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26 Juli 2025

Lahn: Von Gießen nach Runkel

Manchmal ist es gar nicht so verkehrt, wenn man nicht allein Fahrradfahren kann. Einmal ganz davon abgesehen, dass sich die notwendige mentale Leistung in Grenzen hält, wenn man hinten einfach nur stumpf in die Pedale tritt, kann nämlich der Pilot auch noch hervorragend andere Tätigkeiten wie das Beschaffen des Reiseproviants, der Getränke oder sogar des Tandems übernehmen. Und, naja, weil ich am Vorabend noch auf einem Geburtstag in Gießen war und sowieso bei solchen Touren nicht unbedingt mit Weitblick oder Erfahrung glänze, war es am Morgen unserer Tour von Gießen nach Limburg fast schon ein Segen, dass mein Pilot schon des Öfteren seinen Hintern auf einen Fahrradsattel gepresst hatte – nur eben bisher noch nie auf ein Tandem.

Damit bin dann wohl ich gemeint. Aber wer hat dann die letzten Sätze geschrieben? Das war ein nicht minder mitteilsamer Mitreisender, den ich während dieser Tour im Rücken hatte. Was liegt also näher, als dazu auch gemeinsam einen Tandem-Blogpost zu verfassen?
Ich hatte mich schon lange gefragt, wie es sich wohl auf einem dieser mysteriösen Doppelfahrräder fährt. Es ist nicht leicht, überhaupt an eins ranzukommen. Die meisten Fahrradverleihe haben keins, und manche Privatpersonen vermieten ihre Tandems zwar online, antworten dann aber nicht auf Anfragen. Doch in einem Wohnblock in den Außenbezirken Gießens überließ mir ein freundlicher Typ tatsächlich sein Doppelrad unkompliziert und günstig. Dem Internetauftritt zufolge gehören zu seiner Zielgruppe Hochzeitspaare, Dates und Freunde, aber bis dato anscheinend noch keine Sehbehinderten.
Beim Abholen stellte ich zunächst überrascht fest: Man kann das Ding auch problemlos allein fahren.
Und kurz darauf: Man kann das Ding nicht ganz so problemlos zu zweit fahren.

Genau dieser Umstand sollte sich dann auch gleich bemerkbar machen, als wir schließlich vom Frühstück gut gestärkt – und in meinem Falle völlig übermüdet – unsere Tour begannen. Erste Aufgabe: Fahrradweg finden, auf Spur kommen und uns eingrooven. Vor allem Letzteres war bisher mit meinen zahlreichen Piloten immer erst einmal das Hauptproblem – auch wenn einige sich da geschickter anstellen als andere. Das Seltsamste an so einem Tandem scheint die doppelte Gangschaltung zu sein, denn die bekommt wirklich keiner so recht hin. Auch mein Pilot hatte so seine Schwierigkeiten damit, vor allem, weil er sich gleichzeitig auch noch an all seine anderen Aufgaben gewöhnen musste.
So hielten wir gleich mehrfach an – manchmal auch bloß wegen roter Ampeln, bis wir schließlich an der Lahn und dem entsprechenden Radweg waren. Die zwei oder drei missglückten Wendemanöver und seine anfänglichen Schwierigkeiten, den tatsächlichen Radweg zu finden, wollen wir an dieser Stelle einfach mal verschweigen.

Als ich an jenem Morgen aufgestanden war, hatte ich nicht damit gerechnet, eine neue Sprache zu lernen.
Anders als bei  Konstruktionen wie Bierbikes und Fahrradrikschas sind am Tandem beide Pedale und Ketten direkt verbunden, sodass man immer im selben Rhythmus treten muss. Hält der eine an und tritt der andere munter weiter, dann knallt das Pedal gern mal gegen das Schienenbein - blaue Flecken treten auf jeden Fall häufiger auf als bei normalen Rädern. Tandemfahrer verständigen sich deshalb mit eigenen Codes. Zumindest hatte mein Mitfahrer das vor Jahren auf dem Elberadweg so gemacht. Zum Beispiel:
Links/rechts hoch=Das linke/rechte Pedal soll beim Losfahren nach oben zeigen.
Drei, zwei, eins, los!=Auf Los treten wir dieses obere Pedal gleichzeitig runter.
Gehen lassen=Nicht mehr treten, Pilot bremst ggf.
Gib mal Turbo!=möglichst schnell treten, um rechtzeitig Schwung für Hügel zu gewinnen
Klingt auf dem Papier alles sehr einleuchtend, doch es während der Fahrt zu lernen, korrekt und rechtzeitig einzusetzen und sich gleichzeitig auf einer bislang unbekannten Strecke zu orientieren und dabei im Idealfall auch noch die Straßenverkehrsordnung zu beachten, das hat mich durchaus geistig beansprucht.
Der Tandem-Mietmarkt-Situation entsprechend sind solche Gefährte doch ein eher ungewöhnlicher Anblick auf deutschen Radwegen. Mehr als einmal rief ein Kind fasziniert "Ein Tandem!", während die Erwachsenen dasselbe durch nonverbales Anstarren ausdrückten. Unsere Fahrweise mag dazu beigetragen haben.

Tatsächlich gibt es über den ersten Abschnitt bis Wetzlar nicht sonderlich viel zu berichten: Man fährt an einem hier noch sehr beliebigen Fluss entlang, muss immer mal wieder gucken, wo es weitergeht, steht hier und da an einer roten Ampel und, naja, fährt stumpf geradeaus.

"Und wo ist jetzt der Fluss?", fragte mein Hintermann mehr als einmal. Antwort: Zwei Meter neben dir. Aber dichte Hecken schirmten die Lahn oftmals ab. Als Sichtschutz zur Verrichtung der Notdurft waren sie trotzdem ungeeignet.
Die Ampeln und Orientierungsschwierigkeiten rührten übrigens daher, dass ich anfangs eine kürzere Variante neben der Autobahn wählte. Weil die Wegweiser dort etwas lückenhafter waren und das Lahndem keinen Karten- oder Handyhalter hatte, verzichtete ich danach auf weitere Abkürzungen.

Und obwohl das jetzt nicht so positiv klingt, war das im Grunde genau das, was wir zum Beginn unserer Reise brauchten, denn so konnten wir die verschiedenen Gänge testen und unser Fahrverhalten aufeinander anpassen. Der aufmerksame Leser mag sich an dieser Stelle fragen, von welchem Fahrverhalten ich spreche. Was kann der Trottel hinten auf dem Tandem anderes machen als stumpf in die Pedale zu treten? Naja, nichts eigentlich. Und zugleich eine ganze Menge. Es bringt nämlich überhaupt nichts, wenn der hinten Vollgas gibt, während der vorne andauernd bremst. Generell ist ein gleichmäßiges, aufeinander abgestimmtes Tempo beider Fahrer sinnvoll, wenn man das länger als zwanzig Minuten durchhalten will. Ein gutes Duo ist deshalb in ständigem Austausch, sodass der hinten weiß, wann der vorne nichts tut, und umgekehrt. Zusätzlich wird jeder, der auch nur einen Funken Sports- oder Abenteuergeist im Blut hat, meinen Drang verstehen können, die verdammte Kiste auch mal im High Speed zu erleben. Aber findet einmal eine Strecke, die lange genug geradeaus und bergab geht, um wirklich Tempo aufzubauen. Und dann bringt den Piloten noch dazu, euch das früh genug mitzuteilen und sich nicht weiter einzuscheißen. Der gute Mann ist nämlich Langstreckenfahrer – ein Umstand, der ihm später noch sehr zu Gute kommen sollte, uns aber zu Beginn ein paar km/h Geschwindigkeit kostete.

Wir sind eindeutig ganz unterschiedliche Körpertypen, oder was auch immer der Fachausdruck dafür ist. Er äußerte Dinge wie "Ich merk gerade, wie bei mir das Aerobe nicht mehr funktioniert, aber das Anaerobe auch nicht mehr so richtig." (Oder war es umgekehrt?) Ich muss mich bei solchen Worten erstmal an den Sportunterricht zurückerinnern, was das überhaupt bedeutet. Für mich sind 10 bis 15 km/h vollkommen ausreichend, das höchste der Gefühle ein Durchschnitt von etwa 18. Für meinen Hintermann war das "Kaffeefahrt", 20 km/h sollten es schon sein, am besten 25. Dafür kann ich den ganzen Tag von 6 bis 22 Uhr fahren. Er dagegen muss die Tagesetappe dann auch wirklich in wenigen Stunden bei Tempo 25 durchziehen, ehe er zusammenklappt.  Die Unterschiede der Menschen sind immer wieder ein Quell der Faszination. Aber selten unüberwindlich.
Es ist ja nicht so, dass ich an sich etwas gegen 25 km/h gehabt hätte! Aber das Fahrgefühl war noch ungewohnt, und ich hatte stärker als bei einem normalen Rad das Gefühl, in der Kurve zu kippen. Das brachte mich instinktiv dazu, stärker zu bremsen, als es notwendig war. Sorry...


Die nächste Stadt Wetzlar ist ein kleineres Marburg, in dem wir ein paar historische Gassen rauf und runter mussten. In zwei der Fachwerkhäuschen lebten Karl Wilhelm Jerusalem und Charlotte Kestner. Falls Sie jetzt denken "Hö, wer zur Hölle soll das sein?" - ich versichere Ihnen, Sie haben mehr über die beiden gelesen, als Ihnen lieb ist. Ihr Deutschlehrer hat Sie dazu gezwungen. Charlotte (auf die Goethe stand) war das Vorbild für die weibliche Hauptfigur in "Die Leiden des jungen Werther", und der Selbstmord von Goethes Kumpel Karl Jerusalem (der auf eine andere verheiratete Frau stand) war das Vorbild für für Werthers Suizid.

Goethe fand solche Dramen viel interessanter als das dröge Drama am Reichskammergericht, wo er eigentlich ein Praktikum machen sollte. Sein Motto war: Playboy statt Plädoyer. Es wurde gerade um Reformen des Gerichts gerungen, und Goethe war vom Egoismus der beteiligten Rechthaber abgestoßen. Aber immerhin hatte er vor dem Praktikum ausgiebig zur Geschichte des Gerichts recherchiert und war dabei auf den Raubritter Götz von Berlichingen gestoßen. So brachte ihn das Gericht auf die Idee zu dem Theaterstück, das sein Durchbruch werden sollte.
Auch ich wollte im Reichskammergerichtsmuseum zur Geschichte des Gerichts recherchieren. Aber nicht heute, sondern an einem anderen Tag - 300 Jahre Rechtsgeschichte begeistern nicht unbedingt jeden, auch nicht den Herrn auf dem Sattel hinter mir, der auf seine 25 km/h kommen wollte. (Sollten Sie, lieber Leser, das ähnlich sehen und mit 25 km/min lesen wollen, überspringen Sie lieber die folgenden Absätze.)

Im Mittelalter war der Kaiser höchster Richter, aber der konnte sich schlecht durchsetzen, wenn die Armeen der Fürsten mal wieder (damals sogar legal) in Fehden übereinander herfielen. Deswegen gründete der Reichtstag in Worms 1495 ein Gericht, das die Fehden friedlich beenden sollte. Also rein theoretisch. Ein bisschen wie heute der Internationale Gerichtshof in Den Haag. So entstand das höchste Zivilgericht des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.
Reformer wie der Mainzer Bischof Berthold (hinten im Bild) wollten ein noch viel unabhängigeres Gericht, aber Kaiser Maximilian war da eher skeptisch, weil es ja er war, von dem das Gericht unabhängig sein sollte.
Auch normale Menschen in normalen Zivilprozessen konnten Berufung beim Reichskammergericht einlegen. Also außer, ihre regionalen Adligen verboten das.

Das Reichskammergericht war so modern, es kannte bereits das @-Zeichen: Als Abkürzung für Meier gegen Müller schrieben sie Meier @ Müller.
Im Gerichtssaal wurden Anträge gestellt, aber keine Zeugen befragt oder verhandelt, wie man das heute kennt. Der Prozess und die Beweise waren rein schriftlich: Was nicht in den Akten ist, existiert nicht! Um diese Akten dann auch mit irgendwas zu füllen, schickte das Gericht Ermittler los.
Klar, im Vergleich zu einem einzigen Richterkönig ist praktisch alles ein Fortschritt. Dennoch hatte das Reichskammergericht viele Probleme: Es gab immer zu wenige Richter, weil die Fürsten ihre Steuern nicht bezahlten. Man musste einen Kompromiss finden, wie viele Richter aus welchen Teilen des Reiches kommen sollten. Und wie viele adlig und wie viele bürgerlich sein sollten - schließlich mussten sie über beide Klassen urteilen. Und dann kam auch noch die Reformation, plötzlich waren ein paar Richter bekennende Protestanten, ein absolutes No-Go, also zumindest laut den Katholiken.
Dieses Bild zeigt übrigens auch schon den anschaulichsten Teil des Museums. Ansonsten besteht es zu großen Teilen aus Gemälden, Büchern und Scherben. Aber gut, dafür kommt man auch gegen Spende rein.

Noch ein Problem: Wohin mit dem Gericht? Frankfurt wollte es gleich wieder loswerden, in Speyer wurde es im Krieg zerstört. Nur das bettelarme Wetzlar war mehr als willig, das Gericht aufzunehmen, schließlich brachte das Arbeitsplätze, zum Beispiel für Perückenmacher. Wetzlar räumte eine Kammer im alten Rathaus frei, und das Gericht zog innerhalb der Stadt noch mehrmals um (unter anderem in das Haus auf dem Foto). Ein eigenes Gerichtsgebäude wurde geplant, aber nie gebaut.
Die Richter waren nicht ganz so willig, in so eine armselige Stadt zu ziehen, und erklärten sich erstmal nur vorübergehend einverstanden. Aber nach ein paar Generationen hatten sie die Stadt mit ihren Luxusimmobilien zugepflastert und sich doch ganz gut eingelebt. 

Manche Richter hatten gleich drei Häuser. Hmm, wie sie die bloß von ihrem Lohn bezahlen konnten? Ein Richter namens Franz von Papius trieb es zu weit und fällte in einem Fall nach nur einer Woche ein offensichtlich parteiisches Urteil. Von den Bestechungsgeldern baute er sich unter anderem den Palais Papius (rechts im Bild neben dem Museum). Das war dann doch zu dreist, er und sein Kollege wurden wegen Bestechlichkeit verurteilt, und das Gericht ein bisschen reformiert.
Als Napoleon das Heilige Römische Reich auflöste, verlor Wetzlar das Gericht und fiel zurück in Armut. Aber zumindest das Stadtbild profitiert bis heute davon.

Über den zweiten Abschnitt zwischen Wetzlar und Weilburg habe ich hingegen eine Menge zu berichten – nur leider nichts Gutes. Es handelt sich dort nämlich um eine wesentlich schlechter erschlossene, ziemlich hügelige Strecke, bei der einige Anhöhen noch dazu direkt hinter irgendwelchen Kurven beginnen. Mit dem Tandem ist es aber fast schon unerlässlich, vor einer Anhöhe ein bisschen Schwung zu holen und in den richtigen Gang zu wechseln, denn am Hang könnt ihr das knicken! Die Gangschaltung schmiert nämlich gern mal ab, wenn man sie umschaltet, während man mit aller Kraft tritt. Und außerdem scheint so ein Tandem deutlich schlechtere Eigenschaften zwecks Schwerkraft und Bodenhaftung zu haben als ein gewöhnliches Fahrrad. Eigentlich würde man erwarten, dass eins plus eins bei ebenfalls addiertem Gewicht ziemlich genauso leicht den Berg hochkommen, wie zwei einzelne Leute auf jeweils einem Fahrrad. Doch die Realität lehrte uns da andere Dinge – und auch aus meinen vorherigen Erfahrungen kenne ich das so. Am Berg bleibt das Tandem zurück, während es auf gerader oder gar abschüssiger Strecke fast jedem anderen Rad davonfährt.

Unser Tempo rutschte runter auf 5 km/h, zu langsam, da waren wir uns einig. Unten rauschte die Autobahn durch das steile Tal. Darüber lugten zaghaft ferne Felsen aus dem Wald.
Auf einer Dorfstraße trafen wir auf eine Sperrung, und in der Nähe von Dinskirchen regnete es auch noch.
"Jetzt lass mal Dinskirchen im Dorf!", rief mein Hintermann. "Es tröpfelt!"

Nun gut, für uns bedeutete das jedenfalls viel schwitzen, keuchen und – vor allem in meinem Falle – fluchen. Glücklicherweise lohnt sich dieser Aufwand aber, denn man wird durch Weilburg selbst und den Streckenabschnitt dahinter dafür mehr als entschädigt. Ich kenne Weilburg noch von einem Schulausflug mit meinem damaligen Kanu-Kajak-Kurs. Man nennt sie auch die Stadt der Brücken und als solche ist sie wunderschön.

Majestätisch ragt das weiße Schloss in der engen Flussschleife auf. Auch Weilburg ist sehr dreidimensional, aber der obere Teil ist ziemlich klein und läuft praktisch nur auf den einen Marktplatz hinterm Schloss zu.
Als ich während einer anderen Tour 
den Schlosspark von Weilburg betreten und den Talblick genießen wollte, sprach mich ein zehnjähriger Junge wichtigtuerisch an: "Tut mir leid, wir schließen jetzt." Ich gehorchte dem furchteinflößenden Parkwächter. Eine Straße weiter kam ein weiterer Junge in Kampfsportkleidung vorbeigeeilt. Das ist dann wohl die Eingreiftruppe, falls die Gäste den Park nicht schnell genug verlassen.


Bei meinem Mitreisenden ging spontan die Lebensplanung durch und er überlegte, sich hier im Alter von 40 niederzulassen. Natürlich gebe es da immer noch die Frage, wie die Leute ticken - Hessen seien oft zu spießig. "Aber wo es schön ist, ziehen die Leute meistens auch freiwillig hin, das ist immer ein gutes Zeichen."

Wir mussten die Stadt der Brücken im Zickzack über die eine oder andere der besagten Brücken umrunden. Für Schiffe stellt diese Flussschleife eine noch größere Herausforderung dar als eine Schuhschleife für Kindergartenkinder. Glaube ich zumindest. Denn zum Abtransport vom Lahn-Dill-Erz wurde eine außergewöhnliche Abkürzung in den Fels gebohrt: Ein Teil der Lahn zweigt als hohler Kanal ab und verschwindet für 195 Meter in einem ummauerten, schwarzen Löchlein. Das ist Deutschlands einziger Schiffstunnel (laut anderen Quellen zumindest der älteste und längste noch befahrbare). Direkt daneben beginnen auch ein Straßen- und Eisenbahntunnel. Die Bahn ist auch schuld daran, dass der Schifffahrtstunnel nach nur 10 Jahren irrelevant wurde. Ein heutiges Lastschiff passt da sowieso nicht mehr durch, nur noch mutige Kanufahrer.

Die Lahn schlängelt sich dort mit einigen Wehren und kleineren Wasserfällen durch eine weite Schlucht, um die herum die Berge noch um einiges höher sind als auf der Strecke zuvor – nur mussten wir uns diese Berge jetzt nicht mehr heraufquälen. Und auch hinter der Stadt wird es nicht weniger schön. Der Fahrradweg ist dort quasi direkt an der Lahn, bloß einige Meter weiter oben. So hat man die bewachsenen Felsen links, die Lahn rechts und vor sich hervorragenden Fahrradweg mit nur wenig Steigung.

Wie still es auf einmal war! Die Straßen waren weg, selbst die Gleise verzogen sich irgendwann in einen Tunnel. Diese grüne Schlucht und ihr schmaler Radweg gehörte uns allein. Mit Proteinriegeln in den Schenkeln und Müsliriegeln im Blut kamen wir endlich auf unsere wohlverdienten 25 km/h.

Unsere schlechte Laune vom zweiten Abschnitt war daher rasch wie verflogen, weshalb wir den Schwung erst einmal nutzten, und unsere eigentlich längst überfällige lange Rast um ein paar Kilometer nach hinten verschoben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur ein einziges Mal länger gestoppt, als man für ein paar Schlucke Wasser und mein Gejammer über meinen wunden Hintern braucht, und da waren wir mit unserem Proviant noch sparsam umgegangen. Entsprechend ausgehungert waren wir, als wir schließlich mitten in der Pampa hinter Weilburg an einer maroden Parkbank direkt am Wasser hielten und uns mit Protein- und Müsliriegeln vollstopften. Zu diesem Zeitpunkt sandte mein Körper mir bereits deutliche Signale, die mich daran erinnerten, dass meine letzte Fahrradtour knapp zwei Jahre zurücklag. Doch trotz dieser körperlichen Beschwerden war es eine fabelhafte Rast bei nahezu perfektem Wetter direkt am Fluss und ohne auch nur eine einzige andere Menschenseele.

Wir nutzten die Rast neben einem aktiven Carb-Loading vor allem für eine kurze Netzrecherche. Dies war unseren Time Constraints geschuldet, denn mit Rückfahrt nach Gießen, Abgabe des Tandems und schlussendlicher Rückfahrt nach Kassel standen uns gut und gerne drei bis vier Stunden Zugfahrt bevor, die wir beizeiten würden antreten müssen, wenn wir nicht erst um Mitternacht Zuhause sein wollten - da ich am nächsten Tag arbeiten musste, wirklich keine Option. Gleichzeitig ist die Zuganbindung zwischen Wetzlar und Limburg wirklich eine Vollkatastrophe. Im Prinzip das klassische Problem: Der schnellere Zug fährt zu früh, der langsamere gerade so wenig später, dass man sich auch für ihn beeilen muss, und der wiederum nächste ist der schnellere zwei Stunden später – zu spät ganz ohne Frage.

Eine Vollkatastrophe? Sag mir, dass du noch nie Kurhessenbahn gefahren bist, ohne zu sagen, dass du noch nie Kurhessenbahn gefahren bist.

Lange Rede kurzer Sinn, wir fassten den kleinen Ort Runkel ins Auge und weiter ging es. Für mich war dieser letzte Abschnitt unserer Reise eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Einerseits war die Landschaft weiterhin der Hammer und das Fahren machte wirklich Spaß. Andererseits spürte ich inzwischen deutlich, dass mein Hintern den Radsport wirklich so gar nicht mehr genießen konnte, und meine Beine begannen auch mit lautstarkem Gejammer. Immer wieder deuteten sich Krämpfe an. Von einem tatsächlichen Krampf blieb ich allerdings verschont, weil ich inzwischen doch genügend Erfahrung habe, um meinem Piloten meine benötigten Pausezeiten anzusagen. Das funktioniert folgendermaßen: Wann immer ich nicht mehr kann, nehmen wir die nächstmögliche noch so kleine abschüssige Stelle und hören mit dem Treten auf. Dabei ist am besten das angeschlagene Bein unten, sodass man im Flow bleibt, aber trotzdem seine Muskeln entlasten bzw. dehnen kann. Das mag nach einer sehr naheliegenden und unerheblichen Sache klingen, rettete uns aber ungefähr zehn weitere Kilometer, die ich sonst sicher nicht durchgehalten hätte. Und außerdem muss man so spät auf der Tour unbedingt im Flow bleiben.
So endete unsere Fahrt schließlich nach fast 85 km in Runkel, einer wirklich nichtssagenden, aber durchaus schönen Kleinstadt direkt an der Lahn, die über eine sehr alte Steinbrücke verfügt – zu der mein Pilot, wie ich ihn kenne, sowieso noch mehr zu berichten hat als ich.

Öh, habe ich das? Sie ist nicht so einzigartig wie Europas einzige Marmorbrücke nebenan in Villmar, aber immerhin hat sie schöne Steinbalkönchen zum Chillen und Plaudern. Wenn man denn dorthin kommt, denn aus irgendeinem Grund fährt manchmal eine endlose Fahrzeugkolonne über die historische Brücke, während auf der Umgehungsstraße um die Altstadt gähnende Leere herrscht. Irgendwas scheint hier bei der Verkehrsführung nicht ganz richtig zu laufen.
Darüber ragen gleich zwei Burgen auf, weil die Familie Von Runkel sich zerstritten und ihren Cousin rausgeschmissen hat. Die Fehde war aber deutlich brandschutzkonformer als bei den Targaryens und verzögerte bloß den Brückenbau.

Mit noch etwa 20 Minuten Zeit, bis unser Zug fuhr, gingen – bzw. in meinem Fall watschelten – wir durchs Dorf und suchten nach irgendeiner Möglichkeit, uns Pommes oder wenigstens was zu trinken zu besorgen. Kurz gesagt, funktioniert hat das nicht und die Kellnerin der einen einzigen Kneipe, die wir fanden, war auch nicht gerade motiviert, zu unseren Gunsten etwas daran zu ändern. Stattdessen ein kurzes Pläuschen mit einem anderen Fahrradtouri und schließlich Rückweg zu dem kleinen Witz von Bahnhof, der mir gleich aus zweierlei Gründen in Erinnerung geblieben ist: 1. Man muss doch tatsächlich draußen vor einem Tor warten, bis der entsprechenden Zug eingefahren ist. Vorher darf man aus Sicherheitsgründen nicht auf das verdammte Gleis. Und 2. Lungerte da irgendein Typ herum, der zwar unsere Sprache nicht zu sprechen schien, allerdings komischerweise genug Deutsch konnte, um mich nach Geld für seine Fahrkarte zu fragen. Kurz nach meiner leicht überraschten Verneinung wurde er dann auch noch vom Bahnhofspersonal frischgemacht, weil er anscheinend schon zum wiederholten Male aufs Gleis gelaufen war und somit die eben erwähnte Regel 1 missachtet hatte. Was für ein kurioser Bahnhof!

Abschließend kann ich nur meine Enttäuschung darüber ausdrücken, dass wir die verbleibenden 12km bis Limburg nicht auch noch geschafft haben. Sie wären zwar sicherlich eine Qual für mich geworden, aber mein Ehrgeiz verbietet es mir eigentlich, so kurz vorm Ziel aufzugeben. Davon einmal abgesehen war es aber eine äußerst lohnenswerte Tour mit wunderschöner Landschaft und meist ebenso tollen Radwegen, die ich jedem nur wärmstens empfehlen kann – vor allem, wenn man mit so schönem Wetter gesegnet ist. Danke auch an dieser Stelle an meinen Piloten, der das Ganze organisiert und durch seine funktionierenden Augen erst möglich gemacht hat. Wir werden das sicherlich mal wiederholen – vielleicht ja, um den letzten Abschnitt auch noch auf unserer imaginären Checkliste abzuhaken.

03 Juni 2023

Berliner Mauer: Von Kreuzberg nach Potsdam

Die Kanten-Kanal-Mauer

Länge: 63 km
Grenzquerungen: 30
Bundesländer: Berlin, Brandenburg
Seite: meistens genau auf der Grenze oder Ost, etwas seltener West
Erkenntnis: Wer in Berlin historische, ungenutzte Verkehrswege sehen will, der bezahlt mit Blut.

Im Jahre 1990 sah der DDR-kritische Liedermacher Kalle Winkler diesen Grenzturm und dachte sich: Gefällt mir, den besetz ich. Er kaufte ihn für eine Mark einem Grenzsoldaten ab und richtete ein Museum der Verbotenen Kunst (also unter anderem seine eigene) ein. Es ist der einzige Grenzturm, der kulturell genutzt wird.

Endlich! Erleichtert entwich der Atem meiner angespannten Brust. Der Schlesische Busch - ein Park mit Radweg! Kein Innenstadtchaos mehr, sondern einfach nur geradeaus am Landwehrkanal entlang!

Oder auch nicht: Auf dem Radweg wird gebaut, ich soll die Umleitung nehmen.
Oder auch doch: Gleich neben dem Bauzaun gibt's einen Trampelpfad, ich kann also doch ganz nah am Kanal radeln.
Am anderen Ufer liegt der Görlitzer Park, bekannt für seine... äh, für seine fehlkonstruierten Wasserspiele natürlich, genau dafür.
Zur Abwechslung befindet sich hier mal kein Friedhof an der Mauer. Die rechten Militärs im Jahre 1919 kapierten das offenbar nicht, denn sie warfen die Leichen von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in den Landwehrkanal. Vorher hatten sie die beiden Kommunisten in ihrem Hotel aufgespürt und ermordet. Wobei das für sie kein Mord war, sondern eine ganz legitime Hinrichtung. Nur halt ohne Gerichtsverfahren. Und Gericht. Und Gesetzesgrundlage.

Auf dieser Kanalkreuzung befindet sich ein Dreiländereck, behaupten die Berliner - naja, zumindest ein Drei-Stadtteile-Eck aus Neukölln, Treptow und Kreuzberg. Um 1900 stand hier alles voller Lohmühlen, und auf dem Wasser trafen die selbstständigen Ortschaften Treptow, Rixdorf und Berlin aufeinander. Schon damals guckte die Berliner Regierung hungrig auf die schönen Parks und die Steuereinnahmen der Betriebe, sodass bald verhandelt wurde, ob und wie Berlin denn seine Nachbarn verschlucken könnte. Für die normalen Bürger waren diese Grenzen damals völlig latte, sie kauften ein und arbeiteten, wo es gerade passte.
Im Jahr 1988 gab es hier den letzten Gebietstausch der beiden Deutschlands: Die DDR verscherbelte den Lohmühlen-Zwickel, auf dem sie eh nur Ruinen hatte, damit die Westberliner endlich drei Straßen per Kreuzung verknüpfen konnten.

Noch ein paar Straßen, dann folgt der nächste Park. Er ist etwas länger und weitläufiger, so langsam wird alles wieder ein bisschen weniger eng und urban. Aber noch bin ich natürlich längst nicht aus der Stadt raus.
Eine Skulptur erinnert an die Treptower Toten. Da wurde eine kindliche Figur reingestanzt, denn es starben auch mehrere Kinder. Zwei davon wollten tatsächlich über die Grenze, vermutlich, um ihren Vater zu besuchen. Ein anderer Junge interessierte sich bloß für die Maschinenpistole des Soldaten. Als der dem Kind seine ungesicherte Waffe zeigte, löste sich ein Schuss. Diese Blödheit ging sogar seinen Vorgesetzten zu weit, und der Soldat wurde ganz offiziell für den Tod verantwortlich gemacht. Ausnahmsweise. Alle anderen Todesfälle wurden als Verkehrsunfälle, Stromschläge oder Selbstmorde vertuscht.

Am Grenzübergang Sonnenallee durften Westberliner rüber, die eine Arbeitsstelle im Osten hatten (umgekehrt komischerweise nicht). Es gab nicht besonders viele, auf die das zutraf.
Deswegen entstanden hier keine Warteschlangen, und die Sonnenallee blieb ein unbekannter Underdog unter den Grenzübergängen. Zumindest, bis nach der Wende ein Film über ihn gedreht wurde.
Vor Ort erinnern nur ein Streifen Kopfsteinpflaster und eine gläserne Texttafel an den Übergang.

Der Berliner Mauerweg ist eigentlich auch ein Wanderweg. Am Britzer Zweigkanal liegt die einzige Stelle, wo sich Fußgänger und Radler kurz trennen: Der Wanderweg nimmt die Treppe nach unten.
1971 kamen zwei Westberliner auf die grandiose Idee, dass sie in der DDR vielleicht ein besseres Leben erwartet. Sie schwammen quasi gegen den Strom durch den Kanal. Die Grenzsoldaten achteten nicht so genau auf die Richtung und hielten sie für Flüchtlinge. Kurz darauf hatte sich das mit dem besseren Leben erledigt, an jenem Tag hatte die DDR nur schlechteres Sterben im Angebot.
Ein anderes bemerkenswertes Opfer dieser Kanalgrenze ist Chris Gueffroy. Erstens, weil er ganz eindeutig noch vor der Mauer die Hände hob und trotzdem ermordet wurde. Zweitens, weil die DDR aus Versehen erlaubte, seine Todesanzeige mit dem Datum der Beerdigung zu drucken, woraufhin 120 Menschen kamen und die Beerdigung zur stummen Demonstration wurde. Drittens, weil Gueffroy wenige Monate später sicher über Ungarn und dann über die gefallene Mauer hätte fliehen können. Jedoch hätte er in den Monaten zur Armee eingezogen werden können, und gerade das wollte er auf jeden Fall vermeiden. Viertens, weil er deswegen der letzte Tote der Berliner Mauer war. Und fünftens, weil ein Rechtsstreit darum tobte, ob die Namen der Soldaten veröffentlicht werden dürfen, die zu seiner Ermordung beitrugen. (Dürfen sie. Also: Gerd Fritz Mögel, Sven Hüber, Norbert Schulze.)

Nach kurzer Zeit zweigt der Britzer Zweigkanal ab, ich folge jetzt dem größeren Teltowkanal. Über der großen Kanalkreuzung kreuzt eine nicht minder große Autobahnkreuzung meinen Weg. Ein Grenzsoldat versuchte, an den Rohren unter der Brücke hinüberzuklettern, aber er stürzte ins eiskalte Wasser. Vermutet man zumindest. Seine Kollegen dachten zuerst, er hätte es geschafft, bis sie den Leichnam fanden.

Der Teltowkanal verbindet zwei Seen und kürzt damit die Fahrt von der Oder in die Elbe ab. Ihm folgen ein extrabreiter Radweg und eine Autobahn. Im Grunde ist der Radweg auch eine Art Fahrradautobahn, nur ohne jede Markierungen. Die Autobahn hat die Natur im Grünstreifen arg zusammenschrumpfen lassen. Sie wurde hier hingebaut, weil die Mauergrundstücke am leichtesten aufzukaufen waren. In Berlin gibts an der Grenze halt kein Grünes Band, jedenfalls kein durchgehendes.
Trotzdem eigentlich eine schöne Strecke. Ein paar mehr Bäume wären nett, damit die Sonne mein Hirn nicht so durchbrutzelt. Zumindest bei der Hinterlandmauer gibt es wieder etwas Schatten. In diesem Bereich wurde Johannes Sprenger erschossen. Neun Tage später wurde er zu Hause in die Gemeindevertretung gewählt, weil die Stasi seinen Tod immer noch unter Verschluss hielt. In der DDR regierte buchstäblich der Geist eines Ermordeten.

Ein Volkseigener Betrieb produzierte dicht an der Grenze Masthähnchen, die Arbeiter brauchten dazu Passierscheine. Wer für den Zettel nicht zuverlässig genug war, durfte höchstens in den abgetrennten Besucherräumen ein bisschen arbeiten. Alle Leitern waren verschlossen und in Leiterbüchern genau eingetragen. Ein Wunder, dass bei so viel Aufwand überhaupt ab und zu mal ein fertiges Masthähnchen rauskam.
Auf der anderen Seite hatten die Amerikaner eine Radarstation gebaut. Aber was sie per Radar mitbekamen, reichte ihnen nicht. Sie buddelten einen Spionagetunnel, zapften die Telefonleitungen der sowjetischen Armee an und lauschten fasziniert 40 000 russischen Telefongesprächen, die sie jeden Tag sofort nach England und Amerika rausfliegen ließen. Was sie nicht wussten: Die Russen war völlig klar, dass jemand zuhörte, denn sie hatten einen Doppelagenten eingeschleust. Sie ließen sich aber noch ein wenig abhören, um ihren Mann gefahrlos rauszubringen. Heute gibts an der Stelle immer noch einen Tunnel, aber der ist ein kleines bisschen breiter und bietet Platz für eine Autobahn.

Ausnahmsweise wollte hier mal niemand unter der Erde fliehen, dafür hoch oben in der Luft: Das Ehepaar Wehage entführte ein Flugzeug. Der Mann hatte als Teenager schon die Flucht probiert, aber als er aus dem Gefängnis kam, arrangierte er sich mit der DDR. Vorerst. Bis er eine Frau kennenlernte und der Staat den beiden nicht erlaubte, am selben Ort zusammenzuleben und zu arbeiten.
Die beiden kamen nicht bis ins Cockpit, sondern bedrohten nur die Stewardess. Als sie merkten, dass ihr doch nicht so richtig entführtes Flugzeug trotzdem wieder den Osten ansteuerte, nahmen sie sich das Leben.
Der Flughafen Schönefeld war auch bei Westberlinern beliebt: Für die unschlagbar günstigen Preise nahmen sie auch die nervigen Kontrollen und einen kurzen Abstecher in die Unfreiheit in Kauf. Besonders, seit die Shuttlebusse ohne Stopp über die Grenze düsten, weil die Passkontrollen gleich ins Terminal verlegt wurden. Außerdem versuchte damals noch niemand, den Flughafen durch einen Neubau zu ersetzen, der sich um 10 Jahre verzögert, weil seine Rolltreppen zu kurz sind.
Damit wäre ich wieder an der Außengrenze nach Brandenburg angekommen. Und die sieht ganz anders aus als im Norden. Darf ich vorstellen: Die Stadtkante! Der Name trifft es auf den Kopf. Der Weg und eine Linie aus Büschen zeigen ganz klar, wo die Stadt anfängt und wo die nächste Streuobstwiese (oder die nächste Pferdekoppel zur Nahversorgung der Südberliner Pferdemädchen) beginnt. Einer der Hügel heißt Dörferblick.

Naja, was man in Berlin halt so unter Dörferblick versteht - für mich sieht das alles noch relativ städtisch aus. An dieser Stelle wurde die Gropiusstadt im Bauhausstil hochgezogen, noch so ein Nachkriegs-Neubau-Gebirge, quasi das Gegenüber zum Märkischen Viertel im Norden.

Dieser kantige Teil der Grenze war besonders beliebt bei Fotografen, und auch heute findet hier noch ein Fotowettbewerb statt.
Ein Teil der Route gehört zur Trasse der Dresdner Bahn und zum Radfernweg Berlin-Leipzig. Mal wird der Radweg zum festen Pfad, mal verzieht er sich nochmal kurz auf eine Nebenstraße, mal verschiebt er sich als Baustellen-Umleitung um ein paar Meter zur Seite. Und manchmal geht er ins Innere des Buschstreifens, wo sich die Stadtkinder ihre eigenen Rückzugsorte vor Hektik und Hausaufgaben gebaut haben.
Ist aber alles egal, das ändert nichts daran, dass ich an der Stadtkante fast so fix vorangekommen bin wie vorher am Teltowkanal. Die richtige Richtung ist ja leicht zu finden. (Nur eine Stelle trieb mich mit einem bekloppten Kopfsteinpflaster-Umweg in die Stadt und leicht in den Wahnsinn. Auf einmal fragte mich ein Rentner, ob ich seine Blaue Tonne die Treppe runtertragen könnte - der Umweg diente also immerhin einem guten Zweck.)

Statt Beton begrenzt eine Bretterwand den Mauerstreifen, zumindest kurz. Die Berliner Stadtgüter haben hier das Mauerbienchen angelegt, einen wilden Garten mit folgenden Freizeitangeboten:
Im Totholz nisten (falls Sie eine Wildbiene sind), Blüten bestäuben (falls Sie eine Wildbiene sind), bestäubte Blüten in Form von Obst einsammeln und picknicken (falls Sie ein Mensch sind) und im Totholz überwintern (falls Sie eine Wildbiene sind - oder sehr hartgesotten).

Die südlichen Ostberliner flohen unter anderem, weil sie im Osten weniger gut verdienten, Streit mit ihren Vorgesetzten hatten, ihnen die Kündigung oder sogar Haft wegen "Arbeitsbummelei" drohte, weil sie als kinderloses Paar weder ein besseres Haus als eine Laube noch ein Auto oder Baumaterial bekamen oder auch, weil sie ganz privat bei einem Streit in der Kneipe gedemütigt den Kürzeren zogen. Besonderes Pech hatte Eberhard Schulz: Als der Soldat rief, er solle aufstehen, gehorchte Schulz. Damit hatte der Soldat nicht gerechnet, er erschrak und schoss sofort. Denn eigentlich hatte er mit Eberhards Gefährten gesprochen und Eberhard überhaupt nicht gesehen.
Herbert Kiebler dagegen hatte einfach nur Selbstmord begangen. Wenn man der Stasi glaubte. Seine Familie hatte einen Abschiedsbrief mit "Auf Wiedersehen im Knast oder in Westdeutschland" gefunden, weshalb es ihnen etwas schwerfiel, das zu glauben. Nachts brachen sie in die Kapelle und seinen Sarg ein und entdeckten die Schusswunden.
Am Kirchhainer Damm gab es einen Grenzübergang nur für die Müllabfuhr. Wo sollte das eingekreiste Westberlin seinen Abfall auch sonst loswerden, wenn nicht in der DDR? Wie ich bereits in Schönberg bei Lübeck gelernt habe, waren die Kommunisten beim Thema Müll überaus hilfsbereit, schließlich hatten sie viel Erfahrung damit, welchen zu verzapfen. Damit die Grenztruppen nicht mit Müllwagen zusammenstießen, grub man ihnen einen Tunnel unter der Bundesstraße durch (zur Abwechslung mal kein geheimer Fluchttunnel), den Radfahrer heute benutzen dürfen. Das rostige Grenzdenkmal hat die Besonderheit, dass es aus jeder Perspektive ein bisschen anders aussieht, weil die Mauer quasi wie ein Flyer gefaltet ist.
An der nächsten Straße sollte ein brandneuer Übergang entstehen und ein Naherholungsgebiet vernichten, was der Mauerfall gerade so verhinderte.

Mahlow-Lichtenrade ist ein ziemlich junger Teil Berlins, 1906 siedelten hier erstmals Menschen. Und das auch nur am Wochenende, um dort Gemüse anzubauen. Erst 1922 entstand das erste richtige Haus, das mehr war als eine Gartenlaube. Manche Flächen sind immer noch Kleingartenkolonien, andere wuchsen zu richtigen Stadtstraßen heran. Sonst wären so weit draußen am Stadtrand bestimmt nicht tausende Menschen zusammengekommen, um die Grenzöffnung zu feiern.
In diesem Viertel lebte der Bildhauer Kurt Isenstein und haute Büsten von berühmteren Künstlerkollegen wie Alfred Döblin und Käthe Kollwitz. Zumindest, bis die Nazis seine Büsten verbrannten und er schleunigst nach Dänemark verschwand.


Zwei Kilometer in der Stadt drin baute Westberlin das Notaufnahmelager Marienfelde für die vielen Neuankömmlinge. Richtig voll war es da in den 50ern, als die Flüchtlinge (darunter auch ein gewisser Dieter Hallervorden und eine gewisse Nina Hagen) einfach per S-Bahn oder mit leichtem Gepäck zu Fuß ankamen. Nach dem Mauerbau wurde es ruhiger, aber nicht völlig leer.
Als die Japaner von der Wiedervereinigung Deutschlands hörten, sammelten sie Spenden und stifteten Deutschland aus Freude 800 japanischen Kirchbäume, einfach mal so. Mittlerweile blühen hier 9000 der rosaweißen Bäume, die in Japan ein Nationalheiligtum sind und in Europa, naja, nicht direkt heilig, aber auch sehr beliebt, besonders auf Instagram. In Reih und Glied strahlen die weißen Puschel und nehmen einfach kein Ende. Die Kirschblütenstraße in der alten Hauptstadt Bonn ist trotzdem berühmter, denn sie ist einfach besser an die Innenstadt angebunden.

Auf dem nächsten Hügel befindet sich zu Abwechslung mal kein Naherholungsgebiet. Die amerikanischen Soldaten sollten sich hier gefälligst nicht erholen, sondern für den Ernstfall trainieren! Dafür bauten sie eine komplette Geisterstadt nach, sogar mit U-Bahn-Station und Kanalisation zum Kriechen. Klingt spannend, ob davon noch was übrig ist?
Nicht wirklich, nur eine Betonstraße. Der Rest des Parcs Range ist Privatgelände, sagt das Schild. Und wie auf jedem Privatgelände Berlins besteht die mit Abstand lukrativste Methode darin, es teuer zu bebauen und zu vermieten. Bis dahin müssen aber noch die Zauneidechsen umgesetzt werden. So oder so darf ich hier nicht drauf.
Am Rande des Parcs Range fuhr im Jahr 1880 die erste Straßenbahn der Welt mit sensationellen 20 km/h. Eigentlich konnte sie schon 40, aber sicher ist sicher.

Und damit wäre ich wieder am Teltowkanal angekommen. Wo heute der Radweg verläuft, mussten einst Pferde auf dem Treidelpfad Schiffe in die Stadt ziehen. Im Sinne des Fortschritts wurden sie von Dampf- und E-Loks abgelöst, welche die Schiffe etwas schneller zogen. (Schiffe mit eigenem Antrieb waren damals in Berlin offenbar noch Science Fiction.)
An diesem Kanal kam es in nebliger Nacht zu einem überaus peinlichen Todesfall, bei dem ein Grenzsoldat seinen Kollegen für einen Flüchtling hielt und schoss. Aus Gründen verzichtete das Regime ausnahmsweise darauf, das allzu öffentlich als Heldentod zu inszenieren...
Peter Mädler dagegen wollte seine leiblichen Eltern im Westen kennenlernen. Der Elektriker hatte die Grenze bei der Arbeit vom Dach eines Gerätewerks gesehen und ging recht professionell vor, indem er den Streckmetallzaun mit einem Seitenschneider durchtrennte. Als er schon fast ans andere Ufer getaucht war, trafen ihn Kugeln. 

Ganz genau, hier gibt's ausnahmsweise Streckmetall statt Mauern zu sehen. Die Brandenburger haben mit dem Material der Grenze noch weniger Berührungsängste als die Thüringer und basteln daraus hemmungslos Tore und kilometerlange Gartenzäune.
Die Stadtkante ist hier im Grunde zu Ende. Ich bin zwar immer noch an der Außengrenze Berlins, aber das sieht man nicht so, weil hinter der Grenzlinie direkt das brandenburgische Kleinmachnow kommt. Wobei ich auch davon nicht sonderlich viel sah, dafür war alles viel zu dunkelgrün.

Aus dem Nest Kleinmachnow stammt die Hauptfigur der Serie Deutschland83. Beim ersten Anschauen war ich nicht zu 100 Prozent sicher, ob es den Ort wirklich gibt oder ob die sich ein fiktives Dorf ausgedacht haben. Irgendwas an dem Namen klang zu ostdeutsch, um wahr zu sein.
Nun, Kleinmachnow existiert wirklich, und was sich hier für ein Drama abspielte, kann locker mit der Serie mithalten.
Wieder einmal geht es um einen Tunnel. Er wurde von Fluchthelfern auf einem leeren Grundstück im Westen gegraben, um den Unzufriedenen im Osten entgegenzukommen. Nach langer Arbeit guckten die ersten Tunnelgräber endlich auf der Ostseite aus dem Boden - direkt in einen Pistolenlauf. Ihre Verbündeten aus dem Osten und ihre Kuriere saßen schon hinter Gittern. Woher wusste die Stasi nur so genau Bescheid? Ganz einfach, der freundliche Anführer des Tunnelprojekts (der sich nie selbst die Hände schmutzig gemacht hatte), war ein Verräter. Die ganze Idee war von vorneherein eine Stasi-Operation, um die bekanntesten Tunnelgräber einzusacken.
Damit alle, die noch im Tunnel waren, nicht schnell durch den Westeingang abhauten, wollte der Leutnant den Tunnel in die Luft zu jagen. Er hatte alles vorbereitet und nur eine Kleinigkeit vergessen - seinen Untergebenen den letzten Rest an Anstand auszutreiben. An dieser Stelle habe ich zwei unterschiedliche Versionen der Ereignisse gelesen. Entweder: Irgendein Grenzsoldat hatte das Kabel vorher durchgeschnitten, man weiß nicht, wer. Oder: Der Sprengmeister sah, dass ein komplett unbeteiligtes Paar in diesem Moment auf der Straße überm Tunnel stand, das nicht überlebt hätte. Deshalb missachtete er den Befehl.
Der Verräter bekam eine Belohnung, von der er sich eine Großwäscherei kaufte. Er zeigte nie Reue und wäscht noch heute in Berlin seine weiße Weste.

Allmählich bricht der Abend herein, also lieber schnell weiter zur nächsten S-Bahn-Station! Vorher muss ich aber einen größeren Mückenwald durchqueren. Lieber (Au!) nicht (Patsch!) anhalten, egal (Patsch!), was es (Au!) hier zu sehen gibt.
Zu sehen gibt es ein rosarotes Panzerdenkmal. Nun, vermutlich war es ursprünglich nicht rosa. Und eigentlich war es auch nicht dasselbe Denkmal, denn es zeigt heute, wenn man genau hinguckt, eine sowjetische Schneefräse.
In den letzten Kriegstagen starben nochmal besonders viele sowjetische Soldaten in der Schlacht um Berlin, und Denkmäler wie dieses sollten ein bisschen kompensieren, dass sie oft nur provisorisch oder in anonymen Massengräbern verscharrt werden konnten. Ursprünglich hatten die Sowjets das Panzerdenkmal sogar in Westberlin aufgestellt. Guckt mal, wie toll wir euch von den Nazis befreit haben... ey, wieso beschmiert ihr das denn? Wie, ihr fandet die Berlinblockade gar nicht so toll? Und dass wir die Demonstranten mit Panzern erschossen haben? Auch nicht? Ey, Amis, schützt das Ding gefälligst mit einem Drahtkäfig! Wieso stellt ihr denn jetzt ein Holzkreuz davor? Zum Gedenken an die Opfer des Volksaufstands? Pöh, dann stellen wir es jetzt bei uns auf und interpretieren es neu um, als Zeichen gegen die Imperialisten! Also euch!

An der Autobahn sind zumindest auf einer Seite keine Bäume, und die Mückenplage nimmt etwas ab.
Dafür entfernt sich der Mauerweg ein Stück von der Mauer, das hat aber einen guten Grund: Als ich die Autobahn dann endlich überquert habe, lag dort der Checkpoint Bravo (das Gegenstück auf der Westseite hieß Kontrollpunkt Dreilinden). Wenn Sie einfach nur von Westberlin nach München durchfahren wollten, mussten Sie ab hier ohne große Pausen durch die DDR bis zum Grenzübergang im Frankenwald düsen.
Von allen Berliner Grenzübergängen ist hier am meisten übriggeblieben, nämlich eine Autobahnraststätte (deren Gebäude vielleicht zum Grenzübergang gehörten), viele rostige Texttafeln, ein Kontrollturm und... ach nee, das wars schon. Und das kleine Museum im Kontrollturm war auch schon geschlossen. Der Grenzübergang war bekannt für sein Gänsefleisch. ("Gänn se fleisch mal den Kofferraum aufmachen?"). Zu Beginn des Mauerbaus machten die Grenzer aber noch nicht alles auf: Einen Westberliner schmuggelte seine Verlobte erfolgreich in einem Koffer auf einem Motorroller zu sich nach Hause. Muss wohl eine sehr kleine Verlobte gewesen sein.

Nach all den grausigen und bürokratischen Geschichten nun etwas Netteres. Wer sich weiter durch den Mückenwald (Patsch!) quält, bekommt nämlich einen versteckten Einblick in die deutsche Verkehrsgeschichte. Denn hier verlief die Stammbahn, Deutschlands zweite und Preußens erste Eisenbahn. Sie fuhr schon 1835 vom Potsdamer Platz nach Potsdam (später dann weiter nach Magdeburg), und anders als in der Innenstadt ist hier draußen bestimmt noch etwas davon übrig. Oder? Nun ja. Was in der Karte als Trasse der ehemaligen Stammbahn eingetragen ist, dient heute als staubiger Mountainbike-Hügel. Muss eine holprige Fahrt gewesen sein damals.
Ein Stück weiter versuchte ich erneut, zur Stammbahn vorzustoßen. Diesmal erkannte ich einen richtigen Bahndamm, der am Rande eines hübschen Heidestreifens verlief. Zum Radfahren war der aber komplett ungeeignet. Vor dem Krieg fuhren die gehobenen Bürger auf dieser Strecke von ihrer Villa in die Innenstadt - in nur 13 Minuten. Und diese Möglichkeit sollen sie bald wiederbekommen, denn die Stammbahn soll wieder aufgebaut werden. Also vielleicht. Eine Bürgerinitative ist dafür, eine dagegen, mal gucken. Viel übrig ist von der Trasse leider nicht. Oder?

Nanu? Auf einmal ragte über mir eine über und über grafittibesprühte Brücke auf. Die Stammbahnbrücke ist trotz oder gerade wegen ihrer Malereien ein bunter Blickfang und ein beeindruckendes Bauwerk.
Weniger beeindruckend ist die Brücke über die Friedhofsbahn. Diese Bahnstrecke beförderte sowohl Lebende als auch Tote und hielt bis zum Mauerbau durch. Prominente wie Werner von Siemens, Walter Gropius, Walter Ullstrein oder Gustav Krug und zahlreiche britische Soldaten traten hier ihre letzte Bahnreise zum zweigrößten Friedhof Deutschlands an, in einem Sarg auf einem Spezialwagen.
Eventuell wird diese Bahntrasse auch irgendwann zum Leben erwachen, hoffentlich nicht als Zombie-Bahn.


Wenn Sie lieber auf Straßen als auf Schienen reisen, könnte Sie der Wald ebenfalls interessieren. Der Trampelpfad, auf dem ich geradelt bin, ist nämlich eine Autobahn. Ja, im Ernst. Also, er war jedenfalls mal eine. Glauben Sie nicht? Dann fahren Sie doch mal zur Brücke da vorne. Auf einmal verwandelt sich der feste Staub in Betonplatten. Zugegeben: Betonplatten, zwischen denen 10 Meter hohe Bäume stehen, was auf einer Autobahn allgemein eher als hinderlich angesehen wird.
Vorsicht auf der A1 zwischen Potsdam und Berlin, in beide Richtungen: Es sind Nadelbäume auf der Fahrbahn gewachsen, 1 Kilometer Stau!
Trotzdem: Das hier war AVUS, die erste Autobahn Deutschlands.

AVUS steht für Automobil-Verkehrs und Übungsstraße. Es ging beim Bau anscheinend eher darum, mal auszuprobieren, was mit diesen neumodischen Automobilen so alles möglich ist. Aber 1921 wurde die Strecke dann für die Allgemeinheit freigegeben, auch zum alltäglichen Verkehr. (Damit wäre der Mythos widerlegt, dass Hitler die Autobahnen in Deutschland eingeführt hat. Es stimmt aber, dass er den Ausbau des Autobahnnetzes erst so richtig ins Rollen gebracht hat.) Die Berliner brausten über den Teltowkanal und hatten eine schnelle Abkürzung nach Potsdam (und später weiter nach Magdeburg).

Kurz nach der Brücke endet die Autobahn auch schon abrupt an einem Zaun. Immerhin hat der eine... nennen wir es mal Autobahnausfahrt.

Mit dem Mauerbau wurde die Autobahn verlegt, und zwar zum Checkpoint Bravo, den wir ja eben schon gesehen haben. Warum eigentlich, die Trasse hätte doch so oder so über die Grenze geführt? Weil die historische AVUS sogar zweimal die Mauer durchquert hätte. Am Ufer des Teltowkanals liegt nämlich Albrechts Teerofen. Der Name bedeutet genau das, wonach er klingt: Eine Familie namens Albrecht hatte hier einen Teerofen. Der machte zwar schon 1783 dicht, aber das Gebiet hieß immer noch so, als es über 150 Jahre später von der Mauer eingeschlossen wurde.
Durch einen hübschen Sandstreifen bin ich gleich weiter zur nächsten Enklave gesaust. Schaffe ich das noch durch den Wald, bevor es richtig duster wird? Ja, passt schon.

Kurz darauf entließen mich rote Drängelgitter in eine stillen Vorstadtstraße in Steinstücken raus.
Auch Steinstücken war komplett vom Antifaschistischen Schutzwall umgeben, jede Woche wechselte ein Hubschrauber die amerikanischen Soldaten aus. Durch den ersten Gebietstausch 1971 bekamen die beiden Enklaven einen Streifen mit einer Straße drauf, damit sie nicht mehr auf Hubschrauber oder die Kooperation mit den Grenzsoldaten angewiesen waren. 1981 durften nach langen Verhandlungen auch westliche Schiffe auf dem Kanal nach Westberlin fahren, dadurch brauchten die Kähne plötzlich zwei Tage weniger für die Strecke. Das Café in Steinstücken wurde ein beliebtes Ausflugsziel, um gemütlich Kuchen zu essen und eventuell ein paar illegale Fotos der Mauer zu machen - zum Beispiel von diesem Grenzsoldaten, der einen Hund füttert (auf dem Schild links im Bild).
Ich fuhr nichts Böses ahnend im Dämmerlicht um die Ecke, als auf einmal ein schwarzes Vieh aus einem Gebüsch schoss. Ah, eine Katze, dachte mein Unterbewusstsein für den Bruchteil einer Sekunde. Dann zuckte ich zusammen, als die Katze plötzlich zu bellen anfing. Da kam auch schon die Besitzerin aus der Tür und entschuldigte sich vielmals, dass ihr Fellknäuel mich erschreckt hatte, das mache der wohl öfter.
Hunde, die sich als Katzen ausgeben, um die Flüchtlinge in Sicherheit zu wiegen - warum kamen die Grenzsoldaten eigentlich nicht auf die Idee?

Neben einem Spielplatz, inmitten der Vorstadthäuser, ragen auf einmal zwei Helikopter-Rotorblätter in die Höhe. Nanu, was hat das jetzt wieder zu bedeuten?
Das Denkmal erinnert an die Wiedervereinigung und ganz speziell an den 29.9.1990. An diesem Schnapszahl-Tag fanden zweifellos viele Hochzeiten statt, aber auch genau hier der letzte Hubschrauberflug des US-Militärs über ostdeutschem Luftraum.


Um diese Erklärung auf dem Sockel des Denkmals zu entziffern, musste ich schon die Handytaschenlampe einschalten. So, das reicht aber für heute, endgültig! In Berlin kenne ich genügend Leute, sodass ich mir keine Sorgen um die Übernachtung machen muss.
Auf dem Weg zur S-Bahn-Station durchquerte ich noch schnell einen Campus der Potsdamer Universität. Schön, wie viele Bäume hier überall wachsen! Also, wenn hier keine Forstwissenschaften unterrichtet werden, dann weiß ich auch nicht. (Nachtrag: Werden sie nicht. Jetzt weiß ich auch nicht.)
Das waren dann aber alle historischen Gebäude für heu... echt jetzt, sogar über den verdammten S-Bahnhof stehen mehr als zwei Spalten Text im Reiseführer? An dieser Stelle fuhren die Züge zur Zeit der Stammbahn noch ohne Halt durch. Später hatte Griebnitzsee einen schicken Fachwerk-Pavillon als Bahnhofsgebäude, der von der Wiener Weltausstellung übriggeblieben war. Dieser Bahnhof hieß Babelsberg-Ufastadt, weil hier in erster Linie alle ausstiegen, die in den Babelsberger Filmstudios arbeiteten. Zur Zeit der Mauer war dann wieder, wie zu Beginn, Durchfahren ohne Aussteigen angesagt. Transitreisende aus Westberlin fuhren durch hohe Mauern und bellende Hunde. Rein und raus durften nur die Grenzkontrollen, und laut DDR-Landkarten existierte der Bahnhof nicht einmal. (Damit war Griebnitzsee quasi das Berliner Pendant zum sächsischen Gutenfürst.)

Der Teltowkanal verbreitert sich in Griebnitzsee zu einem See namens, Sie erraten es, Griebnitzsee. Der ist aber immer noch relativ schmal und könnte fast als Kanal durchgehen. Glaube ich. Besonders viel konnte ich vom Ufer aber eh nicht erkennen.
Schuld daran ist Brandenburger Regierung. 2003 bot der Bundesfinanzminister den Bundesländern an, die Mauergrundstücke gratis zu übernehmen. Thüringen nahm an, Brandenburg lehnte ab. Also wurde der Boden verscherbelt, ohne irgendein Wegerecht zu vereinbaren. Die Stadt Potsdam versuchte zwar trotzdem, einen öffentlichen Uferweg zu bauen, verlor aber vor Gericht. Egal, ob moderner Betonpalast oder historisches Wirrwarr aus Türmchen und Erkern: Die Villen haben den Willen, den See für sich zu behalten.
Andererseits: Irgendwie passt das in den historischen Kontext, denn dieses Ufer gehörte schon immer der Elite. Der Kaiser saß nebenan im Schloss Babelsberg und zog die Schönen und Reichen (oder zumindest die Reichen) an wie das Licht Motten. Damit die einfachen Handwerker aber nicht "unruhig" wurden, erließ der Kaiser eine Bauverordnung: In Richtung Straße bitte nicht protzig, sondern preußisch-schlicht bauen. Die Reichen besuchten sich sowieso lieber über ihre Boote und Terrassen auf der Seeseite.
In den Goldenen Zwanzigern wohnten hier vor allem erfolgreiche Künstler und Schauspieler der Filmstudios. Nicht wenige waren Juden und mussten ihre Villen in der Nazizeit zurücklassen. Im Sommer 1945 zogen noch prominentere Gäste ein: Die drei mächtigsten Männer der Welt machten es sich bequem im Haus-Erlenkamp der Truman-Villa, in der Villa Urbig Churchill-Villa und der Villa Herpich Stalin-Villa. Die großen Drei übernahmen sofort die Tradition der Stadt, die sie gerade erst besiegt hatten: Sie besuchten sich nur per Schiff auf der Seeseite und bauten extra eine Pontonbrücke rüber zum Schloss Cecilienhof.
Dem Ort, an dem die Potsdamer Konferenz stattfand.
An dem die Teilung Deutschlands ihren Anfang nahm.