III. Die Paddelmoldau
Vyšší Brod (Hohenfurt) ist in mehrfacher Hinsicht eine Grenzfeste - die letzte Moldaustadt am Iron Curtain Trail, an der Grenze nach Österreich und zwischen zwei sehr unterschiedlichen Abschnitten der Moldau. Und wer kann Grenzen am besten beschützen? Richtig: Mönche. Deswegen waren es die Zisterzienser, die in ihrem hohen Kloster
jahrhundertelang den Übergang nach Österreich bewachten und den Armeen
der Hussiten standhielten. Stolz und gotisch ragt die Kathedrale in den Burgmauern auf und stellt die Innenstadt in den Schatten (auch wenn die wieder so eine Allee auf dem Marktplatz hat wie in Frymburk).
Erst der Kommunismus vertrieb die Mönche nach und nach rüber nach Österreich. Der sozialistische Präsident Edvard Beneš (noch vor dem endgültigen prosowjetischen Putsch) wollte das Kloster zwar wiederbeleben. Nur siedelte er halt blöderweise gleichzeitig alle Deutschen aus, wodurch nur eine kleine Rumpfmannschaft an Mönchen zurückblieb. Dabei war der Abt gerade loyal zum tschechoslowakischen Staat geblieben und deshalb von den Nazis verhaftet worden.
Als auch die letzten Brüder gegangen waren, wurden die heiligen Hallen zur Grenzkaserne. Aber nach der Samtenen Revolution kehrten die Mönche zurück, und 2017 bekamen sie nochmal umfangreiche Wälder zurück, nachdem die korrekte Bescheinigung gefunden war, dass sie nicht mit den Nazis kollaboriert hatten.
Doch obwohl die Mönche vieles für Besucher zugänglich gemacht haben, hat der durchschnittliche Tourist in Vyšší Brod ein anderes Ziel.
Nämlich diese Stelle hier. An den Holzhäusern liegen Boote in rauen Mengen bereit. Anfang Mai ist es noch still hier - erstaunlich still. Natürlich hat die Hochsaison noch nicht begonnen, aber nach den ganzen hartgesottenen Campern in den Bergen hatte ich schon damit gerechnet, hier wenigstens irgendwen in einem Boot zu sehen.
Dass es im Sommer völlig anders aussieht, weiß ich aus Erfahrung.
Bei der Spree und bei der Havel habe ich geschrieben, dass der
Fluss in erster Linie zum Paddeln da ist. Bei der Moldau habe ich es nun tatsächlich gemacht und bin ins Boot gestiegen. Vor 11 Jahren.
Zweimal bin ich diese Strecke in einer Reisegruppe gepaddelt, angeführt von einem Pastor. 2015 und 2012, als ich genau hier ahnungslos aus einem Reisebus stieg und die Moldau noch überhaupt nicht kannte. Mein Vater hat sie sogar einmal im Triathlon absolviert: Immer einen Tag paddeln, abends dem Fahrrad zurück und dann das Auto nachholen.
Und weil ich die Moldau im Wasser sehr viel besser kennengelernt habe als auf der Radroute, werde ich hier genauer auf die Paddelreise eingehen.
Kneipen und Kanuverleihe scharen sich am Ufer am Ufer.
Wir packten unser Hab und Gut in eine wasserfeste Tonne, die gleich mitvermietet wird. Wer Glück hat und permanent von einem Reisebus begleitet wird, der muss in die Tonne nur das nötigste packen, was er den Tag über braucht.
Los geht's! Ach, verdammt, ich kriege schon Hunger.
Kein Problem: Der gesamte Tourismus ist auf Menschen auf dem Wasser eingestellt. Schilder auf dem Wasser preisen frische Eierkuchen an. Und schon nach den ersten Kilometern bogen die ersten Boote zu einer Cocktailbar ein, die im Prinzip im Wasser schwimmt und ausschließlich per Kanu zu erreichen ist.
Aus Norddeutschland kannte Paddeln als nur so mittelspannenden Sport, bei dem man an immergleichen Schilfgürteln vorbei durch tiefschwarzes Wasser stakt und oft gar nicht merkt, ob man vorankommt und ob die Strömung nun für oder gegen einen ist.
Darum war die Moldau für mich ein echter Naturschock. Hier kann sich die Landschaft nach jeder Biegung ändern. Und ob man mit oder gegen die Strömung paddelt, spürt und sieht man sofort - darüber hinaus spürt man auch sofort, dass nur eine der beiden Möglichkeiten ernsthaft in Frage kommt.
Die Herausforderung ist also nicht das Vorankommen, das macht die Moldau im Prinzip von selbst, sondern das Ausweichen. Deshalb hat der Steuermann, der hinten im Boot sitzt, die weit größere Verantwortung. Logisch, dass ich sofort diese Aufgabe bekam, weil ich mit jemand ebenso Unerfahrenem im Boot landete. Ich lotste unser Kanu also durch die zwei Herausforderungen der Moldau: Stromschnellen und Floßgassen.
Die Stromschnellen sind zwar keine solchen Brocken wie in der Schlucht hinter Lipno, aber sie geben dem Boot trotzdem einen kräftigen Energieschub. Wenn man es denn schafft, richtig durch die Steine durchzusteuern. Wenn nicht - und das passiert früher oder später jedem - macht es Krrz und das Boot hat eine neue kleine Schramme, bleibt aber normalerweise nicht stecken, und kentern tut man erst recht nicht.
Die Floßgassen dagegen - zu denen komme ich im nächsten Post. (Am ersten Tag gab es zwar auch schon drei Stück, aber die habe ich nicht fotografiert.)
Wie soll ich denn in diesem wilden Wasser einen Rastplatz, Campingplatz oder generell ein bestimmtes Stück Ufer ansteuern? Damit das geht, haben die Leute mit Steinmauern und Steintürmchen sichere Häfen ohne Strömung errichtet. So ist der Ausstieg und das An-Land-Ziehen kein Problem.
Im Boot komme ich dem Fluss näher als auf dem Rad, und bei Hitze ist die Abkühlung nur einen Handgriff oder einen kurzen Sprung entfernt. Wenn das Wetter mitspielt, wird jede Pause zur Badepause. Aber dafür muss ich einige Nachteile in Kauf nehmen: Ich bin bei der Wahl des Weges sehr viel eingeschränkter. Der Hintern tut jeden Abend weh mit einer Intensität, die mir so kein Fahrradsattel jemals verursacht hat. Und ich schaffe jeden Tag nur so 10 bis 20 Kilometer - trotz der Strömung sind Boote einfach langsam.
Darum endet die erste Paddeletappe traditionell am Zeltplatz von Rožmberk. Diese Moldau-Zeltplätze sind im Prinzip einfach eine Wiese am Ufer mit Zufahrt, Sanitäranlagen und Lagerfeuerstellen. Als deutsches Kind mit Tschechischkenntnissen kam mir damals die Aufgabe zu, bei der Rezeption jeden Abend 100 Hörnchen für den nächsten Morgen zu bestellen. Einen solches Gespräch führen die an der Rezeption bestimmt auch nicht jeden Tag.
Im Stadtgebiet von Rožmberk ist die Stadt ebenso still wie die Moldau, und es ragen zwei böhmische Burgen der Stufe 5,5 in den Himmel. Die Rosenberger waren auch eine mächtige Familie, quasi die Schwarzenberger light. Der legendäre Ritter Witiko soll jedem seiner fünf Söhne eine andersfarbige Rose in die Hand gedrückt haben mit den Worten: "Bau dir ne eigene Burg, und mach die hier in dein Wappen."
Weil eine Burg den Rosenbergern nicht reichte, bauten sie auch an ihrem Stammsitz gleich zwei, die ursprünglich getrennt waren. Auf den ersten Blick schien es, als würden sie an unterschiedlichen Flussufern stehen. Aber dann erkannte ich, dass die Obere und Untere Burg (der Höhenunterschied ist eher zu vernachlässigen) auf demselben Grat stehen und mit einer steinernen Brücke verbunden sind. Insgesamt besteht die Doppelburg aus 144 000 Steinen, und der Bau dauerte 520 Stunden... ach nee, Moment, das waren die Daten der Lego-Version in der Czech Repubrick.
Und mit dem Fahrrad? Die Radroute schickt die Moldauradler weit über die Hügel, denn unten im Tal gibt es nur eine große Straße. Und diese Straße nahm ich, was keine so schlechte Entscheidung war. Ich sparte mir viele Anstiege, und der Feierabendverkehr hielt sich auch in Grenzen - zumindest kamen die Autos in Abständen, bei denen mich jeder überholen konnte und nur selten jemand wegen Gegenverkehr hinter mir herschleichen musste.
In Rožmberk bog ich dann aber doch auf die beschilderte Radroute ab - und dann gleich wieder runter. Mühsam strampelte ich hoch, aber kurz bevor die kleine Waldstraße das Tal endgültig verließ, bog ich auf einen Wanderweg ab. Der war eigentlich auch okay befahrbar, und ich würde ihn empfehlen, selbst wenn man dort nicht übernachten will. Aber Vorsicht! Zweimal blockiert ein Elektrozaun den Radweg, dort bitte nicht reinrasen! Man kann ihn mithilfe der Plastikgriffe aushaken und öffnen, aber auch das hat seine Tücken - an einem der Griffe löste sich plötzlich der Draht und fiel zu Boden. Die Kühe auf der Weide nahmen kaum Notiz von mir.


Mein Ziel war ein Campingplatz bei Branná. Dieser spezielle Zeltplatz wurde schon vor einigen Jahren aufgegeben. Die Stelle ist wahrscheinlich ungünstig gelegen, zu lang für den ersten Paddeltag, zu kurz für den zweiten. Der Eigentümer erlaubt es den Reisenden (natürlich hauptsächlich Paddler) aber noch immer, ihr Lager dort aufzuschlagen. Zumindest laut der Bewertung auf mapy.cz. Auch die, ähm, sanitären Anlagen durfte ich mitnutzen. Sofern ich es durch die Brennnesseln schaffe.
Ein Banner wirbt für den Imbiss Zur Mücke. Auch das Restaurant hinter dem Bach schien grundsätzlich noch betrieben zu werden, aber keine Saison zu haben. Dort standen ein Wohnmobil und ein LKW - wie zum Geier ist der denn hier durchgekommen?
Im Moment hatte ich aber alles für mich, und nach den zwei Nächten auf überfüllten Naturlagerplätzen war mir das auch sehr recht. Nicht mal das Zelt musste ich aufbauen, denn es stand eine rundum offene, überdachte Hütte zur Verfügung - direkt an der Mündung eines plätschernden Bachs in die plätschernde Moldau. Ein Traum! Wobei nicht alles ideal war, denn mit fortgeschrittener Nachtstunde dröhnte das Plätschern immer lauter in meinen Ohren, direkt hinter dem Fluss brausten Autos, und immer wenn ich gerade eingenickt war, raschelte im Gras irgendeine Maus oder so was.













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