug voll mit einer letzten Ladung Flüchtlinge, denen ebenfalls Gefängnis oder Todesstrafe drohten. Dann ließen sie den Zug von Komplizen im Stellwerk illegal nach Bayern umleiten.
Ich brauchte zwar keine Komplizen im Stellwerk, aber so einfach wie gedacht war die Rückreise dann doch nicht. Zunächst einmal musste ich feststellen, wie zum Geier man überhaupt in diesen Baustellenbahnhof reinkommt und wo das richtige Gleis ist. Dann musste die Dame am Schalter irgendwo anrufen, weil sie nicht wusste, ob das 49-Euro-Ticket schon für diesen Grenzbahnhof gilt.

Und schließlich, als die bayrische Bahn endlich losfuhr, kontrollierte mich gleich zweimal die Polizei: Am ersten deutschen Bahnhof in Selb wollte man nur meinen Ausweis, doch als ich in Hof Hbf ausstieg, checkte ein zweites Team meine Taschen höflich nach Rauschgift und Feuerwerkskörpern. (Merke: Bei internationalen Radtouren nie wieder Jogginghose anziehen, das wirkt verdächtig.)
Zugegeben: Wenn das die intensivsten Kontrollen sind, die ich an den Grenzen meiner Heimat Zeit meines Lebens erleben werde, dann habe ich wenig Grund, mich zu beschweren. Und doch hat sich etwas verändert, seit der Iron Curtain Trail angelegt wurde: Das offene Europa, welches die Radroute zelebrieren soll, hat seine Unschuld verloren. Was das bedeutet, werden wir sehen.

20 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Fladungen nach Königshofen

Die Bergbayerngrenze I

Länge: 54 km (+25 km von Bad Neustadt/Saale +2 zum Skulpturenpark)
Grenzquerungen: 2 (+4 auf den Gedenkstätten)
Bundesländer: Bayern/Thüringen
Seite: Ost, außer am Anfang und Ende
Erkenntnis: Das Grüne Band ist bunt.

Ich hatte folgenden Plan: In drei Tagen die Innerdeutsche Grenze zu Ende fahren. Einem bayrischen Busfahrer in Bad Neustadt gefiel dieser Plan ganz und gar nicht. Er fuhr an einem anderen Bussteig ab und hielt dort exakt 0,3 Sekunden, sodass ich keine Chance hatte, hinüberzulaufen. Der nächste Bus nach Fladungen kam erst gottweißwann, und deshalb begann diese Tour erstmal mit 25 Extra-Kilometern vorneweg. Das ist nicht im engeren Sinne motivierend. Nicht mal dann, wenn die 25 Kilometer an den idyllischsten Wiesen und Wassermühlen im Ilstal vorbeiführen. Aber egal, legen wir los.

So sehen Fladungen und die Berge der letzten Tagesetappe übrigens ohne Nebel aus.

Die heutigen Berge sind ein wenig zahmer, kleine Straßen wogen in sanften Wellen darüber hinweg. Hin und wieder hat jemand einen neuen Radweg im Zickzack über die Felder gebaut, den meine Karte noch nicht kannte, aber eher selten.
Seit der letzten Tagestour am Eisernen Vorhang ist der Frühling ausgebrochen. Zu dieser Jahreszeit wird aus dem Grünen Band das Gelbe Band: Die ganze Grenze war bedeckt von Löwenzahn. Peter fände das sicher lustig. Ab und zu blühten auch andere Blumenarten - aber ausschließlich gelbe. Irgendwie müssen die Grenzanlagen den Boden so verändert haben, dass darin Blumen mit anderen Farben nicht gedeihen können. Mysteriös.

Das erste Dorf heißt Weimarschmieden und enthält Bayerns nördlichstes Gasthaus - verschlossen. Genau wie, Spoileralarm, auch alle anderen bayrischen Gasthäuser an der Grenze. Zünftig essen gehen war auf dieser Tour nicht drin.
Nach ein paar Wegwindungen wechselte ich nach Thüringen rüber. Ein Dorfbewohner hat sich einen alten Grenzpfosten geschnappt und mit einer eher düsteren Flagge kombiniert.

Fast jedes Dorf hat einen Dorfbrunnen (auch hier blühen die obligatorischen gelben Blumen). Manche plätschern vor sich hin und laden ein, die Wasserflasche aufzufüllen. Andere enthalten kein Trinkwasser und werden außerdem gut bewacht.

In Hermannsfeld haben sich die Löwenzähne zu einem Fußballspiel versammelt. Über ihnen verläuft die Grenze über den markanten Dachsberg. Wie komme ich da denn hoch? Ich wanderte den erstbesten Feldweg hinauf, der sich schnell in einer grüngelben Wiese verlor. Erst auf dem Gipfel begriff ich, dass ich auch den kürzeren Kolonnenweg von der anderen Seite hätte nehmen können.

Der Chorleiter Gotthilf Fischer stellte gern überall auf der Welt Friedenskreuze auf: In Washington, Rom, Jerusalem und... äh, Hermannsfeld in Thüringen.
Warum ausgerechnet dieses Grenzdorf? Zum einen wurden in Hermannsfeld besonders viele Familien zwangsausgesiedelt, nämlich 18. Zum anderen stand hier schon mal ein gigantisches Holzkreuz, das zu einer Wallfahrtskirche auf einer Insel gehörte. Weder Kreuz noch Kirche noch die Insel existieren noch - der komplette See musste 1800 zugeschüttet und beackert werden, um eine Hungersnot zu verhindern.
Weil sein erstes Friedenskreuz offenbar umgekippt ist, stellte Fischer gleich noch eins auf. (Jeder nur ein Kreuz gilt hier nicht.) Auf den Querbalken pinselte er 1991 die Worte Frieden sei der Welt beschieden. Mit der ganzen Welt hat das noch nicht geklappt, aber zumindest Hermannsfeld blieb seitdem friedlich.

Der Nachbar des Kreuzes ist weniger friedlich: Ein Grenzturm starrt finster auf das Land hinaus. Sein Eingang ist zwar verschlossen, doch an diesem Führungsturm klebte zusätzlich ein Anbau, sagt das Schild. Meinen die etwa die Tür dort in den Gruselkeller, die... offen steht? Ui, soll ich da wirklich reingehen? Mitten in der Löwenzahn-Idylle tat sich auf einmal ein Eingang in einen Horrorfilm auf. Das bedrohliche Lüftungsrohr scheint mich anzustarren. Es erinnert entfernt an eine Schwallbrause aus dem Schwimmbad, doch statt Wasser würde ich eher erwarten, dass dort Blut herauskommt.

Naja, den runden Betonkeller hatte ich dann doch recht schnell durchquert. Nach zwei Räumen folgte eine dicke Panzertür mit vier verschiedenen Riegeln, die sich nicht öffnen ließ. Aber wer will solch eine schwer gesicherte Tür auch öffnen? Das ist schließlich die Stelle, an der im Horrorfilm alles schiefgeht.
In diesen Räumlichkeiten wurde ein Notfall-Trupp NVA-Soldaten frisch und kühl gelagert. Ihnen stand unter anderem eine Minenbrücke auf einem speziellen Anhänger zur Verfügung. Damit konnten sie den Minenstreifen überqueren und hinterher noch aus einem Stück bestehen (ein Zustand, den nicht nur Soldaten sehr zu schätzen wissen).

Im nächsten Wald verfolgten mich ganze vier kläffende Köte an ihrem Zaun entlang - die lärmenden Erben der DDR-Grenzhunde sind immer noch aktiv.

In Henneberg versteckte sich ein berühmter Flüchtling namens Friedrich Schiller in Ostdeutschland, als ihm Arrest drohte - er hatte sich für einen Tag der Wehrpflicht entzogen, um die Premiere seines Stücks anzusehen.
An dieser öden Henneberger Kreuzung wollte ich einen Abstecher zum nächsten Mahnmal unternehmen. Hui, der Waldweg sieht ganz schön steil aus, ich stelle das Rad lieber ab und laufe das Stückchen zu Fuß.
Doofe Idee.
Das steile Stück war superkurz, und der Rest war so gut wie gerade und überraschend lang. Tja, dann habe ich jetzt halt eine Wanderung eingelegt. Schließlich verläuft hier sogar eine kleine Wanderroute entlang der Grenze, der Friedensweg.

Nach vielen Schritten erreichte ich die ersten Ausläufer des Skulpturenparks Deutsche Einheit, einem Grenz-Mahnmal der völlig anderen Art. Hier stehen keine abstrakten Formen aus rostigem Stahl (naja, fast keine), sondern ein gewaltiges Chaos an knallbuntem Zeug. Der Künstler Herbert Fell hat verschiedene Bauherren beauftragt und auch selbst mit angepackt, um all das Zeug auf den Hügel zu schaffen. Ein Feld der Fahnen, verschiedenste Tore, Statuen, Figuren, Galgen, Feuerstellen, Grundgesetze, verschiedene Versionen der Deutschland- und Europahymne, Mauerstücke... das meiste hat natürlich mit dem Kommunismus zu tun. Oder dem Nationalsozialismus. Oder Europa. Oder Frieden.
1999 wurde hier zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls ein hölzerner Reichsadler angezündet. Aus der Asche erschien der metallene Bundesadler, der hier bis heute steht (rechts hinten). Ich wusste gar nicht, dass unser Staatswappen eigentlich einen Phönix zeigt! 

Die Funken schlugen zum Glück nicht auf die Goldene Brücke über. Das ist ein golden angemalter Holztunnel, der sich mit den Demonstrationen in Leipzig beschäftigt, welche die DDR zu Fall brachten. An die Wand wurden scharfe Spitzen genagelt, mit denen die LKWs der Polizei ausgestattet waren. Danke, dass nichts passiert ist! Vermutlich ist dies das einzige Mahnmal, bei dem sich kritische Künstler bei DDR-Entscheidungsträgern bedanken. Aber schon zu recht: Wären die Spitzen im Zuge einer "chinesischen Lösung" eingesetzt worden, welche die Führung damals diskutierte, dann gäbe es heute an dieser Stelle vielleicht noch echtes Blut statt roter Farbe.

Ein umgeworfener Stuhl erinnert an die gewaltsame Vertreibungen a) der Protestanten durch Fürstbischof Julius Echter 1585 und b) der Grenzbewohner während der Aktion Ungeziefer 1952. Die unterschiedlich langen Stuhlbeine sollen ihre unterschiedlichen Lebenswege symbolisieren. Offiziell sollten in Henneberg nur Ausländer, nicht behördlich Gemeldete und Straftäter ausgesiedelt werden. In Henneberg traf das auf exakt 0 von all denen zu, die 1952 unsanft geweckt und rausgeworfen wurden. Stattdessen hatten diese Menschen eine der folgenden Verfehlungen begangen: Verwandte im Westen besucht (was praktisch jeder tat), selbstbewusst aufgetreten, Westsender gehört, nonkonform gedacht, zu viel Geld als Bauer verdient und nachts Leute über die Grenze geschmuggelt. Letzteres haben aber nur ein paar wenige Einwohner gemacht.

Mit roter Farbe sparte der Künstler wirklich nicht: Die Blutspur des Kommunismus soll folgendes darstellen: Würden alle Opfer des Kommunismus eine Kette um die Welt bilden, dann hätte jeder von ihnen nur 40 Zentimeter Platz. Mein Gott.
Im Hintergrund ist der ehemalige kleine Grenzübergang von Henneberg zu erkennen.

So, jetzt aber zügig weiter! Apropros zügig: An der Talsperre Schwickershausen bin ich unter der Auto- und Eisenbahn (zwischen Rentwertshausen und Mellrichstadt) hindurchgeradelt. Die Bahntrasse ist eingleisig: Im Osten wurde das zweite Gleis als Reparationsleistung von den Sowjets abgebaut und im Westen, weil es sich marktwirtschaftlich nicht gerechnet hat.
Das verbliebene Gleis ist dasselbe, das mich heute morgen zu jenem unglückseligen Start nach Bad Neustadt gebracht hatte. Aber ist ja egal, jetzt läuft es gut, was soll noch schiefgehen?
Der Stausee wurde übrigens erst 1968 angelegt, um die Felder der nicht ausgesiedelten DDR-Bauern zu bewässern.

Als ich versehentlich den falschen Feldweg wählte, blockierte mir ein Kieshaufen den Weg. Das ist mal eine neue Art von Hindernis.

Die dritte Gedenkstätte des Tages ist das Freilandmuseum Behrungen. Das ist eins der größeren Gratis-Grenzmuseen, auf denen die Grenzsperranlagen mit allem, was dazugehört, originalgetreu hergerichtet wurden. Weil ich so was schon öfter gesehen habe, beschränke ich mich hier auf die kleinen Behrunger Besonderheiten.
Besonderheit Nr. 1: Ein Durchlasstor für die Soldaten im Grenzsignalzaun wurde komplett nachgebaut. Dazu gehört neben einer Warnlampe auch eine Stahlseilsperre - das Seil wurde zwischen zwei Steinen hochgezogen, falls jemand Unbefugtes durch das offene Tor rasen wollte.

Falls das Seil nicht rechtzeitig hochgezogen wurde, wäre Ihr Auto kurz darauf trotzdem kaputt gewesen - und außerdem nass, denn:
Besonderheit Nr. 2: Im KfZ-Sperrgraben befindet sich Wasser, weil er einen vergitterten Bach namens Bahra kreuzt.

Besonderheit Nr. 3: Der Geländestreifen aus West-Perspektive ist besonders anschaulich dargestellt. Es hängen sogar noch die originalen Warnhinweise des Bundesgrenzschutzes für westdeutsche Spaziergänger. Sie sind in trockenen Amtsdeutsch verfasst. (Jeder, der sich unmittelbar an der Grenze zur DDR aufhält, sollte sich deshalb sorgfältig vergewissern, wo die Grenze zur DDR genau verläuft, um sich oder andere nicht in gefährliche Situationen zu bringen.) Ob diese Sprache geeignet ist, um die Zielgruppe (leichtsinnige Idioten) anzusprechen? Da ist das schlichte Achtung Grenze! mit dramatischem Bild sicher effektiver.
Das genaue Gegenteil eines leichtsinnigen Idioten war der zehnjähriger Manuel, der im Jahre 2001 auf dieser Wiese spielte und eine Tretmine entdeckte. Er reagierte dermaßen ruhig und vernünftig, dass niemand zu Schaden kam, und rettete damit das Leben zweier Erwachsener.

Als ich wieder in den Westen gewechselt bin, fiel mir auf, dass die Hügel inzwischen viel flacher sind. Ich hatte die Rhön endgültig hinter mir gelassen und befand mich jetzt im sogenannten Grabfeld. Mache ich jetzt noch den Umweg, um mir Bad Königshofen im Grabfeld anzugucken? Nein, entschied ich in Herbstadt, es ist spät, ich möchte noch etwas Strecke schaffen. Also weitaa... was ist denn jetzt los?
Folgendes war los: Meine Kette hatte keine Lust mehr. Das gerissene Miststück hatte Suizid begangen, weil es mit der Aufgabe überfordert war, eine Bodenwelle von etwa einem Meter zu überwinden.
Uff. Wo ist denn der nächste Fahrradladen? In Bad Königshofen, na so was. Die 4,2 Kilometer von Herbstadt nach Königshofen habe ich das kettenlose Rad geschoben. Und so kam es, dass ich auf dieser Reise ungeplant noch einen unbekannten Flussradweg mitnahm.

17 April 2023

Ulster: Von Philippsthal nach Wüstensachsen

Die schöne Rhöngrenze I

Länge: 37 km ( + 23 km zum Bahnhof Wildeck-Bosserode, +31 km Milseburgradweg oder +15 km für das restliche Ulstertal)
Grenzquerungen: 6
Bundesländer: Hessen/Thüringen
Seite: etwas mehr West als Ost
Erkenntnis: Die Vergangenheit bewegt sich in entgegengesetzter Richtung zur Sonne.

Kaum hatte ich Hessen mitsamt der letzten Kali-Förderanlagen hinter mir gelassen, tauchte ich ein auf die Trasse der Ulstertalbahn. Die Mündung der Ulster ist ziemlich zugewachsen, ihr Tal dagegen überaus zeigefreudig. Es blühte in blassen Gelbtönen und bot ein ulstimatives Erlebnis.
Zwischenzeitlich vollführt die Grenze eine ganz komische, superenge Schleife auf dem Fluss und dem Radweg. Trotzdem ist sie längst nicht so chaotisch wie die Werragrenze.

Diese Gegend war eine katholische Exklave, ähnlich wie das Eichsfeld. Doch statt brutal blutigen Jesusfiguren haben die Katholiken hier glückliche Grotten aufgestellt, mit blühenden Blumen, bunten Marienstatuen und künstlichen Felsen. Bei aller Kritik an der katholischen Kirche, mit diesen Grotten hat sie einen Volltreffer gelandet und verschönert jedes Dorf.

Zwischendurch musste ich das Ulstertal verlassen und eine Hügelkette hinauf.
Uff, hier geht es ja echt steil hoch, und jetzt wieder runtaah, stopp, anhalten! Mist, wieso müssen meine Bremsen ausgerechnet jetzt ihren Geist aufgeben?
Och, was für eine süße Brücke! Da oben beginnt die Bahntrasse des Kegelspielradwegs. So viele Bahntrassen, wieso kann ich dann nicht auf einer davon fahren, anstatt mich querfeldein die Berge hochzuquälen? Ach ja, richtig, weil da oben eine der allerwichtigsten Stellen des Eisernen Vorhangs liegt.

Dies ist der westlichste Punkt des kompletten Warschauer Pakts. Die Amerikaner haben ihn Point Alpha genannt und folgendes befürchtet: Wenn die Russen angreifen, dann hier. Also errichteten Sie ein großes Lager. Heute dient es als Grenzmuseum - endlich ein Museum, in dem es mal um die westliche Seite geht! Auf dem Gelände stehen Zelte, blaue Blechbaracken, hohe Nadelbäume sowie eine noch höhere US-Flagge, vor der die Soldaten jeden Morgen salutieren mussten. Für ein Militärlager eigentlich ganz nett. Wenn all die Panzer nicht wären, hätte es fast was von einem Pfadfinderlager.

Anfangs waren hier normale Soldaten stationiert, die in der Besatzungszone auch Aufgaben der Polizei übernahmen. Später wurden sie durch eine kleine Elitetruppe namens Black Horse abgelöst. Die schwarzen Pferde schliefen in Doppelstockbetten zu zweit im Zimmer und mussten ihren Spind nach genauen Vorschriften einräumen. (Das Bild der nackten Frau war vermutlich auch vorgeschrieben.)
Ihre Aufgaben waren: 1. Beobachten und 2. Militärmanöver üben für den Ernstfall. Der nie eintrat. Deswegen hatten sie jede Menge Zeit, um in der Gegend Freibäder zu bauen, betrunken Schaufenster einzuschlagen, in diskrimibierender Weise keine Getränke in lokalen Kneipen zu bekommen, per Präzisionsflug ein restauriertes Kreuz auf einem Kirchendach zu montieren und zu vergewaltigen. All das ist im Laufe der Jahrzehnte vorgekommen. Nicht alle Straftaten durch die Soldaten konnten aufgeklärt werden.

Dass dieses Lager zum Westen gehört, ist schon an der Begrenzung zu erkennen - ein ganz normaler Maschendrahtzaun. Nur die Eingangstür besteht aus dem Streckmetallzaun der DDR. Das liegt daran, dass sie eingebaut wurde, als der DDR-Zaun nicht mehr gebraucht wurde. Der ursprüngliche Eingang befand sich am anderen Ende, möglichst weit weg von der Grenze.
Zum US-Camp gehört natürlich auch ein Beobachtungsturm. Und was für einer!

Dieser Turm hat eine richtige Treppe, großzügige Räume und ein total breite Plattform - kein Vergleich zu den DDR-Klötzen oder dem amerikanischen Hochsitz bei Bad Sooden-Allendorf.
Grüne Säulen (z.B. rechts im Bild) erzählen die Erinnerungen der stationierten Soldaten.
Nur 200 Meter entfernt überragt ein DDR-Grenzturm den amerikanischen Luxusturm. So konnten sich die Machtblöcke aus nächster Nähe klassenfeindselig anstarren.
Falls der Warschauer Pakt hier wirklich angreifen sollte, hatte die NATO folgende Strategien:
  • Bis ca. 1965: Sofort Atomwaffen! Egal, ob die anderen welche einsetzen!
  • Ab ca. 1965: Okay, vielleicht doch nicht sofort Atomwaffen, das kommt auf den Angriff an.
  • Ab 1980: Aus der Luft von hinten den russischen Nachschub bombardieren, damit keine mehr nachströmen.

Wie immer gehört ein kostenloser Kolonnenweg mit originalen Grenzanlagen zum Museum. Im Preis inkludiert ist auch das Haus auf der Grenze, ein relativ normales Grenzmuseum über die Ostseite, in dem ich nichts Neues mehr gelernt habe. Von außen ist es mit Zitaten der DDR-Führung beschrieben. Der Kolonnenweg geht im Gebäude weiter.

Hätte ich diesen Ort vor einem Jahr besucht, wäre das für mich einfach ein spannendes Stück Vergangenheit. Nun sieht das ganz anders aus. Die Vergangenheit ist nie vergangen, sondern nach Osten gerückt. Ich lebe in einer Zeit an einem Ort, in dem Probleme längst erkannt, von Gedenkstätten als vergangene Fehler angemahnt und gleichzeitig weiter aktiv begangen werden, in einer seltsamen Phase zwischen Vergangenheit und Zukunft, die sich Gegenwart nennt.

Zum Frieden mahnen ein runder Tisch und ein riesiges Windspiel. Von allen Mahnmälern hat mich das Windspiel am meisten beeindruckt. Wahnsinn, wie schafft es der Wind nur, die ganze Zeit diese dicken Metallplatten zu drehen? Hm, es ist sicherlich hilfreich, dass es so hoch oben steht, direkt vor dem Panorama der Rhönvulkane, die im Gegensatz zum Kalten Krieg wirklich längst erkaltet sind.
Hoffentlich symbolisiert die Anlage nicht, dass sich die Suche nach Frieden immer nur im Kreis dreht.

Auf der anderen Straßenseite wird der Kolonnenweg zum Pfad der Hoffnung, an dem sich die katholische und kommunistische Vergangenheit der Region künstlerisch überschneiden. Da stehen Skulpturen aus rostigem Edelstahl, welche die Kreuzigung Jesu darstellen, nur dass es eigentlich gar nicht Jesus sein soll, sondern die Widerstandskämpfer der DDR. Was ich aber nur von den Schildern weiß, die Figuren selbst geben keinen Hinweis darauf. Eindeutiger wäre es, wenn Jesus statt Kreuz Hammer und Sichel tragen müsste.

Irgendwann verlassen die Radler den Kolonnenweg wieder - nur wann?
Wer der Karte folgt, nimmt den Waldweg gleich vorne am US-Camp, ohne richtig entlang der Grenze zu fahren. Das ist schade, schließlich ist das die einzige Gelegenheit auf dieser Tagesetappe.
Wer wie ich der Hauptstraße runter nach Geisa folgt, ist ein Trottel und hat sich die nervigste Route ausgesucht.
Und wer den Schildern folgt... nanu, noch weiter auf dem Kolonnenweg? Erst als die Betonplatten völlig unzumutbar zugewuchert sind, knickt der Radweg ab ins Tal. Diese Route hat den Nachteil, dass man nicht direkt durch Geisa kommt.

Und erst ganz, ganz hinten folgt dann der Grenzturm Wiesenfeld. Im Flyer des Point-Alpha-Museums ist er so eingezeichnet, als käme er gleich hinter dem Pfad der Hoffnung. Von wegen, das ist ne Halbtageswanderung zum Turm! Naja, aus der Ferne angucken reicht auch.

Ein Stück darunter, aber immer noch recht weit oben, wartet Geisa, die westlichste Stadt des Warschauer Pakts. Die Amerikaner konnten sie vom Beobachtungsturm aus sehen und erzählten an den Audiosäulen, wie deprimierend das da drüben doch alles ausgehen habe und wie schlimm sie sich das Leben in der Stadt vorstellten.
Seither muss Geisa einmal komplett abgerissen und neu aufgebaut worden sein. Mindestens. Auf mich sah Geisa wirklich alles andere als deprimierend aus. Die Stadt erstrahlt frisch in verschiedenen Orangetönen, ein Brunnen sprudelt, und vom Glasbalkon lässt sich ein grasgrünes Tal mit einer erlesenen Auswahl an friedlichen Vulkanen bestaunen. Es war recht ruhig, aber nicht ausgestorben, rund um die Innenstadt flanierten viele Spaziergänger.

Na gut, ich checke es nochmal aus der anderen Blickrichtung, unten im Tal: Die Ulster plätschert, Kinder spielen zwischen den Teichen im Park und hinter ihnen ragt eine Stadtmauer mitsamt Schloss in den Himmel. Deprimierend? Nope.

Einige Kilometer darauf wechselt das komplette Ulstertal rüber nach Hessen, und da bleibt es dann auch. Ich bin wieder auf der Trasse der Ulstertalbahn gefahren. Glaube ich jedenfalls. Diese Bahntrasse ist so flach, dass sie mich manchmal irritiert hat. Bin ich jetzt auf dem Bahndamm oder daneben? Führte die Bahn wirklich so lange neben der Straße entlang? Wozu diese großen Steine, war das eine historische Version einer Schallschutzwand?

War das mal ein Bahnhof? Wenn ja, hat er seine besten Zeiten hinter sich.

"Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden Eiserner Vorhang und Todesstreifen bundesweit zur Privatsache", schrieb bereits der Betreiber der Instagramseite Gärten des Grauens. Traurigerweise war das nicht auf diesen Garten hier bezogen, woraus folgt, dass es mindestens zwei Gärten geben muss, zu denen diese Beschreibung passt.

Aber es wurde noch verstörender. Der nächste Garten wird durch kunterbunte Metallplatten begrenzt. Komische Farbgebung für ein Mahnmal, dachte ich. Dann begriff ich, dass es keins war, sondern Werbung für irgendein Unternehmen, das Metall verarbeitet und Gärten mit Blickschutz ausstattet. Und ausgerechnet am Iron Curtain Trail werben die mit einem Metallzaun und einer Zielscheibe. Wow, da bin ja sogar ich taktvoller.

1 Stunden nach der Reichsgrenze behauptet diese alte Grenzsäule. Die Reichsgrenze der beiden deutschen Reiche BRD und DDR verlief auf den Hügeln rechts im Bild.

Ab jetzt fahre ich auf einer Rhönstraße, die sich wie betrunken hin- und herschlängelt und damit für Nüchterne nur bedingt geeignet ist. Der Bahndamm der Ulstertalbahn verflüchtigt sich zwischen einer Tankstelle und einem Mini-Burgtor. 

Das Original-Tor steht auf dem Marktplatz von Tann. Ein Stadtführer erklärte den Gästen gerade den Brunnen, aber ich stand zu weit weg, um etwas zu verstehen. Mann, ist das schön in Tann in der Rhön. Zugegen, ich war nicht ganz so begeisat wie in Geisa, aber hübsch ist es immer noch.

In diesem Schloss lebte Eberhard von der Tann, der als Theologiestudent in Wittenberg Unterricht von Martin Luther höchstpersönlich erhielt. Später setzte er die Reformation durch, sowohl in Tann als auch anderswo in Thüringen, denn er wurde Amtmann der Wartburg.
Das alles verrät die kleine Sandsteinsäule vor dem Schloss, also quasi. Das Symbol ist eine Kombination aus Eberhards Wappen und der Lutherrose, und den Rest kann man sich dann ja denken, oder? Nicht? Na gut, dann stellen wir eben eine Infotafel daneben.

Die Ulster erzeugt ein wenig Strom. Ein Banner verlangt, dass sie das auch in Zukunft tut. Das Wasserkraftwerk soll anscheinend geschlossen werden.

Der alte Grenzzaun dient nun als Komposthaufen, oder er schützt junge Bäume vor rollendem Geröll. Damit tut er im Grunde genommen dasselbe, was er schon immer getan hat. Denn das einzig Sinnvolle, was der antifaschistische Schutzwall je geschützt hat, war die Natur.
 

Die dritte Stadt im Ulstertal heißt Hilders und sieht nicht allzu interessant aus - die Pracht der Ulsterstädte nimmt offenbar in Richtung Süden ab. Zu den schöneren Gebäuden zählt der ehemalige Bahnhof, der nun mitsamt Spielplatz und altem Bahnwagen auf einem Privatgrundstück steht.

Echte Züge sind hier Mangelware, der nächste Bahnhof liegt in Gersfeld an der Rhön. Da kann man ebensogut direkt nach Fulda fahren, denn die Strecke dorthin ist ein Traum: Am Bahnhof Hilders endet ein anderer Bahnradweg. Während die Ulstertalbahn die Region allgemein wirtschaftlich erschließen sollte, war die Milseburgbahn vor allem als Anbindung für ein Braunkohlebergwerk gedacht. Der Milseburgradweg auf seiner Trasse ist nicht nur schöner und besser ausgebaut, sondern führt auch noch mitten durch einen der Rhönvulkane durch.

Der Ulstertal-Radweg geht aber noch ein kleines Stückchen weiter. Nicht auf der Bahntrasse, sondern ein paar Meter daneben. Und zugleich ein paar Meter höher. Liegen da noch Gleise? Schwer zu erkennen durch das graue Gestrüpp. Das ist das letzte entspannte Stück auf dem Iron Curtain Trail für die nächste Zeit.


Lange dauert es nicht. In Batten fuhr ich quer durch den Bahndamm - zum Glück hat er an der Stelle eine Lücke. Der Iron Curtain Trail verlässt hier das Ulstertal und steuert steil auf die Berge am Rand des Tals zu, wo immer noch die Grenze verläuft.

Aber als ich in einer Karte zum Rhönradweg blätterte, entdeckte ich, dass der Ulstertalradweg immer noch weitergeht - und der bleibt entspannt, und auch noch in richtig gutem Zustand! Hoch an der Talseite führt er in sanften Wellen auf und ab, dem Ende des Tals entgegen. Die letzte Ansiedlung heißt Wüstensachsen. Das klingt so ungefähr nach dem letzten Ort, den man besuchen möchte. Aber auch wenn es in Wüstensachsen eher ruhig zuging - niemand sprach sächsisch, und der Ort sah ein bisschen besser aus als Hilders (vor allem die Kirche). Zu den Attraktionen zählen das Sternenkino (eine drehbare Bank zum Sternegucken) und ein Eis-Automat, in dem jede Sorte außer Lakritz ausverkauft war.
Vorsicht: Die Busse hier haben die bösartige Angewohnheit, manchmal ein paar Minuten zu früh abzufahren.

Nun neigen sich die Wiesen des Ulstertals allmählich steiler nach oben. Die Ulster trifft auf ein erstes Nadelöhr im Wald - und legt erst richtig los. Was bislang wie ein energischer, aber normaler Fluss aussah, wird im Oberlauf zum wahrscheinlich schönsten und kräftigsten Bach der Rhön! Diese moosbedeckten Steine sind perfekt abgerundet und sehen aus wie auf einem Gemälde. Die Ulster gerät kräftig ins Rauschen, und an einer Stelle stürzt sie tatsächlich einen kleinen Wasserfall runter. Okay, Harz- und Alpenbewohner mögen über diesen Fall vielleicht schmunzeln, aber nachdem ich mir die Ödnis des Nüst- und Suhltal-Radwegs gegeben habe, weiß ich auch solche kleinen Highlights zu schätzen.

Noch ein paar steilere Felder, dann verschwindet das Bächlein endgültig im Wald. Inzwischen ist es zwar deutlich schmaler, zieht sich aber durch richtig schmale Waldschluchten. Das sieht man freilich nur, wenn man ein Stück auf dem Trampelpfad nebenher wandert.
Der Radweg dagegen macht einen Bogen und kommt pünktlich zur Quelle wieder dazu. Neben einem Wanderrastplatz sammeln sich die Rinnsale und feuchten Wiesen, verschwinden in einem Steinhaufen - und schießen auf der anderen Seite volle Kanne aus einem Holzrohr heraus. Wow, hier kommt fast so viel raus wie aus der (hässlicheren) Feldaquelle. Das erklärt dann wohl die Power vorhin am Wasserfall!