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23 November 2025

Naab: Von Weiden nach Regensburg

Was macht die Waldnaab in Weiden? Sie fließt geradeaus am Stadtrand vorbei, nimmt die Schweinnaab mit (ja, die heißt wirklich so) und hat eine der schönsten, verschlungensten und natürlichsten Fischtreppen, die ich je gesehen habe.
Außerdem ist da der Flutkanal. Der zweigt von der Waldnaab ab, fließt noch geradeauser am Stadtrand vorbei, per Brücke über die Waldnaab rüber...

...und schließlich wieder in sie rein.
Die graugrüne Parklandschaft war da schon längst einer graugrünen Feldlandschaft gewichen. Und zwar keiner sonderlich weiten: Nach ein bis zwei Kilometern endeten die Felder an einer grauen Wand, die mich den ganzen Tag begleiten sollte.

Darum konnte ich auf der Brücke von Oberwildenau auch nicht so richtig erkennen, wie sich die Haidenaab [sic] mit der Waldnaab vereinigt. Es gibt mehr Weiden als in Weiden, und der Boden ist so flach, die Flüsse dementsprechend so verschlungen, dass ich im Nebel nicht durchgesehen habe, was jetzt welcher Fluss ist.
Fest steht jedenfalls: Erst an diesem Zusammenfluss entsteht der Fluss, der einfach nur Naab heißt. Allerdings ist das, wo wir bisher langgefahren sind, der Länge nach der Hauptfluss der Naab.

Vor der Autobahn musste ich einmal die Gleise überqueren. Bis zu 20 Minuten soll man hier warten müssen, wer es eilig hat, soll einen anderen Weg nehmen? Na supi. Wer es aber nicht eilig hat, soll... diesen Knopf drücken? Okay... mit leichter Skepsis, ob das rostig-gelbe Gerät noch funktionierte, drückte ich drauf.
"Krsch... Oan kloan Moment bitte."
Oan kloan Moment später klappten die Schranken tatsächlich nach oben.

Nebel, Wiesen, Nebel, Wiesen... habe ich mir das wirklich gut überlegt, über 100 Kilometer hier durchzufahren?
Ja, denn das ist höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit des Jahres zum Radfahren. Und sobald der Fluss und kleine Felswände dazukommen, sieht es auch nicht mehr so unheimlich monoton aus.

Naabburg ragt mit einem massiven "Dom" und massigen Stadtmauer über der Naab in den Nebel. Diese Stadt hat keine Burg - diese Stadt ist die Burg. Warum genau die gotische Kirche nur gut genug für einen Dom in Anführungszeichen ist, erklärt die Infotafel nicht. Vielleicht, weil 1536 ein Blitz den zweiten Turm für immer abgefackelt hat.
Hier wurde das originale Grubenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat.

Erst in Schwarzenfeld habe ich mir die Zeit genommen, eine Ortschaft von innen anzusehen. Naja, was heißt, Zeit genommen - die Wegweiser haben mich sowieso hinein ins Kopfsteinpflastergebiet geleitet. Und das sah erstmal alles sehr still, aber nett aus. Am Fluss ragte ein Zwiebelturm auf. Er gehört zum fest verschlossenen Schlosshotel. Im Schloss und "auf" Schwarzenfeld saßen verschiedene Adelsfamilien, darunter die Herren "Teuffel von Pirchensee" und Karl Theodor Graf von Holnstein. Der war Oberstallmeister des bayrischen Königs. In diesem Job war er aber nicht mit Ausmisten beschäftigt, stattdessen verhandelte er mit dem Saupreißen Bismarck mit dem Ergebnis, dass Bayern einverstanden war, dass der Saupreiß Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Zur Belohnung durfte der Graf von Holnstein seinen Ruhestand erblindet in diesem Schloss verbringen, das sich hinter Gitterzäunen verschanzt.
Aber direkt daneben ist ja noch eine gelb-weiße Pfarrkirche. Und dort stand die Tür offen.

Jeder kann sich ansehen, wie das barocke Innere der Kirche in Weiß-Gold ausgeschmückt ist. Zumindest durch Gitterstäbe. Die befinden sich hier, anders als beim Schloss, im Innenraum, kurz bevor die Bänke beginnen. Damit Sie den Anblick stabfrei genießen können, habe ich durch sie hindurch fotografiert.
Die Kirche sieht so aus, weil die Hussiten und ein Feuer den Vorgänger zerstört haben. Sie ist gleich zwei Heiligen gewidmet, die beide auf den Altar gemalt sind: St. Ägidius plaudert mit einem Engel, während St. Dionysius geköpft wird.

Am Marktplatz war Schwarzenfeld dann nicht mehr so schön anzusehen. Das hier könnte so auch ein Bild einer Kleinstadt in NRW sein - wäre da nicht das riesige Kruzifix.

Vor einem Haus entdeckte ich ein lyrisch wie privatsphäremäßig fragwürdiges Gedicht: Nach langer Zeit ist es vollbracht / der Franzi hat die Rosi zur Frau gemacht. / Dieser Baum soll ein Jahr stehen. / Wir wollen ein Kind in der Wiege sehen. / Nach einem Jahr sind wir wieder hier / auf a Sau und a Fassl Bier. Kein Druck also bei der Familienplanung!

In Schwandorf hieß es: Halbzeit, Teezeit und Essenszeit! Puh, ist aber immer noch ne ganz schöne Strecke übrig.
Der nette Rasttisch befand sich zwischen der Naab und einem Wohnmobilstellplatz, auf dem genau ein Wohnmobil stand.

Neben der Naab befinden sich ein paar Baggerseen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen davon besucht, und zwar den stahlblauen Steinberger See, welcher von Unmengen an Enten und nicht ganz so großen Unmengen an Booten bewohnt wird.

Über halb gefrorene Nadelwäldchen und Wiesen voller Hunde spazierten wir eine Runde um den Wasserspiegel.
Ich staunte, wie flach Bayern auch sein kann. Es gab keinerlei Bergblick. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich dieses Bild in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt!

Das touristische Zentrum befindet sich allerdings am Westufer, denn hier hatten zwei einfallsreiche Unternehmer eine Vision. Sie wollten, dass sich Menschen bewegen! Und zwar draußen! Und gemeinsam! Und so bauten sie etwas Einzigartiges, das sich so oder ähnlich nirgendwo anders findet außer in Dolní Morava, Bad Harzburg und an vielen weiteren Baumwipfelpfaden. Wir erwarben am Automaten eine Plastikkarte mit Strichcode und spazierten dann eine lange, lange Spiralrampe hinauf. Dabei hüpften wir über ein paar Balancierparcours und Boden-Kletternetze mit Blick nach unten.
Die beiden Männer nannten das Teil inMotion PARK. Ein Comic auf der Rückseite ihres Flyers erzählt, wie bei der feierlichen Eröffnungsfeier ein gewisser Markus Söder den Namen vergessen hatte oder doof fand und darum improvisierte: "Hiermit eröffne ich die Erlebnisholzkugel!"
Joa. Und das ist der Name, unter dem das Ding bis heute bekannt und auf Google Maps eingetragen ist. Gegen die Macht Söders hatte der ursprüngliche Name keine Chance. Und er hat da ja schon einen Punkt: Die Kugelform ist ein Blickfang und das, was diesen Turm im Vergleich zu ähnlichen Bauwerken einzigartig macht.

Eine trockene Edelstahlrutsche mit Rutschteppichen darf natürlich nicht fehlen! Sie sieht erstmal verdammt steil aus, aber das ist auch nötig, um ohne Wasser überhaupt auf ein gescheites Tempo zu kommen. Vor allem, wenn einen auch noch die Schweißnähte kräftig durchrütteln. Wuppwuppwuppwuppwpwpwpwpwphuii...

Von oben ist dann doch zu sehen, dass die Berge gar nicht so weit entfernt sind.

Und die Naab dringt jetzt wieder in sie ein. Immer mal wieder musste ich am Waldrand hoch und runter, der Fluss war nur ein verwaschener grauer Streifen hinter den Bäumen.

Aber immer mal wieder waren da auch flache Straßenstrecken abseits des Flusses, mal mit, mal ohne Radweg. Trotz Radweg ist hier anscheinend jemand zu Tode gekommen. Die kleine Kerzenflamme im großen grauen Nichts war ein seltsamer Anblick, und das perfekte Symbolbild für Ende November.

Gott sei Dank zog sich das Nichts weit genug zurück, um mir diese mystische Felsformation zu enthüllen. Das hier sieht nicht mehr sächsisch aus, es weckte eher Assoziationen an schottische Highlands oder den Hund von Baskerville. Schöön, vielleicht sogar meine Lieblingslandschaft an der Naab.

Ja, nun türmen sich die Berge endgültig wieder auf, und die Naab taucht ein in ihr Finaltal.
Frage: Welches Tier würden sie in einer solchen Landschaft am ehesten erwarten? Vielleicht ein paar Schafe oder Ziegen?

Auf jeden Fall keine Pfauen. Wie eigenartig, diese Ziervögel nicht in einem Zoo oder Schlosspark, sondern einfach so auf einem Acker herumpicken zu sehen.

Unter den Felswänden des Finaltals liegt das putzige Örtchen Kallmünz. (Der Name hätte mir eine Warnung sein müssen.) Am rechten Ufer erstreckt sich ein kleiner Marktplatz, umgeben von bunten Häusern, deren Farben gegen den Nebel und die Abenddämmerung ankämpften. Hinter den Fenstern brannte warmes Licht. Zumindest in den Privatwohnungen, in den Geschäften war es kalt und still.

Am anderen Ufer werden die Gassen kleiner und weißer, dafür brannte endlich mal im Erdgeschoss ein Licht. Und zwar im Schmalzkuchl.
Als mein Magen den Namen las (also quasi), war er der Meinung, ich sollte da jetzt reingehen. Auch wenn ich dadurch das letzte Tageslicht verpassen würde, egal. Ich zwängte mich in den gut gefüllten und vor allem warmen Gastraum, und bestellte ohne nachzudenken. Auch, wenn ich nicht genau wusste, was sich hinter Worten wie Kiachlschmarrn verbarg (im Prinzip halt Kaiserschmarrn ohne Rosinen).

Erst beim Warten fiel mir, siedendheiß wie die heiße Schokolade, ein, dass ich keine Geldautomaten gesehen, nicht mehr viel Bargeld und gar nicht gefragt hatte, ob sie Karte nehmen.
"Nein, aber kein Problem, Sie können anschreiben lassen."
Und weg war sie wieder, ehe ich weiter nachhaken konnte.
Anschreiben, aha. Diese kontaktlose Zahlungsmethode kannte ich bislang nur noch aus Geschichten. Soweit ich weiß, wird dabei der abgebuchte Betrag auf einem analogen Datenspeicher namens Tafel eingegeben. Dieser Bezahlvorgang ist, anders als Paypal, ApplePay und Visa, vollständig unabhängig von Strom- und Internetausfällen, kann jedoch mit einer simplen Hacker-Software namens Schwamm manipuliert werden. Außerdem, und das war das eigentliche Problem hier, ergibt Anschreiben doch nur Sinn bei Einheimischen oder Urlaubern, die länger bleiben und deshalb irgendwann zum Bezahlen zurückkommen, oder? Mein Auftreten und vor allem Aussprechen müsste eigentlich verraten haben, dass ich zu keiner der beiden Gruppen gehörte. Beim Abrechnen wollte ich einfach vorschlagen, dass sie mir Daten zum Überweisen geben, aber ehe ich mich versah, hatte schon jemand die fehlenden Kallmünzen auf den Tisch gelegt. Ach so, auch gut, danke sehr.

Nach den letzten Kilometern im engen Flusstal fuhr ich auf Mariaort rauf, eine Halbinsel mit kleiner Klosterkirche. Am anderen Ufer der Donau leuchtete bereits Regensburg und machte seinem Namen alle Ehre, denn es hatte ein leiser Nieselregen eingesetzt, zum Glück erst jetzt. Ein Bauer hat auf dieser Spitze zwischen den Flüssen ein keltisches Hügelgrab gefunden. Die Finaltäler der Naab und Regen waren natürliche Einfallschneisen, und deshalb mussten die Römer drüben in Regensburg dieses Gebiet besonders gut befestigen.
Ich fuhr über die überraschend wenig holprige Wiese, bis ich zwischen kahlen Hecken auf einen Grabstein stieß. Zumindest sah er auf den ersten Blick wie einer aus, aber im Licht der Handytaschenlampe erkannte ich... äh, soll das eine Zeichnung der beiden Flüsse sein? Und sind das Entfernungsangaben wie auf einem Meilenstein? Jap, danke, jetzt weiß ich, wo es zum Schwarzen Meer geht, da wollte ich heute noch hin.
Schwarz waren die beiden Flüsse ja immerhin schon, auch wenn die Donau im Licht der Stadt leicht orange glühte. Nur leicht, denn das eigentliche Stadtzentrum ist noch fünf Kilometer weiter. Ganz so weit musste ich zum Glück nicht mehr, denn der Stadtteil Prüfening da drübening hat einen eigenen Bahnhof.


08 August 2025

Donau: Von Carnuntum nach Bratislava

III. Slowakei

Richtiger Name: Slovenská republika
Anteil an der Donau: 172 km (6 %)
Anteil am Donauradweg: max. 166,8 km (5,8 %)
Anteil der Donau an der Staatsgrenze: ca. 174 km (9,9 %)
Ufer: Undurchsichtige Wälder, Beton mit Unkraut, herrliche versteckte Naturstrände
Hauptstadt an der Donau? Ja (Bratislava)
Größter Nebenfluss: Váh/Waag (403 km)
Anzahl Inseln: 3
Größte Insel: Große Schüttinsel
Größter Wasserpark an der Donau: Vadaš Thermal Resort Štúrovo
Schönste Stelle: Badesee Rusovské Jezero
Schlimmste Stelle: in praller Sonne ohne Infrastruktur hinter Gabčikovo
Radwege: Deichradwege ohne Schatten
Einreise: problemlos dank EU
Währung: 


Das hier ist ein Flussgott, der möglicherweise Danuvius heißt. Also der Gott der Donau. Ob diese Personifizierung wirklich eine Verbesserung im Vergleich zur jungen Frau an der Donauquelle ist, muss jeder selbst beurteilen. Auf jeden Fall führte uns dieser füllige Gott heute in neue Gefilde.

Noch mehr Römerkram? Ja, denn auch die nächste Stadt Bad Deutsch-Altenburg war trotz ihres krampfhaft deutschen Namens Teil der Römerstadt. Eigentlich sogar der ältere Teil: Bad Deutsch-Altenburg war die Militärstadt, wo die Soldaten in immergleichen rechteckigen Kasernen (natürlich auch mit Säulen) untergebracht waren. Weil die natürlich alle Essen, Kleidung und Zerstreuung brauchten, wuchsen ringsherum die Häuser der Zivilisten, bis der Platz nicht mehr reichte und fünf Kilometer entfernt eine reine Zivilstadt gegründet wurde - das heutige Petronell-Carnuntum, in dem wir gepennt haben. Damals wurden aber beide als eine Stadt angesehen.
Bad Deutsch-Altenburg ist heute hauptsächlich eine stille Kurstadt, aber in einer römischen Villa befindet sich auch noch ein kleineres Römermuseum auf zwei Etagen. Moment, müsste unser Ticket nicht auch dafür gelten? Ja, man ließ mich rein. Als ich mich dann aber erdreistete, mich bei einer Führung dazuzustellen (die ohnehin praktisch im ganzen Museum zu hören war), kam mir sofort die Kassiererin hinterher und meinte, dafür müsse ich aber schon obendrauf zahlen.
Also beschränkte ich mich halt auf die Betrachtung von Statuen und Touchscreens. Herzstück ist ein farblich angestrahltes Relief vom Gott Mithras (hinten in der Mitte), der in Carnuntum sehr populär war. Den haben die Römer aus Indien und Persien importiert und stark verändert. Mithras war der Sohn eines Gottes, wurde aus einem Felsen geboren, ist später gestorben, am dritten Tag von den Toten auferstanden, und sein Symbol ist ein +. Klingt vertraut? Niemand weiß mit Sicherheit, was die Mithrasianer von den frühen Christen abgeschrieben haben oder umgekehrt. Manche Historiker behaupten, wäre das Christentum durch einen Zufall untergegangen, dann wären die Europäer alle Mithras-Anhänger geworden. Und doch hatte ich noch nie von ihm gehört.

Unterdessen suchten die anderen McDonalds auf, um sich Kaffee zu holen, und der Jüngste besorgte sich einen Cheeseburger "für den Notfall, wenn ich Hunger habe."
"Und der Notfall trat 500 Meter später ein.", witzelte ich.
"Ja, so war es.", antwortete er.

Mapy.cz hatte noch einen weiteren Tipp für mich: Im Wald über den Sportplätzen sollen sich haufenweise Höhlen befinden, und ihre Namen sind völlig random: Fledermausstollen, Sportplatzstollen II, Gewöllkamerl, Gabelkluft, Altenburger Höhle, Steinbruchstollen I und Rieselkluft.
Ich suchte die zugewachsenen Pfade ab, doch die einzige Höhle, die ich finden konnte, hieß einfach nur: Höhle. Und war ungefähr 2 Quadratmeter groß. Oder wie man in München sagen würde: 900 Euro kalt.
Ansonsten entdeckte ich noch einen Zaun mit dem Schild: Natur im Garten, Räuber im Haus, so sieht's in Österreich seit Schengen aus. Die EU ist bekanntlich an allem Schuld, sogar daran, dass man den eigenen Garten verwildern lässt.

Das ganze Gebiet grenzt an einen Steinbruch und ist der letzte Ausläufer eines Gebirgsmassivs, das wir gestern schon gesehen haben und jetzt umrunden mussten - zum Glück fast steigungsfrei. Vielleicht stecken die restlichen Höhlen direkt in dieser Felswand (rechts) drin, dann hatte ich natürlich keine Chance, da reinzukommen.

Dieses Gebirgchen sieht ja geradezu alpin aus! (Es ist nicht mit den Alpen verbunden, aber auch nicht so weit von ihnen entfernt.) In unserem Hotel lagen sogar Flyer für irgendwelche Bergseilbahnen aus. Das erklärt dann auch, warum die Römerstadt in diese Richtung nicht weiterwachsen konnte. Auch uns blieb eine kleine Steigung nicht erspart, vorher aber konnten wir nochmal so richtig schön zwischen Stadtmauer, Gleis und Donau fahren.
Hoch über der der Stadt thront eine große Burgruine, die so alt ist, dass sie schon im Nibelungenlied alt genannt wird. Unsere Mutter wollte da unbedingt hoch, bis sie sah, wie hoch genau die Ruine über der Stadt lag (ziemlich hoch).
Vom antiken Rom wechseln wir ins Mittelalter. Hainburg an der Donau ist eine stark befestigte Stadt, die hier die Stellung hielt gegen die Ungarn und alle, die sonst noch aus dem Osten kommen könnten. Für ihre Stadtmauer waren die Hainburger bereit, weit zu gehen: Ein Teil der Befestigungen wurde aus dem Lösegeld für den entführten König Richard Löwenherz gebaut.

Die Mauern gaben ihr Bestes und schafften es einmal, das Osmanische Reich von Wien fernzuhalten. Beim zweiten Mal waren sie aber schon so lädiert, dass die Türken den Rest zerschossen und die Mauern überrannten.
Wir stiegen hinauf zur Blutgasse. In Hainburg deutet der Name ausnahmsweise nicht auf die Wohnung eines Schlachters oder Henkers hin, sondern auf eine Tragödie.
Am 12.7.1683 stürmten die Türken Hainburg. Die Bewohner wollten in die Donauauen abhauen und stürmte die Blutgasse runter. Nur leider hatte noch keiner das Fischertor geöffnet, und die Torflügel öffneten nach innen. Sehr schnell kam es zu einem Gedränge, in dem das Tor einfach nicht mehr aufzukriegen war. 8432 Hainburger starben an diesem Tag, viele durch türkische Krummsäbel, viele aber auch einfach zertrampelt in einer Massenpanik.
Überlebt haben 100. Unter ihnen war ein gewisser Thomas Haydn, der Großvater des Komponisten.

Als nächstes verließ ich die offizielle Route und machte eine Schleife nach Norden, um mir einen ganz markanten Punkt der Donau anzuschauen, zumindest vom anderen Ufer. Der Kiesweg am Ufer ist gar nicht so schlecht, nur ein Stückchen gegen Ende ist verschlammt. Aber wo ist jetzt Devín? Mist, das Ufer ist ja total zugewachsen. Ich kämpfte mich durch Brennnesseln, immer dem Gekreische der badenden Kinder nach, und kam schließlich an einem idyllischen Kiesstrand mit umgestürzten Bäumen heraus. Was im Grunde eine ziemlich sinnlose Aktion war, denn ein paar Meter weiter konnte ich dasselbe direkt vom Weg aus sehen.
Wow! Die Burgruine Devín ist unerwartet groß. Die malerischen Mauerreste auf dem Gipfel sind nur die Spitze des Burgbergs, über dem ganzen Dorf erstrecken sich viel intaktere Mauern den ganzen langen Hügel entlang, als hätte jemand bei Carcassonne eine viel zu langgezogene Stadt gerade noch rechtzeitig fertiggestellt.
Wie ich später erfahren habe, war der gesamte Umweg im Grunde eine ziemlich sinnlose Aktion, denn die Burg ist so hoch, dass man sie auch vom offiziellen Radweg aus sieht. Hm, naja. Zumindest habe ich so auch noch die Mündung der March gesehen, wenn auch nicht allzu gut.
Die Burgruine war das erste, was ich jemals von der Slowakei zu sehen bekam. Was für ein Auftritt!

Mein Umweg wurde erst recht zur sinnlosen Aktion, als wir auf dem Rückweg mit dem Auto von der Autobahn abbogen - in diesen unscheinbaren Stadtteil mit Parkplatz und Restaurants am Fuße der Burg. Aber ich will mich nicht beschweren, denn das war ein richtig faszinierender Stopp. Sogar ein Immobilienplakat warb mit dem Bild der Burg, darunter stand: Familienhäuser zu verkaufen!
Tief unter den altehrwürdigen Steinmauern bringt die moosgrüne Morava/March das komplette Wasser aus dem östlichen Tschechien in die Donau. Aber nanu? Vergessen Sie die gleichberechtigten Streifen in Passau, hier ist die Donau so dominant, dass sie das Morawasser ein gutes Stück in sein Flussbett zurückdrängt. Noch nie habe ich einen Fluss gesehen, dem das Münden so schwer gemacht wird.
Die Morava ist zwar die Lebensader von Mähren, aber an dieser Stelle grenzt sie nicht mehr an Tschechien, sondern an Österreich und die Slowakei.

Hauptsächlich sind wir über graue Mauern, verfallene Treppen und Tore gewandert, wie man das auf Burgruinen eben so tut. Eidechsen huschten über den Stein. In den paar Ausstellungsräumen lagen jetzt keine superspannenden Sachen herum, die meiste Zeit habe ich Texte gelesen. Die Besonderheit der Burg ist eine andere: Erstens kann man wirklich, wirklich weit durch verfallene Mauern wandern (den großen Rundweg haben wir gar nicht geschafft) und zweitens war ich noch niemals zuvor an einem Ort, der so verdammt lange historisch relevant war.
Die ersten Menschen lebten hier schon 6000 Jahre vor Jesus. Die Römer vom anderen Ufer bauten sich hier ein Lager als Standbein im Feindesland. Aber es sollte nochmal 900 Jahre nach Jesus dauern, bis Devín tatsächlich Teil eines Staates wurde - dann aber auch gleich ein Verwaltungs- und Machtzentrum. Dieser Staat ist zugleich Mythos und Mysterium. Man nennt ihn das Mährerreich, oder in Tschechien und der Slowakei lieber: Großmährisches Reich. Viel weiß man nicht darüber, außer dass Fürst Rastislav geherrscht hat, Kyrill und Method aus dem Oströmischen Reich missioniert und die kyrillische Schrift gebracht haben - und dass eben das heutige Mähren das Zentrum des Reiches war. Und es war der erste richtige Staat auf tschechischem und slowakischem Boden. Gerade die Slowaken identifizieren sich sehr damit, weshalb sich im 19. Jahrhundert gern slowakische Nationalromantiker in der Ruine versammelten.

Aber der Reihe nach. Nach dem Mährerreich kamen die Ungarn und mussten feststellen, dass auf dieser Burg eine simple Sache nicht so einfach ist: Das Trinken. Obwohl sie an zwei Flüssen lag, die sich sogar ins Gestein fraßen und richtige Höhlen ausspülten, war der Stein einfach zu hart, um einen Brunnen zu bohren. In den höchsten Turm war eine enorme Regenwasserzisterne eingebaut, und auf die und schlechtes Wetter waren die Bewohner angewiesen, bis es im 15. Jahrhundert mit dem Brunnen endlich klappte.
Napoleon ließ die Burg sprengen, obwohl sie militärisch nicht mehr wichtig war, einfach zur Demütigung. Die Ungarn bauten dann ein Denkmal für die Landnahme der Magyaren darauf, was die slowakischen Nationalromantiker so sehr anpisste, dass sie das Denkmal in die Luft sprengten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier noch irgendwelche Adelsfamilien.

Aber auch im letzten Kapitel eines heutigen Geschichtsbuchs war Devín präsent: Dem Kalten Krieg. Schließlich brachte die Morava nicht nur Wasser, sondern auch den Eisernen Vorhang aus dem Norden. (Der Iron Curtain Trail kommt mit ihr und folgt dann der Hauptstraße am Donau-Nordufer bis nach Bratislava.) Ein Ausstellungsraum voller Drähte und Zäune widmet sich diesem düsteren Kapitel.
Die 11. Grenzbrigade bewachte das Gebiet um Bratislava, etwa 2000 Leute, davon 50 bis 85 auf Devín. Dazu kamen zivile Helfer und Jungpioniere von 6 bis 15 Jahren. Wenn ein bestimmtes Lied im Radio gespielt wurde, war das ihr Signal, auf ihre Posten im Dorf zu gehen und Ausschau zu halten. An der slowakischen Grenze wurden mindestens 42 Menschen erschossen, was die Ausstellung mit den drastischen Strafen erklärt, die den Soldaten bei einer erfolgreichen Flucht drohten. 
Aber gleichzeitig war die Burg eben immer noch eine wichtige historische und symbolische Stätte, die nun dummerweise in der Grenzzone lag - man brauchte eine Sondergenehmigung, um überhaupt die dazugehörige Ortschaft zu besuchen. Die Kommunisten diskutierten und konnten sich schließlich durchringen, eine Ausnahme für touristische Besucher zu machen. Und die wurde natürlich gleich von Flüchtlingen genutzt.
Eine Familie floh erfolgreich mit einem selbstgebauten Amphibienfahrzeug - erst vier Meter vor dem österreichischen Donauufer blieb es auf einer Sandbank stecken. Der verantwortliche Grenzkommandeur wurde für 30 Tage freigestellt, weil er seine Waffe nicht eingesetzt hatte, und fortan standen steinerne Hindernisse in der Donau.
Ein anderer Kommandeur plauderte bis spät in die Nacht mit einem Grenzsoldaten über das Leben und den Dienst. Danach kroch der Soldat, der die Gegend gut kannte, durch einen Entwässerungstunnel unter der Straße, knipste entscheidende Kabel der Elektrozäune durch und schwamm nach drüben, wo er brüllte: "Grüßt Leutnant Randúch von mir! Ihr habt ein Loch im Zaun!" Was ein Typ.
Weniger gut lief es für eine Gruppe DDR-Touristen, die ihr Auto nah am Zaun parkten und kurzerhand vom Autodach über den Zaun sprangen. Einer von ihnen wurde beim Schwimmen im Kreuzfeuer tödlich verwundet.
Im Dezember 1989 war das hier einer der letzten Grenzabschnitte, auf dem der Eiserne Vorhang noch stand. Ein großer Protestmarsch nach Hainburg sollte das ändern, die Grenzsoldaten ließen sie durch und kamen kaum damit hinterher, ihre Pässe zu stempeln. 
Dennoch ist der Geist dieser Zeit nicht restlos verschwunden.
"Was guckst du da rüber nach Österreich?", herrschte ein Vater seinen Sohn an, der in ein Fernglas schaute. "Guck da nicht hin!"

Der Donauradweg auf dem Deich folgt die ganze Zeit einer Hauptstraße, und unter dem futuristischen Fernsehturm türmen sich schon Berge und bunte Wohnblocks auf. Die Berge sind die Kleinen Karpaten, eine Mini-Version des großen slowakischen Gebirges. Und die Wohnblocks sind die slowakische Hauptstadt, eine Mini-Version von Wien und Prag.
Dabei war dieses Ufer bis 1918 noch ungarisch. Und wenn sich die Tschechen und Slowaken in den 90ern auf eine gemeinsame Staatsform geeinigt hätten, dann wäre es jetzt tschechoslowakisch. Stattdessen stritten sie sich im sogenannten Gedankenstrich-Krieg schon darum, ob man einfach den Sozialismus aus der Tschechoslowakischen sozialistischen Republik rausstreicht, oder einen Bindestrich einfügt, oder doch Tschechische und slowakische, und ob man slowakische großschreiben soll, obwohl die Grammatik das nicht erlaubt, und was eigentlich der Unterschied zwischen einem Gedanken- und Bindestrich ist. Es gab sogar Hungerstreiks für den Bindestrich und natürlich Nazivergleiche. (Hitler hat es auch den Gedankenstrich benutzt!) Jedenfalls haben sich die tschechischen und slowakischen Politiker am Ende friedlich getrennt, und das Gute daran ist, wir lernen jetzt einen neuen Staat und eine neue Hauptstadt kennen.

Am Wegesrand erschien ein abgenutztes österreichisches Zollgebäude. Auf den ersten Blick schien es nicht mehr in Betrieb zu sein, aber... doch, die Fahrzeuge wurden durch Warnbaken auf eine Ehrenrunde über das Zollgelände geleitet, wir dagegen rasten unbehelligt durch.
Die Grenzlinie war kaum zu erkennen. Irgendwo links unterm Deich verkündet an einem trockenen Graben (vor dem Wäldchen hinten in der Bildmitte) ein kleines rechteckiges Schildchen: Staatsgrenze. Hätte ich nicht gezielt nach irgendeinem Zeichen gesucht, dann hätte ich es garantiert übersehen.
Und was ist das erste Gebäude, mit dem uns die Slowakei empfängt? Ein zwielichtiges Billigcasino. Wow. Was für ein Auftritt.

Aber nein, im selben Gebäude befindet sich auch ein Laden mit Holztischen. Er heißt Autoberg, doch statt Ersatzteilen konsumierten wir direkt auf der Grenze Kofola und Koláče. Die Dinger sind anscheinend nicht nur typisch tschechisch, sondern auch slowakisch. In der Slowakei stopft man die Nuss- und Mohnfüllungen aber auch gern in ganz kleine gebogene Hörnchen.
Hier treffen wir auch den Iron Curtain Trail wieder. Der kommt frisch aus Bratislava und verläuft dann erstaunlich nah an der Grenze, praktisch auf der Grenzlinie.

Mein Sitznachbar hatte mich schon auf der Fahrt nach Wien darauf hingewiesen, dass um diesen Deichradweg überall Bunker verstreut liegen. Manche sind offene Ruinen, manche kostenpflichtige Museen und manche werden noch heute von der slowakischen Armee zur Verteidigung benutzt (im Bild). Laut Infotafel wollte die Slowakei nach Hitlers Machtergreifung ihre Grenze zur besten und modernsten in Europa aufrüsten, mit "Stahlbetonobjekten", Kanonen- und "Maschinengewährausrüstung" (alle Angaben ohne Gewehr). Noch bevor sie fertig waren, war Deutschland aber so hochgerüstet, dass es die Slowakei bedrohen konnte: Hört auf mit dem Ausbau, sonst marschieren wir ein.
Am 10.10.1938 marschierten sie natürlich trotzdem ein.

Der Radweg folgt der Autobahn im Bogen bis ans Ufer und stößt schließlich auf den Nový Most - die Neue Brücke, auf deren Spitze anscheinend ein Ufo gelandet ist, und die Aussichtsplattform da drin heißt wirklich UFO. Unser Vater schlug vor, in dem Restaurant da oben essen zu gehen, bis er die Preise sah. Ich hatte diese brutalistische Brücke schon auf Bildern gesehen und irgendwie hat sie mein Bild von Bratislava (scheußliche Eindeutschung: Preßburg) als stalinistische Stadt sehr geprägt.

Ein vollkommen falsches Bild! Das wurde uns bei der Fahrt über die Donau langsam klar. Über dem Fluss thront der weiße Hrad (Burg) von Bratislava in Form eines selbstbewussten Quadrats mit vier Türmen. Das sieht doch sehr viel burgiger aus als die Wiener Hofburg oder Prager Burg!

Kurz hinter der Brücke fanden wir uns auch schon am Martinsdom wieder, in dem die ungarischen Könige gekrönt wurden. Dafür ist er gar nicht mal soo groß. Der Donnerstagsgottesdienst beginnt erst in 15 Minuten, also können wir noch reinschauen, oder?
"...der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Doch bereits jetzt sang eine Stimme, und die Gemeindemitglieder antworteten.
"Jesus Christus, der den Lauf des Lebens beherrscht, der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Ungefähr so viel habe ich verstanden.
"Jesus Christus, der den Lauf des Lebens beherrscht, der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Immer wieder dasselbe, minutenlang.

Der Dom bewacht den Eingang in die Altstadtgassen.
Bratislava mag im Schatten von Wien, Prag und Budapest stehen, aber Touristen gibt es hier definitiv auch, und zwar nicht zu knapp. Souvenirläden, Restaurants, Cafés, dazwischen zwängt sich gelegentlich eine Limousine zu ihrer Botschaft durch, und natürlich Touren- und Stadtradler, die in diesem Gewusel nur wenig Hemmungen kennen.
Und doch... irgendwie ist hier alles eine Nummer kleiner. Ist es sehr gemein, wenn ich schreibe, Bratislava ist die größte Kleinstadt, die ich je gesehen habe? An den Aussichtspunkten erstrecken sich die Wohnblocks der Vororte zwar noch weit in die Ferne, aber das ist dann eben auch alles, dahinter kommen nicht noch zwölftausend Vororte außer Sichtweite wie in Berlin.
Muss ja auch nicht.
Es ist eine sehr sehenswerte Stadt, nur fehlt ein touristisches Highlight vom selben Kaliber wie der Prater oder Schönbrunn. Andererseits ist Wien ja um die Ecke.

Von den vielen Marktplätzen hat uns der Platz des Nationaldichters Hviezdoslav am besten gefallen. Als unser Vater das letzte Mal hier war, bestand er noch aus öden Betonplatten, jetzt sprudelt und grünt es rund um den Poeten.
Komponisten kamen auch immer aus Wien rüber, wie die Steinplatten an den Häusern verraten: Hier gab Mozart mit sechs ein Konzert, dort Franz Liszt als Erwachsener.

Čumil ("Glotzer") heißt dieser zufriedene Kanalarbeiter, der sich ausruht und dabei Passanten von unten beobachtet. Er ist der instagramabelste Ort von Bratislava, und wer ihn ohne einen wildfremden Menschen mit der Hand auf dem Hut fotografieren will, der braucht Geduld. Dass er an einen stadtbekannten Widerstandskämpfer aus dem Sozialismus angelehnt sein soll, ist nicht bestätigt.

Hinter der Michalská brána (Michalstor) steht das schmalste Haus Europas. Mit 1,3 Metern ist es nicht viel breiter als seine Glastür. Wir haben ewig gebraucht, um es zu finden.

Vor dem Tor gibt es auch Suppe in essbaren Bechern zu kaufen, ein sehr sättigender und praktischer Snack.

Gegenüber vom Martinsdom steht eine doppelte Stadtmauer, die permanent von Touristenführungen mit Audioguides gestürmt wird, ein Durchkommen ist schwierig. Aber notwendig, wenn man das Brückchen über die Schnellstraße erreichen will. Dieser Straße stand 1969 noch eine große und prächtige Synagoge im Weg, welche die Sozialisten gesprengt haben. Plakate auf der Stadtmauer erzählen vom jüdischen Leben Bratislavas, auch das dazugehörige Museum ist nicht weit.
Hinter der Straße guckt unauffällig ein besonderes Haus (links) hervor, frisch gestrichen in gelb mit weißen Streifen. Das Haus zum Guten Hirten ist ein ehemaliger Teil der Vorburg und eins der am besten erhaltenen Rokoko-Häuser der Stadt.

Kommen Sie an einen Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist! Wir folgten dem Schild ins Haus zum Guten Hirten und entrichteten drei Euro pro Nase für das Uhrenmuseum. Bei dem Preis hatten wir jetzt nicht viel erwartet. Eine Erwartung, die nicht enttäuscht wurde.
Bratislava war seit dem 15. Jahrhundert eine Stadt der Uhrmacher. Die Uhrmachergilde war die einzige der Slowakei und die größte in ganz Ungarn, als die Stadt noch ungarisch war. Ihre Arbeiten sind auf drei knarzenden Stockwerken ausgestellt und werden nicht von Kameras, sondern noch ganz oldschool von gelangweilten Museumswächterinnen auf knarzenden Stühlen bewacht. Interessant fand ich zum Beispiel eine Armband-Sonnenuhr, mit integriertem Kompass, damit man auch weiß, wohin man sie halten muss.

Die reich verzierten Uhren aus Gold und Ebenholz sind von verschiedenen halbnackten Figürchen umzingelt, zum Beispiel Papageno aus der Zauberflöte.
Außerdem gibt es sowohl Bilderuhren (Uhren mit einem kleinen runden Gemälde drin) als auch Uhrenbilder (Gemälde mit einer kleinen Turmuhr o.Ä. auf der Leinwand, deren Zeiger tatsächlich die Zeit anzeigen).
Nur: Die Zeit war immer falsch. Nichts regte sich, nichts tickte, nichts gongte.
"Schade, ich dachte, das ist wie bei Meister Hora", meinte unsere Mutter enttäuscht.
Nun ja, das Schild am Eingang hatte es ja schon verraten.

So, aber jetzt ist ein bisschen Bergwanderung angesagt! Richtig in die Kleinen Karpaten werden wir nicht wandern, aber zumindest den Aufstieg zur Burg schaffen wir. Auf halbem Weg stolperten wir noch in die Orthodoxe Nikolauskapelle rein.

Auch hier erschallte Singsang, aber nur vom Band. Wer es wagte, die heilige Tonaufnahme mit allzu lauter Stimme zu stören, wurde sofort mit einem "Pscht!" zurechtgewiesen. Die überbordende Deko gibt es so ähnlich in allen orthodoxen Kirchen, auffällig fand ich dagegen den, äh... ist das ein Weihwasserspender? Oder eine automatisierte Fußwaschanlage, bei der einem quasi der daraufgemalte Jesus die Füße waschen soll?

Nun aber hinauf zur Bur... oh, ein Café, wir sind eigentlich schon ziemlich durstig.
Jetzt aber.
Die Burg Bratislava ist richtig, richtig weiß. Sogar im Garten dominiert diese Farbe das Rot der Rosen, die sich im grünen Heckenlabyrinth für Gnome verirrt haben. Damit ist dieser Garten noch sehr, sehr farbenfroh im Vergleich zum Innenhof, der ein vollkommen steriles weißes Rechteck darstellt. Selbst der Blick in den Burgbrunnen war spannender. Immerhin enthielt der neben Wasser auch 600 PET-Flaschen.

In der Burg befindet sich ein historisches Museum, das mehreren Quellen zufolge aber eher trocken sein sollte. So wie unsere Kehlen es bereits wieder waren. Also genossen wir den Blick über die Donau und machten uns an den Abstieg.

Gleich neben der Burg steht das Parlament der Slowakei. Burg Devin war nicht mehr zu sehen, dafür aber die weiter entfernte Burg von Hainburg. In Österreich drehten sich überall Windräder, an der Grenze hörten sie schlagartig auf. Stattdessen Wohnblocks und weiter stromabwärts Fabrikschornsteine. Und trotzdem musste unser Vater zugeben: "Ich habe Bratislava großes Unrecht getan."

Ja, die Stadt hat sicher Ostblock-Vibes, aber auf eine nette Art. Und das hat nicht einfach nur damit zu tun, dass die Wohnblocks bunt gestrichen sind (das sind sie in Nordkorea auch), es ist die ganze quirlige und freudige Art dieser Stadt. Die ging auch nicht verloren, als wir die touristische Altstadt verließen, sie veränderte sich nur. Und wurde lauter. Neue Architektur aller Art mischt sich mit gelegentlichen Stuckbauten, dazwischen drängen sich endlose Autokolonnen, Straßenbahnen und Oberleitungsbusse hindurch.

Direkt hinter solch einer Kreuzung steht auch das zweite Schloss der Stadt. Im Palais Grassalkovi wohnt der Präsident. Seine Residenz folgt dem Motto Liebling, ich habe das Weiße Haus geschrumpft und ist fest verschlossen. Nur ein Plakat auf dem Zaun wirbt für den Tag der offenen Tür am 31. August. Die Mauern hinter dem Palast geben nur Preis, dass der Präsident in seinem Garten herrliche alte Kastanienbäume hat.

Der Jüngste, der bisher bei der Reiseplanung eher untergebuttert wurde, stand vor der Wahl: Shoppen mit der Schwester oder schwimmen mit dem Bruder? Er entschied sich für das Freibad inmitten von Wohnblocks, eine wahrscheinlich sogar ziemlich authentische Bratislaverfahrung. Wir checkten per Kreditkarte im Oberleitungsbus ein und fuhren ein paar Stationen hinaus, dann liefen wir über einen Bürgersteig, der eigentlich eine Art zweite Fahrbahn zum Ranfahren an die Wohnblocks war.
Es ist ein ganz pragmatisches Freibad, und doch auf seine Art sehr nett gemacht. Statt Umkleiden gibt es zum Beispiel diese gewundenen Umkleide-Sichtschutzwände, die ich eher vom Strand kenne. Statt eines Sprungbeckens nur ein abgetrenntes Eselsohr vom Becken, in das man vom Beckenrand springen darf.
Und statt einer Liegewiese Beton.

Abends schauten wir in der Altstadt die Speisekarten durch, und vieles kam uns gleich bekannt vor. Manches ist ein bisschen anders geschrieben, doch die Gerichte sind größtenteils dieselben wie in Tschechien.
"Rezeň?", meinte unser Vater. (Klingt fast wie das Zeug, aus dem meine Bremsbeläge bestehen.) "Was ist das?", fragte er die Kellnerin auf Tschechisch.
"Řízek", antwortete sie - Schnitzel. Ah, natürlich! Auch wenn wir fast alle Schilder lesen können, sind die Unterschiede zur Sprache des Bruderstaats manchmal doch tückisch.
Außer für die sprachbegabte Kellnerin. Die sprach mit dem Vater tschechisch, mit dem Jüngsten auf Deutsch, und am Nachbartisch dann auf einmal Italienisch.
Letztendlich bestellten wir das, was in tschechischen Speisekarten eben nicht so häufig steht: Köstliche Rippchen (die waren in allen Restaurants am teuersten) und neue Arten von Knödeln (halušky). Zumindest hatten wir unter dem Namen so etwas wie Kartoffelknödel erwartet. Aber nanu? Diese Knödel sind ja winzig, das sind doch eher Gnocchi! Geschmeckt haben sie aber.

Wir blieben zwei Nächte in einer Ferienwohnung in der Altstadt. (Wenn die Radtour zur Hälfte ein Hauptstädte-Trip wird, dann lassen sich nämlich auch Teenager überzeugen, mitzukommen.)
"Können wir die Räder irgendwo unterstellen?", fragten wir vorab beim Vermieter.
"Kein Problem, stellen Sie sie einfach auf die Terrasse. Das Haus hat einen Aufzug.", lautete die Antwort.
Ja, das Haus hatte in der Tat einen Aufzug. Und der ist auch super geeignet, wenn man, sagen wir mal, eine Besenstange ins zweite Stockwerk transportieren möchte.

Oben stellten wir überrascht fest, dass die Wohnung das genaue Gegenteil des Aufzugs darstellt - viel geräumiger als der Fahrstuhl oder die enge Terrasse.
So nah bei meinem Rad habe ich, abgesehen vom Camping, noch nie zuvor geschlafen.

Die Donaugrenze

Länge: 14 km
Grenzquerungen: 1 
Länder: Österreich (Niederösterreich)/Slowakei (Bratislavský kraj)
Seite: Ost, ab dem Grenzübergang am Südufer dann ziemlich exakt auf der Grenzlinie
Erkenntnis: Slowakische Flüchtlinge sind krasse Typen.