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23 November 2025

Naab: Von Weiden nach Regensburg

Was macht die Waldnaab in Weiden? Sie fließt geradeaus am Stadtrand vorbei, nimmt die Schweinnaab mit (ja, die heißt wirklich so) und hat eine der schönsten, verschlungensten und natürlichsten Fischtreppen, die ich je gesehen habe.
Außerdem ist da der Flutkanal. Der zweigt von der Waldnaab ab, fließt noch geradeauser am Stadtrand vorbei, per Brücke über die Waldnaab rüber...

...und schließlich wieder in sie rein.
Die graugrüne Parklandschaft war da schon längst einer graugrünen Feldlandschaft gewichen. Und zwar keiner sonderlich weiten: Nach ein bis zwei Kilometern endeten die Felder an einer grauen Wand, die mich den ganzen Tag begleiten sollte.

Darum konnte ich auf der Brücke von Oberwildenau auch nicht so richtig erkennen, wie sich die Haidenaab [sic] mit der Waldnaab vereinigt. Es gibt mehr Weiden als in Weiden, und der Boden ist so flach, die Flüsse dementsprechend so verschlungen, dass ich im Nebel nicht durchgesehen habe, was jetzt welcher Fluss ist.
Fest steht jedenfalls: Erst an diesem Zusammenfluss entsteht der Fluss, der einfach nur Naab heißt. Allerdings ist das, wo wir bisher langgefahren sind, der Länge nach der Hauptfluss der Naab.

Vor der Autobahn musste ich einmal die Gleise überqueren. Bis zu 20 Minuten soll man hier warten müssen, wer es eilig hat, soll einen anderen Weg nehmen? Na supi. Wer es aber nicht eilig hat, soll... diesen Knopf drücken? Okay... mit leichter Skepsis, ob das rostig-gelbe Gerät noch funktionierte, drückte ich drauf.
"Krsch... Oan kloan Moment bitte."
Oan kloan Moment später klappten die Schranken tatsächlich nach oben.

Nebel, Wiesen, Nebel, Wiesen... habe ich mir das wirklich gut überlegt, über 100 Kilometer hier durchzufahren?
Ja, denn das ist höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit des Jahres zum Radfahren. Und sobald der Fluss und kleine Felswände dazukommen, sieht es auch nicht mehr so unheimlich monoton aus.

Naabburg ragt mit einem massiven "Dom" und massigen Stadtmauer über der Naab in den Nebel. Diese Stadt hat keine Burg - diese Stadt ist die Burg. Warum genau die gotische Kirche nur gut genug für einen Dom in Anführungszeichen ist, erklärt die Infotafel nicht. Vielleicht, weil 1536 ein Blitz den zweiten Turm für immer abgefackelt hat.
Hier wurde das originale Grubenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat.

Erst in Schwarzenfeld habe ich mir die Zeit genommen, eine Ortschaft von innen anzusehen. Naja, was heißt, Zeit genommen - die Wegweiser haben mich sowieso hinein ins Kopfsteinpflastergebiet geleitet. Und das sah erstmal alles sehr still, aber nett aus. Am Fluss ragte ein Zwiebelturm auf. Er gehört zum fest verschlossenen Schlosshotel. Im Schloss und "auf" Schwarzenfeld saßen verschiedene Adelsfamilien, darunter die Herren "Teuffel von Pirchensee" und Karl Theodor Graf von Holnstein. Der war Oberstallmeister des bayrischen Königs. In diesem Job war er aber nicht mit Ausmisten beschäftigt, stattdessen verhandelte er mit dem Saupreißen Bismarck mit dem Ergebnis, dass Bayern einverstanden war, dass der Saupreiß Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Zur Belohnung durfte der Graf von Holnstein seinen Ruhestand erblindet in diesem Schloss verbringen, das sich hinter Gitterzäunen verschanzt.
Aber direkt daneben ist ja noch eine gelb-weiße Pfarrkirche. Und dort stand die Tür offen.

Jeder kann sich ansehen, wie das barocke Innere der Kirche in Weiß-Gold ausgeschmückt ist. Zumindest durch Gitterstäbe. Die befinden sich hier, anders als beim Schloss, im Innenraum, kurz bevor die Bänke beginnen. Damit Sie den Anblick stabfrei genießen können, habe ich durch sie hindurch fotografiert.
Die Kirche sieht so aus, weil die Hussiten und ein Feuer den Vorgänger zerstört haben. Sie ist gleich zwei Heiligen gewidmet, die beide auf den Altar gemalt sind: St. Ägidius plaudert mit einem Engel, während St. Dionysius geköpft wird.

Am Marktplatz war Schwarzenfeld dann nicht mehr so schön anzusehen. Das hier könnte so auch ein Bild einer Kleinstadt in NRW sein - wäre da nicht das riesige Kruzifix.

Vor einem Haus entdeckte ich ein lyrisch wie privatsphäremäßig fragwürdiges Gedicht: Nach langer Zeit ist es vollbracht / der Franzi hat die Rosi zur Frau gemacht. / Dieser Baum soll ein Jahr stehen. / Wir wollen ein Kind in der Wiege sehen. / Nach einem Jahr sind wir wieder hier / auf a Sau und a Fassl Bier. Kein Druck also bei der Familienplanung!

In Schwandorf hieß es: Halbzeit, Teezeit und Essenszeit! Puh, ist aber immer noch ne ganz schöne Strecke übrig.
Der nette Rasttisch befand sich zwischen der Naab und einem Wohnmobilstellplatz, auf dem genau ein Wohnmobil stand.

Neben der Naab befinden sich ein paar Baggerseen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen davon besucht, und zwar den stahlblauen Steinberger See, welcher von Unmengen an Enten und nicht ganz so großen Unmengen an Booten bewohnt wird.

Über halb gefrorene Nadelwäldchen und Wiesen voller Hunde spazierten wir eine Runde um den Wasserspiegel.
Ich staunte, wie flach Bayern auch sein kann. Es gab keinerlei Bergblick. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich dieses Bild in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt!

Das touristische Zentrum befindet sich allerdings am Westufer, denn hier hatten zwei einfallsreiche Unternehmer eine Vision. Sie wollten, dass sich Menschen bewegen! Und zwar draußen! Und gemeinsam! Und so bauten sie etwas Einzigartiges, das sich so oder ähnlich nirgendwo anders findet außer in Dolní Morava, Bad Harzburg und an vielen weiteren Baumwipfelpfaden. Wir erwarben am Automaten eine Plastikkarte mit Strichcode und spazierten dann eine lange, lange Spiralrampe hinauf. Dabei hüpften wir über ein paar Balancierparcours und Boden-Kletternetze mit Blick nach unten.
Die beiden Männer nannten das Teil inMotion PARK. Ein Comic auf der Rückseite ihres Flyers erzählt, wie bei der feierlichen Eröffnungsfeier ein gewisser Markus Söder den Namen vergessen hatte oder doof fand und darum improvisierte: "Hiermit eröffne ich die Erlebnisholzkugel!"
Joa. Und das ist der Name, unter dem das Ding bis heute bekannt und auf Google Maps eingetragen ist. Gegen die Macht Söders hatte der ursprüngliche Name keine Chance. Und er hat da ja schon einen Punkt: Die Kugelform ist ein Blickfang und das, was diesen Turm im Vergleich zu ähnlichen Bauwerken einzigartig macht.

Eine trockene Edelstahlrutsche mit Rutschteppichen darf natürlich nicht fehlen! Sie sieht erstmal verdammt steil aus, aber das ist auch nötig, um ohne Wasser überhaupt auf ein gescheites Tempo zu kommen. Vor allem, wenn einen auch noch die Schweißnähte kräftig durchrütteln. Wuppwuppwuppwuppwpwpwpwpwphuii...

Von oben ist dann doch zu sehen, dass die Berge gar nicht so weit entfernt sind.

Und die Naab dringt jetzt wieder in sie ein. Immer mal wieder musste ich am Waldrand hoch und runter, der Fluss war nur ein verwaschener grauer Streifen hinter den Bäumen.

Aber immer mal wieder waren da auch flache Straßenstrecken abseits des Flusses, mal mit, mal ohne Radweg. Trotz Radweg ist hier anscheinend jemand zu Tode gekommen. Die kleine Kerzenflamme im großen grauen Nichts war ein seltsamer Anblick, und das perfekte Symbolbild für Ende November.

Gott sei Dank zog sich das Nichts weit genug zurück, um mir diese mystische Felsformation zu enthüllen. Das hier sieht nicht mehr sächsisch aus, es weckte eher Assoziationen an schottische Highlands oder den Hund von Baskerville. Schöön, vielleicht sogar meine Lieblingslandschaft an der Naab.

Ja, nun türmen sich die Berge endgültig wieder auf, und die Naab taucht ein in ihr Finaltal.
Frage: Welches Tier würden sie in einer solchen Landschaft am ehesten erwarten? Vielleicht ein paar Schafe oder Ziegen?

Auf jeden Fall keine Pfauen. Wie eigenartig, diese Ziervögel nicht in einem Zoo oder Schlosspark, sondern einfach so auf einem Acker herumpicken zu sehen.

Unter den Felswänden des Finaltals liegt das putzige Örtchen Kallmünz. (Der Name hätte mir eine Warnung sein müssen.) Am rechten Ufer erstreckt sich ein kleiner Marktplatz, umgeben von bunten Häusern, deren Farben gegen den Nebel und die Abenddämmerung ankämpften. Hinter den Fenstern brannte warmes Licht. Zumindest in den Privatwohnungen, in den Geschäften war es kalt und still.

Am anderen Ufer werden die Gassen kleiner und weißer, dafür brannte endlich mal im Erdgeschoss ein Licht. Und zwar im Schmalzkuchl.
Als mein Magen den Namen las (also quasi), war er der Meinung, ich sollte da jetzt reingehen. Auch wenn ich dadurch das letzte Tageslicht verpassen würde, egal. Ich zwängte mich in den gut gefüllten und vor allem warmen Gastraum, und bestellte ohne nachzudenken. Auch, wenn ich nicht genau wusste, was sich hinter Worten wie Kiachlschmarrn verbarg (im Prinzip halt Kaiserschmarrn ohne Rosinen).

Erst beim Warten fiel mir, siedendheiß wie die heiße Schokolade, ein, dass ich keine Geldautomaten gesehen, nicht mehr viel Bargeld und gar nicht gefragt hatte, ob sie Karte nehmen.
"Nein, aber kein Problem, Sie können anschreiben lassen."
Und weg war sie wieder, ehe ich weiter nachhaken konnte.
Anschreiben, aha. Diese kontaktlose Zahlungsmethode kannte ich bislang nur noch aus Geschichten. Soweit ich weiß, wird dabei der abgebuchte Betrag auf einem analogen Datenspeicher namens Tafel eingegeben. Dieser Bezahlvorgang ist, anders als Paypal, ApplePay und Visa, vollständig unabhängig von Strom- und Internetausfällen, kann jedoch mit einer simplen Hacker-Software namens Schwamm manipuliert werden. Außerdem, und das war das eigentliche Problem hier, ergibt Anschreiben doch nur Sinn bei Einheimischen oder Urlaubern, die länger bleiben und deshalb irgendwann zum Bezahlen zurückkommen, oder? Mein Auftreten und vor allem Aussprechen müsste eigentlich verraten haben, dass ich zu keiner der beiden Gruppen gehörte. Beim Abrechnen wollte ich einfach vorschlagen, dass sie mir Daten zum Überweisen geben, aber ehe ich mich versah, hatte schon jemand die fehlenden Kallmünzen auf den Tisch gelegt. Ach so, auch gut, danke sehr.

Nach den letzten Kilometern im engen Flusstal fuhr ich auf Mariaort rauf, eine Halbinsel mit kleiner Klosterkirche. Am anderen Ufer der Donau leuchtete bereits Regensburg und machte seinem Namen alle Ehre, denn es hatte ein leiser Nieselregen eingesetzt, zum Glück erst jetzt. Ein Bauer hat auf dieser Spitze zwischen den Flüssen ein keltisches Hügelgrab gefunden. Die Finaltäler der Naab und Regen waren natürliche Einfallschneisen, und deshalb mussten die Römer drüben in Regensburg dieses Gebiet besonders gut befestigen.
Ich fuhr über die überraschend wenig holprige Wiese, bis ich zwischen kahlen Hecken auf einen Grabstein stieß. Zumindest sah er auf den ersten Blick wie einer aus, aber im Licht der Handytaschenlampe erkannte ich... äh, soll das eine Zeichnung der beiden Flüsse sein? Und sind das Entfernungsangaben wie auf einem Meilenstein? Jap, danke, jetzt weiß ich, wo es zum Schwarzen Meer geht, da wollte ich heute noch hin.
Schwarz waren die beiden Flüsse ja immerhin schon, auch wenn die Donau im Licht der Stadt leicht orange glühte. Nur leicht, denn das eigentliche Stadtzentrum ist noch fünf Kilometer weiter. Ganz so weit musste ich zum Glück nicht mehr, denn der Stadtteil Prüfening da drübening hat einen eigenen Bahnhof.


14 August 2025

Donau: Von Radvaň nach Esztergom

IV. Ungarn

Richtiger Name: Magyarország
Anteil an der Donau: 417,2 km (14,6 %)
Anteil am Donauradweg: max. 476,5 km (16,7 %)
Anteil der Donau an der Staatsgrenze: ca. 174 km (7,4 %)
Ufer: Weiden (beide Arten), Strände aus Kies und Schutt
Hauptstadt an der Donau? Ja (Budapest)
Größter Nebenfluss: Rába/Raab (250 km, mündet in die Mosoni-Duna)
Anzahl Inseln: 5
Größte Insel: Kleine Schüttinsel
Größter Wasserpark an der Donau: Aquaworld Budapest
Schönste Stelle: Donauknie bei Visegrád
Schlimmste Stelle: Maria-Valeria-Brücke und Straßenverkehr Esztergom
Radwege: schattiger mit gelben Linien, aber teils lückenhaft
Einreise: problemlos dank EU
Währung: 1 Forint=0,0025 € (was zur Hölle)


Was heute geschah, war unfassbar. Unbegreiflich. Niemand hätte es vorhersehen können. Hätte Donald Trump erklärt, er wolle fortan eine queerfeministische Abtreibungsklinik sponsoren, hätte mich das weniger überrascht als dieser Radweg im Schatten.

Auch wenn dieser Weg nicht völlig frei von Hindernissen war.

Und auch nicht die ganze Zeit im Schatten.
Dafür gab es in Kravany den römischen Wachturm Nr. 2, jetzt noch weniger römisch, stattdessen in typisch neudeutscher Bauweise - Stahl im luftigen Holzmantel.

Der Donauradweg wird lebendiger. Im selben Stil wie der Turm wurde daneben ein Kiosk erbaut, der Softeis, Getränke und Snacks verkaufte. Und siehe da, auf einmal gab es doch andere Tourenradler, die das Zeug kauften. Wo wart ihr die ganze Zeit? Sind die die monotone Strecke so schnell durchgefahren, dass sie wir sie mit bloßem Auge gar nicht wahrnehmen konnten? Entweder das, oder sie haben bisher die ungarische Seite gewählt, das kann natürlich auch sein.
Ein ungelöstes Rätsel blieben diese slowakisch geschnitzten Säulen. Es sind Störche und andere Vögel darauf zu sehen und allerhand Kreuze und Sonnen. Einige wurden als Torbogen um Gedenkplatten für wichtige Persönlichkeiten gestellt.

Ein verschlossenes Danubium und ein noch größeres Lost Place deuten darauf hin, dass dieser Rastplatz ursprünglich sogar noch viel größer geplant war.

Während der nächsten Badepause fanden ein paar sehr kleine Donaukrebse meinen Rücken so anziehend, dass sie sich darauf niederließen - und leise zwickend protestierten, als das Wasser auf einmal weg war. Unsere Eltern ordneten sie als "eine Art Krill" ein. Das erklärt auch, warum die Kieselsteinchen am Ufer nur so von ihnen wimmeln. Es fehlt an natürlichen Feinden, denn der Donauwal wurde tragischerweise schon vor langer Zeit ausgerottet.

Das Schwimmen in der Donau ist eine eher junge Tradition. Die meiste Zeit war es verboten, bis sich ab 1850 der Schwimmunterricht verbreitete und erste Schwimmbäder aus Holzstegen gebaut wurden - natürlich mit getrennten Bereichen für Damen und Herren. Diese mussten aufpassen, dass sie nicht von einem planlosen Schiff gerammt wurden. Dampfschiffe hatten die "Brüllschiffe" (geschleppte Holzschiffe) abgelöst und brauchten Fachpersonal aus dem Ausland. Wenn aber der Kapitän aus Mainz, der Steuermann aus (Buda)Pest und der Maschinenmann aus Birmingham kam, und keiner von denen je eine Fremdsprache gelernt hatte, dann lief der Stahlkoloss auch gerne mal fachmännisch auf Grund.

Und dann passierte etwas noch Unfassbareres: Der Deichradweg endete komplett. Finito. Ein Industriegebiet stand im Weg. Wir radelten durch sonnige Dörfer und noch sonnigere Felder. Bunte Wegweiser wiesen in zwei Sprachen darauf hin, was es im Dorf alles so gab. Eine Familie in Badebekleidung gruppierte sich um ein einziges Fahrrad, das sie gemeinsam aufzupumpen versuchten.

Und ein alter Mann mit lauter Musikbox und rostigem Rohr auf dem Gepäckträger radelte uns langsam entgegen. Rost und Kräne kündigten die Nähe der nächsten Doppelstadt an - und sogar Gleise, obwohl es dort gar keine internationale Bahnverbindung über die Donau gibt.
Und dann tauchte am Horizont (nicht im Bild) ein Bauwerk auf, das in dieser Umgebung auf den ersten Blick wie eine Fata Morgana erschien. Dazu später mehr.

Die nächste Doppelstadt ist sehr viel unausgewogener. Die slowakische Seite heißt Štúrovo und hat laut Radführer keine einzige Sehenswürdigkeit. Er empfiehlt zwar, eine Weile zu bleiben - aber nur, um den Blick auf Ungarn zu genießen.
Dabei hat die Stadt immerhin zwei Attraktionen: Einen Ferien- und Wasserpark mit gewaltig viel Beckenfläche, viel größer als die Anlage gestern, und ohne faule Eier.

"Guten Tag, zwei der größten Schließfächer bitte."
"Zwei?!"
"Sie haben mich schon richtig verstanden."

Und zweitens hat Štúrovo eine überraschend grüne Fußgängerzone mit einem sehr abenteuerlichen Sammelsurium an schöner und scheußlicher Architektur.
Die Stadt mag nicht das beste Aushängeschild der Slowakei sein für alle, die aus der entgegengesetzten Richtung kommen. Aber sie wurde nach einem der wichtigsten Slowaken überhaupt benannt. L'udovít Štúr war von Beruf Schriftsteller und Revolutionär. Im 19. Jahrhundert sammelte er die vielen Dialekte und schmiedete daraus die slowakische Sprache, wie sie heute gesprochen wird - eine Art Tschechisch, bei dem die Vokale durcheinandergeschüttelt wurden, mit einer besonderen Vorliebe für a, o, ie und ň. Tschechiens gefürchteten, unaussprechbaren Todesbuchstaben Ř (über kaum einen Buchstaben gibt es so viele Memes) dagegen fand Štúr unnötig und nahm ihn nicht in sein Alphabet auf. Allein dieser Verdienst für sein Land wäre wohl Grund genug, eine Stadt nach dem slowakischen Martin Luther zu benennen.
Umso schmählicher für den alten Štúrkopf ist es, dass das Märchentheater für Kinder in der Fußgängerzone auf Ungarisch gespielt wurde! Das verstanden wir sofort, weil wir nichts verstanden.

Vorbei mit der Slowakei! Über die grünliche Maria-Valeria-Brücke wechselten wir nach Ungarn. Ein total verrostetes Schild verbietet das Radfahren auf dem Bürgersteig, aber alle ignorierten es. Denn wer auf dieser Fahrbahn Fahrrad fahren will, dem sei stattdessen eine Reise in die Schweiz empfohlen - dort werden schmerzfreiere Möglichkeiten der freiwilligen Selbsttötung angeboten.
Und da ist sie auch wieder, die Fata Morgana, die Basilika von Esztergom. Ungarns größte Kirche zieht Kinnladen nach unten, Köpfe nach oben und Handys in die Hände. Inmitten wehrhafter Mauern auf dem Schlosshügel steht unbeeindruckt von all dem Verkehr da unten eine reine, weiße Kuppel.

Damit steht sie im Gegensatz zum Rest der Stadt, der uns wie schon Štúrovo mit sehr abenteuerlichen architektonischen Gegensätzen und Grünanlagen empfing.

Alles ist irgendwie abgewetzt und staubig, doch je tiefer wir reinfuhren, umso knuffiger fand ich die Stadt. Nur der Verkehr ist halt speziell und erfordert Umwege, um den großen Straßen auszuweichen. Manche Häuser hatten beinahe schon etwas von verwunschenen, überwucherten Ruinen aus einem Märchen, vielleicht ja dem in Štúrovos Fußgängerzone.
Abends sprudelte eine Reihe kleiner Fontänen in allen möglichen bunten Farben. Aber immer nur jeweils eine Farbe auf einmal. Hätten sie mehrere Farben gleichzeitig, könnte es sich ja um einen Regenbogen handeln.

Unser Häuschen ist nicht abgewetzt, sondern nur knuffig. Es liegt gegenüber vom (abgewetzten) Bahnhof, und abends schallten Durchsagen durch mein angekipptes Fenster, von denen ich rein gar nichts verstand. Was aber in dem Fall nicht an der ungarischen Sprache lag, sondern an Bahnhofsdurchsagen im Allgemeinen.

So, wir müssen erstmal dringend was nachkaufen. Die kleinen Supermärkte sind voller Fertiggerichte, selbst Tiefkühlware gibt es nur wenig, und frisches Obst und Gemüse überhaupt nicht - dafür sind offenbar Extrageschäfte da.

Um uns die "Wiege Ungarns", das "ungarische Rom" oder "die Stadt der Schwarzen Reaktion" (laut den Sowjets) anzuschauen, mussten wir Treppen steigen. Auf der Karte sah der St.-Thomas-Hügel ganz interessant aus, und wir stiefelten an den alten Mauern und Felswänden hinauf. Eine Sonnenuhr verkündete auf Latein: EGO NIHIL SINE SOLI - TU NIHIL SINE DEO. So wie ich (also der Hügel, der hier anscheinend zu uns spricht) nichts ohne den Boden bin, bist du nichts ohne Gott. Demnach darf man Gott mit den Füßen treten?

Diese verwinkelten Gässchen da oben, ist das eine Altstadt?
Ist es nicht. Es ist ein offenbar sehr altes und grünes, aber eben auch stilles Wohngebiet. Die kleine weiße Thomaskapelle war verschlossen, und das mit Abstand Eindrucksvollste der Blick auf den nächsten Hügel. Wer nach außen hin schön baut, tut damit eben mehr Gutes für seinen Nachbarn als für sich.
So von oben gesehen, sah das Ganze für mich eher nach Jerusalem als nach Rom aus.

Auf dem nächsten Hügel wanderten wir durch Burgtor um Burgtor um Burgtor. Während die ersten noch richtig alt aussagen, war das letzte Ziegeltor schon deutlich jünger. Von wann ist diese Burg denn nun?
Antwort: Es ist kompliziert. Bereits die Römer haben hier oben ihren Donaulimes gesichert. Als die Magyaren alles eroberten, machten sie Esztergom zu ihrer Hauptstadt - und damit zum Handlungsort eines sehr blutigen Finales. Denn das Nibelungenlied endet in der "Etzelsburg", und wahrscheinlich ist damit Esztergom gemeint. Nach all den Nibelungenstädten, die sich damit rühmen, dass die Protagonisten dort mal kurz Pinkelpause gemacht haben, sind wir nun am Ende der Geschichte angekommen - und es gibt keinerlei Hinweis darauf.

Esztergom konzentriert sich lieber auf echte Personen wie den ersten König von Ungarn: Stephan der Heilige wurde auf diesem Berg geboren und im Jahr 1000 gekrönt. Und hält sich hier auch heute noch auf, zumindest ein Teil von ihm: Der oberste Knochen in diesem Reliquiengefäß ist seiner, darunter schwimmen seine Nachkommen Prinz St. Emeric und König St. Ladislav - gleich drei aus der Familie wurden heiliggesprochen, eine Quote, die unsere Familie vermutlich nicht mehr erreichen wird.

Nachdem die Mongolen eingefallen waren, zogen Ungarns Könige nach Budapest um. Der Primat der ungarischen Katholiken nahm den leeren Schlossberg in Beschlag, und seine Nachfolger gaben ihr Bestes, um die Könige an Prunk zu übertreffen. Viele Bischöfe waren begeisterte Kunstsammler, und ihre Sammlung wuchs.
Im ersten Raum der Burg waren Kunstwerke zu sehen, die vermutlich nicht zu ihrer ursprünglichen Sammlung gehörten. Die Free Art Gallery beherbergte kühle Luft und kunterbunte Bilder von Menschen, Wasser und Menschen am Wasser.
Das Burgmuseum dahinter wirbt auf Englisch mit See where the Archbishop had his sauna! Die Eintrittstabelle ist dann aber nur auf Ungarisch, sehr clever. Daher übersprangen wir das und gingen gleich auf den Mittelpunkt des ganzen Komplexes zu. Und der sah erstaunlich neu aus. Das hier soll die Wiege Ungarns sein?

Der Grund dafür ist der übliche Verdächtige, das Osmanische Reich. Als sich die Türken nach 140 Jahren zurückzogen, ließen sie eine Ruinenstadt mit gerade mal 400 Einwohnern zurück. Doch die Kirche war fest entschlossen: Wir bauen das wieder auf, größer als je zuvor! Auch wenn sie sich schon im 19. Jahrhundert befanden. Egal, wie viel Mühe sie sich gaben, bei der Jahreszahl konnte kein klassisches Bauwerk mehr bei rauskommen, höchstens ein neoklassisches.
Meine Eltern wirkten etwas ernüchtert, dass das Herz dieser ach so alten Kirchenstadt gar nicht wirklich alt ist. Andererseits: Die Stadt heißt Esztergom, nicht Echterdom.
Auch als uns endlich die kühlen und - verhältnismäßig - stillen Hallen der Basilika umfingen, war der Anblick erstmal ernüchternd: Baugerüste. Auch ohne Rückkehr der türkischen Truppen nagt der Zahn der Zeit an Gottes Haus. Ah, das Bild da hinten zeigt Christi Himmelfahrt, oder? Fast, es ist Mariä Himmelfahrt. Das größte Leinwand-Altarbild der Welt war noch zu erkennen, doch zu einem Viertel verdeckt büßte es sehr an Wirkung ein, wie der Rest. Es sei denn, ich legte den Kopf in den Nacken und schaute senkrecht nach oben in die goldenen Verzierungen der Riesenkuppel und blendete die Pfosten am Rande des Blickfelds aus. Dann ging's eigentlich.

Einen Raum weiter schwimmen die Knochen und Zähne der Heiligen in Flüssigkeit herum. Die einen wurden schon vor Jahrhunderten handschriftlich beschriftet und in kleinen rechteckigen Pillenboxen gesammelt, die wichtigeren schwimmen in altertümlichen oder moderner gestalteten Goldpokalen. Niemand betete zu ihnen, und die Atmosphäre war auch nicht gerade andächtig, denn sie standen im Religious Gift Shop (immerhin nicht zum Verkauf).
Das Kirchenschiff, die Reliquien, der Shop und das Panorama-Café im zweiten Stock (WC-Besuch nur gegen Entgelt, oder bei Verzehr im Café gegen Vorlage der Quittung) sind kostenlos zugänglich. Der Rest kostet Eintritt, und da wir besagten Eintritt bezahlten, kann ich verraten, woraus dieser Rest besteht.

Die Schatzkammer ist voller Sammelobjekte der Bischöfe: Wandteppiche und Talare mit eingewebten Gestalten, ihre Gesichter sind längst vergilbt, dazu Goldpokale und goldene Bischofsstäbe. Überraschenderweise stammt nur wenig davon aus Ungarn, sondern fast alles aus dem Italien der Renaissance.
Fotografieren darf man darin nicht. Immerhin konnte ich dieses Modell ablichten. Hö, diese Seitenflügel habe ich da draußen gar nicht gesehen? Der Wiederaufbau des Schlosshügels ist nicht so groß ausgefallen wie ursprünglich geplant, trotzdem war die Wiedereröffnung natürlich ein Riesending in Österreich-Ungarn, Franz Liszt komponierte extra eine Messe.

Am Eingang stiegen wir dann eine Treppe runter - und befanden uns in einer anderen Welt. Einer kühleren und erhebenderen Welt. Die sogenannte Unterkirche wirkt gleich viel älter, es war, als würden wir die (sehr gut erschlossenen) Katakomben zu einer vergessenen Zivilisation betreten. Dabei sind die Menschen, die hier begraben wurden, oft gar nicht so alt.
Diese Räume werden als Krypta der Kardinäle benutzt. Die Toten liegen hinter schlichten, zubetonierten Betonplatten (hinten im Bild), und ihre Namen wurden im Nebenraum auf marmorne Scheiben (rechts) eingraviert. Die allermeisten Scheiben sind noch frei, die ungarische Kirche blickt optimistisch in die Zukunft.

Ein Grab aber steht im Mittelpunkt all dessen, ist mit bunten Tüchern und Blumen geschmückt.
All das hier riecht derart nach reichem, religiösen Establishment, dass man leicht übersehen kann, dass es auch unter den Klerikern manchmal mutige und unbequeme Menschen gab. So wie József Mindszenty. Dieser Kardinal machte den Mund auf, schrieb und predigte gegen alles, was ihm ungerecht erschien: Eine zu linke Regierung in der Republik, aber eben auch die Nazi-Deportation der Juden oder Hinrichtungen und Verstaatlichung aller Schulen im Kommunismus. Die Arbeiterpartei ließ ihn foltern, unter Drogen setzen, ein Geständnis unterschreiben und im Schauprozess verurteilen. Beim Ungarischen Volksaufstand 1956 befreiten ihn die Aufständischen und trugen ihn in einem Triumphzug nach Budapest. Als dann aber Russland einmarschierte, um den Aufstand niederzuschießen, floh er in die amerikanische Botschaft und lebte schließlich im Exil in Wien. Dort verscherzte er es sich sogar mit dem Papst, der laut Mindszenty viel zu nachgiebig gegenüber den Kommunisten war - am Ende enthob ihn der Papst seines Postens.
Das klingt alles nach weit entfernter, dunkler Vergangenheit. Aber zeitliche Abstände hängen immer vom Blickwinkel ab. Als wir unserer Oma ein Bild schickten, schrieb sie, in Esztergom sei sie 1970 auch einmal gewesen.
Da war der Mann in dieser Gruft noch am Leben und verschanzte sich in der US-Botschaft.

In die gegenteilige Richtung der Gruft zu steigen, ist das genaue Gegenteil von erhebend. Bisher waren die Räume mäßig gefüllt, aber auf die Kuppel wollten auf einmal alle. Und der komfortable Aufzug zur Schatzkammer und zum Panoramacafé reicht nicht so weit nach oben. Ich landete eingekeilt auf einer endlosen, wahnsinnig engen Wendeltreppe voller schnaufender Touristen, so viel Platzangst hat weder der Aufstieg auf den Kölner Dom noch das Ulmer Münster zu bieten.
"Digger, wieso seid ihr alle so fit?", keuchte ein digger Junge auf Deutsch.
Naja, so fit klang die Geräuschkulisse für mich nicht. Wieso bin ich, der ich im Schulsport immer zu den schlechtesten gehörte, auf einmal derjenige, dem dieser Aufstieg und diese Radtour am wenigsten auszumachen scheint? Wo sind die fitten Leute von damals? Offenbar nicht in Esztergom.
Schließlich ließen die Mitarbeiter eine großzügige Portion Touristen die finale Treppe hinauf in die nicht sehr prunkvolle Innenseite der Kuppel. Wie das schwarze Hinterzimmer eines Theaters.
Und dann raus.

Die Aussicht über die Donau ist wirklich toll, auch wenn das Donauknie noch nicht zu sehen war. Der Wasserrutschenturm von Štúrovo hingegen war klar zu erkennen. Eine Wasserrutsche hier runter wäre jetzt nicht das schlechteste für die schwitzenden Menschenmassen, dann wäre auch der Besucherfluss deutlich schneller.
Es ist ein seltsames Gefühl, von außen um so eine Kuppel zu gehen, auf der man nie in alle Richtungen gleichzeitig schauen kann, ganz anders als bei einem klassischen Turm. Kleiner Tipp: Egal, wie erschöpft du bist, lehne dich nicht an die Wand. Das Metall war glühend heiß.

Unser Räder übernachten in einer völlig überdimensionierten Garage.