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11 August 2025

Donau: Von Vrakúň nach Komárno

Hinter der zweiten Staumauer wird der Privodný kanál zum Odpadový kanál (Müllkanal?). Aus irgendeinem Grund ist er genauso breit wie oberhalb der Mauer. Wirklich eine seltsame Stauanlage.
Ein paar Kilometer weiter vereinigt sich das alte Flussbett (hinten) mit dem Odpadový kanál (rechts), womit wir wieder eine einheitliche Donau hätten, auf der jetzt auch die Grenze nach Ungarn verläuft.

Raider wird zu Twix, sonst ändert sich nix.
Am slowakischen Nordufer wurden wir nach wie vor auf dem Deich gebacken, auf der einen Seite Bäume mit zu viel Abstand, auf der anderen tote Dörfer. Nur ein einziges hatte ein Bufet, und an dem fuhren mein vorauspreschender Bruder und ich schnurstracks vorbei.

Und Badeseen? In Klížska Nemá sollte es einen geben. Aber wo ist das kristallklare Blau von gestern geblieben? Der schmutzige Kies bricht abrupt ab in eine kotzgrüne Suppe. Dass mitten an einem Samstag kein einziges Dorfkind da drin baden wollte, stimmte uns skeptisch.

Schatten? Gab es auf dem Radweg insgesamt zweimal für jeweils fünf Meter.
Rasthütten? Das hier war die einzige. Immerhin zur Hälfte im Schatten, doch um in das komische Teil reinzukommen, musste ich mich ducken, und die Hitze staute sich unter dem Teerdach.

So wurde dieser Tag und nicht der letzte zum härtesten der ganzen Tour.
Naja, immerhin bestand fast alles aus Asphalt oder brauchbaren Betonplatten. Lieber auf dem Deich gebacken werden als auf den längeren Dorfstraßen, wo laut Karte manchmal die Hauptroute verläuft.
Trotzdem ist es traurig. Was die Qualität des Radwegs angeht, scheint Wien-Budapest die beste Staffel des Donauradwegs zu sein, und was die Infrastruktur drumherum angeht, bisher die schlechteste. Solch einen Gegensatz habe ich noch nie erlebt.
Kein findiger Unternehmer traut sich, in einem der leerstehenden Häuser eine Radlerunterkunft zu öffnen. Für wen habt ihr dann diesen Asphaltweg auf den Deich gegossen? Für lokale Rennradler? Davon zischten viele vorbei, auf jeden Fall mehr als die Tourenradler, von denen erst ab 11 zaghaft ganz wenige herauskamen. Aber ist ja auch gut, wenn die Menschen vor Ort etwas von den EuroVelo-Radwegen haben.
Immer wieder fielen uns rätselhafte weiße Steinreihen auf. Da hat jemand mit den Grenzsteinen aber komplett übertrieben. Trennen die die Gemarkungen der Dörfer voneinander oder nur Privatgrundstücke? Egal, es ist zu heiß, um darüber nachzudenken.

Was also tun, um die Familie heil durch das slowakische Bratblech zu bringen?
Es hilft nichts: Immer wieder runter vom Deich und im Schatten der Bäume ausruhen. Und nochmal. Und nochmal.
Abgesehen davon fanden wir noch zwei andere Ansätze.
Am staubigen Rande der Hauptstraße nach Gabčikovo saß eine einsame Frau an einem Melonenstand. Die Melonen sahen tatsächlich gut aus (auf jedem Fall viel besser als die fliegenübersäten aufgeschnittenen Melonen auf dem Bauernhof ein paar Kilometer vorher). Sie pickte auf unseren Wunsch die kleinste heraus, die immer noch verdammt groß war und happige 13 Euro kostete. Mit Ach und Krach bekamen wir sie provisorisch für ein paar Kilometer in meine Fahrradtasche. Ob das eine gute Idee war?
War es. Wir schnitten, schlürften und löffelten das Obst zu viert leer, und sie war so süß und saftig, wie eine Wassermelone nur sein kann, möglicherweise die perfekte Melone. Mit vollem Bauch, satt und das genaue Gegenteil von dehydriert, lagen wir im Gras, und ich konnte nicht anders, mir entwich ein Melonenrülpser. Nur die Idee meines Bruders, die halbe Schale als Helm zu tragen, trug keine Früchte. Für die ersten Kilometer kühlte er noch, dann heizte er sich viel stärker auf als ein Fahrradhelm. Außerdem denken dann alle, man hätte das berühmte Melonen-Fahrradhelm-Experiment komplett missverstanden.

Die andere Idee: Einfach in der wiedervereinigten Donau baden. Das Wasser ist zwar nicht unbedingt klarer (auch nicht bedingt), doch nach dem Zusammenfluss entdeckten wir erstaunlich schöne Strände mit Sand, Muscheln und Baumwurzeln, die bis ins Wasser ragten. Die Fahrrinne für Schiffe lag auf der anderen Seite, und so sind zumindest ein paar Schwimmzüge in Ufernähe unter diesen Umständen hoffentlich vertretbar. Die Gegenstromanlage war eingebaut, denn die Strömung war verdammt stark, die Wellen des einzigen Lastschiffs dagegen noch relativ zahm.
Als ich bis zum Hals im Wasser steckte, hörte ich folgendes: Rrschschsch... Es war das endlose Rauschen der Donaukiesel am Grund, der Gesang des Flusses, aber eben auch, wie Andreas Fath es über den Rhein formuliert hat, "eine große Plastikmühle".
Wobei die Slowakei in der Hinsicht gar nicht so schlimm zu sein scheint. Nach einer Weile fuhren zwei Autos vorbei und parkten direkt am Strand, packten bei laufendem Motor Liegestühle und einen Grill aus. Die waren eindeutig gekommen, um zu bleiben, zumindest länger als wir. Wenn die hier öfter so was veranstalten, dann ist es bemerkenswert, dass wir an diesem herrlichen Strand überhaupt keinen Müll gefunden haben.

Wie gehen die Slowaken sonst mit der Hitze um? Machohaft und nicht unbedingt auf die schlauste Art. Viele radeln oberkörperfrei beziehungsweise im Bikini. Sonnencreme ist unerwartet teuer und scheint nicht so wahnsinnig verbreitet zu sein. Kurz vorm Ziel kam uns ein kräftiger Herr in Unterhose entgegen, und seine krebsrote Haut verkündete, dass dem Hautkrebs das gelungen war, woran die Türken einst gescheitert waren: Die Donauufer dauerhaft zu erobern.
Auch scheinen die Slowaken etwas distanzierter und weniger sozial zu sein als die Tschechen. Es dauert, bis sie auftauen - der einzige, bei dem ich lange genug anwesend war, war mein Sitznachbar im Nachtzug nach Wien während der Anreise. Meine Mutter war sehr froh, dass sie einen Tschechen geheiratet hatte.

Schließlich guckte am anderen Ufer ein fetter skeptischer Kreis aus Backsteinen mit grünem Dach herüber, das Fort Monostor. Es stammt von 1850, damit ist es die größte neuzeitliche Festung in Europa.

Das Fort ist Teil der ungarischen Stadt Komárom, die sich ansonsten mit ein paar Kirchtürmen und Blocks eher bedeckt hält. Aber gut, bei einem derart breiten Fluss kann man nicht erwarten, allzu viel zu erkennen.
Als das Nordufer an die Slowakei ging, wurde diese Stadt in zwei Hälften geteilt, und damit man die auch auseinanderhalten kann, heißt der slowakische Teil Komárno. (Obwohl der Name wahrscheinlich von komár, also Mücke, kommt, nahm die Mückendichte mit der Einfahrt in die Stadt rapide ab.) Eine neue Straßenbrücke, eine Eisenbahnbrücke und schließlich eine alte Straßenbrücke verbinden die beiden Städte - erst gibt es ewig keine Donaubrücken und dann gleich drei. Eine davon muss die Brücke der Freundschaft sein. Dabei war durchaus wenig Freundschaft zu spüren, als diese Donaugrenze 1918 gezogen und die Stadt geteilt wurde. Der größte Feind waren damals nicht irgendwelche fernen Deutschen oder Russen, sondern der Nachbar direkt gegenüber. Es gab ungeklärte Konflikte um den Grenzverlauf, Aufrüstung und die Befürchtung, dass sich Ungarn als Verlierer des Ersten Weltkriegs das verlorene Ufer (auf dem eine beträchtliche ungarische Minderheit lebte) zurückholen wollte. Wollte es auch unbedingt, aber durch Verhandlungen. Bei der Konferenz in Komárno 1938 machte die Tschechoslowakei verschiedene Kompromissvorschläge, aber einen so großen Teil ihres Gebiets wollten sie natürlich nicht einfach so abgeben. Weil sich Ungarn und die Tschechoslowakei auf nichts einigen konnten, wollten sie durch Schiedsspruch entscheiden lassen, und als Schiedsrichter wählten sie zwei ganz objektive, vernünftige Männer namens... Hitler und Mussolini. What?! Beide Staaten hatten sich heimlich mit Hitler verständigt und waren sicher, er würde in ihrem Sinne entscheiden. Aber Ungarn hatte zusätzlich Mussolini auf seiner Seite, und der überzeugte Hitler, Ungarn vollumfänglich Recht zu geben. Mit den Ersten Wiener Schiedsspruch kam das Nordufer also nochmal für ein paar Jahre zurück nach Ungarn.

Über eine kleinere und sehr viel ältere Brücke radelten wir in die Stadt rein. Schranken, Kräne, Schornsteine und Rost, so richtig einladend war das alles nicht. Komárno (unnötige Eindeutschung: Komorn) ist etwas, das ich so weit vom Meer entfernt nicht erwartet hätte: Eine Werftstadt. Hier entstehen Donau- und sogar Hochseeschiffe für die Slowakei.

Dann aber bogen wir ab und standen urplötzlich in einer richtig gemütlichen Altstadt. Auf dem Klapka-Marktplatz musizierte ein Saxophonist, in den Restaurants klapperte das Besteck. Alles war ein bisschen niedriger und unaufgeregter als in Bratislava. Und es gab Schatten!
Der Platz wurde nach General Georg Klapka benannt, der auch als Statue rumsteht. In Klapkas militärischer Karriere stand die Stadt immer wieder im Mittelpunkt, er hat sie gegen Russen und die Revolutionäre von 1848 verteidigt, wurde zwischendurch bei einer Belagerung komplett eingeschlossen und brachte es schließlich zum provisorischen Kriegsminister und Abgeordneten.
Neben dem Schiffbau scheint die Stadt noch einen zweiten Wirtschaftszweig zu haben: Goldhandel und Pfandleihen. Die Stadt wimmelt von diesem Geschäftsmodell, das ich eigentlich nur noch aus Geschichten kenne. Im Dönerhandel dagegen bekleckert sich diese Stadt wirklich nicht mit Ruhm, sondern lediglich mit Tatarská und Ketchup.

In der eindrucksvollen Barockkirche haben alle Omis Stammplätze, die an der mit Vornamen beschrifteten Tüte zu erkennen sind. Darin steckt das Kissen, auf dass sie sich im Gottesdienst niederknien.
 
Von dem Fenster unserer Wohnung sahen wir direkt auf den Europa-Platz, ein etwas versteckter zweiter Marktplatz mit Hinterhof-Aura, der ursprünglich Teil einer Festung war. Um den Springbrunnen stehen die Statuen europäischer Monarchen. Nur der Sockel von Bela III. ist leer. Was hat er angestellt, damit er nicht gezeigt werden darf - eine Punkband gegründet?
Rundherum drängen sich 45 Häuser, die verschiedene Länder und Regionen in Europa repräsentieren sollen. Der genaue Plan, welches Haus welches ist, findet sich nirgendwo online, sondern nur versteckt in einer Ecke am Platz, damit alle erst mal raten. Das deutsche Haus (das Fachwerkhaus vorne rechts) stammt als einziges nicht vom Ende des 20. Jahrhunderts, sondern ist das älteste der Stadt. Wir übernachten allerdings im rosaroten dänischen Haus in einer Wohnung, deren Architekt alles superfancy machen wollte, selbst wenn dafür die Funktion komplett baden geht, oder der komplette Flur, weil die Dusche ausläuft.

Preisfrage: Welches ist das tschechische Haus?
Das ganz rechts.
Wohl dem, der auf einem Kontinent lebt, auf dem Kriege durch solch fiesen Spitzen ersetzt wurden.

Doch in Komárno tobten vorher viele Kriege, natürklich auch wieder gegen die Türken. Die fette Festung hat einen massiven Wall aus Gras und Backsteinen, dahinter gehen die langen Kasernen los, die eine Hälfte weiß gestrichen, die andere heruntergekommen. Wer mehr sehen will, muss eine Führung mitmachen, die nur zweimal täglich startet.
Es war damals die größte Festung in Ungarn, und weder das Osmanische Reich noch die Revolutionäre von 1848 schafften es rein. Weder mit List noch mit Kraft soll irgendwo an der Spitze reingeschrieben sein. Mag sein, aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Die Türken gingen einfach außenrum und schafften es so bekanntlich bis kurz vor Wien.

Die Festung steht in der Landspitze zwischen Donau und Váh (Waag), dem zentralen Fluss der Slowakei, welcher der Donau jede Menge Wasser aus der Hohen Tatra mitbringt. Quasi die slowakische Moldau.

Unsere Räder stehen heute Nacht in einer Art Wäscheraum.

24 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Oberzech nach Aš

Die Böhmische Waldgrenze I

Länge: 20 km (24 km laut Beschilderung/App)
Grenzquerungen: 0 auf der Strecke (nur 1 am Dreiländereck und 1 per Bahn)
Länder: Deutschland (Bayern/Sachsen), Tschechien (Karlovarský kraj=Karlsbader Region)
Seite: nur Ost
Erkenntnis: Sogar in der evangelischsten Stadt Tschechiens reicht es nicht für eine komplette Kirche.

Die erste Etappe des tschechischen Eisernen Vorhangs beginnt in einem Zipfel in einem Zipfel: Am Dreiländereck von Oberzech streckt sich Tschechien so weit es geht nach Deutschland rein. Als erstes bin ich also aus dem Zipfel herausgefahren, dazu musste ich einfach nur dem Bach Rokytnice alias Regnitz folgen. Auf seinem Wasser verläuft die Grenze.
Das Grüne Band in Tschechien ist nicht nur grün und gelb, sondern auch noch weiß: Im Tal blühen die Buschwindröschen. Kaum zu glauben, aber in diesem unberührten Sumpf lebten vor nicht allzu langer Zeit Menschen. Das Dorf Kaiserhammer war bekannt für das Bier in seinem Gasthaus, die älteste Mühle an der Rokytnice und seinen Bergschiefer. Die Bergleute suchten im Bach auch nach Zinn und Eisenerz.
Kaiserhammer musste gleich aus zwei Gründen weg: Erstens stand es nah an der Grenze in einem sozialistischen Staat, und zweitens war das Dorf größtenteils von Deutschen bewohnt, und das in einem Staat, der gerade erst von Deutschen überfallen worden war. Zwangsaussiedlung und Vertreibung fielen an diesem Ort zusammen, die Informationstafel spricht trotzdem beschönigend vom "Auszug" der Bevölkerung.
Einziger Überrest ist ein schiefes Sühnekreuz. Es erinnert an ein brutales Duell, bei dem ein Offizier den anderen erstach. Zur Strafe sollte er am Ort des Verbrechens dieses Kreuz zurechthauen.

Das Tal ist der einzige Ort in Tschechien, an dem die bedrohte Flussperlmuschel lebt. Früher suchte so mancher Tscheche die Muscheln nach Perlen ab - aber nicht aus Gier oder Böswilligkeit gegenüber der Natur, sondern um sein täglich Brot zu verdienen und zu überleben, wie die Infotafel klarstellt.
Schilder informieren per skizzierter Landkarte, welche Teile der Natur geschützt sind und aufgrund welcher Paragraphen sie nicht betreten werden dürfen.
Nach kurzer Zeit teilt sich die Rokytnice in zwei Quellbäche, den Ziegenbach, der auf Tschechisch immer noch Rokytnice heißt, und den Aubach alias Lužní potok, der von jetzt an die Grenze bildet. Er ist etwas stärker mit Bäumen bewachsen, der Idylle tut das kaum einen Abbruch. Was für ein herrlicher Waldweg, es war eine super Idee, durch Tschechien weiterzufahren!

Auf ehemaligen Grenzkontrollweg (auf Tschechisch Signálka) radelte ich allmählich eine Etage höher den Hügel hinauf und stieß bald auf eine Meinungsverschiedenheit: Die Schilder und meine App wiesen mich nach links, in einen Ort namens Hranice (das bedeutet buchstäblich Grenze) mitsamt dem Vorort Trojmezí (das bedeutet buchstäblich Dreiländereck, wirklich einfallsreiche Namen). Die analoge Karte aber sagt, ich soll geradeaus dem Radweg Nr. 2058 folgen. Diese kurze Route hatte ich auch eingeplant, mit der längeren wäre womöglich die Zeit knapp geworden.

Doch offenbar war meine Sehnsucht nach Deutschland schon nach einer halben Stunde derart stark, dass ich versehentlich vom Radweg 2058 abkam und noch weiter westlich auf einem wilden Waldweg strandete, der sich immer mehr zwischen Moos, Tannenzapfen und einer enormen Pfütze verlor. Uff, lieber weg hier. Notfalls schiebe ich eben quer über die Wiese zum richtigen Weg.

Joa, nur ist der ganz offizielle Iron Curtail Trail (bei dem sich all meine Karten wieder einig sind) auch nicht viel besser. Eigentlich sollte sich der Kiesweg jetzt in Asphalt verwandeln. Stattdessen wurde alles noch schlimmer.
Ich meine, ja, im Prinzip ist da Asphalt. Und ja, in der Wegbeschreibung stand was von Schlaglöchern. Dort wurde aber nicht erwähnt, dass es im Grunde nur zwei langgestreckte Schlaglöcher sind, die den gesamten Weg umfassen. Was ist denn bitte mit diesem Asphalt passiert, wurde der von Thors Hammer zertrümmert? Langsam verstehe ich, warum kaum ein Deutscher oder Tscheche Lust verspürte, an diesem herrlichen Frühlingstag ausgerechnet diesen Radweg zu erkunden, trotz der vielen Rastplätze und herrlichen Natur: Der holprige, ständig wechselnde Belag nervt halt. Von der Elbe weiß ich: Das kann Tschechien viel besser! Nur Waldarbeiter fuhren mit ihren Autos herum und gingen verschiedensten Waldarbeiten nach.

Weitere Hindernisse: Eine Schranke und die nächste Megapfütze.

Bisher hatte ich folgende Vorstellung: Die Grenze der anderen Ostblockstaaten war im Prinzip wie die der DDR, nur etwas weniger extrem. Das ist so nicht korrekt. Die Tschechoslowakische Sozialistische Republik machte einiges anders als die DDR, übertrieb dabei zum Teil noch viel mehr und musste deswegen schon in den 60ern, deutlich früher als die DDR, massiv zurückrudern.
Bis zu 15 Kilometer vor der Grenze musste man eine Genehmigung vorzeigen (das sind 10 Kilometer mehr als in der DDR), acht Kilometer vorher wurden alle Wegweiser abgebaut, und zwei Kilometer vorher (das sind 1,5 Kilometer mehr als in der DDR) durfte absolut niemand außer den Soldaten rumlaufen. Das war einfach dermaßen unpraktisch, dass die 15-Kilometer-Zone nachträglich auf drei Kilometer reduziert werden musste.
Statt Streckmetall setzte die ČSSR auf normalen Stacheldraht, statt gepflügter Erde verstreute sie Sand, um Fußspuren zu erkennen. Und vor allem benutzte sie statt Selbstschussanlagen Drähte mit 5000 Volt. Einen tödlichen Stromschlag erlitten so nicht nur Flüchtlinge, sondern auch umfallende Bäume, Tiere und mehrere Grenzsoldaten. Deswegen wurde der Zaun auf eine nicht tödliche Spannung herabgesetzt, die nur Alarm bei den Soldaten auslöste. Und das ganz ohne irgendeinen Micháil Gartenschlegr, der ein paar Volt klauen musste. Einfach nur, weil die Entscheidungsträger dermaßen blöd waren, dass sie einen Teil ihrer eigenen Blödheit von allein erkannt hatten.
Auch wenn der Elektrozaun 1991 abgebaut wurde, trauen sich tschechische Hirsche bis heute nicht über die imaginäre Linie.

Ein Imker nutzt den ehemaligen Grenzstreifen, um dort einen Tisch voller Bienenstöcke aufzustellen. Im Kalten Krieg hätte er die ČSSR womöglich auf dumme Ideen gebracht, zum Beispiel auf jedem Grenzkilometer 5000 aggressive Bienen pro Grenzkilometer zu halten und die Zahl dann, nachdem die eigenen Soldaten völlig zerstochen zurückgekommen sind, auf fünf Bienen zu reduzieren.

Der zerkloppte Asphalt geht in immer größeren Bögen auf und ab. (Achterbahnfans sprechen in diesem Zusammenhang von Camelbacks). Die beiden größten Gipfel haben sogar Namen. Der erste heißt Mlýnský vrch (Mühlenhöhe). Diesem Namen wird er voll und ganz gerecht, denn er ist bedeckt mit Windrädern.
Oben angekommen fiel mir ein seltsamer Turm am Horzont auf. Ist das schon der Bismarckturm von Aš? (Einer von nur drei Bismarcktürmen in Tschechien. Kein Wunder, Bismarck ist dort vermutlich weniger beliebt.) Nee, die Richtung passt überhaupt nicht, das muss irgendein bayrischer Turm sein. An dieser Stelle ragt Tschechien sogar noch weiter nach Deutschland hinein - nicht am Dreiländereck vorhin, sondern hier am Mühlenberg liegt Tschechiens westlichster Punkt, behauptet ein Wegweiser.

Der zweite Berg heißt Štítarský vrch, versteckt sich halb im Wald, ist mit einer Rasthütte ausgestattet und sogar zum Teil richtig asphaltiert. Alle fünf Meter durchzieht eine schräge Rinne den Asphalt, durch die wohl Regenwasser abfließen soll. Hoffentlich bleibe ich da nicht drin hängen, wenn ich mich gleich mit einem Affenzahn von der Schwerkraft runterziehen lasse.

Kurz vor dem Ziel treffe ich zum ersten Mal auf Gleise. Das kleine Städtchen Aš (eingedeutscht Asch) hat sage und schreibe drei Bahnhöfe. An den ersten beiden hält aber kein internationaler Grenzverkehr (Ich weiß, bei dem Anblick dieses Bahnhofs ist das sehr überraschend), sondern nur die Bummelbahn nach Hranice. Mein Ziel ist Bahnhof Nr. 3.

In Aš gibt es sogar eine Fahrradstraße. Naja, oder zumindest irgendetwas in der Art. Mit dem Asphalt bekommen die das nicht mal innerorts so richtig hin.
Dieser Weg brachte mich direkt ins Herz und Highlight von Aš: Dem Park.

Dieses gelbe Schlösschen ist das Ašer Rathaus. Es war einst von ganz ähnlichen Häusern umgeben, die einen typisch tschechischen Arkarden-Marktplatz bildeten. Damit man sich das heute vorstellen kann, braucht es eine Menge Phantasie. Nur das sture Rathaus hat den Lauf der Geschichte überdauert: Nach dem Stadtbrand 1814 benötigte es zum Beispiel bloß ein neues Dach, während ringsherum alles zerstört war. Damals wurde der komplette Verkehr durch den Rathausbogen durchgeleitet. Ursprünglich gehörten Teile des Rathauses den umliegenden Gemeinden, aber die Städter kauften ihnen ihre Anteile einfach ab. Und weil sie immer noch nicht genug Platz zum Verwalten hatten, setzten sie noch ein Stockwerk obendrauf, in einer, wie die Infotafel meint, "aufdringlichen Architektur". Ich schätze, um als Gebäude in Aš zu überleben, muss man auch etwas aufdringlich sein. Im Sozialismus diente das Haus zwischendurch als Museum und Bücherei.
Die Häuser rundherum hatten weniger Glück, sie brannten 1814 ab, wurden später zerbombt oder sind zerfallen, als sie ungenutzt in der Grenzzone herumstanden. Die Einwohner haben dann Nägel mit Köpfen gemacht und die letzten Reste abgerissen. Wer sagt denn, dass nur der tschechische Standard-Marktplatz gut aussieht? Wenn man die Wohnblocks bunt anmalt und dazwischen Grünanlagen pflanzt, dann ist die Stadt doch auch sehr einladend!

Ganz besonders, wenn der Park mit alten Mauerbögen, neuen Hängebrücken und kreativen Spielplätzen ausgestattet ist.

Mitten im Park steht kein anderer als Martin Luther, denn hier findet sich das einzige Lutherdenkmal in Tschechien. Die Statue wurde in Nürnberg gegossen und zu Luthers 400. Geburtstag aufgestellt. Aš war eine evangelische Stadt, und nach dem Dreißigjährigen Krieg durfte die Gemeinde ihren Glauben behalten und sich dem evangelischen Oberkirchenrat in Wien anschließen. Nach der "zwangsweisen Aussiedlung" der Deutschen (diesmal beschönigt die Infotafel nichts) erhielt die tschechische evangelische Landeskirche das Gebäude, und die ganz wenigen tschechischen Protestanten hatten auf einmal einen üppigen Barockbau mit 2500 Sitzplätzen.
Die Betonung liegt auf hatten.
1960 war die Kirche fast fertig saniert und alle Kriegsschäden beseitigt. Dann explodierte ein Heizofen und alles brannte wieder ab. Heute liegen im Park nur noch die Grundmauern und ein paar Grabplatten.

Ich musste noch ein Weilchen die Wellen der Hauptstraße auf und ab radeln, bis ich endlich den Abzweig zum Bahnhof entdeckte.
Auf der Bahnstrecke ins bayrische Selb-Plößberg ereignete sich 1952 eine tiptop organisierte und völlig reibungslose Flucht. Ein Lokführer und ein Fahrdienstleiter hatten von Widerstandskämpfern erfahren, dass Haftbefehle gegen sie beide vorlagen, weil sie anderen zur Flucht verholfen hatten. Sie luden ihren Zug voll mit einer letzten Ladung Flüchtlinge, denen ebenfalls Gefängnis oder Todesstrafe drohten. Dann ließen sie den Zug von Komplizen im Stellwerk illegal nach Bayern umleiten.
Ich brauchte zwar keine Komplizen im Stellwerk, aber so einfach wie gedacht war die Rückreise dann doch nicht. Zunächst einmal musste ich feststellen, wie zum Geier man überhaupt in diesen Baustellenbahnhof reinkommt und wo das richtige Gleis ist. Dann musste die Dame am Schalter irgendwo anrufen, weil sie nicht wusste, ob das 49-Euro-Ticket schon für diesen Grenzbahnhof gilt.

Und schließlich, als die bayrische Bahn endlich losfuhr, kontrollierte mich gleich zweimal die Polizei: Am ersten deutschen Bahnhof in Selb wollte man nur meinen Ausweis, doch als ich in Hof Hbf ausstieg, checkte ein zweites Team meine Taschen höflich nach Rauschgift und Feuerwerkskörpern. (Merke: Bei internationalen Radtouren nie wieder Jogginghose anziehen, das wirkt verdächtig.)
Zugegeben: Wenn das die intensivsten Kontrollen sind, die ich an den Grenzen meiner Heimat Zeit meines Lebens erleben werde, dann habe ich wenig Grund, mich zu beschweren. Und doch hat sich etwas verändert, seit der Iron Curtain Trail angelegt wurde: Das offene Europa, welches die Radroute zelebrieren soll, hat seine Unschuld verloren. Was das bedeutet, werden wir sehen.