Ich bin ein Radfahrer auf der Suche nach Antworten, nach denen niemand gefragt hat: Welcher Radweg hat die süßesten Gänse? Wo gibt es die lobbyistischsten Achterbahnen und die salzigsten Berge? Warum verläuft die Grenze ausgerechnet auf diesem Fluss - und wieso sollte ich sie auf keinen Fall in Jogginghose überqueren? Finden Sie es jetzt heraus! (Oder auch später, mein Geschreibsel läuft Ihnen ja nicht weg.)
24 April 2023
Eiserner Vorhang: Von Oberzech nach Aš
14 April 2023
Eiserner Vorhang: Von Walkenried nach Arenshausen
Der Harz liegt hinter mir, also wird es jetzt wieder flach? Falsch! Heute durchquere ich das Eichsfeld, und das bedeutet eine Hügelkette nach der anderen.
Hinter Walkenried führt die Grenze durch eine Wald- und Moorlandschaft zur 1. Kutzhütter Fabrik-Hügelkette. (Hinweis: Die Fabrik befindet sich nicht in dem kleinen Fachwerkhäuschen.)
Es folgt die 2. Tettenborner Hügelkette. In Tettenborn sollte es ein kleines Grenzmuseum geben, das hatte aber noch zu. Macht nichts, später kommt noch eins. Hinter der Autobahn erreicht die Straße Thüringen.
Auf der 3. Limlingeroder Hügelkette stehen zahlreiche Holzbänke aus Paletten. Hier konnte ich den Autoverkehr verlassen und ein bisschen die Einsamkeit eines Radwegs genießen.
Kurz darauf beginnt ein Wald, den ich über ein kleines Tal wieder verlassen habe. Ein Bach, dessen Namen ich nicht weiß, hat das Tal gebildet. Diesem kleinen, anonymen Wasserlauf bin ich wirklich dankbar. Er hat mir an diesem Tag die einzigen paar Kilometer ohne Steigungen geschenkt.
Beschilderung für Radfahrer ist kaum vorhanden. Ich habe mich überwiegend an gelben Autoschildern orientiert.
Hier wendet sich die Grenze (links im Wald) wieder nach Süden. Entlang der Straße geht es direkt nach Duderstadt. Auf dem Weg liegt noch die Rothe Warte, eine bekannte Waldgaststätte (nicht nach dem Rot des Kommunismus benannt).
Duderstadt besteht aus rotem Fachwerk. Es ist nämlich eines dieser bezaubernden Fachwerkstädtchen im südlichen Niedersachsen, die ich so gern mag. Auch wenn Göttingen, Einbeck und Hann. Münden noch fachwerkiger sind - direkt am Grünen Band werden Sie in Niedersachsen keine schönere Stadt finden. Duderstadt wurde 1989 kurzzeitig Trabbi Town genannt, die Stadt mit den meisten Trabbis, als nach dem Fall alle durch den nahen Grenzübergang hierher trabten.
Als nächstes leitet mich die Karte auf die 4. Duderstädter Hügelkette rauf und wieder runter (und später nochmal rauf und wieder runter, und weil es so viel Spaß macht, auch noch ein drittes Mal). Der Radfahrer strampelt über die grünen Felder nach Thüringen. Das nächste Grenzdenkmal nennt sich OstWestliches Tor und ist wieder sehr abstrakt: Zwei geschälte Bäume auf einem Stahlband.
Im Dorf Wehnde habe ich mich ziemlich verfahren, bis ich auf einen Betonplattenweg nach Teistungen gelangte.
Im Mittelalter hatte Teistungen ein großes Kloster namens Teistungenberg. 1962 wurde es abgerissen, nur ein paar alte Efeumauern stehen noch.
Heute steht dort ein neuer Gebäudekomplex, der ein Luxushotel beinhaltet (hinten am Berghang). Auch ein kleiner Freizeitpark soll dort entstehen.
Falls die Hotelgäste mal Lust auf politische Bildung statt Poolbaden haben, können sie die Straße in einem gläsernen Tunnel überqueren. Dort erwartet sie das Grenzlandmuseum Eichsfeld.
Kleiner Grenzverkehr bedeutet: Die Westdeutschen durften maximal neun Tage in die Landkreise nahe am Grenzübergang reisen, an diesem Übergang also ins Eichsfeld und in den Ostharz. Für neugierige Touristen war das erfreulich, für Menschen mit Verwandten auf der anderen Seite ein Segen (sofern sie die Verwandten mochten). Ein Visum kostete 15 Mark, außerdem musste jeder Reisende 25 DDR-Mark pro Tag umtauschen. Die BRD-Regierung forderte die Bürger auf, diese Reisemöglichkeit oft zu nutzen, damit sich die Deutschen wieder annähern.
Außerdem wurde 1973 eine direkte Telefonleitung zu den westlichen Beamten eingerichtet, um Grenzprobleme zu klären, zum Beispiel bei der Brandbekämpfung.
Das dürfte das einzige Grenzmuseum mit einem Spiegellabyrinth sein. (Begründung: Grenzen spiegeln Systeme.)
Anschließend muss der Besucher eine Passkontrolle passieren. Die Schaufensterpuppe sagt "Ihren Pass bitte." Ich hatte meinen nicht dabei, durfte aber trotzdem ins nächste Zimmer.
Ein paar Texttafeln widmen sich dem katholischen Eichsfeld. Die DDR-Regierung wollte diese zurückgebliebene Region industrialisieren und den Bürgern durch diesen Aufstieg ihre Religion abgewöhnen. Ersteres gelang sogar ein bisschen, letzteres gar nicht. Auch wenn neue Kalibergwerke, Zementwerke und die größte Baumwollspinnerei Europas (in Leinefelde) neue Arbeitsplätze schufen, hielten die Eichsfelder weiterhin ihre katholischen Prozessionen quer durchs Dorf ab. Anders als im Rest des Landes machen nur wenige Jugendliche die DDR-Jugendweihe, in einigen Dörfern sogar null Prozent.
Hinter dem Hauptgebäude stehen noch ein paar alte Militärfahrzeuge und den Mühlenturm, in dem die Stasi die ganze Anlage kontrollierte. Bis 1970 befand sich in dem Turm tatsächlich eine Mühle. Er ist das einzige zivile Gebäude, das jemals zu einem Teil der DDR-Grenzanlagen umgebaut wurde.
Falls jemand versuchte, die langen Kontrollen abzukürzen, mit dem Auto auf die harte Tour durch den Grenzübergang zu brechen und einfach alles kaputtzufahren, wurde dieser fette Schlagbaum heruntergelassen. Der brachte selbst einen LKW zum Stehen. Der Knopf zum Absenken befand sich ebenfalls im Mühlenturm.
Diese Straße führt zurück nach Duderstadt. Da war ich schon, also lieber kurz vor der Grenze nach links!
Zuerst überquert der Kolonnenweg einen Bach namens Hahle. Die Brücke haben die Grenztruppen damals gebaut. Ein paar Meter weiter stellten sie einen Gitterzaun in den Fluss, in dem sich Treibgut verfing. Manchmal war der Zaun so verstopft, dass die Hahle die umliegenden Äcker überflutete. (Nicht einmal Wasser durfte die DDR ohne Erlaubnis verlassen.) Dann kurbelten die Grenzsoldaten das Gitter nach oben und eine Flutwelle mit Treibgut schwappte in den Westen. Das sorgte nicht nur für Sachschäden, sondern tötete 1981 sogar einen Menschen.
Ein anderes Drama ereignete sich 1964 in diesen Hügeln, als DDR-Soldaten Grenzpfähle herauszogen und weiter im Westen wieder reinsteckten. Laut dem Potsdamer Abkommen sollte die Grenze nämlich genau dort verlaufen (wie früher schon zwischen dem Königreich Hannover und Preußen). Die Briten waren bei einem Gebietstausch um ein paar Meter davon abgewichen und hatten das in einem Extra-Abkommen mit den Sowjets festgehalten, und die DDR-Führung war anscheinend zu dem Schluss gelangt, dieses Extra-Abkommen sei voll doof und somit völkerrechtlich unwirksam. Als der Bundesgrenzschutz mit Verstärkung zurückkehrte, musste die DDR wortwörtlich zurückstecken. (In Südossetien/Georgien dagegen läuft dieses Verfahren namens Borderisation erfolgreich: Russland verschiebt den Stacheldraht über Nacht immer weiter, er hat sogar schon Häuser und Menschen verschluckt.)
Ab und zu standen solche kleinen Beobachtungsbunker an der Grenze. Sie sollten offiziell die Grenzsoldaten vor Schüssen aus dem Westen schützen. Auch wenn sie nie auf diese Weise eingesetzt wurden.
Die Flüchtlinge konnten nie wissen, ob sie durch den schmalen Spalt beobachtet wurden, und vermutlich war genau das der Sinn der kleinen Klötze.
Ich hatte so viel Zeit im Museum und auf dem Grenzweg verbracht, dass es zeitlich langsam eng wurde. Eigentlich wollte ich nicht auch noch zum Pferdebergturm, aber irgendwie hatte ich mich in diesem Wald ein bisschen verirrt. Als sich der Turm plötzlich vor mir erhob, bin ich dann aber doch hinaufgestiegen und konnte das ganze Grenzgebiet nochmal im Überblick sehen.
Okay, neuer Versuch. Ah, das ist der Immingeröder Kreuzweg! Jetzt wusste ich wieder, wo ich war - ungefähr jedenfalls. Und ich wusste, wo es langging - steil nach unten, wieder runter von den Duderstädter Hügeln.
Dieses Kreuz stiftete 1984 die Jungfrau (woher auch immer Informationstafel das so genau weiß) Christine Borchardt aus Dankbarkeit, als sie eine schwere Krankheit heil überstand.
Unten im Tal habe ich Böseckendorf durchquert. Das Dorf wurde 1961 bekannt für die größten Massenfluchten über die Grenze: Hier ist fast ein ganzes Dorf abgehauen. Zweimal rannten jeweils 13 Menschen (je ein Viertel der Einwohner) trotz Tretminen zwei Kilometer in den Westen. Beim zweiten Mal war furchtbares Winterwetter und der Schlitten mit ihren Habseligkeiten kippte dreimal um. Aber die Zeit drängte, denn ein lokaler Grenzsoldat wollte mitflüchten und helfen, und der sollte bald ausgewechselt werden. In der BRD gründeten sie Neu-Böseckendorf.
Der Rest der Strecke bietet kaum noch historische Relikte, sondern nur noch Steigungen, Steigungen und Steigungen. Besonders steil ist die 5. ätzend hohe Hügelkette bei Etzenborn und Neuendorf.
Uff! Dann noch die 6. Weißenborner Hügelkette und die 7. finale Hügelkette ins Leinetal. Bei Mengelrode bietet sich ein Ausflug ins schöne Heiligenstadt an.
Eigentlich sollte es hier Radwege geben. Nun ja. Grundsätzlich ist das ein Radweg, aber Autos sind erlaubt... alles klar. Diese merkwürdigen "Radwege" waren teilweise zweispurig mit Leitlinie und so breit wie eine gewöhnliche Landstraße.
An der Autobahn hatte ich dann das Schlimmste hinter mir, ab jetzt ging es vor allem bergab.
Dabei entdeckte ich doch noch ein Zeugnis der Vergangenheit: Ein Bauer benutzt den alten Streckmetallzaun, um seine Weide zu begrenzen. Laut dem Museumswärter in Sorge kam das ziemlich häufig vor, dass sich alle am Zaun bedienten, denn sie wussten, dass dieses Material für die Ewigkeit gemacht war. Zwischen "Weg damit, ich will das nie mehr sehen!" und "Wir müssen das unbedingt als Zeugnis und Mahnung für unsere Nachkommen erhalten." gab es auch diese ganz pragmatische, eigennützige Herangehensweise.
Ein weiteres Kuriosum ist diese Riesenbank.
Noch ein bisschen bergauf, bald ist es geschafft. Im Hintergrund erhebt sich die restaurierte Burg Rusteberg. Die Burgen hier sehen irgendwie alle nur wie gelbe Hotels aus.
In Marth führt eine Pflasterstraße steil nach unten. So bin ich rasend schnell wie ein sehr holpriger Falke ins Leinetal hinuntergesaust.
13 April 2023
Eiserner Vorhang: Von Ilsenburg nach Walkenried
Erst das Ilsetal bietet Radfahrern endlich die Möglichkeit, in den Harz einzutauchen. Durch den Wald schlängelt sich ein Kiesweg ganz sanft bergauf. Die Ilse plätschert in kleinen Wasserfällen in die entgegengesetzte Richtung.
Auf dem Weg liegt die Prinzess-Quelle, eine der Ilsequellen. Deren Wasser wurde früher über ein Rohr direkt ins Tal geleitet und als Tafelwasser abgefüllt.
Mensch, dachte ich, wer hätte gedacht, dass der Weg in den Harz hinauf so angenehm ist? Ich musste nur ab und zu Fußgänger aus dem Weg klingeln.
An der nächsten Kreuzung sollte ich links abbiegen. Da verschwanden die Fußgänger und das Terrain wurde plötzlich rauer. Der Kiesweg schraubt sich staubig steil bergauf. Plötzlich kam mir ein Bus entgegen. Ich musste ausweichen und fuhr den nächsten halben Kilometer in einer monströsen Staubwolke. Ja, auf diesem abenteuerlichen Weg fahren Linienbusse, und zwar gar nicht so selten. Die einsamen Harzhäuschen sind hier besser an den Nahverkehr angebunden als viele deutsche Dörfer.
Einen Vorteil hatten die Bushaltestellen allerdings: Sie sind gute Orientierungspunkte für die Wegbeschreibung im Radführer ("an der Haltestelle Bielstein rechts").
Ansonsten bin ich den hölzernen Wanderschildern des Nationalparks gefolgt. Fahrradschilder gab es nicht.
Auf diesen leeren Flächen liegen richtig dicke Granitbrocken herum. Also, eigentlich liegen die überall im Harz herum, aber auf den leeren Flächen fallen die mehr auf. Besonders, wenn sie auch noch zu erstaunlichen Stapeln aufgetürmt wurden.
Einer dieser Riesensteine am Wegesrand ist dem Forstmeister Ernst Freiherr von Eschwege gewidmet, der sich für diese Landschaft engagiert hat. Einfach eine Tafel an den Stein tackern, so spart man sich die Statue.
In der Ferne ertönt ein Heulen. Schuhuuu! Was mag das sein?
Es ist die Harzer Schmalspurbahn. Das sind hochpreisige, berühmte Züge, die mit Dampf und Diesel fahren. Im Kalten Krieg waren die Schienen geteilt, heute bilden sie das größte Schmalspurbahn-Netz Deutschlands.
Dann geht der Waldweg weiter. An dieser Bank mit rustikalem Fußhocker habe ich eine kleine Wanderung zum Königshütter Wasserfall eingeschoben.
Am Kreisverkehr von Elend steht Deutschlands kleinste Holzkirche nebst einigen schwedischen Ferienhäusern. Elend ist immerhin ein richtiges Dorf, nicht nur ein Imbiss an der Kreuzung. Trotzdem war es viel ausgestorbener als Drei Annen Hohne, zu essen gab es auch nix. Dafür ist Elend der Ausgangspunkt, wenn man vom Iron Curtain Trail aus zum Wurmberg oder Brocken will.
Nun ist die Zeit der wilden Waldwege zu Ende. Ich bin auf einer schmalen Straße gefahren, die von kleinen gelben Blümchen und zahllosen Bahnübergängen gesäumt wird. Die Schmalspurbahn kreuzt immer wieder den Weg.
Die Grenze kommt aus Richtung Braunlage langsam wieder näher. Im Tal der Bremke und Bode gibt es aber nur miese Lochplatten und sogar eine große Kreuzung vieler Lochplatten, also schickt mich der Radweg noch nicht dorthin.
Diese Katze ist in Sorge. Nicht nur, weil sich Gewitterwolken sammeln und weil sich fremde Leute ihrem Restaurant nähern, sondern auch, weil ihr Restaurant im Dorf namens Sorge liegt. Ich habe mich von ihrem grimmigen Blick nicht abschrecken lassen und mir im Sonnenhof den Bauch vollgeschlagen.
Elend, Sorge, später kommt auch noch Zorge… wieso haben die Orte hier so deprimierende Namen, wo sie doch so schön gelegen sind und auch ganz schön aussehen? Der Name Sorge kommt vom altdeutschen Wort zarge für Grenze. Dieses Wort war längst ausgestorben, als besagte Grenze begann, den Leuten so richtig Sorgen zu machen.
Am Bahnhof steht ein kleines Grenzmuseum. Daneben sehen Sie einen der Vollpfosten aus der DDR.
...und es folgten der Streckmetallzaun, ein Beobachtungsturm und jede Menge Holz. Der Turm wurde kürzlich frisch hergerichtet, man soll ihn demnächst sogar besteigen können - von innen. Damit wäre er meines Wissens der erste an der innerdeutschen Grenze.
Ein Museum, originale Grenzanlagen, ein Kolonnenweg... was fehlt noch? Richtig, ein künstlerisches Mahnmal.
Man nehme vier alte Betonpfähle, entferne den Zaun, lege einen Haufen totes Holz im Kreis drumherum und pflanze Sträucher, die den Ring zuwuchern. Fertig ist der Ring der Erinnerung. Die Natur holt sich alles zurück.
Nun ist das Freilichtmuseum zu Ende, doch der Kolonnenweg geht immer weiter - und bildet sich offenbar ein, er sei eine Achterbahn. Aaargh… wie tief geht es hier bitte runter?
Ich habe versucht, den Löchern auszuweichen, um nicht komplett durchgeschüttelt zu werden. Aber selbst wenn es mir gelang, ganz gerade in einer Linie zu fahren, nützte das nichts - die Betonplatten waren leicht versetzt.
Zum Schluss muss man nur noch die steile Straße bergab sausen und ist aus dem Harz raus. Wegen des stürmischen Wetters war niemand unterwegs, ich hatte die Bergstraßen für mich.
Leider habe mich entschieden, noch einen Umweg einzuschieben, und eine andere Straße gewählt. Die führte mich zurück in den Osten - also wieder nach Sachsen-Anhalt, oder?
Falsch, nach Thüringen! Ein paar Meter neben der Straße, umgeben von Tannen, treffen sich die drei Harz-Bundesländer Niedersachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen am Dreiländerstein. Der wurde seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr aktualisiert. Deshalb stehen da noch die Kürzel der früheren Herzogtümer drauf.
Joa, und dann hatte ich die glorreiche Idee, auf einem Waldweg rüber zur Straße mit der offiziellen Route zu wechseln. Ich erwischte leider den falschen Waldweg, der sich eine ganze Weile um die Berge herumschlängelte. Einmal überquerte ich erneut ein Stück Kolonnenweg und wusste, dass ich wieder an der Grenze war - aber wo?
Endlich führte mich der Weg in ein Dorf namens... Sülzhayn? Verdammt, wo bin ich?
Eigentlich hätte ich der Straße und dem Flüsschen Zorge durch ein langgezogenes Dorf namens Zorge folgen sollen, in dem Lokomotiven und Weihnachtspyramiden hergestellt wurden.
Naja, auf jeden Fall führte in Sülzhayn ein Weg aus dem Harz hinaus. Gemeinsam mit dem Getreide wogte ich dort im Wind.
Die Grenze verlässt den Harz ein paar Kilometer weiter, sobald sich das Tal der Zorge zu einer Wiese öffnet. Hier bekommt man Einblicke ins Next Farming (so stand es auf dem Auto), die Zukunft der Landwirtschaft: Ein next Farmer fährt mit seinem Auto rum, an dem hinten einen dickes Teil rangebaut wurde. Es bohrt alle paar Meter lautstark tiefe Löcher ins Gras. Welche Pflanze muss den so tief eingesät werden? Oder sucht er nach Öl?
Nach einer gesperrten Straße und einer Umleitung bin ich in Ellrich endlich auf die offizielle Route gestoßen. Ellrich ist nicht so schön wie andere Harzstädte, besonders düster ist es aber hinter dem Bahnhof. Dort befand sich Juliushütte, ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald.
Die unterernährten Häftlinge mussten aus diesen Felswänden Gips abbauen.
Weil das Lager genau auf dem Grünen Band lag, ist es während des Kalten Krieges völlig verfallen. Hier entstand keine umfangreiche Gedenkstätte wie in Buchenwald, Sachsenhausen, Bergen-Behlsen und all den anderen schrecklichen Orten. Die Natur hat sich bemüht, die Erinnerungen an diesen Ort zu tilgen. Nur noch die Grundmauern sind übrig. Die Tafeln daneben verraten, dass zum Beispiel diese Mauern der Küche gehörten.
Juliushütte ist (zusammen mit der Topographie des Terrors in Berlin) vielleicht der einzige deutsche Ort, der das volle doppelte Grauen des 20. Jahrhunderts abgekriegt hat. Nirgendwo sonst dürften so viele ruhelose Geister unterwegs sein.
Als ich in den Wald eingetauchte, wurde es schlagartig dunkel. Donner grollte, Regen peitschte der Weg wurde zu einem schmalen Trampelpfad, und immer neue Überreste der grauenhaften Anlage schälten sich aus der Finsternis. Das nenne ich gruselig.
Aus irgendeinem Grund kam ich nachts bei den Bahngleisen heraus. Zum Glück verlief daneben ein etwas besserer Pfad, dem ich dann einfach gefolgt bin. Dabei habe ich auch einen Tunnel durchquert, was vermutlich nicht so richtig erlaubt war. Obwohl, ein Verbotsschild war da auch nicht.
Kurze Zeit später überquerte etwas den Radweg. Im Dunkeln brauchte ich ein paar Sekunden, um eine Horde Wildschweine zu identifizieren, inklusive Frischlinge. Großzügig, wie ich nun einmal bin, gewährte ich ihnen Vorfahrt.
Als ich am Bahnhof von Walkenried erreichte, war ich weitgehend durchnässt und hatte an dem Tag keine Zeit mehr, die eindrucksvollen Ruinen des Zisterzienserklosters zu bewundern.





