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23 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Hirschberg nach Oberzech

Die Bergbayerngrenze IV

Länge: 34,5 km (+12,5 km Saale +20 km nach Aš)
Grenzquerungen: 6
Bundesländer: Bayern/Thüringen/Sachsen/Tschechien (Karlsbader Region)
Seite: etwas mehr Ost als West
Erkenntnis: Die letzte Etappe wird aktuell noch fertiggebaut.

Finale! Mal sehen, was es auf den letzte Kilometern des Grünen Bands noch so zu entdecken gibt. (Verdammt viel, wie sich herausstellt.)
Erst einmal gibt es die Saale zu entdeckenden letzten großen Grenzfluss des Grünen Bands.

Hinter der Saalegrenze geht Deutschlands Rückgrat weiter - auf und ab wellt sich die Straße, wenn auch etwas weniger auf und ab als gestern. Diese Region nennt sich Vogtland und ragt in drei Bundesländer hinein. Ach, guck an, da ist ja doch noch eine Kaserne.

Doch das ist nichts gegen die Überraschung, die hinter der nächsten Hügelkuppe wartete. Durch das gesamte Tal zog sich wie ein klaffender, verrosteter Strich, ein gewaltiger Zaun. Ist das... der Grenzzaun? So lang? Moment mal, da hinten geht er ja immer noch weiter, bis ins Dorf rein.

Das Dorf heißt Mödlareuth, die Amerikaner nannten es allerdings Little Berlin. Dieser Spitzname passt hier sogar noch besser als in Zicherie-Böckwitz, schließlich ist das wirklich ein einziges, einheitliches Dorf - mit demselben Namen, ganz ohne Bindestrich.
Wann zum ersten Mal eine Grenze durchs Dorf ging, weiß man nicht mehr, auf jeden Fall bekam es zwei Postleitzahlen, zwei Bürgermeister, zwei Landkreise und zwischendurch eben zwei Wirtschaftssysteme. Sogar die Dialekte sind im Norden und im Süden ein bisschen unterschiedlich. Ansonsten kannten sich alle und konnten dank der Hügel auch im Kalten Krieg sehen, wer schwanger war und wer im Westen jetzt ein Auto hatte. War kein Soldat in der Nähe, konnte man mit Tüchern winken (weiß=alles gut, rot=es gibt ein Problem).
1988 passierte dann noch etwas Ungewöhnliches: Der Grenzbach flutete ein paar Wiesen, und die DDR wollte den Tannbach besser regulieren. Dazu wurden unter strenger Bewachung ein paar Mauerstücke vorübergehend entfernt. Touristen strömten nach West-Mödlareuth, um den einzigartigen Blick direkt in ein Ostdorf zu erhaschen. Die Ost-Mödlareuther fühlten sich begafft wie im Zoo und sollen ganz froh gewesen sein, als die Mauer wieder zu war.
Vielleicht steht sie deswegen immer noch.

Denn heute hat das Dorf den längsten, aufwendigsten Nachbau der Grenzanlagen an der kompletten innerdeutschen Grenze. Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht, dass auf den allerletzten Kilometern noch die Anlage in Hötensleben getoppt wird.
Ich konnte mir das Ganze jedoch nur aus der Ferne ansehen, denn: An der Anlage wurde noch gebaut, Arbeiter verlegten die letzten Steinplatten, alle Zugänge waren mit Bauzäunen versperrt. All die neuen Infotafeln und Wege sahen aus wie aus dem Ei gepellt. Das wunderte mich, denn die Grenzzäune schienen mir alles andere als neu zu sein. Wahrscheinlich stand da schon vorher eine Gedenkstätte und es war nur an der Zeit, alles von Grund auf zu sanieren. Die werden ja wohl kaum die alten Zäune 30 Jahre lang mitten im Dorf stehengelassen haben, um erst dann zu überlegen, was man draus machen könnte. Anderswo versuchte man, die dunklen Überreste möglichst schnell verschwinden zu lassen, und hier stellen die sich so was mitten ins Dorf - ist das denn schön für die Einwohner, wenn sie morgens aus dem Fenster gucken und alles sieht fast so aus wie damals?

Über die Grünanlagen hinweg erspähte ich praktisch all das Zeug, das ich bisher am Grünen Band gesehen hatte, an einem Ort versammelt, sogar alte Panzer und Mauern. Mit einer Ausnahme: Es fehlt der typische rechteckige Grenzturm. In die Grenzmauer ist ein komischer halber Beobachtungsturm eingebaut. Ansonsten hatten die Soldaten von Mödlareuth anscheinend bloß die dünnen, runden Billigtürme ohne Heizung. Zumindest bekamen sie im Winter mobile Elektroheizkörper, damit für "Frostsicherheit" gesorgt war.


In Mödlareuth stehen also die letzte große Outdoor-Gedenkstätte und das letzte Indoor-Museum. Als nächstes folgen das letzte innerdeutsche Dreiländereck und das letzte Bundesland. Dazu verlässt die Radroute die Straße und folgt einem Pfad entlang eines Bachlaufs.
Auf dem Bächlein wurde eine imposantes Dreieck aus Pflastersteinen installiert. Obendrauf thront der Dreifreistaatenstein, ein altes Stück Grenzmarkierung in neuer Umgebung. Dieses Gestaltungskonzept hat bei einem Studentenwettstreit gewonnen - zu Recht, diese dreieckige Mischung aus Natur und Pflaster hat was.
An diesem Stein treffen die einzigen drei Bundesländer aufeinander, die sich als Freistaaten bezeichnen. Warum Sachsen, Thüringen und Bayern das machen, weiß keiner so richtig - Freistaat ist einfach nur ein anderes Wort für Republik, in der Weimarer Republik haben sich die meisten Reichsländer so genannt. Manche Sprachpuristen bevorzugen das Wort, weil Republik aus dem Lateinischen kommt und diese verdammten Latinismen unsere schöne deutsche Sprache verhunzen. Aber eine solche Begründung ist vermutlich nicht mal aus Sicht der CSU zeitgemäß.
Sachsen und Bayern hatten hier schon lange eine gemeinsame Grenze. Zumindest ungefähr hier. Wo genau, war umstritten. Um dieses Problem zu lösen, stellte man 1840 den Grenzstein auf, der damals noch Dreiherrenstein genannt wurde.

Anschließend bin ich auf einem gut befahrbaren, sächsischen Kolonnenweg zwischen Windrädern zur Straße zurückgekehrt. Der zweisprachige Wegweiser übersetzt bereits das Wort Kolonnenweg ins Tschechische (Signálka).
Das Grüne Band besteht hier aus einem sogenanntem Offenlandbiotop. Würde man das einfach wachsen lassen, entstünde daraus irgendwann ein Wald. Dann kämen die gefährdeten Arten des Offenlands, die im Kalten Krieg eingezogen sind, aber nicht mehr so gut klar. Deswegen werden die Pflanzen ab und zu vorsichtig gemäht. Das Grüne Band wurde sogar nachträglich verbreitert, nachdem der Vogtlandkreis ein paar private Feldflächen aufgekauft hat.
Auch der KfZ-Sperrgraben hat in diesem Biotop eine wichtige Funktion: Füchse und Dachse verstecken sich darin.

Hm, wenn das hier Sachsen ist, dann grenzen ja ausnahmslos alle neuen Bundesländer an den ehemaligen Eisernen Vorhang (sogar Ostberlin an die Berliner Mauer). Der sächsische Abschnitt ist aber echt kurz, gerade mal 3 % des Grünen Bands (wobei allein auf diesen 3 % mindestens 11 Menschen starben) bzw. etwa 26 Kilometer Radweg verlaufen an der sächsischen Grenze. Selbst die grausamste Grenze der Welt scheint Berührungsängste mit diesem Bundesland zu haben.

Okay, okay, ich will jetzt keine 26 Kilometer Sachsenbashing betreiben. Aber wie soll ich das hinkriegen, wenn das erste sächsische Dorf verflixt nochmal Grobau heißt?
Vielleicht, indem ich zugebe, dass Grobau echt nett aussieht. Vor allem die Eisenbahnbrücke quer durchs Dorf ist ein prächtiger Anblick. Ich freue mich schon, darauf nachher mit der Bahn heimzufahren.

In Gutenfürst passieren die Züge dann den letzten Grenzbahnhof der Innerdeutschen Grenze. Allerdings fuhren hier bloß Interzonenzüge von München nach Westberlin. In der DDR durfte niemand aussteigen, nur die Grenzer verließen in Gutenfürst den Zug.
Auf dieser Strecke düsten auch die Sonderzüge nach Hof für jene 4500 Flüchtlinge, welche die westdeutsche Botschaft in Prag besetzt hatten, um ihre Ausreise zu erzwingen. Die DDR war am Ende eingeknickt und ließ sie raus - aber nur, wenn die Züge noch einmal den Bogen über DDR-Gebiet machen, schließlich könne ja nur die DDR die Menschen aus ihrer Staatsbürgerschaft entlassen.

Noch etwas Letztes gefällig? Wie wäre es mit dem letzten Grenzturm? Moment mal, ist da etwa die Tür offen? Ungeduldig bog ich auf einen miesen Kies- und Kolonnenweg ab. Kann das wahr sein - auf den letzten Kilometern Innerdeutsche Grenze gibt es doch noch einen Grenzturm, wo ich so richtig reingehen kann?
Nö, kann es nicht.
Jedenfalls noch nicht. Aus der offenen Tür ertönten fröhliche Popmusik, im ersten Stock wurde lautstark gebohrt, Werkzeug und Steinstaub lagen herum. Dieser Turm wird erst noch besucherfertig gemacht. Hoffentlich ist er dann auch allgemein zugänglich, zumindest über ein Drehkreuz wie der Bayernturm.

Gleich nebenan verläuft eine Autobahn. Ein Flüchtling versuchte sich an ihrem Verlauf zu orientieren. Gegen die tödlichen Selbstschussanlagen half das allerdings nicht.

Der Weg kurvt auf und ab durch grüngelbe Felder, versteckte Täler und Schluchten. Es war alles superidyllisch, und doch wäre ich allmählich gern am Ziel gewesen, denn meine Waden waren nach vier Tagen intensivem Gestrampel allmählich nur noch so mittemäßig motiviert.
In einem verlassenen Löwenzahntal entdeckte ich den letzten Streckmetallzaun der Strecke - im Wasser. Reste des Eisernen Vorhangs dienen heute als Fischzaun.

Zum Schluss bin ich nochmal ganz kurz nach Bayern hinübergefahren. Ah, da vorne muss es eigentlich schon sein, auf dieser Hügelkette... verdammt, die Kette! Muss die Fahrradkette ausgerechnet jetzt abspringen? Aua, warum ist das Ding auch noch so messerscharf?
Gut, jetzt aber: Da oben muss es sein. Auf der letzten Hügelkette warten die Holzscheunen des Dorfes Oberzech.

Ich entschied mich für eine Abkürzung durchs Dorf, die mir meine App vorschlug. Als ich an der Seite der Dorfstraße herauskam, sausten plötzlich gleich fünf E-Biker auf der Zielgeraden vorbei. Nanu, die ganze Zeit waren die Straßen leer - wo kommen die auf einmal her? Und muss ich jetzt eine La-Ola-Welle für die machen?
An der nächsten Ecke wies mich der Wegweiser Dreiländereck in den Sumpf. Doch bis zu besagtem Eck sind noch ein paar Hindernisse zu überwinden. Heutzutage zwar keine tödlichen, aber doch welche, die einen Radfahrer effektiv ausbremsen: Ein hölzernes Drängelgitter, ein Weg aus Rindenmulch, vorbei am Grab eines unbekannten deutschen Soldaten, dann eine hölzerne Brücke, noch mehr Rindenmulch, noch eine Brücke...
Das komplette Dreiländereck ist durchzogen von den klaren Windungen der Südlichen Regnitz (die später in die Saale mündet), und im Frühling findet man kaum einen besseren Ort für einen sonnigen Spaziergang. In diesem Bach gab es früher den größten Bestand an Flussperlmuscheln in Mitteleuropa. Im extrem heißen Sommer 1947 starben viele Muscheln ab, aber ein paar überlebten, und die Kinder und Enkel (immerhin können sie 50 Jahre alt werden) der Muscheln wuscheln noch heute durch den Grenzbach. Es sieht hier ganz anders aus als an der Ostsee, aber zumindest die Muscheln haben der Anfang und das Ende der Innerdeutschen Grenze als gemeinsamen Nenner.

Aber gehen wir noch ein Stück in der Zeit zurück: Vor langer Zeit galt das schwer zugängliche Terrain als Niemandsland, und die Grenze war eher ein breiter Streifen als eine Linie. Als das Land immer weiter besiedelt wurde, schrumpfte der Streifen zusammen, bis man 1844 die Grenze endgültig festlegte und die Muscheln zum ersten Mal gestört wurden. Sie lagen jetzt im Grenzgebiet von Österreich-Ungarn (zu dem Tschechien damals gehörte), Sachsen und Bayern (die noch eigene Staaten waren). Zu der Zeit war im Eck ordentlich was los, es gab regen Grenzverkehr zwischen den drei Staaten.
Vom Kalten Krieg kann man das natürlich nicht sagen. Auf einmal lag in diesem friedlichen Tälchen das Dreiländereck zwischen BRD, DDR und ČSSR (die Tschechoslowakische Sozialistische Republik). Die Grenzanlagen der DDR gingen in die tschechoslowakischen über. Ob es wohl leichter war, den Bogen über Tschechien zu schlagen und statt einer scharf gesicherten Grenze zwei etwas weniger scharf gesicherte zu überwinden? Ein DDR-Bürger probierte es 1986 auf diesem Weg und hatte Erfolg.
Heute ist der Punkt, international gesehen, nur noch ein Zweiländereck aus Tschechien und Deutschland (Bayern/Sachsen). Ohne Zweifel jedoch ist es ein Eck: Dies ist die Stelle, an der die Spitze Tschechiens weit nach Deutschland hineinragt, der vielleicht auffälligste Punkt, wenn man Deutschlands Umriss auf einer Landkarte anguckt.
Wie markiert man einen solchen Punkt? Die Tschechen haben ihr obligatorisches, ovales Česká-Republika-Schild hingestellt, das man überall an der tschechischen Grenze findet. (Hier ist es deutlich sauberer als am Elberadweg.) Die Deutschen machen es etwas nüchterner mit STAATSGRENZE auf einem weißen Rechteck. Doch das echte Dreiländereck befindet sich in einem grünlichen Ausläufer des Bachs. Ein neuer, dreieckiger Stein ragt aus den Algen und zeigt zweisprachig und übersichtlich an, dass zum Beispiel die Kühe dort hinten zu Sachsen gehören (und vermutlich Müh machen). Daneben stehen noch historische Grenzsteine mit rätselhaften Ziffern, deren Bedeutung ein tschechischer Grenzstein-Nerd auf einer eigenen Infotafel erläutert.

2013 flutete ein schweres Hochwasser das Eck, nur die Bäume und die Spitzen der Grenzsteine guckten hilflos aus den Wassermassen.
Am Ende eines langen Stegs musste ich das Rad schließlich die Schieberinnen einer Treppe hinaufhieven. Erst dann hieß mich der gelbe Wegweiser so richtig in Tschechien willkommen.

Zugegeben, die Tschechen machen es den Radlern nicht zu leicht, ihr Land zu betreten. Aber sie belohnen sie auch gebührlich für die Mühe, und zwar mit hölzernen Schränkchen. Im ersten verbergen sich ein Gipfelbuch und Stempel für Reisetagebücher, im zweiten eine Minibar mit verschiedensten Getränken.
Die E-Radler von e-ben luden mich an ihren Tisch ein, und wir tauschten die Ereignisse unserer Iron Curtain Touren aus. Sie hatten die Strecke in zwei Touren absolviert und in Eschwege unterbrochen. Ich staunte, wie kühl die Getränkedose war, und spekulierte über die übernatürlichen Kühlfähigkeiten des Schränkchens. Die anderen klärten mich auf, dass gerade eben ein Auto weggefahren sei, dessen Fahrer das doch nicht so magische Schränkchen vermutlich aufgefüllt hatte.

Und so erreichte ich im Frühling 2023, als das Grüne Band gelb vom Löwenzahn und meine Finger schwarz und rot von meiner störrischen, scharfen Fahrradkette waren, das Ende der Innerdeutschen Grenze.
Und jetzt? Man muss nicht googeln, um zu wissen, dass Nahverkehr in Oberzech praktisch nicht existiert. Wer zum nächsten Bahnhof will, soll die 17 Kilometer nach Hof an der Saale runterfahren.
Doch irgendwann, als ich diese Tour plante, kam mir auf einmal die Idee: Wenn ich sowieso noch weiterfahren muss, warum soll ich mir dann nicht anschauen, wie die Grenze in Tschechien aussieht? Nur 20 Kilometer entfernt wartet ein tschechischer Bahnhof auf mich, und 20 und 17, och, das ist doch quasi dasselbe.

22 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Rödental nach Blankenstein

Die Bergbayerngrenze III

Länge: 95 km
Grenzquerungen: 9 (+keineahnungwieviele am Tettenborner Zipfel und bei anderen Abstechern)
Bundesländer: Bayern/Thüringen
Seite: etwa gleich viel
Erkenntnis: Im Frankenwald ist bergab manchmal schlimmer als bergauf, und das Mittelalter manchmal rechtsstaatlicher als die DDR.

Am Ende des Rödentals schälte sich die Gebrannte Brücke aus der Morgendämmerung. Sie verbindet Coburg mit Sonneberg und schrieb zweimal Geschichte. Im Jahre 1949 flüchteten während eines Fußballspiels gegen die Wessis Spieler und Zuschauer in Massen nach Bayern. Und 1990 unterzeichneten Wolfgang Schäuble und Peter Diestel, die Innenminister der BRD und (inzwischen demokratischen) DDR auf der Brücke einen Vertrag, der die Grenzkontrollen abschaffte.
Eine wirklich historische Brücke also... aber wo ist sie eigentlich? Ich erkannte nur eine Straße, neben der sich ein bisschen sumpfiges Grün erstreckt, das eventuell irgendwo da unten durch ein Rohr fließt.

Ich fuhr da aber ohnehin nicht rüber, sondern bog rechts ab in den dritten Zacken des Coburger Zickzacktals: Das Tal der Steinach. Diesmal folgt die Grenze sogar dem Verlauf des Tals, statt die Abkürzung über die Hügel zu nehmen. Dadurch wechselte ich mehrfach die Seite. Ansonsten ist das Steinachtal etwas breiter und unauffälliger als die ersten zwei idyllischen Täler.
In diesem Tal hat einst ein Müller eine Mühle mit Eisenhammerwerk errichtet - nur um dann festzustellen, dass es in der Nähe gar keine Minen mit Eisenerz gibt. Also machte er aus der Not eine Multifunktionsmühle zum Mahlen, Schneiden, Walken und Ölmachen, quasi alles, was eine Mühle überhaupt tun kann. Hätte es damals schon Windräder gegeben, hätte er bestimmt auch noch Strom produziert.
Etwa 200 Jahre später flohen die Nachfolger des Müllers in den Westen, und die DDR riss die Multifunktionsmühle ab. Dabei wurde sie genau von westlichen Zeitungen beobachtet.

Ein Gedenkstein erinnert an das vielleicht absurdeste geschleifte Dorf der Grenze: Liebau. Die Liebauer Eltern fanden es nicht gerade beruhigend, dass sie ihre Kinder auf dem Weg in die Schule einmal über die amerikanische und zurück in die sowjetische Besatzungszone schicken mussten. Deswegen flohen 68 von 71 Dorfbewohnern 1952 in den Westen. Dass nur noch drei Menschen im Dorf lebten, war der SED doch irgendwie peinlich, und so machten sie das genau Gegenteil von dem, was sie sonst überall an der Grenze taten: Sie siedelten neue Bewohner an und bauten neue Ställe, Straßen und ein schickes Kulturhaus. Nur um nicht mal fünf Jahre später alle rauszuschmeißen und alles plattzumachen.
Das sind so Momente, wo ich mich frage, wie zur Hölle dieser Staat überhaupt 40 Jahre durchhalten konnte.

Damit endet das Coburger Zickzacktal, jetzt gurkte ich eine Weile durch einen Wald. Auf den Hügeln verbergen sich Siedlungen mit klangvollen Namen wie Krötendorfswustung.
Na holla die Waldf, dieser Biergarten sieht aber einladend aus

Hier lebte einst ein Mann, der einen Gerichtsprozess um ein teures Grundstück führte und sein Haus zu verlieren drohte. Er machte einen auf Martin Luther und versprach Gott, eine Kapelle zu bauen, falls er Recht bekam. (Anwälte hassen diesen Trick.) Es funktionierte, und der dankbare Beklagte lieferte fristgerecht die versprochene Kapelle, damit er nicht gleich die nächste Klage von Gott am Hals hatte.
Im Zweiten Weltkrieg nietete ein Panzer die halbe Kapelle um. "Kleines Haus kaputt, aber kleiner Mann noch ganz.", entschuldigte sich der Soldat - die Jesusfigur war nämlich intakt geblieben.

Mit dieser netten Geschichte geht es hinab ins Haßlachtal. Was 1954 am Grenzübergang in diesem Tal geschah, ist weniger schön: Der Stasi-Major Sylvester Murau, der in den Westen geflohen war, wurde von seiner eigenen Tochter angelockt, in den Osten entführt und zum Tode verurteilt. Die hochgradig verstörende Tochter heiratete später auch noch den Leiter der ganzen Operation.
Das Tal ist mit Tankstellen, Gewerbegebieten und Baustellen gepflastert. Letztere sperrten die Straßenübergänge für Radler und Fußgänger aus rätselhaften Gründen - gebaut wurde da jedenfalls nicht.

Das Tal gehört noch zu Bayern, die Grenze verläuft in den Hügeln auf der linken Seite. Ein kurzes Stück daneben verläuft eine Bahnlinie - die wechselt bestimmt gleich in den Osten, oder? Nein, die Schienen trauen sich noch nicht in die Zone. Nach ein paar Kilometern trennten sich unsere Wege; ich verließ die Bahn und suchte einen eigenen Weg - hinauf in die Berge.
Während der letzten neun Tagesetappen (also seit Hörschel) hat das Grüne Band den Thüringer Wald großräumig umkreist. Jetzt, endlich, geht es richtig rein ins grüne Mittelgebirge - allerdings so spät, dass das streng genommen gar nicht mehr der Thüringer Wald ist, sondern das Thüringer Schiefergebirge (aber mal ehrlich, das sind quasi dieselben Berge, die ohne Unterbrechung weitergehen). Auf der Westseite heißt das Gebirge Frankenwald.

Aber erst einmal wechselte ich auf die Ostseite. An der Grenze von Heinersdorf steht eine Gedenkstätte in einer unauffälligen Holzhütte, die aber nur nach Vereinbarung geöffnet wird.

Die folgenden 20 Kilometer bis Tettau sahen auf dem Höhenprofil im Radführer ungefähr so aus:

Ui, bei dem Anblick fängt man gleich an zu schwitzen, oder?
Aber in Wahrheit waren das die einfachsten 20 Kilometer des ganzen Tages. Wie kann das sein? Der Anstieg war dermaßen sanft, dass ich ihn kaum bemerkte. So einfach bin ich noch nie in ein Gebirge geradelt, nicht einmal die Bahntrassen in den Harz und Rhön fahren sich derart entspannt.
Oder Moment mal, ist das eine Bahntrasse? Diese Brücke dort sieht sehr nach Bahn aus... und der Wulst da ist dann der Bahndamm... aber der Weg verläuft gar nicht darauf! Warum sollte man auch die großen Nadelbäume auf dem Bahndamm fällen und all das Moos ausreißen, wenn es bereits einen perfekten Weg gibt?
Vielleicht, damit die Radfahrer nicht ständig den LKWs der Holzfäller ausweichen müssen. Ja, das wäre ein guter Grund. Wobei dann erst einmal extra viele Holzfäller kommen müssten, um die Bäume vom Bahndamm abzuholzen.
Diese Bahnlinie querte dermaßen oft die Grenze, dass der Betrieb ständig willkürlich unterbrochen und 1952 ganz eingestellt wurde - obwohl die Bundesbahn gerade erst neue Schwellen verlegt hatte.
Ansonsten befanden sich im Tal eine Burg und eine Fabrik für blaue Farbe, die von Alexander von Humboldt unterstützt wurde. Dort entdeckte ich das erste Anzeichen, dass ich mich Tschechien nähere: Die Infos über diese Fabrik konnte ich auf auf Tschechisch nachlesen!

Immer wieder waren meine Karte, meine App und die Wegweiser geteilter Meinung, wo genau die Radroute verlaufen soll. Oft habe ich mich im Zweifel für die Karte entschieden, was meistens richtig war - aber oberhalb von Tettau war das zum ersten Mal ein Fehler. Der Weg verschwand völlig im Heidekraut.
Eine bessere Alternative ist der Dichterweg, der seinen Gästen nebenbei auch noch etwas über Deutschlands größte Schriftsteller vermitteln will (von denen aber anscheinend keiner jemals auf diesem Weg wandelte). Der Weg benutzt zwar hübsche Porträts, aber eher lieblos zusammenkopierte, kurze Stichpunkte.

Der richtige Waldweg brachte mich zu dieser zentralen Wanderwaldwegkreuzung neben einer Kuhweide am Glashügel. Hier treffen der Iron Curtail Trail, der Skiwanderweg Deutsche Einheit, der Rennsteig und der Rennsteig-Radweg aufeinander. Eine Tafel erzählt, wie im Jahre 1990 die Wanderer ausgelassen feierten und das Rennsteiglied sangen, als der berühmte Wanderweg endlich wieder komplett bewandert werden konnte. Aber nicht alle Wunden der Geschichte sind damit geheilt: Irgendjemand hat mit Edding eine der Personen auf dem Foto von 1990 als Stasi beschriftet.
Hm, welcher Weg ist denn jetzt der Iron Curtain Trail? Egal, ich mache sowieso erstmal einen Abstecher.

Die Grenze vollführt einen ausgiebigen Schlenker über die nächste Kuhweide. Während ich dem Weg nach Kleintettau runtergerast bin, habe ich immer wieder grau gemauerte Grenzlinien überquert. Freistaat Bayern! Freistaat Thüringen! Bayern! Thüringen! Bayern! Nur Gott und jeder, der mein Handy tracken kann, wissen, wie oft ich dort das Bundesland gewechselt habe. Die seltsame Grenze sorgte sogar im 21. Jahrhundert für Probleme, als der Weg saniert werden sollte - der bayrische Bürgermeister hat dann kurzerhand einfach alle Abschnitte übernommen.
Doch im Kleintettauer Zipfel lebten nicht nur Kühe. Sind Sie bereit für die letzte kuriose Grenzgeschichte? Keine Sorge, sie hat ein Happy End.

Ganz am Ende reicht das Stück Ostdeutschland ins Dorf Kleintettau hinein, und dort standen drei Häuser, die bei den Grenzzäunen außen vor blieben und eigentlich zum Dorf Klein-Lichtenhain gehörten. Als die Aussiedlungen losgingen, flohen alle Bewohner des Zipfels in den Westen. Dazu mussten sie bloß vor ihr Haus auf die Straße treten.
Wirklich alle? Nein! Ein einziges Ehepaar wollte sein Haus nicht aufgeben (das Schieferhaus hinten in der Mitte). Die beiden warteten also auf das Unvermeidliche, bis... absolut nichts geschah. Das Paar wurde in Ruhe gelassen.
Was war geschehen? Die DDR hatte sie jedenfalls nicht vergessen und schien sie schon noch irgendwie als ihre Bürger zu sehen. Ab und zu winkten die Grenzsoldaten oder klopften und fragten, ob alles gut sei. Die beiden waren die einzigen im Dorf, die ihren Rasen bis an den Grenzzaun mähen durften (wahlweise per Rasenmäher oder per Ziege), ohne mit der Schusswaffe bedroht zu werden. Das Paar glaubte, dass sie insgeheim ihren Mut bewunderten. Aber war das der einzige Grund? Was machte die beiden mutiger als so viele andere Widerständler? Waren sie einfach den Aufwand nicht wert? Es bleibt ein Rätsel, oder besser gesagt, das Wunder von Kleintettau.
Als es doch mal Streit mit einem russischen Offizier gab, meldeten sich die beiden einfach als Westbürger an, wählten im Westen und hatten quasi die doppelte Staatsbürgerschaft. In die DDR trauten sie sich dagegen nie (also außer in ihr Haus halt). Sie bezahlten keine Grundsteuer, dafür wagte es niemand, auf ihrem Grundstück die Post auszutragen, Schnee zu räumen oder ein Telefon anzuschließen. Nur der Schornsteinfeger betrat mutig das feindliche Territorium. Die BRD war mit der Situation auch nicht so glücklich und versuchte dem Paar Bauland im Westen andrehen - vergeblich. Erst 1976 endete die Ungewissheit mit einem Gebietstausch.

Erst jetzt, wo ich schon oben war, wurde die Thüringer Waldtour richtig anstrengend. Zum Glück hat eine freundliche Seele eine Schaukel und eine Hängematte zur Erholung aufgehängt.

Weitere Entspannung verspricht der Glücksgarten. Das ist ein langgezogener Streifen direkt am Kolonnenweg, in dem allerhand seltene Arten aus der Region, zum Beispiel der Bärwurz, vor sich hin wuchern. Den Bärwurz macht das sicher glücklich, für Menschen lässt der Anblick des hohen, eng eingezäunten Streifens keine allzu hohen Glücksgefühle aufkommen.

Und es geht immer noch aufwärts! Hoffentlich bleibt der Weg so... oh.
Dieses Schlammstück wurde vermutlich extra angelegt, damit die Radfahrer anschließend den Kolonnenweg zu schätzen wissen.

Das hat bei mir aber nicht funktioniert, dazu waren die Löcher zu tief. Kann man die nicht einfach mit Erde füllen oder so? Vielleicht fahre ich doch lieber auf dem Streifen in der Mitte, nee, auch nicht das Wahre. Aber der Wald ist ein hübscher Anblick. So weit oben wächst ausnahmsweise mal kein Löwenzahn auf dem Grünen Band. Wie schon im Harz macht das Heidekraut aus dem Grünen Band ein Violettes Band.
Huch? Zwischen den Birken überquerte auf einmal eine ganze Herde Rehe den Weg. Hier oben ist tierisch viel Wild unterwegs.

Um abends dieses wilde Spektakel betrachten zu können, haben Schüler für Schüler eine Begegnungsstätte gebaut. Anscheinend kann man darin Feuer machen, übernachten und duschen. Och, eine Dusche wär jetzt eigentlich nicht schlecht, vielleicht kann man ja... ah, die Dusche ist offen. Es fehlt nur eine Kleinigkeit: Irgendeine Öffnung, aus der Wasser kommt.

Wo es bergauf geht, geht es auch wieder bergab. In diesem Falle brutal bergab. Ui, meine Bremsen waren zuletzt etwas schwach, ich stelle sie mal lieber enger ein.
In den Wäldern verbirgt sich noch ein Aussichtsturm namens Thüringer Warte. Dabei liegt er eigentlich in Bayern und hat eine recht ähnliche Geschichte wie der Bayernturm.
Am Waldrand beginnt ein Märchenpfad. Das erste "Märchen" ist eigentlich ein überliefertes historisches Ereignis und alles andere als märchenhaft: An dieser Stelle wurde eine Köchin wegen Kindsmordes brutal gepfählt. Daran erinnert der Stein am Köchinnengrab. Immerhin: Die Strafe entsprach den Gesetzen des Sachsenspiegels, des wichtigsten mittelalterlichen Rechtsbuchs. Insofern war der Ritter von Thüna quasi fortschrittlicher als Walter Ulbricht. Dessen Schießbefehl widersprach zum Teil DDR-Gesetzen.

Mit funktionsfähiger Bremse konnte ich es wagen, den tiefen Abgrund runter nach Lauenstein zu rasen, wo die Köchin für den Ritter von Thüna gearbeitet hatte. Unterwegs kam ich an den versprengten Teilen einer Klasse auf Wandertag vorbei. Die erste Gruppe Grundschüler ging auf der Stelle mustergültig rechts ran, sobald sie nur den Hauch eines Fahrrads hörten. Die zweite Gruppe Grundschüler hatte hierfür leider keine Zeit, da zwei von ihnen gerade für eine ganz besondere Kampfsportart trainierten, bei der wirklich restlos jeder Meter der Straße blockiert wurde.
Da soll noch einer sagen, die Kinder von heute seien alle gleich.

Eine Sage erzählt, dass sich auf Burg Lauenstein ein Schatz für "trinkfeste Sonntagskinder" verbergen soll. Um ihn zu heben, sind lediglich folgende Schritte nötig: 1. Werden Sie an einem Sonntag geboren. 2. Trinken Sie am ersten Mittwoch des neuen Jahres eine Menge Falkensteiner Bier. 3. Besteigen Sie um Mitternacht den Schlossberg, ohne zu schwanken.
Es scheint sich weniger um eine Sage zu handeln als vielmehr um einen Marketing-Gag der lokalen Brauerei.

Noch eine Etage tiefer, dann bin ich im Tal der Loquitz angekommen. Als ein Güterzug durch das weite Waldtal rauschte, hatte ich für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, es habe mich irgendwie in den Balkan verschlagen. All die deutschen Städte schienen so weit entfernt - dabei waren sie mir näher als an meisten Punkten dieser Tour, schließlich hatte ich die Bahn direkt vor der Nase. Als dann eine rote Regionalbahn der DB vorbeikam, verschwand das Gefühl der fernen Exotik auch recht schnell.
Hier traf ich also wieder auf die Bahntrasse, von der ich mich heute Vormittag getrennt hatte. Hat sie es inzwischen über die Grenze geschafft? Nein, immer noch nicht.

Ich Blödmann hätte einfach an der Straße fahren können - aber nein, ich wollte ja unbedingt dem Wegweiser noch tiefer nach unten folgen. Nur um dann festzustellen, dass diese Wegweiser mich aus dem Tal hinauslocken wollten, zu irgendeinem Umweg über die Hügel. Mir blieb nur noch ein holpriger Pfad direkt am Wasser. Das hier ist noch einer seiner besten Abschnitte, trotz des kleinen Stöckchens auf dem Weg. Die Natur ist herrlich, doch in diesem Tempo schaffe ich es nicht einmal in vier Tagen zum Ziel.

An der Villa Falkenstein stößt das Loquitztal auf die Grenze, und endlich wechselt die Regionalbahn von heute früh in den Osten. Ein Stück weiter liegt der Grenzbahnhof in Probstzella. Anders als das Lost Place in Schwanheide (das in diesem Moment eine Million Kilometer entfernt zu sein schien) wurde dieser Grenzbahnhof zum Museum umgestaltet - ach so, aber laut Google haben nur mittwochs und wochenends geöffnet. Die Bahnstrecke verbindet Nürnberg mit Saalfeld und ist heute die wohl wichtigste Verbindung zwischen Bayern und den neuen Bundesländern.

Ihr berühmtester Passagier war der Bürgerrechtler Roland Jahn. Er wollte eigentlich unbedingt in der DDR bleiben. Nach allem, was ich bislang am Grünen Band gesehen habe, sollte man meinen, das sei den Machthabern nur recht - aber nein, plötzlich wollten sie, dass einer ihrer Bürger das Land unbedingt verlässt. Nur weil die Menschen im Land bleiben müssen, heißt das ja schließlich noch nicht, dass sie das Recht haben, es zu verändern! Sogar als man ihn für seine kreativen Proteste einsperrte, wollte der Sturkopf einfach nicht ausreisen. Sie mussten ihn fesseln, knebeln und in ein Zugabteil einsperren, um ihn endlich nach drüben zu verfrachten.

An dieser Stelle bin ich wieder nach Thüringen gewechselt. Noch wusste ich nicht, dass mich nun das schlimmste Stück des deutschen Iron Curtain Trail erwartete - das Steinbachtal. In dieser kleinen Seitenschlucht versteckt sich die Steinbachsmühle. Sie sieht im Prinzip immer noch so aus wie 1487 und steht deswegen unter Denkmalschutz. Die DDR nahm es mit dem Denkmalschutz weniger ernst: Der Keller und ein Waldstück des Müllers ragten in die Ostzone und wurden von den Grenztruppen gesprengt.
Der Weg durch das Steinbachtal sollte eigentlich asphaltiert sein. Sagt die Karte. Ha! Ich behaupte, dieses wilde Wegstück hat in all der Zeit seit 1487 nie auch nur ein Fitzelchen Asphalt gesehen. Ich weiß, ich weiß, auf dem Bild sieht das gar nicht so schlimm aus. Das liegt daran, dass ich meistens, wenn mich der Weg völlig fertigmacht, vergesse zu fotografieren.

Solange der Weg halbwegs flach durch das Tal verlief, kam ich trotzdem klar. Aber als es dann auch noch steil aufwärts aus dem Tal heraus ging, da ging meine Laune steil abwärts. Ich schob mein Rad die lange Holperpiste hinauf, die partout einfach kein Ende nehmen wollte.
Oh, eine Quelle, na immerhin etwas. Das Wasser plätscherte durch eine moosbewachsene Treppe aus Schieferplatten und kam dann aus einem Rohr heraus. Na, das wird dann ja gut gefiltert sein, dachte ich mir. Erst als meine Flasche voll vor, fiel mir auf, dass vor dem Wasserhahn noch ein versumpftes Becken liegt, in dem das Quellwasser ziemlich lange stillsteht. Okay, vielleicht trinke ich das doch lieber nicht.
Und endlich, nach ewigem Schieben, kam ich aus dem Steinbachtal heraus. Wo bin ich jetzt gelandet?

In einer völlig anderen Welt. Keine versteckten Waldschluchten mehr, sondern offenes Land aus welligen Wiesen. Es fühlte sich ein bisschen an, als würde ich über Deutschlands Rückgrat radeln, genau zwischen Franken und Thüringen.
Dieses Rückgrat wird anscheinend als Jochen-Schweizer-Erlebniscenter genutzt. Am Straßenrand rasten Motorradfahrer durch die staubigen Kurven eines für sie angelegten Parcours. Ein Baggerfahrer ließ zwei mutige Fahrgäste in seiner Schaufel mitfahren.

Die Dörfer auf diesem Rückgrat sind auch recht einmalig. Bisher dachte ich, die Orte im Harz hätten viel Schiefer. Damit lag ich so was von falsch! Hier sticht sogar ein Haus, das nur sein Dach mit Schiefer bedeckt, aus der Schiefermasse heraus wie ein Clownfisch im Heringsschwarm. Der Schiefer stammt aus regionalem Anbau direkt von hier, aus dem Thüringer Schieferpark bei Lehesten.
Lehesten ist auch das größte der Schieferstädtchen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich dort etwas zu essen bekomme. Da drüben sitzen Leute unter einem großen Sonnenschirm mit einem Bierlogo, das muss doch ein Restaurant sein. Aber warum steht dann nirgendwo ein Name dran?
"Ist das ein Restaurant?", fragte ich etwas unbeholfen. "Ja, aber wir haben Ruhetag." Man empfahl mir einen Bäcker. Das gastronomische Angebot von Lehesten umfasst ansonsten noch eine Imbissbude, welche mir die Einsicht verschaffte, dass Bayern und Currywurst nicht zusammenpassen.
Auch Martin Luther reiste mit verbündeten Adligen und Kaufleuten durch Lehesten. Obwohl er nur auf einer stressigen Durchreise war, fanden die Lehestener ihn dermaßen überzeugend, dass sie auch die Reformation einführten.

Selbst die Kasernen der Grenzsoldaten sind mit Schiefer bedeckt. Wobei die meisten sowieso abgerissen wurden. Im Norden habe ich immer wieder welche gesehen, im Süden fast nie. Verstehe, die Kasernen waren eh völlig verfallen, und dann hat der Wald mehr Platz - oder? Nö, die Waldbesucher haben mehr Parkplatz. Genauer gesagt, einen in der Sonne glühenden Parkplatz aus Kies, der aus der Ferne wie ein See aussieht.

Ab und zu macht die Radroute Abstecher vom Wiesenrückgrat in den Wald. Oje, wird es da wieder so steil? Nee, eigentlich ziemlich entspannt: Oberhalb von Lehesten blieb es die meiste Zeit flach, weil ich nur den Wetzstein, den höchsten Punkt des Frankenwalds, auf einem bequemen Waldweg umrundet habe.
Das zweite Anzeichen, dass ich mich Tschechien nähere: Eine rustikaler Wohnwagen als Wochenendhaus, Maringotka genannt, parkt direkt am Todesstreifen.

Dahinter versteckt sich eine kleine Überraschung: Das erste Stück Kolonnenweg, das sich richtig gut befahren lässt! Das Moos hat die Löcher perfekt ausgefüllt und ich habe nicht das Gefühl, mich im Schleudergang einer Waschmaschine zu befinden. Danke Moos! Kann jemand dieses Moos bitte auch bei Lauenstein und im Harz einpflanzen?
Blöd nur, dass dieser Weg in die komplett falsche Richtung geht. Ich muss alles wieder hoch.

In diesem Wald treffe ich noch einmal auf den Rennsteig. Ein paar Meter weiter schlängelt sich parallel zum Rennsteig noch ein schmaler Wanderweg durch Blaubeeren und Moos. Dieser Pfad nennt sich Schönwappenweg. Auf ihm steht endlich einmal der Teil der Grenze im Fokus, der bisher eher ignoriert wurde, und das, obwohl er eigentlich die richtige Grenze markiert: Der Grenzstein.
Auf dem Schönwappenweg werden seit Jahrhunderten Grenzsteine mit besonders schön gestalten Wappen aufgestellt. Der älteste ist der Kurfürstenstein von 1513 (im Bild). Er zeigt die Wappen der Kurfürsten von Sachsen und Bamberg. Diesen Stein sollte man lieber nicht versetzen, denn das galt damals als Schwerverbrechen. Die Strafe: Lebenslang Herumspuken, wahlweise als Feuermann ohne Kopf oder als buckliger Typ mit Grenzstein auf dem Rücken. So lange, bis einen jemand erlöst, indem er sagt, man soll den Stein dorthin stellen, wo man ihn hergenommen hat. (Eine Idee, auf die ich als Verfluchter auch von allein gekommen wäre, glaube ich...)
1993 wurde diese Tradition wieder aufgenommen und der Neue Grenzstein mit den Wappen von Bayern und Thüringen platziert.

Im nächsten Wald zeigte mir die Kartenapp folgendes an: Einen See, umgeben von felsigen Klippen. Klingt nett, den kleinen Umweg mache ich.
Nun ja. Am Ende stieß ich auf einen Steinbruch, großräumig abgesperrt mit Zäunen.

Der Grenzsoldat Jürgen Lange musste in diesem Wald folgende Entscheidung treffen: Schieße ich auf meinen Kameraden, weil er gerade abhaut? Oder folge ich ihm? Er dachte zehn Minuten angestrengt nach und entschied sich dann für Option B. Erst im Westen stellte er fest, dass Option A gar nicht in Frage gekommen wäre: Der clevere Unteroffizier hatte die Waffe seines Kollegen vorher unbrauchbar gemacht.

Im letzten Dorf des Tages ertönte auf einmal folgender Ton: Düdeldö! Der Eiswagen bog ins Dorf ein, und ich beschloss spontan, zu wenden. Allein schon aus Neugier. Als Stadtkind kannte ich das Phänomen Eiswagen bislang nur vom Hörensagen, Eis war für mich etwas, dass es an jeder Ecke gibt.
So ergab es sich, dass es ich an jedem Abend der Tour Eis hatte. Am ersten Tag per Kasse des Vertrauens vom Biohof, am zweiten vom Edeka und am dritten vom Eiswagen. Bei den nächtlichen Temperaturen maximal unvernünftig.

Wo übernachte ich jetzt? An einer Kreuzung erhob sich der Rastplatz Wegspinne. In diesem Haus hätte ich ziemlich luxuriös übernachten können, wäre es nicht gerade renoviert worden.

Also radelte ich über die nächste Hügelkuppe und schlief nicht ganz so luxuriös auf einer Wiese an einer Bank. Um 21 Uhr war es immer noch hell genug, um im Mondlicht das Abendessen zuzubereiten. Ungefähr über meinem Nachtlager sind zwei Familien mit einem selbstgenähten Ballon aus der DDR geschwebt, während Michael Bully Herbig mitfilmte. Lange haben sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, aber inzwischen die ganze Geschichte online erzählt (ballonflucht.de).
Hoffentlich wird die Nacht so schön ruhig wie die letz... chrrr...
WIUWIUWIUWIU!
Und schon war ich hellwach. Was zur Hölle war das für eine Sirene? Ist heute Warnnacht statt Warntag? Ist der Atomkrieg ausgebrochen? Oder macht Markus Söder jetzt eine wichtige Durchsage an ganz Bayern?
Erst als ich am nächsten Morgen ins Tal hinabfuhr, löste sich ein Teil des Rätsels: Gleich hinter dem Hügel ragten die Schlote einer Papierfabrik in die Morgendämmerung. Keine Ahnung, welcher Notfall in einer Papierfabrik eine Sirene aktiviert. Vielleicht hat sich jemand am Papier geschnitten.