05 Juni 2025

Spree: Von Erkner nach Köpenick

Der aufmerksame Leser wird sich wundern: Hö, wieso sind da immer noch drei Tage übrig? Hat der Trottel echt so lange durch Berlin gebraucht, so zäh kann der Verkehr dort nun auch wieder nicht gewesen sein?
Nein, war er nicht (nur fast). Diese kurzen Berliner Spreetappen bin ich während eines Wochenendbesuchs, einer Berliner-Mauer- und einer Havelradtour gefahren, daher die Zersplitterung. Aber es ist nicht so, als gäbe es nichts zu erzählen über die kurzen Stückchen.


Erkner hat auch seinen eigenen See, der Dämeritzsee versteckt sich aber lieber hinter modernen Villen. So richtig bekam ich ihn erst zu Gesicht, als die Spree schon wieder rausfloss. Wobei, eigentlich auch da nicht so richtig. Macht nix, der nächste kugelrundliche See folgt sogleich. Das Land an der sogenannten Müggelspree zwischen den Seen war mal eine Sumpflandschaft, quasi eine Art Mini-Spreewald. In den 20ern wurde das alles mit Kanälen trockengelegt und Neu-Venedig genannt, was noch am ehesten von den Grundstückspreisen her passen könnte.


Am Müggelsee wollte ich nichts dem Zufall überlassen und verließ die empfohlene Strecke, um mir die zweite annähernd kugelrunde Wasserfläche anzuschauen.
Damit überließ ich aber etwas ganz anderes dem Zufall.
Nämlich die Tatsache, ob sich unter meinen Reifen fester Boden befindet oder doch purer Strandsand.
Ein paar Sportboote lagen im Hafen, doch ansonsten war es erstaunlich ruhig. Sollte hier nicht schon mehr los sein, an einem solch schönen Strand nah an der Metropole?

Der Radweg ist eigentlich super ausgebaut, wenn man bereit ist, etwas Abstand zum See zu halten. Die Waldstraßen und Radwege kurven fast vollkommen flach über den Blätterboden und um die schlanken Säulen der Laubbäume.
Schwer zu glauben, dass sich gleich nebenan ein Berg mit dem Müggelturm befinden soll. Der alte Müggelturm ist 1958 abgebrannt, aber ein paar Kunststudenten haben gleich einen neuen Entwurf für das beliebte Ausflugsziel gewagt. Hm, da könnte ich ja eigentlich wirklich mal hoch... ah nee, Google sagt, is schon zu. Außerdem klagen die Bewertungen über einen furchtbaren baulichen Zustand und das seit ein paar Monaten geschlossene Café. Nein danke, das klingt mir verdächtig nach dem gruseligen Bayernturm von Zimmerau...

Später rückt der Radweg näher an den Gehweg und die kleinen Grasstrände heran.

Als die Spree den Müggelsee wieder verließ, habe ich meinen Weg ebenfalls verlassen, um mir eine kleine Besonderheit anzuschauen - den ersten Tunnel unter der Spree. Wenn auch nicht der einzige, in Berlin-Mitte gibt es definitiv einen Eisenbahntunnel, mehrere U-Bahn-Tunnel und wahrscheinlich auch mindestens einen Straßentunnel. Aber die lassen sich mit dem Spreetunnel nur sehr bedingt vergleichen.
Erst einmal war er ganz schön schwer zu finden unter den ausladenden Baumkronen. Ich schob die letzten Zweige zur Seite, und auf einmal klaffte ein archaisches Treppenmaul vor mir auf, aus dem hysterische Geigenmusik hallte.
What?
Neugierig und fast gar nicht beunruhigt stieg ich die Stufen hinunter in den niedrigen Tunnel, der zu 80 Prozent von Graffiti, zu 15 Prozent von Patina (eine genauere Untersuchung wurde aus Selbstschutzgründen abgebrochen) und zu 5 Prozent von bröckelndem Stein zusammengehalten wird. So, nun müsste ich aber gleich... nee, noch mehr Stufen, aber gleich... jap, nun bin ich ganz unten angekommen.
In dem niedrigen Gang befand sich keine Menschenseele außer einem bärtigen Violinisten, der sich mit all seiner Kraft und Leidenschaft in rasendem Tempo (auf jeden Fall deutlich schneller als mein heutiges Tempo) die Seele aus dem Leib geigte.
Dit is Berlin, dachte ich mir.
"Das ist Berlin", lachte später auch mein Gastgeber.
Dit is Berlin, denkt sich da wahrscheinlich jeder, sogar jene, die bisher noch nie wirklich was mit der Stadt zu tun hatten.

Eigentlich musste ich überhaupt nicht unter der Spree durch, sondern einfach immer derselben Straße bis rein nach Köpenick folgen. Berlin-Köpenick ist so was wie das östliche Gegenstück zu Berlin-Spandau: Eine kleine Altstadtinsel in einer Flussmündung und eine der drei mittelalterlichen Keimzellen Berlins.
Die Dahme mündet in die Spree (guck an, es gibt also doch einen Spree-Nebenfluss mit eigenem Radweg) und bildet ein dickes nasses Dreieck, das in der Abenddämmerung und den Lichtern der Stadt violett schimmerte. Das beobachtete ich eine Weile in einem Rosengarten am Ufer (sogar der hatte Patina), während ich mich vor einem Regenschauer versteckte. Zwischen den Wohnblocks in meinem Rücken herrschte die gesetzlich vorgeschriebene Nachtruhe, das hatte so gar nichts von der ach so gefährlichen Stadt, in der ich mich laut der CSU befand. Wie ich später von meinem Gastgeber hörte, war die Nahverkehrsanbindung nach Köpenick gerade äußerst bescheiden ("Von A nach B ist keine gute Idee."), und es hatte fast den Anschein, als hätten die Berliner diesen schwer erreichbaren Stadtteil am Rande irgendwie vergessen.

Die Altstadt selbst ist, ähnlich wie in Spandau, nicht superhistorisch und darüber hinaus weitgehend gefüllt mit Baustelle vier. Unter den (ehemals) weißen Häusern sticht die märkische Backsteingotik am Rathaus umso deutlicher hervor, wie eine Mini-Version des Roten Rathauses im Zentrum. Sogar die kleinen weißen Flächen zwischen den Ziegeln wirken wesentliche weißer als die komplett "weißen" Häuser.
Aus dem Rathaus schreitet eine Figur des bekanntesten Köpenickers, der bisher auch das einzige war, was ich mit Köpenick in Verbindung gebracht hatte. Sein Name war Wilhelm Voigt, Schuhmacher, Dieb und Urkundenfälscher. Nach Jahren im Gefängnis wollte er sein Leben in den Griff bekommen und fand ordentliche Arbeit. Dummerweise bekam das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin Wind von seinen Vorstrafen und verwies ihn des Landes. Er zog in die Nähe von Berlin - dasselbe Spiel wiederholte sich. Der rehabilitationswillige Wilhelm hatte genug. Er kaufte sich an verschiedenen Stellen eine Hauptmannsuniform zusammen. Am 16.10.1906 ging er, als Hauptmann verkleidet, zu einer Militärbadeanstalt und befahl elf Soldaten, mitzukommen, Kabinettsorder. Sie folgten ihrem Befehlshaber gehorsam in die Stadtbahn ("Es war mir nicht möglich, Kraftwagen zu requirieren.") und ins Köpenicker Rathaus.
An dieser Stelle gibt es zwei Versionen. Mein Reiseführer, Voigts Autobiographie, das Theaterstück und der Film mit Heinz Rühmann behaupten, er wollte sich eigentlich nur einen Pass ausstellen lassen, den er als Vorbestrafter aus bürokratischen Gründen nicht bekommen konnte, und im Ausland endlich ein gesetzestreues Leben beginnen. Dagegen sprechen einige Gründe, zum Beispiel, dass in diesem Rathaus überhaupt keine Pässe ausgestellt wurden, was ihm bei seinen umfangreichen Vorbereitungen eigentlich hätte auffallen müssen. Laut Wikipedia hatte er deshalb von Anfang an vor, das zu tun, was er am Ende tat: Den Bürgermeister, Oberstadtsekretär und Polizeichef verhaften und die Stadtkasse "beschlagnahmen." Während er mit besagter Kasse in die Bahn stieg, hielten die loyalen Soldaten weiter das Rathaus besetzt. Erst zehn Tage später verpfiff ein ehemaliger Zellengenosse den Hauptmann von Köpenick an die Polizei.
Die Richter kauften ihm die Passgeschichte nicht ab, was es umso überraschender macht, wie viel Verständnis sie für den Mann zeigten, der offensichtlich versucht hatte, ehrlich zu leben, und ohne eigene Schuld daran gehindert worden war. Der Hauptmann von Köpenick hatte eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Eigentlich hatte er die Schwächen des preußischen Gehorsams offengelegt, aber Kaiser Wilhelm checkte das nicht so richtig, und war im Gegenteil sogar auf verquere Weise stolz auf den amüsanten Vorfall. ("Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!") So stolz, dass er den Hauptmann von Köpenick begnadigte. Nach seiner Freilassung war er ein Star und konnte von Bühnenauftritten leben (also der Hauptmann von Köpenick, nicht der Kaiser).

Die anderen preußischen Ereignisse aus Köpenick sind weniger witzig. Am 1. Mai 1933 weigerten sich die Köpenicker Arbeiter, zu Naziparolen zu marschieren. Darauf folgte Ende Juni die Köpenicker Blutwoche, bei der die SA überall linke Regimegegner verschwinden ließ - ein Testlauf, um die Fähigkeit des deutschen Volkes beim Wegsehen einzuschätzen.

Am Ufer der Dahme steht ein weißes, barockes und unvollendetes Stuckschloss, das in jetziger Form für den Soldatenkönig Friedrich I. gebaut wurde. Über die Zugbrücke konnte ich den Innenhof und den Garten besichtigen, aber die paar kugelrund zurechtgeschnittenen Hecken waren nicht übermäßig spannend. Ganz anders das dramatischste Ereignis, das in diesem Schloss stattfand, der Kronprinzenprozess.
Der Sohn des Soldatenkönigs und spätere König Friedrich II. war sehr unglücklich unter seinem tyrannischen Vater, der seinen Tagesablauf genau eintaktete (7 Minuten fürs Frühstück) und sowohl seinen Sohn als auch dessen Lehrer verprügeln ließ, wenn er mitbekam, dass der Junge heimlich ein bisschen Latein und Literatur statt Militär- und Wirtschaftswissen gelernt hatte. Dann lernte der junge Friedrich einen acht Jahre älteren Leutnant namens Hans Hermann von Katte kennen, der sich ebenfalls für Dichtung und Flötenspiel interessierte. Weil er sich nicht anders zu helfen wusste, versuchte der Prinz mehrfach, mit seinem Freund ins Ausland zu fliehen und scheiterte jedes Mal am zu loyalen (oder zu ängstlichen) Personal seines Vaters. Nach dem letzten Versuch bekam der König einen Brief seines Sohnes an Hermann von Katte in die Hände, und mit diesem Beweismittel konnte er sie beide endlich im Köpenicker Schloss vors Militärgericht bringen. Der Prozess begann damit, dass Friedrich I. Hermann von Katte erst einmal persönlich brutal verprügelte. Die (vermutlich etwas blassen) Richter erklärten sich als allererstes für nicht zuständig, was den Thronfolger anging, und verurteilten dann Katte wegen Desertion zu lebenslanger Festungshaft. Woraufhin der König ihnen nahelegte, sie sollten sich nochmal zusammensetzen und das Urteil überdenken. Als die Richter dabei blieben, wandelte der König persönlich das Urteil in eine Todesstrafe um.
Als der Prinz das Urteil hörte, fiel er in Ohnmacht.
Man steckte beide Freunde in dieselbe braune Kleidung, damit der Prinz glaubte, auch er würde sterben. Stattdessen war er gezwungen zuzusehen, wie sein Freund mit dem Schwert enthauptet wurde.

So weit, so tragisch. Ein Heranwachsender, das auf diese Weise seinen engsten Freund verliert, ist in jedem Fall fürs Leben gezeichnet.
Dennoch bleibt die Frage: Wie nahe standen sich diese beiden Freunde nun eigentlich wirklich? Die Anzeichen sind da, dass zwischen ihnen was lief. Zum Beispiel Friedrichs Schwester, laut der Katte ihren Bruder weg von einem "anständigen Leben" hin zu "Verirrungen" trieb.
Natürlich sind wir wie alle Generationen nicht frei davon, die Geschichte durch die Augen unserer Zeit zu deuten, und mit Sicherheit können wir das sowieso nie wissen. Ich sag mal so: Wer jede enge Freundschaft mit Ausrufen wie „Wie unglücklich bin ich, mein lieber Katte, ich bin schuld an Ihrem Tod, wäre ich doch um Gottes Willen an Ihrer Stelle!“ - „Ach, Monseigneur, hätte ich tausend Leben, ich opferte sie Ihnen.“ als Liebesbeziehung interpretiert, der wird wohl in manchen Fällen falsch liegen, aber in manchen Fällen sicherlich auch richtig.

04 Juni 2025

Spree: Von Trebatsch nach Erkner

Ich habe Hunger. Da stand doch gestern Abend mindestens ein Symbol für Hier gibt's Essen auf dem Schild, oder?


In der Tat. Der kurz angebundene Bäcker von Trebatsch rührte mir auf anrührende Weise ein Bäckerührei an, das ich auf der Terasse verspeisen konnte, während einzelne Trebatscher zum Zeitung- und Brötchenholen eintrudelten. Soo viel Strecke war nun auch nicht mehr übrig, daher verbrachte ich den heutigen Morgen relativ gechillt.

Als erstes bin ich schnurstracks gen Norden gedüst, neben dem geraden Radweg verlief eine ebenso gerade Straße. Der Wald wird wieder feuchter und belaubter.

Mitten auf dieser Strecke ragt die Stadtmauer von Beeskow empor, diese komplett rechtwinklige Stadt sieht aber von außen historischer aus als von innen. Beeskow soll die komplette Industrialisierung verschlafen und sich dadurch den "Kleinstadtcharakter bewahrt" haben... ja, das glaube ich gern.

Allerdings stand Beeskow an einem wichtigen Spreeübergang. Ansonsten ist die Spree viel zu breit zum Übergehen: Sie fließt durch den Schwielochsee und ein paar andere längliche, norddeutsche Spreeseen, von denen ich aber kaum etwas zu seen bekam.

So hätte es gern den ganzen Tag weitergehen können, und wäre es so weitergegangen, dann hätte ich mein Ziel sicher schon um 16 Uhr erreicht. Stattdessen: Baustellen. Der erste Uferweg wurde gerade neu gemacht, die Bäume waren zum Schutz vor außer Kontrolle geratenen Baggerschaufeln in Holzkorsetts gepackt. Ein unerschrockener Radrentner raste da trotzdem durch, ich umschob einige fleißige Baumaschinen auf der Wiese. Soo viel Flussufer gab es da am Ende auch nicht, eigentlich hätte ich ebenso gut die Umleitung durch ganz andere Dörfer nehmen können.

An der Kersdorfer Schleuse endete Baustelle1. Ein Kanal verbindet die Spree und den Kersdorfer See mit der Oder. Wer sich hier durchschleusen will, muss in die Sprechanlage sprechen und die Öffnungszeiten beachten (in der Nebensaison nur von 8 bis 17:30 Uhr). Naja, wenn die Berliner Paddler Abends um 17:45 hier stehen, können sie ja immer noch außenrum tragen.
Die DDR nahm im alten Forsthaus am See heimlich RAF-Aussteiger aus den Westen auf. Sie wurden umgeschult ("Sie sind jetzt bei den Guten, also bitte hier keine Politiker abmurksen.") und bekamen eine neue Identität.

Dann bin ich auch schon an der Regionalbahnlinie Magdeburg-Berlin-Frankfurt (Oder) rausgekommen, ab jetzt geht es nach Westen.
Auf dieser Strecke liegt Fürstenwalde. In dieser Stadt hat die Firma Pintsch Leuchttürme für die Ostsee zusammengeschweißt, darum steht einer vor dem Museum.

Soll ich da jetzt wirklich noch reinfahren, um mir den Dom anzuschauen? Es haben doch so viele Städte eine große Kirche, als ob die in Fürstenwalde da jetzt so einzigart... oh.
Dieser Dom ist einzigartig und gehört zusammen mit Havelberg und Brandenburg/Havel zu den drei märkischen Domen. Und zugleich zur verbreiteten Kategorie Lasst-uns-die-Löcher-im-kaputten-Bauwerk-so-modern-zubauen-dass-eine-malerische Ruine-quasi-im-Gebäude-inkludiert-ist. Und das sah so aus:
Ich lief durch eine Glaswand (also, durch die Glastür, um genau zu sein) und unter einer weißen Empore hindurch - hinein in einem Backsteinraum, der heute wahrscheinlich viel weiter wirkt als früher. Der Grund dafür sind die Säulen, denn die enden einfach so und stehen abgeschnitten in der Gegend herum. Ihre ursprüngliche Aufgabe des Stützens ist überflüssig geworden, denn das neue Holzdach trägt sich problemlos selbst. So können sich die Säulen ganz auf den eigentlichen Sinn ihrer Existenz konzentrieren: So stehen, dass der Blick nach vorn ausgerechnet von Ihrem Sitzplatz aus blockiert ist.
Das wurde doch bestimmt erst nach der Wende (quasi postwendend, höhö) wieder aufgebaut, oder? Jein, eigentlich stand der Plan schon vorher, und die Wiedervereinigung brachte nur die ganze Budgetplanung (4,5 Millionen DDR-Mark und 1,5... was zur Hölle sind Valutamark?) durcheinander.

Kurz konnte ich in einem Park am Ufer fahren, dann vereinnahmte Baustelle2 den nächsten Uferweg. Das war wirklich schade, da ging es lange am Wasser lang. 
Die Spree hat jetzt etwas von einem Kanal, immerhin ist sie nun selbst die Wasserstraße zwischen Oder und Berlin. Kein Wunder, dass schon 1840 das gefährliche Wildbaden durch eine Militärbadeanstalt ("Ab einer Wassertiefe von 1,5 m beginnt der Soldat selbstständig mit Schwimmbewegungen.") ersetzt wurde. Aber ich bin stattdessen auf dem deutlich stärker frequentierten Asphaltkanal für Autos gefahren, seufz.

Zum Glück ist der Spree diese Verkehrsachse auch zu laut, sie knickt in Mönchwinkel im 45-Grad-Winkel ab und schiebt einen Bogen in Richtung Süden ein. Puh, endlich Stille. Und das mitten im Dorf. Campingkocher raus, Zeit für's Mittag. Sogar das Flusswasser für den Abwasch war in Reichweite.

Dass der Bogen nach Süden wieder aus Dörferzickzack besteht, störte mich also eher weniger.
In Neu Hartmannsdorf sollte es noch eine weitere besondere Kirche geben. Ob ich hier mehr Glück habe als im gestrigen Hartmannsdorf? Immerhin passiere ich die besonderen Kirchen heute mitten am Tag, da muss doch mal was klappen.
Die fragliche Kirche war von außen in sehr unauffälligem Zahnarztgrün gestrichen. Vor dem Portal führte ein tüchtiger Inquisitor gerade ketzerisches Unkraut den Flammen der Hölle zu. Ich näherte mich daher mit der gebotenen Vorsicht und fragte sehr höflich, ob die Kirche wohl geöffnet sei. Natürlich, lautetet die freundliche Antwort, er senkte seinen Flammenwerfer und ließ mich gern hinein.

Das erste, was mir an der Kirche auffiel, war der Geruch. Sie roch wahnsinnig gut. Nicht nach Weihrauch oder dergleichen, sondern nach Wachs. Bienenwachs. Viel mehr Bienenwachs als nur ein paar Kerzen. Der achteckige Altar aus Bienenwachs entpuppte sich als eher unauffälliges Wachstischchen vor dem Hintergrund, das auch die komplette Wand dahinter gewachst war. 1993 hat diese Kirchgemeinde den Vers „Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus.“ (2. Petrus 3, 18) mal ganz anders interpretiert. Am Eingang der Hoffnungskirche a.k.a. Honigkirche gibt es Blüten, betende Hände und Kreuze mit Psalmen zu kaufen, alles aus Wachs.
Die Wachswand hat etwas Unwirkliches. Blütenpollen wurden beigemischt, Nasen aus Wachs sind daran herunterlaufen und zu einer unregelmäßigen Oberfläche erstarrt. Aber was ist das? Da sind ja Buchstaben im Wachs eingekratzt und eingeschlossen, ganze Worte... VERGEBUNG, NOT, BEGNADIGT, SCHULD... das ganze Werk sieht aus wie ein Portal in ein Paralleluniversum, in dem eine riesige Bienenkönigin eine christliche Theokratie errichtet hat.
Ist mir aber egal, solange es dort so gut riecht.

Das weltliche Symbol von Hartmannsdorf 2.0 ist eine Basketball spielende Spreejungfrau.

Im letzten Wald des Tages hat irgendein künstlerisch abgedrehter Mensch einen Haufen Skulpturen abgestellt, und dazu folgenden Hinweis:
Ihr könnt hier rasten und auch quatschen,
doch keine bösen Sachen machen.
Seid so lieb und so nett
schmeißt euren Müll auch hier nicht weg!
AAH! Die aus Baumstümpfen geschnitzten Zwerge ziehen qualvolle Grimassen unter dieser vogonischen Dichtkunst. Bitte sei so lieb und so nett und bleib bei der Bildhauerei, das kannst du, danke.

Erkner ist die letzte brandenburgische Stadt und besteht eigentlich nur aus einer endlosen Shoppingstraße mit Baustelle Nr. 3, an der ich ewig vorbeischieben musste. Zwei botanische Sehenswürdigkeiten ducken sich nebeneinander in eine Ecke: Die Blumenuhr (nein, es war nicht erst zwölf Uhr) und ein Maulbeerbaum. Er ist das letzte Überbleibsel der Maulbeerplantagen, die es einstmals um Berlin herum gab. Friedrich II. wollte darin Seidenraupen züchten, um sich von Importen aus Asien unabhängig zu machen. Die Plantage wurde ein ökonomisches Desaster. Wie sich herausstellte, war es eine schlechte Idee, in Brandenburg exotische Bäume anzupflanzen und dann zu erwarten, dass die richtig gedeihen, während der Boden mehrfach von Kriegen verwüstet wird.
Erfolgreicher war da die Teeindustrie aus Erkner. Das mit den Verwüstungen wurde leider nur noch schlimmer: Von 1945 bis in die 70er war der Stadtkern nur eine "Barackenstadt".

So, das war der zweite große Fluss quer durch Brandenburg. Und auch ohne den Berliner Teil kann ich an dieser Stelle schon mal sagen: Ich glaube, die Spree hat mir tatsächlich besser gefallen als die Havel.
Bin selbst überrascht.

03 Juni 2025

Spree: Von Maiberg nach Trebatsch

Tag 3 beginnt mit einem Wehr.

Es sieht aus wie ein Wehr. Jap, wirklich sehr wehrhaft. Der Radweg wechselt das Ufer und geht dann ganz normal weiter. Fast hätte ich übersehen, dass ungewehr hier der bekannteste Abschnitt der Spree beginnt: Zwischen den Betonteilen teilt sich der Fluss zum ersten Mal - in die Hauptspree (links) und den Nordumfluter (rechts). Der Nordumfluter ist ein relativ junger Spreearm, er wurde erst in den 60ern gegraben. Er, das Wehr und die 99 anderen Wehre haben die Aufgabe, die heutige Tagesetappe vor Hochwasser zu schützen.
Das Land ist noch relativ offen, das Ergebnis ausgiebiger Waldrodungen.

Ein paar Kilometer weiter sollte ich den Nordumfluter verlassen und auf einen Bahnradweg mit grünem Wellblech-Bahnhof abbiegen. Der Haltepunkt Schmogrow war gar nicht mal so unwichtig, wie er klingt: Hier wurden wichtige Güter auf Pferdewagen und Schiffe umgeladen, um die Dörfer zu versorgen. Leider fiel die Bahnlinie dem Nordumfluter zum Opfer, der die Strecke zerschnitt. Eine Brücke wäre zu teuer gewesen, und so war es mit der Bahntrasse vorbei.

Nach einer kurzen Allee übers Feld war es auch für mich mit der Bahntrasse vorbei, und ich kam an diesem mächtigen Bauwerk vorbei. Nanu, wer wird denn hier wohl angebetet, oder begraben, oder auch beides? Der Bismarck. Das ist ein Bismarckturm, und zwar einer, neben dem unser Göttinger Bismarckturm Minderwertigkeitskomplexe bekäme. Naja, irgendwie müssen sie ja ausgleichen, dass sie hier keine Berge haben - diesen Hügel kann man ja kaum zählen. Wobei der Hügel sehr viel älter ist als Bismarck, da stand schon in der Bronzezeit eine Burg drauf. Warum die Bronzemenschen die aufgegeben haben und was sie sonst so getrieben haben, weiß man nicht, aber fest steht, die Lausitz war schon damals besiedelt.

Gegenüber wächst ein Weidendom in die Höhe. Ach nee, eine Weidenburg - Arena Salix... sieht aber voll aus wie eine Kirche.
Diese Bioburg ist komplett vegan, mit Ausnahme der (leider verschlossenen) roten Klohäuschen. Auch eine Bühne aus Brettern und Holzschnitzeln gehört dazu. Ziemlich genau wie der Rostocker Weidendom, nur dass dieser hier noch nicht angezündet wurde. In der Landschaft drumherum wachsen auch zig verschiedene Weidenarten.
Ob die nächste Stadt ihren Namen nun von der Weidenburg oder der mysteriösen Bronzeburg hat, weiß ich nicht, auf jeden Fall heißt sie: Burg.

In Burg fließt auch wieder die Hauptspree. Aber etwas Seltsames passiert mit ihr: Immer mehr Teile des Wassers erklären die Unabhängigkeit und spalten sich ab. Unter dieser Trauerweide zum Beispiel macht sich gerade die Neue Spree vom Acker, neben der ich in die Stadt reingefahren bin.

Burg ist das Tor zum Spreewald, einer Flusslandschaft, wie man sie sonst nirgendwo in Europa findet. Und deshalb wird sie auch regelmäßig von Touristen gefunden. Mitten in Burg rauscht die Hauptspree ein Wehr hinunter. Sie wird gesäumt von Holzhäusern und Betonmauern in einem Ensemble, das an den Einstieg einer Wildwasserbahn im Freizeitpark erinnert. (Spoiler: Ist es nicht. Sogar die Wehre sind meistens leise, und das Wasser ist ungefähr so wild wie ein Faultier.)
Die Spreewälder lebten in dieser Reihenfolge von: Landwirtschaft und Fischerei, Handwerk (vor allem Flachs anbauen und daraus Leinen weben) und schließlich Touristen. Schon lange war der Hafen in Burg ein wichtiges Ziel, wenn die Menschen aus den Dörfchen ihr Vieh verkaufen, einen Gottesdienst oder einen Arzt besuchen wollte. Da ergibt es Sinn, dass die Stadt 1899 als erstes eine richtige Straße (links im Bild) und Eisenbahn nach Cottbus bekam. Das war der Startschuss für den Fremdenverkehr, und die Berliner strömten herbei, um die frisch aufgeschlossene Landschaft zu erkunden. Ab Burg ging es dann aber trotzdem per Boot weiter. Oder im Winter mit dem Schlitten oder Schlittschuhen, wobei die Spreewälder auf dem Eis immer einen Stab zum Abstoßen benutzen, egal, welchen Aggregatzustand das Wasser gerade hat.

Die Bewohner des Spreewalds leben heute also größtenteils vom Tourismus. Aber nicht alle von denen nehmen Euro. Manche akzeptieren von den Touristen nur eine einzige Art der Kurtaxe: Blut. Die Rede ist von den Spreewaldmücken, die immer penetranter wurden. Mein Spray war leer, aber in der Apotheke konnte ich mir ein neues besorgen.
Nicht zu vergessen ist der Spreewald immer noch Teil der Lausitz, auch wenn wir uns inzwischen am Nordrand befinden. Heißt: Nach wie vor sind alle Schilder zweisprachig. (Das waren sie seit der Quelle, habe ich das noch nicht erwähnt?) Die sorbische Sprache benutzt Sonderzeichen aus dem Polnischen und dem Tschechischen, was dazu führt, dass der Spreeradweg auf Sorbisch den äußerst klangvollen Namen Sprjewinakolesowarskašćežka trägt.
Mit der Sprache ist es wie mit der Mode: Als die jungen Sorben während der Industrialisierung in die Städte zogen, passten sie sich sprachlich an. In der Weimarer Republik war das Gebiet immer noch zweisprachig, aber das Aussterben schon nicht mehr aufzuhalten, hat das Museum gestern geklagt. Ach so? Dann sind die ganzen zweisprachigen Schilder und sorbischen Zeitungen also völlig sinnlos und niemand kann sie lesen? So ganz ausgestorben sieht mir das nun nicht aus.

Eine Weile kurvte ich noch durch offene Straßen und Felder zwischen den Flussarmen - viel Spree, aber wenig Wald. Schließlich aber verschluckte eine grüne Laubwand die Flussarme und mich. Auf einem super Kiesweg zischte ich durch ein Paradies, das Mückenspray tat seine Wirkung, und ich genoss den Wald in vollen Zügen. Das war auch besser so, denn diese fünf Kilometer sind leider die einzigen, auf denen man mit dem Fahrrad so nah an Spreewald herankommt.
Die ersten E-Biker tauchten bereits auf, doch in der Frühe war ich noch ziemlich allein auf der Strecke und atmete die ganz besondere Atmosphäre aus Wasser, Leben und Cholorphyll in meine Lungen. Und so nass diese Landschaft auch war, so trocken blieb der Weg, sodass mir auch die vielen, vielen Holzbrücken nichts anhaben konnten.
Immer leistete mir mindestens ein Spreearm Gesellschaft. Oder eigentlich zwei, denn auf der anderen Seite des Weges befand sich auch einer. Und da ist schon wieder eine Verzweigung, da kommt ein anderer dazu, und auf der anderen Seite auch einer, also treffen sich an dieser Brücke insgesamt sechs verschiedene Wasserstraßen, oder sieben, oder drei? Kommt drauf an, wie man zählt. Oder warte mal, da hinten ist ja schon die nächste Kreuzung zu sehen, also eigentlich neun? Diese moorgrünen Wasserläufe heißen Fließe. In welche Richtung die Strömung geht, ist meistens nicht zu erkennen. So herrlich die Natur auch ist, bei genauerer Betrachtung sind die Fließe doch ein bisschen zu gerade, um komplett natürlich zu sein. Geflossen ist hier schon seit der Eiszeit was, aber mehr so querbeet durchs Moor. Viele Fließe sind ein Ergebnis mühevoller Buddelarbeit, um etwas ähnliches wie Landwirtschaft möglich zu machen. Dass das schwierig ist, musste schon der Teufel feststellen. Sogar in unserem Deutschlehrbuch in der dritten Klasse stand folgende Sage (damals konnte ich mir die Landschaft dazu noch null vorstellen): Satan versuchte, den Spreewald zu pflügen. Er war mit der Leistungsbereitschaft seiner Ochsen aber so unzufrieden, dass er sie beschimpfte und mit seiner Großmutter drohte. Dabei unterschätzte er Omas Abschreckungspotential: Die Ochsen flohen panisch in alle Richtungen und zogen die Pflüge hinter sich her, das Ergebnis ist ein Netzwerk aus 300 Fließen.

Von denen sind 190 befahrbar, und zusammen sind sie an die 1000 Kilometer lang. Jeder hat seinen eigenen Namen, und die Namen sind absolut random. Sie heißen unter anderem: Bischofkanal, Schweißgraben Nord, II. Freiheitskanal, Richters Strenigk, Huschepusch, Südumfluter/Goroschoa, E-Kanal, Groß Japan, Kanal 9/10, Scheidungsfließ, Gurkengraben, Henska-Tschummi, Venediggraben, Untere Boblitzer Kahnabfahrt, Irrtumkanal, Spree, Doninka, Kleine Wildbahn, Eschenfließ und Brodg. Ich liebe es. Irgendwo da drin steckt zwar immer noch die Hauptspree, aber die ist so zusammengeschrumpft, dass ich sie ohne die Karte niemals wiedergefunden hätte. Die Nadel im Heuhafen!
Und mit Heuhaufen kennen sich die Leute hier aus, überall stehen welche. Oben guckt ein Stock raus und verrät, dass sich a) im Inneren eine Holzkonstruktion verbirgt, auf der sich Heu besonders gut stapeln lässt und b) ein Stock im Heuhaufen deutlich leichter zu finden ist als eine Nadel.

Schließlich zogen sich die grünen zwitschernden Wände auf den Inseln zurück und gaben den Blick frei auf... nun, nicht gleich Häuser, erst einmal kleine Schuppen, Stege und Ziegengehege sowie Wiesen, die von besagten Ziegen gemäht wurden. Subtile Anzeichen, dass auf diesen Inseln tatsächlich jemand lebt. Sogar auf den Inseln, die bis heute keine Brücke haben. Für diese idyllische Lage nehmen Menschen auch in Kauf, Waschmaschine und Kühlschrank auf einem Kahn rüberzustaken. Ich weiß nicht, ob ich das nachvollziehen kann - ja, es ist verdammt schön hier, aber Umzüge sind weiß Gott auch so schon ätzend genug. So gelangte ich allmählich rein nach Lübbenau. 1910 kam man hier noch ausschließlich per Kahn oder zu Fuß durch. Klingt glaubhaft bei diesem Foto, oder?

Bei diesem Foto klingt es schon weniger glaubhaft. Am Lübbenauer Spreewald hängt auch eine ganz normale Stadt hintendran, sogar mit Bahnhof und Therme, die so überall in Nordostdeutschland stehen könnte. An einer Ecke weist ein handgeschriebenes Schild nach Lübben Berlin Dresden und Husum 531 km, offenbar hat hier irgendjemand eine besondere Affinität zur Nordseeküste.
Hm, hier und da ein enges Gässchen und bissl Fachwerk, aber das erklärt noch nicht, warum so viele Reisende in dieser Ackerbürgerstadt wimmeln.

Kaum jemand besucht Lübbenau für diese Innenstadt, deswegen machte ich mich direkt auf die Suche nach dem Einstieg zur nächsten WMildwasserbahn. Der Haupthafen von Lübbenau sieht viel schöner aus als in Burg, ein dezentrales Gewirr an Gräben, Blumen und Holzbrücken, im Hintergrund ragt auch noch ein kleines klassizistisches Säulenschloss in die Höhe. Ob hier morgens um zehn schon etwas abfährt? Die Website hat vage geschrieben, das würde alles spontan entschieden, je nach Andrang und Laune.
Zum Glück war hier im Mai schon Hochsaison. Bevor ich überhaupt erkennen konnte, dass Hochsaison war, hatte mich am Eingang schon ein Mann in roter Uniform angesprochen, was ich suche und ob ich denn mitfahren wolle. Aber hallo! Glück gehabt, es waren nicht mehr viele Plätze frei. Ich sprühte noch einmal ordentlich Mückenspray nach und stieg dann ein. (Das war eine gute Idee, aber eher für die letzten Minuten bis zur Abfahrt - auf der eigentlichen Tour gab es dann deutlich weniger Mücken.)
Man kann sich auch sein eigenes Kanu mieten, aber das klassische Touristenspreektakel ist eine Kahnfahrt. Die flachen Kähne bestehen traditionell aus geteertem Holz, in dem Tische und gepolsterte Bänke stehen. So bequem habe ich noch nie in einem Paddelboot gesessen! Wer Durst hat, kann sich vom Kahnführer ganz hinten eine Getränk aus der Kühlbox durchreichen lassen. Gegen Aufpreis natürlich.

Fröhlich wurden wir also drauflosgestakt, und zwar als erstes... zur nächsten Anlegestelle. Vor uns standen noch zwei weitere Touristenkähne Schlange, aber bald kamen wir an die Reihe und man fragte uns, was wir möchten: Getränke, eine Fettbemme (Schmalzbrot) oder eine Gurkenplatte? Ah ja, als erstes werden die Reisenden also in einen Drive-In gestakt, um sie noch weiter zu melken. Ich und das Paar, das mir gegenübersaß, amüsierten uns prächtig.
Und kauften dann natürlich trotzdem was.

Nun aber los, auf nach... wohin eigentlich? Das wusste nicht mal unser Kahnführer so genau, er wollte sich da ganz nach uns richten. Auch die Fahrgäste waren unentschlossen. Fest stand, es sollte eine Fahrt nach Lehde werden, was wohl der Klassiker unter den Lübbenauer Kahntouren ist. Aber wie lange und welche Variante genau, und wie hoch entsprechend der Fahrpreis wird, das war noch basisdemokratisch zu entscheiden. Wir hatten ja genug Zeit.
Wie bewegt man so einen Kahn fort? Erstens sehr langsam und zweitens mit einer Stange, die am unteren Ende wie ein Paddel etwas breiter wird.
Jeder Fahrgast darf eine Frage stellen, die Durchsetzung dieser Obergrenze wird aber sehr locker gehandhabt.
Erst einmal ging es über den Lehder Graben, die Gigliza und den SpreeNav-Kanal. Die Ufer waren zunächst mit Holz befestigt. Aber was sind das für komische Holz- oder Blechkisten mit Löchern, die da in jedem zweiten Vorgarten hängen (links)? Klingt vielleicht komisch, aber das ist ein Aquarium, also quasi. Wenn der Lübbenauer Fische gefangen hat, tut er sie in diese Box und kurbelt sie runter, bis das Wasser durch die Löcher reinläuft. Wenn er dann Hunger hat, sind die Fische noch immer frisch, quicklebendig und höchstens etwas klaustrophobisch.

Allmählich stakten wir aus der Stadt raus, und es tauchten auch wilde Ufer auf. Die sind im Prinzip auch mit Holz befestigt, nur dass dieses Holz noch quicklebendig und Teil einer Wurzel ist. Diese Ufer sind nicht ganz ungefährlich. Regelmäßig muss geguckt werden, ob die Wurzeln nicht schimmeln, damit nicht eines Tages einem Paddeltouristen eine Silberweide, Mandelweide oder Ohrweide auf die Ohren fällt.

Ein paar Wasserkreuzungen später tauchten wieder Häuser auf. Oder die Häuser waren nie so richtig weg: Natur- und Kulturlandschaft gehen hier wortwörtlich fließend ineinander über.
Auf jeden Fall sind diese neuen Häuser nochmal viel schöner - sogar Umgebindehäuser sind dabei. Die Türen und Fensterrahmen tarnen sich in der Natur mit verschiedenen Dunkelgrüntönen, aber auch andere Farben tauchen immer wieder auf. Und natürlich gibt es viele, viele Häuser mit direkter Zufahrt in den überdachten Bootsschuppen.
Willkommen in Lehde, einem der schönsten Dörfer Deutschlands! Darum war ich natürlich auch einverstanden, die eine Stunde längere Runde für nur wenige Extra-Euro zu drehen. Zwischen Lehder Fließ, Zeitzfließ, Jablona und Suez-Kanal (wir blieben nicht stecken) umrundeten wir ein Dorf aus vielen einzelnen Kaupen (so heißen diese Talsandinseln laut Bikeline, vor Ort hat aber niemand den Begriff benutzt). Der Kahnfahrer erzählte immer weniger von Natur und Alltagsleben, sondern blieb bei den einzelnen Häuser hängen, wer da wohne, welche leerstünden und wo jemand Neues etwas Neues aufbauen wolle. Diese Details sind dann doch nur für Einheimische interessant, mich hätte eher noch ein bisschen was zur Geschichte vor der DDR interessiert.

Spannender ist auf jeden Fall, wie die Lehder ihren Alltag organisieren. Post und Müllabfuhr kommen nach wie vor per Boot. Manche haben ihren Briefkasten als ein Modell ihres Hauses gestaltet. Da passen dann auch Pakete rein. Auf deiner eigenen Insel klaut dir keiner so schnell was aus der Paketbox.
Natürlich ist der traditionelle Holzkahn, der super aufwändig gebaut und jeden Winter kompliziert gewartet werden muss, für solche Aufgaben eher weniger geeignet. Immer mehr Spreewälder steigen auf silbrig schimmerndes Aluminium um, sogar bei den Touristenfahrten. Einmal wurde unser traditionelles Boot von einem rasend schnellen Alukahn überholt. Sein Kahnführer geriet rasch in Sicht. Er fuhr fast oberkörperfrei, nur mit Weste, war deutlich jünger und kräftiger als unser Mann am Steuer und hätte auch in anderen Berufen arbeiten können, in denen Stangen eine bedeutende Rolle spielen. Unser Kahnführer brummte laut hörbar etwas über die jungen Raser in ihren Alukähnen, und es entwickelte sich ein nicht ganz ernstgemeinter Schlagabtausch zur Unterhaltung aller Fahrgäste.

Nach weiterer Unentschlossenheit, wo wir denn nun eine Stunde Pause machen sollen, legten wir schließlich im hölzernen Herzen von Lehde an. Es besteht aus einem Haufen Holzbrücken, Holztreppen und Holzhäuser. Auf der einen Seite befindet sich Brandenburgs ältestes Freilichtmuseum, für das der Kahnführer intensiv warb - erstaunlich, dass die es hier 1957 hingekriegt haben, auf engstem Raum Häuser aus unterschiedlichen Regionen des Spreewalds hinzuquetschen.
Auf der anderen Seite liegen eine Open-Air-Kantine, ein Souvenirshop und laut meiner App ein Aquarium mit Spreefischen, das anscheinend aber nicht mehr existiert. Trotz der vormittäglichen Stunde war der Platz schon gut gefüllt. Für die Kahnfahrer ist immer ein Ehrentisch reserviert, dennoch ärgerte sich unser Fahrer, weil die neuen Betreiber nicht erlauben, die Kähne während der Pause bei ihnen zu parken, sodass er ihn zum Abstellen noch woanders hinstaken musste. Bei dem hohen Andrang an weiteren Kähnen, die ihre Gäste auf der begrenzt langen Kante abladen wollten, überraschte mich die Regel jetzt nicht so.
Trotzdem: Ich hätte lieber auf seine Tipps hören sollen. Ich hatte Hunger und war mir nicht sicher, wie weit es zu den anderen Restaurants war und wie teuer die waren, also nahm ich einfach das erstbeste Angebot. Das Kantinenessen schmeckte aber nur so meh.

Anschließend wollte ich Lehde auch noch zu Fuß erkunden. Also betrat ich die Straße (es gab nur eine) und befand mich nun technisch gesehen mitten im Dorf. Warum hatte ich trotzdem das Gefühl, auf die Rückseite von Lehde zu schauen? Weil die Musik nun mal auf dem Wasser spielt und die meisten Fassaden nach wie vor dem Wasser zugewandt sind. Bald verbreiterte sich der sehr enge Weg zwischen den Häusern ein bisschen, sodass Platz war für Gärten mit Schildern wie Wer keine Ahnung von Gartenarbeit hat, soll einfach mal die Kresse halten oder Eis Kalte Getränke Mückenspray AntiBrumm klein, groß, sensitiv. Wegweiser wiesen mich zu weiteren Kleinunternehmen wie der Marmeladenmanufaktur, doch als ich einem davon folgte, geriet ich sehr schnell auf einen kaum erkennbaren Trampelpfad über 12 verschiedene Holzbrücken, mit immer mehr Nur-für-Anlieger-Schildern, bis ich mich fragte, ob Auswärtige überhaupt befugt waren, hier zwecks Marmeladenkauf durchzugehen.
Aber immerhin: Es gibt eine Straße, über die man Lehde heute trocken erreicht. Auch wenn es auf den letzten Metern gefährlich für die Seitenspiegel wird. Was ich sehr anschaulich an einem LKW voller Lebensmittel beobachten konnte. Wer in Lehde übernachtet, darf sogar mit dem eigenen Auto kommen und vor der Engstelle parken. Alle anderen benutzen die Straße zu Fuß oder per Rad.
Besagte Straße von Lübbenau ist übrigens 1,8 Kilometer lang.
Die Kahnfahrt dauerte 3 Stunden und 15 Minuten.

Hinter Lübbenau knickt die Spree nach Norden ab und beginnt allmählich wieder, ihre Fließe einzusammeln. Zumindest ist sie jetzt wieder erkennbar breiter als der Rest. An ihrem Ufer folgte ich dem sonnigen Radweg und entdeckte eine mysteriöse Ruine, vollständig bedeckt von Schlingpflanzen.
Der Spreewald erstreckt sich rechts vom Fluss (im Bild das linke Ufer) noch weiter und wilder, aber das ist vom Radweg aus nicht wirklich zu sehen. Wer da so richtig in die Wildnis reinwill, der muss einen halben bis ganzen Tag in eine lange Kahnfahrt investieren. Das Angebot ist schließlich viel umfangreicher als die Standardfahrt nach Lehde: Sagenfahrt, Theaterkahnfahrt, Kaminfahrt, Frühstücksfahrt, Glühweinfahrt und Kahnfahrt im Liegen (damit man das Blätterdach über sich so richtig bewundern kann).

Kurz vor Lübben wird es wieder spreewaldiger, zu Recht wirbt die Stadt mit Wo sich die Fließe treffen. Ich tauchte ein in einen schattigen Park aus Wasserläufen und Holzbrücken...

...aber das war dann auch schon das Schönste an der Stadt. Lübben ohne au war eine wehrhafte Stadt, welche die Fließe ausgenutzt und sich hinter Wasser und Stadtmauern verschanzt hat. Am Ende half das nicht, der Zweite Weltkrieg hat 80 Prozent der Altstadt zerstört, was übrig blieb, sah für mich nicht mehr allzu wehrhaft aus. Immerhin wurde vieles rekonstruiert oder zumindest mit Wandbildern bespreet.

Trotz der langen Kahnfahrt bin ich richtig gut vorangekommen, über das Kopfsteinpflaster von Hartmannsdorf, über den Feldweg zum Deich, vorbei am Tor am Wehr und immer am Deich entlang, bis... wieso bin ich jetzt wieder kurz vor Hartmannsdorf?! Mist, der heimtückische Deichweg hat mich unauffällig um 180 Grad gedreht! Ich hätte durch das Tor beim Wehr fahren müssen, auf das, was nach Betriebsgelände aussah! Also nochmal über das Kopfsteinpflaster von Hartmannsdorf, über den Feldweg...
Auf dem rechten Weg wurde es wieder waldiger und schattiger, ich kam an der nächsten Teichlandschaft vorbei, wo auf dem Sommer Teich zahlreiche Schwäne Schwankram machen.

In Schlepzig schleppen die letzten Spreewaldkähne Touristen in den Spreewald, hier aber bloß noch so zwei-, dreimal am Tag.
Bei Krausnick musste ich ein bisschen Straße fahren, und es wurde nochmal leicht bergig. Moment, Krausnick? War hier nicht... ja, auf dem Gebiet dieser Gemeinde liegt Europas größte freitragende Halle, eine superbreite ovale Kuppel aus Stahlträgern und Glas, die wie eine sehr gleichmäßige Beule in der Landschaft aufragt. Darin sollten Zeppeline gebaut werden, aber die verkauften sich nicht mehr so gut, nachdem eins von ihnen namens Hindenburg Bumm gemacht hatte. 1,5 Weltkriege später hatte jemand eine irrwitzige Idee: Lass uns da drin einen echten Regenwald anpflanzen, komplett drinnen, mit Pfauen und Vogelspinnen (in Glaskäfigen, die ungefähr so groß sind wie die Spinne), und der Rest der Halle wird ein Schwimmbad.
Vom Spreeradweg ist das Tropical Islands noch ein ordentliches Stück entfernt, und das störte mich wenig, denn kürzlich hatte jemand anders im Tropical Islands eine wahrhaft dämliche Idee: Lass uns die höchste Wasserrutsche Deutschlands abreißen und durch eine niedrigere ersetzen.

Am Neuendorfer See sind der Spreewald und die Lausitz so ungefähr zu Ende. Die Spree fließt durch den See und macht darin wieder einen ihrer vielen, vielen Richtungswechsel, diesmal nach Osten. Auf Nebenstraßen umrundete ich eine weißblaue Wasserfläche, die ich durch die Stämme nur schemenhaft erkennen konnte.

Die Route ist hier viel zickzackiger, aber neben einigen Straßen und Hügeln konnte ich auch diesen tollen Uferweg genießen. Die Landschaft hatte sich urplötzlich verändert: Auf einmal sah alles komplett norddeutsch aus. Nadelwälder, vereinzelte Campingplätze, Sand und gelbliches Gras... nur eines ist gleich geblieben: Diese Wasserlandschaft ist nach wie vor ein populäres Paddelgebiet. Und das sollte große Auswirkungen auf meine nächste Nacht haben.

Eine weitere Konstante: Holzbrücken. Diesmal sind es aber deutlich massivere Hängebrücken aus den 90ern. Diese in Briescht besteht (neben ein paar Stahlseilen) aus Basralocus- und Bangossi-Hölzern, die aus Kamerun und Suriname stammen - aber keine Sorge, diese Länder überwachen ihre Forstwirtschaft ganz genau, behauptet das Schild. Angeblich hat die Brücke eine Lebensdauer von 50 bis 70 Jahren, genau wie eine Stahlbrücke. Mag sein, aber eine Regenrutschfalle ist sie wahrscheinlich auch mit afrikanischem Holz. Rotweiß abgesperrte Gehwege auf beiden Seiten verschmälern die Fahrbahn. Und dass man ausgerechnet dann, wenn die Brücke hochgezogen ist, nicht stoppen soll, erschließt sich mir auch nicht so recht.

Die Sorben haben die Spree hellbraun und noch erstaunlich durchsichtig hinterlassen. Zumindest sah sie so aus, als ich sie vom Rasenstrand aus bewunderte, aus der Ferne wirkte sie dunkler.
Eine Paddeltour von Berlin zum Spreewald scheint ein echter Klassiker zu sein. Aber diese Strecke schaffe ich ja nicht mal per Rad an einem Tag, geschweige denn im Boot. Damit die urbanen Paddelabenteurer auch irgendwo sicher schlafen können, folgt jetzt eine ganze Kette von Naturlagerplätzen. Der erste in Werder kostete so 3 Euro, hatte dafür aber ein richtiges Häuschen mit Klos und Duschen. Irgendeine Kinderfreizeitgruppe oder mehrere Familien hatten ihn schon zu großen Teilen in Beschlag genommen, aber ich konnte meine Trinkflasche dort auffüllen.
Die nächsten Plätze sind dann gratis und haben einfach nur Dixiklos, Mülleimer, Rasthütten, Tische und eine wunderbare Wiese am Ufer. Und sie waren leer. Reicht mir! Ich hatte noch genug Tageslicht und Power, um den vierten, vorerst letzten Naturlagerplatz in Trebatsch anzusteuern. Das Schild auf der Wiese verkündet den Paddlern stolz, was es in Trebatsch alles gibt: Telefon, Eisbecher, Einkaufstasche, Bett, Heißgetränk, Erste-Hilfe-Kreuz, Teller mit Essen und einen Brief. Wahnsinn.
Nicht erwähnt werden auf dem Schild: Parkbank (Nimm Platz), Honigverkaufsstand (Hier wohnt ein Imker mit seiner schönsten Biene) und die Geburtsstätte des Australienforschers Ludwig Leichhardt, dem ich ja schon in Cottbus begegnet war (Sein Vater besitzt eine Flotte von neun Kaffeekähnen, mit denen Waren von Berlin an den Schwielochsee transportiert wurden). Angeblich ist der Ludwig den Schulweg bis Cottbus öfter zu Fuß gegangen - bitte was? Wie?! Sogar per Rad habe ich mehr als einen Tag gebraucht. Der Wanderweg Leichhardt-Trail folgt diesem unmöglichen Schulweg. Ich verstehe nun, wie dieser Mann auf die Idee kam, er könne das Outback durchqueren. Zum Glück hatte er keine Kinder, denn die hätten sich die Geschichte seines Schulwegs sicher andauernd anhören müssen.
Wie auch immer, alles, was ich für einen erfolgreichen Abend in Trebatsch brauchte, waren: Bank, Buch, Brot und die leisen Geräusche des Flusses.
Und mein Mückenspree.