05 Mai 2026

Moldau: Von Rožmberk nach Český Krumlov

Die Moldau hat verdammt viele Stauwehre. Wie kommen die Kanufahrer daran vorbei? Die Antwort ist spritzig, originell und für Neulinge etwas erschreckend. An jedem Wehr weist ein Schild mit einem blauen Pfeil die Paddler nach links oder rechts, wo sie bitte schön zwischen zwei Betonwände steuern sollen, hinein in einen abgetrennten Teil des Wehres - und in eine der legendären Floßgassen.
Diese natürlich-künstlichen Wildwasserbahnen sind das Highlight und Markenzeichen der Paddelmoldau und das, woran ich bei den dramatischsten Passagen von Smetanas Moldau immer denken muss. Es gibt Paddelflüsse mit stärkeren Stromschnellen als die Moldau, aber kaum ein Fluss hat so eine so große Auswahl vielfältiger Floßgassen.
 
Also, wo genau steuert man da rein? Manche Floßgassen sind im Prinzip einfach ein kurzer Wasserfall, in dem unser Boot kurz nach unten kippte und mit dem Wasser runterfiel. Wie die Baumstamm-Wildwasserbahnen im Freizeitpark, nur deutlich niedriger.
Andere werden Rutsche genannt, weil das Boot einfach ein nasses Brett runterrutscht.
In beiden Fällen wurde es erst dann richtig nass und schaukelig, als wir unten angekommen in die weiße Zunge aus aufgewühltem Wasser eintauchten. Das ist der Punkt, wo man kentern kann.
  
 
Etwas kniffliger ist die dritte Art von Floßgasse, denn hier dauert die Abfahrt etwas länger. Wir steuerten hinein...

...und fanden uns wieder in einem langen, langsamen Betonkanal. Das war schon ein wenig beklemmend. Das Gefälle war zwar geringer als bei den anderen Gassen, trotzdem bildeten sich allmählich weiße Wellen, die versuchten, das Boot von rechts und links in Bewegung zu versetzen. Manchmal schaukelte es also schon...

...als wir unten rauskamen, hinein in die noch größeren Wellen.
Wie kommt man da also am besten durch?
Eigentlich ganz einfach. Schritt 1: Beim Reinfahren das Boot möglichst gerade halten. Schritt 2: Gar nichts tun. Und ruhig bleiben.
In einer Gasse kam meine Beifahrerin auf die Idee, eine Schaukelbewegung nach links auszugleichen, in dem sie sich mit dem Paddel an der Wand nach rechts abstieß. Das war eine ganz schlechte Idee: Das dadurch entstandene Schaukeln war viel stärker als alles, was die Wellen fabriziert hatten. Als wir am Ausgang durch den Haufen heftiger Wellen hüpften, kippte das Boot um. Ich will ja nicht sagen, dass sie schuld war, aber: Bei meiner ersten Moldaupaddeltour habe ich es irgendwie mit null Erfahrung geschafft, null mal zu kentern. Bei der zweiten Tour passierte es zweimal.

Uns drohte keine Gefahr, das Wasser ist fast überall flach genug, um problemlos zu stehen. Aber wo ist unser Gepäck? Wasserfeste Tonnen sind schön und gut, aber einen Gurt, um sie festzuschnallen, hatte unser Boot leider nicht. Zum Glück stand der Pastor ein paar Meter weiter und fischte alles heraus. Eine Sandale ging trotzdem verloren, und weil die Tonne nicht richtig verschlossen war, wurde alles nass bis auf meine Badehose ganz unten im Rucksack.

Wie auf den obigen Fotos zu erkennen ist, war die Kulisse am zweiten Tag zwischendurch sehr industriell, als wir an der Papierfabrik von Věterný vorbeikamen. Manche der Fabriken laufen noch. Einzelne Häuser sind mit Fake-Fachwerk bedruckt, und an einer Fabrik prangt der beunruhigende Werbeaufdruck Dieser Zug zerquetscht Blech wie Papier, darunter der Name einer Arbeitsunfallversicherung. Dahinter mündet der Němčeský potok ("Deutschtschechische Bach") in die Moldau, der trotz seines Namens nicht aus Deutschland kommt.
 
Aber hinter der nächsten Ecke stehen plötzlich wieder schartige Felswände.

Und dann ist der Fluss wieder grün und ruhig. Man muss sich ja auch zwischendurch mal erholen von der Action.
Der zweite Campingplatz von Český Krumlov ist noch eine kleine Wanderung von der Stadt entfernt, die auf diesem Ufer und über eine Holzbrücke verläuft. 
 
 
Bei der zweiten Paddelreise gerieten wir auf diesem Campingplatz in Dauerregen und entschieden, einen Tag nicht zu fahren. Der Platz hatte zumindest einen Aufenthaltsbereich mit Holzbänken und Holzdach, der zum Hemmungslosen Stadt-Land-Fluss-Spielen genutzt wurde.
Als es am Nachmittag doch wieder schön wurde, unternahmen wir eine Wanderung auf den Berg Klet. Wir liefen vorbei an einem rostigen Grill, aus dem groteske Schornsteine ragten. Sobald die Dörfer aufhörten, war der Berg komplett von Wald und Nebel eingehüllt bewachsen. Die Sicht tendiert also gegen Null, dafür tauchten Felsformationen auf. Das Ganze gehört zum Gebirge Blanský les (Blansker Wald), dieser Ausläufer der Šumava streift für die nächsten zwei Tage die Moldau.
 
 
Auf dem Gipfel erwarteten uns ein klassisches Gasthaus. Es war schon so weit von der touristischen Moldau entfernt, dass man dort ausnahmsweise nicht mit Euro bezahlen kann. ("Wir sind in Tschechien, wir nehmen nur tschechische. Is logisch, oder?") Die Felsen ragten bis in die Toilettenräume hinein. Daneben stand noch ein burgartiger Aussichtsturm. Aber bei dem dichten Nebel erschien es mir nicht ökonomisch sinnvoll, dem Drehkreuz ein paar Kronen zu spenden. (Das Foto stammt von einem anderen Tag.)

Aber zurück ins Tal. Bei der Fahrradtour ich nach meinem Abstecher zum verlassenen Campingplatz von Branná wieder die Straße gewählt, die jetzt sogar noch enger zwischen Moldau, Leitplanke und Felswand verläuft. So war ich dann schon erstaunlich früh in Český Krumlov, der ersten ernstzunehmenden Stadt an der Moldau.

Alle lieben Český Krumlov, Deutsche, Tschechen und Österreicher. Wer schon einmal da war, ist gesetzlich verpflichtet, allen anderen immerfort vom "Bonsai-Prag" (Aber viel sauberer!) vorzuschwärmen und einen Besuch in der Stadt dringend zu empfehlen. Wenn ich verrate, das ich dort schon war, wirken sie regelrecht enttäuscht, dass nicht sie es waren, die mir exklusiv diesen alles andere als geheimen Geheimtipp gegeben haben.
Und ja, es ist ja auch wirklich eine verdammt schöne Stadt mit einer ungewöhnlichen Lage. Die Stadt zwängt sich in eine enge Flussschleife der Moldau, daher kommt auch der Name: Krumme Au - Krumau - Krumlov. Der Platz ist knapp, aber wenigstens kann man in die Höhe bauen, Höhe ist ja schon von Natur aus genug da. Die dreidimensionale Altstadt läuft nach oben in eine spitze Skyline aus runden und eckigen Türmen in weiß, gelb und rosa aus. Aus der Ferne lässt sich gar nicht so leicht sagen, welcher Turm nun zu einer Kirche, einem Kloster oder zum Schloss gehört. Der rosa Burgturm ist laut dem Schriftsteller Karel Čapek der "turmförmigste alle Türme".
  
 
Die engen Gassen sind von innen dann gar nicht so steil, wie sie von außen aussehen. Darin verbirgt sich allerhand touristischer Kram vom Spiegel- bis zum Wachsfigurenkabinett, das Museum des provokanten Aktmalers Egon Schiele und eine hohe Dichte an Tredelník-Ständen (Baumstriezel), die stets für einen angenehmen Geruch nach Gebackenem sorgen.

Sehr tschechisch ist das Märchen- und Marionettenmuseum, in dem bekannte tschechische Trickfilmfiguren in Marionettenform mit treudoofen Kulleraugen aus dem Fenster starren. 

Obwohl das alles sehr massentouristisch klingt, habe ich die Stadt zwar als voll in Erinnerung, aber nicht überfüllt. Ob sich das inzwischen geändert hat? Keine Ahnung, bei der Fahrradtour war ich hier am frühen Morgen unterwegs. Um diese Zeit waren nur die asiatischen Touristengruppen auf den Beinen und ließen sich diszipliniert durch die Stadt lotsen. Besonders spannend fanden sie offenbar den gekreuzigten Jesus auf der Brücke, mit dem sie sich einzeln fotografieren ließen.

Schon vor dem Zeitalter der großen Stauseen lieferte die Moldau Energie, und deshalb dekorieren auch kleine Mühlräder das Stadtbild.

Außerdem gibt es noch Bereiche mit Fassadenmalereien wie in Stein am Rhein.
 
Verglichen damit sieht der Marktplatz relativ normal aus. Wie immer steht ein mariánský sloup ("Mariensäule") in der Mitte, ein graues Riesending, bei der die Säule von einer Art Brunnen ohne Wasser umgeben ist. Auf Deutsch wird so was auch Marienpestsäule genannt, was als Mittelpunkt einer Stadt eher unschön klingt, aber einen Grund hat: Mit den Dingern wurde der Junfrau Maria gedankt, dass die Stadt von der Pest verschont blieb. In praktisch jeder tschechischen Stadt steht so ein Teil. Was die Frage aufwirft, ob die Pest in Tschechien überhaupt stattgefunden hat oder ob die Pestbakterien bei der Überquerung der Šumava oder der großen Frömmigkeit der Tschechen direkt aufgegeben haben. Oder sie wollten, dass sich die Tschechen in Sicherheit wiegen, und haben immer erst zugeschlagen, nachdem so eine Säule stand, das kann natürlich auch sein. 
Mein Vater schrieb, in der cukrárna (Konditorei) am Marktplatz habe er das beste Frühstück ever gegessen.
Als ich schon einen Tag hinter Krumlov war. Danke für nix.

Nach dem Stadtrundgang ist es Zeit, das Ufer zu wechseln und die Burgdurchquerung in Angriff zu nehmen. Der erste Verteidigungswall besteht aus einer kleinen Treppe, der zweite aus einem Graben, in dem eigentlich noch Bären leben sollten. Sie zeigten sich jedoch nicht.

Der nächste Hof ist von zartblauen Fassaden umgeben und mit Kies gestreut.
Gebaut haben das Schloss die Witikonen, zwischendurch hatten hier aber die beiden bereits erwähnten Adelsfamilien, Schwarzenberg und Rosenberg, ihren Hauptsitz - natürlich nicht gleichzeitig. Die Schwarzenberger stellten eine Schlossgarde auf, an deren Wiederbelebung ein Verein arbeitet - die älteste noch funktionierende Grenadier-Schlosswache in Kontinentaleuropa. Laut Wikipedia ist ein Grenadier ein Fußsoldat, der mit einem "Vorläufer der heutigen Handgranate" bewaffnet ist. Ähm, ich vermute mal, das weiß der durchschnittliche Tourist nicht, der sich mit den bunt kostümierten Gestalten fotografieren lässt.
Gerade war aber sowieso eine Garde der anderen Art unterwegs, und die waren mit Rechen bewaffnet. Ihre Aufgabe bestand darin, dass auf dem Kies möglichst gerade Rillen zu sehen sind, die von den Touristen ohnehin nach einer Stunde zerstört werden. Meine Aufgabe bestand darin, dort schon vor dem großen Ansturm durchzulaufen.
"Nešoupat!", fuhr mich einer von ihnen sofort an. ("Nicht schlurfen!")

Das Schloss ist heute Staatseigentum, das Museum zeigt halt die Möbel der Adligen - wirklich interessant klingt eigentlich nur die drehbare Zuschauerbühne im Theater, aber dafür wollte ich jetzt nicht warten, bis es aufmacht. Also machte ich das, was ich auch bei den zwei letzten Besuchen gemacht hatte und was im Prinzip jeder in Český Krumlov macht - den Gratisrundgang durch die vielen, vielen Innenhöfe, Durchgänge, Tunnel, Innenhöfe, Torbögen, Brücken und noch mehr Innenhöfe. Auch die Innenhöfe sind wieder bunt bemalt, manche Bilder sind verblasst, andere frisch. Die Statuen und sogar die gelben 3D-Mauersteine sind nur aufgemalt - aber anders als bei anderen Burgen wirkt das nicht billig, sondern fügt sich einfach schön ins Gesamtbild ein.


Ein Teil der Burg besteht aus einem Riesenhaufen aufeinandergestapelter Bögen, über den irgendwo ganz oben Menschen von einem Burgteil in den anderen wechseln können. Der Plášt'ový most (Mantelbrücke) ist einer der größten Eyecatcher im Stadtpanorama. Der Moldauradweg führt mitten durch den untersten Bogen hindurch.
Der Radweg ist übrigens mit der Nummer 7 beschildert, die hier auch sehr durchgehend und mit der Bikeline-Route übereinstimmend aufgestellt ist. Oft wurde nachträglich noch ein Aufkleber mit einer kurvigen blauen Linie und den Worten Vltavská cyklotrasa draufgeklebt. Ein klares Zeichen, dass auch deutschsprachige Touristen Interesse an der Route zeigen, denn die erwarten nicht einfach nur eine Nummer, sondern ein richtiges Logo.

Die Paddler haben trotzdem den besseren Blick auf das Stadtpanorama - das Paddeln unter der zweitgrößten Burg Tschechiens (nach Prag) ist ein besonderes Gefühl und ein Highlight der Kanureise.
 
Im Stadtgebiet befinden sich aber auch ganze vier Floßgassen, was den Städtetrip ungewöhnlich nass und herausfordernd macht. Hier ist zum Beispiel eine Wasserfall-Gasse unter der St.-Veit-Kirche zu sehen.
 
Am längsten und berüchtigtsten ist die lange Floßgasse direkt unter dem Schloss, denn die ist genauso krumm wie Krumlov. Direkt nach der Abfahrt bildet das Betonufer eine Kurve, und der Steuermann muss nach rechts lenken, während die Strömung komische Dinge tut. Bei der ersten Paddelreise sind hier mehrere Teams gekentert. Ich zwar nicht, dafür hat mir die Moldau das Paddel aus der Hand gerissen und auf Nimmerwiedersehen den Fluss hinabgetrieben.
 
Bei der zweiten Reise war ich entsprechend auf der Hut und sondierte die Gasse schon einmal während des Stadtrundgangs. Nanu? Was sind denn die grünen Dinger da im Wasser, welche Wasserpflanze würde sich denn hier ansiedeln?
Als wir am nächsten Morgen mit dem Boot in die Gasse einbogen, kam die Antwort. Sie lautete: Schschrrr. So klingt es, wenn man Büschel aus grünen Plastik-Stoppeln in der Floßgasse anbringt, die das Boot auf ein absolut harmloses Tempo ausbremsen. Mit diesem Umbau wurde die Moldau-Paddeltour ein gutes Stück sicherer, aber auch langweiliger.
Bei meiner Fahrradtour waren die Stoppel noch immer da, wirkten aber deutlich abgenutzter. Ob die Gasse deshalb wieder gefährlicher ist, kann ich nicht sagen.
  

04 Mai 2026

Moldau: Von Vyšší Brod nach Rožmberk

III. Die Paddelmoldau


Vyšší Brod (Hohenfurt) ist in mehrfacher Hinsicht eine Grenzfeste - die letzte Moldaustadt am Iron Curtain Trail, an der Grenze nach Österreich und zwischen zwei sehr unterschiedlichen Abschnitten der Moldau. Und wer kann Grenzen am besten beschützen? Richtig: Mönche. Deswegen waren es die Zisterzienser, die in ihrem hohen Kloster jahrhundertelang den Übergang nach Österreich bewachten und den Armeen der Hussiten standhielten. Stolz und gotisch ragt die Kathedrale in den Burgmauern auf und stellt die Innenstadt in den Schatten (auch wenn die wieder so eine Allee auf dem Marktplatz hat wie in Frymburk).
 
 
Erst der Kommunismus vertrieb die Mönche nach und nach rüber nach Österreich. Der sozialistische Präsident Edvard Beneš (noch vor dem endgültigen prosowjetischen Putsch) wollte das Kloster zwar wiederbeleben. Nur siedelte er halt blöderweise gleichzeitig alle Deutschen aus, wodurch nur eine kleine Rumpfmannschaft an Mönchen zurückblieb. Dabei war der Abt gerade loyal zum tschechoslowakischen Staat geblieben und deshalb von den Nazis verhaftet worden.
Als auch die letzten Brüder gegangen waren, wurden die heiligen Hallen zur Grenzkaserne. Aber nach der Samtenen Revolution kehrten die Mönche zurück, und 2017 bekamen sie nochmal umfangreiche Wälder zurück, nachdem die korrekte Bescheinigung gefunden war, dass sie nicht mit den Nazis kollaboriert hatten.
Doch obwohl die Mönche vieles für Besucher zugänglich gemacht haben, hat der durchschnittliche Tourist in Vyšší Brod ein anderes Ziel.
 
 
Nämlich diese Stelle hier. An den Holzhäusern liegen Boote in rauen Mengen bereit. Anfang Mai ist es noch still hier - erstaunlich still. Natürlich hat die Hochsaison noch nicht begonnen, aber nach den ganzen hartgesottenen Campern in den Bergen hatte ich schon damit gerechnet, hier wenigstens irgendwen in einem Boot zu sehen.
Dass es im Sommer völlig anders aussieht, weiß ich aus Erfahrung.

Bei der Spree und bei der Havel habe ich geschrieben, dass der Fluss in erster Linie zum Paddeln da ist. Bei der Moldau habe ich es nun tatsächlich gemacht und bin ins Boot gestiegen. Vor 11 Jahren.
Zweimal bin ich diese Strecke in einer Reisegruppe gepaddelt, angeführt von einem Pastor. 2015 und 2012, als ich genau hier ahnungslos aus einem Reisebus stieg und die Moldau noch überhaupt nicht kannte. Mein Vater hat sie sogar einmal im Triathlon absolviert: Immer einen Tag paddeln, abends dem Fahrrad zurück und dann das Auto nachholen.
Und weil ich die Moldau im Wasser sehr viel besser kennengelernt habe als auf der Radroute, werde ich hier genauer auf die Paddelreise eingehen.
 
 
Kneipen und Kanuverleihe scharen sich am Ufer am Ufer.
Wir packten unser Hab und Gut in eine wasserfeste Tonne, die gleich mitvermietet wird. Wer Glück hat und permanent von einem Reisebus begleitet wird, der muss in die Tonne nur das nötigste packen, was er den Tag über braucht.
 
Los geht's! Ach, verdammt, ich kriege schon Hunger. 
Kein Problem: Der gesamte Tourismus ist auf Menschen auf dem Wasser eingestellt. Schilder auf dem Wasser preisen frische Eierkuchen an. Und schon nach den ersten Kilometern bogen die ersten Boote zu einer Cocktailbar ein, die im Prinzip im Wasser schwimmt und ausschließlich per Kanu zu erreichen ist.

Aus Norddeutschland kannte Paddeln als nur so mittelspannenden Sport, bei dem man an immergleichen Schilfgürteln vorbei durch tiefschwarzes Wasser stakt und oft gar nicht merkt, ob man vorankommt und ob die Strömung nun für oder gegen einen ist.
Darum war die Moldau für mich ein echter Naturschock. Hier kann sich die Landschaft nach jeder Biegung ändern. Und ob man mit oder gegen die Strömung paddelt, spürt und sieht man sofort - darüber hinaus spürt man auch sofort, dass nur eine der beiden Möglichkeiten ernsthaft in Frage kommt.

Die Herausforderung ist also nicht das Vorankommen, das macht die Moldau im Prinzip von selbst, sondern das Ausweichen. Deshalb hat der Steuermann, der hinten im Boot sitzt, die weit größere Verantwortung. Logisch, dass ich sofort diese Aufgabe bekam, weil ich mit jemand ebenso Unerfahrenem im Boot landete. Ich lotste unser Kanu also durch die zwei Herausforderungen der Moldau: Stromschnellen und Floßgassen.
Die Stromschnellen sind zwar keine solchen Brocken wie in der Schlucht hinter Lipno, aber sie geben dem Boot trotzdem einen kräftigen Energieschub. Wenn man es denn schafft, richtig durch die Steine durchzusteuern. Wenn nicht - und das passiert früher oder später jedem - macht es Krrz und das Boot hat eine neue kleine Schramme, bleibt aber normalerweise nicht stecken, und kentern tut man erst recht nicht.
Die Floßgassen dagegen - zu denen komme ich im nächsten Post. (Am ersten Tag gab es zwar auch schon drei Stück, aber die habe ich nicht fotografiert.)
 
Wie soll ich denn in diesem wilden Wasser einen Rastplatz, Campingplatz oder generell ein bestimmtes Stück Ufer ansteuern? Damit das geht, haben die Leute mit Steinmauern und Steintürmchen sichere Häfen ohne Strömung errichtet. So ist der Ausstieg und das An-Land-Ziehen kein Problem.

Im Boot komme ich dem Fluss näher als auf dem Rad, und bei Hitze ist die Abkühlung nur einen Handgriff oder einen kurzen Sprung entfernt. Wenn das Wetter mitspielt, wird jede Pause zur Badepause. Aber dafür muss ich einige Nachteile in Kauf nehmen: Ich bin bei der Wahl des Weges sehr viel eingeschränkter. Der Hintern tut jeden Abend weh mit einer Intensität, die mir so kein Fahrradsattel jemals verursacht hat. Und ich schaffe jeden Tag nur so 10 bis 20 Kilometer - trotz der Strömung sind Boote einfach langsam.

Darum endet die erste Paddeletappe traditionell am Zeltplatz von Rožmberk. Diese Moldau-Zeltplätze sind im Prinzip einfach eine Wiese am Ufer mit Zufahrt, Sanitäranlagen und Lagerfeuerstellen. Als deutsches Kind mit Tschechischkenntnissen kam mir damals die Aufgabe zu, bei der Rezeption jeden Abend 100 Hörnchen für den nächsten Morgen zu bestellen. Einen solches Gespräch führen die an der Rezeption bestimmt auch nicht jeden Tag.

Im Stadtgebiet von Rožmberk ist die Stadt ebenso still wie die Moldau, und es ragen zwei böhmische Burgen der Kategorie 1 in den Himmel. Die Rosenberger waren auch eine mächtige Familie, quasi die Schwarzenberger light. Der legendäre Ritter Witiko soll jedem seiner fünf Söhne eine andersfarbige Rose in die Hand gedrückt haben mit den Worten: "Bau dir ne eigene Burg, und mach die hier in dein Wappen."
Weil eine Burg den Rosenbergern nicht reichte, bauten sie auch an ihrem Stammsitz gleich zwei, die ursprünglich getrennt waren. Auf den ersten Blick schien es, als würden sie an unterschiedlichen Flussufern stehen. Aber dann erkannte ich, dass die Obere und Untere Burg (der Höhenunterschied ist eher zu vernachlässigen) auf demselben Grat stehen und mit einer steinernen Brücke verbunden sind. Insgesamt besteht die Doppelburg aus 144 000 Steinen, und der Bau dauerte 520 Stunden... ach nee, Moment, das waren die Daten der Lego-Version in der Czech Repubrick.
 
 
Und mit dem Fahrrad? Die Radroute schickt die Moldauradler weit über die Hügel, denn unten im Tal gibt es nur eine große Straße. Und diese Straße nahm ich, was keine so schlechte Entscheidung war. Ich sparte mir viele Anstiege, und der Feierabendverkehr hielt sich auch in Grenzen - zumindest kamen die Autos in Abständen, bei denen mich jeder überholen konnte und nur selten jemand wegen Gegenverkehr hinter mir herschleichen musste.

In Rožmberk bog ich dann aber doch auf die beschilderte Radroute ab - und dann gleich wieder runter. Mühsam strampelte ich hoch, aber kurz bevor die kleine Waldstraße das Tal endgültig verließ, bog ich auf einen Wanderweg ab. Der war eigentlich auch okay befahrbar, und ich würde ihn empfehlen, selbst wenn man dort nicht übernachten will. Aber Vorsicht! Zweimal blockiert ein Elektrozaun den Radweg, dort bitte nicht reinrasen! Man kann ihn mithilfe der Plastikgriffe aushaken und öffnen, aber auch das hat seine Tücken - an einem der Griffe löste sich plötzlich der Draht und fiel zu Boden. Die Kühe auf der Weide nahmen kaum Notiz von mir.

Mein Ziel war ein Campingplatz bei Branná. Dieser spezielle Zeltplatz wurde schon vor einigen Jahren aufgegeben. Die Stelle ist wahrscheinlich ungünstig gelegen, zu lang für den ersten Paddeltag, zu kurz für den zweiten. Der Eigentümer erlaubt es den Reisenden (natürlich hauptsächlich Paddler) aber noch immer, ihr Lager dort aufzuschlagen. Zumindest laut der Bewertung auf mapy.cz. Auch die, ähm, sanitären Anlagen durfte ich mitnutzen. Sofern ich es durch die Brennnesseln schaffe.
Ein Banner wirbt für den Imbiss Zur Mücke. Auch das Restaurant hinter dem Bach schien grundsätzlich noch betrieben zu werden, aber keine Saison zu haben. Dort standen ein Wohnmobil und ein LKW - wie zum Geier ist der denn hier durchgekommen?
Im Moment hatte ich aber alles für mich, und nach den zwei Nächten auf überfüllten Naturlagerplätzen war mir das auch sehr recht. Nicht mal das Zelt musste ich aufbauen, denn es stand eine rundum offene, überdachte Hütte zur Verfügung - direkt an der Mündung eines plätschernden Bachs in die plätschernde Moldau. Ein Traum! Wobei nicht alles ideal war, denn mit fortgeschrittener Nachtstunde dröhnte das Plätschern immer lauter in meinen Ohren, direkt hinter dem Fluss brausten Autos, und immer wenn ich gerade eingenickt war, raschelte im Gras irgendeine Maus oder so was.

Damit nicht genug: Einen halben Kilometer weiter steht am Wanderweg auch noch eine nagelneue, zweistöckige Schutzhütte zum Übernachten. Die Qual der Wahl! Am Ende fiel meine Wahl auf den verlassenen Zeltplatz, denn von diesen Hütten kommen noch mehr.

03 Mai 2026

Moldau: Von Nová Pec nach Vyšší Brod

II. Die Bademoldau

Die Sonne brannte, die tschechischen Familienradler schnarchten noch den Schlaf der Erschöpften, der Himmel erstrahlte in einem fast schon penetranten Blau, bei dessen Anblick die Wolken gleich wieder aufgaben. Ich nicht, denn jetzt stand nur eine gemütliche Runde um einen Stausee auf dem Plan - und viel mehr als das mache ich heute auch nicht.

Zurück zum Schwarzenberger Schwemmkanal war die Strecke erst einmal sehr flach, dafür war der Kanal zum Teil nur noch eine trockenes Grasmulde, deren Form nur noch schwer auszumachen war. Schade, schließlich führt der Moldauradweg eigentlich ja nur auf diesem Abschnitt am Kanal entlang, wenn man nicht die Abzweigung zum Naturlagerplatz nimmt. Aber die Frühstückspause war trotzdem ganz wunderbar.

Irgendwann wollte ich aber wissen, was inzwischen aus der Moldau geworden ist. Dazu musste ich vom Kanal runter und über einige hügelige Weiden und Dörfer rüber. Normalerweise wäre das kein Problem gewesen, aber mit dem Muskelkater von gestern in den Beinen war es dann doch ein kleines Problem...chen.
Und dann tauchte er auf. Eine weitverzweigte spiegelglatte Fläche, die das penetrante Blau des Himmels zurückwarf. Das ist der Lipno-Stausee, auch bekannt als Böhmisches Meer, Böhmische Riviera oder Šumavské moře ("Šumava-Meer"). Der größte See Tschechiens ist in diesem Bereich am breitesten.

Was viele nicht wissen: Das böhmische Meer ist gar nicht rein böhmisch. Dieser kleine Ausläufer namens Rakouská zátoka (Österreichischen Bucht) liegt hinter der Brücke in der hinterletzten Ecke auf österreichischem Staatsgebiet (ganz rechts). In den 50ern gelang einigen Tschechen über diesen Weg die Flucht, als das Betreten des rechten Seeufers zwar schon verboten, die Grenze aber noch relativ grün war. Für alle Österreicher, die sich noch immer nicht über den Eisernen Vorhang trauen, steht eine hölzerne Aussichtsplattform an ihrem Ufer bereit.

Der Wasserstand war offenbar eher niedrig, denn immer wieder tauchten die verwitterten Stümpfe der Bäume auf, welche für diesen exorbitanten Badesee ihr Leben ließen.
Die Menschen in diesem Tal hatten schon immer Probleme mit Hochwasser. Die Idee, das durch einen Stausee zu lösen, kam schon nach der schweren Flut von 1890 auf - auch wenn das natürlich in den tiefer gelegenen Dörfern zu einer sehr dauerhaften Art von Hochwasser führen würde. Die Pläne scheiterten beim ersten Mal, weil die Bauern ihre Grundstücke nicht verkaufen wollten, beim zweiten Mal weil Hitler. Als die Kommunisten das Projekt 1958 umsetzten, war die Sache mit den Grundstücken durch die Vertreibung der Sudetendeutschen kein Problem mehr. Zum Bau musste "Betonmilch" in den Fels injiziert und ein komplett neues Flussbett für die Moldau gebaut werden. Inzwischen stand als Zweck die Stromproduktion im Vordergrund.
Bei dem großen Hochwasser von 2002 (und 2013) konnte der See die Zerstörung dann auch nur eingeschränkt abmildern. Die Zeitungen kritisierten den Bürgermeister, der rein zufällig gleichzeitig Hafenverwalter und Staudammverwalter war, er habe nicht rechtzeitig Wasser abgelassen, damit der See genug Puffer für den Starkregen hatte. Das Umweltministerium konnte ihm aber kein Fehlverhalten nachweisen. Seitdem wird der Pegel dauerhaft etwas tiefer gehalten. 2004 wurde zusätzlich für eine Raftingmeisterschaft Wasser abgelassen, und es tauchten Gleise, ein Bahnhof und eine Flussschleife namens Moldauherz auf, die seit fast 50 Jahren versunken gewesen waren. Und genau diese Absenkung führte zufällig dazu, dass das nächste Hochwasser dann wirklich harmlos ausfiel.

Ich düste jetzt zügig auf einer geraden Straße durch einen Moos- und Nadelwald, ganz nah am Seeufer. Trotzdem blitzte das Wasser nur gelegentlich durch die Nadeln. Dörfer gibt es hier nicht, und das hat einen guten Grund. Rostige Bunkertore gucken aus dem Boden, und damit sollte dann auch klar sein, was dieser Grund war.

In der Sowjetzeit gehörten das komplette rechte Ufer und die rechte Seehälfte zum Sperrgebiet, nur wenige Dörfer durften bleiben. Im Kriegsfall sollte der See ganz schnell abgelassen werden, damit weitere Soldaten rüberkamen. Und bevor die Staumauer dem Feind in die Hände fiel, sollte sie lieber gesprengt werden.
1975 passierte hier eine besonders dreiste Flucht per Hubschrauber. Der Auftrag kam zwar von einem DDR-Flüchtling im Westen, aber die Hauptarbeit machte der Pilot Barry Meeker - ein Mann aus dem Erzfeindesland USA. Er flog über die Grenze und den See, landete am anderen Ufer in Dolní Vltavice und holte insgesamt neun DDR-Bürger ab. Zweimal hat ihn niemand gesehen, erst beim dritten Mal waren zufällig in der Nähe des Landeplatzes Grenzsoldaten mit Bauarbeiten beschäftigt. Sie schossen. Meeker musste zwei der Flüchtlinge zurücklassen, schaffte es aber verletzt und mit beschädigtem Hubschrauber in ein österreichisches Krankenhaus.

Auf einmal tauchte am Wegesrand ein gewaltiges Banner auf: Bike Ferry 3,5 km. Und dann noch eins, als der Abzweig zur Fähre kam. Nanu, jetzt schon? Ich kontrollierte die Karte und nope, das war nicht die Fähre, die ich brauchte. Die riesigen Banner erwähnen nicht, wohin die Fähre tatsächlich fährt: Dolní Vltavice. Und dort ist die Radroute erheblich länger und verwinkelter, und deshalb wollen die meisten Radfahrer vermutlich auf der direkten Straße zur Fähre nach Frymburk, die nun auch bald kommen soll. Ich verstehe ja, dass ihr auch Touristen nach Dolní Vltavice locken wollt, aber dieses Poster grenzt an bewusste Irreführung.

In Frýdava bog ich dann ab zur richtigen Fähre nach Frymburk. Was, wieso sagt meine App, die fährt sonntags nicht? Ich befragte den ausgehängten Fahrplan und andere Menschen und musste schnell feststellen, dass die Kartenapp hier großen Unfug erzählte. Das rostige Boot fährt stündlich. Ein uralter Fahrkartenautomat hatte zwar extra ein Feld, um Münzen daran sauberzukratzen. Aber ich hatte noch keine passenden Kronenmünzen und zahlte lieber beim Fährmann. Ich verbrachte eine halbe Stunde Proteinriegel essend im Schatten eines leicht abgeranzten weißen Haltestellenhäuschens, während immer mehr Verkehrsteilnehmer aller Art angespült wurden. Besonders mir ins Auge fiel mir eine Österreicherin mit einem E-Bike aus Holz. Das hat ein österreichischer Hersteller erfunden. Die Vorteile: Es ist leichter und äh... es ist halt leichter.

Auch der grummelige Motorkahn, der uns letztendlich alle zusammen nach Frymburk brachte, bestand zum Teil aus Holz. Ein Schild verkündet, dass alle motorisierten Fahrzeuge zuerst rauf- und runterdürfen. In dieser Hinsicht konnte sich die tschechische Motoristen-Partei offenbar schon durchsetzen. Der Stausee hat hier eine besonders schmale Stelle, sodass die Überfahrt nur fünf Minuten dauerte. Man kann übrigens auch seine eigene Extrafahrt buchen oder sein eigenes Schiff am Fähranleger zu Wasser lassen. Beides kostet laut Preistafel nur ca. 10 Euro.

Frymburk liegt auf einer Halbinsel, die wie eine Nase in die Engstelle im Stausee ragt. Statt einer Staumauer zieht sich außenrum ein Ring aus Gärten, Bänken und einem Radweg. Und Kunstwerken. Dieses hier wurde von Studenten der Kunstpädagogik aus Budějovice geschaffen, und so sieht es auch aus. Es ist eine Büste von Jára Cimrman, nachdem er mit einem Handtuch geschlagen wurde. Aha. Und der Finger deutet auf das versunkene Altersheim, wo Cimrman gelebt hat. Okay, und wer ist das?
Ein Blick ins Internet hilft: Jára Cimrman gibt es nicht und gleichzeitig doch. Der Universalgelehrte ist die Hauptfigur mehrerer Theaterstücke und eines Films, ein Symbol des Widerstands gegen die Sowjets und entwickelte sich zu einer Art virtuellem Nationalhelden und Internetphänomen, lange bevor es das Internet gab. Überall im Land basteln die Tschechen mit kleinen Gedenktafeln und Denkmälern an seiner fiktiven Biographie herum. Ein Asteroid und ein Skorpion sind nach ihm benannt, und in einer Umfrage wurde er zum bekanntesten Tschechen überhaupt gewählt. Aber zur allgemeinen Empörung akzeptierte die BBC das Ergebnis nicht, weil fiktive Figuren nicht erlaubt seien.
Okay, jetzt feiere ich die Skulptur doch. 

Der Marktplatz von Frymburk ist klassisch tschechisch mit Arkaden und Pestsäule ausgestattet, nur bedingt durch die Lage auf der Halbinsel etwas langgezogen. Eine schöne Abwechslung ist die Allee in der Mitte.

Ein komplett unauffälliger Seiteneingang, der total geschlossen aussah, wies mich in den Coop. Ich befindet mich auch in einer Weingegend, weshalb man sich seinen eigenen Alkohol abfüllen kann.

Frymburk lag an der Handelsroute zwischen Český Krumlov und mehreren österreichischen Städten. Dadurch blieb genug Geld hängen, um 1474 die älteste Schule in Südböhmen zu bauen. Heute ist eine Pension darin, aber eine Schule hat das Städtchen bestimmt immer noch - die gibt es in Tschechien generell auch in kleineren Orten, die in Deutschland zu klein für eine eigene Schule wären.

Es wurde heißer, und ich hatte Lust, den See noch sehr viel näher kennenzulernen. Aber was Badestrände angeht, ist das schöne Frymburk leider ein völliger Flop: Die gehören alle irgendwelchen Ferienanlagen und sind hinter Schranken versperrt.
Also folgte ich der Hauptstraße in der Hoffnung, dass sich das bald ändert. Für diese Straße mussten mehrere Granitfelsen gesprengt werden, das war damals der erste Arbeitsschritt beim Bau des Stausees.

Zwischen Hauptstraße und Seeufer verläuft ein Radweg, vom Verkehrslärm abgeschirmt durch ein paar Meter Höhenunterschied und ein paar nicht gesprengte Felsen. Wunderbar, so habe ich mir das vorgestellt! Wo komme ich jetzt zum See runter?

Es dauerte nicht lange, da hatte ich einen angenehmen Strandzugang gefunden. Der steinige Zugang und das klare Wasser erinnerten mich sehr an den Hohenwarte-Stausee an der Saale, zumal mir auch diesmal beim Schwimmen genau ein Segelschiff Gesellschaft leistete. Aber wenn ich ganz ehrlich bin - die Stauseen der Saale waren dann doch etwas beeindruckender. Die Lipno-Landschaft ist eher ruhig, nach dem Wasser kommt halt Wald und fertig. Von den typischen tschechischen Felswänden keine Spur, und sogar die fernen Berggipfel der Šumava sind an dieser Stelle gar nicht mehr zu sehen.

Aber mal sehen, was es an der Moldau sonst noch zu sehen gibt. Nach einer Weile begann am Ufer die nächste Dröhung Ferienanlagen, und zu einer davon gehört ein gelber Quader, in den ich reinging. Ich stieg Treppen rauf und runter, schlängelte mich zwischen verschiedenen Sporthallen hindurch und kam schließlich in eine längliche Halle. Während ich oben auf einer Galerie entlanglief, konnte ich im Prinzip schon den kompletten Inhalt der Halle sehen. Was eigentlich ziemlich unklug gemacht ist, denn die Kasse zum Bezahlen kommt erst danach. In Vitrinen stehen Legofiguren von Zombie-Cheerleaderinnen über Jan Hus bis hin zu Růžová Batgirl.
Willkommen in der Czech Repubrick, einer liebenswerten Touristenfalle. Hier wurden auf engem Raum die bekanntesten tschechischen Burgen nachgebildet, darunter Burg Karlštejn, Bouzov, Hogwarts, Bezděz, Isengard, Lednice, eine Krauss-Maffei-Fabrik, den Ještěd, die Vila Tugendhat, Červená Lhota, lebensgroße Horrorfiguren aus Tim-Burton-Filmen, das Spandauer Gefängnis, die Fördertürme von Ostrava und aus irgendeinem Grund Bonn Hbf. Die Stationen zum Selberbauen erinnert sehr an die Lego-Ausstellung im Kölner Odysseum. Zufrieden schritt ich die Orte ab, von denen ich einige schon gesehen hatte oder diese Woche sehen würde.

 

Denn natürlich ist da auch einiges von der Moldau dabei, und natürlich die Hälfte davon aus Prag: Die Doppelburg von Rožmberk (im Bild), Burg Hluboká...

...das Nationalmuseum in Prag, der Veitsdom, das Rathaus neben dem Tanzenden Haus (im Bild), die Czech Repubrick und das Atomkraftwerk Temelín. Aber ausgerechnet die Staumauer von Lipno ist nicht dabei.

In manchen der Burgen reiten noch Könige und Ritter ein und aus, in anderen fotografieren bereits Lego-Touristen, manchmal sogar beides gleichzeitig auf unterschiedlichen Seiten der Burg. Einer der Touristen hat sein Fahrrad zur Burg Bezděz mitgenommen.

Weiter hinten steht ein großer Freizeitpark im amerikanischen Stil. Das eine oder andere Fahrgeschäft bewegt sich auf Knopfdruck, sogar das bizarre Kettenkarussell, das an Saurons Dunklen Turm angehängt wurde. Nur die große Holzachterbahn steht still.

Die Stausee-Hauptstadt Lipno ist viel jünger als Frymburk, und das sieht man. Zwar gab es hier schon vor dem Stausee eine Holzfällersiedlung namens Lipno, die ist aber komplett versunken. Die heutige Stadt wurde komplett für die Arbeiter beim Staudammbau und dann für den Tourismus gebaut. Immerhin sehen die Ferienwohnungen in erster Reihe an der steinernen Promenade ganz nett aus, sie haben etwas unbestimmt mediterranes. Ein niederländischer Investor hat nach der Wende einen der größten Yachthäfen in Mitteleuropa gebaut. Man darf aber nur segeln, ein Motor ist nur den Fähren, Schiffsrundfahrten und Polizeibooten gestattet.

Und da ist sogar ein Sandstrand mit Seebrücke, und spätestens jetzt ist klar, warum der See mit einem Meer vergleichen wird. An der todschicken Brücke steht ein tiefschwarzes Restaurant auf Stelzen im Wasser. Und über der Stadt thront noch das übliche Angebot aus Skipisten, Sommerrodelbahn und Baumwipfelpfad. Naja, mit der Czech Repubrick habe ich ja schon eines dieser touristischen Angebote wahrgenommen.

Also dann, auf zu den letzten Kilometern Stausee. Der wird jetzt noch schmaler, und schließlich endet er an einer weißen und überraschend unscheinbaren Staumauer. Die Engstelle ist optimal geeignet für eine Talsperre, weil die Moldau hier schon einen großen Teil ihrer Höhenmeter abgebaut hat, an dieser konkreten Stelle aber gerade nicht sonderlich steil fließt. Außerdem besteht der Boden aus festem Gneis und Granit.
Die Straße auf der Staumauer musste ich gar nicht benutzen, worüber ich bei dem Verkehrsaufkommen auch ganz froh war. Einfach abwarten, bis sich eine Lücke im Verkehr auftut, die Straße queren, und schon war das Böhmische Meer vorbei.

Dahinter geht es erst einmal ein paar Meter runter. Erst hier hat Lipno einen Bahnhof und ein Informationszentrum zur Staumauer. Hier gäbe es tatsächlich ein funktionsfähiges Modell der Mauer, vielleicht sogar aus Lego, es hat aber nur selten geöffnet.

Nun irrte ich durch eine staubige Landschaft aus kleinen Wiesen, Dörfern und Bahnhöfen, immer auf der Suche nach dem Radweg. Die Schilder lotsten mich schließlich auf eine provisorische Baustellenbrücke, weil das Original gerade repariert wurde. Dort begann dann ein brandneuer Radweg an der Hauptstraße... aus dem Tal raus? Mooment, jetzt sollte doch eine enge Schlucht kommen, die würde ich ungern verpassen. Ist der alte Weg denn gar nicht mehr befahrbar?
Doch, ist er. Ich folgte der Karte, und sogar der Wegweiser musste schließlich widerwillig einräumen, dass man schon auch noch theoretisch die andere Variante fahren kann, aber Vorsicht, schlecht befahrbar und gefährlich, GET OF THE BIKE!

Die Moldau ist nun, wie es nach Stauseen im Gebirge üblich ist, wild, schaumig und steinig. Über den Stromschnellen erhebt sich die Čertová stěna (Teufelswand) Wand, von der durch den Wald aber nicht viel zu erkennen war. Hätte ich den neuen Radweg an der Straße genommen, hätte ich da vom Aussichtspunkt runtergucken können, aber umgekehrt durch den Wald wahrscheinlich nicht viel von der Moldau gesehen.
Früher war der Lipno-Stausee erst an dieser Stelle zu Ende. Und mit früher meine ich - im Tertiär. Da hatte der Stausee nämlich schon einen Vorläufer, und sein Wasser floss über die Donau ins Schwarze Meer ab. Dann hob sich langsam das Grenzgebirge immer weiter an, die Verbindung zur Donau wurde zu steil. Stattdessen knusperte sich der Moldausee durch die Felsen der Teufelswand durch und schuf sich einen neuen Weg in Richtung Elbe.
Die Stelle erinnert sehr an den Harz. Die Stromschnellen brausen zwar ordentlich, aber wenn ich mir die Größe der Felsbrocken so anschaue, dann sind sie sogar noch relativ zahm. Das hat einen Grund, denn das hier ist nicht das komplette Moldauwasser. Unter meinen Füßen verlief eine fette Röhre, und über die wird das meiste Wasser aus dem Stausee abgelassen. Die Stromschnellen sind eher ein dekorativer Rest. Hier könnte ich mich bestimmt nochmal gefahrlos drin duschen, und warum nicht?
Genau das dachte sich übrigens auch Karel Knap, als er hier 1959 mit seinem Boot stand. Der Pfadfinder sagte "Es wird gehen!" und durchquerte diese Schlucht als erster mit dem Kanu. Damals war die Moldau aber auch auf das Durchflussmaximum von 30 Kubikmetern pro Sekunde aufgedreht. Knap blieb die Ausnahme, die normalen Paddeltouristen sind hier nicht unterwegs. Er wurde später Cheftrainer der tschechoslowakischen Kanumannschaften, durfte sein Team aber nicht für Wettbewerbe ins Ausland begleiten. Also reiste er gleich für immer ins Ausland und wurde Professor für Kanoistik in Köln.

Der Fahrradpfad verläuft oberhalb der Gleise, aber trotzdem mit einem guten Blick auf den Fluss. Eigentlich ist er ganz okay, es sei denn, man gelangt auf der Suche nach der Teufelswand auf den sehr steinigen Wanderpfad unter den Gleisen. Der ist dann wirklich nicht mehr fahrradtauglich.
Züge habe ich auf diesem Gleis übrigens nicht gesehen.

Bald löste sich der Wald wieder auf, aus dem Radelpfad wurde eine stille Straße. Die unterirdische Moldau-Röhre endet und vereinigt sich mit dem oberirdischen Fluss zum

Stausee Nr. 2: vodní nádrž Lipno II

Ach, stimmt. Es braucht ja immer einen kleineren Stausee untendrunter als Ausgleichsbecken. Normalerweise kommt der direkt dahinter, aber in Lipno ist er fast 10 Kilometer von der großen Staumauer entfernt. Kein Wunder, dass die Röhre gebohrt wurde! Da war der Standort direkt vor der engen Schlucht wohl doch nicht ganz optimal.
Der zweite Lipno-Stausee huschte nur so vorbei und endete an einer kleinen grauen Mauer.
Und direkt dahinter beginnt wieder ein ganz anderer Abschnitt der Moldau.