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21 Oktober 2022

Exter: Von Rinteln nach Alverdissen

Im Jahre 1929 kamen ein paar Privatunternehmer auf folgende geniale Idee: Lass uns mal eine Bahnlinie ins abgehängte Extertal bauen, Güterzüge reinschicken und gucken, ob die Wirtschaft aufschwingt. Das klappte nicht so, stattdessen geschah etwas anderes: Statt der Güterzüge wurden die Personenzüge viel beliebter als erwartet (und das ganz ohne 9-Mark-Ticket).

Die Gleise führten über die Weser und mitten durch die Innenstadt von Rinteln. Für die Fahrgäste war das praktisch. Als dann aber 1969 die Personenzüge abgeschafft wurden, blieben nur Güterzüge übrig, und die störten in der Innenstadt eher. Deswegen ist das Gleis heute abgerissen, und wir mussten alles zu Fuß gehen.

Auf der Brücke kam uns der heutige Fluss aus dem Nebel entgegen und mündete mystisch in die Weser. Nach fast einer Stunde marschierten wir dann endlich auf das Ziel zu. Warum wir nicht einfach die Räder genommen haben? Die Exter hat keinen Radweg. Zumindest keinen, auf dem unsere Räder fahren könnten. Deswegen haben wir online eine Fahrraddraisine gebucht. Na endlich, da ist sie ja!
Inmitten von Industriehallen ragte ein kleiner grauer Schuppen auf. Der Vermieter begrüßte uns kurz und knapp und warnte bei der Einweisung: "Passt am Nachmittag auf, dann haben alle Autofahrer Wochenende und denken an nichts anderes!"
20 Minuten später durften wir aufbrechen. Ein Ruck ging durch das Fahrzeug, und unter unseren Tritten setzte es sich unerwartet holprig in Bewegung. Das hätte ich mir auf Schienen irgendwie geschmeidiger vorgestellt.

Der olle Startschuppen ist natürlich nicht der ehemalige Bahnhof. Ein paar Meter weiter liegt ein italienisches Restaurant, das sich früher Bahnhof Rinteln-Süd, und noch früher Bahnhof Exten nannte - obwohl der Vorort Exten ein paar Kilometer entfernt ist. Auf dem Weserradweg haben wir gesehen, wie die Exter dort einen Bogen durch Blumen und Bäume macht (wobei einige Bäume in Exten mit Äxten zu Fachwerk verarbeitet wurden). Die Gleise sparen sich diesen Bogen, indem sie auf einem hohen Bahndamm geradeaus weiterführen, mit weitem Blick über die Felder und Fabriken im Weserbergland.
Die Züge sahen eher aus wie elektrische Straßenbahnen, damals wie heute ziemlich ungewöhnlich für eine Regionalbahn.

Das war schon mal ein hübscher Anfang, aber jetzt wird es Zeit fürs richtige Extertal. Nach der Abkürzung tauchten wir ins engere Tal ein.

Hier und da erblickten wir sogar eine geriffelte Felswand, die aussah, als würde sich ab und zu jemand ein bisschen hellbraunen Fels abklopfen. Die meiste Zeit ist das Extertal aber waldgrün. Einmal sah ich Fahrradwegweiser an der Straße, Radwege aber nicht. Im Prinzip sollte es während der Hinfahrt bergauf gehen, es fühlte sich aber an wie ein sanftes Auf und Ab.
Die Exter sprudelt neben dem Gleis her, unter den Brücken hindurch oder über Betonwehre, und wird langsam schmaler. Zwischenzeitlich verläuft auf dem Fluss die Grenze von Niedersachsen und NRW, bis wir irgendwann komplett nach NRW wechseln. Eigentlich ein nettes Flüsschen, wäre da nicht der Geruch. Warum muss sie bloß so stinken? Fließen da so viele Schadstoffe von den Feldern rein?
Zum Glück fuhren wir nicht die ganze Zeit am Gestank entlang. Das Gleis war zwar ähnlich zugewachsen wie der Fluss, aber es roch besser. Eigentlich war es sogar zugewachsener als die Exter. Zwischen den Schienen wuchs eine vollständige Wiese oder ein Unkrautfeld. Manchmal war keine einzige Schwelle in der Mitte zu sehen, und selbst die Schienen waren nur aus nächster Nähe zu erkennen. Naja, das Fahrzeug weiß ja, wo es langgeht.

Was genau ist das überhaupt für ein Fahrzeug? Eine Fahrraddraisine besteht aus einer Bank und zwei Fahrrädern, die zu einem Mini-Eisenbahnwagen verschraubt wurden. Dadurch können immer zwei fahren und zwei entspannen (wobei es zu zweit auf der kurzen Bank schon kuschelig wird).
Die Draisinen wurde von der Fachhochschule Bielefeld speziell für das Extertal entwickelt. Sie haben Anschnallgurte auf der Bank, E-Bike-Unterstützung mit fünf Stufen, eine Gangschaltung mit sieben Gängen und bestehen aus leichtem Aluminium. Trotzdem darf man sie nicht einfach so aus dem Gleis heben, das könnte die kleinen weißen Kunststoffräder beschädigen, die das Fahrzeug im Gleis halten. (Die anderen Räder sind so was wie verkleinerte Fahrradräder.)
Zum Rasten und Überholen erhält man einen Schlüssel. Mit dem schließt man an einem der Rastpunkte einen speziellen Draisinenheber von der Kette ab, hakt ihn ein und zieht das Fahrzeug vom Gleis. Das klingt umständlich, ging aber überraschend schnell.
"Darf man auch überholen durch Draisinetauschen?", fragte ich bei der Ausgabe.
"Würde ich nicht machen. Dann geben Sie vielleicht einen vollen Akku weg und kriegen einen leeren."
Ganz schön kompliziert, und doch hatte diese ach so hochentwickelte (und nicht gerade billige) Draisine einen eklatanten Mangel.
"Funktionieren die Bremsen?", fragte mein Mitfahrer skeptisch.
"Hierfür reichts", brummte der Vermieter.
Und das war leider das Freundlichste, was man über die Bremsen sagen kann.

Wie kommt man mit so einem Fahrzeug über die Straße? Im Startschuppen mussten wir ein Fahrschul-Video ansehen, das gefühlt jeden einzelnen Bahnübergang entlang der Strecke durchging: "An der Kreuzung Krankenhagen-Soundso bitte..." Oh Mann, wie sollen wir uns das alles merken? Am Ende waren die meisten Kreuzungen doch sehr intuitiv, obwohl der Schwierigkeitsgrad immer mehr stieg.
  • Level 1: Durch eine hässliche Unterführung fahren.
  • Level 2: Am Stoppschild anhalten. Jeder einzelner Weg, den die Draisine kreuzt, hat ein Stoppschild. Sogar der hinterpopeligste Feldweg, an dem sich vielleicht einmal im Jahr ein Traktor und eine Draisine begegnen. Die haben nicht wirklich verstanden, wozu ein Stoppschild dient.
  • Level 3: Langsam über die Kabel fahren. Dadurch wird eine Ampel mit extra Draisinensymbol aktiviert - und zeigt erstmal rot. Sobald sie grün zeigt, fahren.
  • Level 4: Aussteigen und auf den Ampelknopf drücken, um die Draisinenampel zu aktivieren.
  • Level 5: Aussteigen, um die Schranke hochzuheben. Durchfahren. Nochmal aussteigen, um den Ampelknopf zu drücken. Bei grün rüberfahren. Nochmal aussteigen, um die zweite Schranke hochzuheben. Uff, Level 5 ist echt dämlich. Zum Glück gibt's das nur einmal.


Meistens war die Straße nicht weit entfernt, aber gerade im Mittelteil brachten uns die Schienen auch woandershin, über die Hinterhöfe der Dörfer hinweg. Da fühlte ich mich irgendwie näher dran am Dorf - gerade wegen dieser verschobenen Perspektive fahren manche Leute ja gerne Zug. Wunderschön erhaltene Gutshöfe, Schweine im Schlamm, Forellen im Fischteich und eine Sauna zogen an uns vorbei. Aber wo sind die alten Bahnhöfe? Anfangs musste ich mich schon ein bisschen anstrengen, um sie zu finden. Die meisten wurden zu unauffälligen Immobilien umgebaut.

Der Rastplatz Rickbruch trägt die Nummer 4 und hat als einziger eine Sehenswürdigkeit. Hier beginnt nämlich ein Wanderweg mit dem Namen Patensteig. Er soll mehrere Wasserfälle haben. Am größten ist der Wasserfall in der Hölle, der im Internet mit (für NRW) echt imposanten Bildern wirbt (ganz unten rechts). Wow! Das sieht nach einem Angebot aus, dass man nicht ablehnen kann.
Wobei, doch, kann man schon.
Zumindest im Herbst.
Unsere Füße raschelten über die braunen Blätter in einem engen Tal. Ein zartes Wässerchen plätscherte über kleine Felsstufen. Das war der Rickbach. Der sollte eigentlich gleich den Rickbachfall bilden. Das kleine Rinnsal? Und warum hören wir dann nichts rauschen?
Tja, weil nichts rauschte. Hinter der nächsten Biegung erwartete uns eine eckige Felsstufe, die immerhin einen Meter nach unten ging (Mitte rechts). Die könnte eigentlich einen durchaus schönen Wasserfall (fürs Weserbergland zumindest) abgeben. Wenn denn Wasser da wäre. Die paar Tröpfchen, die am rechten Rand herunterfallen, sind leider nicht der Rede wert. Schade. Wir verzichteten darauf, es bei den anderen Wasserfällen zu versuchen. War wohl einfach nicht die richtige Jahreszeit.

Und was bieten die anderen Rastplätze? Manche haben einfach nur den Draisinenheber und sind reine Überholstellen, andere sind mit Bänken und Dixiklos ausgestattet. An jedem Rastplatz wechselten wir einmal die Plätze, damit jemand anders auf der Bank entspannen kann.
Auf der Website des Draisinenverleihs findet sich eine imposante Liste von Cafés und Restaurants entlang der Strecke. Nur: Im Herbst machen die alle erst ab 17 Uhr auf, genau dann, wenn die Draisine wieder abgegeben werden muss. Das hätten die ruhig mal dazuschreiben können. Dann hätten wir nicht vor mehreren verschlossenen Türen gestanden.
Auf der Liste ist auch mehrfach von einem Rastplatz an der Bahnsteigkante die Rede. Wer da aber Überreste eines Bahnhofs erwartet, wird enttäuscht sein. Die sogenannten Bahnsteigkanten bestehen einfach aus Holzbohlen. Und die kleinen Eisenbahnbrücken bestehen bloß aus blödem bröckelndem Beton. "Ich hatte mir das schon historischer vorgestellt.", beschwerte sich mein Mitfahrer.
Abwarten. Ab Bösingfeld (Rastplatz Nr. 7) wird es plötzlich viel historischer. Der Bösingfelder Bahnhof war der Dreh- und Angelpunkt der Extertalbahn. Das sieht man. Große Bahnhofshallen ragen entlang des Weges auf, alte Züge ziehen an uns vorbei (aber nicht die straßenbahnartigen, sondern irgendwelche anderen). Theoretisch könnte man hier Weichen umstellen und auf ein Nachbargleis wechseln, aber das ist verboten. Auch der Bahnsteig ist endlich mal als solcher zu erkennen - so richtig aus Stein, mit einer Uhr und einem Schild! Ab hier verkehren manchmal Museumsbahnen auf der Strecke. Wer dagegen eine Mittags- oder Abendfahrt per Draisine macht, für den ist hier Ende Gelände.
Und noch etwas ändert sich: Auf einmal führen Oberleitungen über unseren Köpfen hinweg. Ja, diese Bahnstrecke war elektrifiziert. Die bisherige Strecke bisher eigentlich auch, aber große Teile der Kabel wurden 2005 geklaut. Ist ja immerhin wertvolles Kupfer. Seitdem fahren die Museumsbahnen mit Diesel.
Schade eigentlich, dass man kein Kabel mit einem Haken nach oben werfen und den Akku während der Fahrt aufladen kann.


Kurz vor der letzten Stadt ist zu sehen, wie mehrere kleine Bäche als grüne Heckenlinien die Hügel hinaufkriechen. Dort oben entspringt die Exter in mehreren Quellen.
Die Endstation heißt Alverdissen und ist eigentlich ganz schön. Eigentlich. Der Bahnhof ist der hübscheste auf der ganzen Strecke, die Fachwerkhäuser sind mit Bibelsprüchen bemalt und im Sommer bekommen alle Draisinenfahrer Gratis-Gutscheine fürs Freibad.
Leider war kein Sommer. In Alverdissen herrschte Herbst. Vertrocknete Sonnenblumen, ein ausgebranntes Moped und Totenstille machten klar, dass hier nichts lebt abgesehen von ein paar zurückgezogenen Rentnern. Verdammt, wir wollten doch was essen!
Das Restaurant im Bahnhof: zu.
Unser Magen: leer.
Der Imbisswagen hinter der Kirche: zu.
Unser Magen: leerer.
Der Grieche an der Hauptstraße: zu.
Die Metzgerei: geöffnet.
Notgedrungen versorgten wir uns mit Hähnchenschenkeln, Schnitzel und fragwürdigem Nudelsalat. Von einer regionalen, kleinen Dorfmetzgerei hatten wir mehr erwartet, aber was solls.

Hinter Alverdissen geht das Gleis noch weiter. Die Museumsbahnen setzen ihren Weg nach Barntrup fort, und in Lemgo treffen die Schienen schließlich auf richtigen Bahnverkehr. Es ist also im eigenen Interesse, dass die Draisinenfahrer hier definitiv umkehren. Das dürfen sie aber erst ab 14 Uhr.

Praktisch alle Online-Bewertungen hatten gewarnt, dass man die Steigung auf dem Hinweg nicht unterschätzen sollte. Früher sind die Draisinen sogar in Alverdissen gestartet, aber die Ausgabe musste nach Rinteln verlegt werden, weil die Gäste regelmäßig an der Rückfahrt scheiterten.
Tja. Wir erreichten Alverdissen ganz entspannt um 12. Verdammt, ich hätte weniger sportliche Leute mitnehmen sollen.
"Wie viel Akku habt ihr noch?", fragte kurz vor 14 Uhr ein anderer Gast. "Unser Balken ziemlich leer."
"Och, wir haben nur zwischendurch kurz angemacht zum Ausprobieren.", antwortete mein Mitfahrer bescheiden.
Kurz vor 14 Uhr hatten wir endgültig genug von Alverdissen und machten uns auf die Rückreise. Die Draisine hatten wir ja schon vor zwei Stunden umgedreht und passend positioniert.
Natürlich ging die Rückreise viel schneller. Und als wir dann noch spaßeshalber die Elektro-Unterstützung anknipsten, wurde aus der Draisine fast schon eine Achterbaaah...! Aber unendlich schnell konnten wir auf dem Teil dann doch nicht werden. Die ganze Konstruktion hat eine automatische Höchstgrenze, und das ist vielleicht auch besser so. Schon bei unserem Tempo ruckte und zuckte das Fahrzeug über die Gleise. Wenn uns in den Kurven nur noch ein eins der weißen Rädchen im Gleis hielt, fühlten wir uns nicht sonderlich sicher im Sattel. Wie viel mehr Tempo es wohl gebraucht hätte, um aus dem Gleis zu fliegen?

05 September 2021

Weser: Von Emmerthal nach Vlotho

Weser-Tag 4: Das westfälische Weserwestwindtal

gefahren im: August 2020
Start: Vlotho, Bahnhof
Ziel: Emmerthal, S-Bahnhof
Länge: 56 km
Weserquerungen: 2 (1 Brücke, 1 Fähre)
Ufer: erst rechts, dann links
Bundesländer: Niedersachsen, NRW
Landschaft: niedrigere und fernere Hügel im Westwesertal
Wegbeschaffenheit: Asphalt und Kies
Steigungen: leichte im Brennnesselwald
Wetter: heiße Sonne mit Cumuluswolken
Wind: Westfälischer Westwind
Highlight: Escape Room Hameln
Größte Hürde: Wartezeit, bis im vollen Restaurant in Hameln Essen und Rechnung kommen
Zitat des Tages: "Bei Papst Georg dem IV. handelte es sich um einen Pferdenarren, der die meiste Zeit in den Ställen des Vatikan verbrachte. Doch war er auch ein Mann des Volkes und von großer Beliebtheit."
- Schachrätsel im Escape Room Hameln: Welche Figur muss man laut diesem Satz wohin stellen? (Auflösung ganz unten) -

1. Fahren Sie diese Etappe am besten in die entgegengesetzte Richtung. Dadurch entgehen Sie dem Gegenwind.

2. Überqueren Sie die Brücke und fahren Sie durch gelbe Felder und auf einem Damm am Ortsteil Tündern vorbei. Tindern Sie in Tündern mit einer Katze: Das Tier geht zielstrebig auf Sie zu, guckt auffordernd, lässt sich einmal kurz streicheln und merkt nach kurzem körperlichen Verhältnis, dass es nicht ganz passt. Ob es auf diese Weise das ideale Herrchen findet?


Singen Sie laut mit, wenn Sie an einer Gruppe in Campingstühlen vorbeikommen, die fröhlich und lauthals die Bohenmian Rhapsody intoniert.
Pinkeln Sie anschließend in die Büsche und entdecken Sie dabei eine Felswand am anderen Ufer, welche Sie durch den starken Bewuchs sonst nie gesehen hätten.



3. Überqueren Sie zwei Brücken und den Hafen von Hameln mit seinen rostigen Güterwaggons, Gleisen und Brücken.



4. Klingeln Sie die Fußgänger aus dem Weg und erreichen Sie die Uferpromenade mit Wasserfall.
Sie haben schon Hunger? Dann suchen Sie sich das ideale Restaurant für Ihre Ansprüche aus. Falls Sie Lust auf Tiefkühlgemüse mit Fett haben, essen Sie im "Böhmischen" Restaurant an der Wassermühle, das irgendwann eine diplomatische Krise mit der Tschechischen Republik auslösen wird. Falls Sie Lust auf besseres Gemüse und Fleisch in verschiedenen Teigverpackungen haben, essen Sie lieber im mexikanischen Restaurant in der Innenstadt.


5. Erwarten Sie eine weitere typische südniedersächsische Fachwerkstadt. Stellen Sie dann fest: Hameln ist keine gewöhnliche Fachwerkstadt. Anders als in Hann. Münden & Co. ist a) auch der Teil außerhalb der Altstadt noch ziemlich schön anzusehen und b) sehen die Altstadthäuser nicht wie aus einem Guss aus. Stattdessen sind sie individuell und farbenfroh gestaltet und mit eigenen Namen im Stadtplan eingezeichnet.

Dieses Exemplar mit rosa Putz und grauen Sandsteinbildern nennt sich Dempterhaus. Darin wohnte nämlich Bürgermeister Tobias von Dempter im 17. Jahrhundert.



Besonders wichtig: Das Rattenfängerhaus aus dem Jahre 1602. Darin hat nie ein Rattenfänger gewohnt, aber an der Seite befindet sich eine Inschrift, laut der 1284 ein "Piper" alle Kinder mitgenommen haben soll. Das ist die älteste Überlieferung der Geschichte, die Hameln berühmt gemacht hat. Vermutlich wurde der Text aus einem Kirchenfenster übernommen, das kurz nach den Ereignissen von 1284 entstand und mittlerweile zerstört ist.


Das Märchen sollte ja bekannt sein: Die Stadt leidet unter einer Rattenplage, ein Kammerjäger mit Flöte sorgt ganz ohne Chemiekeule für schnelle Abhilfe, erhält jedoch nicht die vertraglich vereinbarte Gegenleistung. Statt nun einen Anwalt oder ein Inkassounternehmen einzuschalten, entführt er einfach alle Kinder mit derselben hypnotischen Flötenmusik. Ende.
Soweit das Märchen, aber was ist damals wirklich passiert? Klar ist: Irgendwie sind tatsächlich Kinder oder junge Leute verschwunden, sonst gäbe es nicht so viele Aufzeichnungen. Vielleicht hat sie eine Seuche dahingerafft. Etwas besser zum Märchen passen die Thesen, dass jemand alle jungen Leute für den Krieg oder die Besiedlung der wilden Ostgebiete abgeworben hat. Entscheiden Sie selbst, welche Theorie ihnen am besten gefällt.

Aber die Stadt Hameln ist über diesen Verlust mittlerweile hinweggekommen. Lauschen sie dem Rattenfänger-Glockenspiel am Rathaus und sehen sie den sich drehenden Ratten zu, folgen sie den Wegweiser-Ratten auf den Gehwegplatten zum Antiquariat Leseratte, bleiben sie stehen vor der roten Rattenfängerampel und fahren sie um den Kreisverkehr mit Stadtplanratte in der Mitte. Im Grunde hat Hameln heute eine neue Rattenplage, nur dass diese Ratten nicht beißen und fressen, sondern Touristen anlocken. Fast der ganze Fremdenverkehr scheint auf dieser Geschichte zu basieren - obwohl weder die Stadt noch der häufig dargestellte Rattenfänger wirklich gut darin wegkommen.


6. Falls Ihnen das nicht reicht, besuchen Sie das Museum Hameln. Die widmen mehrere Räume dem Typen mit der Flöte und haben alle möglichen Bücher, Gemälde, merkwürdigen Skulpturen und Filme gesammelt, vom fröhlichen Disney-Musical, wo die Kinder am Ende im Süßigkeiten-Schlaraffenland landen, bis zum verstörenden Puppenfilm eines slowakischen Künstlers.
Kaufen Sie sich im Museumsshop eine Brotratte. Beißen Sie ihr einmal kräftig in die Schnauze. Spucken Sie den versalzenen, harten Teig angewidert aus. Bäh! Die Dinger sind nur zur Deko gedacht. Das muss einem doch gesagt werden!

Daneben hat das Museum aber auch noch tausend andere Räume zur Stadtgeschichte. Es erstreckt sich über drei Etagen in zwei Gebäuden und nimmt einfach kein Ende. Das Rattenfängertheater war leider kaputt, deshalb haben wir das Highlight versäumt. (Das hätten sie ruhig erwähnen können, bevor wir bezahlt haben.)


Öffnen Sie eine weitere Tür im Museum und betreten Sie eine düstere Sonderausstellung. Hier geht es um jemanden, der zu Hameln im Gegensatz zum Rattenfänger so gar keinen Bezug hat: James Bond. Gerade war irgendein Bond-Jubiläum, daher kann man in dieser Ausstellung alle möglichen Hintergrundinformationen über die Filme erfahren - außer, was zum Geier James Bond mit Hameln zu tun hat.
Vielleicht wünschen sich die Hamelner, dass Bond damals bei der Rattenplage geholfen hätte. Der hätte einfach die Ratten erschossen und durch Kontakt mit den Hamelnerinnen sogar noch ein paar zusätzliche Kinder dagelassen. Außerdem ließe er sich touristisch sogar noch besser vermarkten.


7. Besichtigen Sie das Münster des Heiligen Bonifatius. Gehen Sie sodann zur Rückseite der Kirche und steigen Sie anschließend hinab in den Raum des Heiligen Escopus - einen Escape Room. Ach ja, vereinbaren Sie vorher einen Termin.


Lösen Sie in der Gruft das Rätsel, wieso sich Bruder Wenzel so seltsam verhält. Mit Sanduhr, einem genialen Schachrätsel und ganz ohne Kameras oder Hightech ist das ein außerordentlich authentischer Raum in den Grundmauern einer echten Kirche. Die Auflösung bezüglich Bruder Wenzel ist recht banal, vor allem geht es darum, die verschlossene Tür zu öffnen, bevor er zurückkehrt.


Selbst die Tankstelle von Hameln wurde aus Fachwerk errichtet.


8. Ihnen ist zu warm? Dann nehmen Sie ein Bad an der Mündung der Hamel. Dieser Bach fließt einmal um die Innenstadt und plätschert über die Steine in die Weser. Am Übergang zum größeren Fluss wird das Wasser abrupt mindestens zehn Grad wärmer.
Die Steine am Grund der Weser sind etwas glitschig, aber nicht spitz. Hier leben kleine weiße Muscheln und viele graue Fische. Vorsicht: Sollten Sie zu lange baden, zieht Sie die Strömung gleich bis nach Bremerhaven.
Anschließend knickt die Weser nach Nordwesten ab und es beginnt eine neue Landschaft.


9. Folgen Sie dem Radweg vorbei an der Rasthütte von Hessisch Oldendorf (das nicht in Hessen liegt).  Hinten im Norden zieht sich ein ununterbrochener Bergrücken quer über den Horizont, ein Ausläufer des Teutoburger Waldes. Wie kommt die Weser da nur durch, wenn es keine Lücke gibt? Erst einmal gar nicht, und deshalb ist das die einzige Stelle, wo unser Fluss länger nach Westen fließt. Das ist der sogenannte Weserbogen - oder, wie ich es nenne, das westfälischen Weserwestwindtal.
Hier werden alle Hügel ein bisschen niedriger und rücken in die Ferne. Auch der Radweg folgt dem Ufer nicht mehr so genau, sondern schlängelt sich im Zickzack durch die Dörfer und Baggerseen. Schön ist das immer noch, aber der Weg durch das südliche Wesertal hat mir besser gefallen.


Sie sind schon wieder trocken? Dann nehmen Sie ein Bad in den flachen Tiefen eines Weser-Altarms. Auch wenn das Wasser nur einen halben Meter tief ist, sollten Sie schwimmen. Ansonsten versinken Sie bis zu den Knien in gummiartigem Schlamm.


10. Wenn Sie möchten, überqueren Sie den Fluss auf der nördlichsten Hochseilfähre der Weser (was jetzt nicht so was Besonderes ist, aber Hauptsache irgendein Rekord). Der Fährmann begrüßt Sie mit "Willkommen an Bord!". Er brummt, knattert und raucht ebenso wie seine Fähre.
Am Südufer entgehen Ihnen einige Kilometer auf der Hauptstraße. Ansonsten ist es egal, an welchem Ufer Sie für den Rest der Strecke bleiben. Beide haben etwa gleich viele Kieswege, Steigungen und sind durch ihre unnötigen Schnörkel etwa gleich lang.


11. Radeln Sie auf diesen Schnörkeln zur Exter. Einen Radweg hat dieses Nebenflüsschen nicht, aber eine Fahrraddraisine.
Für die wird überall fleißig geworben, unter anderem mit einer Draisine zum Probesitzen auf dem Marktplatz von Rinteln. Auch eine Dampflok dampft von hier aus in Richtung Wunstorf beim Steinhuder Meer. Ansonsten beinhaltet das karierte Straßennetz von Rinteln eine Strandbar an der Weser, ein modernes Stadttor mit Glas drin und ein Bächlein durch die Fußgängerzone.
Sie haben schön wieder Hunger? Nun, dann essen Sie eben Flammkuchen auf dem Marktplatz. Das Restaurant heißt Stadtkater, sein Logo zeigt allerdings ein Eichhörnchen. Mit Zoologie kennen sich die Rintelner wohl nicht so aus. (Der Speck auf den Flammkuchen stammt hoffentlich weder vom Kater noch vom Eichhörnchen, wir sind hier schließlich nicht bei den Hüossen.)

12. Sausen Sie quer durch die Felder am Doktorsee. Das ist einer der vielen Baggerseen am Weserbogen. Sie wollen baden oder das Restaurant aufsuchen? Tja, dann müssen Sie erst einmal ein paar Euro Eintritt bezahlen, um überhaupt den Zeltplatz betreten zu dürfen. Das ist immer noch einladender als andere Baggerseen, wo aggressive gelbe Schilder auf rostigen Gittertoren Privat schreien. Irgendwo gibt es sicher auch Stellen, wo das kostenlose Baden toleriert wird, aber die haben Sie wohl verpasst.


13. Fahren Sie zwischen zwei weiteren Seen hindurch. Auch dort werden Sie nicht fündig, denn das Baden ist denen vorbehalten, welche auf der Wasserski-Seilbahn um den See sausen und dabei das Gleichgewicht verlieren.
Beobachten Sie die Wasserskifahrer eine Weile und stellen Sie fest, dass sich deren Fähigkeiten umgekehrt proportional zum Alter verhalten. Bewundern Sie den zehnjährigen Jungen, der sich einhändig festhält, hin und her surft und sicher über die Schanzen fliegt, aber identifizieren Sie sich eher mit dem Dreißigjährigen, der ständig ins Wasser fällt.


Kurven Sie durch irgendwelche Dörfer, verfahren Sie sich ein bisschen und rätseln Sie, ob der Bau in Beige da drüben jetzt das Schloss oder die Kirche von Varenholz ist.


14. Entdecken Sie den sogenannten Weg der Blicke Brennnesseln. Der ist ganz schön zugewachsen, Sie werden da also nicht allzu viele Blicke erblicken.


Der Weg der Blicke führt durch einen wilden Wald ohne jeden Asphalt. Strampeln Sie über kleine Steigungen, Serpentinen und eine laut Warnschild "gefährliche Kurve" hinauf (so gefährlich war die nun auch wieder nicht) - und hüten Sie sich vor den Brennnesseln. 


Dann rücken die Hügel für wenige Kilometer dichter an die Weser heran, und dazu gibt es auch noch orangefarbene Klippen. Das ist ein seltener Anblick am Weserbogen, also genießen Sie ihn.


15. Schließlich müssen Sie sich noch auf einen schmalen Asphaltstreifen neben Hauptstraße und Bahngleise quetschen. Der Weserbogen ist etwas dichter besiedelt als das übrige Tal und hat eine bessere Bahnanbindung.
Die sogenannte Weserbahn ist eine schnelle Regionalbahn, die 15 Bahnhöfe ansteuert - von denen aber nur viereinhalb an der Weser liegen. Korrekterweise müsste sie Weserbogen-und-Umgebung-Bahn heißen.


16. Falls Sie schon wieder unter akutem Hunger leiden, fahren Sie links ab in einen wenig einladenden Betontunnel. Dahinter verbirgt sich Vlotho. Die Altstadt ist hier etwas bescheidener ausgefallen, dasselbe gilt auch für das gastronomische Angebot, welches unter anderem das Eiscafe Corona umfasst. Auf dem Hügel über der Stadt thront eine Burg, welche sich auf einem Wandgemälde sehr eindrucksvoll präsentiert - aber entweder sieht sie heutzutage aus wie ein normales Haus oder ich konnte sie von unten nicht sehen.


(Lösung des Schachrätsels: Springer auf G4)