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17 August 2025

Donau: Von Esztergom nach Fenyveshegy

"Oh, wir waren auch vor der Wende an der ungarischen Donau und es war so heiß! Wir wollten uns abkühlen, aber überall standen große Schilder, wo drauf stand, dass baden verboten ist. Ach, da dachten wir: Das ist sie jetzt, die schöne blaue Donau? Einmal schlichen wir uns trotzdem ins Wasser, gingen bis zum Hals in die stinkende braune Brühe. Und dann funktionierten die Duschen auf dem Campingplatz nicht. Überhaupt, erstmal auf den Campingplatz zu kommen, das war auch was. Die Ungarn haben sehr sortiert. Sie wollten nur Westmark. Uns mit der DDR-Mark ließen sie nicht rein. Erst, als wir einen Kasten Bier brachten, öffnete sich das Tor...." 

- Eine Seniorin aus unserer Heimatstadt-

Dieser Tag lief anders als geplant, und das war gut so. Wir schauten uns noch bis mittags Esztergom an. Am Fuße einer Treppe sprach uns ein Ungar in exzellentem Deutsch an und fragte uns, wohin es weitergehen solle. Da waren wir uns selber noch nicht sicher. Fünf Kilometer Hauptstraße am ungarischen Ufer? Keine gute Idee, der Verkehr sei da wirklich heftig. Lieber durch die Berge, dort wurden schöne neue Waldwege geteert - ach so, das ist Ihnen zu steil? Und Sie wollen dann die Fähre nach Szob nehmen? Auch keine gute Idee, man weiß nie, ob die fährt. Dann fahren Sie doch lieber gleich komplett am slowakischen Nordufer.
Dass uns dieser gute Geist rechtzeitig erschien, ist wohl ein Beweis, dass der Hügel von Esztergom tatsächlich recht nah dran an Gott ist.

Und so fanden wir uns, entgegen aller Erwartung, noch ein letztes Mal in der Slowakei wieder. Und bereits sehr hungrig. An der Uferpromenade von Štúrovo stand, gegenüber vom klassischen Bufet, ein asiatisches Restaurant. Da der Jüngste Lust auf Sushi hatte und uns die panierten Bufet-Sachen schon aus den Ohren rauskamen, gingen wir rein, setzten uns mit Blick auf ein Riesenrad und die ungarische Basilika und bestellten eine ganze Menge. Aber ob das auch gut wird?
War es. Richtig, richtig köstlich.


Wir hatten diese letzten slowakischen Kilometer nicht auf dem Schirm gehabt, weil sie a) in den Kartenbüchern überhaupt nicht vorkommen und b) etwas länger sind, weil wir um zwei Nebenflüsse bis zur nächsten Brücke herumfahren musste. Mag sein, trotzdem war das hier wahrscheinlich die bessere Wahl.

Auf dem Weg saßen immer wieder Gruppen von Heuschrecken im Kreis herum, als hätten sie etwas Wichtiges zu besprechen. Sie wirkten irgendwie zarter und zerbrechlicher als deutsche Heuschrecken, als seien sie aus Papier gemacht. Aber das spielt keine Rolle, denn im Gegensatz zu Nacktschnecken sind sie in der Lage, rechtzeitig aus dem Weg zu hüpfen.

Schon von der Basilika war zu erkennen, wie es nun weitergeht: Die Donau bricht durch zwischen dem Visegráder und Börszöny-Gebirge. Jetzt sind an beiden Ufern felsige Berge.

Diese Berge haben mich an die zwischen Wien und Bratislava erinnert - man könnte meinen, die Gebirge seien überhaupt nicht durch eine große Tiefebene getrennt und wir hätten die letzten Tage einfach halluziniert.
Die Felswände sind das genaue Gegenteil von nackt und kahl: Bäume drängen sich auf allen Seiten um sie herum, und ein paar vorwitzige Exemplare sind sogar unter die Bergsteiger gegangen und klammern sich mit ihren Wurzeln im Stein fest. Auch dann, wenn sie längst abgestorben und vertrocknet sind. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich von menschlichen Bergsteigern.
Weil unter der ersten Felswand so wenig Platz war, mussten wir auch am Nordufer auf einer Straße fahren, aber der Verkehr war deutlich schwächer.

Und dann, in Chl'aba (Brot?), kam endlich die Brücke über den Nebenfluss Ipel/Ipoly, und der ist hier die Staatsgrenze. Die Donau ist ab jetzt auf beiden Ufern ungarisch, und nachdem wir wirklich das absolute Maximum an Slowakei aus dieser Tour herausgeholt haben, blieb uns keine andere Wahl, als in Ungarn weiterzufahren.

Auf den ersten Blick scheint sich nicht viel verändert zu haben: Immer noch diese geschnitzten Holzsäulen. Nur dieses doppelte Kreuz ist neu.

Aber schon hinter der nächsten Kurve sah alles anders aus. Szob empfing uns mit aktiven und stillgelegten Bahnhöfen. In diesem alten Bahnhofsturm befinden sich Ferienwohnungen, umringt von einem alten Bahnwagen, einem Blumentopf, in dem Gleise und Wagen einer Modelleisenbahn zusammenhanglos herumliegen, und einem derart heruntergekommenen Klavier, dass wir keinen einzigen Ton herausbekommen haben. Ist auch schwierig, so ohne Tasten.

Diese Schranken mit Fahrrad-Lücke gab es schon in der Slowakei, in Ungarn kommen sie aber viel öfter vor und enthalten keine nervige Bremsschwelle in der Mitte.
Doch der größte Unterschied ist: Schatten. Auf einmal ist der überwiegende Teil des Donauradwegs beschattet, und die Imbisse kamen in immer kürzeren Abständen. Whaat? Was haben wir die ganze Zeit verpasst? Hätten wir gleich hinter Bratislava nach Ungarn abbiegen sollen?
Wahrscheinlich nicht. Ich bezweifle, dass der ungarische Donauradweg hinter Čunovo oder an der Grenze zu Serbien auch so aussieht. Denn erstens befinden wir uns schon im Einzugsbereich von Budapest, und zweitens kommt gleich eine der zwei beliebtesten Landschaften Ungarns.
Nur die kleinen Donaustrände verschlechterten sich rapide, denn sie waren voller Glasscherben und Bauschutt.

Wir wichen auf einen offiziellen Strand aus. Die Steine waren immer noch spitz, aber es gab Betonrampen zum Reingehen. Und so eine Begrenzung im Wasser ist auch nicht schlecht, um beim Schwimmen mit Gegenstromanlage immer die Richtung beizubehalten. Trotzdem kam es nicht an den Charme der Naturstrände der letzten Tage heran.

An den Straßen hat Ungarn manchmal getrennte Fahrspuren für Fußgänger und Radfahrer markiert. Im Prinzip eine sinnvolle Sache, außer man lässt den trennenden Strich verblassen und die Fußgängerhälfte vollkommen von Schlingpflanzen überwuchern.

Die historischen Holzhäuser zeigen Flagge und machen blau.

Nun macht die Donau einen scharfen Bogen, die Bahn schießt dahin, die Felsen fallen etwas flacher ab. Sie bestehen aus Vulkangestein und Kalk. Ersteres liefert eine stabile Basis, letzteres kann sich die Donau nach Belieben zurechtschleifen.
Wir radeln auf dieser Reise zwar nur 1,5 Tage in Ungarn, doch auf dieser Strecke geben wir uns die volle Ungarn-Dröhnung: Kirchliche Hauptstadt, dieses Tal, weltliche Hauptstadt. Fehlt nur noch der Balaton, aber der ist woanders.
Willkommen im Donauknie! Es sieht aus, als hätte jemand die Toskana, die Schlögener Schlinge und das Mittelrheintal gekreuzt. Erst kommt die scharfe Schleife Richtung Süden, und dann knickt die Donau endgültig für die nächsten 500 Kilometer nach Süden ab.

Und diese Stelle ist wahrscheinlich so etwas wie die ungarische Loreley: Visegrád. Statt singender Nixen sind hier gleich zwei Burgen anzutreffen. Die untere scheint vor allem aus einem dicken Turm zu bestehen, die Lücken gefüllt mit Beton. Die Obere Burg wird ihrem Namen sehr gerecht, höher kann eine Burg auf diesem Berg nicht liegen. Die Mauern sehen wirklich sehr mittelalterlich aus, die Bögen sogar geradezu antik, und das ganze Ding scheint riesig zu sein. Diese Landschaft ist längst nicht so groß wie das Mittelrheintal, aber ich kann mich nicht erinnern, dort eine Burg wie diese gesehen zu haben. Es ist, als habe jemand versucht, aufgrund der Kürze des Tals die maximale Burgigkeit in diesen Berg hineinzukomprimieren. (Und auf der Rückseite hat er dann noch ein Skigebiet mit Sommerrodelbahn angelegt.)
Sicher, dass die Könige nicht eigentlich hier gelebt haben? Ja. Das heißt, haben sie schon, aber nur einmal kurz zwischendurch. Und in der Unteren Burg lebte König Salomon, aber im eingekerkerten Zustand, weil er seinem Cousin schon zum zweiten Mal den Thron klauen wollte. Und in der Oberen Burg bewahrten die Könige ihre Krone auf. Zumindest, bis Königin Erzsébet/Elisabeth sie klaute, weil die diebische Helikoptermutter ganz ganz sichergehen wollte, dass ihr kleiner Sohn sie bekam. Erst 20 Jahre später kehrte die Krone zurück nach Ungarn.
Kurz gesagt: Obwohl dieser Berg an sich nur regionales Verwaltungszentrum war, war er für die Königsfamilie immer wieder wichtig. Und außerdem hat er ganzen vier Staaten seinen Namen gegeben. 1335, 1339 und 1991 trafen sich da oben die Oberhäupter der vier westslawischen Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn, um ihre Ziele zu besprechen, und deswegen nennt man sie Visegrád-Staaten oder V4.

Aber da kommen wir heute nicht mehr hoch. Stattdessen radelten wir gegenüber in Nagymaros durch einen Park mit obskuren, geduckten Statuen aus Pferdeköpfen, von einem Softeisstand zum nächsten.
Wer zu den Burgen will, kann einfach aus dem Bahnhof steigen, die Fähre nehmen und dann... äh, laufen, oder sich an die Bushalte stellen. In Deutschland gäbe es sicher eine Seilbahn, doch Ungarn wollte sich sein Panorama davon nicht versauen lassen.

Das letzte Wegstück durch Wiesen und Pferdeweiden entfernte sich von der Donau.

Die macht schon wieder etwas anderes: Kaum ist das Knie zu Ende, teilt sich die Donau in zwei Arme, zwei Drittel landen in der Donau (im Bild), der Rest in der schmaleren Szentendrei-Duna. In der Mitte liegt die große Insel Szentendrei Sziget (hinten im Bild), dahinter die Stadt Szentendre (=Sankt Andre[as]). Sziget heißt Insel, so viel habe ich verstanden, auch wenn Ungarn viele ähnlich klingende Worte hat, die auch mit Sz beginnen (sogar unser WLAN-Passwort gestern). Die Ungarn lieben ihr Eszett, und zwar kein ß, sondern ganz wortwörtlich Sz, auch wenn es wie unser scharfes ß ausgesprochen wird.
Die Szentendrei Sziget scheint ähnlich schöne Strände mit Kies und Weiden zu haben, ansonsten ist da aber nichts weiter Ungewöhnliches drauf. Die andere Seite ist mit Brücken ans Festland angebunden.
Wieder haben wir ein Hotel direkt am Wasser, diesmal aber scheint der Strand gar nicht so zum Baden gedacht zu sein, zumindest gibt es keinen erkennbaren Pfad nach unten. Als Blick beim Essen ist es natürlich trotzdem ein Traum, und das mit dem Baden klappt schon irgendwie, wie dieses Bild meines Vaters beweist.

Das Hotel ist von Kopf bis Fuß aus gebogenem Holz gestaltet, und Türen wie diese habe ich noch nie gesehen.
Vor dem Eingang steht ein Baum, an dem die Leitern und Stahlseile eines vergessenen Hochseilgartens beginnen und im Wald verschwinden.

Unsere Räder übernachten in einer Garage Rumpelkammer mit Hollywoodschaukel und Motorrad.

Schön und gut, aber wo sind wir eigentlich? Der Bahnhof nebenan trägt den wunderbaren Namen Fenyveshegy. Jawoll, ich wollte unbedingt in so einem ungarischen Zungenbrecher-Ort schlafen! Wobei der Bahnhof anscheinend nach einem benachbarten Berg benannt wurde, denn theoretisch sind wir schon auf dem Territorium der Barockstadt Vác.
Dieses Vác hat eine Parkpromenade mit einer noch obskureren, geduckten Statue einer in einem Umhang ganzkörperverschleierten Frau, die Rosen in den Händen hält. Szent Erzsébet? Moment, das ist die Heilige Elisabeth? Etwa die gleiche wie die von der Wartburg, die Erfinderin des Krankenhauses? Korrekt, schließlich war sie eine ungarische Königstochter, auch wenn sie Ungarn mit vier Jahren verlassen hat. Bloß: Das hier dargestellte Rosenwunder (Brot in Rosen verwandeln) kommt eigentlich von der Heiligen Elisabeth aus Portugal, die Story wurde wahrscheinlich einfach für die thüringisch-ungarische Elisabeth abgeschrieben.
Laut Radführer sollen wir hier morgen die Fähre auf die Szentendrei Sziget nehmen. Die Zufahrt besteht einfach aus einer Rampe ins Wasser, ist die Fähre weg, hält keine Schranke die Fahrer davon ab, in die Donau zu steuern. 

Der Hauptplatz von Vác ist ein wunderschöner, dreieckiger Platz voller Grün und bunter Häuser. Es ist der einzige barocke Platz in Ungarn, er hat einen Dom im Pariser Stil, und um dem ganzen noch die stark verschnörkelte Krone aufzusetzen, sind in der Mitte die Ruinen einer anderen Kirche.
Ich wollte in den Dom schauen und umrundete den großen weißen Lieferwagen. Doch unter dem großen Altarbild lagen Kränze, in der ersten Reihe knieten Menschen, und jetzt war mir auch klar, was das wohl für ein weißes Auto war. In vielen Kulturen ist Weiß die Farbe des Todes. Wieder was gelernt.

Die Beschriftung des Wagens war keine Hilfe. In Ungarn verstehen wir viel, viel weniger. Spezielle Laute hörten wir eigentlich nicht heraus, trotzdem ist die schnell dahinplätschernde Aussprache seltsam undurchschaubar. Das Ungarische entstand bei der Völkerwanderung aus dem Slawischen, Finno-ugrischen und Turksprachen, aber so, dass etwas ganz, ganz Eigenes dabei rauskam. Bei den Wochentagen (hétfő, kedd, szerda,...) zum Beispiel, die ja für Öffnungszeiten und so nicht ganz unwichtig sind, kamen uns mit unseren Tschechischkenntnissen vier von sieben Tagen entfernt bekannt vor, die anderen drei klingen völlig fremd - und das ist schon eine echt gute Quote. Wer nur Deutsch spricht, erkennt maximal den szombat.

02 Juli 2020

Diemel: Von Marsberg nach Bad Karlshafen

Hinter Marsberg fühle ich mich wohl. Hier scheint es, als würde ich in völligem Einklang mit den mächtigen Nicht-Fließenden leben.

Sie speisen, flanieren und unterhalten sich hier an warmen Abenden, während ihre Kinder an meinen Ufern spielen. Ich rausche und ärgere zum Spaß einige Enten, die gegen den Strom schwimmen wollen. So leicht kommt ihr mir nicht davon!

Viele meiner kleinen Töchter kommen hier von den Hügeln herunter. Sie geben sich alle Mühe, mein Rauschen zu übertönen, und ich gönne den Kleinen den Erfolg.
Nur meine Tochter Pauline traut sich im Frühling noch nicht raus. Vor über 100 Jahren hat ein Mensch namens Kleffner ihr harte, unveränderliche Ufer aus festem Stein gegeben und ihr ein seltsames grünes Rad aufgesetzt. Seitdem ist die Paulinenquelle etwas schüchterner geworden. So früh im Jahr hat sie noch keine Lust, durch ihr neues Zuhause zu sprudeln.

Da habe ich wohl Glück, dass man mir aus diesem grauen, formbaren Stein nur seltsame Brücken übergelegt hat. Die eine ist eigentümlich schräg, die andere trägt seltsame Worte in der Sprache der mächtigen Nicht-Fließenden.

Da hat diese Brücke doch wesentlich mehr Stil.

Wenn der Nicht-Fließende Kleffner nicht gerade Pauline veränderte, überwachte er seine Artgenossen, die in einem tiefen Loch roten Stein aus der Erde gruben. Sie liebten diesen roten Stein sehr, bauten sich einfache Arbeitshütten aus Holz und gruben andere Löcher, in denen sie den Stein im Feuer schmolzen und in etwas verwandelten, das sie Kupfer nannten.
 

Seit mehr als tausend Jahren steigt hier Rauch von meinem Ufer, während emsige Nicht-Fließende die Dinge verändern, die sie in der Natur gefunden haben. Ihre Hütten sind seither immer größer und fester geworden.

Inzwischen ist ihre Liebe zum roten Stein abgekühlt, oder sie haben ihn einfach restlos ausgegraben. Doch ich zweifle nicht, dass ihnen nie die Ideen ausgehen werden, was sie in ihren großen Hütten tun können. Bretter zurechtsägen zum Beispiel.
Und natürlich scheuen sie nicht, die ganze Plörre in mich reinzukippen, die in ihren Hütten entsteht. Bäh! Zumindest machen sie die in letzter Zeit ein bisschen sauber.

Zwischendurch stehen auch mal ein paar schönere Hütten, in denen sie einfach nur wohnen und zusammensitzen. Aber meistens sehe ich nur die großen, weißen Kästen, in denen sie an irgendeinem Zeug herumarbeiten, das sie irgendwo gefunden haben und nun ganz dringend verändern müssen.

Bei ihren vielen Projekten muss ich öfter mal Hilfe leisten. In Westheim haben sie einen Teil von mir abgeschnitten, um in ihrer Mühle Dinge zu zerhäckseln. Na, wenn's ihnen Spaß macht... das kleine Mühlrad schaffe ich doch mit links! (Das mache ich auf jeden Fall lieber, als die eklige Pampe aufzunehmen, die einige ihrer Hütten produzieren.) Aber sie könnten sich ruhig mal entscheiden, wo mein Mühlengraben denn nun langführen soll. Ständig verlegen sie den.
Am Mühlengraben schwebt ein intensiver Geruch nach dem braunen Wasser durch die Luft, dass sie so gern trinken und Bier nennen. Das stellen sie auch in einer Hütte her.

Bislang hatte ich den Eindruck, dass mich die mächtigen Nicht-Fließenden nur für ihre Zwecke benutzt, aber sonst kaum wahrgenommen haben. Aber hier gibt es eine Ausnahme. Der Schriftsteller John von Düffel hat mich für seinen Roman Vom Wasser ganz ausführlich angeguckt und anschließend folgendes niedergeschrieben:
Während die schwarze Orpe still und lautlos wie ein unbelichteter Film vor unseren Augen die hohlwegartigen Ufer entlangglitt, war die Diemel durch ihre Geräusche da. Sie war ein ständiges Plätschern, Sprudeln und Rauschen, von der heiteren Unruhe eines Wasserspiels, so schmeichelt er mir. Der Junge aus dem Buch wächst in einer Papierfabrik in Orpetal auf. Sie wird von einem Kanal meiner Schwester, der Orpe, angetrieben. Ich ist schwer, all die herumtollenden Jungen an meinen Ufern auseinanderzuhalten, und so weiß ich nicht, wie viel von der Geschichte wahr ist.

Auf jeden Fall wurde und wird hier bis heute Papier hergestellt.

Die Fabriken liegen genau zwischen der Orpe und mir. Totz meines Namens (der dunkel bedeutet, ihr erinnert euch) bin ich im Buch der hellere und sympathischere Fluss von beiden, in dem der Junge schwimmen lernt. Silbrig und hell floss sie, in Terrassen gestuft, wie auf Treppen herab. Es war ein freigelegtes, offenes, sehr geordnetes Fließen, beinahe ein Schrebergarten aus Wasser, aus dem jedoch die Lebendigkeit des Wassers tönte, gluckste, plätscherte und sich mit dem Rauschen der hohen Pappeln verband, die am Ufer standen, ebenfalls in strenger Ordnung. Und ich erinnere mich an den Geruch der Diemel. Dieser Geruch war silbriges Wasser und Pappellaub, ein kühler und doch seltsam tauber Geruch, der einen stumpfen Nachgeschmack hinterließ auf der Zunge. Die Diemel war, mit einem Wort, geheuer. Ein gezähmter, domestizierter Flusslauf. Und die Diemelbecken waren wie kleine Seen, hatten Anfang und Ende, boten eine gewisse Sicherheit... Moment mal, hat der mich gerade spießig genannt?!

Hier, das bin ich wenige Kilometer vorher! Sieht das etwa spießig aus?
Aber na schön, ich muss zugeben, meine wilde Zeit als Oberlauf ist wohl vorbei. Ab einer gewissen Kilometerzahl gelten Stromschnellen einfach nicht mehr als cool, sondern nur noch als kindisch und unreif. (Ist das jetzt meine Mittellauf-Krise?)

Jetzt treffe ich auf meinen zweiten großen Haufen, an dem ganz viele Nicht-Fließende zusammenleben. Er heißt Warburg. An diesem Ufer fühle ich mich nicht so wohl, zumindest in früheren Jahrhunderten. Ich spürte Borniertheit, Verachtung und Hass brodeln und wie Blitze zwischen den Hälften dieses Haufens hin und herzucken.

Zuerst bauten die Menschen ihre Hütten unten im Tal auf und nannten sie Altstadt. Eine davon nannten sie Rathaus. Darin entschieden einige von ihnen über wichtiges Zeug.

Dann kamen andere Menschen und bauten ihre Hütten oben auf den Hügel (seltsam, in Marsberg war es umgekehrt) und nannten sie Neustadt. Aus keinem genauen Grund konnten sie die Altstädter nicht leiden - selbst als sie beschlossen, ihre Städte zu vereinigen. Sie stritten, wo nun die wichtigen Entscheidungen getroffen werden sollten, und wechselten regelmäßig vom Altstädter Rathaus ins Neustädter Rathaus und wieder zurück.

Um ihren Streit zu beenden, mussten sie erst eine neue Hütte bauen, die sie Rathaus zwischen den Städten nannten.

Meine Tochter, die Twiste kommt nun hinzu und berichtet von ganz eigenartigen Menschen, die auf Brettern über sie hinwegfuhren. Es hat sehr gekitzelt.

In Warburg endet die Industriezone. Stattdessen durchfließe ich ein mystisches Märchenland. Die Hügel rücken näher heran.

Hier stehen keine Fabriken im Tal, sondern ältere, steinerne Türme auf den Hügeln. Sie nennen sich Burgen. In diesen Bauten lebten einstmals die mächtigsten der mächtigen Nicht-Fließenden. Sie konnten den anderen sagen, was sie tun sollten. Warum die anderen Menschen stets darauf gehört haben, verstehe ich auch nicht so genau.
Im Schloss in Stammen leben nun die alten Nicht-Fließenden. In den übrigen Burgen sind nur noch neugierige Reisende anzutreffen.

Als ich am Desenberg in die Vergangenheit blicke, bin ich beunruhigt. Ein entsetzlicher, feuerspeiender Drache hauste in diesem Vulkan. Die Hitze seiner Flammenstöße ließ mein Wasser sieden, selbst wenn er hundert Meter über mir dahinflog. Karl der Große versprach dem, der den Drachen tötete, das Land um den Desenberg inklusive der neuen Desenburg darauf (Prinzessin und das halbe Königreich waren inflationsbedingt nicht drin).
Eines Tages trank der Drache mein Wasser, als er plötzlich erschrak, fauchte und mir einen derartigen Flammenstoß entgegenschickte, dass ich eine Woche unter Niedrigwasser litt. Es schmerzte furchtbar, mein halber Wasserspiegel war mit einem Schlag verdunstet. Was war geschehen? Er hatte sich vor seiner Spiegelung erschrocken! Nur wenige wussten damals, das Drachen dümmer sind als Delfine und ihr Spiegelbild nicht erkennen.
Im Traum flüsterte ich dieses Wissen einem Ritter zu, der manchmal zum Baden vorbeikam und den ich ganz nett fand. Er nutzte es, indem er drei Spiegel an sein Schild schraubte. Der Drache glaubte, von drei Artgenossen angegriffen zu werden, zögerte und wurde aufgespießt.
Jahre später beobachtete ich, wie der greise Karl der Große mit einigen Zwergen zum Berg wanderte und sich unter die Erde zurückzog - nicht ohne anzukündigen, er würde irgendwann wieder rauskommen und sein Reich wiederherstellen. Weil die mächtigen Nicht-Fließenden mittlerweile lieber anders entscheiden, wem sie gehorchen, wird der Berg vom Verfassungsschutz beobachtet.

 

Als ich gegen die Seiten des Märchentals stoße, finde ich unter der weichen Erdschicht harten Sandstein. Bald habe ich ihn freigespült. Nun habe ich wieder einmal eigene Klippen!

Etwa zur selben Zeit lebte im Märchental eine Familie von großen Nicht-Fließenden, sogenannten Riesen. Der Riesenvater hieß Kruko und lebte auf der Krukenburg. Er hatte drei Töchter: Brama, Saba und Trendula. Die glaubten damals noch an die heidnischen Götter Odin und Thor.

Als der alte Vater starb, schlossen sich Saba und Brama dieser neumodischen Religion namens Christentum an. Nur Trendula widersetzte sich dem Trend, was einen innerfamiliären Religionskrieg auslöste und Brama dermaßen zum Weinen brachte, dass sie blind wurde. Es war eine entsetzliche Zeit, ich floss so schnell wie möglich vorbei und transportierte stets einige Tränen. (Da es sich um Riesentränen handelte, heißt das: hunderte Liter Salzwasser. Womit ich immer noch nicht so schlimm versalzen war wie später die Werra.) Das Weinen war nicht zu ertragen, schnell ein paar Jahre in die Zukunft springen - oh nein, diese tödliche Stille ist ja noch schlimmer.
Die trotzige Trendula mobbte zuerst Brama und dann Saba aus der Burg. Die Schwestern bauten sich ihre eigenen Burgen, die Bramburg und die Sababurg. Als Saba ihre Schwester auf der Bramburg an der Weser besuchte, wurde Trendula eifersüchtig, weil sie nicht eingeladen war, und tötete Saba, als sie an der Krukenburg vorbeistampfte. Ihren Schrei höre ich quer durch die Jahrhunderte.

Danach fühlte sich Trendula auf der Krukenburg aus irgendeinem Grund unwohl und baute sich einige Kilometer stromaufwärts die Trendelburg. (Es ist so tragisch, dass sich die Schwestern nicht zusammenraufen konnten, obwohl sie so viele Gemeinsamkeiten hatten - eine gewisse Einfallslosigkeit hinsichtlich Burgnamen zum Beispiel. Ich hoffe, dass ich mich mit meinen großen Schwestern, der fröhlichen Fulda, der weinenden Werra, der ruhigen Rhuma und der eingemauerten Eder, nie derart verkrache.) Trendulas Geist war ein sich drehendes Chaos, in dem jeden Tag gehässige Gedanken aufblitzten. Besonders viel von Architektur verstand Trendula nicht, denn das Burgtor scheint mir eher für Zwerge als für Riesen geeignet. Und eine der Mauern ist ganz offensichtlich von Schimmel befallen. 
Auf dieser Burg zog Trendula ihre Kinder groß und wurde eine liebende Mutter, die ihren Kindern schöne warme Schuhe bastelte. Aus Brot. Ja, die Alte war wirklich ziemlich durchgedreht.
 

Schwesternmord war ja noch okay, aber eine solche Respektlosigkeit gegenüber einem Grundnahrungsmittel ging Gott dann doch zu weit. (Die Prioritäten des Herrn sind unergründlich.) Er schickte dem Dorf Trendelburg ein Dauergewitter, bis die Bewohner jemanden auslosten, der als Gottesopfer ins Gewitter laufen sollte. Trendula wurde gezogen und im Wald vom Blitz erschlagen. Bäm! Eine Schockwelle jagte durch das Land, dass sich mir die Wellen sträubten. Durch den Einschlag entstanden zwei dicke Krater im Wald, der Nasse und der Trockene Wolkenbruch (weil der eine mit Wasser gefüllt ist und der andere nicht).

Trendulas Töchter waren auch nicht so sympathisch. Eine von ihnen wurde Zauberin und erwarb ein neugeborenes Kind im Austausch im Austausch gegen das Versprechen, keine Anzeige wegen Diebstahl einiger Pflanzen zu erstatten. Dieses Kind nannte sie Rapunzel und sperrte sie in einen Turm, der nur über die längste Langhaarfrisur der Literaturgeschichte bestiegen werden konnte, weil Aufzüge noch nicht erfunden waren. Die Haare hängen auch Jahrhunderte später aus dem Fenster.

Die Menschen lieben solche grausamen Geschichten, zumindest sofern sie das ganze Zeug nicht selbst miterlebt haben. Sie nennen sie Märchen und malen sie sogar auf Straßenlaternen.

Unter der Trendelburg stand eine hübsche Bogenbrücke, aber die habe ich aus Versehen zerstört. Ich war wohl etwas zu fix unterwegs und da muss ich irgendwie die Fundamente unterspült haben. Dann war die Brücke so instabil, dass die Menschen sie abgerissen haben. Upsi! Aber ich kann ja nichts dafür, wenn sie mich so einengen und hetzen, werde ich natürlich auch schneller.
Ein Künstler hat die Brücke als Modell nachgebaut, wobei ich sehr verkürzt dargestellt werde. Frechheit!
Museum Mühlenplatz Gieselwerder an der Weser

Ich weiß auch, dass durch mein Märchental früher ein Damm mit zwei Stahlstreifen verlief, auf denen die mächtigen Nicht-Fließenden in langen Fahrzeugen Zeug transportierten. Ursprünglich war geplant, die Fahrzeuge von Pferden ziehen zu lassen, doch dann erfand jemand die Dampfmaschine. Sie nannten dieses laut schnaufende Ungeheuer, das mir regelmäßig Ruß ins Wasser pustete, die Carlsbahn. Es war fast, als würde wieder ein Drache an meinem Ufer leben. Nur hatten die Menschen ihn diesmal nicht getötet, sondern gezähmt.

Irgendwann verstummte die Carlsbahn. Als mir Ausdünstungen von schwarzem fließenden Stein entgegenwehen, weiß ich, dass die Menschen sie durch einen ihrer Wege ersetzt haben.

Nur an einer Stelle führte die Bahn langsam den Hügel hinauf, und dort dürfen die Menschen heute nicht einmal zu Fuß auf dem Bahndamm wandern. Es ist still, Tiere verstecken sich in der Tiefe des Waldes und nur ein paar bröckelnde Steinmauern erinnern daran, was für einen Krach die Bahn früher gemacht hat.
Warum fuhr die Bahn überhaupt den Hügel hinauf? Nun, mein Tal macht hier einen scharfen Knick, aber davon ließen sich die Menschen nicht aufhalten.

Sie führten die Bahn ein Stück höher und gruben ihr einen Tunnel. Ich erinnere mich, wie ein Mensch, den sie Landgraf Carl von Hessen nannten, hier herumstolzierte und vor Stolz fast platzte, während  andere für ihn den ersten Eisenbahntunnel in Hessen gruben. Die Bahn wurde sogar nach ihm benannt. Ich denke immer noch, dass er das Ding hauptsächlich hat bauen lassen, um anzugeben.
Seit es im Tunnel ruhig ist, hängen im Winter gern die Fledermäuse darin ab. Deshalb verschließen die Menschen den Carlsbahn-Tunnel das halbe Jahr über. Manchmal können die mächtigen Nicht-Fließenden echt zuvorkommend sein. (Auch wenn meine Schwester, die weinende Werra, mir das nicht so recht glaubt.)

Zum Schluss folgt zum Glück wieder ein Ort, an dem ich mich wohlfühle. Das habe ich zum Teil mir selbst zu verdanken.
Landgraf Carl hat hier eine Stadt gegründet und sie in aller Bescheidenheit Bad Karlshafen genannt. Wie überall konnte ich spüren, wie die Menschen unter allerlei Gebrechen stöhnten und litten. Je älter sie wurden, desto schlimmer wurde es, zumal die Heilkunde damals noch nicht so fortgeschritten war. Kommt mal klar, ihr Leute, ich bin auch nicht mehr die jüngste. Meine Oberfläche ist inzwischen auch ganz furchig, aber jammere ich deswegen so herum?
Ich entdeckte, dass tief unter mir große Mengen an Salzwasser unter der Erde schwappten. Ich wusste, dass die Menschen das Salz brauchen, doch zu viel davon würde mir schaden. Dennoch dachte ich, ich mach mal was Nettes, spülte vorsichtig ein paar Salzkristalle aus der Erde und fertigte daraus einen magischen Salz-Haarreif. Dann schlich ich unsichtbar durch die Stadt und berührte sie mit dem Ding. Ich musste erst die richtige Dosis finden (zu viel Salz bringt die Menschen blöderweise um), aber nach einigen wenigen Kollateralschäden hatte ich den Dreh raus und spürte, wie das kollektive Stöhnen und Ächzen langsam nachließ. Und ich hörte, wie sie tuschelten und Geschichten erzählten über die unsichtbare, wohltätige Salzfee.
Bis ich das Ding verlor.
Ja, das war echt doof, aber ich konnte den Reif einfach nicht mehr finden. Wo hatte ich das verdammte Teil nur hingelegt? Werde ich etwa senil? Nein, ich bin doch noch völlig klar im Geist. Oder? Ich suchte und suchte, und das Stöhnen wurde immer lauter und unerträglicher. Ich hatte mich doch schon an die Ruhe gewöhnt!

25 Jahre danach fand mich ein Nicht-Fließender klagend am Grunde eines Lochs, in Gestalt der Salzfee. Sein Name war Jaques Galland. Er war tatsächlich recht galant. Er nannte sich Hugenotte und kam aus einem Gebiet namens Frankreich, demselben Ort, von dem auch Karl der Große stammte. Aber Jaques war quasi das Gegenteil von Karl dem Großen: Er hatte seine Heimat selbst verlassen müssen, weil er an den falschen Gott glaubte. (Landgraf Carl wollte mit seiner neuen Stadt Karlshafen extra Hugenotten anlocken. Ihm war es nicht so wichtig, an welchen Gott jemand glaubte, solange er Geld einbrachte.) Der Apotheker Jaques wurde der beste nicht-fließende Freund, den ich je hatte. Und das nicht nur, weil er bei einer zweiten Suchaktion den Reif in einer Felsspalte fand.
Dabei entdeckten wir eine Öffnung im Fels, aus der das unterirdische Salzwasser sprudelte. Mithilfe dieser wertvollen Information machte er 1730 aus Bad Karlshafen eine Kurstadt. Seitdem spüre ich die wohligen, erleichterten Seufzer all der alten Menschen, die Heilung durch das warme Salzwasser suchen, das inzwischen direkt aus dem Boden in die weißen Hütten läuft. Hinzu kommt das Lachen der Kinder, die direkt neben mir an einem Spielplatz spielen.
In dieser angenehmen Atmosphäre treffe ich auf meine restliche Familie, die sich zur Weser verbunden hat. Gemeinsam legen wir den Rest der langen Reise zum Meer vereinigt als ein Bewusstsein zurück. Wie gesagt: Kein Nicht-Fließender wird jemals verstehen können, wie es ist, auf diese Weise zu existieren.