23 November 2025

Naab: Von Weiden nach Regensburg

Was macht die Waldnaab in Weiden? Sie fließt geradeaus am Stadtrand vorbei, nimmt die Schweinnaab (ja, die heißt wirklich so) und hat eine der schönsten, verschlungensten und natürlichsten Fischtreppen, die ich je gesehen habe.
Außerdem ist da der Flutkanal. Der zweigt von der Waldnaab ab, fließt noch geradeauser am Stadtrand vorbei, per Brücke über die Waldnaab rüber...

...und schließlich wieder in sie rein.
Die graugrüne Parklandschaft war da schon längst einer graugrünen Feldlandschaft gewichen. Und zwar keiner sonderlich weiten: Nach ein bis zwei Kilometern endeten die Felder an einer grauen Wand, die mich den ganzen Tag begleiten sollte.

Darum konnte ich auf der Brücke von Oberwildenau auch nicht so richtig erkennen, wie sich die Haidenaab [sic] mit der Waldnaab vereinigt. Es gibt mehr Weiden als in Weiden, und der Boden ist so flach, die Flüsse dementsprechend so verschlungen, dass ich im Nebel nicht durchgesehen habe, was jetzt welcher Fluss ist.
Fest steht jedenfalls: Erst an dieser Stelle entsteht der Fluss, der einfach nur Naab heißt. Allerdings ist das, wo wir bisher langgefahren sind, der Länge nach der Hauptfluss der Naab.

Vor der Autobahn musste ich einmal die Gleise überqueren. Bis zu 20 Minuten soll man hier warten müssen, wer es eilig hat, soll einen anderen Weg nehmen? Na supi. Wer es aber nicht eilig hat, soll... diesen Knopf drücken? Okay... mit leichter Skepsis, ob das rostig-gelbe Gerät noch funktionierte, drückte ich drauf.
Krsch... "Oan kloan Moment bitte."
Oan kloan Moment später klappten die Schranken tatsächlich nach oben.

Nebel, Wiesen, Nebel, Wiesen... habe ich mir das wirklich gut überlegt, über 100 Kilometer hier durchzufahren?
Ja, denn das ist höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit des Jahres zum Radfahren. Und sobald der Fluss und kleine Felswände dazukommen, sieht 

Naabburg ragt mit einer massivem massigen "Dom" und massigen Stadtmauer über der Naab in den Nebel. Diese Stadt hat keine Burg - diese Stadt ist die Burg. Warum genau die gotische Kirche nur gut genug für einen Dom in Anführungszeichen ist, erklärt die Infotafel nicht. Vielleicht, weil 1536 ein Blitz den zweiten Turm für immer abgefackelt hat.
Hier wurde das originale Grubenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat.

Erst in Schwarzenfeld habe ich mir die Zeit genommen, eine Ortschaft von innen anzusehen. Naja, was heißt, Zeit genommen - die Wegweiser haben mich sowieso hinein ins Kopfsteinpflastergebiet geleitet. Und das sah erstmal alles sehr still, aber nett aus. Am Fluss ragte erstmal ein Zwiebelturn auf. Er gehört zum fest verschlossenen Schlosshotel. Im Schloss und "auf" Schwarzenfeld saßen verschiedene Adelsfamilien, darunter die Herren "Teuffel von Pirchensee" und Karl Theodor Graf von Holnstein. Der war Oberstallmeister des bayrischen Königs. In diesem Job war er aber nicht mit Ausmisten beschäftigt, stattdessen verhandelte er mit dem Saupreißen Bismarck Verhandlungen mit dem Ergebnis, dass Bayern einverstanden war, dass der Saupreiß Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Zur Belohnung durfte der Graf von Holnstein seinen Ruhestand erblindet in diesem Schloss verbringen, das sich hinter Gitterzäunen verschanzt.
Aber direkt daneben ist ja noch eine gelb-weiße Pfarrkirche. Und dort stand die Tür offen.

Jeder kann sich ansehen, wie das barocke Innere der Kirche in Weiß-Gold ausgeschmückt ist. Zumindest durch Gitterstäbe. Die befinden sich hier, anders als beim Schloss, im Innenraum, kurz bevor die Bänke beginnen. Damit Sie den Anblick stabfrei genießen können, habe ich durch sie hindurch fotografiert.
Die Kirche sieht so aus, weil die Hussiten und ein Feuer den Vorgänger zerstört haben. Sie ist gleich zwei Heiligen gewidmet, die beide auf den Altar gemalt sind: St. Ägidius plaudert mit einem Engel, während St. Dionysius geköpft wird.

Am Marktplatz war Schwarzenfeld dann nicht mehr so schön anzusehen. Das hier könnte so auch ein Bild einer Kleinstadt in NRW sein - wäre da nicht das riesige Kruzifix.

Unterwegs entdeckte ich ein lyrisch wie privatsphäremäßig fragwürdiges Gedicht: Nach langer Zeit ist es vollbracht / der Franzi hat die Rosi zur Frau gemacht. / Dieser Baum soll ein Jahr stehen. / Wir wollen ein Kind in der Wiege sehen. / Nach einem Jahr sind wir wieder hier / auf a Sau und a Fassl Bier. Kein Druck also bei der Familienplanung!

In Schwandorf hieß es: Halbzeit, Teezeit und Essenszeit! Puh, ist aber immer noch ne ganz schöne Strecke übrig.
Der nette Rasttisch befand sich zwischen der Naab und einem Wohnmobilstellplatz, auf dem genau ein Wohnmobil stand.

Neben der Naab befinden sich ein paar Baggerseen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen davon besucht, und zwar den stahlblauen Steinberger See, welcher von Unmengen an Enten und nicht ganz so großen Unmengen an Booten bewohnt wird.

Über halb gefrorene Nadelwäldchen und Wiesen voller Hunde spazierten wir eine Runde um den Wasserspiegel.
Ich staunte, wie flach Bayern auch sein kann. Es gab keinerlei Bergblick. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich dieses Bild in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt!

Das touristische Zentrum befindet sich allerdings am Westufer, denn hier hatten zwei einfallsreiche Unternehmer eine Vision. Sie wollten, dass sich Menschen bewegen! Und zwar draußen! Und gemeinsam! Und so bauten sie etwas Einzigartiges, das sich so oder ähnlich nirgendwo anders außer in Dolní Morava, Bad Harzburg und an vielen weiteren Baumwipfelpfaden findet. Wir erwarben am Automaten eine Plastikkarte mit Strichcode und spazierten dann eine lange, lange Spiralrampe hinauf. Dabei hüpften wir über ein paar Balancierparcours und Boden-Kletternetze mit Blick nach unten.
Die beiden Männer nannten das Teil inMotion PARK. Ein Comic auf der Rückseite ihres Flyers erzählt, wie bei der feierlichen Eröffnungsfeier ein gewisser Markus Söder den Namen vergessen hatte oder doof fand und darum improvisierte: "Hiermit eröffne ich die Erlebnisholzkugel!"
Joa. Und das ist der Name, unter dem das Ding bis heute bekannt und auf Google Maps eingetragen ist. Gegen die Macht Söders hatte der ursprüngliche Name keine Chance. Und er hat da ja schon einen Punkt: Die Kugelform ist ein Blickfang und das, was diesen Turm im Vergleich zu ähnlichen Bauwerken einzigartig macht.

Eine trockene Edelstahlrutsche mit Rutschteppichen darf natürlich nicht fehlen! Sie sieht erstmal verdammt steil aus, aber das ist auch nötig, um ohne Wasser überhaupt auf ein gescheites Tempo zu kommen. Vor allem, wenn einen auch noch die Schweißnähte kräftig durchrütteln. Wuppwuppwuppwuppwpwpwpwpwphuii...

Von oben ist dann doch zu sehen, dass die Berge gar nicht so weit entfernt sind.

Und die Naab dringt jetzt wieder in sie ein. Immer mal wieder musste ich am Waldrand hoch und runter, der Fluss war nur ein verwaschener grauer Streifen hinter den Bäumen.

Aber immer mal wieder waren da auch flache Straßenstrecken abseits des Flusses, mal mit, mal ohne Radweg. Trotz Radweg ist hier anscheinend jemand zu Tode gekommen. Die kleine Kerzenflamme im großen grauen Nichts war ein seltsamer Anblick, und das perfekte Symbolbild für Ende November.

Gott sei Dank zog sich das Nichts weit genug zurück, um mir diese mystische Felsformation zu enthüllen. Das hier sieht nicht mehr sächsisch aus, es weckte eher Assoziationen an schottische Highlands oder den Hund von Baskerville. Schöön, vielleicht sogar meine Lieblingslandschaft an der Naab.

Ja, nun türmen sich die Berge endgültig wieder auf, und die Naab taucht ein in ihr Finaltal.
Frage: Welches Tier würden sie in einer solchen Landschaft am ehesten erwarten? Vielleicht ein paar Schafe oder Ziegen?

Auf jeden Fall keine Pfauen. Wie eigenartig, diese Ziervögel nicht in einem Zoo oder Schlosspark, sondern einfach so auf einem Acker herumpicken zu sehen.

Unter den Felswänden des Finaltals liegt das putzige Örtchen Kallmünz. (Der Name hätte mir eine Warnung sein müssen.) Am rechten Ufer erstreckt sich ein kleiner Marktplatz, umgeben von bunten Häusern, deren Farben gegen den Nebel und die Abenddämmerung ankämpften. Hinter den Fenstern brannte warmes Licht. Zumindest in den Privatwohnungen, in den Geschäften war es kalt und still.

Am anderen Ufer werden die Gassen kleiner und weißer, dafür brannte endlich mal im Erdgeschoss ein Licht. Und zwar im Schmalzkuchl.
Als mein Magen den Namen las (also quasi), war er der Meinung, ich sollte da jetzt reingehen. Auch wenn ich dadurch das letzte Tageslicht verpassen würde, egal. Ich zwängte mich in den gut gefüllten und vor allem warmen Gastraum, und bestellte ohne nachzudenken. Auch, wenn ich nicht genau wusste, was sich hinter Worten wie Kiachlschmarrn verbarg (Im Prinzip halt Kaiserschmarrn ohne Rosinen).

Erst beim Warten fiel mir, siedendheiß wie die heiße Schokolade, ein, dass ich keine Geldautomaten gesehen, nicht mehr viel Bargeld und gar nicht gefragt hatte, ob sie Karte nehmen.
"Nein, aber kein Problem, Sie können anschreiben lassen."
Und weg war sie wieder, ehe ich weiter nachhaken konnte.
Anschreiben, aha. Diese kontaktlose Zahlungsmethode kannte ich bislang nur noch aus Geschichten. Soweit ich weiß, wird dabei der abgebuchte Betrag auf einem analogen Datenspeicher namens Tafel eingegeben. Dieser Bezahlvorgang ist, anders als Paypal, ApplePay und Visa, vollständig unabhängig von Strom- und Internetausfällen, kann jedoch mit einer simplen Hacker-Software namens Schwamm manipuliert werden. Außerdem, und das war das eigentliche Problem hier, ergibt Anschreiben doch nur Sinn bei Einheimischen oder Urlaubern, die länger bleiben und deshalb irgendwann zum Bezahlen zurückkommen, oder? Mein Auftreten und vor allem Aussprechen müsste eigentlich verraten haben, dass ich zu keiner der beiden Gruppen gehörte. Beim Abrechnen wollte ich einfach vorschlagen, dass sie mir Daten zum Überweisen geben, aber ehe ich mich versah, hatte schon jemand die fehlenden Kallmünzen auf den Tisch gelegt. Ach so, auch gut, danke sehr.

Nach den letzten Kilometern im engen Flusstal fuhr ich auf Mariaort rauf, eine Halbinsel mit kleiner Klosterkirche. Am anderen Ufer der Donau leuchtete bereit Regensburg und machte seinem Namen alle Ehre, denn es hatte ein leiser Nieselregen eingesetzt, zum Glück erst jetzt. Ein Bauer hat auf dieser Spitze zwischen den Flüssen ein keltisches Hügelgrab gefunden. Die Finaltäler der Naab und Regen waren natürliche Einfallschneisen, und deshalb mussten die Römer drüben in Regensburg dieses Gebiet besonders gut befestigen.
Ich fuhr über die überraschend wenig holprige Wiese, bis ich zwischen kahlen Hecken auf einen Grabstein stieß. Zumindest sah er auf den ersten Blick wie einer aus, aber im Licht der Handytaschenlampe erkannte ich... äh, soll das eine Zeichnung der beiden Flüsse sein? Und sind das Entfernungsangaben wie auf einem Meilenstein? Jap, danke, jetzt weiß ich, wo es zum Schwarzen Meer geht, da wollte ich heute noch hin.
Schwarz waren die beiden Flüsse ja immerhin schon, auch wenn die Donau im Licht der Stadt leicht orange glühte. Nur leicht, denn das eigentliche Stadtzentrum ist noch fünf Kilometer weiter. Ganz so weit musste ich zum Glück nicht mehr, denn der Stadtteil Prüfening da drübening hat einen eigenen Bahnhof.


22 November 2025

Naab: Von Silberhütte nach Weiden

Bis vor Kurzem war die Naab für mich bloß einer von vielen Flüssen im berühmten Donaugedicht, und die Oberpfalz hätte ich auf einer Deutschlandkarte nicht korrekt anzeigen können. Doch unverhofft bot sich mir eine wunderbare kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit am Waldnaab-Radweg.
Und nicht nur das, auch für die Anreise bot sich eine ganz neue Möglichkeit: Der freundliche Gastgeber fuhr uns gleich hoch zum Wanderparkplatz/Wendeschleife/geschlossenen Gasthaus Silberhütte. Danke dafür, sonst wäre das echt schwierig geworden, hier hinzukommen. Noch besser: Jetzt geht es fürs Erste nur bergab! Aber vorher erstmal die Vorderräder wieder einsetzen, denn im Gesamtpaket haben die Räder nicht in den Kofferraum gepasst.


Wenige Waldwege später beginnt die Waldnaab in einer eingesunkenen Rinne moosiger Steine. Diese Quelle hat zwei Besonderheiten: Erstens kommt da kein Wasser raus, sondern allem Anschein nach nur Laub. (Immerhin ist es am Anfang der Rinne etwas feuchter.)
Und zweitens liegt die Quelle allem Anschein nach haargenau auf einer Grenze. Nicht nur in der App ist die Grenzlinie so eingezeichnet, auch vor Ort standen links und rechts der Quelle je ein weißer Grenzstein, der eine tschechisch (C 11, im Bild), der andere deutsch (DB 11 - Deutsche Bundesrepublik oder wat? Wer kürzt das denn bitte so ab?)
Auf einer steinernen Bank sind die bunten Wappen der Städte an der Waldnaab eingemeißelt.
Der Blätterfluss macht erstmal einen kleinen Bogen rüber in den den tschechischen Wald.

Wir dagegen holperten entlang der Grenze über den rauen Waldpfad, welcher ein Radweg sein sollte. Damit verursachten wir die einzigen, oder zumindest die mit Abstand lautesten Geräusche in diesem menschenleeren Grenzwald.
Und wenn ich entlang der Grenze sage, dann meine ich damit: Der Pfad liegt wirklich haargenau auf der Grenzlinie. Das ist eine echte Seltenheit auf dem ehemaligen Eisernen Vorhang und anderswo, es hat aber auch seine Nachteile. Tschechien hat ausgerechnet auf diesem Abschnitt beschlossen, ganz penibel Grenzsteine aufzustellen (sonst kenne ich das nicht von denen), und die standen dann auch wirklich exakt in der Wegmitte. Hmm, weiche ich denen jetzt über Deutschland oder über Tschechien aus, oder mache ich einen internationalen Slalom draus?
Die Trennung der Tschechoslowakei wurde auf diesen Steinen pragmatisch umgesetzt: Das eingravierte S wird einfach nicht mehr in schwarz ausgemalt, nur noch das C. Warum sie aber das tschechische Häkchen auf dem Č ebenfalls nicht mehr ausmalen, bleibt unklar.

Nach vielleicht einem Kilometer war die skurrile Holperei auch schon zu Ende. Geradeaus zog sich eine schnurgerade Schneise durch den Wald, in der die Grenzsteine unverändert weitergingen. Wir aber bogen ein nach Deutschland auf einen gewöhnlichen Waldweg.
Auch die Waldnaab kehrt zurück. Irgendwo in Tschechien muss sie echtes Wasser aufgetrieben haben, und so plätscherte sie kristallklar über den braunen Waldboden, durch das eine oder andere Betonrohr unter dem Weg durch und durch ein die ersten hübschen Minischluchten.

Trotz ihres Namens ist dann erstmal Schluss mit Wald an der Waldnaab. Der Waldweg wird zur Straße, und im Tal häufen sich die Häuser an zur ersten Naabstadt.

Zählt das schon als Stadt? Bärnau wirkt erstmal wie eine Kreuzung mit einer Kapelle und einem abgehalfterten Karpfen. (Ein paar Kilometer weiter stand ein ähnlicher Karpfen in einem Vorgarten, nur dass er dort komplett mit bunten Fotos bedruckt war.)
Dass die hier Karpfen gezüchtet haben, ergibt Sinn, wenn als Abnehmer links ein Bundesland und rechts ein kompletter Staat liegt, in dem Karpfen das traditionelle Weihnachtsessen sind. Aber Bärnau zelebriert die Nähe zu Tschechien noch auf andere Weise.

Denn gleich am Ortseingang erstreckt sich der deutsch-tschechische Geschichtspark Bärnau-Tachov, ein internationales Freilichtmuseum. (Tachov/Tauchau ist die erste tschechische Ortschaft hinter der Grenze, aber nein, liebe Gamer, es ist nicht das Tachau, welches durch seine Nachbarschaftsfehde in einem Computerspiel einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat.)
Ein frühmittelalterliches Slawendorf und eine hochmittelalterliche Kleinstadt stehen hier in direkter Nachbarschaft. Auch die Gruben-, Block-, Flechtwand-, Pfosten und Fachwerkhäuser innerhalb desselben Dorfes könnte man mit einer Zeitmaschine selbst in der Region Bavaria Slavica wahrscheinlich nicht direkt nebeneinander finden. Es geht schließlich darum, die Geschichte der Baukunst zu zeigen, und immer nur denselben Haustyp nebeneinander zu bauen, wäre ja auch langweilig. Mehrere Quellen zeigen, dass in diesen Häusern nicht nur Franken, sondern auch Slawen lebten.

Wann und wo genau dieser Haustyp nun gebaut wurde, verrät der Audioguide. Wie man dagegen die ganzen Stoffe, die da drin ausliegen, so schön bunt bekommt (Spoiler: Vegan ist es nicht, man muss Läuser zerquetschen.) und spinnt, das verraten die verkleideten Schauspieler. Im Sommer leben sie hier tatsächlich eine Zeit lang im Dorf, es wird also auch für sie eine Art immersives Erlebnis, dem sie aus einer gewissen Leidenschaft nachgehen.

Zur Anlage gehört eine Wiese mit slawischem Kultplatz (oder, so wie es für mich aussah: eine Wiese) und ihr Nachfolger, eine frühe Kirche in einem Blockhaus, ganz in weiß.

Im frühen Hochmittelalter hatte das Dorf zur Verteidigung schon eine Burg, die jedoch etwas anders aussieht als das, was wir allgemein unter einer Burg verstehen. Im Ernstfall verzogen sich die bayrischen Slawen auf den Hügel hinter die Palisaden zurückziehen, und von da aus im noch ernsteren Ernstfall über die Holzbrücke ins 1. Obergeschoss des Turms.
So eine Burg nannte sich aus irgendeinem Grund Motte. Hoffentlich hatten sie genug zu Essen für eine Belagerung da drin, dann war es zumindest eine Lebensmittelmotte. Weil das hier eine ganz frühe Form der Motte ist, besteht der Turm nur aus Holz, nicht mal mit ein bisschen Lehm. Die Brandpfeile freut es.

Am Rande des Parks wird seit 2018 etwas aus dem Spätmittelalter aufgebaut, nämlich eine Reisestation für den deutsch-tschechischen Kaiser Karl IV. Sie ist noch fertig, und bis sie es ist, wird es noch eine ganze Weile dauern, denn Bagger, Betonmischer und gelbe Liebherr-Kräne sind hier strengstens verboten. Es darf nur mit dem gebaut werden, was es damals gab, zum Beispiel übergroßen Hamsterrädern, etwas, auf das sogar die dubiosesten Bauunternehmer heutzutage verzichten. Die experimentellen Archäologen planen einen Palas, zwei Fachwerkhäuser, eine Wehrmauer, ein Torhaus und eine Kapelle. Die Reisestation soll zur zweitgrößten Mittelalter-Baustelle Europas heranwachsen und etwa 2038 fertig sein. Gerade arbeitete niemand, die Besucher durften aber auch nicht ins Hamsterrad steigen und mit anpacken. So isses kein Wunder, dass das 20 Jahre dauert.

Hinter Bärnau fuhren wir ein Stück Vizinalbahn-Radweg. Wat für eine Bahn? Eine Vizinalbahn ist einfach nur eine günstigere Nebenbahnstrecke, die aber trotz ihrer Günstigkeit erstmal irgendwie finanziert werden muss. Hier machten das zur Hälfte das Königreich Bayern, zur anderen Hälfte Überschüsse der Staatsbahn, und die Gemeinden bezahlten den Grundstückskauf und die Erdarbeiten, dafür kriegten was von den Einnahmen ab. Die Stadt Tirschenreuth beschaffte sich das Geld, indem sie den Malzuschlag für die Bierbrauer anhob. Jeder Biertrinker der Stadt finanzierte also die Bahn. Bayrischer wird es heute nicht mehr.
Der Bahnradweg ging durch helle Hohlwege und hoch über noch helleren Feldern dahin. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das Laub wegzuräumen, aber wir hatten Glück, alles war ziemlich trocken und null rutschig.

Im Prinzip kann man auf dem Vizinalbahn-Radweg bis Tirschenreuth durchfahren, dann hätten wir aber den Blick auf den einzigen Stausee der Naab verpasst, den Hochwasserspeicher Liebenstein. Er schmiegt sich recht unerwartet in die grünen Felder, landschaftlich hätte ich jetzt nicht mit einem Stausee gerechnet, hätte die Karte ihn mir nicht gespoilert. An seinem Rand sind aber die vertrauen felsig-grauen Riffellinien der unterschiedlichen Wasserstände, wie sie auch bei Stauseen mitten im Gebirge vorkommen.

Und noch ein Juwel hätten wir auf dem direkten Wege nicht entdeckt. An der Straße stand ein Wegweiser zur Burgruine Liebenstein. Im 12. Jahrhundert lernten die Menschen der Bavaria Slavica nämlich doch noch, Burgen aus Stein zu bauen, so stabil, dass hoffentlich noch ein bisschen originale Substanz übrig ist. 
Schauen wir mal, der Berg sieht gar nicht so hoch aus, und eine Pause brauchen wir eh - rauf da! Und es war wirklich ein traumhafter Ort für eine Pause. Der Berg ist Buckel voller Felsplatten, und aus den hinteren ragen ein paar alte Burgmauern auf, die aussehen, als seien sie direkt aus dem Fels gewachsen. Sogar die Zugbrücke wurde nachgebaut, und es gibt zwei Rastplätze - einen vor, einen in der Burg. Und auch einen Beschützer hat die Burg, nämlich eine gehäkelte Raupe in einer Prospekthülle: Ich ging nicht verloren, ich wurde für dich geboren. Ich bin ein kleiner Talisman, der deine Sorgen fressen kann. Als Zauberraupe winzig klein will ich dein Begleiter sein. Och.

Diese Burgmauern sind aus dem 14. und 15. Jahrhundert, aber zum Teil wurden auch Quader von der vorherigen Burg recycelt. Obendrauf kam ein weißer Palas aus Fachwerk wie bei der Wartburg, nur viel kleiner, und eben längst vermodert. Die Liebensteiner waren eine der mächtigsten Ministerialen-Familien des Egerlandes. (Okay, wie viele Ministerialen-Familien hatte das Egerland eigentlich genau?) Jedenfalls, bis sie ausstarben und die Burg an ein Kloster ging. Links im Bild ist eine Zisterne zu erkennen, in der sie 20 000 Liter Regenwasser sammeln konnten.
Hm, als wir so drinstanden und über den knirschenden Kiesboden schlenderten, sahen die Mauern doch überraschend frisch aus. Aber bei der Rekonstruktion wurden sie angeblich nur freigelegt und "ergänzt".

Sodann kehrten wir zurück auf den Vizinalbahnradweg, den jetzt streng geradeaus führt und wie die Waldnaab in trübe Sumpftäler abtaucht.

Aber schließlich windet sich die Bahntrasse vorbei an einer hellen Stadt namens Tirschenreuth. Hier wurde das originale Pfostenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat. Die Stadt war lange eine Insel, bis die Bewohner dem Kloster seine Stauteiche abkaufen und trockenlegten.
Wir irrten durch ein Gewerbegebiet und schnauften hinauf auf den extrabreiten Marktplatz, dessen Arkaden noch stark an die böhmischen Bögen Tschechiens erinnern. Meine Güte, ist der lang, der Platz könnte ja zwei bis drei Kleinstädte mit Marktplätzen versorgen! Aber halt auch mit nichts anderem. Wir wollten uns in der Bäckerei bei einem Heißgetränk aufwärmen - tut mir leid, wir schließen jetzt. Im Gegensatz zu den anderen Cafés, die hatten schon geschlossen oder waren generell schon in der Winterpause.
Über dem Platz wacht Johann Andreas Schmeller, Mundartforscher und Verfasser des Bayrischen Wörterbuchs (ich habe in der Schule gelernt, Mundart hat keine Rechtschreibregeln - Schachmatt, Herr Schmeller). Die Folklore der Oberpfalz hat viele Regionalforscher angezogen. Die einen haben die Sprache aufgeschrieben, die anderen ihre Sagen und Märchen. In Tirschenreuth spielte eine Variante des Rattenfängers von Hameln, bei der die Kinder am Ende vom Rattenfänger in einen Berg gesperrt werden - aber da taucht ein Käfer auf und schenkt einem Jungen den Schlüssel in die Freiheit, und eine Märchenprinzessin wartet auch noch auf ihn. Angeblich soll das die Originalgeschichte sein, es wirkt aber eher, als hätte jemand nachträglich ein Happy End obendrauf geklatscht.

Als nächstes fuhren wir auf der Straße, oder besser gesagt, auf der ehemaligen Straße. Diese asphaltierte Landstraße hat anscheinend ausgedient, der Ersatz windet sich ein paar hundert Meter weiter um die Äcker und Felder. Die alte Straße dient uns nun als extrabreiter Fahrradweg, wunderbar!

Anscheinend befinden wir uns auch im Stiftland (keine Ahnung, inwieweit sich dieser Begriff mit dem Egerland und der Oberpfalz unterscheidet oder überschneidet) alias Land der tausend Teiche. Die Karpfenteichlandschaft ist Unesco-Weltkulturerbe, und die erste Teichen kommen... schon vor einigen Kilometer, ups, wir haben sie auf dem Ehemaligen-Landstraßen-Radweg übersprungen (der wohl gar nicht der offizielle Waldnaab-Radweg war). Hier mal trotzdem ein paar Fotos aus der Trischenreuther Teichpfanne. Der auffällige Aussichtsturm heißt Himmelsleiter und ist somit besonders Typen zu empfehlen, die ihren Zwillingsbruder um sein Erbe betrogen haben und deshalb auf der Flucht sind. Sie ist nur eins von mehreren christlich angehauchten, rechteckigen Objekten aus Holz und Beton.
Außerdem wurden hier wilde Wasserbüffel angesiedelt,

Unter der Burg und dem spitzen Kirchturm von Falkenberg wird das Flussbett der Waldnaab gerade komplett umgebaut. Keine Brücke, was nun? Ein paar Meter weiter nach rechts ausweichen, da steht die nächste.
So, und nun ist Schluss mit Entspannung. Es geht wieder steil aufwärts und rein in den Wald.

Dort folgen die nächsten Teiche. Nur manche halt ohne Wasser, davon liefert der Mühlnickelbach im Winter wohl nicht genug. Der kleine Bach wand sich durch den zähen Schlamm, durch Teich um Teich.
Für diese Mühe sollte er reich belohnt werden.

Bald türmten sich knubbelige Sandsteinfelsen rund um ihn auf, und die Schlammflächen wurden abgelöst durch eine traumhafte Schlucht - Zeit für die zweite Rast. Schließlich kamen wir wieder unten an der Waldnaab heraus, die jetzt auch ein Sandstein-Outfit trug, das schon fast ans Kirnitzschtal herankam. Bin ich hier wirklich in Bayern? Ich könnte schwören, das ist das Elbsandsteingebirge. Nur der Fluss ist noch relativ ruhig.
Dieses Waldnaabtal ist in erster Linie Naturschutzgebiet und eine beliebte Wanderstrecke. Radfahrer können bloß im Mittelteil ein Stück auf einem normalen Waldweg dabeisein. Die Wanderer wanderten am anderen Ufer auf ihrem schmalen Pfad, hin und wieder über Holzbrücken. Ein Hund mühte sich kläglich an den rutschigen Stufen ab, bis sein Herrchen ihn herübertrug.

Die Burg in diesem Tal ist schon lange komplett verfallen, aber hin und wieder sind als menschliche Werke irgendwelche Heilige anzutreffen, in Bildern oder gemeißelten Reliefs, vom Heiligen Antonius bis zum Heiligen GIERSCHGEFCANDJURI... was? Ach so, das sind Gefallene des Krieges.

Und natürlich haben ein paar markante Felsformationen auch Namen abbekommen, obwohl das Waldnaabtal in der Hinsicht nicht ganz so kreativ ist. Dieser Tisch (Tirschenreuther Tisch?) heißt Fischstein, weil hier ein Geiger ertrunken ist, aha.

Vorzeitig mussten wir Radler das schöne Tal jedenfalls wieder verlassen und die Waldberge rauf. In Windischeschenbach (das kommt von wendisch, wieder ein Hinweis auf die Slawen) ist das besondere Tal dann zu Ende, und die Fichtelnaab fließt vom Ochsenkopf kommend dazu. Laut manchen Quellen heißt der Fluss, dem wir bisher gefolgt sind, auch Tirschenreuther Waldnaab, und erst ab dem Zusammenfluss mit der Fichtelnaab ist es einfach nur die Waldnaab.

Wenn man diese Namensgebung akzeptiert, dann ist die Waldaab aber kein sehr attraktiver Waldfluss. Was jetzt kam, hat ehrlich gesagt einfach bloß noch genervt. Der erste Anstieg aus dem Tal raus ging ja noch, mit dem hatte ich auch gerechnet. Nicht auf dem Schirm hatte ich, dass danach für fast den Rest des Tages genauso intensiv rauf und runter geht, rauf und runter, über die Waldnaab und rauf und runter. Landschaftlich war dieses Ackertal auch nicht mehr wirklich spannend, und die einbrechende Kälte und Dämmerung taten ihr Übriges.

Sehr erleichtert waren wir also, als wir von oben auf die Vororte und Tankstellen von Neustadt an der Waldnaab herabstießen. Ab hier übernahm mein Oberpfälzer die Navigation und suchte Schleichwege zwischen den Einfamilienhäusern hindurch.

Das hier ist die Altstadt von Neustadt. Bei genauem Hinsehen ist auch erkennbar, warum ich sie nur aus der Ferne fotografiert habe: Sie lag oben.

In Neustadt beginnt übrigens auch ein zweiter Oberpfälzer Bahnradweg. Der sogenannte Bockl Radweg (hihi) ist ein gutes Stück länger als die Vizinalbahn, dieses Video zeigt auch nur ein Teilstück.

Der Waldnaab-Radweg wollte uns schon wieder am linken Ufer irgendwo hochschicken, aber wir weigerten uns. Das Tal hatte sich endlich geweitet, es gab Wiesen, Hauptstraßen und Bahngleise, zwischen denen es sich weitaus bequemer durchschlüpfen und durchholpern ließ bis zu den Vorstadtvillen der nächsten Stadt.

Weiden in der Oberpfalz ist das, oder zumindest ein, Zentrum der Region und zieht sich überraschend weit hin. In der Mitte umschließt eine Stadtmauer mit schmalen Parkstreifen die Altstadt.

Die ist schlicht und pastellfarben geraten, hier und da mit barocken Schnörkeln. Auf den Stadttoren leben Schlingpflanzen, was gerade aber jahreszeitlich bedingt nicht ganz so sehr ins Auge stach.
Die Stadtbefestigung war wichtig, denn aus dem Osten kam nicht nur das Geld der Händler auf der Goldenen Straße (Prag - Nürnberg), sondern eben auch Feinde, und das bedeutet in Weiden: Hussiten. So unterschiedlich sind noch immer die Sichtweisen auf die Geschichte: Im protestantischen Norden sind die Hussiten frühe Reformatoren und damit erstmal grundsätzlich positiv. Die Weidener kamen zwar alle neugierig gucken, als Jan Hus durch ihre Stadt zog. Doch Jahre später, als Hus verbrannt und seine Anhänger schwerbewaffnet vor den Toren standen, waren die Hussiten in erster Linie feindliche Invasoren. Zumal die Katholiken gerade erst in Weiden beraten hatten, was man gegen sie unternehmen könnte (offenbar mit mäßigem Erfolg).

Die Weidener sahen die Hussiten rechtzeitig, schlugen Alarm und verrammelten die Tore. Die Hussiten zogen ab und verwüsteten lieber Sachsen/Thüringen, um von da aus wieder Richtung Süden nach Franken einzufallen. Soweit die Geschichtsbücher. Die Sage erzählt von einem zweiten Versuch, an die Reichtümer von Weiden zu kommen, diesmal etwas raffinierter. In finsterer Nacht krochen die Hussiten an die Stadtmauer heran und gruben einen kleinen Tunnel, durch den sie... nein, sie krochen nicht durch, sondern ließen Wasser rein, das ein ganzes Mauerstück zum Einsturz bringen sollte.
Die Stadtbewohner schliefen und bekamen nichts mit. Aber das kleinste Glöckchen im Rathausturm fing plötzlich an zu wimmern. Und auf magische Weise drang der Ton durch alle Türen und weckte die Stadt auf. Dem "Hussitenglöckerl" sei Dank konnten die Männer das Loch rechtzeitig mit Sandsäcken verstopfen, Weiden blieb unerobert und katholisch.

Keine Sage dagegen ist die Geschichte hinter diesem Brunnen: Er enthält eine Leitung zum nahen Hotel. Einmal im Jahr schickte das Hotel aus den Fässern in seinem Keller Bier in die Leitung, und zapfte es mitten auf dem Markt - genau aus dem Loch (Bierlöcherl?) links im Bild.