02 Januar 2020

Leine: Von Göttingen nach Kreiensen

  Den Weg aus Göttingen heraus habe ich ein bisschen verpeilt. Irgendwann verwandelten sich die Radwege am Flussufer in einen Dschungel mit Trampfelpfaden, da muss ich irgendwo die richtige Abzweigung verpasst haben. Plötzlich lag mir ein Paar Schienen im Weg, die zu einem Gewerbegebiet führten. Da musste ich das Rad drüberheben.


Dann fand ich zurück auf den rechten Weg und fuhr über asphaltierte Feldwege, unter anderem neben dem Bächlein namens Weende. Die Route entfernt sich ein wenig von der Leine.

Im Leinetal hinter Göttingen folgen ein paar kleinere Orte, oder genauer gesagt, Flecken. Um in die Innenstadt zu gelangen, muss man vom Radweg abweichen und ein paar größeren Straßen über Brücken und Tunnel folgen. Da ich ja alles erkunden wollte, habe ich das auch pflichtbewusst getan.
Der erste Flecken namens Bovenden ist eigentlich ein Göttinger Vorort und grundsätzlich nicht so spannend.
Hoch über Bovenden ragt die Burg Plesse auf. Der Umweg dorthin ist auf dem letzten Stück ein bisschen steil. Wir haben daher die Räder angeschlossen und sind einfach zu Fuß hinaufgestiegen.

Die Burg hat zwei Türme, einen dicken und einen dünnen. Der dicke ist öffentlich zugänglich, man muss nur einen Euro (Studenten 50 Cent) in die Kasse des Vertrauens werfen. Das ist die Aussicht allemal wert. Ein richtiges Museum ist in der Burg nicht, nur ein paar Infotafeln und ein Restaurant, das montags Ruhetag hat.

Das hier ist Nörten-Hardenberg. Dort gibt es Bier in erstaunlich kleinen Flaschen und wieder einmal bezauberndes Fachwerk in perfekt erhaltenem Zustand.

Damit man von einem Tal sprechen kann, braucht man natürlich links und rechts auch ein paar Berge, inklusive Wälder, Dörfer und Burgruinen. An der Leine ist das alles vorhanden, auch wenn die Berge natürlich längst nicht so hoch sind wie an der Donau und am Rhein.
Das Tal ist sehr breit, Steigungen gibt es nicht mehr. So ist genug Platz für die Leine, den Radweg, eine Autobahn, eine Bundesstraße und eine Bahnstrecke, auf der neben der Leinetalbahn auch erstaunlich viele ICEs unterwegs sind.
Es führt übrigens noch ein zweiter Radweg durch das Tal, nämlich der schnurgerade Weg neben der Hauptstraße. Der ist schneller, obwohl es ein paar Hügel gibt, und ist natürlich super für Alltagspendler. Wer eine schöne Strecke möchte, sollte aber am Fluss bleiben.

In der nächsten Stadt geht es deutlich belebter zu als in Nörten-Hardenberg. Aus einer vorchristlichen Siedlung, einem fränkischen Herrenhof an der Kreuzung zweier Handelswege, einem Benediktinerkloster und einer Ackerbürgerstadt hat sich Northeim entwickelt, das für sein Theater bekannt und Teil der deutschen Fachwerkstraße ist. Eine bewegte Geschichte also - doch heutzutage kennt man Northeim vor allem daher, dass sich die Göttinger Studenten ständig über den Vorort lustig machen.

Auf dem Marktplatz sind Momo und die Schildkröte Kassiopeia unterwegs. Hat Michael Ende etwa hier gelebt? Oder spielt sein Buch in Northeim? Nein, die Begründung ist etwas dürftiger: Im Buch Momo geht es um Zeit, und "die Zeit hat auch die Stadt Northeim sehr verändert".

Radweg und Leine schlängeln sich mitten durch die Northeimer Seenplatte. Generell ist es ganz typisch für die Leine, dass sie andauernd knapp an irgendwelchen Seen vorbeifließt, ohne je dort hineinzumünden. Das liegt daran, dass die meisten Seen künstlichen Ursprungs und daher deutlich jünger als der Fluss sind.
Hier wurde Kies abgebaut, mittlerweile wird das Wasser aber auch stark als Freizeitstätte zum Bootfahren und Baden (allerdings nur in eigegrenzten Bereichen) genutzt. Die großen Seen mit den Kieskränen sind schon ganz eindrucksvoll anzusehen. Ihre Namen sind allerdings sehr einfallslos, zum Beispiel See 1 oder Freizeitsee.

Besonders schön ist der Radweg durch die Seenplatte nicht. Er führt über mehrere Bahngleise, unter Fließbändern (beziehungsweise Kiesbändern) und einer Autobahnbrücke hindurch, neben einer Hauptstraße und einer Baustelle. Wer eine schöne Stelle am See finden will, muss den Radweg kurz verlassen - entweder zum offiziellen Badestrand am See 1 oder zu einer schönen Stelle am See 2, wo das Baden verboten ist. Inmitten dieser merkwürdigen Kombination aus Natur und Hässlichkeit mündet auch noch ganz versteckt die Rhume in die Leine, die jede Menge Wasser aus dem Harz mitbringt.

Wer noch mehr Seen sehen will, kann laut der neuen Leineradweg-Karte auch die sogenannte Teichvariante wählen. Dort fährt er weiteren Baggerseen vorbei. Wegen des Gestrüpps  sieht man davon nicht viel, während man auf einer kleinen Straße Baufahrzeugen ausweicht.
Schön wird die Teichvariante erst, wenn alle Teiche weg sind. Dann stehen mehrere weiße Kieswege (nicht so wie der in der Bildmitte, sondern wie der oben rechts) zur Verfügung, einer auf dem Deich, einer davor und einer dahinter. Eigentlich wäre der Name Deichvariante passender. Auf dieser Strecke sieht man die Polderlandschaft der Leine.
Um Überschwemmungen zu verhindern, hat man an der Leine nämlich fünf Polder angelegt, in die das Wasser gegebenenfalls zurückweichen kann. Das sind große Becken, die von grünen Deichen eingefasst werden. Wenn eins voll ist, läuft das Wasser durch ein Rohr ins nächste. (Bei kleineren Flüssen reicht das, da brauchen die Polder nicht noch so viele Extras, wie ich sie an den Poldern am Oberrhein gesehen habe.) So wird verhindert, dass Hannover mit Schmelzwasser aus dem Harz (über die Ruhme) überflutet wird. Dieses Rückhaltebecken ist ernsthaft der drittgrößte See Niedersachsens - wenn man alle künstlichen Gewässer, die entfernt einem See ähneln, mitzählt. In Salzderhelden steht schließlich ein großes Stauwerk (hinten im Bild). Die Teichvariante führt obendrüber und zurück zum Hauptweg.

Am Hauptradweg steht eine Geschiebesperre, also eine Art Sieb für all das Geröll und den Kies, das der Fluss transportiert. Das sammelt sich an der Sperre an. Dadurch entsteht eine besondere Landschaft, in der sehr viele Vogelarten brüten. Das erklären die Hinweistafeln am Aussichtpunkt alles ganz genau. Nur eines verraten sie nicht: Warum die Sperre eigentlich errichtet wurde. Wahrscheinlich soll das ein Ausgleich für die Naturräume sein, die beim Bau der Polder verschwunden sind. Auf jeden Fall ist das ein guter Ort, um Vögel zu beobachten.

Ansonsten bietet der Hauptradweg nicht so schöne Aussichten wie die Teichvariante. Er entfernt sich  vom Fluss und führt an der Straße entlang. Dafür ist man dort deutlich schneller als auf weißem Kies.
Bei sengender Hitze ging es weiter, vorbei an einer durstigen Schafherde mit leeren Wassertrögen, die sich unter dem Schatten eines Baumes zusammendrängte. Die armen Biester sahen so mitleiderregend aus, dass ich fast meine halbvolle Trinkflasche in den Trog ausgegossen hätte.

Wir gelangen in eine sehr salzige und heroische Gegend. Denn in solchen Salinen (hier in Sülbeck) wurde hier einst Sole aus dem Boden gepumpt.

Deshalb trägt das nächste Dorf den lustigen Namen Salzderhelden. Es steht am Fuße eines Hügels an der Kreuzung zweier Flusstäler, der Leine und der Ilme.
Die Leine und die Bahn führen links um diesen Hügel herum, der Radweg jedoch rechts.
Schon von Weitem ist die Ruine der Heldenburg zu sehen.
Ich muss zugeben, mit einem verschwitzten Rücken und einer nicht unbeträchtlichen Anzahl an Kilometern hinter mir habe ich mich hier auch ein wenig salzig und heldenhaft gefühlt.

Um Salzderhelden anzugucken, ist ein Umweg von 3 Kilometern hin und zurück notwendig. Das Dorf selbst besteht nur aus fein säuberlich aufgereihten, vollkommen stillen Einfamilienhäusern. Aber die Burgruine ist ganz schön. Die Herzöge von Braunschweig-Grubenhagen verlegten ihre Residenz hierher, weil sie so schön verkehrsgünstig gelegen war (obwohl hier damals noch gar kein Metronom-Regionalexpress fuhr). In der Gegend gehörten praktisch alle Burgen dem Adelsgeschlecht der Welfen. Die Grubenhagener Welfen waren der ärmste Familienzweig, deshalb konnten sie sich keine Residenz in einer Stadt leisten.

Das Wort helde, nach dem die Burg benannt wurde, hieß einfach nur steiler Abhang. Nun ja, ein steiler Abhang ist durchaus da, deshalb habe ich mein Fahrrad lieber geschoben. Aber die anderen Burgen wie die Plesse sind noch deutlich höher. Die liegen ja auch nicht auf einem Hügel mitten im Tal, sondern am Rand.

So, zurück zur Hauptroute. Der straßenbegleitende Radweg führt zu einer Kreuzung, wo der Radfahrer erneut vor eine Wahl gestellt wird. Rechts führt der Leineradweg direkt weiter. Oder mache ich noch einen Umweg nach links, zur Altstadt von Einbeck? In dem Fall folgt man einer Straße mit schönen Radwegen hinein in die Stadt, vorbei an Aldi, Lidl und Getränkemarkt.
Einbeck liegt zwar im Leinetal, aber nicht an der Leine und auch nicht an der Leinetalbahn, irgendwie ein bisschen abseits. Seit Kurzem fährt immerhin eine kurze Regionalbahn von Einbeck-Salzderhelden nach Einbeck-Mitte. Diese Ilmebahn hat ernsthaft nur zwei Haltestellen, die Fahrt dauert sechs Minuten. Dadurch ist Einbeck endlich richtig an die Bahn angeschlossen, denn der Bahnhof in Salzderhelden liegt ja völlig außerhalb der Stadt.

Die Rückseite Einbecks ist von einem schattigen Wall umgeben. Ach schön, da ist eine Stadtmauer mit Schlingpflanzen drauf, eine Brücke und... ein Wasserstraßenkreuz? Haben die versucht, das Ding in Magdeburg im Miniformat nachzubauen? Irgendein Kanal oder Graben kreuzt die Ilme auf einer Metallbrücke und rauscht durch die Stadtmauer.

Die Altstadt von Einbeck besteht, Überraschung, wieder mal aus Fachwerk. Die historischen Häuser haben hier außerdem solche bunten Bögen über der Haustür. Hier haben früher reiche Leute mit B gewohnt: Bürgerliche Bierbrauer und Blaudrucker.

Als Indien entdeckt wurde, kamen indische Stoffe nach Einbeck. Die Einheimischen mussten sich etwas überlegen, um mit der Konkurrenz im Ausland mitzuhalten. So wurde der Blaudruck erfunden: Man ordnet Schablonen aus einer besonderen Mischung aus Kalk und anderem Zeug auf dem Tuch an, blaue Farbe drauf, drücken und dann sind da schöne, ganz filigrane Muster drauf.

Mit diesem Thema beschäftigt sich das Einbecker Stadtmuseum, ebenso wie mit der Stadtgeschichte ganz allgemein und dem Einbecker Bier. ("Berühren Sie den Zapfhahn und zapfen Sie Informationen.") Es hat zwar sehr viele sehr lange Texte, aber auch einiges zum Ausprobieren - also ein Museum, bei dem sich der Besucher selbst aussuchen kann, wie sehr er sich langweilen will.
Besonders interessant ist natürlich das Radhaus, eine Fahrradausstellung. Hier habe ich ausprobiert, ein Klapprad auseinanderzufalten oder auf einem Hochrad zu treten.
Zu Fahrrädern hat Einbeck auch einen besonderen Bezug, weil hier im 20. Jahrhundert die Heidemannwerke von Karl Heidemann massenhaft Fahrräder herstellten. Auf demselben Fabrikgelände hatte Ende des 19. Jahrhunderts ein Herr namens Ernst-August Stukenbrok eine frühe Form von Amazon erfunden, wobei er mangels Internet dicke Versandhauskataloge drucken musste. Anfangs verkaufte er Fahrräder und Ersatzteile, später auch Waffen und Munition und schließlich fast alles. 1911 hatte er 600 000 Kunden. Die Einbecker waren wirklich geschäftstüchtig.

Das Museum habe ich übrigens separat an einem anderen Tag besucht, wie einige der anderen Sehenswürdigkeiten auch - falls sich jemand fragt, wie ich das alles auf einem Tag schaffe. Ich wollte es hier trotzdem einbauen.
Nun aber zurück zum Radweg. Wir folgen nun eine Weile der Ilme, bis sie (ganz rechts) in die Leine mündet.
Die Leine wechselt mehrmals die Farbe: Anfangs war sie grünbläulich, nun färbt sie sich dunkelgrün und später dann braun.

Nun wird das Tal schmaler. Der Radweg führt auf einer Straße durch weitere Dörfer, bis ich endlich wieder in die Natur durfte.
Kurz vorm Ziel ist das ganze Tal vollgebaut mit Brücken und Viadukten. An einer Stelle drehte ich mich einmal im Kreis und erblickte fünf verschiedene Bahnbrücken mit Gleisen in fünf verschiedene Richtungen (nach Göttingen, Hannover, Holzminden an der Weser, Seesen am Harz sowie die ICE-Trasse Göttingen-Hannover).

Am Keilbahnhof von Kreiensen bin ich dann umgekehrt. (Der dreieckige Bahnhofsvorplatz mit dem Bahnhofsgebäude schiebt sich keilförmig zwischen die Gleise. Keil, oder?) Kreiensen gehört zu Einbeck und ist eigentlich nur als Eisenbahnknotenpunkt wichtig.
Der Sonderzug mit Kaiser Wilhelm zur Gründung des Kaiserreichs hielt hier an, später speisten die Königin, Bismarck und der russische Zar im Bahnhofsgebäude. Mit dem Ende der Monarchie hörte der Bahnhof schlagartig auf, Geschichte zu schreiben, Putin und Merkel haben sich hier jedenfalls nie getroffen.

Weiter hab ich es an dem Tag nicht geschafft, immerhin wollte ich die ganze Strecke noch zurück nach Göttingen.

01 Januar 2020

Leine: Von Leinefelde nach Göttingen

Wenn man in eine neue Stadt zieht und Rad fahren will, dann ist es naheliegend, erst einmal dem städtischen Fluss zu folgen. Mal schauen, wohin mich die Leine bringt.

Als garantiert nicht maßstabsgetreues Legomodell sieht die Leine so aus.

Wo entspringt ein Fluss? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. 1734 wurden ein paar Göttinger Wissenschaftler in die Thüringer Wildnis geschickt, um herauszufinden, wo eigentlich die Leine herkommt - der Fluss, dem die Stadt so viel Wohlstand verdankt.
Ihr Ergebnis: Es gibt keine eindeutige Quelle, sondern ein Quellgebiet mit 13 Quellflüssen rund um Leinefelde.
Zwei dieser Quellen habe ich mir angesehen. Die eine liegt im Wald an einer Straße, von der Zivilisation abgeschirmt durch mehrere Hektar Brennesseln. Das Flüsschen dort heißt Line, aber streng genommen beginnt hier die Leine, denn das hier ist der längste der 13 Quellflüsse. Außerdem hat der Papst die Quelle 2011 besucht, wie ein Schild verrät.

Zu dieser Quelle führt kein offizieller Radweg, nur diese Landstraße mit einigen Steigungen. Diese paar Kilometer habe ich zusätzlich zum normalen Leineradweg auf mich genommen, um auch wirklich den ganzen Fluss zu kennen. Eigentlich wollte ich von Göttingen nach Leinefelde und zurück radeln, aber damit habe ich mich übernommen. Ich habe so lange gebraucht, um die Leinequellen zu finden, dass ich schließlich mit der Bahn zurückkehren musste.

Wesentlich bekannter ist die prächtige Ringquelle mitten in der Innenstadt von Leinefelde. Trotzdem habe ich länger gebraucht, um diese Quelle zu finden. Irgendwann verriet mir ein Anwohner, dass man einfach nur über die Hecke da drüben rüberschauen muss. Die Ringquelle befindet sich nämlich auf einem Privatgrundstück und ist eine Art Gartenteich mit Insel.

Hier also beginnt jener berühmte Fluss, der... na gut, so berühmt ist die Leine nun auch wieder nicht. Aber in der Region hat sie schon eine ziemliche Bedeutung. Immerhin wurden viele Dinge nach ihr benannt, zum Beispiel das Leinebad in Leinefelde, eine kleine, gemütliche Schwimmhalle.

Außerdem das Stadtviertel Leineberg in Göttingen, unzählige Leinestraßen und der Leinepickert. Das ist ein gebackenes wabbeliges Etwas mit Sahne, Speck und Kräutern, das erstaunlich gut schmeckt.

Typisch für die Leine sind auch Wortspiele wie Von der Leine los! Willkommen im Bahnhof Elze, mit denen die Deutsche Bahn alle Leinebahnhöfe zuplakatiert hat.

Vor den Toren (beziehungsweise Tunneln) von Leinefelde vereinen sich die Quellflüsse und fließen das Tal hinunter. Der Leineradweg beginnt in der Stadt und folgt dem Fluss.

Auf den ersten Kilometern hinter Leinefelde wird es erst einmal ziemlich hügelig und anstrengend.

Auf dieser Strecke liegt das Zisterzienserkloster von Beuren. Beuren hatte im 13. Jahrhundert eine Zollstelle und ein Gericht und war ziemlich wichtig. Mittlerweile haben die Nachbarstädte Leinefelde und Heiligenstadt das kleine Beuren überholt.


Auf dem Leineradweg befinden sich eine Menge Städte, die ungefähr so aussehen: absolut sauber, überall Fachwerk und eine Kirche aus großen rotbraunen Steinblöcken.
17 Kilometer hinter Leinefelde folgt Heilbad Heiligenstadt. Eine Statue des Dichters Theodor Storm steht vor der Kirche, denn der hat in der Stadt gelebt, als Kreisrichter gerichtet und gedichtet. Ferner kann man in Heilbad Heiligenstadt offenbar geheilt werden. Ich habe dort jedenfalls einen Eisbecher gegessen, der mich hervorragend von meinem Hunger auf einen Eisbecher geheilt hat.

Wer anderweitige Heilung sucht, findet sie möglicherweise im Vitalpark, einem salzigen Entspannungsbad. Der Leineradweg führt sogar in einer Art Tunnel durch das verwinkelte Gebäude hindurch.

Ein Arm der Leine fließt durch eine versteckte, braune Schlucht im Kurpark. Dort rauscht  ein ausgesprochen ästhetischer, lauter Wasserfall.

Danach ist der Weg nicht mehr so bergig. Das Tal wird sehr schmal, der Radweg schlängelt sich dicht an der Leine entlang. Drei kleine Holzbrücken überspannen den Fluss.

Die Überreste einer Eisenbahnbrücke bilden eine tolle Pausenstelle. Sie bestehen aus demselben rotbraunen Sandstein wie die Felsen an den Berghängen, die Kirche und der Bahnhof in Heiligenstadt. Die Brücke wurde nicht wegen der Deutschen Grenze abgerissen, sondern musste erst 2002 weichen, als man sie nicht mehr brauchte. Die Bahn fährt heute durchgehend am anderen Ufer.
Diese Strecke ist einer der schönsten Abschnitte des Leineradwegs. Dennoch: Der dunkelgrüne Gürtel aus Fluss und Bäumen nimmt gerade einmal ca. 50 Meter ein, es folgt kurzer Rasen, dann rechts die rauschende Bundesstraße, links fährt die Bahn. Eine Wildnis ist das nicht, nur eine gezähmte und begrenzte Idylle.

Wir befinden uns im Eichsfeld, das für zwei Dinge bekannt ist: Katholizismus und Wurst. Das Gebiet war jahrhundertelang ganz isoliert ein Teil des Fürstentums Mainz. Deswegen ist diese Region bis heute sehr katholisch.
Radfahrer werden bei Kirchgandern beispielsweise von Schildern aufgefordert, sich die (erstaunlich realistischen) Wunden einer Jesusfigur am Wegrand anzusehen. Alles klar.

Nach ein paar Kilometern schmiegt sich der Radweg dann doch lieber an die Bundesstraße als an das Wasser. Damit endet die Idylle. Bei Arenshausen verbreitert sich das Tal und es wird wieder hügelig. Der steile Straßenradweg führt über die Grenze nach Niedersachsen.

Eigentlich soll man der Bundesstraße fast bis nach Friedland folgen. Ich bin aber irgendwie in ein Netz aus staubigen Feldwegen gelangt und habe mich dort gehörig verfahren. Später habe ich die Strecke erneut absolviert und beim zweiten Versuch den richtigen Weg gefunden. Das hat sich gelohnt, denn dort entdeckte ich einen zweiten idyllischer Abschnitt direkt am Fluss - mit der schönsten Badestelle und den wildesten Stromschnellen der ganzen Leine!

Die Leine fließt bisher westwärts, jetzt knickt sie nach Norden ab. Weil hier früher die Deutsche Mauer stand, ist die direkte Umgebung dünn besiedelt. Die einzige größere Ortschaft ist Friedland kurz hinter der Grenze in den Westen.

Doch was ragt da so groß, bedrohlich und zickzackförmig über Friedland auf?

Es ist ein Mahnmal, das aussieht wie die Festung Gundabad in Mittelerde. Konrad Adenauer legte den Grundstein für diese bedeutungsvollen Betonzacken.

Es dauert etwa eine halbe Stunde, um den Hügel mit den Betonmauern zu erklimmen. Um die Aussicht zu genießen, musste ich aber wieder ein Stück abwärts. Direkt am Mahnmal wachsen die Hecken zu dicht.

In der Mitte der Betonzacken verkünden graue Gedenktafeln zahlreiche Zahlen: Wie viele Millionen Zivilisten und Soldaten sind im Zweiten Weltkrieg gestorben, verschwunden, in Gefangenschaft geraten? Spoiler: Sehr viele. Schön ist dieses Bauwerk nicht direkt, aber es passt zum Anlass.

Aber warum steht das ausgerechnet in Friedland? Der Krieg war schließlich fast überall und in Friedland fand keine besondere Schlacht oder so statt. Erst nach Kriegsende bekam der Ort eine besondere Bedeutung.
Nach dem Krieg waren zahlreiche Menschen in Europa unterwegs, Flüchtlinge, Vertriebene aus den Gebieten, die Deutschland verloren hatte, und entlassene Kriegsgefangene. Manche wollten nur nach Hause, andere hatten kein Zuhause mehr. Manche wollten zurück in ihre Heimat in die Ostzone, aber die meisten strebten in den Westen. Über diese Menschen informiert das hochmoderne Museum Friedland.

Es verteilt sich auf zwei Etagen im Bahnhofsgebäude auf Gleis eins.

Nur eine Bahnstation entfernt, in Eichenberg, lag das Dreiländereck der sowjetischen, britischen und amerikanischen Besatzungszone. Daher wurde hier ein Grenzdurchgangslager errichtet, um die Menschen aufzufangen, zu registrieren und die Heimatlosen zu verteilen. Außerdem wurden sie befragt, ob sie etwas über Leute wussten, die noch verschollen waren. Die meisten verbrachten hier nur eine Nacht, aber manche blieben länger. Hier begann der erste Tag vom Rest ihres Lebens. Je nachdem, wie dieses Leben verlief, verbanden die Menschen ganz unterschiedliche Dinge mit Friedland.
Zuerst wurde das Lager östlich der Gleise und der Alten Leine (im Bild links) errichtet, denn dort befanden sich schon große, geeignete Gebäude einer agrarwissenschaftlichen Forschungseinrichtung der Uni Göttingen. Weil die Leine das Gelände aber ständig überschwemmte, wurde es wenig später auf die andere Seite verlegt.

Nach einer Weile wurde Friedland dann bewusst als Tor zur Freiheit inszeniert, wo all diejenigen ankamen, die den Kommunisten entkommen waren. Die Glocke von Friedland oder die Statue des Heimkehrers erlangten als Symbole eine gewisse Bekanntheit.
1955 entließ die Sowjetunion nach Verhandlungen eine weitere Welle Kriegsgefangener, die man dort meist wegen ihres höheren Dienstranges pauschal zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt hatte. Teilweise waren die Urteile wegen Kriegsverbrechen oder Spionage an den Haaren herbeigezogen. Teilweise waren das aber auch wirklich üble Nazi-Verbrecher, die in Deutschland längst nicht alle strafrechtlich verfolgt wurden. Dass der für Vertriebene zuständige Minister Theodor Oberländer, der früher NSDAP-Mitglied und dann in der CDU war, hier in einer großen Rede all diese späten Rückkehrer für genauso schuldlos erklärte wie die anderen, hat einen sehr unangenehmen Beigeschmack. Immerhin musste er später zurücktreten.

Vor dem Museum ragte mich eine Familie auf Russisch nach dem Weg. Warum? Das Lager wird bis heute genutzt, unter anderem ist es nun speziell für Einwanderer aus Russland zuständig.

Bei Niedernjesa zweigt der Weser-Harz-Heide-Radweg nach Osten ab und führt nach Duderstadt, in die andere Richtung ist er bis Göttingen identisch mit dem Leineradweg.

Ansonsten liegen auf der restlichen Strecke nach Göttingen wirklich nur langweilige Dörfer und ein breites Tal, in dem man den Blick ungehemmt schweifen lassen kann. Bei sengender Hitze fühlte ich mich fast ein bisschen wie auf einer Prärie im wilden Westen.
Kurz vor Göttingen wird die Leine gestaut, dadurch sollte Trinkwasser gewonnen werden. Das hat allerdings nicht gereicht, deshalb beziehen die Göttinger ihr Wasser heutzutage aus dem Harz.

Dann macht die Leine einen abrupten Schlenker und fließt zwischen dem Göttinger Kiessee (in dem man nicht baden darf) und dem Freibad am Brauweg (in dem man baden darf) hindurch. Ein Göttinger Studentenwitz zu diesem Flussabschnitt (in dem man nicht baden sollte) lautet: Okay, Leute, wer von euch hat in die Leine gekackt?

Das war nicht immer so. Früher floss die Leine schnurgeradeaus weiter, mitten durch das Freibad am Brauweg. Das ist das älteste der Göttinger Freibäder, es wurde schon in den 1920ern gebaut. Damals bezog es sein Wasser aus dem Leinekanal und wurde regelmäßig von der Leine überflutet. Hinterher schwammen dann auf einmal Fische in den Schwimmbecken.
Weil man im großen Göttinger Kiessee nicht baden darf, hat Göttingen insgesamt vier Schwimmbäder, nämlich das Badeparadies Eiswiese und drei verschiedene Freibäder. Das Naturbad Grone ist das schönste, das Parkbad Weende ist das spannendste (mit Kletterwand und schneller Rutsche) und das Freibad am Brauweg ist das wärmste. Frostbeulen sind in den beheizten Becken am Brauweg also am besten aufgehoben.

Die Altstadt von Göttingen besteht aus engen Straßen mit Fachwerkhäuschen. Dort verstecken sich Eisdielen, Kneipen und Bars.

Auf dem Markt, vor dem Alten Rathaus, steht ein Brunnen mit der Statue eins Mädchens namens Gänseliesel. Die hat sich früher um die Gänse der Stadt gekümmert. Sie ist das meistgeküsste Mädchen Göttingens, obwohl das Küssen der Statue seit 1926 verboten war, weil frisch immatrikulierte Studenten genau das ständig getan haben.
2001 wurde das Kussverbot aufgehoben, heute wird sie traditionell von den neuen Doktoranten geküsst.

Das ist die Jakobikirche. Sie wurde jahrhundertelang von hinten nach vorne und dann nach oben aufgebaut. Der Turm ist also am neusten und nicht komplett gotisch, sondern weiter oben barock.

Von innen ist die Kirche sehr farbenfroh. Sie erinnerte mich entfernt an ein Zirkuszelt.

Und nun hinauf auf den Kirchturm! Am Eingang erhält man einen ausführlichen obligarorischen Vortrag, wie gefährlich der Weg nach oben ist und ob man sich das wirklich antun will. Wer wie ich den höchsten Kirchturm der Welt bestiegen hat, lässt sich davon natürlich nicht einschüchtern.
Es geht auf steilen Leitertreppen aufwärts, zwischen Balken, bimmelnden Glocken, tickender Mechanik und laut quietschenden Seilen und Gewichten hindurch.

Oben habe ich durch kleine Fensterchen die Stadt und das Leinetal betrachtet. Der Blick reicht bis zu den Hügeln ringsherum. Die sind zwar nicht so hoch, begrenzen den Horizont aber trotzdem wirkungsvoll.

Rund um die Innenstadt zieht sich der Stadtwall, der sich wunderbar für gemütliche Spaziergänge eignet. Auf dem Wall steht das Bismarckhäuschen. Dort hat der spätere Reichskanzler in seiner Studienzeit gehaust.

Auch außerhalb des Stadtwalls gibt etwas zu entdecken, zum Beispiel prächtige Stadtschlösschen. Darin befinden sich Studentenverbindungen, wenn Wappen im Fenster zu sehen sind. Bei diesem Haus ist das nicht der Fall, darin sitzt nämlich das Goethe-Institut.
Und es gibt weitere Grünanlagen, zum Beispiel die Schillerweisen. Dort toben die Kinder auf einem Abenteuerspielplatz, Leute spielen Minigolf und eine ewige Fontäne sprudelt das ganze Jahr über vor sich hin, selbst im tiefsten Winter.

Göttingen ist laut Eigenwerbung eine Stadt, die Wissen schafft. Mit anderen Worten: Wir haben eine Universität und das war auch schon fast alles.
Die Georg-August-Universität hat ihren Zentralcampus am Platz der Göttinger Sieben.
Im Frühling blühen dort die Kirschblüten.

Die Göttinger Sieben waren ein paar couragierte Professoren, die sich 1837 dem König Ernst August widersetzt haben, der die Verfassung im Königreich Hannover abschaffen wollte. Zu ihnen gehörten auch die Gebrüder Grimm, was leider zur Folge hat, dass man die Namen der restlichen fünf weniger bekannten Professoren leicht vergisst.
An sie erinnert ein Standbild vor dem Göttinger Bahnhof (links), das ein ganz ähnliches Standbild vor dem Hannoveraner Hauptbahnhof (rechts) frech nachahmt. Wer genau hinsieht, erkennt den feinen Unterschied: In Hannover befindet sich ein König auf dem Sockel, in Göttingen nicht.

Die wichtigsten Verkehrsmittel der Stadt sind Fahrräder und natürlich die U-Bahn. Die Fahrradwege sind (zumindest an den Hauptstraßen) gut ausgebaut, außerdem gibt es Bikeomaten mit Ersatzschläuchen und öffentliche Luftpumpen. Der Volksmund sagt, Göttingen bietet zwei Dinge: Fahrradschnellweg und Fahrrad schnell weg.
Wer sein Rad in Uninähe parkt, sollte am besten einen Bitte-keine-Werbung-Aufkleber am Gepäckträger anbringen, sonst klemmt dort hinterher eine Einladung zum "Kneipenbachelor" oder die etwas beleidigende Botschaft "Spende dein altes Rad an eine gemeinnützige Einrichtung und gewinne ein Swapfiets-Mietrad für nur 7,99€ in den ersten drei Monaten."

Was ist sonst noch typisch Göttingen? Die Dönermeile (5 Dönerläden nebeneinander), die schnelle Drehtür der Niedersächsichen Staats- und Universitätsbibliothek (kurz SUB-Drehtür) und spannende politische Auseinandersetzungen zwischen rechtskonservativen Studentenverbindungen und linksextremen Häuserbesetzern aus der Roten Straße.

Mitten durch die Innenstadt verläuft der Mühlengraben alias Leinekanal, der sich für einige Kilometer vom Fluss trennt. Darauf veranstalten die Göttinger jeden Sommer ein spektakuläres Entenrennen mit Plastikenten.

Die Leine fließt in einem wunderschönen grünen Mantel durch die Stadt, umgeben von Radwegen. Dort verlässt uns der Weser-Harz-Heide-Radweg wieder in Richtung Hann. Münden an der Weser.
Dann fließt der Leinekanal wieder in die Leine, ebenso wie kleine Rinnsale namens Weende und Grone, nach denen ziemlich große Stadtteile benannt wurden, der Eberbach und ein potentiell protestantischer Bach namens Lutter.