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27 Juli 2025

Lahn: Von Runkel nach Lahnstein

Filahne! Den letzten Tag hatte ich mir nach Betrachten der Karte lahnsinnig bergig und Tandem-ungeeignet vorgestellt, aber tatsächlich wäre er wahrscheinlich auch mit Tandem klargegangen. Der schöne Uferweg ab Weilburg geht nämlich noch weiter.


Die Tetra Pak AG (ja, das schreibt man so) zeigt stolz, dass sie seit 77 Tagen unfallfrei ist. Ist das wirklich ein guter Wert, sind Tetrapacks so gefährlich?

Die nächste Fachwerkstatt ist sehr auf Fahrräder eingestellt. Zumindest kommuniziert sie vor dem Brückentor auf der Alten Lahnbrücke ein ganz strenges Verbot, Zweiräder zu überholen. Über diese Brücke lief die Handelsstraße von Antwerpen nach Byzanz/Istanbul. Die Limburger wurden reich, indem sie für diese Brücke neben Überholverbot auch Zölle anordneten, obwohl der König das gar nicht erlaubt hatte.
Und auf der Radstätte vom Radweg Deutschen Einheit läuft sogar das Display und zeigt genau das Startmenü an, das es zeigen soll. Mehr als dieses Menü zeigt es leider nicht, denn der Bildschirm reagiert weder auf Berührung noch auf Mausklicks. Trotzdem ist das die am besten funktionierende Radstätte am RDE.

Selbst in manchen der engen Altstadtgassen darf man Rad fahren, wenn die Situation es zulässt. Anfangs ließ es die Situation zu, denn die Gassen waren leer bis auf eine etwas abgehalfterte Frau, die umherirrte, Gott und die Welt beschimpfte und dem Haus der Sieben Laster die Zunge herausstreckte.
Das Haus streckte ihr die ebenfalls die Zunge raus.
Genau genommen hatte das Haus sogar damit angefangen. Denn an den Köpfen der Fachwerkbalken glotzen sieben bunte Gesichter auf die Straße und stellen die sieben Todsünden dar (im Bild von links nach rechts: Wollust, Unmäßigkeit, Zorn und Trägkeit). Welche Art von Zungeausstrecken, Schnauzbart und dämlichem Gesichtsausdruck nun genau für welche Todsünde steht, ist auf den ersten Blick nicht so ganz eindeutig. Bei der Limburgerin, die im Clinch mit diesem Haus lag, lag die Sache schon klarer: Das sah stark nach Zorn aus.

Genau wie in Wetzlar war die Stadt erst sehr wichtig und dann plötzlich nicht mehr, was eine super Voraussetzung ist, um viel Altstadt zu erhalten. Alles ist krumm und schief und süß und trotzdem frisch wie aus dem Ei gepellt. Auf dem Fischmarkt prangen noch immer Metallfische an den Fassaden.
Genau wie in Frankfurt heißt der zentrale Platz in der Altstadt einfach nur Römer. Wobei ich bei der Enge gar nicht so leicht erkennen konnte, wo da jetzt der Platz sein soll. Mittendrin steht nämlich nochmal ein Fachwerkblock: Römer 2-6. Hinter diesem eher stumpfen Namen verbirgt sich das älteste freistehende Haus Deutschlands (von 1289). Obwohl, wieso ist das freistehend, wenn sogar der Name sagt, dass das eigentlich fünf Häuser sind? Wann zählt etwas als Haus und nicht als Häuserblock?

Der Vergleich mit Wetzlar war natürlich nicht ganz fair, denn erstens ist Limburg schon eine Nummer größer und zweitens kam Limburgs Einfluss nicht aus der Justiz, sondern aus dem Handel und der Kirche. Womit wir beim Thema wären.
"Erinnerst du dich noch an Tebartz van Elst?", fragte ich.
"Na klar."
"Und war er auch das erste, woran du bei Limburg denken musstest?"
"Jap."
Was sind schon über tausend Jahre Geschichte gegen einen Bischof, der sich am Haus der sieben Laster von der Gier inspigieren ließ und verheimlichte, dass seine neues Bischofshaus 31 Millionen statt 2 kostet? Das Bauprojekt, das vor einer Ewigkeit in den Schlagzeilen stand, steht längst fertig direkt neben dem Dom, ein seltsames Ensemble aus Stadtmauern, einem Limburger Fachwerkhaus (diesmal wirklich freistehend) und einer eigenartigen Black-Box-Kapelle (rechts im Bild). So groß sieht das Ding gar nicht aus (was vielleicht ein Grund war, warum der Bischof sich noch eine Extrawohnung unten in den Fels fräsen ließ). Bei der schlechten Presse ist es kein Wunder, dass der neue Bischof Bätzing nicht darin wohnt, sondern alles als Museum für Reliquien und Archäologie freigegeben hat. Das Schlafzimmer ist nun ein Lagerraum. Und wo schläft nun der arme Elst? Keine Sorge, dem geht's gut, er ist jetzt Kurienbischof in Rom.

Am Dom mussten wir kurz warten, es fand eine Messe statt. Kein Wunder, denn hier findet noch jeden Tag um 10 eine statt. Und kaum war sie vorbei, starteten sofort die Domführungen. Na, hier ist ja richtig Betrieb.
Der Dom hat sieben Türme, keine Kirche in Deutschland hat mehr (oder gleich viele). Von außen ist der Dom weiß mit roten Streifen, also im Prinzip genau wie ein Limburger Fachwerkhaus. Und von innen... also, ich habe mich noch nie in einer Kirche so sehr wie in einem Innenhof gefühlt. Die vielen Fenster mit Gängen dahinter, die ganze Helligkeit und die Kreuzung aus zwei Kirchenschiffen, da musste ich mich doch einmal mehr daran erinnern, dass ich in einem Gebäude war und nicht auf der Straße.
Der Dom ist so wahnsinnig hell, weil 1968 ein Haufen Restauratoren vier Jahre lang sehr vorsichtig, aber intensiv dran rumgeschrubbt haben. Es waren nicht allein die Abgase des Industriezeitalters, die sie abkriegen mussten, sondern auch jede Menge Kerzenruß aus den Jahrhunderten davor. In einem Seitenraum (unten links) haben sie mit Absicht ein paar Bögen schwarz gelassen, damit mit man auch einen authentischen Eindruck hat, wie hart sie geschuftet haben wie die Kirche während des Großteils ihrer Geschichte aussah.

Dabei wurden auch jede Menge Bilder aus dem Mittelalter freigelegt. Einige haben sie neu ausgemalt, andere hatten noch genug Farbe, dass man sie so lassen konnte. Wo hat man sonst Gelegenheit, ganz locker an 800 Jahre alten Bildern vorbeizugehen, so nah, dass man sie anfassen könne (aber nicht sollte)?
Vor diesem Bild liegt das Grab von Konrad Kurzbold. Dieser kurze Graf hat kurzentschlossen vor über tausend Jahren kurzerhand das St.-Georg-Stift gegründet, der Ursprung der Stadt und gleichzeitig der Grund, warum ihre Geschichte (sogar bis heute in unseren Köpfen) so eng mit der Kirche verknüpft ist.

Wir wechselten von Hessen nach Rheinland-Pfalz, fuhren in Diez über die erste Steigung drüber und kurz an der Straße, dafür aber mit Blick auf das Grafenschloss und (zur Abwechslung mal nicht rote) Fachwerkhäuser. Eigentlich bietet Diez das schönste Stadtpanorama auf der Radstrecke, in Limburg war der Blick vom anderen Ufer aus immer etwas verdeckt. Die Grafen hier hatten einen besonderen Draht zu den Niederländern und haben ihnen beim Zurückerobern von den Spaniern geholfen. Mit Auswirkungen bis heute: Die damaligen Grafen sind direkte Vorfahren des heutigen niederländischen Königs, und die Niederlande haben die Sanierung von Schloss und Museum kräftig mitbezahlt.

Dann wurde es wieder still in der Lahndschaft. Sogar das Wasser war außergewöhnlich ruhig. Fließt da überhaupt noch was? Im Wasser war kaum noch Bewegung zu sehen, und als uns in der nächsten Kurve der Wind entgegenblies, sah es aus, als würde die Lahn rückwärts fließen.
Sogar Seerosen überleben in diesem stillen Wasser. Da muss gleich definitiv ein Stauwehr kommen. (Es kam eins.)

Das nächste Stück war bis vor Kurzem lebensgefährlich: Auf der steilen Serpentinenstraße nach Holzappel (der offiziellen Route) gab es schwere Unfälle, und auf dem abbröckelnden Pfad am Ufer stürzte ein Radfahrer sogar tödlich ab. Die Bürgerinitiative empfahl einen (auch sehr steilen) Schleichweg über Privatgrundstücke, mein Reiseführer rät, einfach eine Station Zug zu fahren.
Zum Glück ist das alles Vergangenheit, denn die Lücke wurde geschlossen mit der sogenannten Zwei-Brücken-Lösung.
"Klingt das für dich auch nach Nahostkonflikt?"
"Jap."
Naja, ich hoffe für alle Beteiligten, dass die Lösung nicht ganz so schwierig war. An den felsigen Hängen des Gabelsteins (hinten im Bild) wechselten wir auf besagten zwei silbrigen Brücken kurz ans linke Ufer und zurück, und fertig war der Lack.

Der Gabelstein war übrigens der letzte Fels, der auf -stein endet. Ab jetzt gibt es Allerley-Felsen: Wolfslei, Liebeslei, Kux-Lay... ein klares Zeichen, dass wir uns dem Mittelrhein (inkl. Loreley) nähern. Die Burgen obendrauf sind Privatbesitz.
Aber nun ließ unsere Leystung allmählich nach. In Limburg hatten wir noch keinen Hunger, jetzt schon. Nach ein paar Kilometern straßenbegleitendem Radweg kehrten wir in Obernhof in den erstbesten Campingplatz-Imbiss mit dem genderqueeren Namen Tante Horst ein und erwarteten nichts Besonderes. Auf jeden Fall keinen so netten Herrn, der ein frisch geklopftes und ungewöhnlich gutes Schnitzel brachte.

So, nun kam eigentlich der einzige wirklich schwierige Abschnitt, wo es mit dem Tandem kritisch geworden wäre. Wir hechelten und schoben den schlimmsten Anstieg zum Kloster Arnstein hoch, danach lief der Kiesweg die ganze Zeit an den Felswänden auf und ab. Einmal war sogar ein Stück des Weges abgestürzt und abgesperrt. Aber selbst das ging noch.

Dieser Bereich ist eine der wenigen Stellen, wo noch die superseltene Würfelnatter lebt, eine komplett harmlose Wasserschlange mit quadratischen Flecken auf dem Kopf, die kleine Fische frisst.

Die Lahn hat schon einen seltsamen Aufbau: In der Mitte ist sie eher flach, und das klassische enge Lahntal mit den berühmten Städtchen, Weinbergen und Badeorten kommt gegen Ende. Ein bekanntes Städtchen ist sicherlich Nassau - ganz sicher nicht wegen seiner Größe, sondern deshalb, weil wichtige Adlige ein Nassau im Namen hatten. Sie zogen im Laufe in der Zeit von der hohen Burg runter in die Stadt und irgendwann in die Niederlande und Luxemburg, wo ihre Nachkommen noch heute wichtig sind.

Auf der nächsten Infotafel behauptete ein Soldat namens Astericus Flavius, wir würden jetzt schon wieder eine Grenze überqueren: Von GERMANIA LIBERA ins IMPERIUM ROMANUM (Provinz GERMANIA SUPERIOR).
Aus den Bergen des Taunus kommt der Limes inklusive Limes-Radweg, der einzige andere Grenzradweg neben dem Eisernen Vorhang. Genau wie an der Innerdeutschen Grenze sollen da oben immer noch Wachtürme stehen, so nah, dass ich den ersten eigentlich hätte erkennen müssen. Konnte ich aber nicht, alles, was ich sah, war ein mutmaßlicher Solebohrturm. In Wahrheit sind von den Römertürmen nur Nachbauten oder Fundamente übrig. Ab jetzt ist die Lahn mit der Grenze des Römischen Reichs identisch, aber weitere Wachtürme aus der Antike tauchten nicht auf. Trotzdem reichte schon die theoretische Anwesenheit des Limes aus, um meine "Wann hast du das letzte Mal an das Römische Reich gedacht?"-Uhr erfolgreich auf 0 zurückzusetzen. (Besser das als die Unfalluhr bei der Tetra Pak AG.)

Und dann ist da noch Bad Ems, das in vielerlei Hinsicht aussieht wie das Karlsbad Deutschlands. Es besteht im Prinzip aus einer Kette von Kurhotels auf einer endlosen Promenade an der grauen Ufermauer. Darüber Felsen, Wald und eine steilsten Standseilbahnen der Welt. Weil dort gerade alles für eine Sportveranstaltung oder so abgesperrt war, haben wir uns das Ganze nur vom anderen Ufer aus angeguckt. In einem der ältesten Heilbäder nördlich der Alpen fühlten sich unter anderem der Hochadel, Russen (für die extra eine orthodoxe Kirche gebaut wurde) und Glücksritter (bis die Preußen ihr Casino verboten) wohl.
Aber wenn so hohe Tiere unterwegs sind, dann passiert eben auch mal mehr, als dass sie bloß baden, rumlaufen und Wasser trinken: Richard Wagner hat hier eine Oper fertig geschrieben und König Wilhelm während seiner Kur einen Krieg begonnen und sich selbst zum Kaiser gemacht, also quasi. Am 13.7.1871 spazierte der Kur-Kaiser über die Promenade, als der französische Botschafter aufkreuzte und verlangte, er sollte versprechen, nie wieder einen Deutschen zu unterstützen, der Anspruch auf den spanischen Thron haben könnte. Der verdutzte Willi erklärte, so was könne er ja jetzt nicht einfach so Hals über Kopf versprechen. Als Bismarck in Berlin den Bericht bekam, kürzte er den Großteil weg, damit es so aussah, als hätte der Kaiser ganz provokant die kalte Schulter gezeigt und bloß gesagt, dass er ihm nichts zu sagen habe. Bismarck fragte nochmal nach, ob Deutschland auch gut gerüstet für einen Krieg sei, dann schickte er der Presse die sogenannte Emser Depesche und wartete ab, bis Frankreich den Krieg erklärte. Den Krieg, der das Deutsche Kaiserreich vereinigen würde. Aber gut, letztendlich waren damals beide Regierungen scharf auf Krieg, also wäre es Quatsch, einem Blatt Papier oder Bad Ems die Schuld zu geben.

Der Bahnhof von Bad Ems hat die kleinste Bahnhofshalle Deutschlands - als hätte man diese riesigen Stahl- und Glasbögen aus Frankfurt Hbf, Hamburg Hbf & Co. zu heiß gewaschen und dann einem Dorfbahnhof übergestülpt. Eigentlich sollte die Halle schon längst restauriert sein, aber... naja, das hier sieht ganz und gar nicht fertig aus. Die ganze Lahntalbahn ab Limburg ist immer noch eine Baustelle bis werweißwann, weshalb wir nachher für die Rückfahrt über Frankfurt fahren müssen. Theoretisch sollte alles Anfang Mai öffnen, und sogar die Bahnapp hat wenige Tage vorher alle Züge in der App angezeigt. Die DB hat nicht mal ihrer eigenen App mitgeteilt, dass sie die Bauarbeiten nicht rechtzeitig fertigkriegen, geschweige denn der Öffentlichkeit.

Immer wieder teilt sich die Ems in zwei Arme mit einer Insel in der Mitte: Der eine Arm hat ein Stauwehr, der andere eine kleine Schleuse. Aber in den Schleusen herrschte gähnende Leere, und wir sahen nichts, das größer war als ein Paddelboot. Wer große Pötte sehen will, muss noch ein paar Kilometer bis zum Rhein durchziehen.

Aber Moment, wir sind super in der Zeit, vorher machen wir noch eine kleine Wanderung. Denn jetzt mündet der Ruppertsbach in die Lahn. Glaube ich. Die Mündung habe ich nicht gefunden, die letzten Meter sind komplett unterirdisch. Aber als wir ein Stück über einen Pfad und an der Bundesstraße liefen, fanden wir endlich die Stelle, wo der Bach in einem groß gemauerten Tunnel verschwindet. Und laut dem hölzernen Torbogen beginnt dort die Wildromantische Rupprechtsklamm.
Der Torbogen erinnerte mich an die Drachenschlucht, also hatte ich etwas Ähnliches erwartet. Ganz so wurde es dann aber nicht: Zunächst folgten wir dem Bach einen ausgetretenen Pfad hinauf. Der Pfad war dermaßen staubig und ausgetreten, dass der Schlucht trotz des Wassers, der Farne und Buchen ein bisschen die Frische fehlte. Komisch, es waren zwar einige Koblenzer Familien mit Kindern unterwegs, aber voller als die Drachenschlucht ist dieser Pfad nicht.
Die ersten Felsen schauten aus dem Staub, und wir wechselten ans rechte Ufer. Und dann ans linke. Und dann ans rechte. Und dann... immer wieder verlor sich der Pfad und wir mussten überlegen, wo genau wir jetzt nach drüben treten sollten.

Dann vereinigten sich die Steine zu Felswänden, in die sogar Drahtseile reingehämmert wurden. Anders als in der Drachenschlucht regnet es nicht von diesen Felsen, aber immerhin wurden die Felsen immer grüner, die Luft immer feuchter, der Staub verzog sich. Und schließlich zog sich die ganze Klamm zu einer engen Rinne zusammen, in der wir die Felsstufen hochstiegen. Herrlich, so habe ich mir das vorgestellt!
Das heißt aber nicht, dass die ständigen Uferwechsel aufhören.

Die typische Stelle der Ruppertsklamm kommt aber erst dahinter: Ein kastenförmiges Tal, dermaßen rechteckig, dass ich nicht weiß, ob ich der Natur das abkaufen soll. Während der Ruppertsbach durch einen Haufen Holz und Geröll rauscht, fallen an den Seiten gewaltige Wasserfälle aus Efeu runter. Und ganz am Schluss ein Wasserfall aus Wasser.
Dort befindet sich auch eine Brücke. Die Platzierung von Brücken in der Ruppertsklamm ist etwas komisch. Es gibt insgesamt zwei. Die eine auf dem Wasserfall (hinten im Bild) ist quasi nur eine Aussichtsplattform, denn an der Stelle wechselt man ausnahmsweise mal nicht das Ufer. Und die andere steht weiter unten im Staub an einer von ca. 986 Stellen, wo man das Ufer wechselt, wobei völlig unklar bleibt, warum ausgerechnet diese Stelle so schwierig sein soll, dass sie eine Brücke erfordert.

Lahnstein (bei Koblenz) kannte ich schon vom Rheinradweg. Die Stadt war lange geteilt in Ober- und Niederlahnstein. Oberlahnstein (im Süden) fand ich schon auf der Rheintour wegen des starken Verkehrs nicht so knülle. Das Schöne am Lahnradweg ist: Man muss nur durch Niederlahnstein. Und in Niederlahnstein konnten wir einfach auf dem Uferweg bis zur Mündung in den Rhein durchfahren: Eine Steinspitze mit einer rotweißen Stange und Gras, eher unspektakulär im Vergleich zur Moselmündung (fast) gegenüber. Aber das gelbe Schloss Stolzenfels und das Mittelrheintal an sich sorgen für Kulisse. (Lahnstein hat außerdem Burg Lahneck und Schloss Martinsburg, die sind nicht im Bild. Um alle Burgen am Mittelrhein zu fotografieren, habe ich nicht genug Urlaub.) Und so hatten wir hier einen der schönsten Momente des Tages, indem wir uns einfach bloß in die Gänseblümchen legten und... absolut nichts taten. Muss auch mal sein.
Zwei Nilgänse sahen das jedoch gans anders. Wir haben diese Art schon den ganzen Tag über gesehen, sie sind leicht zu erkennen an den rotbraunen Flügeln und den heftigsten Augenringen im Tierreich, als hätten sei drei Nächte lang durchgemacht. Viele Gänse ließen ihre jugendlichen Küken das Gras rupfen und stellten sich wachsam daneben. Eindeutig das Lahn-Äquivalent zu den Graugänsen an Rhein, auch wenn sie ursprünglich aus Afrika kommen. Bei dem Paar an der Mündung waren die Kleinen anscheinend schon aus dem Haus, aber die Beschützerinstinkte immer noch da. Sie watschelten auf uns zu und fauchten, bis... wir absolut nicht reagierten und sie sich zurückzogen, nur um zwei Minuten später wieder anzukommen.

26 Juli 2025

Lahn: Von Gießen nach Runkel

Manchmal ist es gar nicht so verkehrt, wenn man nicht allein Fahrradfahren kann. Einmal ganz davon abgesehen, dass sich die notwendige mentale Leistung in Grenzen hält, wenn man hinten einfach nur stumpf in die Pedale tritt, kann nämlich der Pilot auch noch hervorragend andere Tätigkeiten wie das Beschaffen des Reiseproviants, der Getränke oder sogar des Tandems übernehmen. Und, naja, weil ich am Vorabend noch auf einem Geburtstag in Gießen war und sowieso bei solchen Touren nicht unbedingt mit Weitblick oder Erfahrung glänze, war es am Morgen unserer Tour von Gießen nach Limburg fast schon ein Segen, dass mein Pilot schon des Öfteren seinen Hintern auf einen Fahrradsattel gepresst hatte – nur eben bisher noch nie auf ein Tandem.

Damit bin dann wohl ich gemeint. Aber wer hat dann die letzten Sätze geschrieben? Das war ein nicht minder mitteilsamer Mitreisender, den ich während dieser Tour im Rücken hatte. Was liegt also näher, als dazu auch gemeinsam einen Tandem-Blogpost zu verfassen?
Ich hatte mich schon lange gefragt, wie es sich wohl auf einem dieser mysteriösen Doppelfahrräder fährt. Es ist nicht leicht, überhaupt an eins ranzukommen. Die meisten Fahrradverleihe haben keins, und manche Privatpersonen vermieten ihre Tandems zwar online, antworten dann aber nicht auf Anfragen. Doch in einem Wohnblock in den Außenbezirken Gießens überließ mir ein freundlicher Typ tatsächlich sein Doppelrad unkompliziert und günstig. Dem Internetauftritt zufolge gehören zu seiner Zielgruppe Hochzeitspaare, Dates und Freunde, aber bis dato anscheinend noch keine Sehbehinderten.
Beim Abholen stellte ich zunächst überrascht fest: Man kann das Ding auch problemlos allein fahren.
Und kurz darauf: Man kann das Ding nicht ganz so problemlos zu zweit fahren.

Genau dieser Umstand sollte sich dann auch gleich bemerkbar machen, als wir schließlich vom Frühstück gut gestärkt – und in meinem Falle völlig übermüdet – unsere Tour begannen. Erste Aufgabe: Fahrradweg finden, auf Spur kommen und uns eingrooven. Vor allem Letzteres war bisher mit meinen zahlreichen Piloten immer erst einmal das Hauptproblem – auch wenn einige sich da geschickter anstellen als andere. Das Seltsamste an so einem Tandem scheint die doppelte Gangschaltung zu sein, denn die bekommt wirklich keiner so recht hin. Auch mein Pilot hatte so seine Schwierigkeiten damit, vor allem, weil er sich gleichzeitig auch noch an all seine anderen Aufgaben gewöhnen musste.
So hielten wir gleich mehrfach an – manchmal auch bloß wegen roter Ampeln, bis wir schließlich an der Lahn und dem entsprechenden Radweg waren. Die zwei oder drei missglückten Wendemanöver und seine anfänglichen Schwierigkeiten, den tatsächlichen Radweg zu finden, wollen wir an dieser Stelle einfach mal verschweigen.

Als ich an jenem Morgen aufgestanden war, hatte ich nicht damit gerechnet, eine neue Sprache zu lernen.
Anders als bei  Konstruktionen wie Bierbikes und Fahrradrikschas sind am Tandem beide Pedale und Ketten direkt verbunden, sodass man immer im selben Rhythmus treten muss. Hält der eine an und tritt der andere munter weiter, dann knallt das Pedal gern mal gegen das Schienenbein - blaue Flecken treten auf jeden Fall häufiger auf als bei normalen Rädern. Tandemfahrer verständigen sich deshalb mit eigenen Codes. Zumindest hatte mein Mitfahrer das vor Jahren auf dem Elberadweg so gemacht. Zum Beispiel:
Links/rechts hoch=Das linke/rechte Pedal soll beim Losfahren nach oben zeigen.
Drei, zwei, eins, los!=Auf Los treten wir dieses obere Pedal gleichzeitig runter.
Gehen lassen=Nicht mehr treten, Pilot bremst ggf.
Gib mal Turbo!=möglichst schnell treten, um rechtzeitig Schwung für Hügel zu gewinnen
Klingt auf dem Papier alles sehr einleuchtend, doch es während der Fahrt zu lernen, korrekt und rechtzeitig einzusetzen und sich gleichzeitig auf einer bislang unbekannten Strecke zu orientieren und dabei im Idealfall auch noch die Straßenverkehrsordnung zu beachten, das hat mich durchaus geistig beansprucht.
Der Tandem-Mietmarkt-Situation entsprechend sind solche Gefährte doch ein eher ungewöhnlicher Anblick auf deutschen Radwegen. Mehr als einmal rief ein Kind fasziniert "Ein Tandem!", während die Erwachsenen dasselbe durch nonverbales Anstarren ausdrückten. Unsere Fahrweise mag dazu beigetragen haben.

Tatsächlich gibt es über den ersten Abschnitt bis Wetzlar nicht sonderlich viel zu berichten: Man fährt an einem hier noch sehr beliebigen Fluss entlang, muss immer mal wieder gucken, wo es weitergeht, steht hier und da an einer roten Ampel und, naja, fährt stumpf geradeaus.

"Und wo ist jetzt der Fluss?", fragte mein Hintermann mehr als einmal. Antwort: Zwei Meter neben dir. Aber dichte Hecken schirmten die Lahn oftmals ab. Als Sichtschutz zur Verrichtung der Notdurft waren sie trotzdem ungeeignet.
Die Ampeln und Orientierungsschwierigkeiten rührten übrigens daher, dass ich anfangs eine kürzere Variante neben der Autobahn wählte. Weil die Wegweiser dort etwas lückenhafter waren und das Lahndem keinen Karten- oder Handyhalter hatte, verzichtete ich danach auf weitere Abkürzungen.

Und obwohl das jetzt nicht so positiv klingt, war das im Grunde genau das, was wir zum Beginn unserer Reise brauchten, denn so konnten wir die verschiedenen Gänge testen und unser Fahrverhalten aufeinander anpassen. Der aufmerksame Leser mag sich an dieser Stelle fragen, von welchem Fahrverhalten ich spreche. Was kann der Trottel hinten auf dem Tandem anderes machen als stumpf in die Pedale zu treten? Naja, nichts eigentlich. Und zugleich eine ganze Menge. Es bringt nämlich überhaupt nichts, wenn der hinten Vollgas gibt, während der vorne andauernd bremst. Generell ist ein gleichmäßiges, aufeinander abgestimmtes Tempo beider Fahrer sinnvoll, wenn man das länger als zwanzig Minuten durchhalten will. Ein gutes Duo ist deshalb in ständigem Austausch, sodass der hinten weiß, wann der vorne nichts tut, und umgekehrt. Zusätzlich wird jeder, der auch nur einen Funken Sports- oder Abenteuergeist im Blut hat, meinen Drang verstehen können, die verdammte Kiste auch mal im High Speed zu erleben. Aber findet einmal eine Strecke, die lange genug geradeaus und bergab geht, um wirklich Tempo aufzubauen. Und dann bringt den Piloten noch dazu, euch das früh genug mitzuteilen und sich nicht weiter einzuscheißen. Der gute Mann ist nämlich Langstreckenfahrer – ein Umstand, der ihm später noch sehr zu Gute kommen sollte, uns aber zu Beginn ein paar km/h Geschwindigkeit kostete.

Wir sind eindeutig ganz unterschiedliche Körpertypen, oder was auch immer der Fachausdruck dafür ist. Er äußerte Dinge wie "Ich merk gerade, wie bei mir das Aerobe nicht mehr funktioniert, aber das Anaerobe auch nicht mehr so richtig." (Oder war es umgekehrt?) Ich muss mich bei solchen Worten erstmal an den Sportunterricht zurückerinnern, was das überhaupt bedeutet. Für mich sind 10 bis 15 km/h vollkommen ausreichend, das höchste der Gefühle ein Durchschnitt von etwa 18. Für meinen Hintermann war das "Kaffeefahrt", 20 km/h sollten es schon sein, am besten 25. Dafür kann ich den ganzen Tag von 6 bis 22 Uhr fahren. Er dagegen muss die Tagesetappe dann auch wirklich in wenigen Stunden bei Tempo 25 durchziehen, ehe er zusammenklappt.  Die Unterschiede der Menschen sind immer wieder ein Quell der Faszination. Aber selten unüberwindlich.
Es ist ja nicht so, dass ich an sich etwas gegen 25 km/h gehabt hätte! Aber das Fahrgefühl war noch ungewohnt, und ich hatte stärker als bei einem normalen Rad das Gefühl, in der Kurve zu kippen. Das brachte mich instinktiv dazu, stärker zu bremsen, als es notwendig war. Sorry...


Die nächste Stadt Wetzlar ist ein kleineres Marburg, in dem wir ein paar historische Gassen rauf und runter mussten. In zwei der Fachwerkhäuschen lebten Karl Wilhelm Jerusalem und Charlotte Kestner. Falls Sie jetzt denken "Hö, wer zur Hölle soll das sein?" - ich versichere Ihnen, Sie haben mehr über die beiden gelesen, als Ihnen lieb ist. Ihr Deutschlehrer hat Sie dazu gezwungen. Charlotte (auf die Goethe stand) war das Vorbild für die weibliche Hauptfigur in "Die Leiden des jungen Werther", und der Selbstmord von Goethes Kumpel Karl Jerusalem (der auf eine andere verheiratete Frau stand) war das Vorbild für für Werthers Suizid.

Goethe fand solche Dramen viel interessanter als das dröge Drama am Reichskammergericht, wo er eigentlich ein Praktikum machen sollte. Sein Motto war: Playboy statt Plädoyer. Es wurde gerade um Reformen des Gerichts gerungen, und Goethe war vom Egoismus der beteiligten Rechthaber abgestoßen. Aber immerhin hatte er vor dem Praktikum ausgiebig zur Geschichte des Gerichts recherchiert und war dabei auf den Raubritter Götz von Berlichingen gestoßen. So brachte ihn das Gericht auf die Idee zu dem Theaterstück, das sein Durchbruch werden sollte.
Auch ich wollte im Reichskammergerichtsmuseum zur Geschichte des Gerichts recherchieren. Aber nicht heute, sondern an einem anderen Tag - 300 Jahre Rechtsgeschichte begeistern nicht unbedingt jeden, auch nicht den Herrn auf dem Sattel hinter mir, der auf seine 25 km/h kommen wollte. (Sollten Sie, lieber Leser, das ähnlich sehen und mit 25 km/min lesen wollen, überspringen Sie lieber die folgenden Absätze.)

Im Mittelalter war der Kaiser höchster Richter, aber der konnte sich schlecht durchsetzen, wenn die Armeen der Fürsten mal wieder (damals sogar legal) in Fehden übereinander herfielen. Deswegen gründete der Reichtstag in Worms 1495 ein Gericht, das die Fehden friedlich beenden sollte. Also rein theoretisch. Ein bisschen wie heute der Internationale Gerichtshof in Den Haag. So entstand das höchste Zivilgericht des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.
Reformer wie der Mainzer Bischof Berthold (hinten im Bild) wollten ein noch viel unabhängigeres Gericht, aber Kaiser Maximilian war da eher skeptisch, weil es ja er war, von dem das Gericht unabhängig sein sollte.
Auch normale Menschen in normalen Zivilprozessen konnten Berufung beim Reichskammergericht einlegen. Also außer, ihre regionalen Adligen verboten das.

Das Reichskammergericht war so modern, es kannte bereits das @-Zeichen: Als Abkürzung für Meier gegen Müller schrieben sie Meier @ Müller.
Im Gerichtssaal wurden Anträge gestellt, aber keine Zeugen befragt oder verhandelt, wie man das heute kennt. Der Prozess und die Beweise waren rein schriftlich: Was nicht in den Akten ist, existiert nicht! Um diese Akten dann auch mit irgendwas zu füllen, schickte das Gericht Ermittler los.
Klar, im Vergleich zu einem einzigen Richterkönig ist praktisch alles ein Fortschritt. Dennoch hatte das Reichskammergericht viele Probleme: Es gab immer zu wenige Richter, weil die Fürsten ihre Steuern nicht bezahlten. Man musste einen Kompromiss finden, wie viele Richter aus welchen Teilen des Reiches kommen sollten. Und wie viele adlig und wie viele bürgerlich sein sollten - schließlich mussten sie über beide Klassen urteilen. Und dann kam auch noch die Reformation, plötzlich waren ein paar Richter bekennende Protestanten, ein absolutes No-Go, also zumindest laut den Katholiken.
Dieses Bild zeigt übrigens auch schon den anschaulichsten Teil des Museums. Ansonsten besteht es zu großen Teilen aus Gemälden, Büchern und Scherben. Aber gut, dafür kommt man auch gegen Spende rein.

Noch ein Problem: Wohin mit dem Gericht? Frankfurt wollte es gleich wieder loswerden, in Speyer wurde es im Krieg zerstört. Nur das bettelarme Wetzlar war mehr als willig, das Gericht aufzunehmen, schließlich brachte das Arbeitsplätze, zum Beispiel für Perückenmacher. Wetzlar räumte eine Kammer im alten Rathaus frei, und das Gericht zog innerhalb der Stadt noch mehrmals um (unter anderem in das Haus auf dem Foto). Ein eigenes Gerichtsgebäude wurde geplant, aber nie gebaut.
Die Richter waren nicht ganz so willig, in so eine armselige Stadt zu ziehen, und erklärten sich erstmal nur vorübergehend einverstanden. Aber nach ein paar Generationen hatten sie die Stadt mit ihren Luxusimmobilien zugepflastert und sich doch ganz gut eingelebt. 

Manche Richter hatten gleich drei Häuser. Hmm, wie sie die bloß von ihrem Lohn bezahlen konnten? Ein Richter namens Franz von Papius trieb es zu weit und fällte in einem Fall nach nur einer Woche ein offensichtlich parteiisches Urteil. Von den Bestechungsgeldern baute er sich unter anderem den Palais Papius (rechts im Bild neben dem Museum). Das war dann doch zu dreist, er und sein Kollege wurden wegen Bestechlichkeit verurteilt, und das Gericht ein bisschen reformiert.
Als Napoleon das Heilige Römische Reich auflöste, verlor Wetzlar das Gericht und fiel zurück in Armut. Aber zumindest das Stadtbild profitiert bis heute davon.

Über den zweiten Abschnitt zwischen Wetzlar und Weilburg habe ich hingegen eine Menge zu berichten – nur leider nichts Gutes. Es handelt sich dort nämlich um eine wesentlich schlechter erschlossene, ziemlich hügelige Strecke, bei der einige Anhöhen noch dazu direkt hinter irgendwelchen Kurven beginnen. Mit dem Tandem ist es aber fast schon unerlässlich, vor einer Anhöhe ein bisschen Schwung zu holen und in den richtigen Gang zu wechseln, denn am Hang könnt ihr das knicken! Die Gangschaltung schmiert nämlich gern mal ab, wenn man sie umschaltet, während man mit aller Kraft tritt. Und außerdem scheint so ein Tandem deutlich schlechtere Eigenschaften zwecks Schwerkraft und Bodenhaftung zu haben als ein gewöhnliches Fahrrad. Eigentlich würde man erwarten, dass eins plus eins bei ebenfalls addiertem Gewicht ziemlich genauso leicht den Berg hochkommen, wie zwei einzelne Leute auf jeweils einem Fahrrad. Doch die Realität lehrte uns da andere Dinge – und auch aus meinen vorherigen Erfahrungen kenne ich das so. Am Berg bleibt das Tandem zurück, während es auf gerader oder gar abschüssiger Strecke fast jedem anderen Rad davonfährt.

Unser Tempo rutschte runter auf 5 km/h, zu langsam, da waren wir uns einig. Unten rauschte die Autobahn durch das steile Tal. Darüber lugten zaghaft ferne Felsen aus dem Wald.
Auf einer Dorfstraße trafen wir auf eine Sperrung, und in der Nähe von Dinskirchen regnete es auch noch.
"Jetzt lass mal Dinskirchen im Dorf!", rief mein Hintermann. "Es tröpfelt!"

Nun gut, für uns bedeutete das jedenfalls viel schwitzen, keuchen und – vor allem in meinem Falle – fluchen. Glücklicherweise lohnt sich dieser Aufwand aber, denn man wird durch Weilburg selbst und den Streckenabschnitt dahinter dafür mehr als entschädigt. Ich kenne Weilburg noch von einem Schulausflug mit meinem damaligen Kanu-Kajak-Kurs. Man nennt sie auch die Stadt der Brücken und als solche ist sie wunderschön.

Majestätisch ragt das weiße Schloss in der engen Flussschleife auf. Auch Weilburg ist sehr dreidimensional, aber der obere Teil ist ziemlich klein und läuft praktisch nur auf den einen Marktplatz hinterm Schloss zu.
Als ich während einer anderen Tour 
den Schlosspark von Weilburg betreten und den Talblick genießen wollte, sprach mich ein zehnjähriger Junge wichtigtuerisch an: "Tut mir leid, wir schließen jetzt." Ich gehorchte dem furchteinflößenden Parkwächter. Eine Straße weiter kam ein weiterer Junge in Kampfsportkleidung vorbeigeeilt. Das ist dann wohl die Eingreiftruppe, falls die Gäste den Park nicht schnell genug verlassen.


Bei meinem Mitreisenden ging spontan die Lebensplanung durch und er überlegte, sich hier im Alter von 40 niederzulassen. Natürlich gebe es da immer noch die Frage, wie die Leute ticken - Hessen seien oft zu spießig. "Aber wo es schön ist, ziehen die Leute meistens auch freiwillig hin, das ist immer ein gutes Zeichen."

Wir mussten die Stadt der Brücken im Zickzack über die eine oder andere der besagten Brücken umrunden. Für Schiffe stellt diese Flussschleife eine noch größere Herausforderung dar als eine Schuhschleife für Kindergartenkinder. Glaube ich zumindest. Denn zum Abtransport vom Lahn-Dill-Erz wurde eine außergewöhnliche Abkürzung in den Fels gebohrt: Ein Teil der Lahn zweigt als hohler Kanal ab und verschwindet für 195 Meter in einem ummauerten, schwarzen Löchlein. Das ist Deutschlands einziger Schiffstunnel (laut anderen Quellen zumindest der älteste und längste noch befahrbare). Direkt daneben beginnen auch ein Straßen- und Eisenbahntunnel. Die Bahn ist auch schuld daran, dass der Schifffahrtstunnel nach nur 10 Jahren irrelevant wurde. Ein heutiges Lastschiff passt da sowieso nicht mehr durch, nur noch mutige Kanufahrer.

Die Lahn schlängelt sich dort mit einigen Wehren und kleineren Wasserfällen durch eine weite Schlucht, um die herum die Berge noch um einiges höher sind als auf der Strecke zuvor – nur mussten wir uns diese Berge jetzt nicht mehr heraufquälen. Und auch hinter der Stadt wird es nicht weniger schön. Der Fahrradweg ist dort quasi direkt an der Lahn, bloß einige Meter weiter oben. So hat man die bewachsenen Felsen links, die Lahn rechts und vor sich hervorragenden Fahrradweg mit nur wenig Steigung.

Wie still es auf einmal war! Die Straßen waren weg, selbst die Gleise verzogen sich irgendwann in einen Tunnel. Diese grüne Schlucht und ihr schmaler Radweg gehörte uns allein. Mit Proteinriegeln in den Schenkeln und Müsliriegeln im Blut kamen wir endlich auf unsere wohlverdienten 25 km/h.

Unsere schlechte Laune vom zweiten Abschnitt war daher rasch wie verflogen, weshalb wir den Schwung erst einmal nutzten, und unsere eigentlich längst überfällige lange Rast um ein paar Kilometer nach hinten verschoben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur ein einziges Mal länger gestoppt, als man für ein paar Schlucke Wasser und mein Gejammer über meinen wunden Hintern braucht, und da waren wir mit unserem Proviant noch sparsam umgegangen. Entsprechend ausgehungert waren wir, als wir schließlich mitten in der Pampa hinter Weilburg an einer maroden Parkbank direkt am Wasser hielten und uns mit Protein- und Müsliriegeln vollstopften. Zu diesem Zeitpunkt sandte mein Körper mir bereits deutliche Signale, die mich daran erinnerten, dass meine letzte Fahrradtour knapp zwei Jahre zurücklag. Doch trotz dieser körperlichen Beschwerden war es eine fabelhafte Rast bei nahezu perfektem Wetter direkt am Fluss und ohne auch nur eine einzige andere Menschenseele.

Wir nutzten die Rast neben einem aktiven Carb-Loading vor allem für eine kurze Netzrecherche. Dies war unseren Time Constraints geschuldet, denn mit Rückfahrt nach Gießen, Abgabe des Tandems und schlussendlicher Rückfahrt nach Kassel standen uns gut und gerne drei bis vier Stunden Zugfahrt bevor, die wir beizeiten würden antreten müssen, wenn wir nicht erst um Mitternacht Zuhause sein wollten - da ich am nächsten Tag arbeiten musste, wirklich keine Option. Gleichzeitig ist die Zuganbindung zwischen Wetzlar und Limburg wirklich eine Vollkatastrophe. Im Prinzip das klassische Problem: Der schnellere Zug fährt zu früh, der langsamere gerade so wenig später, dass man sich auch für ihn beeilen muss, und der wiederum nächste ist der schnellere zwei Stunden später – zu spät ganz ohne Frage.

Eine Vollkatastrophe? Sag mir, dass du noch nie Kurhessenbahn gefahren bist, ohne zu sagen, dass du noch nie Kurhessenbahn gefahren bist.

Lange Rede kurzer Sinn, wir fassten den kleinen Ort Runkel ins Auge und weiter ging es. Für mich war dieser letzte Abschnitt unserer Reise eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Einerseits war die Landschaft weiterhin der Hammer und das Fahren machte wirklich Spaß. Andererseits spürte ich inzwischen deutlich, dass mein Hintern den Radsport wirklich so gar nicht mehr genießen konnte, und meine Beine begannen auch mit lautstarkem Gejammer. Immer wieder deuteten sich Krämpfe an. Von einem tatsächlichen Krampf blieb ich allerdings verschont, weil ich inzwischen doch genügend Erfahrung habe, um meinem Piloten meine benötigten Pausezeiten anzusagen. Das funktioniert folgendermaßen: Wann immer ich nicht mehr kann, nehmen wir die nächstmögliche noch so kleine abschüssige Stelle und hören mit dem Treten auf. Dabei ist am besten das angeschlagene Bein unten, sodass man im Flow bleibt, aber trotzdem seine Muskeln entlasten bzw. dehnen kann. Das mag nach einer sehr naheliegenden und unerheblichen Sache klingen, rettete uns aber ungefähr zehn weitere Kilometer, die ich sonst sicher nicht durchgehalten hätte. Und außerdem muss man so spät auf der Tour unbedingt im Flow bleiben.
So endete unsere Fahrt schließlich nach fast 85 km in Runkel, einer wirklich nichtssagenden, aber durchaus schönen Kleinstadt direkt an der Lahn, die über eine sehr alte Steinbrücke verfügt – zu der mein Pilot, wie ich ihn kenne, sowieso noch mehr zu berichten hat als ich.

Öh, habe ich das? Sie ist nicht so einzigartig wie Europas einzige Marmorbrücke nebenan in Villmar, aber immerhin hat sie schöne Steinbalkönchen zum Chillen und Plaudern. Wenn man denn dorthin kommt, denn aus irgendeinem Grund fährt manchmal eine endlose Fahrzeugkolonne über die historische Brücke, während auf der Umgehungsstraße um die Altstadt gähnende Leere herrscht. Irgendwas scheint hier bei der Verkehrsführung nicht ganz richtig zu laufen.
Darüber ragen gleich zwei Burgen auf, weil die Familie Von Runkel sich zerstritten und ihren Cousin rausgeschmissen hat. Die Fehde war aber deutlich brandschutzkonformer als bei den Targaryens und verzögerte bloß den Brückenbau.

Mit noch etwa 20 Minuten Zeit, bis unser Zug fuhr, gingen – bzw. in meinem Fall watschelten – wir durchs Dorf und suchten nach irgendeiner Möglichkeit, uns Pommes oder wenigstens was zu trinken zu besorgen. Kurz gesagt, funktioniert hat das nicht und die Kellnerin der einen einzigen Kneipe, die wir fanden, war auch nicht gerade motiviert, zu unseren Gunsten etwas daran zu ändern. Stattdessen ein kurzes Pläuschen mit einem anderen Fahrradtouri und schließlich Rückweg zu dem kleinen Witz von Bahnhof, der mir gleich aus zweierlei Gründen in Erinnerung geblieben ist: 1. Man muss doch tatsächlich draußen vor einem Tor warten, bis der entsprechenden Zug eingefahren ist. Vorher darf man aus Sicherheitsgründen nicht auf das verdammte Gleis. Und 2. Lungerte da irgendein Typ herum, der zwar unsere Sprache nicht zu sprechen schien, allerdings komischerweise genug Deutsch konnte, um mich nach Geld für seine Fahrkarte zu fragen. Kurz nach meiner leicht überraschten Verneinung wurde er dann auch noch vom Bahnhofspersonal frischgemacht, weil er anscheinend schon zum wiederholten Male aufs Gleis gelaufen war und somit die eben erwähnte Regel 1 missachtet hatte. Was für ein kurioser Bahnhof!

Abschließend kann ich nur meine Enttäuschung darüber ausdrücken, dass wir die verbleibenden 12km bis Limburg nicht auch noch geschafft haben. Sie wären zwar sicherlich eine Qual für mich geworden, aber mein Ehrgeiz verbietet es mir eigentlich, so kurz vorm Ziel aufzugeben. Davon einmal abgesehen war es aber eine äußerst lohnenswerte Tour mit wunderschöner Landschaft und meist ebenso tollen Radwegen, die ich jedem nur wärmstens empfehlen kann – vor allem, wenn man mit so schönem Wetter gesegnet ist. Danke auch an dieser Stelle an meinen Piloten, der das Ganze organisiert und durch seine funktionierenden Augen erst möglich gemacht hat. Wir werden das sicherlich mal wiederholen – vielleicht ja, um den letzten Abschnitt auch noch auf unserer imaginären Checkliste abzuhaken.