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23 November 2025

Naab: Von Weiden nach Regensburg

Was macht die Waldnaab in Weiden? Sie fließt geradeaus am Stadtrand vorbei, nimmt die Schweinnaab mit (ja, die heißt wirklich so) und hat eine der schönsten, verschlungensten und natürlichsten Fischtreppen, die ich je gesehen habe.
Außerdem ist da der Flutkanal. Der zweigt von der Waldnaab ab, fließt noch geradeauser am Stadtrand vorbei, per Brücke über die Waldnaab rüber...

...und schließlich wieder in sie rein.
Die graugrüne Parklandschaft war da schon längst einer graugrünen Feldlandschaft gewichen. Und zwar keiner sonderlich weiten: Nach ein bis zwei Kilometern endeten die Felder an einer grauen Wand, die mich den ganzen Tag begleiten sollte.

Darum konnte ich auf der Brücke von Oberwildenau auch nicht so richtig erkennen, wie sich die Haidenaab [sic] mit der Waldnaab vereinigt. Es gibt mehr Weiden als in Weiden, und der Boden ist so flach, die Flüsse dementsprechend so verschlungen, dass ich im Nebel nicht durchgesehen habe, was jetzt welcher Fluss ist.
Fest steht jedenfalls: Erst an diesem Zusammenfluss entsteht der Fluss, der einfach nur Naab heißt. Allerdings ist das, wo wir bisher langgefahren sind, der Länge nach der Hauptfluss der Naab.

Vor der Autobahn musste ich einmal die Gleise überqueren. Bis zu 20 Minuten soll man hier warten müssen, wer es eilig hat, soll einen anderen Weg nehmen? Na supi. Wer es aber nicht eilig hat, soll... diesen Knopf drücken? Okay... mit leichter Skepsis, ob das rostig-gelbe Gerät noch funktionierte, drückte ich drauf.
"Krsch... Oan kloan Moment bitte."
Oan kloan Moment später klappten die Schranken tatsächlich nach oben.

Nebel, Wiesen, Nebel, Wiesen... habe ich mir das wirklich gut überlegt, über 100 Kilometer hier durchzufahren?
Ja, denn das ist höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit des Jahres zum Radfahren. Und sobald der Fluss und kleine Felswände dazukommen, sieht es auch nicht mehr so unheimlich monoton aus.

Naabburg ragt mit einem massiven "Dom" und massigen Stadtmauer über der Naab in den Nebel. Diese Stadt hat keine Burg - diese Stadt ist die Burg. Warum genau die gotische Kirche nur gut genug für einen Dom in Anführungszeichen ist, erklärt die Infotafel nicht. Vielleicht, weil 1536 ein Blitz den zweiten Turm für immer abgefackelt hat.
Hier wurde das originale Grubenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat.

Erst in Schwarzenfeld habe ich mir die Zeit genommen, eine Ortschaft von innen anzusehen. Naja, was heißt, Zeit genommen - die Wegweiser haben mich sowieso hinein ins Kopfsteinpflastergebiet geleitet. Und das sah erstmal alles sehr still, aber nett aus. Am Fluss ragte ein Zwiebelturm auf. Er gehört zum fest verschlossenen Schlosshotel. Im Schloss und "auf" Schwarzenfeld saßen verschiedene Adelsfamilien, darunter die Herren "Teuffel von Pirchensee" und Karl Theodor Graf von Holnstein. Der war Oberstallmeister des bayrischen Königs. In diesem Job war er aber nicht mit Ausmisten beschäftigt, stattdessen verhandelte er mit dem Saupreißen Bismarck mit dem Ergebnis, dass Bayern einverstanden war, dass der Saupreiß Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Zur Belohnung durfte der Graf von Holnstein seinen Ruhestand erblindet in diesem Schloss verbringen, das sich hinter Gitterzäunen verschanzt.
Aber direkt daneben ist ja noch eine gelb-weiße Pfarrkirche. Und dort stand die Tür offen.

Jeder kann sich ansehen, wie das barocke Innere der Kirche in Weiß-Gold ausgeschmückt ist. Zumindest durch Gitterstäbe. Die befinden sich hier, anders als beim Schloss, im Innenraum, kurz bevor die Bänke beginnen. Damit Sie den Anblick stabfrei genießen können, habe ich durch sie hindurch fotografiert.
Die Kirche sieht so aus, weil die Hussiten und ein Feuer den Vorgänger zerstört haben. Sie ist gleich zwei Heiligen gewidmet, die beide auf den Altar gemalt sind: St. Ägidius plaudert mit einem Engel, während St. Dionysius geköpft wird.

Am Marktplatz war Schwarzenfeld dann nicht mehr so schön anzusehen. Das hier könnte so auch ein Bild einer Kleinstadt in NRW sein - wäre da nicht das riesige Kruzifix.

Vor einem Haus entdeckte ich ein lyrisch wie privatsphäremäßig fragwürdiges Gedicht: Nach langer Zeit ist es vollbracht / der Franzi hat die Rosi zur Frau gemacht. / Dieser Baum soll ein Jahr stehen. / Wir wollen ein Kind in der Wiege sehen. / Nach einem Jahr sind wir wieder hier / auf a Sau und a Fassl Bier. Kein Druck also bei der Familienplanung!

In Schwandorf hieß es: Halbzeit, Teezeit und Essenszeit! Puh, ist aber immer noch ne ganz schöne Strecke übrig.
Der nette Rasttisch befand sich zwischen der Naab und einem Wohnmobilstellplatz, auf dem genau ein Wohnmobil stand.

Neben der Naab befinden sich ein paar Baggerseen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen davon besucht, und zwar den stahlblauen Steinberger See, welcher von Unmengen an Enten und nicht ganz so großen Unmengen an Booten bewohnt wird.

Über halb gefrorene Nadelwäldchen und Wiesen voller Hunde spazierten wir eine Runde um den Wasserspiegel.
Ich staunte, wie flach Bayern auch sein kann. Es gab keinerlei Bergblick. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich dieses Bild in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt!

Das touristische Zentrum befindet sich allerdings am Westufer, denn hier hatten zwei einfallsreiche Unternehmer eine Vision. Sie wollten, dass sich Menschen bewegen! Und zwar draußen! Und gemeinsam! Und so bauten sie etwas Einzigartiges, das sich so oder ähnlich nirgendwo anders findet außer in Dolní Morava, Bad Harzburg und an vielen weiteren Baumwipfelpfaden. Wir erwarben am Automaten eine Plastikkarte mit Strichcode und spazierten dann eine lange, lange Spiralrampe hinauf. Dabei hüpften wir über ein paar Balancierparcours und Boden-Kletternetze mit Blick nach unten.
Die beiden Männer nannten das Teil inMotion PARK. Ein Comic auf der Rückseite ihres Flyers erzählt, wie bei der feierlichen Eröffnungsfeier ein gewisser Markus Söder den Namen vergessen hatte oder doof fand und darum improvisierte: "Hiermit eröffne ich die Erlebnisholzkugel!"
Joa. Und das ist der Name, unter dem das Ding bis heute bekannt und auf Google Maps eingetragen ist. Gegen die Macht Söders hatte der ursprüngliche Name keine Chance. Und er hat da ja schon einen Punkt: Die Kugelform ist ein Blickfang und das, was diesen Turm im Vergleich zu ähnlichen Bauwerken einzigartig macht.

Eine trockene Edelstahlrutsche mit Rutschteppichen darf natürlich nicht fehlen! Sie sieht erstmal verdammt steil aus, aber das ist auch nötig, um ohne Wasser überhaupt auf ein gescheites Tempo zu kommen. Vor allem, wenn einen auch noch die Schweißnähte kräftig durchrütteln. Wuppwuppwuppwuppwpwpwpwpwphuii...

Von oben ist dann doch zu sehen, dass die Berge gar nicht so weit entfernt sind.

Und die Naab dringt jetzt wieder in sie ein. Immer mal wieder musste ich am Waldrand hoch und runter, der Fluss war nur ein verwaschener grauer Streifen hinter den Bäumen.

Aber immer mal wieder waren da auch flache Straßenstrecken abseits des Flusses, mal mit, mal ohne Radweg. Trotz Radweg ist hier anscheinend jemand zu Tode gekommen. Die kleine Kerzenflamme im großen grauen Nichts war ein seltsamer Anblick, und das perfekte Symbolbild für Ende November.

Gott sei Dank zog sich das Nichts weit genug zurück, um mir diese mystische Felsformation zu enthüllen. Das hier sieht nicht mehr sächsisch aus, es weckte eher Assoziationen an schottische Highlands oder den Hund von Baskerville. Schöön, vielleicht sogar meine Lieblingslandschaft an der Naab.

Ja, nun türmen sich die Berge endgültig wieder auf, und die Naab taucht ein in ihr Finaltal.
Frage: Welches Tier würden sie in einer solchen Landschaft am ehesten erwarten? Vielleicht ein paar Schafe oder Ziegen?

Auf jeden Fall keine Pfauen. Wie eigenartig, diese Ziervögel nicht in einem Zoo oder Schlosspark, sondern einfach so auf einem Acker herumpicken zu sehen.

Unter den Felswänden des Finaltals liegt das putzige Örtchen Kallmünz. (Der Name hätte mir eine Warnung sein müssen.) Am rechten Ufer erstreckt sich ein kleiner Marktplatz, umgeben von bunten Häusern, deren Farben gegen den Nebel und die Abenddämmerung ankämpften. Hinter den Fenstern brannte warmes Licht. Zumindest in den Privatwohnungen, in den Geschäften war es kalt und still.

Am anderen Ufer werden die Gassen kleiner und weißer, dafür brannte endlich mal im Erdgeschoss ein Licht. Und zwar im Schmalzkuchl.
Als mein Magen den Namen las (also quasi), war er der Meinung, ich sollte da jetzt reingehen. Auch wenn ich dadurch das letzte Tageslicht verpassen würde, egal. Ich zwängte mich in den gut gefüllten und vor allem warmen Gastraum, und bestellte ohne nachzudenken. Auch, wenn ich nicht genau wusste, was sich hinter Worten wie Kiachlschmarrn verbarg (im Prinzip halt Kaiserschmarrn ohne Rosinen).

Erst beim Warten fiel mir, siedendheiß wie die heiße Schokolade, ein, dass ich keine Geldautomaten gesehen, nicht mehr viel Bargeld und gar nicht gefragt hatte, ob sie Karte nehmen.
"Nein, aber kein Problem, Sie können anschreiben lassen."
Und weg war sie wieder, ehe ich weiter nachhaken konnte.
Anschreiben, aha. Diese kontaktlose Zahlungsmethode kannte ich bislang nur noch aus Geschichten. Soweit ich weiß, wird dabei der abgebuchte Betrag auf einem analogen Datenspeicher namens Tafel eingegeben. Dieser Bezahlvorgang ist, anders als Paypal, ApplePay und Visa, vollständig unabhängig von Strom- und Internetausfällen, kann jedoch mit einer simplen Hacker-Software namens Schwamm manipuliert werden. Außerdem, und das war das eigentliche Problem hier, ergibt Anschreiben doch nur Sinn bei Einheimischen oder Urlaubern, die länger bleiben und deshalb irgendwann zum Bezahlen zurückkommen, oder? Mein Auftreten und vor allem Aussprechen müsste eigentlich verraten haben, dass ich zu keiner der beiden Gruppen gehörte. Beim Abrechnen wollte ich einfach vorschlagen, dass sie mir Daten zum Überweisen geben, aber ehe ich mich versah, hatte schon jemand die fehlenden Kallmünzen auf den Tisch gelegt. Ach so, auch gut, danke sehr.

Nach den letzten Kilometern im engen Flusstal fuhr ich auf Mariaort rauf, eine Halbinsel mit kleiner Klosterkirche. Am anderen Ufer der Donau leuchtete bereits Regensburg und machte seinem Namen alle Ehre, denn es hatte ein leiser Nieselregen eingesetzt, zum Glück erst jetzt. Ein Bauer hat auf dieser Spitze zwischen den Flüssen ein keltisches Hügelgrab gefunden. Die Finaltäler der Naab und Regen waren natürliche Einfallschneisen, und deshalb mussten die Römer drüben in Regensburg dieses Gebiet besonders gut befestigen.
Ich fuhr über die überraschend wenig holprige Wiese, bis ich zwischen kahlen Hecken auf einen Grabstein stieß. Zumindest sah er auf den ersten Blick wie einer aus, aber im Licht der Handytaschenlampe erkannte ich... äh, soll das eine Zeichnung der beiden Flüsse sein? Und sind das Entfernungsangaben wie auf einem Meilenstein? Jap, danke, jetzt weiß ich, wo es zum Schwarzen Meer geht, da wollte ich heute noch hin.
Schwarz waren die beiden Flüsse ja immerhin schon, auch wenn die Donau im Licht der Stadt leicht orange glühte. Nur leicht, denn das eigentliche Stadtzentrum ist noch fünf Kilometer weiter. Ganz so weit musste ich zum Glück nicht mehr, denn der Stadtteil Prüfening da drübening hat einen eigenen Bahnhof.


17 August 2025

Donau: Von Esztergom nach Fenyveshegy

"Oh, wir waren auch vor der Wende an der ungarischen Donau und es war so heiß! Wir wollten uns abkühlen, aber überall standen große Schilder, wo drauf stand, dass baden verboten ist. Ach, da dachten wir: Das ist sie jetzt, die schöne blaue Donau? Einmal schlichen wir uns trotzdem ins Wasser, gingen bis zum Hals in die stinkende braune Brühe. Und dann funktionierten die Duschen auf dem Campingplatz nicht. Überhaupt, erstmal auf den Campingplatz zu kommen, das war auch was. Die Ungarn haben sehr sortiert. Sie wollten nur Westmark. Uns mit der DDR-Mark ließen sie nicht rein. Erst, als wir einen Kasten Bier brachten, öffnete sich das Tor...." 

- Eine Seniorin aus unserer Heimatstadt-

Dieser Tag lief anders als geplant, und das war gut so. Wir schauten uns noch bis mittags Esztergom an. Am Fuße einer Treppe sprach uns ein Ungar in exzellentem Deutsch an und fragte uns, wohin es weitergehen solle. Da waren wir uns selber noch nicht sicher. Fünf Kilometer Hauptstraße am ungarischen Ufer? Keine gute Idee, der Verkehr sei da wirklich heftig. Lieber durch die Berge, dort wurden schöne neue Waldwege geteert - ach so, das ist Ihnen zu steil? Und Sie wollen dann die Fähre nach Szob nehmen? Auch keine gute Idee, man weiß nie, ob die fährt. Dann fahren Sie doch lieber gleich komplett am slowakischen Nordufer.
Dass uns dieser gute Geist rechtzeitig erschien, ist wohl ein Beweis, dass der Hügel von Esztergom tatsächlich recht nah dran an Gott ist.

Und so fanden wir uns, entgegen aller Erwartung, noch ein letztes Mal in der Slowakei wieder. Und bereits sehr hungrig. An der Uferpromenade von Štúrovo stand, gegenüber vom klassischen Bufet, ein asiatisches Restaurant. Da der Jüngste Lust auf Sushi hatte und uns die panierten Bufet-Sachen schon aus den Ohren rauskamen, gingen wir rein, setzten uns mit Blick auf ein Riesenrad und die ungarische Basilika und bestellten eine ganze Menge. Aber ob das auch gut wird?
War es. Richtig, richtig köstlich.


Wir hatten diese letzten slowakischen Kilometer nicht auf dem Schirm gehabt, weil sie a) in den Kartenbüchern überhaupt nicht vorkommen und b) etwas länger sind, weil wir um zwei Nebenflüsse bis zur nächsten Brücke herumfahren musste. Mag sein, trotzdem war das hier wahrscheinlich die bessere Wahl.

Auf dem Weg saßen immer wieder Gruppen von Heuschrecken im Kreis herum, als hätten sie etwas Wichtiges zu besprechen. Sie wirkten irgendwie zarter und zerbrechlicher als deutsche Heuschrecken, als seien sie aus Papier gemacht. Aber das spielt keine Rolle, denn im Gegensatz zu Nacktschnecken sind sie in der Lage, rechtzeitig aus dem Weg zu hüpfen.

Schon von der Basilika war zu erkennen, wie es nun weitergeht: Die Donau bricht durch zwischen dem Visegráder und Börszöny-Gebirge. Jetzt sind an beiden Ufern felsige Berge.

Diese Berge haben mich an die zwischen Wien und Bratislava erinnert - man könnte meinen, die Gebirge seien überhaupt nicht durch eine große Tiefebene getrennt und wir hätten die letzten Tage einfach halluziniert.
Die Felswände sind das genaue Gegenteil von nackt und kahl: Bäume drängen sich auf allen Seiten um sie herum, und ein paar vorwitzige Exemplare sind sogar unter die Bergsteiger gegangen und klammern sich mit ihren Wurzeln im Stein fest. Auch dann, wenn sie längst abgestorben und vertrocknet sind. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich von menschlichen Bergsteigern.
Weil unter der ersten Felswand so wenig Platz war, mussten wir auch am Nordufer auf einer Straße fahren, aber der Verkehr war deutlich schwächer.

Und dann, in Chl'aba (Brot?), kam endlich die Brücke über den Nebenfluss Ipel/Ipoly, und der ist hier die Staatsgrenze. Die Donau ist ab jetzt auf beiden Ufern ungarisch, und nachdem wir wirklich das absolute Maximum an Slowakei aus dieser Tour herausgeholt haben, blieb uns keine andere Wahl, als in Ungarn weiterzufahren.

Auf den ersten Blick scheint sich nicht viel verändert zu haben: Immer noch diese geschnitzten Holzsäulen. Nur dieses doppelte Kreuz ist neu.

Aber schon hinter der nächsten Kurve sah alles anders aus. Szob empfing uns mit aktiven und stillgelegten Bahnhöfen. In diesem alten Bahnhofsturm befinden sich Ferienwohnungen, umringt von einem alten Bahnwagen, einem Blumentopf, in dem Gleise und Wagen einer Modelleisenbahn zusammenhanglos herumliegen, und einem derart heruntergekommenen Klavier, dass wir keinen einzigen Ton herausbekommen haben. Ist auch schwierig, so ohne Tasten.

Diese Schranken mit Fahrrad-Lücke gab es schon in der Slowakei, in Ungarn kommen sie aber viel öfter vor und enthalten keine nervige Bremsschwelle in der Mitte.
Doch der größte Unterschied ist: Schatten. Auf einmal ist der überwiegende Teil des Donauradwegs beschattet, und die Imbisse kamen in immer kürzeren Abständen. Whaat? Was haben wir die ganze Zeit verpasst? Hätten wir gleich hinter Bratislava nach Ungarn abbiegen sollen?
Wahrscheinlich nicht. Ich bezweifle, dass der ungarische Donauradweg hinter Čunovo oder an der Grenze zu Serbien auch so aussieht. Denn erstens befinden wir uns schon im Einzugsbereich von Budapest, und zweitens kommt gleich eine der zwei beliebtesten Landschaften Ungarns.
Nur die kleinen Donaustrände verschlechterten sich rapide, denn sie waren voller Glasscherben und Bauschutt.

Wir wichen auf einen offiziellen Strand aus. Die Steine waren immer noch spitz, aber es gab Betonrampen zum Reingehen. Und so eine Begrenzung im Wasser ist auch nicht schlecht, um beim Schwimmen mit Gegenstromanlage immer die Richtung beizubehalten. Trotzdem kam es nicht an den Charme der Naturstrände der letzten Tage heran.

An den Straßen hat Ungarn manchmal getrennte Fahrspuren für Fußgänger und Radfahrer markiert. Im Prinzip eine sinnvolle Sache, außer man lässt den trennenden Strich verblassen und die Fußgängerhälfte vollkommen von Schlingpflanzen überwuchern.

Die historischen Holzhäuser zeigen Flagge und machen blau.

Nun macht die Donau einen scharfen Bogen, die Bahn schießt dahin, die Felsen fallen etwas flacher ab. Sie bestehen aus Vulkangestein und Kalk. Ersteres liefert eine stabile Basis, letzteres kann sich die Donau nach Belieben zurechtschleifen.
Wir radeln auf dieser Reise zwar nur 1,5 Tage in Ungarn, doch auf dieser Strecke geben wir uns die volle Ungarn-Dröhnung: Kirchliche Hauptstadt, dieses Tal, weltliche Hauptstadt. Fehlt nur noch der Balaton, aber der ist woanders.
Willkommen im Donauknie! Es sieht aus, als hätte jemand die Toskana, die Schlögener Schlinge und das Mittelrheintal gekreuzt. Erst kommt die scharfe Schleife Richtung Süden, und dann knickt die Donau endgültig für die nächsten 500 Kilometer nach Süden ab.

Und diese Stelle ist wahrscheinlich so etwas wie die ungarische Loreley: Visegrád. Statt singender Nixen sind hier gleich zwei Burgen anzutreffen. Die untere scheint vor allem aus einem dicken Turm zu bestehen, die Lücken gefüllt mit Beton. Die Obere Burg wird ihrem Namen sehr gerecht, höher kann eine Burg auf diesem Berg nicht liegen. Die Mauern sehen wirklich sehr mittelalterlich aus, die Bögen sogar geradezu antik, und das ganze Ding scheint riesig zu sein. Diese Landschaft ist längst nicht so groß wie das Mittelrheintal, aber ich kann mich nicht erinnern, dort eine Burg wie diese gesehen zu haben. Es ist, als habe jemand versucht, aufgrund der Kürze des Tals die maximale Burgigkeit in diesen Berg hineinzukomprimieren. (Und auf der Rückseite hat er dann noch ein Skigebiet mit Sommerrodelbahn angelegt.)
Sicher, dass die Könige nicht eigentlich hier gelebt haben? Ja. Das heißt, haben sie schon, aber nur einmal kurz zwischendurch. Und in der Unteren Burg lebte König Salomon, aber im eingekerkerten Zustand, weil er seinem Cousin schon zum zweiten Mal den Thron klauen wollte. Und in der Oberen Burg bewahrten die Könige ihre Krone auf. Zumindest, bis Königin Erzsébet/Elisabeth sie klaute, weil die diebische Helikoptermutter ganz ganz sichergehen wollte, dass ihr kleiner Sohn sie bekam. Erst 20 Jahre später kehrte die Krone zurück nach Ungarn.
Kurz gesagt: Obwohl dieser Berg an sich nur regionales Verwaltungszentrum war, war er für die Königsfamilie immer wieder wichtig. Und außerdem hat er ganzen vier Staaten seinen Namen gegeben. 1335, 1339 und 1991 trafen sich da oben die Oberhäupter der vier westslawischen Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn, um ihre Ziele zu besprechen, und deswegen nennt man sie Visegrád-Staaten oder V4.

Aber da kommen wir heute nicht mehr hoch. Stattdessen radelten wir gegenüber in Nagymaros durch einen Park mit obskuren, geduckten Statuen aus Pferdeköpfen, von einem Softeisstand zum nächsten.
Wer zu den Burgen will, kann einfach aus dem Bahnhof steigen, die Fähre nehmen und dann... äh, laufen, oder sich an die Bushalte stellen. In Deutschland gäbe es sicher eine Seilbahn, doch Ungarn wollte sich sein Panorama davon nicht versauen lassen.

Das letzte Wegstück durch Wiesen und Pferdeweiden entfernte sich von der Donau.

Die macht schon wieder etwas anderes: Kaum ist das Knie zu Ende, teilt sich die Donau in zwei Arme, zwei Drittel landen in der Donau (im Bild), der Rest in der schmaleren Szentendrei-Duna. In der Mitte liegt die große Insel Szentendrei Sziget (hinten im Bild), dahinter die Stadt Szentendre (=Sankt Andre[as]). Sziget heißt Insel, so viel habe ich verstanden, auch wenn Ungarn viele ähnlich klingende Worte hat, die auch mit Sz beginnen (sogar unser WLAN-Passwort gestern). Die Ungarn lieben ihr Eszett, und zwar kein ß, sondern ganz wortwörtlich Sz, auch wenn es wie unser scharfes ß ausgesprochen wird.
Die Szentendrei Sziget scheint ähnlich schöne Strände mit Kies und Weiden zu haben, ansonsten ist da aber nichts weiter Ungewöhnliches drauf. Die andere Seite ist mit Brücken ans Festland angebunden.
Wieder haben wir ein Hotel direkt am Wasser, diesmal aber scheint der Strand gar nicht so zum Baden gedacht zu sein, zumindest gibt es keinen erkennbaren Pfad nach unten. Als Blick beim Essen ist es natürlich trotzdem ein Traum, und das mit dem Baden klappt schon irgendwie, wie dieses Bild meines Vaters beweist.

Das Hotel ist von Kopf bis Fuß aus gebogenem Holz gestaltet, und Türen wie diese habe ich noch nie gesehen.
Vor dem Eingang steht ein Baum, an dem die Leitern und Stahlseile eines vergessenen Hochseilgartens beginnen und im Wald verschwinden.

Unsere Räder übernachten in einer Garage Rumpelkammer mit Hollywoodschaukel und Motorrad.

Schön und gut, aber wo sind wir eigentlich? Der Bahnhof nebenan trägt den wunderbaren Namen Fenyveshegy. Jawoll, ich wollte unbedingt in so einem ungarischen Zungenbrecher-Ort schlafen! Wobei der Bahnhof anscheinend nach einem benachbarten Berg benannt wurde, denn theoretisch sind wir schon auf dem Territorium der Barockstadt Vác.
Dieses Vác hat eine Parkpromenade mit einer noch obskureren, geduckten Statue einer in einem Umhang ganzkörperverschleierten Frau, die Rosen in den Händen hält. Szent Erzsébet? Moment, das ist die Heilige Elisabeth? Etwa die gleiche wie die von der Wartburg, die Erfinderin des Krankenhauses? Korrekt, schließlich war sie eine ungarische Königstochter, auch wenn sie Ungarn mit vier Jahren verlassen hat. Bloß: Das hier dargestellte Rosenwunder (Brot in Rosen verwandeln) kommt eigentlich von der Heiligen Elisabeth aus Portugal, die Story wurde wahrscheinlich einfach für die thüringisch-ungarische Elisabeth abgeschrieben.
Laut Radführer sollen wir hier morgen die Fähre auf die Szentendrei Sziget nehmen. Die Zufahrt besteht einfach aus einer Rampe ins Wasser, ist die Fähre weg, hält keine Schranke die Fahrer davon ab, in die Donau zu steuern. 

Der Hauptplatz von Vác ist ein wunderschöner, dreieckiger Platz voller Grün und bunter Häuser. Es ist der einzige barocke Platz in Ungarn, er hat einen Dom im Pariser Stil, und um dem ganzen noch die stark verschnörkelte Krone aufzusetzen, sind in der Mitte die Ruinen einer anderen Kirche.
Ich wollte in den Dom schauen und umrundete den großen weißen Lieferwagen. Doch unter dem großen Altarbild lagen Kränze, in der ersten Reihe knieten Menschen, und jetzt war mir auch klar, was das wohl für ein weißes Auto war. In vielen Kulturen ist Weiß die Farbe des Todes. Wieder was gelernt.

Die Beschriftung des Wagens war keine Hilfe. In Ungarn verstehen wir viel, viel weniger. Spezielle Laute hörten wir eigentlich nicht heraus, trotzdem ist die schnell dahinplätschernde Aussprache seltsam undurchschaubar. Das Ungarische entstand bei der Völkerwanderung aus dem Slawischen, Finno-ugrischen und Turksprachen, aber so, dass etwas ganz, ganz Eigenes dabei rauskam. Bei den Wochentagen (hétfő, kedd, szerda,...) zum Beispiel, die ja für Öffnungszeiten und so nicht ganz unwichtig sind, kamen uns mit unseren Tschechischkenntnissen vier von sieben Tagen entfernt bekannt vor, die anderen drei klingen völlig fremd - und das ist schon eine echt gute Quote. Wer nur Deutsch spricht, erkennt maximal den szombat.

27 Juli 2025

Lahn: Von Runkel nach Lahnstein

Filahne! Den letzten Tag hatte ich mir nach Betrachten der Karte lahnsinnig bergig und Tandem-ungeeignet vorgestellt, aber tatsächlich wäre er wahrscheinlich auch mit Tandem klargegangen. Der schöne Uferweg ab Weilburg geht nämlich noch weiter.


Die Tetra Pak AG (ja, das schreibt man so) zeigt stolz, dass sie seit 77 Tagen unfallfrei ist. Ist das wirklich ein guter Wert, sind Tetrapacks so gefährlich?

Die nächste Fachwerkstatt ist sehr auf Fahrräder eingestellt. Zumindest kommuniziert sie vor dem Brückentor auf der Alten Lahnbrücke ein ganz strenges Verbot, Zweiräder zu überholen. Über diese Brücke lief die Handelsstraße von Antwerpen nach Byzanz/Istanbul. Die Limburger wurden reich, indem sie für diese Brücke neben Überholverbot auch Zölle anordneten, obwohl der König das gar nicht erlaubt hatte.
Und auf der Radstätte vom Radweg Deutschen Einheit läuft sogar das Display und zeigt genau das Startmenü an, das es zeigen soll. Mehr als dieses Menü zeigt es leider nicht, denn der Bildschirm reagiert weder auf Berührung noch auf Mausklicks. Trotzdem ist das die am besten funktionierende Radstätte am RDE.

Selbst in manchen der engen Altstadtgassen darf man Rad fahren, wenn die Situation es zulässt. Anfangs ließ es die Situation zu, denn die Gassen waren leer bis auf eine etwas abgehalfterte Frau, die umherirrte, Gott und die Welt beschimpfte und dem Haus der Sieben Laster die Zunge herausstreckte.
Das Haus streckte ihr die ebenfalls die Zunge raus.
Genau genommen hatte das Haus sogar damit angefangen. Denn an den Köpfen der Fachwerkbalken glotzen sieben bunte Gesichter auf die Straße und stellen die sieben Todsünden dar (im Bild von links nach rechts: Wollust, Unmäßigkeit, Zorn und Trägkeit). Welche Art von Zungeausstrecken, Schnauzbart und dämlichem Gesichtsausdruck nun genau für welche Todsünde steht, ist auf den ersten Blick nicht so ganz eindeutig. Bei der Limburgerin, die im Clinch mit diesem Haus lag, lag die Sache schon klarer: Das sah stark nach Zorn aus.

Genau wie in Wetzlar war die Stadt erst sehr wichtig und dann plötzlich nicht mehr, was eine super Voraussetzung ist, um viel Altstadt zu erhalten. Alles ist krumm und schief und süß und trotzdem frisch wie aus dem Ei gepellt. Auf dem Fischmarkt prangen noch immer Metallfische an den Fassaden.
Genau wie in Frankfurt heißt der zentrale Platz in der Altstadt einfach nur Römer. Wobei ich bei der Enge gar nicht so leicht erkennen konnte, wo da jetzt der Platz sein soll. Mittendrin steht nämlich nochmal ein Fachwerkblock: Römer 2-6. Hinter diesem eher stumpfen Namen verbirgt sich das älteste freistehende Haus Deutschlands (von 1289). Obwohl, wieso ist das freistehend, wenn sogar der Name sagt, dass das eigentlich fünf Häuser sind? Wann zählt etwas als Haus und nicht als Häuserblock?

Der Vergleich mit Wetzlar war natürlich nicht ganz fair, denn erstens ist Limburg schon eine Nummer größer und zweitens kam Limburgs Einfluss nicht aus der Justiz, sondern aus dem Handel und der Kirche. Womit wir beim Thema wären.
"Erinnerst du dich noch an Tebartz van Elst?", fragte ich.
"Na klar."
"Und war er auch das erste, woran du bei Limburg denken musstest?"
"Jap."
Was sind schon über tausend Jahre Geschichte gegen einen Bischof, der sich am Haus der sieben Laster von der Gier inspigieren ließ und verheimlichte, dass seine neues Bischofshaus 31 Millionen statt 2 kostet? Das Bauprojekt, das vor einer Ewigkeit in den Schlagzeilen stand, steht längst fertig direkt neben dem Dom, ein seltsames Ensemble aus Stadtmauern, einem Limburger Fachwerkhaus (diesmal wirklich freistehend) und einer eigenartigen Black-Box-Kapelle (rechts im Bild). So groß sieht das Ding gar nicht aus (was vielleicht ein Grund war, warum der Bischof sich noch eine Extrawohnung unten in den Fels fräsen ließ). Bei der schlechten Presse ist es kein Wunder, dass der neue Bischof Bätzing nicht darin wohnt, sondern alles als Museum für Reliquien und Archäologie freigegeben hat. Das Schlafzimmer ist nun ein Lagerraum. Und wo schläft nun der arme Elst? Keine Sorge, dem geht's gut, er ist jetzt Kurienbischof in Rom.

Am Dom mussten wir kurz warten, es fand eine Messe statt. Kein Wunder, denn hier findet noch jeden Tag um 10 eine statt. Und kaum war sie vorbei, starteten sofort die Domführungen. Na, hier ist ja richtig Betrieb.
Der Dom hat sieben Türme, keine Kirche in Deutschland hat mehr (oder gleich viele). Von außen ist der Dom weiß mit roten Streifen, also im Prinzip genau wie ein Limburger Fachwerkhaus. Und von innen... also, ich habe mich noch nie in einer Kirche so sehr wie in einem Innenhof gefühlt. Die vielen Fenster mit Gängen dahinter, die ganze Helligkeit und die Kreuzung aus zwei Kirchenschiffen, da musste ich mich doch einmal mehr daran erinnern, dass ich in einem Gebäude war und nicht auf der Straße.
Der Dom ist so wahnsinnig hell, weil 1968 ein Haufen Restauratoren vier Jahre lang sehr vorsichtig, aber intensiv dran rumgeschrubbt haben. Es waren nicht allein die Abgase des Industriezeitalters, die sie abkriegen mussten, sondern auch jede Menge Kerzenruß aus den Jahrhunderten davor. In einem Seitenraum (unten links) haben sie mit Absicht ein paar Bögen schwarz gelassen, damit mit man auch einen authentischen Eindruck hat, wie hart sie geschuftet haben wie die Kirche während des Großteils ihrer Geschichte aussah.

Dabei wurden auch jede Menge Bilder aus dem Mittelalter freigelegt. Einige haben sie neu ausgemalt, andere hatten noch genug Farbe, dass man sie so lassen konnte. Wo hat man sonst Gelegenheit, ganz locker an 800 Jahre alten Bildern vorbeizugehen, so nah, dass man sie anfassen könne (aber nicht sollte)?
Vor diesem Bild liegt das Grab von Konrad Kurzbold. Dieser kurze Graf hat kurzentschlossen vor über tausend Jahren kurzerhand das St.-Georg-Stift gegründet, der Ursprung der Stadt und gleichzeitig der Grund, warum ihre Geschichte (sogar bis heute in unseren Köpfen) so eng mit der Kirche verknüpft ist.

Wir wechselten von Hessen nach Rheinland-Pfalz, fuhren in Diez über die erste Steigung drüber und kurz an der Straße, dafür aber mit Blick auf das Grafenschloss und (zur Abwechslung mal nicht rote) Fachwerkhäuser. Eigentlich bietet Diez das schönste Stadtpanorama auf der Radstrecke, in Limburg war der Blick vom anderen Ufer aus immer etwas verdeckt. Die Grafen hier hatten einen besonderen Draht zu den Niederländern und haben ihnen beim Zurückerobern von den Spaniern geholfen. Mit Auswirkungen bis heute: Die damaligen Grafen sind direkte Vorfahren des heutigen niederländischen Königs, und die Niederlande haben die Sanierung von Schloss und Museum kräftig mitbezahlt.

Dann wurde es wieder still in der Lahndschaft. Sogar das Wasser war außergewöhnlich ruhig. Fließt da überhaupt noch was? Im Wasser war kaum noch Bewegung zu sehen, und als uns in der nächsten Kurve der Wind entgegenblies, sah es aus, als würde die Lahn rückwärts fließen.
Sogar Seerosen überleben in diesem stillen Wasser. Da muss gleich definitiv ein Stauwehr kommen. (Es kam eins.)

Das nächste Stück war bis vor Kurzem lebensgefährlich: Auf der steilen Serpentinenstraße nach Holzappel (der offiziellen Route) gab es schwere Unfälle, und auf dem abbröckelnden Pfad am Ufer stürzte ein Radfahrer sogar tödlich ab. Die Bürgerinitiative empfahl einen (auch sehr steilen) Schleichweg über Privatgrundstücke, mein Reiseführer rät, einfach eine Station Zug zu fahren.
Zum Glück ist das alles Vergangenheit, denn die Lücke wurde geschlossen mit der sogenannten Zwei-Brücken-Lösung.
"Klingt das für dich auch nach Nahostkonflikt?"
"Jap."
Naja, ich hoffe für alle Beteiligten, dass die Lösung nicht ganz so schwierig war. An den felsigen Hängen des Gabelsteins (hinten im Bild) wechselten wir auf besagten zwei silbrigen Brücken kurz ans linke Ufer und zurück, und fertig war der Lack.

Der Gabelstein war übrigens der letzte Fels, der auf -stein endet. Ab jetzt gibt es Allerley-Felsen: Wolfslei, Liebeslei, Kux-Lay... ein klares Zeichen, dass wir uns dem Mittelrhein (inkl. Loreley) nähern. Die Burgen obendrauf sind Privatbesitz.
Aber nun ließ unsere Leystung allmählich nach. In Limburg hatten wir noch keinen Hunger, jetzt schon. Nach ein paar Kilometern straßenbegleitendem Radweg kehrten wir in Obernhof in den erstbesten Campingplatz-Imbiss mit dem genderqueeren Namen Tante Horst ein und erwarteten nichts Besonderes. Auf jeden Fall keinen so netten Herrn, der ein frisch geklopftes und ungewöhnlich gutes Schnitzel brachte.

So, nun kam eigentlich der einzige wirklich schwierige Abschnitt, wo es mit dem Tandem kritisch geworden wäre. Wir hechelten und schoben den schlimmsten Anstieg zum Kloster Arnstein hoch, danach lief der Kiesweg die ganze Zeit an den Felswänden auf und ab. Einmal war sogar ein Stück des Weges abgestürzt und abgesperrt. Aber selbst das ging noch.

Dieser Bereich ist eine der wenigen Stellen, wo noch die superseltene Würfelnatter lebt, eine komplett harmlose Wasserschlange mit quadratischen Flecken auf dem Kopf, die kleine Fische frisst.

Die Lahn hat schon einen seltsamen Aufbau: In der Mitte ist sie eher flach, und das klassische enge Lahntal mit den berühmten Städtchen, Weinbergen und Badeorten kommt gegen Ende. Ein bekanntes Städtchen ist sicherlich Nassau - ganz sicher nicht wegen seiner Größe, sondern deshalb, weil wichtige Adlige ein Nassau im Namen hatten. Sie zogen im Laufe in der Zeit von der hohen Burg runter in die Stadt und irgendwann in die Niederlande und Luxemburg, wo ihre Nachkommen noch heute wichtig sind.

Auf der nächsten Infotafel behauptete ein Soldat namens Astericus Flavius, wir würden jetzt schon wieder eine Grenze überqueren: Von GERMANIA LIBERA ins IMPERIUM ROMANUM (Provinz GERMANIA SUPERIOR).
Aus den Bergen des Taunus kommt der Limes inklusive Limes-Radweg, der einzige andere Grenzradweg neben dem Eisernen Vorhang. Genau wie an der Innerdeutschen Grenze sollen da oben immer noch Wachtürme stehen, so nah, dass ich den ersten eigentlich hätte erkennen müssen. Konnte ich aber nicht, alles, was ich sah, war ein mutmaßlicher Solebohrturm. In Wahrheit sind von den Römertürmen nur Nachbauten oder Fundamente übrig. Ab jetzt ist die Lahn mit der Grenze des Römischen Reichs identisch, aber weitere Wachtürme aus der Antike tauchten nicht auf. Trotzdem reichte schon die theoretische Anwesenheit des Limes aus, um meine "Wann hast du das letzte Mal an das Römische Reich gedacht?"-Uhr erfolgreich auf 0 zurückzusetzen. (Besser das als die Unfalluhr bei der Tetra Pak AG.)

Und dann ist da noch Bad Ems, das in vielerlei Hinsicht aussieht wie das Karlsbad Deutschlands. Es besteht im Prinzip aus einer Kette von Kurhotels auf einer endlosen Promenade an der grauen Ufermauer. Darüber Felsen, Wald und eine steilsten Standseilbahnen der Welt. Weil dort gerade alles für eine Sportveranstaltung oder so abgesperrt war, haben wir uns das Ganze nur vom anderen Ufer aus angeguckt. In einem der ältesten Heilbäder nördlich der Alpen fühlten sich unter anderem der Hochadel, Russen (für die extra eine orthodoxe Kirche gebaut wurde) und Glücksritter (bis die Preußen ihr Casino verboten) wohl.
Aber wenn so hohe Tiere unterwegs sind, dann passiert eben auch mal mehr, als dass sie bloß baden, rumlaufen und Wasser trinken: Richard Wagner hat hier eine Oper fertig geschrieben und König Wilhelm während seiner Kur einen Krieg begonnen und sich selbst zum Kaiser gemacht, also quasi. Am 13.7.1871 spazierte der Kur-Kaiser über die Promenade, als der französische Botschafter aufkreuzte und verlangte, er sollte versprechen, nie wieder einen Deutschen zu unterstützen, der Anspruch auf den spanischen Thron haben könnte. Der verdutzte Willi erklärte, so was könne er ja jetzt nicht einfach so Hals über Kopf versprechen. Als Bismarck in Berlin den Bericht bekam, kürzte er den Großteil weg, damit es so aussah, als hätte der Kaiser ganz provokant die kalte Schulter gezeigt und bloß gesagt, dass er ihm nichts zu sagen habe. Bismarck fragte nochmal nach, ob Deutschland auch gut gerüstet für einen Krieg sei, dann schickte er der Presse die sogenannte Emser Depesche und wartete ab, bis Frankreich den Krieg erklärte. Den Krieg, der das Deutsche Kaiserreich vereinigen würde. Aber gut, letztendlich waren damals beide Regierungen scharf auf Krieg, also wäre es Quatsch, einem Blatt Papier oder Bad Ems die Schuld zu geben.

Der Bahnhof von Bad Ems hat die kleinste Bahnhofshalle Deutschlands - als hätte man diese riesigen Stahl- und Glasbögen aus Frankfurt Hbf, Hamburg Hbf & Co. zu heiß gewaschen und dann einem Dorfbahnhof übergestülpt. Eigentlich sollte die Halle schon längst restauriert sein, aber... naja, das hier sieht ganz und gar nicht fertig aus. Die ganze Lahntalbahn ab Limburg ist immer noch eine Baustelle bis werweißwann, weshalb wir nachher für die Rückfahrt über Frankfurt fahren müssen. Theoretisch sollte alles Anfang Mai öffnen, und sogar die Bahnapp hat wenige Tage vorher alle Züge in der App angezeigt. Die DB hat nicht mal ihrer eigenen App mitgeteilt, dass sie die Bauarbeiten nicht rechtzeitig fertigkriegen, geschweige denn der Öffentlichkeit.

Immer wieder teilt sich die Ems in zwei Arme mit einer Insel in der Mitte: Der eine Arm hat ein Stauwehr, der andere eine kleine Schleuse. Aber in den Schleusen herrschte gähnende Leere, und wir sahen nichts, das größer war als ein Paddelboot. Wer große Pötte sehen will, muss noch ein paar Kilometer bis zum Rhein durchziehen.

Aber Moment, wir sind super in der Zeit, vorher machen wir noch eine kleine Wanderung. Denn jetzt mündet der Ruppertsbach in die Lahn. Glaube ich. Die Mündung habe ich nicht gefunden, die letzten Meter sind komplett unterirdisch. Aber als wir ein Stück über einen Pfad und an der Bundesstraße liefen, fanden wir endlich die Stelle, wo der Bach in einem groß gemauerten Tunnel verschwindet. Und laut dem hölzernen Torbogen beginnt dort die Wildromantische Rupprechtsklamm.
Der Torbogen erinnerte mich an die Drachenschlucht, also hatte ich etwas Ähnliches erwartet. Ganz so wurde es dann aber nicht: Zunächst folgten wir dem Bach einen ausgetretenen Pfad hinauf. Der Pfad war dermaßen staubig und ausgetreten, dass der Schlucht trotz des Wassers, der Farne und Buchen ein bisschen die Frische fehlte. Komisch, es waren zwar einige Koblenzer Familien mit Kindern unterwegs, aber voller als die Drachenschlucht ist dieser Pfad nicht.
Die ersten Felsen schauten aus dem Staub, und wir wechselten ans rechte Ufer. Und dann ans linke. Und dann ans rechte. Und dann... immer wieder verlor sich der Pfad und wir mussten überlegen, wo genau wir jetzt nach drüben treten sollten.

Dann vereinigten sich die Steine zu Felswänden, in die sogar Drahtseile reingehämmert wurden. Anders als in der Drachenschlucht regnet es nicht von diesen Felsen, aber immerhin wurden die Felsen immer grüner, die Luft immer feuchter, der Staub verzog sich. Und schließlich zog sich die ganze Klamm zu einer engen Rinne zusammen, in der wir die Felsstufen hochstiegen. Herrlich, so habe ich mir das vorgestellt!
Das heißt aber nicht, dass die ständigen Uferwechsel aufhören.

Die typische Stelle der Ruppertsklamm kommt aber erst dahinter: Ein kastenförmiges Tal, dermaßen rechteckig, dass ich nicht weiß, ob ich der Natur das abkaufen soll. Während der Ruppertsbach durch einen Haufen Holz und Geröll rauscht, fallen an den Seiten gewaltige Wasserfälle aus Efeu runter. Und ganz am Schluss ein Wasserfall aus Wasser.
Dort befindet sich auch eine Brücke. Die Platzierung von Brücken in der Ruppertsklamm ist etwas komisch. Es gibt insgesamt zwei. Die eine auf dem Wasserfall (hinten im Bild) ist quasi nur eine Aussichtsplattform, denn an der Stelle wechselt man ausnahmsweise mal nicht das Ufer. Und die andere steht weiter unten im Staub an einer von ca. 986 Stellen, wo man das Ufer wechselt, wobei völlig unklar bleibt, warum ausgerechnet diese Stelle so schwierig sein soll, dass sie eine Brücke erfordert.

Lahnstein (bei Koblenz) kannte ich schon vom Rheinradweg. Die Stadt war lange geteilt in Ober- und Niederlahnstein. Oberlahnstein (im Süden) fand ich schon auf der Rheintour wegen des starken Verkehrs nicht so knülle. Das Schöne am Lahnradweg ist: Man muss nur durch Niederlahnstein. Und in Niederlahnstein konnten wir einfach auf dem Uferweg bis zur Mündung in den Rhein durchfahren: Eine Steinspitze mit einer rotweißen Stange und Gras, eher unspektakulär im Vergleich zur Moselmündung (fast) gegenüber. Aber das gelbe Schloss Stolzenfels und das Mittelrheintal an sich sorgen für Kulisse. (Lahnstein hat außerdem Burg Lahneck und Schloss Martinsburg, die sind nicht im Bild. Um alle Burgen am Mittelrhein zu fotografieren, habe ich nicht genug Urlaub.) Und so hatten wir hier einen der schönsten Momente des Tages, indem wir uns einfach bloß in die Gänseblümchen legten und... absolut nichts taten. Muss auch mal sein.
Zwei Nilgänse sahen das jedoch gans anders. Wir haben diese Art schon den ganzen Tag über gesehen, sie sind leicht zu erkennen an den rotbraunen Flügeln und den heftigsten Augenringen im Tierreich, als hätten sei drei Nächte lang durchgemacht. Viele Gänse ließen ihre jugendlichen Küken das Gras rupfen und stellten sich wachsam daneben. Eindeutig das Lahn-Äquivalent zu den Graugänsen an Rhein, auch wenn sie ursprünglich aus Afrika kommen. Bei dem Paar an der Mündung waren die Kleinen anscheinend schon aus dem Haus, aber die Beschützerinstinkte immer noch da. Sie watschelten auf uns zu und fauchten, bis... wir absolut nicht reagierten und sie sich zurückzogen, nur um zwei Minuten später wieder anzukommen.