01 November 2022

Ems: Von Hövelriege nach Gütersloh

Ems-Tag I

Blutiger Boden - Quellenangaben jenseits der Welt - Wirkliche Wildpferde! - Ein Bi-Bach - Vollkommen objektiv-neutrale Argumentation für chemische Pflanzenschutzmittel - Mühlen - Der grüne Fluss und das weiße Haus - Wohin Bundesgartenirrwege führen - Die Stadt der Kaffeemaschinen

Die Ems ist zwar kein Nebenfluss der Weser, aber der einzige große Fluss in Niedersachsen, der mir noch fehlt - und über die Hase immerhin mit den Weserflüssen verbunden.

Los geht es aber erst einmal in NRW. Emsradler starten entweder im nahen Paderborn oder in Hövelhof. Ich bin noch eine Station weitergefahren und in Hövelriege ausgestiegen. Wenn man die Gedenkstätte Stalag besuchen möchte, ist es von dort aus kürzer. Der Bahnhof Hövelriege ist eigenartig: Er hat ein Gleis, aber zwei Bahnsteige, auf jeder Straßenseite einen. Wozu? Da werden wohl kaum zwei Züge gleichzeitig halten, nur um wenige Meter später zusammenzustoßen.


Einige Kilometer entfernt stand ein Gefangenenlager, in dem im Zweiten Weltkrieg sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert waren. Daran erinnert die Gedenkstätte Stalag in Stukenbrok-Senne. Wo auch immer sie sein mag. Dort, wo sie eigentlich sein sollte, befand sich das verschlossene Tor einer Polizeischule (das zweite Tor ist verschlossen, das erste nicht).

Dafür habe ich den Friedhof der Kriegsgefangenen gefunden. Der Reiseführer hat sich nicht getraut zu  erwähnen, was denn nun mit ihnen passiert ist, ich erfuhr es erst von dieser Steintafel. Dass es nichts Schönes ist, hatte ich mir schon gedacht. Doch es war noch schlimmer, als ich vermutet hätte: Jeder einzelne wurde zu Tode gequält. Unvorstellbar.

Hinter Stukenbrock-Senne beginnt das Naturschutzgebiet Moosheide. Das ist ein wunderschöner Wald, in dem sogar größere Flecken Heidekraut blühen. Er gehört zu einer größeren Landschaft, die sich Senne nennt.
Es ist herrlich hier, aber da ich noch etwas verstört von dem Friedhof des Grauens war, erinnerte mich das Heidekraut an auslaufendes Blut (auf dem Foto sogar noch mehr, weil meine Kamera es ein bisschen unscharf fotografiert hat). Gleich nebenan weisen Warnschilder auf eine militärische Sperrzone hin, in der Schusswaffen gebraucht werden. Doch selbst in den Pfützen der Panzertracks und Feuerschutzstreifen leben seltene Amphibienarten.

In der Senne wollte lange Zeit kein Schwein leben. Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg motivierten die Adligen ein paar Menschen, sich hier niederzulassen. Sie wählten das geringste Übel und suchten sich Grundstücke an den Bächen, zum Beispiel der Ems, wo sie zumindest genug Wasser hatten. Dort bauten sie viele massenweise Wassermühlen, um das Maximum aus der Wasserkraft herauszuholen. Denn mit dem trockenen Sandboden war gar nix los, es brauchte extrem viel Aufwand, damit da irgendwas Essbares drin wuchs. Um irgendwie zu überleben, mussten die Männer im Sommer in Norddeutschland und Holland arbeiten gehen, meistens als Ziegler oder Grasmäher. Die Frauen waren dann allein für den Bauernhof und alle Tiere zuständig, was auch sauviel Arbeit war.

Eine der Tierarten, um die sich die Frauen kümmern mussten, war Deutschlands älteste Pferderasse. Die weißen Senner Pferde leben hier bis heute, und zwar wild - oder besser gesagt, halbwild, so werden sie schon seit Jahrhunderten gehalten. Die Pferde sind schon in einem Gehege, aber meistens werden sie von den Menschen in Ruhe gelassen, Hauptsache sie futtern und pflegen die Landschaft. Dadurch sind sie dermaßen gechillt, das zwei von drei Pferden entspannt auf der Wiese liegen. Dabei hatten es die Senner Pferde früher alles andere als gechillt: Die Senne hat nur wenige Wasserstellen und vor dem 19. Jahrhundert hatten die Pferde im Winter keinen Stall, der sie vor der Kälte schützte. Durch natürliche Auslese wurden die Pferde total hart und robust, deshalb werden sie auch gern geritten.
Anders als in der Geltinger Birk an der Ostsee habe ich die Wildpferde tatsächlich gesehen. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Es war fast ein bisschen surreal, die weißen Wesen plötzlich im Wald liegen zu sehen, ein bisschen wie Einhörner, aber ohne Horn.

Emsquellen stand immer wieder auf den Wegweisern, da will ich hin. Warte mal, Quellen? Ich dachte, die Ems hätte nur eine Hauptquelle. Hat sie eigentlich auch.
Der letzte Wegweiser führte mich zu einer Holztreppe, wo ich in die untere Etage der Senne hinabstieg.
Die Emsquelle verbirgt sich in einem geheimnisvollen grünen Tal, ein magischer, zeitloser Ort, an dem das grünliche Licht durch tausende Blätter gefiltert wird. Für eine Weile fühlte ich mich abgeschnitten von der hektischen Welt da oben. Abgesehen vom Holzsteg ist alles in diesem Tal unberührt - auch die Quelle. Das Wasser sickert ganz natürlich aus der dunklen Erde, zwischen Farnen und Blättern hervor, ohne irgendwelche Brunnen, Rohre oder Mauern. Ich habe schon viele Quellen größerer Flüsse gesehen, aber keine war derart naturbelassen (die Eder ist so ähnlich, aber weniger beeindruckend, und sie war früher mal in Stein gefasst).
Wo genau das Wasser rauskommt, kann ich nicht sagen. Die Erde wird halt ganz allmählich nasser und nasser, doch das Wasser sieht völlig still und unbewegt aus. Könnte also sein, dass an mehreren Punkten etwas rauskommt, dann wären es gewissermaßen wirklich mehrere Quellen, wenn auch dicht beieinander.

Ein paar Meter weiter ist zu erkennen, wie ein ganz leichtes Zucken die Pfütze durchläuft. Eine unsichtbare Kraft scheint ganz sachte an der Ems zu ziehen, und sie beginnt zu fließen.

Ab jetzt wächst die Ems rasant heran. Zehn Meter später ist sie schon ein Bach, der kräftig plätschert. Hier verlässt der Holzweg das wundervolle Tal wieder. Der Emsquellen-Wanderweg geht oben am Rand des Tals weiter, wo der Bach durch das Dickicht nur noch spärlich zu erkennen ist. Nach einer Weile entfernt sich der Wanderweg noch weiter vom Tal, daraufhin bin ich zu meinem Fahrrad zurückgekehrt. Das schönste Stück des Wanderwegs habe ich jedenfalls gesehen.

Der Emsradweg ist wirklich gut erschlossen, und rund um die Quelle wird alles getan, um Radreisende anzulocken. Ein groß gepflastertes Logo des Emsradwegs markiert den offiziellen Startpunkt, dazu gibts kostenlose Toiletten und eine Trinkwasserpumpe.

In Stukenbrock-Senne steht das Ems-Erlebniszentrum, und nahe der Quelle steht das Ems-Infozentrum. Die beiden werden bestimmt öfter mal verwechselt. Merke:
Das Erlebniszentrum ist größer, hat diversen interaktiven Erlebniskram für Kinder und kostet Eintritt.
Das Infozentrum ist bloß ein Raum in einer modernen Scheune und kostenlos. Als sparsamer Student habe ich mich natürlich dafür entschieden. Eine große Landkarte, Fotos und Modelle zeigen die einzelnen Regionen an der Ems. Für ein Gratismuseum ist das echt nett gemacht, nach ein paar Minuten war ich dann aber auch durch.

Dahinter beginnt eine Straße, die noch einmal über das Tal der jungen Ems führt. Das Wasser ist noch weiter angeschwollen - wie es wohl aussieht, wenn ich die Ems nach 10 Kilometern wiedersehe? Inzwischen erstreckt sich der geheimnisvolle Wald nur noch auf einer Seite und sieht daher nicht mehr ganz so geheimnisvoll aus. Auf der anderen Seite ist Acker.

Nach ein paar weiteren Heideflächen endet die Senne und ich bin an dieser Straße herausgekommen.
Da stand ein seltsames Schild. Sind das kyrillische Buchstaben oder... ach nee, der Text steht auf dem Kopf. Nach einer leichten Verrenkung las ich, die Bundeswehr habe die Straße für eine Militärübung gesperrt. Seltsam. Heißt das, die Panzer fahren falschrum? Quatsch, das Schild wird umgeklappt, wenn die Straße blockiert ist.

Die Ems fließt hier nicht am Radweg, dafür bin ich dem Krollbach begegnet. Der ist auch was Besonderes. Am Ortseingang von Hövelhof liegt nämlich die Krollbachbifurkation. Der Krollbach teilt sich in zwei Bäche. Einer landet über die Lippe im Rhein (links), der andere folgt der Straße durch kleine Betontunnel nach Hövelhof und landet schließlich in der Ems (Mitte).
Nach der Hase ist schon die zweite Bifurkation, die ich gesehen habe. Diese hier sieht natürlicher aus, weil an der eigentlichen Teilung keine Betonwand aufragt, stattdessen ist es überall grün. Nur ein kleiner Steinsteg ist vorhanden. Dafür ist die Krollbachbifurkation nicht so gut ausgeschildert.
Nebenan erstreckt sich ein Hochwasserrückhaltebecken. Wenn das Hochwasser die Wiesen flutet, ist die Bifurkation vermutlich nicht so gut zu erkennen.

Die Stadt Hövelhof wurde nach einem Bauernhof benannt, der aber vor über 100 Jahren abgebrannt ist. Zu Essen gibt es dort trotzdem genug: Als ich ein paar Lebensmittel kaufen wollte, verlief ich mich in einem übergroßen Edeka. Außerdem bestaunte ich eine weiße Kirche mit Glasdach. Von der einen Seite (am Turm) sieht sie aus wie eine historische Österreicher Dorfkirche, von der anderen Seite wie ein komisches Kongresszentrum.

Irgendwo hinter Hövelhof stieß ich wieder auf die Ems, die sich vom Bach zum kleinen Fluss entwickelt hat. Wahnsinn, wie schnell die wächst! Hahnenfuß treibt darin, also diese Pflanze, die ständig in der Strömung herumschwimmt und die Wasseroberfläche wie eine Wiese aussehen lässt. Das Wasser ist so grün und voller Pflanzen, dass es nur schwer vom grünen Ufer zu unterscheiden ist. Eine Weile verläuft der Radweg direkt neben dieser grünen Linie, aber nicht die ganze Zeit.

Auf diesem Hof wurde einfach mal ein Gedenkkreuz für alle aufgestellt, die... nein, nicht für Kriegsopfer, sondern einfach für alle, die auf dem Bauernhof gestorben sind. War die Feldarbeit damals so tödlich?
Vielleicht bezieht sich das Kreuz aber auch auf die Schlacht vom Haselkamp, von der eine Infotafel berichtet. Der Haselkamp war eine regional wichtige Handelsroute, die hier die Ems überquerte. Manchmal schauten dort Teile der spanischen und niederländischen Armee vorbei. Eigentlich sollten die drüben in den Niederlanden gegeneinander kämpfen, aber ab und zu terrorisierten beide zur Abwechslung auch die westfälischen Bauern. In einem Winter töteten Leute aus Detmold zwei spanische Offiziere, daraufhin rasteten die Spanier völlig aus. Ausgerechnet jetzt war der Boden gefroren, sodass der Sumpf den Einwohnern keinerlei Schutz bot.
Als der Graf von Rietberg hörte, wie die spanischen Söldner sein Volk abgeschlachtet hatten, tat er das einzig logische und bot einigen aufgrund ihrer überzeugenden Leistungen selbst einen Job an.

Was ist denn hier passiert? fragt das Schild am Maisfeld. Gute Frage. Hier haben die Landwirte auf alle Pflanzenschutzmittel verzichtet, um mal zu zeigen, warum die Chemie ihrer Meinung nach so wichtig und unverzichtbar ist. Das Pflanzenwachstum wird um durchschnittlich 50 Prozent reduziert. Stimmt, die Maispflanzen waren halb so groß und von einem dichten Netz aus Schlingpflanzen umrankt. Die Maiskolben sahen interessanterweise genauso groß und dick aus.

Die Ems bildet einen kleinen See, der insbesondere Anglern gefällt, und dann einen kleinen Wasserfall, der insbesondere mir gefällt.

Hinter der nächsten Kurve wird es noch schöner. Ein Altarm der Ems umschließt viele kleine Seen, auf denen sich Vögel niedergelassen haben. Dieses Naturschutzgebiet nennt sich Steinhorster Becken und wurde künstlich angelegt, damit sich die Tierarten irgendwo vor all der intensiven Landwirtschaft  verstecken können.
Inzwischen habe ich rund um Niedersachsen viele solcher Vogelseenlandschaften kennengelernt. Sie sind sich recht ähnlich und ich fahre da immer wieder gern durch, auch wenn sie nicht den entrückten Zauber der Emsquelle haben. Dafür ist dieses Naturschutzgebiet auch zu beliebt, Spaziergänger, E-Biker und Hundebesitzer hatten sich bereits alle Bänke geschnappt.
Zuerst konnte ich es von einem Aussichtsturm beobachten...

...und kurz darauf bin ich lange auf einem Kiesweg nebenhergefahren. Mann, das ist ja echt groß! Ach, da hinten steht wieder irgendwelche Industrie, die Normalität kehrt zurück.

Die Affägermühle scheint mir nicht für Anfänger unter den Müllern geeignet zu sein, dazu ist sie viel zu abgewrackt.
Einige Staustufen, die nicht mehr gebraucht werden, wurden inzwischen entfernt, da in der EU möglichst natürliche Gewässer erwartet werden.

Das blaue Schild Geteilter Fuß- und Radweg kenne ich seit dem Kindergarten. Das blaue Schild Geteilter Reit-, Fuß- und Radweg kenne ich erst seit diesem Tag.
Dieser gedrittelte Weg folgt wieder einmal dem grünen Wasserband bis nach Herzlake. Weil alle Altarme abgeschnitten wurden, fließt die Ems "über" der Landschaft, also höher als der Rest.

So gelangte ich nach Rietberg. Das ist ein süßes Städtchen aus weißen Fachwerkhäusern und grünen Bäumen. In dieser Gegend von NRW müssen Fachwerkhäuser zwingend weiß sein, das ist einfach so. Den ganzen Tag habe ich diese weißen Häuschen gesehen, aber nirgendwo so viele wie in Rietberg. Experten nennen sie Fachwerk-Ackerbürgerhäuser und schaffen damit ein weiteres Wort, das Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen, das Fürchten lehrt.
In der Altstadt können zwar überall Autos fahren, aber es sind so wenige und so langsame, dass die kleinen Straßen trotzdem sehr angenehm sind. Kein Wunder, dass die Radfahrer alle gern draußen vor den Restaurants saßen.

Ein metallener Roboter-Pegasus bewacht das Haus eines Skulpturenbauers.

Am Ortsausgang von Herzlake befindet sich ein Bibeldorf, das offenbar aus einem großen göttlichen Parkplatz und einem gelben Gebäude besteht - unter einem Dorf habe ich mir etwas mehr vorgestellt. Einem Schild entnahm ich, dass die lokale evangelische Kirchgemeinde das Ding betreibt. Da norddeutsche Protestanten so ungefähr die harmloseste Religion der Welt sind, gehe ich mal davon aus, dass da keine allzu radikal-christlichen Inhalte vermittelt werden.

Kurz darauf konnte ich in einem extrem abgeranzten Aussichtsturm einen extrem eingeschränkten Blick auf den Emssee werfen. Der wurde nicht von Gott geschaffen, sondern von Menschen, die Sand für den Bau von Umgehungsstraßen entnommen haben. Bei Hochwasser ist er mit der Ems verbunden. Dadurch können einerseits Fische reinschwimmen und in Ruhe laichen, andererseits kommt auch jede Menge schädlicher Schlamm rein. Die Ems ist hier nämlich schon ziemlich stark verschmutzt.

Aus einem Gehege starrten mich ein paar Wildtiere hypnotisiert an. Andere rupften weiterhin ganz entspannt Gras. Erst als ich an ihnen vorbeifuhr, flohen sie. Allerdings nicht vor mir, sondern vor einigen Kindern, die auf sie zurannten. Offenbar sind sie Teil eines Erlebnisbauernhofs, ob sie nun wollen oder nicht.

Herzlake war nur der Anfang, jetzt folgt die Doppelstadt Rheda-Wiedenbrück.
In Wiedenbrück habe ich eine Kirche mit angedocktem Stadttor entdeckt, selbstverständlich in Weiß. Darin lebten früher Franziskanermönche. 

Hier drehen sich gleich drei alte Mühlräder nebeneinander. Da die dazugehörige Mühle nicht zu sehen ist, tun sie das vermutlich nur zu dekorativen Zwecken. Vor der Mühle war 1853 ein Staubecken, das zum ersten Freibad der Stadt wurde. Inzwischen liegt das Freibad woanders und hat ein Hallenbad zur Gesellschaft bekommen. Ich überlegte, dorthin zu gehen, da kam mir auf einmal die Feuerwehr entgegen. Als ich das Schwimmbad erreichte und die Feuerwehr direkt davor parkte, überlegte ich es mir anders. Irgendwas muss da passiert sein. Vor dem Eingang sprach ein Feuerwehrmann relativ entspannt mit den Leuten, also hoffentlich nichts Schlimmes.

Wiedenbrück hat richtig viele Brücken, auf denen ich immer wieder das Ufer wechseln sollte. Die meisten waren grau und unauffällig. Die einzige coole Brücke durfte ich nicht benutzen, die war nur für Fußgänger. Diese moderne rot-blaue Konstruktion windet sich über der Ems hin und her, verzweigt sich dann und endet per Wendeltreppe an zwei verschiedenen Orten am anderen Ufer. Vermutlich nicht gerade der effizienteste Weg, um den Fluss zu überqueren, aber der schönste.

Ich vermute, diese Brücke ist ein Überbleibsel der Bundesgartenschau. Denn hier sollte nun der Flora-Westfalica-Park liegen, wo die BUGA stattgefunden hat. Ich sah bloß ein paar Wiesen mit Skaterampen, Wohngebiete und wunderbar wilde Wucherwände zu beiden Seiten des Radwegs. Herrlich! Aber ein Park oder Garten in dem Sinne ist das jetzt nicht.
Auf jeden Fall war ich so begeistert von all dem Grün und dem traumhaften Radweg, dass ich einfach geradeaus weitergefahren bin. Erst nach mehreren Kilometern fiel mir auf, dass gar nicht der Emsradweg ist, sondern ein paralleler Bahnradweg.

Also bin ich ein Stück umgekehrt, um auch noch etwas von Rheda zu sehen. Da steht ein Wasserschloss an der Ems. Der größte Teil ist privat, von einem kleinen Kutschen- und Spielzeugmuseum mal abgesehen.

Zur Anlage gehört eine weitere Wassermühle. Die Ems hat wirklich viele von den Dingern.

Dann habe ich Rheda durch diesen hässlichen Tunnel verlassen.

Zum Schluss habe ich einen Abstecher nach Gütersloh gemacht, diese Stadt liegt nicht direkt an der Ems. Dazu bin ich lange den Schienen und einer Straße mit roten Pflasterradwegen gefolgt.
Inzwischen bin ich gar nicht mehr so weit entfernt von den großen Industrie-Ballungsgebieten. Gütersloh ist so etwas wie die Schnittstelle zwischen den beiden Seiten Nordrhein-Westfalens: Einerseits sitzen hier bedeutende Unternehmen wie Miele (die mit den Kaffeemaschinen), andererseits ist die Stadt nicht längst nicht so hässlich, wie man es bei dem Namen Gütersloh erwarten würde, und es haben sich sogar ein paar der idyllischen weißen Fachwerkhäuser vom Lande hierher verirrt. Das liegt daran, dass Gütersloh lange Zeit nur ein Dorf war  und dann plötzlich (150 Jahre sind historisch gesehen ja quasi plötzlich) ein ganz wichtiger Industriestandort wurde.
Die Apostelkirche war fast 250 Jahre lang eine sogenannte Simultankirche, das heißt, Protestanten und Katholiken haben sie zusammen benutzt. Ich hätte gar nicht gedacht, dass es solche Friedenskirchen gab - oder das mir Güterloh so gut gefällt.

Zum Schluss ein kleines Rätsel: Was ist das?
a) ein Atombunker, der sich im Dritten Weltkrieg als untauglich erwiesen hat
b) der Hauptbahnhof von Gütersloh

21 Oktober 2022

Exter: Von Rinteln nach Alverdissen

Im Jahre 1929 kamen ein paar Privatunternehmer auf folgende geniale Idee: Lass uns mal eine Bahnlinie ins abgehängte Extertal bauen, Güterzüge reinschicken und gucken, ob die Wirtschaft aufschwingt. Das klappte nicht so, stattdessen geschah etwas anderes: Statt der Güterzüge wurden die Personenzüge viel beliebter als erwartet (und das ganz ohne 9-Mark-Ticket).

Die Gleise führten über die Weser und mitten durch die Innenstadt von Rinteln. Für die Fahrgäste war das praktisch. Als dann aber 1969 die Personenzüge abgeschafft wurden, blieben nur Güterzüge übrig, und die störten in der Innenstadt eher. Deswegen ist das Gleis heute abgerissen, und wir mussten alles zu Fuß gehen.

Auf der Brücke kam uns der heutige Fluss aus dem Nebel entgegen und mündete mystisch in die Weser. Nach fast einer Stunde marschierten wir dann endlich auf das Ziel zu. Warum wir nicht einfach die Räder genommen haben? Die Exter hat keinen Radweg. Zumindest keinen, auf dem unsere Räder fahren könnten. Deswegen haben wir online eine Fahrraddraisine gebucht. Na endlich, da ist sie ja!
Inmitten von Industriehallen ragte ein kleiner grauer Schuppen auf. Der Vermieter begrüßte uns kurz und knapp und warnte bei der Einweisung: "Passt am Nachmittag auf, dann haben alle Autofahrer Wochenende und denken an nichts anderes!"
20 Minuten später durften wir aufbrechen. Ein Ruck ging durch das Fahrzeug, und unter unseren Tritten setzte es sich unerwartet holprig in Bewegung. Das hätte ich mir auf Schienen irgendwie geschmeidiger vorgestellt.

Der olle Startschuppen ist natürlich nicht der ehemalige Bahnhof. Ein paar Meter weiter liegt ein italienisches Restaurant, das sich früher Bahnhof Rinteln-Süd, und noch früher Bahnhof Exten nannte - obwohl der Vorort Exten ein paar Kilometer entfernt ist. Auf dem Weserradweg haben wir gesehen, wie die Exter dort einen Bogen durch Blumen und Bäume macht (wobei einige Bäume in Exten mit Äxten zu Fachwerk verarbeitet wurden). Die Gleise sparen sich diesen Bogen, indem sie auf einem hohen Bahndamm geradeaus weiterführen, mit weitem Blick über die Felder und Fabriken im Weserbergland.
Die Züge sahen eher aus wie elektrische Straßenbahnen, damals wie heute ziemlich ungewöhnlich für eine Regionalbahn.

Das war schon mal ein hübscher Anfang, aber jetzt wird es Zeit fürs richtige Extertal. Nach der Abkürzung tauchten wir ins engere Tal ein.

Hier und da erblickten wir sogar eine geriffelte Felswand, die aussah, als würde sich ab und zu jemand ein bisschen hellbraunen Fels abklopfen. Die meiste Zeit ist das Extertal aber waldgrün. Einmal sah ich Fahrradwegweiser an der Straße, Radwege aber nicht. Im Prinzip sollte es während der Hinfahrt bergauf gehen, es fühlte sich aber an wie ein sanftes Auf und Ab.
Die Exter sprudelt neben dem Gleis her, unter den Brücken hindurch oder über Betonwehre, und wird langsam schmaler. Zwischenzeitlich verläuft auf dem Fluss die Grenze von Niedersachsen und NRW, bis wir irgendwann komplett nach NRW wechseln. Eigentlich ein nettes Flüsschen, wäre da nicht der Geruch. Warum muss sie bloß so stinken? Fließen da so viele Schadstoffe von den Feldern rein?
Zum Glück fuhren wir nicht die ganze Zeit am Gestank entlang. Das Gleis war zwar ähnlich zugewachsen wie der Fluss, aber es roch besser. Eigentlich war es sogar zugewachsener als die Exter. Zwischen den Schienen wuchs eine vollständige Wiese oder ein Unkrautfeld. Manchmal war keine einzige Schwelle in der Mitte zu sehen, und selbst die Schienen waren nur aus nächster Nähe zu erkennen. Naja, das Fahrzeug weiß ja, wo es langgeht.

Was genau ist das überhaupt für ein Fahrzeug? Eine Fahrraddraisine besteht aus einer Bank und zwei Fahrrädern, die zu einem Mini-Eisenbahnwagen verschraubt wurden. Dadurch können immer zwei fahren und zwei entspannen (wobei es zu zweit auf der kurzen Bank schon kuschelig wird).
Die Draisinen wurde von der Fachhochschule Bielefeld speziell für das Extertal entwickelt. Sie haben Anschnallgurte auf der Bank, E-Bike-Unterstützung mit fünf Stufen, eine Gangschaltung mit sieben Gängen und bestehen aus leichtem Aluminium. Trotzdem darf man sie nicht einfach so aus dem Gleis heben, das könnte die kleinen weißen Kunststoffräder beschädigen, die das Fahrzeug im Gleis halten. (Die anderen Räder sind so was wie verkleinerte Fahrradräder.)
Zum Rasten und Überholen erhält man einen Schlüssel. Mit dem schließt man an einem der Rastpunkte einen speziellen Draisinenheber von der Kette ab, hakt ihn ein und zieht das Fahrzeug vom Gleis. Das klingt umständlich, ging aber überraschend schnell.
"Darf man auch überholen durch Draisinetauschen?", fragte ich bei der Ausgabe.
"Würde ich nicht machen. Dann geben Sie vielleicht einen vollen Akku weg und kriegen einen leeren."
Ganz schön kompliziert, und doch hatte diese ach so hochentwickelte (und nicht gerade billige) Draisine einen eklatanten Mangel.
"Funktionieren die Bremsen?", fragte mein Mitfahrer skeptisch.
"Hierfür reichts", brummte der Vermieter.
Und das war leider das Freundlichste, was man über die Bremsen sagen kann.

Wie kommt man mit so einem Fahrzeug über die Straße? Im Startschuppen mussten wir ein Fahrschul-Video ansehen, das gefühlt jeden einzelnen Bahnübergang entlang der Strecke durchging: "An der Kreuzung Krankenhagen-Soundso bitte..." Oh Mann, wie sollen wir uns das alles merken? Am Ende waren die meisten Kreuzungen doch sehr intuitiv, obwohl der Schwierigkeitsgrad immer mehr stieg.
  • Level 1: Durch eine hässliche Unterführung fahren.
  • Level 2: Am Stoppschild anhalten. Jeder einzelner Weg, den die Draisine kreuzt, hat ein Stoppschild. Sogar der hinterpopeligste Feldweg, an dem sich vielleicht einmal im Jahr ein Traktor und eine Draisine begegnen. Die haben nicht wirklich verstanden, wozu ein Stoppschild dient.
  • Level 3: Langsam über die Kabel fahren. Dadurch wird eine Ampel mit extra Draisinensymbol aktiviert - und zeigt erstmal rot. Sobald sie grün zeigt, fahren.
  • Level 4: Aussteigen und auf den Ampelknopf drücken, um die Draisinenampel zu aktivieren.
  • Level 5: Aussteigen, um die Schranke hochzuheben. Durchfahren. Nochmal aussteigen, um den Ampelknopf zu drücken. Bei grün rüberfahren. Nochmal aussteigen, um die zweite Schranke hochzuheben. Uff, Level 5 ist echt dämlich. Zum Glück gibt's das nur einmal.


Meistens war die Straße nicht weit entfernt, aber gerade im Mittelteil brachten uns die Schienen auch woandershin, über die Hinterhöfe der Dörfer hinweg. Da fühlte ich mich irgendwie näher dran am Dorf - gerade wegen dieser verschobenen Perspektive fahren manche Leute ja gerne Zug. Wunderschön erhaltene Gutshöfe, Schweine im Schlamm, Forellen im Fischteich und eine Sauna zogen an uns vorbei. Aber wo sind die alten Bahnhöfe? Anfangs musste ich mich schon ein bisschen anstrengen, um sie zu finden. Die meisten wurden zu unauffälligen Immobilien umgebaut.

Der Rastplatz Rickbruch trägt die Nummer 4 und hat als einziger eine Sehenswürdigkeit. Hier beginnt nämlich ein Wanderweg mit dem Namen Patensteig. Er soll mehrere Wasserfälle haben. Am größten ist der Wasserfall in der Hölle, der im Internet mit (für NRW) echt imposanten Bildern wirbt (ganz unten rechts). Wow! Das sieht nach einem Angebot aus, dass man nicht ablehnen kann.
Wobei, doch, kann man schon.
Zumindest im Herbst.
Unsere Füße raschelten über die braunen Blätter in einem engen Tal. Ein zartes Wässerchen plätscherte über kleine Felsstufen. Das war der Rickbach. Der sollte eigentlich gleich den Rickbachfall bilden. Das kleine Rinnsal? Und warum hören wir dann nichts rauschen?
Tja, weil nichts rauschte. Hinter der nächsten Biegung erwartete uns eine eckige Felsstufe, die immerhin einen Meter nach unten ging (Mitte rechts). Die könnte eigentlich einen durchaus schönen Wasserfall (fürs Weserbergland zumindest) abgeben. Wenn denn Wasser da wäre. Die paar Tröpfchen, die am rechten Rand herunterfallen, sind leider nicht der Rede wert. Schade. Wir verzichteten darauf, es bei den anderen Wasserfällen zu versuchen. War wohl einfach nicht die richtige Jahreszeit.

Und was bieten die anderen Rastplätze? Manche haben einfach nur den Draisinenheber und sind reine Überholstellen, andere sind mit Bänken und Dixiklos ausgestattet. An jedem Rastplatz wechselten wir einmal die Plätze, damit jemand anders auf der Bank entspannen kann.
Auf der Website des Draisinenverleihs findet sich eine imposante Liste von Cafés und Restaurants entlang der Strecke. Nur: Im Herbst machen die alle erst ab 17 Uhr auf, genau dann, wenn die Draisine wieder abgegeben werden muss. Das hätten die ruhig mal dazuschreiben können. Dann hätten wir nicht vor mehreren verschlossenen Türen gestanden.
Auf der Liste ist auch mehrfach von einem Rastplatz an der Bahnsteigkante die Rede. Wer da aber Überreste eines Bahnhofs erwartet, wird enttäuscht sein. Die sogenannten Bahnsteigkanten bestehen einfach aus Holzbohlen. Und die kleinen Eisenbahnbrücken bestehen bloß aus blödem bröckelndem Beton. "Ich hatte mir das schon historischer vorgestellt.", beschwerte sich mein Mitfahrer.
Abwarten. Ab Bösingfeld (Rastplatz Nr. 7) wird es plötzlich viel historischer. Der Bösingfelder Bahnhof war der Dreh- und Angelpunkt der Extertalbahn. Das sieht man. Große Bahnhofshallen ragen entlang des Weges auf, alte Züge ziehen an uns vorbei (aber nicht die straßenbahnartigen, sondern irgendwelche anderen). Theoretisch könnte man hier Weichen umstellen und auf ein Nachbargleis wechseln, aber das ist verboten. Auch der Bahnsteig ist endlich mal als solcher zu erkennen - so richtig aus Stein, mit einer Uhr und einem Schild! Ab hier verkehren manchmal Museumsbahnen auf der Strecke. Wer dagegen eine Mittags- oder Abendfahrt per Draisine macht, für den ist hier Ende Gelände.
Und noch etwas ändert sich: Auf einmal führen Oberleitungen über unseren Köpfen hinweg. Ja, diese Bahnstrecke war elektrifiziert. Die bisherige Strecke bisher eigentlich auch, aber große Teile der Kabel wurden 2005 geklaut. Ist ja immerhin wertvolles Kupfer. Seitdem fahren die Museumsbahnen mit Diesel.
Schade eigentlich, dass man kein Kabel mit einem Haken nach oben werfen und den Akku während der Fahrt aufladen kann.


Kurz vor der letzten Stadt ist zu sehen, wie mehrere kleine Bäche als grüne Heckenlinien die Hügel hinaufkriechen. Dort oben entspringt die Exter in mehreren Quellen.
Die Endstation heißt Alverdissen und ist eigentlich ganz schön. Eigentlich. Der Bahnhof ist der hübscheste auf der ganzen Strecke, die Fachwerkhäuser sind mit Bibelsprüchen bemalt und im Sommer bekommen alle Draisinenfahrer Gratis-Gutscheine fürs Freibad.
Leider war kein Sommer. In Alverdissen herrschte Herbst. Vertrocknete Sonnenblumen, ein ausgebranntes Moped und Totenstille machten klar, dass hier nichts lebt abgesehen von ein paar zurückgezogenen Rentnern. Verdammt, wir wollten doch was essen!
Das Restaurant im Bahnhof: zu.
Unser Magen: leer.
Der Imbisswagen hinter der Kirche: zu.
Unser Magen: leerer.
Der Grieche an der Hauptstraße: zu.
Die Metzgerei: geöffnet.
Notgedrungen versorgten wir uns mit Hähnchenschenkeln, Schnitzel und fragwürdigem Nudelsalat. Von einer regionalen, kleinen Dorfmetzgerei hatten wir mehr erwartet, aber was solls.

Hinter Alverdissen geht das Gleis noch weiter. Die Museumsbahnen setzen ihren Weg nach Barntrup fort, und in Lemgo treffen die Schienen schließlich auf richtigen Bahnverkehr. Es ist also im eigenen Interesse, dass die Draisinenfahrer hier definitiv umkehren. Das dürfen sie aber erst ab 14 Uhr.

Praktisch alle Online-Bewertungen hatten gewarnt, dass man die Steigung auf dem Hinweg nicht unterschätzen sollte. Früher sind die Draisinen sogar in Alverdissen gestartet, aber die Ausgabe musste nach Rinteln verlegt werden, weil die Gäste regelmäßig an der Rückfahrt scheiterten.
Tja. Wir erreichten Alverdissen ganz entspannt um 12. Verdammt, ich hätte weniger sportliche Leute mitnehmen sollen.
"Wie viel Akku habt ihr noch?", fragte kurz vor 14 Uhr ein anderer Gast. "Unser Balken ziemlich leer."
"Och, wir haben nur zwischendurch kurz angemacht zum Ausprobieren.", antwortete mein Mitfahrer bescheiden.
Kurz vor 14 Uhr hatten wir endgültig genug von Alverdissen und machten uns auf die Rückreise. Die Draisine hatten wir ja schon vor zwei Stunden umgedreht und passend positioniert.
Natürlich ging die Rückreise viel schneller. Und als wir dann noch spaßeshalber die Elektro-Unterstützung anknipsten, wurde aus der Draisine fast schon eine Achterbaaah...! Aber unendlich schnell konnten wir auf dem Teil dann doch nicht werden. Die ganze Konstruktion hat eine automatische Höchstgrenze, und das ist vielleicht auch besser so. Schon bei unserem Tempo ruckte und zuckte das Fahrzeug über die Gleise. Wenn uns in den Kurven nur noch ein eins der weißen Rädchen im Gleis hielt, fühlten wir uns nicht sonderlich sicher im Sattel. Wie viel mehr Tempo es wohl gebraucht hätte, um aus dem Gleis zu fliegen?

01 August 2022

Müritzarm

Heute präsentiere ich den südlichsten Zipfel von Deutschlands zweitgrößtem See. Diese Bundesbrücke bei Vipperow markiert die Stelle, an der die Müritz zum Müritzarm wird - und die Zivilisation endet. Also fast.

Zunächst zeigen sich noch Anzeichen menschlicher Bewohner. Die einzige Badestelle am Müritzarm war gut besucht. Die Lücke im Schilf ist zwar eher schmal, aber dafür hat sie eine ungewöhnliche Badeinsel auf metallenen Stelzen. Ich bezwang die rostige Leiter und durfte zur Belohnung ins Wasser hüpfen, das nur beinahe zu flach dafür war.

Daneben erstreckt sich ein Waldgebiet, in dem hölzerne Ferienhäuser gewachsen sind.

Doch als die letzten Häuser hinter mir zurückblieben, verwandelte sich die Straße in zwei Streifen Sand am Rande eines braunen Ackers. Kann ich dann wenigstens das Wasser sehe... nee, da sind Bäume. Der Müritzarm-Radweg ist kein Teil des Müritz-Rundwegs, und das völlig zu Recht. So weit nach Süden wagen sich nur Gravelbiker, Müritzarmleuchter und solche, die eins von beidem werden wollen.

Mit einem Motorboot kommt man deutlich schneller voran. Aber immerhin gaben die Hecken bald die Sicht frei und ich konnte ungefähr dieselbe Aussicht wie das Boot genießen. Der Müritzarm erinnert doch sehr an einen Fluss.

Ein Dorf namens Priborn unterbricht das endlose Holpern durch den Sand. Priborn ist... nein, das war auch schon alles, was ich über Priborn sagen kann.´
Kurz darauf stand ich erneut an der Schwelle zur Wildnis. Aber noch hatte ich keine Zweifel, dass ich irgendwie durchkommen würde.

Das zweite Dorf nennt sich Buchholz. Seine Kirche sieht aus, als hätten die Dorfbewohner ein Stadttor aus Neubrandenburg gebraucht auf Ebay ersteigert und geschickt zum Glockenturm umgebaut.

Ein paar Meter entfernt werkelte ein Storch in seinem Nest herum. So gut konnte ich nie Störche beobachten (von Zoos einmal abgesehen). Er war die Ruhe selbst und bewegte sich ganz gemächlich, nicht einmal mein Rad im Bremsvorgang konnte ihn aufschrecken. Ist es hier so ruhig, dass die Störche vor nichts Angst haben?

Ganz im Gegenteil, sie sind abgehärtet! Ich dagegen nicht, und deshalb zuckte ich zusammen. Das komplette Gewässer wird überwacht von einem Ring aus Hunden, die alles anbellen, was sich ihrem Zaun auf 10 Kilometer nähert. Falls sie also vorhatten, unauffällig den Müritzarm zu stehlen - keine Chance.

Naja, eine vielversprechendere Beute wären vermutlich die Hausboote und Yachten, die obendrauf treiben. Viele davon sind im Yachthafen angebunden, direkt am südlichen Ende des Müritzarms. Man darf sich ihnen exakt so weit wie auf diesem Foto nähern, ohne misstrauisch angestarrt zu werden. Das Betreten des Stegs ist streng verboten.

Ein Pfad folgt dem Südufer. Der ist zwar eigentlich für Spaziergänger gedacht, aber besser als alles, was ich bisher an Radwegen bekommen habe.

Sagte ich, der Müritzarm sehe aus wie ein Fluss? Das liegt daran, dass er einer ist. Die Elde, der längste rein mecklenburgische Fluss, verschwindet hier in der Müritz. Moment, was davon ist denn jetzt die Elde - der lahme Graben mit Entengrütze (bei Priborn) oder der kräftige Kanal mit Wasserfall (bei Buchholz)? Beide, denn die Elde hat sich kurz getrennt und vereint sich erst im Müritzarm wieder.

Nun hatte ich die Wahl, entweder der Hauptstraße noch weiter runter zu folgen, oder über die Waldvariante abzukürzen. Naja, der Müritzarm ist hier ja schon zu Ende, und an die Wege habe ich mich irgendwie gewöhnt, dachte ich - und nahm die Abkürzung.
Anfangs schien der Waldweg genau wie bisher. Den Blick aufs Wasser verdeckten Bäume, sowohl gestapelte tote als auch solche in der Blüte ihres Lebens.

Dafür tauchten andere Seen auf. Den besten Blick hatte ich auf den Nebelsee. Am anderen Ufer liegt schon Brandenburg, die längere Route führt dort entlang.

Aber ich hatte ja die Abkürzung gewählt. Und als ich dachte, jetzt müsste ich endlich mal an deren Ende sein, wo bleibt der Asphalt, da ragten einmal ragten die Konsequenzen meiner Entscheidung in Gestalt zweier Bauzäune vor mir auf. Och nö, dachte ich, ich fahre jetzt nicht die ganzen Kilometer durch diesen Sand zurück. Zwischen den Zäunen ist eine große Lücke, da schiebe ich jetzt durch.
Nun wird dort, wo Bauzäune stehen, aber meistens etwas gebaut. In dem Fall war das eine Brücke, von der im Moment nur ein paar Pfosten existierten. Mist. Aber warte mal, ist das nicht ein Floß da drüben? Ich watete hinüber und stellte fest, jep, ist ein Floß, aber mit einer Kette angeschlossen. Aber wate mal, ich musste ja gar nicht schwimmen. Könnte ich dann nicht mein Fahrrad durchs Wasser tragen?
Ich konnte. Und es ging einfacher, als ich je gedacht hätte. Dieses Verbindungswasser vom Nebelsee zum Thürensee ist überaus flach und perfekt temperiert. (Ein ähnliches Gewässer verbindet auch den Thürensee und Müritzarm.) Fast jede Steigung (zum Beispiel die Abhänge runter zum Verbindungswasser) auf jeder Radtour, die ich je gemacht habe, hat mich stärker angestrengt als die tragende Rolle, die ich beim Überqueren dieses Wassers gespielt habe.

Und kurz darauf, in Kümmel, gab es dann endlich eine richtige Straße. Halleluja.

Damit war ich eigentlich vollkommen zufrieden. Doch dann tauchte am Ende dieses überhaupt nicht ausgebauten Radwegs das aller-allerletzte auf, mit ich hier gerechnet hätte (abgesehen von einem See aus geschmolzenem Kokoseis und einem Ufo). Ein Bahnradweg! Total geflasht bog ich auf der Stelle links ab.
Der flache Bahndamm umrundet die goldenen Felder von Lärz und... ist auch schon vorbei. Die Bahntrasse kommt aus einem Dorf namens Mirow, und das hier waren nur ihre letzten Meter. Naja.

Am Ende von Lärz erstreckt sich ein weites Feld aus Betonplatten. Es bildet einen kleinen Flugplatz. Nur ein paar kleine Betonpoller trennen die Landebahn von einer allgemein zugänglichen Zufahrt, auf der ich radeln durfte.

Es ist nur logisch, dass so ein offener Flugplatz Flugzeugfans anlockt. Einige haben sich in einem grauen Haus am Rande der Betonfläche niedergelassen, einen Haufen Militärflugzeuge und Helikopter auf der Wiese platziert und ein Luftfahrtmuseum eröffnet. Nun saßen sie davor auf einer Bank und warteten darauf, dass irgendein Flugzeugbegeisterter kam, um alles zu bestaunen.
Stattdessen kam ich.
Ich habe eigentlich kein überdurchschnittliches Interesse an Militärflug. In erster Linie wollte ich mit eigenen Augen sehen, ob sich am Ende dieser runtergekommenen beziehungsweise nichtexistenten Radroute wirklich ein echtes Museum befand. Tat es. Als ich mich näherte, spürten sie instinktiv, dass hier kein Flugnerd aus ihrer Hauptzielgruppe nahte. So murmelte man mir nur "Fünf Euro" entgegen und deutete um die Ecke zum Eingang.

Das Museum bekommt keine staatlichen Zuschüsse, dafür aber viele staubliche Zuschüsse. Das graue Haus ist bis zum Rand vollgestopft mit staubigen Schildern, düsterem Dämmerlicht und technischen Teilen. In diesem Raum stehen Schleudersitze aus aller Herren Länder - hier würde ich lieber nicht Platz nehmen.

Der Flugplatz hat alle Epochen des 20. Jahrhunderts überdauert: Im Kaiserreich gründete das Kriegsministerium in Lärz eine Versuchs- und Lehranstalt, um neue Miltärflugzeuge zu testen. In der Weimarer Republik verstieß die Armee gegen den Versailler Vertrag und baute (mit Unterstützung der Sowjetunion) wieder eine Luftwaffe auf, wobei an der Müritz nur das Fliegen und nicht mit Waffen trainiert wurde. Die Nazis haben erstmal nur ein paar Kilometer weiter in Rechlin, wo die andere Hälfte des Flugplatzes liegt, heimlich weitergemacht - aber als die Geheimhaltung überflüssig wurde und die Sowjets Rechlin zerbombten, wurde Lärz wieder wichtig. Auch Lärz wurde angegriffen, doch noch kurz vor Kriegsende flogen Piloten von hier aus ins eingeschlossene Berlin. Die Nazi-Flieger flohen am Ende in den Westen - nicht durch die Luft, sondern auf dem Boden der Tatsachen.
Als nächstes zogen die Rote Armee (mit Atomraketen im Gepäck), die Nationale Volksarmee der DDR, ganz kurz die GUS und schließlich die Bundeswehr ein. 1994 probierte man in Lärz dann etwas komplett Neues: Zivile Luftfahrt, so richtig komplett ohne Soldaten.

Die letzten Kilometer bestehen aus Dorfstraßen. In Neu Gaarz entdeckte ich ein eigentümliches Denkmal. Es ist dem sowjetischen Piloten Sergej Wiktorowitsch Arapow gewidmet, und das überraschenderweise zu recht. Arapow machte 1982 einen Übungsflug und merkte beim Start, dass irgendwas an der Maschine total kaputt war. Er bekam den Befehl, per Schleudersitz abzuspringen. Dann wäre das Flugzeug vielleicht mitten in Neu Gaarz reingekracht. Arapow bestand darauf, selbst zu landen. Dabei kam er ums Leben und wurde zum möglicherweise sympathischsten aller Militärs, die hier je stationiert waren.

Gegenüber der Badestelle mit der Rostleiter stehen ein paar Ferienwohnungen und ein Zeltplatz. Ihnen verdanke ich, dass ich kurz vor der Brücke nochmal ein paar Meter am Wasser radeln durfte.