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27 Juli 2025

Lahn: Von Runkel nach Lahnstein

Filahne! Den letzten Tag hatte ich mir nach Betrachten der Karte lahnsinnig bergig und Tandem-ungeeignet vorgestellt, aber tatsächlich wäre er wahrscheinlich auch mit Tandem klargegangen. Der schöne Uferweg ab Weilburg geht nämlich noch weiter.


Die Tetra Pak AG (ja, das schreibt man so) zeigt stolz, dass sie seit 77 Tagen unfallfrei ist. Ist das wirklich ein guter Wert, sind Tetrapacks so gefährlich?

Die nächste Fachwerkstatt ist sehr auf Fahrräder eingestellt. Zumindest kommuniziert sie vor dem Brückentor auf der Alten Lahnbrücke ein ganz strenges Verbot, Zweiräder zu überholen. Über diese Brücke lief die Handelsstraße von Antwerpen nach Byzanz/Istanbul. Die Limburger wurden reich, indem sie für diese Brücke neben Überholverbot auch Zölle anordneten, obwohl der König das gar nicht erlaubt hatte.
Und auf der Radstätte vom Radweg Deutschen Einheit läuft sogar das Display und zeigt genau das Startmenü an, das es zeigen soll. Mehr als dieses Menü zeigt es leider nicht, denn der Bildschirm reagiert weder auf Berührung noch auf Mausklicks. Trotzdem ist das die am besten funktionierende Radstätte am RDE.

Selbst in manchen der engen Altstadtgassen darf man Rad fahren, wenn die Situation es zulässt. Anfangs ließ es die Situation zu, denn die Gassen waren leer bis auf eine etwas abgehalfterte Frau, die umherirrte, Gott und die Welt beschimpfte und dem Haus der Sieben Laster die Zunge herausstreckte.
Das Haus streckte ihr die ebenfalls die Zunge raus.
Genau genommen hatte das Haus sogar damit angefangen. Denn an den Köpfen der Fachwerkbalken glotzen sieben bunte Gesichter auf die Straße und stellen die sieben Todsünden dar (im Bild von links nach rechts: Wollust, Unmäßigkeit, Zorn und Trägkeit). Welche Art von Zungeausstrecken, Schnauzbart und dämlichem Gesichtsausdruck nun genau für welche Todsünde steht, ist auf den ersten Blick nicht so ganz eindeutig. Bei der Limburgerin, die im Clinch mit diesem Haus lag, lag die Sache schon klarer: Das sah stark nach Zorn aus.

Genau wie in Wetzlar war die Stadt erst sehr wichtig und dann plötzlich nicht mehr, was eine super Voraussetzung ist, um viel Altstadt zu erhalten. Alles ist krumm und schief und süß und trotzdem frisch wie aus dem Ei gepellt. Auf dem Fischmarkt prangen noch immer Metallfische an den Fassaden.
Genau wie in Frankfurt heißt der zentrale Platz in der Altstadt einfach nur Römer. Wobei ich bei der Enge gar nicht so leicht erkennen konnte, wo da jetzt der Platz sein soll. Mittendrin steht nämlich nochmal ein Fachwerkblock: Römer 2-6. Hinter diesem eher stumpfen Namen verbirgt sich das älteste freistehende Haus Deutschlands (von 1289). Obwohl, wieso ist das freistehend, wenn sogar der Name sagt, dass das eigentlich fünf Häuser sind? Wann zählt etwas als Haus und nicht als Häuserblock?

Der Vergleich mit Wetzlar war natürlich nicht ganz fair, denn erstens ist Limburg schon eine Nummer größer und zweitens kam Limburgs Einfluss nicht aus der Justiz, sondern aus dem Handel und der Kirche. Womit wir beim Thema wären.
"Erinnerst du dich noch an Tebartz van Elst?", fragte ich.
"Na klar."
"Und war er auch das erste, woran du bei Limburg denken musstest?"
"Jap."
Was sind schon über tausend Jahre Geschichte gegen einen Bischof, der sich am Haus der sieben Laster von der Gier inspigieren ließ und verheimlichte, dass seine neues Bischofshaus 31 Millionen statt 2 kostet? Das Bauprojekt, das vor einer Ewigkeit in den Schlagzeilen stand, steht längst fertig direkt neben dem Dom, ein seltsames Ensemble aus Stadtmauern, einem Limburger Fachwerkhaus (diesmal wirklich freistehend) und einer eigenartigen Black-Box-Kapelle (rechts im Bild). So groß sieht das Ding gar nicht aus (was vielleicht ein Grund war, warum der Bischof sich noch eine Extrawohnung unten in den Fels fräsen ließ). Bei der schlechten Presse ist es kein Wunder, dass der neue Bischof Bätzing nicht darin wohnt, sondern alles als Museum für Reliquien und Archäologie freigegeben hat. Das Schlafzimmer ist nun ein Lagerraum. Und wo schläft nun der arme Elst? Keine Sorge, dem geht's gut, er ist jetzt Kurienbischof in Rom.

Am Dom mussten wir kurz warten, es fand eine Messe statt. Kein Wunder, denn hier findet noch jeden Tag um 10 eine statt. Und kaum war sie vorbei, starteten sofort die Domführungen. Na, hier ist ja richtig Betrieb.
Der Dom hat sieben Türme, keine Kirche in Deutschland hat mehr (oder gleich viele). Von außen ist der Dom weiß mit roten Streifen, also im Prinzip genau wie ein Limburger Fachwerkhaus. Und von innen... also, ich habe mich noch nie in einer Kirche so sehr wie in einem Innenhof gefühlt. Die vielen Fenster mit Gängen dahinter, die ganze Helligkeit und die Kreuzung aus zwei Kirchenschiffen, da musste ich mich doch einmal mehr daran erinnern, dass ich in einem Gebäude war und nicht auf der Straße.
Der Dom ist so wahnsinnig hell, weil 1968 ein Haufen Restauratoren vier Jahre lang sehr vorsichtig, aber intensiv dran rumgeschrubbt haben. Es waren nicht allein die Abgase des Industriezeitalters, die sie abkriegen mussten, sondern auch jede Menge Kerzenruß aus den Jahrhunderten davor. In einem Seitenraum (unten links) haben sie mit Absicht ein paar Bögen schwarz gelassen, damit mit man auch einen authentischen Eindruck hat, wie hart sie geschuftet haben wie die Kirche während des Großteils ihrer Geschichte aussah.

Dabei wurden auch jede Menge Bilder aus dem Mittelalter freigelegt. Einige haben sie neu ausgemalt, andere hatten noch genug Farbe, dass man sie so lassen konnte. Wo hat man sonst Gelegenheit, ganz locker an 800 Jahre alten Bildern vorbeizugehen, so nah, dass man sie anfassen könne (aber nicht sollte)?
Vor diesem Bild liegt das Grab von Konrad Kurzbold. Dieser kurze Graf hat kurzentschlossen vor über tausend Jahren kurzerhand das St.-Georg-Stift gegründet, der Ursprung der Stadt und gleichzeitig der Grund, warum ihre Geschichte (sogar bis heute in unseren Köpfen) so eng mit der Kirche verknüpft ist.

Wir wechselten von Hessen nach Rheinland-Pfalz, fuhren in Diez über die erste Steigung drüber und kurz an der Straße, dafür aber mit Blick auf das Grafenschloss und (zur Abwechslung mal nicht rote) Fachwerkhäuser. Eigentlich bietet Diez das schönste Stadtpanorama auf der Radstrecke, in Limburg war der Blick vom anderen Ufer aus immer etwas verdeckt. Die Grafen hier hatten einen besonderen Draht zu den Niederländern und haben ihnen beim Zurückerobern von den Spaniern geholfen. Mit Auswirkungen bis heute: Die damaligen Grafen sind direkte Vorfahren des heutigen niederländischen Königs, und die Niederlande haben die Sanierung von Schloss und Museum kräftig mitbezahlt.

Dann wurde es wieder still in der Lahndschaft. Sogar das Wasser war außergewöhnlich ruhig. Fließt da überhaupt noch was? Im Wasser war kaum noch Bewegung zu sehen, und als uns in der nächsten Kurve der Wind entgegenblies, sah es aus, als würde die Lahn rückwärts fließen.
Sogar Seerosen überleben in diesem stillen Wasser. Da muss gleich definitiv ein Stauwehr kommen. (Es kam eins.)

Das nächste Stück war bis vor Kurzem lebensgefährlich: Auf der steilen Serpentinenstraße nach Holzappel (der offiziellen Route) gab es schwere Unfälle, und auf dem abbröckelnden Pfad am Ufer stürzte ein Radfahrer sogar tödlich ab. Die Bürgerinitiative empfahl einen (auch sehr steilen) Schleichweg über Privatgrundstücke, mein Reiseführer rät, einfach eine Station Zug zu fahren.
Zum Glück ist das alles Vergangenheit, denn die Lücke wurde geschlossen mit der sogenannten Zwei-Brücken-Lösung.
"Klingt das für dich auch nach Nahostkonflikt?"
"Jap."
Naja, ich hoffe für alle Beteiligten, dass die Lösung nicht ganz so schwierig war. An den felsigen Hängen des Gabelsteins (hinten im Bild) wechselten wir auf besagten zwei silbrigen Brücken kurz ans linke Ufer und zurück, und fertig war der Lack.

Der Gabelstein war übrigens der letzte Fels, der auf -stein endet. Ab jetzt gibt es Allerley-Felsen: Wolfslei, Liebeslei, Kux-Lay... ein klares Zeichen, dass wir uns dem Mittelrhein (inkl. Loreley) nähern. Die Burgen obendrauf sind Privatbesitz.
Aber nun ließ unsere Leystung allmählich nach. In Limburg hatten wir noch keinen Hunger, jetzt schon. Nach ein paar Kilometern straßenbegleitendem Radweg kehrten wir in Obernhof in den erstbesten Campingplatz-Imbiss mit dem genderqueeren Namen Tante Horst ein und erwarteten nichts Besonderes. Auf jeden Fall keinen so netten Herrn, der ein frisch geklopftes und ungewöhnlich gutes Schnitzel brachte.

So, nun kam eigentlich der einzige wirklich schwierige Abschnitt, wo es mit dem Tandem kritisch geworden wäre. Wir hechelten und schoben den schlimmsten Anstieg zum Kloster Arnstein hoch, danach lief der Kiesweg die ganze Zeit an den Felswänden auf und ab. Einmal war sogar ein Stück des Weges abgestürzt und abgesperrt. Aber selbst das ging noch.

Dieser Bereich ist eine der wenigen Stellen, wo noch die superseltene Würfelnatter lebt, eine komplett harmlose Wasserschlange mit quadratischen Flecken auf dem Kopf, die kleine Fische frisst.

Die Lahn hat schon einen seltsamen Aufbau: In der Mitte ist sie eher flach, und das klassische enge Lahntal mit den berühmten Städtchen, Weinbergen und Badeorten kommt gegen Ende. Ein bekanntes Städtchen ist sicherlich Nassau - ganz sicher nicht wegen seiner Größe, sondern deshalb, weil wichtige Adlige ein Nassau im Namen hatten. Sie zogen im Laufe in der Zeit von der hohen Burg runter in die Stadt und irgendwann in die Niederlande und Luxemburg, wo ihre Nachkommen noch heute wichtig sind.

Auf der nächsten Infotafel behauptete ein Soldat namens Astericus Flavius, wir würden jetzt schon wieder eine Grenze überqueren: Von GERMANIA LIBERA ins IMPERIUM ROMANUM (Provinz GERMANIA SUPERIOR).
Aus den Bergen des Taunus kommt der Limes inklusive Limes-Radweg, der einzige andere Grenzradweg neben dem Eisernen Vorhang. Genau wie an der Innerdeutschen Grenze sollen da oben immer noch Wachtürme stehen, so nah, dass ich den ersten eigentlich hätte erkennen müssen. Konnte ich aber nicht, alles, was ich sah, war ein mutmaßlicher Solebohrturm. In Wahrheit sind von den Römertürmen nur Nachbauten oder Fundamente übrig. Ab jetzt ist die Lahn mit der Grenze des Römischen Reichs identisch, aber weitere Wachtürme aus der Antike tauchten nicht auf. Trotzdem reichte schon die theoretische Anwesenheit des Limes aus, um meine "Wann hast du das letzte Mal an das Römische Reich gedacht?"-Uhr erfolgreich auf 0 zurückzusetzen. (Besser das als die Unfalluhr bei der Tetra Pak AG.)

Und dann ist da noch Bad Ems, das in vielerlei Hinsicht aussieht wie das Karlsbad Deutschlands. Es besteht im Prinzip aus einer Kette von Kurhotels auf einer endlosen Promenade an der grauen Ufermauer. Darüber Felsen, Wald und eine steilsten Standseilbahnen der Welt. Weil dort gerade alles für eine Sportveranstaltung oder so abgesperrt war, haben wir uns das Ganze nur vom anderen Ufer aus angeguckt. In einem der ältesten Heilbäder nördlich der Alpen fühlten sich unter anderem der Hochadel, Russen (für die extra eine orthodoxe Kirche gebaut wurde) und Glücksritter (bis die Preußen ihr Casino verboten) wohl.
Aber wenn so hohe Tiere unterwegs sind, dann passiert eben auch mal mehr, als dass sie bloß baden, rumlaufen und Wasser trinken: Richard Wagner hat hier eine Oper fertig geschrieben und König Wilhelm während seiner Kur einen Krieg begonnen und sich selbst zum Kaiser gemacht, also quasi. Am 13.7.1871 spazierte der Kur-Kaiser über die Promenade, als der französische Botschafter aufkreuzte und verlangte, er sollte versprechen, nie wieder einen Deutschen zu unterstützen, der Anspruch auf den spanischen Thron haben könnte. Der verdutzte Willi erklärte, so was könne er ja jetzt nicht einfach so Hals über Kopf versprechen. Als Bismarck in Berlin den Bericht bekam, kürzte er den Großteil weg, damit es so aussah, als hätte der Kaiser ganz provokant die kalte Schulter gezeigt und bloß gesagt, dass er ihm nichts zu sagen habe. Bismarck fragte nochmal nach, ob Deutschland auch gut gerüstet für einen Krieg sei, dann schickte er der Presse die sogenannte Emser Depesche und wartete ab, bis Frankreich den Krieg erklärte. Den Krieg, der das Deutsche Kaiserreich vereinigen würde. Aber gut, letztendlich waren damals beide Regierungen scharf auf Krieg, also wäre es Quatsch, einem Blatt Papier oder Bad Ems die Schuld zu geben.

Der Bahnhof von Bad Ems hat die kleinste Bahnhofshalle Deutschlands - als hätte man diese riesigen Stahl- und Glasbögen aus Frankfurt Hbf, Hamburg Hbf & Co. zu heiß gewaschen und dann einem Dorfbahnhof übergestülpt. Eigentlich sollte die Halle schon längst restauriert sein, aber... naja, das hier sieht ganz und gar nicht fertig aus. Die ganze Lahntalbahn ab Limburg ist immer noch eine Baustelle bis werweißwann, weshalb wir nachher für die Rückfahrt über Frankfurt fahren müssen. Theoretisch sollte alles Anfang Mai öffnen, und sogar die Bahnapp hat wenige Tage vorher alle Züge in der App angezeigt. Die DB hat nicht mal ihrer eigenen App mitgeteilt, dass sie die Bauarbeiten nicht rechtzeitig fertigkriegen, geschweige denn der Öffentlichkeit.

Immer wieder teilt sich die Ems in zwei Arme mit einer Insel in der Mitte: Der eine Arm hat ein Stauwehr, der andere eine kleine Schleuse. Aber in den Schleusen herrschte gähnende Leere, und wir sahen nichts, das größer war als ein Paddelboot. Wer große Pötte sehen will, muss noch ein paar Kilometer bis zum Rhein durchziehen.

Aber Moment, wir sind super in der Zeit, vorher machen wir noch eine kleine Wanderung. Denn jetzt mündet der Ruppertsbach in die Lahn. Glaube ich. Die Mündung habe ich nicht gefunden, die letzten Meter sind komplett unterirdisch. Aber als wir ein Stück über einen Pfad und an der Bundesstraße liefen, fanden wir endlich die Stelle, wo der Bach in einem groß gemauerten Tunnel verschwindet. Und laut dem hölzernen Torbogen beginnt dort die Wildromantische Rupprechtsklamm.
Der Torbogen erinnerte mich an die Drachenschlucht, also hatte ich etwas Ähnliches erwartet. Ganz so wurde es dann aber nicht: Zunächst folgten wir dem Bach einen ausgetretenen Pfad hinauf. Der Pfad war dermaßen staubig und ausgetreten, dass der Schlucht trotz des Wassers, der Farne und Buchen ein bisschen die Frische fehlte. Komisch, es waren zwar einige Koblenzer Familien mit Kindern unterwegs, aber voller als die Drachenschlucht ist dieser Pfad nicht.
Die ersten Felsen schauten aus dem Staub, und wir wechselten ans rechte Ufer. Und dann ans linke. Und dann ans rechte. Und dann... immer wieder verlor sich der Pfad und wir mussten überlegen, wo genau wir jetzt nach drüben treten sollten.

Dann vereinigten sich die Steine zu Felswänden, in die sogar Drahtseile reingehämmert wurden. Anders als in der Drachenschlucht regnet es nicht von diesen Felsen, aber immerhin wurden die Felsen immer grüner, die Luft immer feuchter, der Staub verzog sich. Und schließlich zog sich die ganze Klamm zu einer engen Rinne zusammen, in der wir die Felsstufen hochstiegen. Herrlich, so habe ich mir das vorgestellt!
Das heißt aber nicht, dass die ständigen Uferwechsel aufhören.

Die typische Stelle der Ruppertsklamm kommt aber erst dahinter: Ein kastenförmiges Tal, dermaßen rechteckig, dass ich nicht weiß, ob ich der Natur das abkaufen soll. Während der Ruppertsbach durch einen Haufen Holz und Geröll rauscht, fallen an den Seiten gewaltige Wasserfälle aus Efeu runter. Und ganz am Schluss ein Wasserfall aus Wasser.
Dort befindet sich auch eine Brücke. Die Platzierung von Brücken in der Ruppertsklamm ist etwas komisch. Es gibt insgesamt zwei. Die eine auf dem Wasserfall (hinten im Bild) ist quasi nur eine Aussichtsplattform, denn an der Stelle wechselt man ausnahmsweise mal nicht das Ufer. Und die andere steht weiter unten im Staub an einer von ca. 986 Stellen, wo man das Ufer wechselt, wobei völlig unklar bleibt, warum ausgerechnet diese Stelle so schwierig sein soll, dass sie eine Brücke erfordert.

Lahnstein (bei Koblenz) kannte ich schon vom Rheinradweg. Die Stadt war lange geteilt in Ober- und Niederlahnstein. Oberlahnstein (im Süden) fand ich schon auf der Rheintour wegen des starken Verkehrs nicht so knülle. Das Schöne am Lahnradweg ist: Man muss nur durch Niederlahnstein. Und in Niederlahnstein konnten wir einfach auf dem Uferweg bis zur Mündung in den Rhein durchfahren: Eine Steinspitze mit einer rotweißen Stange und Gras, eher unspektakulär im Vergleich zur Moselmündung (fast) gegenüber. Aber das gelbe Schloss Stolzenfels und das Mittelrheintal an sich sorgen für Kulisse. (Lahnstein hat außerdem Burg Lahneck und Schloss Martinsburg, die sind nicht im Bild. Um alle Burgen am Mittelrhein zu fotografieren, habe ich nicht genug Urlaub.) Und so hatten wir hier einen der schönsten Momente des Tages, indem wir uns einfach bloß in die Gänseblümchen legten und... absolut nichts taten. Muss auch mal sein.
Zwei Nilgänse sahen das jedoch gans anders. Wir haben diese Art schon den ganzen Tag über gesehen, sie sind leicht zu erkennen an den rotbraunen Flügeln und den heftigsten Augenringen im Tierreich, als hätten sei drei Nächte lang durchgemacht. Viele Gänse ließen ihre jugendlichen Küken das Gras rupfen und stellten sich wachsam daneben. Eindeutig das Lahn-Äquivalent zu den Graugänsen an Rhein, auch wenn sie ursprünglich aus Afrika kommen. Bei dem Paar an der Mündung waren die Kleinen anscheinend schon aus dem Haus, aber die Beschützerinstinkte immer noch da. Sie watschelten auf uns zu und fauchten, bis... wir absolut nicht reagierten und sie sich zurückzogen, nur um zwei Minuten später wieder anzukommen.

22 Juli 2025

Ahr: Von Blankenheim nach Kripp

Meine Damen und Herren und alle anderen, ich begrüße Sie zum Vorabend der Tour de Ahrtal 2025! Wer wird dieses Jahr das Rennen machen? Die Veranstalter haben es dieses Jahr besonders schwer gemacht, denn die erste Herausforderung besteht gleich in der Anreise. Die Bahn zum Bahnhof Blankenheim (Wald) fährt wegen Bauarbeiten nicht, unten im Tal ist die Bahn zerstört, und am Sonntag fährt kein Bus, nicht einmal morgens vor Veranstaltungsbeginn. Wie es aussieht, werden die meisten einfach unten starten, aaber da sind auch ein paar besonders clevere Teilnehmer, die schon den Radbus für den Vorabend gebucht haben. Der frühe Vogel und sein elektrischer Begleiter fahren bis hoch zum Schwanenweiher von Blankenheim, genau so wie das Ehepaar Florian und Fiona Frühbucher. Damit ist der große Fahrradanhänger noch lange nicht voll, da wäre noch Platz, nur: Wo sollen all die Leute übernachten?


Und hier sehen wir auch schon unseren Ehrengast an der Tour der Ahrtal: Die Ahr. Sie hat sich ein Zimmer in einem vergitterten Keller eines Fachwerkhauses gebucht und ausgeruht, und da startet sie auch schon ins Rennen. Ihr Name kommt übrigens vom Wort aha - das heißt, kurz und bündig, Wasser. Aha. Völlig zu Recht haben die Bewohner erkannt, wie viele Flachwitze sich mit diesem Namen machen lassen, und darum lesen wir auf den Schildern von hAHRmonie, der AHRche und ähnlichen wunderbAHRen Wortspielen.

In den sonnigen Gassen beginnt sie mit ersten Aufwärmübungen, sogar im Kneippbecken. Die Bewegungen wirken hier noch ein bisschen eckig und unnatürlich, aber das wird schon. Was für eine schöne Stadt, hier und da auch noch mit Wandmalereien und vielen Kletterrosen, und dann auch noch mit Burgruine obendrüber. Da werden die anderen Ahrstädte große Mühe haben, mitzuhalten. Übrigens gibt es auch einen 150 Meter langen Tiergartentunnel, der die Burg extra mit Quellwasser versorgt.
Und auch unsere ersten Teilnehmer gucken sich verirrt um, haben sich wahrscheinlich gefragt, ob man hier überhaupt was zu essen kriegt, und jetzt haben sie die Wahl zwischen vielen Restaurants, ach nein, ich höre sogar, bei manchen sind die Tische ausgebucht.

Florian und Fiona Frühbucher haben sich anscheinend schon in ihre Pension zurückgezogen. Aber was machen der frühe Vogel und sein elektrischer Begleiter? Ooh, sie zögern noch, wirken etwas unschlüssig: Unterkünfte? Sind ihnen wohl zu teuer und zu weit weg. Wild zelten? Nein, alles Naturschutzgebiet und in NRW sowieso nicht erlaubt. Ah, jetzt wurde anscheinend eine Entscheidung getroffen und sie radeln los auf den Ahrtal-Radweg - die Bundesstraße ist ja erst morgen gesperrt. Das heißt natürlich auch, sie verpassen schonmal den ersten Stempel, die Fitnessstation Pumptrack an der Weiherhalle, in Blankenheim.
Und hier sehen wir den leeren Radweg, wie er anfangs noch in einer historischen Unterführung unter der Trasse der Ahrtalbahn durchgeht, bevor er auf die Bahntrasse wechselt. Der Weg ist sehr versteckt und dicht bewachsen, da können wir von der Straße aus gar nicht alles so genau erkennen. Wo sind sie denn jetzt?

Ach so, verstehe, sie sind auf die Straße den Berg hinauf zum Eifel-Camp abgebogen. Was für ein Campingplatz, meine Damen und Herren, gleich gegenüber ist der Freilinger See, ein wunderbarer Stausee, und ja, sie schwimmen trotz der Anstrengung noch eine Runde nach drüben, aber hoppla, da scheint es schnell tiefer zu werden im Wasser, Vorsicht.
Und wir sehen auch, dass auf diesem Campingplatz noch ungewöhnlich viele Zelte stehen, stellenweise mehr als Wohnmobile, das sieht man auch selten heutzutage. Aber was ist das? Ooh, das ist böse, eins der Fahrräder scheint massive Schwierigkeiten zu machen. Sie telefonieren, aber nein, auch keiner der Fahrradwerkstatt-Stände morgen an der Strecke wird diesen Schaden beheben können, dafür ist kein Ersatzteil da. Einer der beiden muss aus dem Rennen aussteigen und lässt sich abholen, schade, einfach nur schade.

Wir schalten am nächsten Morgen zu und der frühe Vogel ist diesmal nicht ganz so früh unterwegs. Florian und Fiona Frühbucher sind schon lange losgezischt, es ist 10:45, der Radlersegen in Blankenheim wurde schon abgesegnet und die Tour de Ahrtal läuft bereits seit 45 Minuten. Da erst stößt der frühe Vogel zur Route. Und ich muss sagen, diese Straße sieht noch ziemlich leer aus. Starten wegen der schwierigen Anreise etwa alle unten und haben es noch nicht so weit nach oben geschafft? Nein, da kommt auch schon Familie Flottheimer angeradelt, gleich zwei Kinder auf Kinderfahrrädern haben sie dabei, dafür sind sie aber wirklich schnell unterwegs. Der frühe Vogel überholt sie, aber da hält er kurz an für ein Foto, und gleich haben sie ihn wieder überholt.
Und hier sehen wir auch wieder die Ahr, schlammbraun und gut gefüllt schießt sie abwärts, die wird heute wohl kaum ein Radfahrer überholen können.
Und dann erreichen wir auch schon die zweite Station, das sieht doch schon viel voller aus, sehr schön. Die Station von Oberahreck ist noch eher einfach gehalten, ein Haufen weißer Zelte vor einem der vielen alten Eisenbahnviadukte im Ahrtal. Der frühe Vogel scheint noch nicht so richtig hungrig zu sein, er bedient sich nur aus dem Gratisangebot: Ein Müsliriegel mit Tour-de-Ahrtal-Logo, wow, die geben sich Mühe beim Branding, obwohl, nein, die Pappe wurde einfach nur über die normale Corny-Verpackung geschoben. Aber auf den Apfel haben sie wirklich irgendwie ihr Logo draufgedruckt, wow, wie haben die das nur hingekriegt?
Wird er auch an den Stempel denken? Ja, er holt sich eine Stempelkarte und den ersten Stempel, dann hat er noch eine Chance zu gewinnen.

In Ahrhütte biegt er für den nächsten Stempel ab, denn im Hof hinter der Schmetterlingshalle gibt es Live-Blasmusik und Fleisch namens... Gschnittenes oder Gschnetztes oder irgendwie so ähnlich, ich kann das Schild gerade nicht so gut erkennen. Er geht an den Stand, erwartet wahrscheinlich eine Art Pulled Pork auf Regionaldeutsch, oh, bekommt aber stattdessen eine Art Steak im Brötchen mit Zwiebeln serviert, da sieht er etwas überrascht aus, scheint aber auch zu schmecken.

Oh, oh, oh, die nächste Stempelstation bei Zweirad Hansen übersieht er einfach, oder er ist eingeschnappt, weil sie kein Ersatzteil haben, auf jeden Fall hat er damit schon zum zweiten Mal einen Stempel verpasst.
Der Autoverkehr ist heute ausgesperrt, nur an diesem Kreisverkehr kreuzt er die Tour de Ahrtal. Gerade haben die Autos Vorfahrt, wie die Ampel anzeigt. Wird er sie beachten oder den Kreisverkehr normal benutzen? Nein, er hält an. Ampel gilt auch für Radfahrer haben sie ja sogar extra rangeschrieben.

Außerdem ist hier noch der Abzweig vom Kalkeifel-Radweg nach zum Bahnhof Ahütte (nicht mit Ahrhütte verwechseln, das gibt es auch, welcher *Pieeep* hat sich diese Ortsnamen ausgedacht) wo ein Künstler aus alten Signalen Kunst gemacht hat. Wird er den Umweg auf sich nehmen? Nein, eiskalt fährt er dran vorbei und spart Zeit, dafür geht ihm aber Stempel Nr. 6 flöten. Ob das eine gute Entscheidung war? Wir werden sehen.

Und damit wechseln wir von NRW nach Rheinland-Pflanz, wo der Großteil der Ahr fließt.
In Müsch teilt sich die Strecke, oh, und er übersieht die Wegweisung, folgt der Masse und biegt ein ins Ortszentrum. Eigentlich könnte er auch außenrum auf der Bundesstraße fahren, im Ortszentrum wird es richtig voll, alles voller Zelte, und auch das Blasorchester hier hat jede Menge Saxophone und spielt ein bisschen frischer und peppiger. Das wird ihn ordentlich Zeit kosten, hier durchzuschieben. Aber ihn scheint das nicht zu stören, denn die Bratkartoffeln sehen wirklich lecker aus. Und an der Bundesstraße kauft er sich auch noch ein Brötchen mit dem Räucherlachs aus Müsch, ist der Magen etwa immer noch nicht voll... ach so, nein, er nimmt es mit als Proviant - ich glaub ja nicht, dass das nötig ist bei der guten Versorgungslage.

Für Nachtisch ist natürlich immer noch Platz, und den gibt es drei Kilometer weiter in Antweiler. Eigentlich haben alle Stationen irgendeinen Kuchen, aber Antweiler hat die längste Kuchentheke des Ahrtals, meine Damen und Herren, da muss man einfach zu greifen, vor allem bei der Zitronentorte. Draußen ist alles komplett voller Bänke und Menschen, aber wir sehen, einige haben sich auch an die Tische nach drinnen verzogen, da gibt es ein bisschen mehr Kühle und Ruhe, und das muss schließlich auch mal sein. Außerdem ist die Kuchentheke viel näher dran.

Weiter geht es auf einen längeren Streckenabschnitt, und hier noch einmal der Blick auf die Landschaft der Kalkeifel. Es ist eine eher sanfte Landschaft, aber so langsam schaut doch der Kalk, oder jedenfalls irgendein Gestein, aus den Seiten raus, das sind wirklich ein paar schöne Hänge. Ah, und ich sehe gerade, die Ahr hat inzwischen einen Trikottausch gemacht und trägt jetzt grau statt braun.

Aber auch wenn bisher alles noch ganz friedlich und intakt aussah, so langsam zeigen sich auch die ersten Spuren der Tragödie von 2021: An diesen Hängen über dem Fluss sind anscheinend große Stücke Wald einfach weggerutscht. Je tiefer wir kommen, umso schwerer waren anscheinend die Folgen der Flut.

Und wer ist schuld? Fragen wir nach im nächsten Dorf, das rein zufällig Schuld heißt. Aber Schuld scheint sich noch mit einer älteren Schuldfrage zu beschäftigen, zumindest deutet das Kriegsdenkmal darauf hin.
Hier hat ein E-Bike-Hersteller Fahrräder zum Ausprobieren aufgestellt und dazu eine Fahrradwaschanlage. Aber die sollten Sie sich lieber nicht wie eine Autowaschstraße vorstellen - das Rad wird einfach nur auf Rollen raufgefahren und dann per Hand von verschiedenen Schläuchen abgespritzt.

Nun biegen die Ahrradler ein in den ersten Tunnel. Sind Sie schon mal mit dem Rad durch einen Straßentunnel gefahren? Heute gibt es die Gelegenheit, genau das gefahrlos zu tun.
Und noch immer kommen uns auch Radfahrer entgegen: Hier fahren Bernd und Beate Bergauf tapfer stromaufwärts. Wollen die wirklich noch bis nach Blankenheim hoch, und dann zurück? Das wird eng.
Insgesamt muss ich aber leider sagen, diese große Vielfalt und Bandbreite an verrückten Zweirädern, die wir auf der ähnlichen Veranstaltung Siegtal pur gesehen haben, die ist hier leider so nicht gegeben. Nur Lennard Liegerad zischt ab und zu vorbei.

Der frühe Vogel ist unterdessen weitergefahren: In Insul kauft er gerade vor dem Gasthaus Eis mit der Geschmacksrichtung... Rose? Das hab ich auch noch nicht gegessen, aber es scheint zu schmecken.
"Und was wollen Sie?"
Wie ich höre, ist der ehrenamtliche Eisverkäufer etwa 10 Jahre alt und engagiert bei der Sache, aber seine Begrüßung braucht eventuell noch ein wenig Feinabstimmung.

Damit wären wir auch schon in Dümpelfeld, meine Damen und Herren, und ich weiß, das klingt so ähnlich wie Dümpelbach aus der Serie Mord mit Aussicht, aber ich denke, dieses Wochenende hat bewiesen, dass die Serie nur bei dem Ortsnamen korrekt ist, ansonsten aber total übertrieben hat - die Eifel ist bei Weitem nicht so ausgestorben wie dargestellt! Es sei denn, das Ahrtal ist der beliebteste Hotspot im ganzen Gebirge. (Nein, das war kein Wortwitz, der sich auf den Vulkanismus bezieht. Zumindest nicht, bevor es mir aufgefallen ist.)
Der frühe Vogel geht an die Fotobox und knipst ein Beweisfoto. Ja, das Ding sieht ein bisschen aus wie diese Automaten auf Hochzeiten, nur ohne bescheuerte Verkleidungsmöglichkeiten. Was nicht heißt, dass man darauf wirklich vorteilhafter aussieht. Aber wo kommt das Foto nun raus? Ach so, es wird gar nicht ausgedruckt, man scannt einen QR-Code, unter dem man es dann runterlädt.
Außerdem ist diese Kreuzung der Punkt, an dem die Bundesstraße nicht mehr gesperrt ist. Knapp 38 Kilometer hatten die Radfahrer nur für sich - da hat das Siegtal pur mehr als doppelt so viel.

Also müssen jetzt alle abbiegen auf den Ahr-Radweg, und dort dürfen sie erst einmal sehen, mit welchen Geräten den Flutfolgen zu Leibe gerückt wird, zum Beispiel diesem Steinschredder-Bagger.

Langsam schneidet das Tal immer tiefer in die Landschaft ein, die Felswände werden höher. Das ist doch auf jeden Fall ein Radweg, auf den man gerne abbiegt.

In Liers soll es jetzt noch so einen Parcour-Wettbewerb am Ahrtal Warrior for kids geben, das ist bestimmt lustig zuzusehen... aber nein, scheint alles schon vorbei zu sein, jetzt ist nur noch ein normaler Spielplatz und ein mobiles Auto voller Spielgeräte übrig, naja, den Kindern scheint es zu reichen.

Und dann sind wir auch schon kurz vorm Ziel, nach 44 Kilometern steuert er nach Ahrbrück rein und - geschafft! Im letzten Zelt bietet der ADFC an, sein Fahrrad mit einer Art überdimensionalem Stempel als Diebstahlschutz codieren zu lassen. Neugierig nähert er sich dem Zelt, aaber leider muss man Personalausweis und Kaufbeleg vorlegen, dann wird das heute nichts.
Er holt die Stempelkarte aus der Hosentasche, zeigt sie vor, der Mann im Zelt namens Stefan Stempelmeister beugt sich vor, drückt den Stempel aufs Stempelkissen, aufs Papier und - jaa, er hat es geschafft, der letzte Stempel! Aber wie viele fehlen ihm jetzt eigentlich? Insgesamt 4 von 15 hat er nicht bekommen, wenn man den von der Radreisemesse 2025 in Bonn mitzählt. Ob das ausreichen wird? Oh, ich erfahre gerade, eigentlich reichen mindestens vier Stempel aus. Och, na dann ist es ja einfach. Und welchen Preis gibt es zu gewinnen? Da stand doch vorhin irgendwas von Hubschrauberrundflug an einem der Stempelzelte. Aaah, nein, ich höre, das war eine Spezialverlosung nur in diesem Dorf, da hätte man die Karte dort einwerfen und um 16 Uhr bei der Ziehung dabeisein müssen, schaade, aber dann hätte das vom Zeitplan auch überhaupt nicht hingehauen. Bei der allgemeinen Verlosung gibt es bloß Gastronomiegutscheine. Er wirkt etwas enttäuscht, wirft seinen Zettel aber trotzdem rein.

Es ist noch nicht 17 Uhr, aber die Tour der Ahrtal ist zu Ende. Auch der Radweg ist jetzt erst einmal zerstört. Also steigen nun bitte alle in den Shuttlebus von Ahrbrück nach Ahrweiler, der Sie zum Bahnhof... hallo? Hallo, was machen Sie da? Und Sie auch? Stopp, Sie können doch nicht einfach auf der Bundesstraße weiterfahren, das ist gefährlich... oh, ich sehe, da hängt ja sogar ein einzelner Wegweiser für die Ersatzroute Ahr-Radweg, hm, ja, dann hätten wir den da vielleicht nicht hinhängen sollen.
Mutig, mutig, auch Florian und Fiona Frühbucher fahren auf der Straße weiter, und der frühe Vogel hinterher, dort biegen sie... Moment? Wo sind sie denn jetzt? Auf einmal sind alle Straßenradler verschwunden, und der frühe Vogel fährt ganz allein durch zwei weitere Straßentunnel. Erst beim Weinfest zwei Orte weiter (an diesem Wochenende scheinen sämtliche Veranstaltungen des Ahrtals gleichzeitig stattzufinden) tauchen Fiona, Florian und die anderen Radler wieder auf. Damit sind sie leider disqualifiziert, Teleportation im Straßenverkehr ist ebensowenig erlaubt wie Alkoholkonsum.
Die Ahr legt sich nun richtig ins Zeug und schneidet hundert Meter tiefer in Schiefer und Sandstein rein. Und dieser Schiefer hat eine besondere Eigenschaft: Er speichert Wärme, was die Menschen früh herausgefunden haben. Als die obere Ahr noch praktisch unbesiedelt war, wurde unten schon fleißig Wein angebaut. Dieses Tal ist das größte zusammenhängende Weinbaugebiet Deutschlands - egal, wie viele Felszacken die Weinberge durchbrechen, über irgendeine Ecke sind sie alle miteinander verbunden, damit das mit dem Rekord hinhaut. Und dazu: Burgruine um Burgruine. Wow, meine Damen und Herren, was für ein Anblick! Auch der frühe Vogel legt staunend den Kopf in den Nacken, er hat sicher nicht damit gerechnet, dass an diesem kleinen Nebenfluss plötzlich ein paar Kilometer spektakulärer sind als der Mittelrhein oder die Mosel.

Aber um das ganze Panorama völlig bizarr zu machen, klafft mitten in diesem Tal immer wieder eine Art braune Mondlandschaft mit Baggern drin. Manche Häuser stehen nur noch halb herum, und auch einer der Weinberge ist braun und tot. Das ist der Teil, in dem die Flut am stärksten gewütet haben muss. Viele Brücken sind noch Baustellen, darunter auch für die Ahrtalbahn und den Ahrtal-Bahnradweg. Und selbst die geöffneten Brücken haben oft provisorische Geländer, weil das originale zerstört wurde.

Und ich sehe, auch auf den Transparenten ist die Flut immer wieder Thema:

KEINE BIOGASANLAGE IM ÜBERSCHWEMMUNGSGEBIET!
Ruine für die Ewigkeit [vor einem völlig zerstörten Haus]
Die Johanniter helfen beim Wiederaufbau. Haben Sie schon Unterstützung beantragt?
2016, 2021, 2026? Wo bleibt der Hochwasserschutz im Ahrtal?

Ja, schwere Hochwasser gab es hier schon immer: 1601, 1804, 1910, 2016 und 2021... leider ist klar zu erkennen, dass die Abstände immer kürzer werden. Am 14.7.2021 war der Boden nach wochenlangem normalen Regen schon völlig gesättigt, als in der Nacht das Tiefdruckgebiet Bernd ankam und nochmal zwölf Stunden lang Starkregen abließ. Alle Rückhaltebecken flossen über. Die Menschen rechneten mit einem normalen Hochwasser und stapelten 500 Sandsäcke auf. Mancherorts konnte noch etwas evakuiert werden, anderswo fuhr die Feuerwehr durch und warnte bloß, der Strom werde abgestellt - obwohl zur selben Zeit stromaufwärts schon Menschen ertranken.
Die Ahr und die Nebenbäche wuchsen um 5 bis 10 Meter in die Höhe. Im Grunde ist diese Formulierung Unsinn: Das Wasser war ja Regenwasser, und an die Ufer der Ahr hat es sich auch nicht gehalten, also hat das Ganze doch eigentlich gar nichts mit der Ahr zu tun und niemand kann dem kleinen Flüsschen die Schuld geben.
Was lese ich da neben dem hoffnungslos zerquetschten roten Auto?
DAS MUSST DU GESEHEN HABEN: DEUTSCHLANDS EMOTIONALSTE AUSSTELLUNG
Das klingt etwas reißerisch, aber wenn es die Bewohner selbst so schreiben, ist es vermutlich okay. Anscheinend hat jemand ein Ruinenhaus zum Flutmuseum umdekoriert, vollgestopft mit Gegenständen, Fotos, einem Gemälde des lachenden Laschet und insbesondere mit Bildschirmen, auf denen die Menschen erzählen, wie sie 50 Stunden auf einer Insel aus Baumstämmen auf einen Helikopter warteten, oder wie sie auf einem Stück ihres Dachbodens (dem letzten "intakten" Teil ihres Hauses) herumtrieben, gegen das Nachbarhaus stießen und dort durch die Fenster einbrachen. Vielen Häusern wurde zusätzlich das alte Heizöl im Keller zum Verhängnis. Es starben 135 Menschen, nicht nur wegen der Klimakrise, sondern auch, weil Institutionen versagt haben. Menschen mitten in Deutschland, die ebenso gut du und ich hätten sein können. Diese Tatsache will das Gehirn am liebsten ausblenden und so tun, als sei das alles zwar schon schlimm, aber auch irgendwie ganz weit weg in einem Dritte-Welt-Land passiert.

Man mag es sich nicht vorstellen, wie die Menschen auf sich allein gestellt waren, keine staatliche Ordnung mehr herrschte und jeder sich selbst der nächste war im gnadenlosen Kampf ums Überl... ach, einen Moment, so war das gar nicht? Alle haben sich gegenseitig geholfen, Krisenstäbe gewählt und selbst organisiert? Und bei alledem noch nicht mal ihren Sinn für Wortwitze vergessen (SolidAHRität, DankbAHRkeit)? Unfassbar. Man könnte fast meinen, wir seien eigentlich gute Lebewesen und alles, was uns über den gewalttätigen, bösen Urzustand des Menschen erzählt wurde, sei eine Lüge, damit wir jede Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Ordnung bereitwillig akzeptieren.

Schließlich öffnet sich das Tal und die Weinberge haben keine Felsen mehr drin, sondern sind nur noch Wein pur, wie im Rheingau. Der frühe Vogel fährt durch die Doppelstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, wobei die Altstadt von Ahrweiler der mit Ahrbstand schönste Teil ist. Aber auch der vollste. Menschen in bunten Trachten und Uniformen schieben sich durch die Gassen, und am Stadttor warten die Menschen auf eine Art von Festumzug. Wie sollen die Ahrradler nun durch das Stadttor kommen? Ah, kein Problem, er hat einen kleineren Tordurchgang gefunden.
Und immer wieder sehen wir jetzt auch Menschen in auffälligen Trikots oder bunten Klamotten. Da ist Reinhard Renner, der den AHRaton läuft. Wilhelmine Weininger dagegen nimmt an einer Weinwanderung teil, das verrät uns schon ein um den Hals hängendes Weinglas.

Auch wenn das Tal hier nicht so eng ist, hat die Flut offensichtlich gewütet, aber die Aufbauten scheinen schneller voranzugehen als gedacht. Eine neue Stahlbrücke nach der anderen hat das THW hier hochgezogen, Wahnsinn. Alle haben das Stadtwappen drin, und eine soll sogar von einem Pflanzentunnel überwachsen werden. Ob dieses alte Casino von der Flut geschädigt wurde oder schon vorher, das bleibt ein Rätsel, und genauso, ob es überhaupt ein Casino ist.
Was macht er jetzt? Ach so, er watet hinein für ein kaltes Fußbad mitten in der Stadt, eine gute Idee, die meisten anderen Radler haben inzwischen ja sowieso aufgegeben. Wahnsinn, wie klar das Wasser ist - nanu, was hat er da gefunden? Einen Scheibenwischer? Und eine FFP2-Maske? Die Flut hat die seltsamsten Relikte angespült.
Doch da kommen zwei weitere AHRaton-Läufer auf ihn zu, die... im Wasser laufen? Ja, Willi und Veronika Watema legen am liebsten einen Teil des Rennens mit flüssiger Fußkühlung zurück, auch wenn das natürlich Tempo kostet, müssen sie selber wissen. Sie quatschen ein bisschen, aber nein, nein, er sollte lieber auf Pisso, den Hund der beiden, achten, der will nämlich gerade sein Revier auf dem Kleiderhaufen der Radfahrer am Ufer markieren, ufff, gerade noch rechtzeitig hat er es gesehen, angesprochen und sie pfeifen ihn zurück, na immerhin gehorsam ist er.

Jetzt muss er nicht mehr auf der Bundesstraße fahren. Die Radwege durch die schönen Alleen am geraden Ahrufer sind oft noch zerstört, aber auch die Ersatzroute geht nur über Nebenstraßen und Feldwege, alles nicht mehr so spektakulär.

Aber dann sind wir auch schon am Schluss, wohin will er denn jetzt? Bevor es zum Bahnhof Sinzig geht, muss er jetzt noch zur Mündung nach Kripp, wenn schon, denn schon. Wenigstens in Kripp haben sie viel aus der Flut gelernt und so eine Hochwassermauer installiert. Wie funktioniert die? Ich sehe gar keine Metallplatten, die von oben in die Maueröffnungen runterfallen? Nein, stattdessen werden die Metalltüren von außen zugeklappt. Das dauert natürlich etwas länger, also hoffen wir, dass beim nächsten Mal rechtzeitig gewarnt wird.

Die Ahr hat inzwischen schon mehrmals den Trikottausch zwischen Braun, Grau und Durchsichtig gemacht, kommt auch immer etwas drauf an, wie nah man herangeht. Sie schießt auf ihr Ziel zu, schlängelt sich noch ein bisschen durch den Kies, will sie es etwa spannend machen, vorbei an den letzten Bäumen und dann - jaa, Ziel erreicht, sie hat den Rhein getroffen. Und auch der frühe Vogel kommt an der Mündung an, etwas verwirrt, vielleicht weil hier vor wenigen Jahren noch eine stabile Holzbrücke stand, die nicht so aussah, als hätte sie nur noch zwei Jahre zu leben.
2019
2025








 

Ob er nun wirklich einen Gastronomiegutschein gewinnen wird, das können wir an dieser Stelle auch noch nicht sagen, auf jeden Fall hat er die gesamte Ahr abgefahren. Herzlichen Glückwunsch, darf ich Sie um einen kurzen Kommentar bitten?

"Das Ahrtal hat mich zutiefst beeindruckt und ich glaube, es ist ein Fenster in unsere Zukunft. Was hier passiert ist, im Guten wie im Schlechten, erwartet uns alle. Ich habe Hoffnung für die Menschen - aber zuerst muss es anscheinend noch einmal gewaltig knallen."

Oh, ähm, das war jetzt... unerwartet düster, aber, äh, vielen Dank.