Ich bin ein Radfahrer auf der Suche nach Antworten, nach denen niemand gefragt hat: Welcher Radweg hat die süßesten Gänse? Wo gibt es die lobbyistischsten Achterbahnen und die salzigsten Berge? Warum verläuft die Grenze ausgerechnet auf diesem Fluss - und wieso sollte ich sie auf keinen Fall in Jogginghose überqueren? Finden Sie es jetzt heraus! (Oder auch später, mein Geschreibsel läuft Ihnen ja nicht weg.)
Jetzt bin ich so viele Nebenflüsse der Elbe gefahren, aber immer noch nicht die echte Elbe - also den längsten Wasserlauf im System, der es von der Quelle bis Cuxhaven auf 1245 Kilometer kommt. Das sind 150 mehr als die Elbe (der sogenannte Namensstrang), genug für Platz 78 der längsten Flüsse der Erde und natürlich für Platz 1 in Tschechien. Dieser Fluss heißt Vltava, und das ist eigentlich ein altdeutscher Name: Vilt bedeutet wild und ahwa bedeutet aqua/Wasser. Aber weil das wilde Wasser einen Vokal aus seinem Namen rausgespült hatte, war den Deutschen ihr eigener Name irgendwann suspekt und sie nannten den Fluss stattdessen Moldau.
Ich fuhr also die 45 Kilometer von Bayrisch Eisenstein nach Modrava, stand dort früh morgens auf und radelte die nächste steile Straße im Šumava-Nationalpark hoch. Unter den dichten Tannen plätscherte es, aber die Blumen im vertrockneten Rasen am Straßenrand hatten etwas Geisterhaftes an sich. Rot-weiße Stangen markieren den Straßenrand für den Fall, dass alles eingeschneit ist. Sie flößten mir noch einmal extra Respekt ein vor diesem Gebirge - und Dankbarkeit dafür, dass hier Anfang Mai absolut kein Schnee mehr lag. Da hatte ich Schlimmeres befürchtet.
Im Örtchen Kvilda habe ich das erste und einzige Mal Wintersportanlagen in der Šumava gesehen - sehr wenig für tschechische Verhältnisse, und sonderlich hoch ist die Skiwiese auch nicht. Der Schutz des Waldes wird hier offenbar noch ernstgenommen.
In den hölzernen und fachwerkigen Hotels und Pensionen schliefen die Wanderer noch, aber jemand war schon wach: Hier, über 50 Kilometer nach dem Bahnhof, bekam ich das erste Mal die Moldau zu Gesicht, sie plätscherte bereits breit und munter runter. Ich konnte mich leider nicht so leicht der Schwerkraft hingeben, erst einmal musste ich bergauf.
Die tschechische Version des Radwegs ist etwas anders, sie beginnt nicht in Bayrisch Eisenstein, sondern direkt an der
Quelle und folgt dann relativ konsequent der Warmen Moldau, ist also einem klassischen
Flussradweg sogar ähnlicher. Aber als ich das anhand der Schilder
begriff, hatte ich sowieso schon längst unwiderruflich den Bikeline-Weg eingeschlagen.
Und der lässt den Straßenverkehr nun komplett zurück und geht einsam das Warme Moldautal hoch. Zuerst durch offene Wiesen, dann durch Nadelwald, schließlich durch eine Brache umgestürzter und hart geborkenkäferter Bäume, wie man sie aus dem Harz kennt. Der Fluss versteckte sich in Moosen und Nadeln, und damit ich ihn überhaupt zu sehen bekam, überquerte ihn der Radweg mehrmals.
Leider, leider immer auf Holzbrücken. Es ist deutlich zu erkennen, dass Tschechien in den letzten Jahren auf für diesen Radweg einiges getan hat, aber die Brücken sind leider absolut ungeeignet zum Radfahren in einer besonders regenreichen Region. Es gibt nicht mal Rillen oder irgendeinen Versuch, das Material weniger rutschig zu machen. Aber ich hatte Glück, es war trocken - obwohl hier tatsächlich noch verschrumpelte Schneereste am Wegesrand zu sehen waren.
Und dann, die Borkenkäferbrache war gerade dabei, allmählich zuzuwachsen, war sie da. Ein kleiner Steg zweigte vom Wegesrand ab, und wenige Stufen tiefer lag die "echte Elbquelle". Wie ihre Kollegin im Riesengebirge ist die Elbquelle ein steinerner Ring, aber deutlich kleiner und unscheinbarer. Wie genau das Wasser da leise rausströmt, ist unter dem Steg kaum zu erkennen. Viele Menschen haben silbrige Kronen hineingeworfen, die vom Grund heraufschimmern.
An einer Stelle stieg regelmäßig wie ein Uhrwerk eine Luftblase empor. Das mechanische, immergleiche Blub erinnerte mich eher an das Reinigungsgerät eines tschechischen Gartenpools. Aber das ist ja auch ein passendes Geräusch für den tschechischsten Fluss überhaupt.
Aber Moment mal, irgendwoher kommt mir das Geräusch noch bekannt vor! Richtig, einer der tschechischen Nationalkomponisten hat ja versucht, diesen Fluss zu vertonen, einschließlich der Luftblase. Denn in den ersten paar Takten wird regelmäßig eine Saite gezupft, die sich ganz ähnlich anhört.
Bei Bedřich Smetana entspringt der Fluss aus zwei Flöten. Die höhere Flöte soll wahrscheinlich die Kalte und die tiefere die Warme Moldau darstellen. Als erstes setzt die höhere Flöte ein.
Das ist streng genommen nicht richtig, denn an dieser Quelle entspringt die Teplá Vltava (Warme Moldau), und die ist eindeutig länger, müsste also zuerst einsetzen. Wer sich auf den Steg legt und die Hand maximal weit ausstreckt, wird herausfinden, dass der Name ohnehin nicht so ganz stimmt, warm ist das eindeutig nicht.
Sodann bin ich kurz vor der Grenze nach Bayern links abgebogen und habe den Weg auf dem Gebirgskamm der Šumava fortgesetzt in Richtung Bučina. Ah, wieder ein Dorf!
Nein, nicht ganz. Bučina war mal ein Dorf. Hier brachte der Handelsweg Goldsteig (heute ein Wanderweg) Pilger, Siedler und Salz aus den Alpen über Passau ins chronisch salzarme böhmische Becken. Eigentlich war der Goldsteig ein Netz von Wegen, und das hier war sein jüngster Zweig. Um den zu beleben, befahl die österreichische Kaiserin Maria Theresia, das Gebiet an der Moldauquelle zu roden und ein Dorf namens Buchwald zu bauen. Angesiedelt haben sich da künische (königliche) Bauern unter dem Motto Niemands Herr, niemands Knecht, das ist künisch Bauernrecht. Aber weil das Dorf a) zu 90 Prozent von Deutschen bewohnt war und b) auch noch an der Grenze lag, wurden bis 1956 alle Bewohner nach und nach ausgesiedelt. Heute sind nur zwei Bauwerke übrig - und sogar die sind eigentlich komplett neu aufgebaut.
Das Dorf hatte keine Kirche, aber eine stattliche Michei-Bauern-Kapelle, in der Maria und Jesusbaby Spitzenkleider und edle Mäntel trugen. Die Originalfiguren konnten vor dem Abriss durch die Grenzsoldaten gerettet werden und sind heute in Privatbesitz. Die heutige Kapelle ist etwas schlichter. Ein Nachkomme des "letzten Besitzers" (Wovon? Vom Dorf? Oder der Kapelle?) wollte sie gern zur Erinnerung an die Geschichte neu bauen und wartete geduldig ab, bis der Eiserne Vorhang zerfiel und alle Behörden zustimmten. Auf eine Neuvermessung verzichtete das Amt schließlich, weil noch ein Grundriss der Originalkapelle von 1941 aufgetaucht war.
Das andere Gebäude von Bučina ist ein Hotel mit Holzbalkons (im Hintergrund), das in jeder Hinsicht bayrisch aussieht. Davor sprudelt eine fröhliche Wassermühle. Vom Rest des Dorfes sind nur verwachsene Grundmauern (ganz vorn unten im Bild) übrig.
Damit man hier noch etwas anderes machen kann außer wandern die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, hat der Hotelbesitzer etwas Besonderes aufgebaut - die ausführlichste Darstellung der Grenzsperranlagen am gesamten tschechischen Eisernen Vorhang, inklusive Grenzturm (hinten links) und kleinem Grenzerhäuschen (vorne rechts), das aussieht wie eine grünliche Telefonzelle mit weißem Kiesboden. Nur den Infopavillon dazu hat ein bayrisch-böhmisches Projekt beigesteuert.
Ich konnte durch eine Zauntür in den engen Korridor zwischen zwei Grenzzäunen treten, in den Bereich, der nur den Soldaten vorbehalten war und... Junge, Junge, das war ein beklemmendes Gefühl da drin, eingeklemmt zwischen so viel Draht.
Auf den ersten Blick sehen die T-förmigen Zäune aus wie die frühe DDR-Grenze in Phase 2. Von Mauern, Streckmetall und Selbstschussanlagen keine Spur. Das passte zu der Vorstellung, die ich früher von den Grenzen der anderen Ostblockstaaten hatte - so ähnlich, aber nicht ganz so extrem wie in der DDR.
Das ist leider falsch. Die Tschechoslowakische Sozialistische
Republik machte beim Grenzschutz einiges anders als die DDR, übertrieb dabei zum Teil
noch viel mehr und musste deswegen schon in den 60ern, deutlich früher
als die DDR, massiv zurückrudern.
Bis zu 15 Kilometer vor der
Grenze musste man eine Genehmigung vorzeigen (das sind 10 Kilometer mehr
als in der DDR), acht Kilometer vorher wurden alle Wegweiser abgebaut,
und zwei Kilometer vorher (das sind 1,5 Kilometer mehr als in der DDR)
durfte absolut niemand außer den Soldaten rumlaufen. Das war einfach
dermaßen unpraktisch, dass die 15-Kilometer-Zone nachträglich auf drei
Kilometer reduziert werden musste.
Der Straftatbestand der Republikflucht hieß hier Unberechtigte Verlassung des Gebiets und keine Befolgung des Zurückaufrufs, was ja genaugenommen heißt, dass man auf dem Weg in den vermeintlichen "Goldenen Westen" straffrei blieb, wenn gerade kein Soldat zum Zurückrufen da war.
Minen und Schießbefehl gab es auch hier, aber statt Streckmetall setzte
die ČSSR auf normalen Stacheldraht, statt gepflügter Erde verstreute sie
Sand, um Fußspuren zu erkennen. Und vor allem benutzte sie statt
Selbstschussanlagen Drähte mit 5000 Volt. Auf dem mittleren der drei Zäune (laut Texttafel, ich sehe hier nur zwei) gab es einen tödlichen Stromschlag. Den erlitten nicht nur Flüchtlinge, sondern auch umfallende Bäume, Tiere
und Grenzsoldaten. 650 tschechische Grenzsoldaten kamen im Dienst ums Leben - und nur 10 davon beim Kontakt mit Flüchtlingen, der Rest durch Unfälle und Selbstmord.
Deswegen wurde der Zaun auf eine nicht
tödliche Spannung herabgesetzt, die nur Alarm bei den Soldaten auslöste.
Und das ganz ohne irgendeinen Micháil Gartenschlegr, der ein paar Volt
klauen musste. Einfach nur, weil die Entscheidungsträger dermaßen blöd
waren, dass sie einen Teil ihrer eigenen Blödheit von allein erkannt
hatten. Gut, vielleicht haben die internationalen Proteste auch eine gewisse Rolle gespielt.
Auch wenn der Elektrozaun 1991 ganz abgebaut wurde, trauen sich tschechische Hirsche bis heute nicht über die imaginäre Linie.
Statt des tödlichen Stroms wurde dann wie in der DDR ein vorgelagerter Grenzsignalzaun errichtet. Seine Schneise verläuft noch heute durch den Wald, im Tal der Warmen Moldau wurden ein paar Panzersperren dazugelegt. An dieser Brache ist also ausnahmsweise nicht der Borkenkäfer schuld.
Außerdem handelt es sich streng genommen nicht um eine Brache, sondern um eine wiederholt gestörte Stelle. Und das ist eigentlich etwas Gutes, zumindest, wenn man das Wald-Läusekraut, das Gewöhnliche Fettkraut oder die Sumpf-Fetthenne fragt. Letztere kommt in Mitteleuropa bloß an vier Orten vor, zwei davon in der Šumava. Diese Arten mögen ganz bestimmte feuchte, aber entblößte Stellen (bitte nicht lachen), und die finden sich normalerweise höchstens am Ufer von Gewässern, durch menschliche Bewirtschaftung aber sogar da immer seltener - für diese Pflanzen war die etwas andere Art der menschlichen Bewirtschaftung an der Grenze also ein Segen.
Was die geschleiften Dörfer angeht, so sind die in dieser Region viel präsenter als in Nordböhmen oder sogar an der Innerdeutschen Grenze. Auch hier wohnte im Grenzgebiet eine deutsche Minderheit, und auch hier wurden sie Sudetendeutsche genannt - obwohl das Gebirge, das im deutschsprachigen Raum Sudeten genannt wird, eigentlich am entgegengesetzten Ende Böhmens liegt.
Zu jedem verschwundenen Dorf steht ein aufgeschlagenes Buch herum, das dessen Geschichte umreißt - so etwas sucht man anderswo im Sudentenland vergebens. Hier im Tal der Warmen Moldau stand zum Beispiel Grafenhütte. Die Grenzdörfer waren wirtschaftlich umtriebig, bliesen Glas und sägten Holz. Aber schon Krisen in den 1890ern und 1930ern würgten die Wirtschaft ab, einige wanderten nach Amerika aus. Von ihnen bleiben nur noch Schmelzglas-Stücke im Waldboden.
An diesem Gasthaus waren eine Kirche und ein Haus des geschleiften Dorfs im Modell nachgebaut.
Ich fuhr immer parallel zur Grenze auf dem Kamm der Šumava bzw. des Böhmerwalds. (Ich benutze den tschechischen Namen, weil man in dem schon das Rauschen des Waldes heraushört, und wahrscheinlich ist das wirklich der Ursprung des Namens.) Dieser urige Urwald wirkt aus der Ferne gesehen gar nicht besonders groß, spitz oder steinig, nur eine endlose Kette grüner Wellen. Und trotzdem haben diese Gipfel irgendetwas an sich, das andere Mittelgebirge nicht haben. Vielleicht gerade durch die dünne Besiedelung und die vielen unbebauten Wälder. Hier und da haben der Erlen-, Südliche Kraut-, Dattel-, Fichten-, Lärchen-, Kiefern- und Lindenborkenkäfer zugeschlagen. Aus irgendeinem Grund übersetzt eine Tafel zwei der Käferarten mit Buchdrucker und Kupferstecher. ("Wie machen Bruchdrucker das? Buchdruckermännchen fliegen eine Fichte an und bauen unter der Borke Rumpelkammern." Ich hätte jetzt eher auf eine Buche getippt...)
Zwei weitere Bächlein fließen in Richtung der Warmen Moldau. Die Kleine Moldau, auf Tschechisch Vltavský potok ("Moldaubach"), verbirgt sich in Sümpfen und Baumleichen,...
...und die Grasige Moldau, auf Tschechisch Řasnice, streift die Grenze und sprudelt dann stattlich unter dem Radweg hindurch. Der tschechische Name verrät schon, dass die Tschechen sie eigentlich gar nicht als Quellfluss der Moldau ansehen.
Auf und ab und auf und ab ging der Weg, funktionierende Gangschaltung und Kofola sind überlebenswichtig. Schließlich kam ich neben einem Fischzuchtrestaurant an einer großen Kraftfahrstraße in Richtung Deutschland raus, auf der ich ein kurzes Stück zurücklegen musste. Das hatte aber auch sein Gutes, denn in der Tankstelle konnte ich unkompliziert Wasser nachfüllen und Kofola nachkaufen. Anscheinend wurde in der Šumava ein neues Geschlecht entdeckt, von dem selbst die Gender Studies noch nichts wissen: Ein gelbes Haus hinter einer Mauer machte Werbung für Neue Mödchen.
Endlich konnte ich wieder runter vom Gebirgskamm. Die Radroute macht nun einen verblüffend flachen Bogen durch ein paar Dörfer.
Jede freiwillige Feuerwehr hat eine eigene Ampel, die nur dann warnend blinkt, wenn gerade ein Löschwagen aus der Einfahrt ausrückt.
Die Feuerwehrampeln haben deutliche Ähnlichkeit mit den bekannten tschechischen Bahnübergangsampeln. Und genau die blinken nun auch in regelmäßigen Abständen vor sich hin. Zum ersten Mal hat die Moldau eine Bahnstrecke, und wenn ich in Stožec aus dem Zug gestiegen wäre, dann wäre der Weg zur Quelle tatsächlich kürzer gewesen als von Bayrisch Eisenstein.
Mich begleiteten aber nicht nur die Gleise und der mit Abstand angenehmste Radweg des Tages, sondern vor allem die Studená Vltava, also die Kalte Moldau. Die kommt hier rüber aus Bayern, wo sie bei Haidmühle aus dem Zusammenfluss von Roth- und Weberaubach entsteht. (Die Bäche haben keine gefasste Quelle, der Zusammenfluss ist aber mit einem Findling markiert.)
Dann hätten wir doch jetzt mehr als genug Vltavas zusammen, und laut Karte sollten sich die Warme und Kalte nun vereinigen, und zwar genau... jetzt. Hm. Mist, ausgerechnet hier ist das Wasser wieder außer Sichtweite.
Es gab zwar eine Zufahrt über die Gleise zu einem einsamen Haus mit Auto, doch dahinter sollte es laut Karte überhaupt keinen Weg geben. Und sieht das nicht alles nach Privatgrund aus? Aber weil da kein Verbotsschild stand, schaute ich mal nach.
"Sie wollen zum Zusammenfluss?", sprach mich ein mutmaßlicher Nationalpark-Ranger direkt an. "Das geht. Einfach in diese Richtung bis zum Bach, dem bis zur Moldau folgen und dann links an der Moldau lang. Sie dürfen nur nicht in den größeren Wald links rein, der ist Kernzone."
Es ging tatsächlich. Aber ein Spaziergang war das nicht gerade. Mehr als einmal versperrte mir schwarzer Schlamm den Weg, und ich hatte die Wahl, einen Umweg zu gehen oder auszutesten, wie hoch genau die Pampe an meinen Wanderschuhen emporsteigen würde. So etwas wie ein Pfad war nur gelegentlich zu erkennen. Es gehen also schon manchmal Leute zum Zusammenfluss, aber nicht oft genug - und wenn die alle so wie ich an den unübersichtlichen Stellen wahllos in irgendeine Richtung abbiegen, dann entsteht natürlich auch in Zukunft kein eindeutiger Trampelpfad.
Die Landschaft heißt Mrtvý Luh (Tote Au), obwohl sie durchaus artenreich ist. Zumindest für manche der Birken passt der Name, denn einige sind böhmischen Bibern zum Opfer gefallen. Nach dem Abnagen hatten die Biber anscheinend die Lust verloren und den Baum einfach liegengelassen, anstatt ihn zu verbauen. Vielleicht waren sie einfach zu demotiviert, nachdem sie einen Blick auf die menschlichen Staudämme geworfen hatten, die nun bald kommen werden.
Zum Schluss musste ich mich noch durch eine stachlige Heckenlandschaft kämpfen, die an meinen Kleidern riss, selbst da, wo eine Art Pfad zu erkennen war. Dann stand ich an einem kleinen Strand, und um mich herum strömte das Wasser über dem bräunlichen Boden still und schnell dahin. Die Kalte Moldau war hier vergleichsweise warm, was auch kein Wunder ist, wenn Sonnenlicht auf flaches, klares Wasser trifft.
Diese Stelle ist als Rastplatz eingetragen und hat sogar eine Infotafel - obwohl nicht mal ein richtiger Weg hierher führt. Die Erklärung dafür ist einfach: Hauptzielgruppe für diesen Rastplatz sind offensichtlich die Paddeltouristen. Für die erklärt die Tafel ganz genau, zu welcher Uhrzeit sie auf welchem Abschnitt paddeln dürfen (in diesem Bereich von 8 bis 20 Uhr, bei einem Pegel unter 50 cm generell nicht). Nur auf den Flussabschnitten außerhalb des Nationalparks gibt es keine Einschränkungen. Auch der paddelnde Pastor aus meiner Heimat hat einmal eine Tour auf diesem Abschnitt der Moldau organisiert, bei der ich leider nicht dabei war.
Wie unschwer zu erkennen ist, mäandert die junge Moldau in dieser Ebene ständig hin und her, trägt die Erde hierhin und dorthin. Die Kurven verändern sich so immer mal wieder, und im Frühling nach der Schneeschmelze ignoriert die Moldau die Ufer auch gerne mal komplett. Diese Landschaft entspricht einer nordischen Taiga.
Lange bleibt sie aber keine nordische Taiga. Die junge, vereinigte Einfach-nur-Moldau fließt nur wenige Kilometer so herum, da wird sie plötzlich dicker und erhält schon wieder einen anderen Namen, nämlich
Stausee Nr. 1: vodní nádrž Lipno I
- aber dazu kommen wir morgen.
Daneben befindet sich der Ort Nová Pec (Neuofen), einer Ansammlung einfacher Wohnblocks und holzverkleideter Häuser. Endlich ein Supermarkt - wie, der schließt samstags schon um 11:30? Ich habe Durst, meine Flaschen gehen schon wieder zur Neige!
Mit dem entspannten Radeln war nun wieder Schluss. Auf einer geraden, steilen Straße neben einem sehr rechteckigen Bächlein musste ich wieder rauf auf die Berge. Wobei, so steil waren die Wellen eigentlich nicht - mit bloßem Auge sah die Strecke manchmal geradezu flach aus. Aber nach den Höhenmetern, die ich bisher in den Beinen hatte, wurde sie trotzdem zur Quälerei.
An einer dreieckigen Kreuzung kam ich dann bei einem ganz anderen Gewässer heraus. Der klare, gerade, kleine Bach direkt neben dem Weg war offensichtlich künstlichen Ursprungs. Und offensichtlich alt, denn heutzutage würde sich ja keiner mehr die Mühe machen, so einen schmalen Kanal anzulegen, außer in Ziergärten. Auch die steinernen Reste von Brücken und Stonehenge-Wehren deuten darauf hin. Sieht ein bisschen aus wie diese Gräben im Harz, die künstliche Wasserfälle für die Touristen speisen sollen.
Ist es aber nicht. Das Ding hier ist wesentlich länger, nämlich 52 Kilometer, und heißt Schwarzenberger Schwemmkanal. Als Tschechien noch zu Österreich-Ungarn gehörte, war dieses Land Eigentum der Fürsten zu Schwarzenberg. Diese Adelsfamilie kam ursprünglich aus Franken, hatte aber schon im 15. Jahrhundert angefangen, Land in Böhmen einzukaufen. Im Heiraten, Erben, und generell im Spiel der Throne waren sie so geschickt, dass sie quasi zu einer Art Habsburger light wurden und den österreichischen Ministerpräsidenten, den Prager Erzbischof und bis 2013 den tschechischen Außenminister stellten.
Auf ihren Ländereien in der Šumava wuchsen jede Menge Bäume (der Borkenkäfer war noch nicht erfunden), und das wollten sie gern zur Brennholzversorgung Wiens benutzen. Aber wie? Holz in einem total unzugänglichen Wald zu fällen, hat sich damals wirtschaftlich einfach nicht gerechnet. Ihr Angestellter, der Forstingenier Rosenauer, hatte einen verrückten Plan: Wir bauen einen Kanal über die kontinentale Wasserscheide Elbe/Donau hinweg, von der Moldau bis in die Große Mühl. Dafür brauchte es 1200 Arbeiter, und dann nochmal dauerhaft 300 Triftarbeiter, die am Rand aufpassten, dass die Baumstämme da auch richtig durchliefen. Aber es funktionierte. 22 000 Stämme pro Jahr, hundert Jahre lang, bis 1892, und auch danach benutzte Tschechien den Kanal noch bis 1961 ein bisschen weiter. Die Schattenseiten, an denen es in solch einem schattigen Wald nie mangelt: Die neue Holzindustrie schuf Fichten-Monokulturen, der letzte Bär starb 1856, der letzte Wolf 1874, der letzte Elch hielt bis 1896 durch. Inzwischen gibt es aber wieder (w)elche.
Jeder, der schon mal im Harz war, wird sich bei diesem Anblick an das Harzer Wasserregal erinnert fühlen - besonders, als noch einmal eine Borkenkäferbrache kam. Am Kanal verließ ich den Moldau-Radweg und fuhr noch weiter bergauf, denn zu meiner heutigen Übernachtungsstelle war ein großer Umweg fällig. Und als ich in der App noch ein paar weitere Wasser-Sehenswürdigkeiten entdeckte, verlängerte ich den Umweg spontan. Da waren zum einen die kleine Kaskáda na Koňském potoce ("Kaskade im Pferdebach")...
... und zum anderen ein "Aquädukt" (dort überquert besagter Kanal besagten Bach). War der halbverdeckte Blick auf das gemauerte Röhrchen wirklich diesen Umweg wert? Kann man so sehen oder so sehen.
Der Radweg direkt am Kanal war logischerweise flach, dann aber wurde es wieder bergig. Schweißüberströmt erreichte ich ein menschenüberströmtes Haus. Nanu, eine Gaststätte? So hoch oben, so weit draußen, und um halb sieben noch geöffnet? Ich liebe dieses Land.
"Würstchen im Brötchen!"
"Pommes mit Ketchup!"
"Irgendwem wird hier der Kaffee kalt!"
In einem Fenster nahm ein bärtiges Urgestein Bestellungen entgegen, unterbrochen von gelegentlichen Rufen nach jenen, die doch bitte ihre Bestellungen abholen sollten. Essen hatte ich genug dabei, Trinken nicht mehr. Als ich ein Grapefruit-Radler ("Grep") bestelle, verlangte er aber überraschenderweise nur Pfandgeld und hab mir einen Becher. Das Zapfen der drei Getränke machen die Gäste ein Fenster weiter gegen Münzeinwurf. Ich hatte die tschechischen Kneipen irgendwie uriger in Erinnerung... Aber immerhin knausert das Gerät nicht mit den Portionen - als sich der Schaum gelegt hatte, konnte ich weiterzapfen, bis der Becher voll war! Das WC hatte kein Leitungswasser, aber zum Mitnehmen gab es immerhin Halbliterflaschen Kofola. Welch ein herrlicher Zwischenstopp!
Kurz darauf stieß ich auch schon auf den ganz kurzen Abzweig zum Nouzové Nocoviště pod Plešným Jezerem ("Notübernachtungsplatz unter dem Plöckensteiner See"). Das ist der letzte der sieben Naturlagerplätze der Šumava. Auf diese schönen Plätze bin ich kurz vor der Tour nur dank Rebecca Salentins Buch Iron Woman aufmerksam geworden. Drei dieser Plätze liegen in der Nähe zum Radweg, und zwei weitere (darunter dieser) noch in halbwegs akzeptabler Entfernung. Anders als der tschechische Name suggeriert, darf man hier nicht nur im Notfall pennen. Anders als der genutzte deutsche Name Biwakplatz suggeriert, darf man da auch zelten und nicht nur biwakieren. Anders als die Abstände, Standorte und Aufmachung der Plätze suggerieren, darf man da auch als Radler und nicht nur als Wanderer pennen. Einzige Regeln: Nur nicht motorisiert, nur eine Nacht, nur bis zu 10 Personen, nur von 18 bis 9 Uhr (als Öffnungszeiten in allen Apps eingetragen, aber wer kontrolliert das schon?) und nur innerhalb der Holzzäune auf den Sägespänen. Die letzte Regel sorgte dafür, dass sich bereits jede Menge Zelte und ein Biwak auf engem Raum drängten. Auf dem direkten Weg zum Dixiklo war kein Durchkommen, überall Planen, Seile und ein liegender Mensch im Biwaksack. Ansonsten hat der Platz noch ein paar Rasttische, manche davon überdacht. Nur mit den Wasser nachfüllen wird es wieder nix.
Für die motorisierten Reisenden sieht es schlechter aus: Alle Parkplätze im Nationalpark verbieten ausdrücklich Wohnmobile und Übernachtungen. Daran kann wohl auch die nun regierende Motoristen-Partei nichts ändern.
Alle tschechischen Radler nutzten das verlängerte Maiwochenende, um ihre Kinder und in einigen Fällen sogar Frauen die Bergen raufzujagen. Mit großem Ehrgeiz strampelten die Kinder hinter mir her. Das Schöne war: Heute kam ich locker bei Tageslicht an und musste mir keine
Gedanken darüber machen, ob ich durch mein Aufbauen jemanden wachhielt. Das weniger Schöne war:
Spätnachts sollten die Kinder mich wachhalten, bis der Vater mit fuchtelnder Taschenlampe zu ihrem Zelt rüberlief und sie anherrschte: "Kinder! Kinder! Jetzt ist aber Schluss!"
Besagter Vater war übrigens, wie auch andere Radler, neugierig, wohin
dieser viel zu dick bepackte deutsche Radfahrer wollte und warum er so
gut tschechisch sprach.
Boah, bin ich fertig. Dabei waren das doch nur 65 Kilometer. Am besten, ich lege noch eine Wanderung ein. Ich wollte noch nicht, dass der Tag und das Gebirge zu Ende waren. Außerdem wollte ich nicht unter irgendeinem See übernachten, ohne den See auch gesehen zu haben.
Ich wählte den direkten Wanderweg, der für Fahrräder viel zu steil und steinig war. Und dennoch hing da dieses Schild, das im Prinzip alles verrät, was man über tschechische Radfahrer wissen muss.
Und dennoch fragte mich der Vater, als ich wieder runterkam: "Kann man da mit dem Fahrrad hoch?"
Eine Sehenswürdigkeit auf dem Weg ist das Kammené moře (Steinernes Meer), ein paar harzähnliche Felsbrocken, die wie Inseln aus dem Nadelmeer rausgucken. Auf die vordersten konnte ich sogar raufgehen. So vereinzelt und zusammenhanglos, wie sie aussehen, sind die Brocken nicht - das ist die Spitze eines enormen Geröllhaufens, der 150 Meter unter die Erde reicht. Der breiteste Gletscher des Gebirges hat diese Endmoräne während der letzten Eiszeit zusammengeschoben. Oha - bei uns im Norden haben Endmoränen hier und da einen Riesenstein drin, aber hier bestehen sie komplett aus den Dingern!
Als der einen Kilometer breite Gletscher abschmolz, blockierte ihm das Steinerne Meer den Weg nach unten, und er blieb in flüssiger Form gefangen - willkommen am Plešné jezero (Plöckensteiner See)! Man kann also sagen, dass der See quasi das Steinerne Meer und zugleich das Steinere Meer den See geschaffen hat.
Dahinter ragt die Kulisse der Jezerní stěna ("Seewand") auf. Die regelrecht alpine
Felswand mit Nadelbäumen ist eigentlich ein tolles Panorama, das aber
abends nicht zu voller Geltung kam, weil die Sonne diesen Winkel der
Berge nicht mehr erreichte.
An seinem Ufer stand mal die Luxemburgische Hütte. Die brannte 1952 ab und wurde durch eine Militärbaracke ersetzt, heute gibt es nur eine einfache Rasthütte. Die bekanntesten Besucher waren der Schriftsteller Adalbert Stifter und Kronprinz Johann von Schwarzenberg, an die je ein Denkmal erinnert. Was, wieso hatten die Schwarzenbergs auch noch Prinzen, die waren doch kein Königshaus? Ach so, bei den Fürsten wurde der Haupterbe auch manchmal so genannt, um sich noch wichtiger zu machen, als er ohnehin schon war.
Was ein Tag. Ich eilte nach unten, um mich gründlich auszuschlafen, und packte mich so warm ein wie letzte Nacht. Das Verrückte war: Letzte Nacht habe ich im selben Outfit noch gefröstelt, diese Nacht war mir zu warm. Obwohl ich in deutlich höherer Lage schlief. Irre, was für einen Temperaturunterschied der 1. Mai zum 2. Mai machen kann, wenn die Sonne das Land 12 Stunden lang volle Kanne aufheizt.
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