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12 Mai 2026

Moldau: Von Prag nach Mělník

VII. Die Aufbruchsmoldau

Die Glasgebäude und Sporthäfen deuten darauf hin, dass die Mieten an der nördlichen Prager Moldau tendenziell teurer sind.

Der Uferradweg geht zum Glück weiter und unter Troja hindurch. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Berg, Stadtteil, Schloss und eine Betonmauer mit scheußlichen Stahlträgern. Und in Troja liegt auch der Zoo, der kreative Werbung macht: Noch 2,5 km / 150 min für eine Schildkröte / 4 min für einen Elefanten / 2 min für einen Geparden. Bleibt nur die Frage, wie lange ein trojanisches Pferd für die Strecke braucht.

Wer die ganze Zeit in seinem Paddelboot geblieben ist und es um sämtliche großen Staumauern herumgetragen hat, der wird in Prag nochmal belohnt mit weiteren Floßgassen und einer weiteren Wildwasser-Slalomstrecke, so ähnlich wie hinter České Budějovice, diesmal aber nicht auf einem künstlichen Moldauarm um eine Insel, sondern zum Teil in einer langen Reihe grauer Mauern. Zwischen den Mauern verbirgt sich mal eine Wildwasserfahrt, mal eine Schleuse, mal eine Baustelle.
Aber halt! Ein Typ hielt mir eine rote Kelle hin.
"Entschuldigen Sie bitte, Sie müssen einmal 10 Minuten warten, hier wird gedreht."
Während dieser 10 Minuten sammelten sich ein paar weitere mehr oder weniger geduldige Stadtradler an. Wir schauten zum Kamerateam rüber, das offenbar auf die Boote im Wasser draufhielt. Es schien sich eher um eine Sportdoku als einen Spielfilm zu handeln, aber genauer bekamen wir es nicht raus. 

Und dann ist Prag zu Ende. Oben auf den Bergen ging es noch ein bisschen weiter, doch die Wohnblocks von Bohnice duckten sich schüchtern hinter die Wipfel. Im Tal gab es Abschnitte, auf denen ich auf den ersten Blick kein Haus mehr sehen konnte, erstaunlich. Den Radweg säumen Vorgärten voll mit hohem Gras, aber ohne Tiere zum Abweiden. Die Moldau rast ruhig und zielstrebig ihrem Ende entgegen.
In der klassischen Variante beginnt der Elberadweg ja auch in Prag mit diesem Streckenabschnitt. Als die Stadt vorbei war, standen dort einige Infotafeln und ein Pavillon, die sich auf Radler spezialisiert hatten, die hier gerade erst zu ihrer großen Reise aufbrechen.

Auf einem Hügel steht der Levý hrad ("Linke Burg") - an welchem Ufer, dürfen sie selber erraten. Davon sind bloß eine Kirche und unterirdische Grundmauern übrig, die ich nicht fotografiert habe. Doch in diesen Mauern verbirgt sich das wahre Geheimnis hinter der Entstehung Tschechiens, denn dort haben die Přemyslíden ganz ursprünglich gewohnt. In Wahrheit waren das keine bescheidenen Bauern, die von einer sagenhaften Wahrsagerin auserwählt wurden, sondern einfach lokale Stammesfürsten, die nach und nach die anderen Fürsten im Moldautal und dann darüber hinaus unterworfen haben. So schnöde ist leider die Wahrheit hinter den meisten Gründungsmythen; letztendlich sind alle Staaten aus solcher gewaltsamer Mini-Kolonisation entstanden, wenn man nur weit genug zurückschaut.

Es ist kein Zuckerschlecken mit dem Moldauradweg, auch am letzten Tag gibt es keinen durchgehenden Uferweg, die Radler müssen nochmal steile Berge hoch. Hm, ich könnte mir das ersparen, indem ich unten bleibe, an der Brücke rüberwechsle und dann gucke, ob vielleicht der Wanderweg neben den Gleisen mit dem Rad passierbar...
Ach, wisst ihr was, nein. Ich habe schon genug geschummelt und abgekürzt. Zumindest heute mache ich nochmal alles richtig. Also quälte ich mich die Straße am Bach durch die Felsen hinauf, von Klecánky nach Klecany. Dass Klecánky einfach nicht aufhören wollte, war nicht sehr motivierend, bis mir klar wurde, dass die Orte einfach ineinander übergehen.

Oben erhielt ich den Anblick dieses außerordentlich unböhmischen Kirchturms als zweifelhafte Belohnung. Dann ging es ein paar Kilometer über die windige Hochebene und an einem ruhigen Bach wieder runter zum Uferradweg.

Und dort, ganz allmählich, hörten die Berge tatsächlich auf, diesmal endgültig. Denn ich weiß ja, dass diese Tour in einem relativ breiten, flachen Tal enden muss, und das muss doch jetzt auch mal kommen.

Warum wohl diese Brücke zerstört ist, mitten in Tschechien, weit entfernt vom Eisernen Vorhang? Ich weiß es auch nicht. Auf den Pfeilern haben sich Schifffahrtszeichen, Strommasten und kleine Bäumchen angesiedelt.

In Kralupy sollte ich einmal das Ufer wechseln und dann unter diesem Rohr hindurch den nächsten Radweg nehmen. Hier reicht bücken nicht, absteigen auch nicht, es braucht beides gleichzeitig.

Der Radweg wird zum erdigen Waldweg zwischen dem Fluss und einer erstaunlich schwammigen Sandsteinwand. Sie ist komplett durchzogen mit organisch geformten Spalten und Löchern, die ihrerseits wiederum Löcher in Löchern haben. In manche davon kann man hineinklettern, um in die Löcher im Loch seinen Arm reinzustecken, und das ist die Stelle, an der im Film alles schiefgeht.

Auch in der Realität hat die Felswand Löcher, in denen alles schiefgeht, wenn man sich zu weit reinwagt. Die sind in keiner Weise abgesperrt, aber trotzdem leicht zu erkennen: viel größer, in künstlicher Bogenform, und darin liegen Gleise. Die Fernverkehrsstrecke nach Dresden und Berlin, die einzige elektrifizierte von Tschechien nach Deutschland, folgt den Schleifen der Moldau. Noch lassen die Berge es nicht zu, dass sie irgendwelche Abkürzungen im Flachland nimmt, im Gegenteil, sie zwingen sie auch noch, einen Tunnel zu bohren und durch den Sandsteinschwamm zu brausen. Und theoretisch könnte jeder in diesen Tunnel reinspazieren und sich auf die Gleise stellen. Gut, das könnte man im Flachland bei den Gleisen meistens auch, aber da wird man zumindest von Weitem gesehen.
 
Am letzten Moldautag gab es keine Burgen mehr, sondern jede Menge Schlösser, manche bunt und üppig verziert, andere grau und nüchtern, manche nur noch hohle Ruinenwände aus Feldstein. Die Prager Barockzone ist auf jeden Fall vorbei. In dem ungarisch klingenden Ort Nelahozeves steht eins der wichtigsten Renaissanceschlösser in Böhmen (hinten links), von dem die aufgemalten 3D-Steine und Wandbilder aber schon abblättern. Davor liegt das sauber sanierte Wohnhaus des anderen tschechischen Nationalkomponisten Antonín Dořák, der damals sogar deutlich beliebter war. Smetana hat die tschechische Nationalmusik erfunden, aber Dořák hat sie populär gemacht. Besuchen kann man das Haus nur in einer Führung vom Schloss aus.

Auf dieser rostigen Brücke habe ich das vorletzte Mal das Ufer gewechselt.

Dann war es wieder vorbei mit den Uferwegen. Aber das macht nichts, denn jetzt sind keine Berge mehr da, nur noch flache Alleen, die im Zickzack durch eine Parklandschaft irren. Das barocke Lustschloss von Veltrusy wurde auf einer Moldauinsel erbaut, steht aber jetzt auf dem Festland, vermutlich durch Flussbegradigungen. Mit seiner Kuppel sieht es aus wie der Sitz irgendeiner wissenschaftlichen Gesellschaft aus dem Zeitalter der Aufklärung.
Auf den Feldern wächst alles mögliche, Raps, Pusteblumen, Hopfen, Obstbäume oder einfach nur Gras.
Im Dorf mit dem kuriosen Namen Dědibaby ("Opaoma") war im Bikeline aus irgendeinem Grund ein Naturlagerplatz am Rand eines Feldes eingezeichnet, auf den gab es aber weder vor Ort noch online den geringsten Hinweis.

Zum Schluss teilt sich die Moldau in drei Arme. Arm Nr. 1 ist die eigentliche Moldau. Die ist jetzt erstaunlich schmal und schüchtern. Obwohl der Radweg hier ein Stückchen auf dem Deich langführt, ist kaum etwas vom Wasser zu sehen. Nur die Bäume und das gelbliche Gras verraten, wo das Ufer liegt.

Arm Nr. 2 ist nur ein träger und zielloser Altarm, der zwischendurch trotzdem breiter und eigentlicher aussieht als die eigentliche Moldau. Das meiste Wasser bleibt aber in der Sackgasse stecken, nur kleine Rinnsale enden wieder in Arm 1 und 3.


Arm Nr. 3 ist ein komplett künstlicher Kanal ohne Schleifen, mit nur zwei Kurven. Der Vrňany kanál heißt mit vollständigem Namen Vrňansko hořinský plavební kanál ("Vrňany-Hoříner Schwimmkanal"). 1905 sollte mit dieser 10 Kilometer langen Abkürzung die Lastschifffahrt von Prag nach Deutschland schneller und einfacher werden, und diese Funktion erfüllt er auch heute nach. Er gehörte zu den größten Bauprojekten der Habsburgermonarchie. Genau 100 Jahre nach seiner Fertigstellung erhielt er auch eine Turbine zur Stromherstellung.
An einer stilvollen Stelle sieht man ihm sein Alter auch an, und zwar an der historischen Schleuse von Hořín, eine sehr hübsche Kombination aus Ziegelsteinen und Gelb. Ein Teil der alten Steinbrücke soll sich sogar heben können, zumindest hieß es auf dem Schild, die Hubbrücke habe zwei Geschwindigkeiten: Entweder hebt sie sich in 5 Minuten oder in 15. Gott sei Dank musste ich letzteres nicht erleben.

Von dort aus konnte ich bereits mein wohlbekanntes Ziel erkennen: Den Wein- und Schlossberg von Mělník über der Moldaumündung.

Die Brücke, die bei unserer Elberadtour kaputt war, war mittlerweile natürlich repariert, und so konnte ich erstmals die normale Radroute in die Stadt ausprobieren. Die besteht aus einer steilen, stillen Straße mit weißem Geländer, auf der anderen Seite befinden sich Weinberge, Mauern und Vorgärten. Immer besser geriet die Moldaumündung ins Blickfeld, umgeben von dichten und unzugänglichen Laubwäldern, welche die Flüsse aber nicht vollständig vor dem Blick der Touristen auf dem Berg abschirmen können.

Auf den ersten Blick erscheint es ganz logisch, dass die Moldau nur als Nebenfluss der Elbe angesehen wird. Bis der geneigte Reisende nochmal die Karte czecht und checkt, dass das hier nur die Mündung des Vrňany kanáls (rechts) in die Labe/Elbe (links) ist.

Die richtige Moldau kommt erst noch! Die Vltava/Moldau (also Arm Nr. 1) gerät erst hinter der Biegung in Sichtweite (rechts) und ist schon hier einen Tacken breiter als die Elbe (links). Wenn man dann noch gedanklich das Wasser vom Kanal dazuaddiert, dann ist klar, dass die Moldau in Wahrheit länger und wasserreicher ist als die Elbe.
Und natürlich besser vertont.

Nicht alle mochten Smetanas Moldaumusik, manche warfen ihm auch plumpen Nationalismus vor. Tatsächlich klingt der finale Vyšehrad-Teil sehr nach einer Nationalhymne. Danach aber verklingt die Moldau ganz allmählich in der Ferne in Richtung Elbe. Die Nation, die Smetana umrissen hat, ist nicht allein und abgeschottet, sondern mit ihren Nachbarn verbunden, obwohl sie von Bergen umringt ist. Schließlich bildet die Elbe eine der wichtigsten Lücken in diesen Bergen.

07 Mai 2026

Moldau: Von Zlatá Koruna nach Divčí Kámen

Morgens hieß es: Heute Abend bringt der Bus nicht das Gepäck, packt also alles, was ihr für eine Nacht braucht, in die Tonnen. Nanu? Aber ich bekam Zelt, Schlafsack und Kleidung für eine Nacht ganz gut unter. Schon damals hatte ich ja durchaus Radtourerfahrung.

Für einen halben Kilometer dürfen Radfahrer und Paddler nebeneinander unterwegs sein, dann müssen sie sich wieder trennen. Die Moldau biegt jetzt in ihre verstecktesten Flusschleifen auf der Paddelstrecke ein, total zugewachsen und von allen guten Wegen verlassen. Auf dem Boot ist das aber super, nach der gestrigen Stadtstrecke gibt es wieder die volle Dröhnung Natur. 

 

Irgendwann kamen wir dann wieder in einer lichten Stelle des Tals raus, wo ein paar hochgradig abgelegene Landhäuser unter Schlingpflanzen begraben sind. Hier sollte die Burgruine Divčí Kámen (Maidenstein) stehen, nach der auch das Dörfchen benannt ist. Von der Ruine selbst war nichts zu sehen, aber das Felsmassiv ist vielleicht das beeindruckendste an der Paddelmoldau.
Das Örtchen hat einen Campingplatz, dem man aber anmerkt, dass er am Ende einer verlassenen Sackgasse liegt. Es gab nur Plumpsklos, und als ich wie jeden Abend die 100 Frühstückshörnchen bestellen wollte, hieß es: Ham wa nicht, es gibt Brot zu Hause. Und auch der Bus kann hier nicht reinfahren, weshalb wir eben alles Nötige in unseren Tonnen dabeihaben mussten.


Jemand musste die Reisegruppe vorzeitig verlassen und kündigte an, er würde jetzt zum Bahnhof gehen.
"Hier gibt es einen Bahnhof?!", fragte ich ungläubig.
Ja, zwar hoch oben auf dem Berg, aber noch in fußläufiger Entfernung. Das verrät eigentlich alles, was man über das tschechische Bahnnetz wissen muss. (Nein, tut es nicht, die Sache mit den Bahnsteignummern, Reservierungspflichten und Privatisierungen sollte man auch wissen, aber egal.)

Die restliche Reisegruppe fühlte sich irgendwie auch etwas verloren und vor allem hungrig, und so entstand der Plan, gemeinsam essen zu gehen. In brütender Hitze marschierten wir die schmale, geschlängelte Straße hinauf. Was dann geschah, habe ich schon damals in der nachfolgenden Anleitung zusammengefasst:
 
Wie man eine tschechische Dorfkneipe leerfuttert

Sie sind mit einer großen Gruppe irgendwo in einer abgelegenen Ecke Tschechiens und haben tierischen Hunger? Kein Problem. Suchen Sie die nächste Dorfkneipe auf und befolgen Sie einfach folgende Schritte.

1. Betreten Sie die Kneipe alle auf einmal und besetzen Sie laut redend sämtliche Tische. So fällt dem Wirt, der heute damit gerechnet hat, nur eine Hand voll Feierabendbiere auszuschenken, vor Schreck die Kinnlade herunter.

2. Es wäre hilfreich, wenn zumindest einer in der Gruppe etwas Tschechisch kann. Ansonsten versuchen Sie, sich mit dem Wirt auf Englisch zu verständigen (viel Glück). Übersetzen Sie mühevoll die fünf Gerichte, die auf der Kreidetafel in der Ecke stehen, für alle Anwesenden.

3. Lassen Sie alle aus ihrer Gruppe ein Gericht auswählen. Erfahren Sie erst dann vom Wirt, dass a) die Köchin erst in einer halben Stunde da ist, b) die ersten Gerichte dann erst in einer Stunde (die Suppe in 45 Minuten) fertig wären und c) jedes Gericht nur 3-6 mal verfügbar ist. Lassen Sie sich davon nicht aufhalten.

4. Bestellen Sie alles!

5. Machen Sie eine Liste auf Ihrem Smartphone mit der Anzahl der verfügbaren Gerichte und geben Sie diese an die gesamte Gruppe weiter, damit sich jeder überlegt, was er davon haben möchte.

6. Warten Sie und bestellen Sie dabei Getränke, damit der Wirt auf Trab bleibt.

7. Bei der Verteilung des Essens heißt es kreativ und kollektivistisch sein. Wenn die ersten Suppen kommen, haben alle schon so extremen Hunger, dass jeder etwas abbekommen sollte. Und das restliche Essen sollte dann der Fairness halber ebenfalls herumgereicht und geteilt werden. So kann man auch alles probieren.

8. Bezahlen Sie, damit die überarbeitete Köchin und der bedauernswerte Wirt, der heute Abend seiner Stammkundschaft kein Essen mehr vorzusetzen hat, zumindest finanziell erfolgreich aus der Sache ausgehen. Geben Sie Trinkgeld.

Ein Riesenspaß (gut, außer Schritt 8) und ein unvergessliches Erlebnis für die ganze Reisegruppe!


Bei der zweiten Paddelreise verzichteten wir dann aber doch lieber auf die Übernachtung in Divčí Kámen und fuhren am letzten Tag direkt bis Boršov durch.
 
 
Und mit dem Fahrrad? Ich musste das Moldautal durch ein steiles Tälchen verlassen, in dem ein Bach munter durch die Felslandschaft plätscherte. Blumen erinnern an einen Opa Vladimir, der in den engen Kurven verunglückte.
Schließlich kam ich oben raus, in einer grünen Ebene voller Felder, Alleen und Werbetafeln. Ich befand mich weitab von Divčí Kámen. Die Moldau ist nur als ferner Einschnitt zu erkennen, hinter der neue Berge aufragen - und ein großer Tagebau, der beim Paddeln komischerweise gar nicht zu erkennen war. In dieser Ebene liegen die Dörfer Štěkře ("Bellingen"), Čertyně ("Teufelin"), Radostice ("Freudingen"), Opalice ("Verbrenningen") und Rančice. Und jeder Name passte irgendwie erstaunlich gut. Gegen die Verbrennungen von Verbrenningen hilft zum Glück Sonnencreme.

Bei Bäumen hilft Sonnencreme wenig, deshalb ist der Opálický dub ("Verbrenninger Eiche") mit einem Holzdach geschützt. Der Dorfchronik zufolge steht Baum seit dem Jahr 800 hier. (Das ist fast doppelt so lang die Ära Merkel!) Und als die Eiche gerade mal schlappe 620 Jahre jung war, musste sie noch nicht beschützt werden, im Gegenteil, sie hat selbst Menschen beschützt. 1420 überfielen die Hussiten zweimal das Kloster Zlatá Koruna und töten viele Mönche. Beim zweiten Mal konnten sich einige erfolgreich in der Baumkrone verstecken, der Sage nach hatte dabei ihre Heilige Jungfrau Maria Kájovská die Finger im Spiel, und genau das zeigt das jahrhundertealte Gemälde im Baum, das immer wieder neu gemalt wurde.
Als 1929 dann schwerer Frost und Schnee den alten Baum niederdrückten, bis er in totale Schieflage geriet, war es an den Menschen, sich zu revanchieren. Der Denkmalschutz in Prag bewilligte 1500 Euro (61,77 Euro, dafür gibt's in Deutschland nicht mal ein Machbarkeitsgutachten zur Baumrettung), um die Eiche mit drei Stahlbändern zu stabilisieren. Sand und Steine schafften die Dorfbewohner kostenlos herbei. So steht sie heute immer noch, auch wenn sie eher wie ein halbverbranntes Baumfossil aussieht.

 

01 Mai 2026

Eiserner Vorhang: Von Bayrisch Eisenstein nach Modrava

0. Die Nicht-Moldau

Die Moldaugrenze

Länge: 155 km (Moldau-Radweg, Iron Curtain Trail vermutlich ähnlich)
Grenzquerungen: 1 auf dem Moldauradweg, deutlich mehr auf dem Iron Curtain Trail
Länder: Deutschland (Bayern), Österreich (Oberösterreich), Tschechien (Plžeňský kraj=Pilsener Region, Jihočeský kraj=Südböhmische Region)
Seite: nur Ost (Moldau-Radweg), Ost und West (Iron Curtain Trail)
Erkenntnis: Elektrischer Strom macht Täter zu Opfern.

Die nachfolgende Strecke ist mit der Nr. 33 beschildert und gehört zum Moldau-Radweg, teilweise auch zum Otava-Radweg und zum Iron Curtain Trail. Wobei, beim Iron Curtain kommt es drauf an, wen man fragt. Die Papierkarte schickt die Radler meistens rüber nach Deutschland oder näher an die Grenze, die digitale Karte zum Teil auch, aber auf den Wegweisern meiner Strecke habe ich trotzdem oft das Iron-Curtain-Symbol gesehen. Hauptsächlich ist diese Route die Anreise von der deutschen Seite zur Moldauquelle, aber ich kann ja schlecht Moldau in die Überschrift schreiben, wenn in diesem Post noch überhaupt keine Moldau vorkommt.

Dennoch muss ich ein bisschen was dazu schreiben, allein schon deshalb, weil die Strecke an einem bemerkenswerten Bahnhof beginnt. In Bayrisch Eisenstein stieg ich nach einer verblüffend reibungslosen 11-Stunden-Regionalbahnfahrt aus der deutschen Waldbahn, und...
"Dudödí! Vážení cestijicí..."
Aah, dieser Klang weckt immer wieder Vorfreude. Vor mir stand bereits ein blauer tschechischer "Schnellzug" (hinten rechts). Die Grenze verläuft quer über den Bahnsteig und durch das Nationalpark-Museum im Bahnhofsgebäude, Wanderer steigen ein und aus, Durchsagen in zwei Sprachen erklingen aus zwei Richtungen, ohne einander ins Wort zu fallen. Ich glaube, ich habe einen neuen Lieblingsbahnhof. Schade ist nur: Während man auf tschechischer Seite bis Prag durchfahren kann, muss man auf deutscher Seite in alle Richtungen nochmal in Plattling umsteigen.

Dass das Meckern auf hohem Niveau ist, daran erinnert dieses unvollständige Stück des tschechischen Eisernen Vorhangs. Eine Tafel fasst dessen Geschichte in zwei Sprachen zusammen, ohne auf spezifische Ereignisse vor Ort einzugehen.

Wir befinden uns im Tal der Großen Regen, also noch im System der Donau. Noch radelt es sich federleicht auf einem Radweg und nur minimal bergauf. Also, im Vergleich zu später.

Es folgt erst einmal das tschechische Gegenstück zu Bayrisch Eisenstein, das ebenfalls Eisen im Namen hat: Železná Ruda. Der böhmische Zwiebelkirchturm ist hier außergewöhnlich breit. Ansonsten sehen die modernen Berghotels auf beiden Seiten der Grenze recht ähnlich aus. Am Bahnübergang wartete ich eine ganze Weile in einer Schweiß- und Abgaswolke zusammen mit Autos, Motorrädern und viel sportlicheren Radlern. Eine der Unterkünfte trug in Anlehnung an den Himalaya den Namen Base Camp. Mein Knie ziepte noch leicht von der letzten Tour.
Hatte ich mir das wirklich gut überlegt, hier hochzufahren?

Ich hatte mir zumindest überlegt, dass ich lieber noch ein bisschen länger auf der großen Straße bleibe, als mir auf den Waldwegen noch ein paar Bonus-Berge einzuhandeln. Obwohl mich Karte und Wegweiser davon abrieten, blieb ich noch ein bisschen länger im Verkehr und bereute es nicht. Endlich öffnete sich der Wald, und die Straße bekam einen Radweg, auch wenn der bloß aus fester Erde bestand. Um mich herum wellten sich die Gipfel des Nationalparks Šumava (Böhmerwald). Einer davon heißt Poledník ("Vormittagsberg"), hat einen Naturlagerplatz auf dem Gipfel, und die ganzen Wanderwege und alles führen auf ihn drauf oder zumindest näher dran, ich habe ihn aber großräumig umrundet. Schließlich war es keineswegs Vormittag, ich war ja erst 16:15 angekommen.

Mein Wasser ging bereits zur Neige, ich musste nachfüllen! Nur wo? Endlich kam ich an einem Kiosk vorbei, der gerade zumachte - mit separatem Toilettenhaus. Aber es handelte sich um ein Öko-Klo mit einer Schaufel Sägespäne als Spülung, ohne Waschbecken. Was müssen die Tschechen denn ausgerechnet jetzt plötzlich so umweltbewusst werden?

Daneben erinnert ein Haufen Steine an den 6. Mai 1945. Dieser Mai war nicht längst nicht so sommerlich wie der aktuelle. Amerikanische Soldaten der Division Tough Ombres hatten ihre Mühe, sich durch den tiefen Schnee das Gebirge raufzukämpfen. Im heute geschleiften Dorf Gruberg stießen sie auf die Reste einer deutschen Armada, die anfangs gar keine so schlechte Position hatte. Die jungen Männer schossen aus den Häusern und kämpften erbittert, aber die Amerikaner rückten dennoch vor, bis Stalin protestierte und Eisenhower sie hinter die Demarkationslinie zurückpfiff. Das Massaker von Gruberg geriet in Vergessenheit, erst 1994 wurden die 11 toten Deutschen sehr vorsichtig exhumiert. Da meldete sich ein alter Deutscher und behauptete, als Kind versteckt im Keller eines Hauses mitbekommen zu haben, wie die Deutschen sich ergeben wollten, schwarze US-Soldaten um Gnade angefleht hätten und dennoch hingerichtet wurden. Das Problem an der Geschichte: Der Mann befand sich in Haus Nr. 11, und das war von der Nr. 3, wo die letzten Kämpfe stattfanden, ziemlich weit entfernt. Außerdem dienten wegen der amerikanischen Rassentrennung in dieser Division höchstwahrscheinlich gar keine Schwarzen. Diese in mehrfacher Hinsicht sehr heikle Thematik erklärt eine Informationstafel bemüht neutral, ausschließlich auf Tschechisch und mit sehr vielen Ausrufezeichen! Erstaunlicherweise betont sie sogar mit bedauerndem Unterton, dass die Deutschen hätten leben anstatt sinnlos sterben können. Denn der Zweite Weltkrieg endete nur 24 Stunden später.

Ich fuhr vorbei an einer außergewöhnlich breiten, spitzen und aggressiven Steinmauer vorbei, die auch Teil des Eisernen Vorhangs hätte sein können.

Es gibt durchaus vereinzelte Dörfer im Nationalpark. Sie haben klangvolle Namen wie Prášily ("sie staubten"), Srní ("Korn") und Mechov ("Moosau"). Aber man finde da mal etwas zu trinken, ohne gleich in das Restaurant eines Berghotels einzukehren! Eins der Dörfer hatte einen 24-Stunden-Supermarkt von Coop, für den man aber zwingend erst mal die App runterladen muss. Das tat ich brav, aber die App akzeptierte meine Telefonnummer nicht und verweigerte die Anmeldung. Neben mir scheiterte ein Tscheche ebenfalls daran und stieß dabei eine erlesene Serie von Seufz-, Stöhn- und Grunzlauten aus. Das funktioniert bei Tegut in Hessen deutlich besser.

Es wurde bereits dunkel, als ich im schattigen Tal der Vydra ankam. Kein Problem, mein Licht funktionierte, und der Autoverkehr war längst nur noch ein spärliches Tröpfeln. Die Vydra ist ein richtiger rauschender Bergfluss mit enormen Felsbrocken drin.

Sie entsteht aus dem Zusammenfluss des Roklánský potok (links im Bild) und des Modravský potok (rechts), die beide wiederum nicht so wichtig sind, dass sie eindeutig markierte Quellen haben. (Daneben gibt es noch den kleinen Filipohutský potok, dessen nette kleine Mooskaskaden zwischen Straße und Wanderweg herumplätschern.)
Weil die Vydra wiederum einer der Quellflüsse der Otava ist (ein Fluss, auf den wir später noch zu sprechen kommen), beginnt an diesem Punkt der Otava-Radweg. Der Zusammenfluss ist felsig, aber die gelblichen Wiesen rundherum überraschend flach. Markiert wird die Stelle von einer Plattform mit Tischen und Stühlen aus bizarrem, aber überraschend bequemen Metallstangen. Sie lassen die Wirklichkeit seltsam verzerrt und verpixelt aussehen.
Auf der Vydra darf man Boot fahren, aber nur Samstag und Sonntag von 8 bis 18 Uhr unter strengen Regeln: Leise paddeln, um die Tiere nicht zu stören, und nur an den drei zugelassenen Ein- und Ausstiegspunkten (einer davon an dieser Stelle) an Land gehen.

Der Zusammenfluss liegt in Modrava, einem einstigen Glasindustrie-Dorf. Über dem Dorf und der Šumava leuchtete ein wolkenloser Sternenhimmel, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich starrte ihn eine Weile an, dann wurde mir kalt. Das ist eben der Nachteil einer klaren Nacht. Aus den Berghotels, hier etwas traditioneller und fachwerkiger, leuchtete gemütliches Licht. Aber ich wollte etwas anderes ausprobieren.


Ich folgte dem Roklánský potok aus dem Ort raus und suchte den dritten der sieben Naturlagerplätze der Šumava. Wo isser denn jetzt? In der Dunkelheit suchte ich das Ufer ab, denn die App hatte ihn nicht genau an der richtigen Stelle verzeichnet. Endlich fand ich den langen Holzsteg, der mich auf den kleinen Platz führte. So früh im Jahr ist hier bestimmt noch keiner, dachte ich.
Da hatte ich die Tschechen aber gewaltig unterschätzt.
Der Platz war trotz der bibberkalten Nacht randvoll mit Zelten und einem Biwak, und alle schnarchten bereits um die Wette. Möglichst leise versuchte ich, mein Lager aufzuschlagen und mich in ausreichend Kleidungsschichten einzuwickeln.