Posts mit dem Label Bootsfahrt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bootsfahrt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

18 August 2025

Donau: Von Feyveshegy nach Budapest

Am letzten Fahrradtag entschieden wir: Wir bleiben an diesem Ufer und sparen uns die Strecke über die Insel Szentendrei Sziget, die Stadt Szentendre und an der Szentendrei-Duna. Dort muss man auch nicht weniger Straße fahren als hier. Und das war keine schlechte Entscheidung. Häufig ging der Weg durch irgendwelche Parks und Hohlwege, die genau wussten, was wir brauchen: Schatten und Wasser.


Auf der letzten Etappe trafen wir viele Reiter an, die sich morgens bis an die Donau vorwagten und später auf ihre eigenen Parkplätze zurückzogen.
"Kinder, das ist die letzte Chance, in der Donau zu baden, nachher kommt schon die Stadt!"
Das klang überzeugend, ich sprang hinein.
Eine Stunde später hielten wir am nächsten Strand.

Gesäumt wurde der Radweg von sehr, sehr unterschiedlich gestalteten Fahrrädern (das auf dem ersten Bild ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen).

Aber natürlich ging es auch lange an lauten, heißen Straßen entlang. Ein Industriegebiet poppte links von uns auf, und dann...
"Da!"
Fast hätten wir es übersehen, das kleine grüne Ortsschild auf der anderen Straßenseite. So kennzeichnet man in Deutschland kleine Käffer, die keine vollwertigen Ortschaften sind - doch Budapest ist mit Sicherheit eine vollwertige Ortschaft. (Beweisstück A: Zu unserer Unterkunft waren es noch immer 13 Kilometer.) Unsere Eltern wollten am Schild gern ein Gruppenfoto machen, also hatte ich ich aufmerksam danach Ausschau gehalten. Die Straße überqueren wollten wir für das Schild dann aber doch nicht. Auf dem Handy einen Kreis ins Bild malen, birgt eine viel geringere Gefahr, überfahren zu werden. Es sei denn, man malt den Kreis während des Radfahrens.

Wenn die Türken während ihrer langen Invasion bis kurz vor Wien vorrückten und dann wieder zurück, kann man sich ausrechnen, dass sie in Budapest etwas länger gewesen sein mussten. Ein positives Ergebnis davon sind die türkischen Bäder, die Budapest zu einer Thermenstadt machten. Sogar die Aquaworld am Nordrand scheint davon noch architektonisch inspiriert zu sein, und selbst die Wasserrutschen stammen von einer türkischen Firma.

Nun ging es richtig los: Wohnblocks, komische Kästen, malerisch überwucherte Altbauten und Ruinen hatten alle einen Platz an der Straße gefunden. Nur die Straße selbst musste irgendwann neu gemacht werden.

Zeit, an die Donau zurückzukehren. Die hat hier eine sehr breite Uferpromenade mit mehreren Ebenen, wie man sie in vielen Metropolen findet - vor allem dieses Geländer verströmt intensive Berlin-Vibes.
Die Szentendrei-Sziget ist längst vorbei, nach zwei weiteren Inseln hat nun die sehr viel kleinere Margitsziget (Margareteninsel) zwischen zwei Budapester Straßenbrücken angedockt. Und da, hinter der nächsten Biegung beginnt auch schon die Skyline der ganzen Budapaläste. Das ist vielleicht die letzte Stadt an der Donau, die noch so richtig an zwei eng verknüpften Ufern liegt (mehr noch als in Wien), ansonsten ist der Fluss schon zu breit für so was. Wenn ich da an Komárno/Komárom denke, wo beide Ufer in ganz verschiedenen Welten zu liegen schienen...
Aber Moment mal. Das hat nicht nur was mit Bebauung und Staatsgrenzen zu tun - die Donau war dort viel breiter. Ein Blick auf die Karte bestätigt: Diese Innenstadtdonau mag breit wirken, aber sie hat seit gestern früh extremst abgenommen. Ui. Es ist ja bekannt, dass Flüsse in Städten eingepfercht werden, aber so krass? Da will ich nicht wissen, wie tief und rasend schnell die nun sein muss. Die letzte Badepause in der Donau ist nun definitiv vorbei, hier springt niemand rein. Was wohl auch die türkischen Bäder erklärt.

Auch die Margitsziget hat Thermalquellen und Freibäder, die Mineralwasserfabrik wurde dagegen geschlossen. Zuerst hieß das Eiland Kanincheninsel, bis die Königstochter Margarete in ein Kloster auf der Insel zog.
Die Insel ist der wichtigste Stadtpark mit ihrem Sportplätzen, einem Musikbrunnen, bunten Blumenbeeten, kleinem Zoo, noch kleinerem japanischen Garten und dem Arboretum of Invasive Species, was auch immer das ist. Obwohl wir neben der Insel übernachtet haben, habe ich leider nur Zeit für einen kurzen Spaziergang über die breiten Parkstraßen gefunden. Man kann auch solche Fahrradrikschawagen für 2 bis 6 Personen mieten, wie wir sie schon aus dem italienischen Lucca kannten - auf Ungarisch heißen sie Bringó Hintó.

Was haben wir auf dieser Reise nur immer für tolle Übernachtungen? Diesmal sind wir in einer Traumwohnung in einem authentischen Wohnhaus gelandet, mitten in einem wunderbaren Stadtviertel namens Ujlipotvaros, in dem maximal viele Bäume zwischen die parkenden Autos und die Tische der Restaurants gepflanzt wurden.

Es war höchste Zeit, sich durch die ungarische Küche zu probieren: Gulaschsuppe, Paprikahuhn (auch hier mit diesen kleinen halušky-Knödeln wie in der Slowakei), etwas Weißwein, einfach alles schmeckte so toll wie erwartet.
Und beim Stadtrundgang am nächsten Tag gab es dann noch Langos. Ich habe mich schon lange gefragt, inwiefern sich das original ungarische vom Langos auf unserem Weihnachtsmarkt daheim unterscheidet. Die frittierten Teigfladen mit Knoblauchöl sind an sich schon recht ähnlich, aber es kommt mehr drauf. Schon die Tschechen häufen auf ihr Langos im Freibad gern ganze Berge von Käse und anderem Zeug, statt es wie in Deutschland nur sachte zu bestreuen. Die Ungarn gehen noch einen Schritt weiter und machen manchmal sogar Zeug ins Langos rein.
Kurz gesagt, wir sind satt geworden.

Wir sind am Ziel, satt und gut untergebracht! Nun steht zwei spannenden Tagen in Budapest nichts mehr entgegen. Außer der Wetterbericht. Der sagt: Morgen und übermorgen 36 Grad, nur 6 Grad unter der höchsten gemessenen Temperatur in Ungarn jemals. Das sei im Grunde "wie Dauerregen, nur anders", befand unsere Mutter.
Wie gehen die Menschen mit dieser Hitze um, die auch für Ungarn (noch) außergewöhnlich sein muss? Mit Wasserdüsen. In jeder Stadt auf dieser Reise stand mindestens ein halber Rohr-Torbogen, unter dem Mensch und Tier einen feinen kühlen Nebel genießen durften. Vor dem Parlament in Budapest kommt sogar ein riesiges Nebelfeld dieser Düsen aus der Erde, das aber gar nicht mal so effektiv ist, weil es nur den unteren Bereich der Waden kühlt.

Aus Rücksicht auf die Schwächeren haben wir unsere Stadtbesichtigung und vor allem die Gehstrecken gekürzt. Diese Stadt muss doch Öffis haben, oder?
Hat sie. Erstens sehr rabiate Oberleitungsbusse, zweitens Straßenbahnen, die manchmal ihre Endstation einfach an einem Gleisende mitten in der Stadt haben und deshalb in beide Richtungen fahren können, und drittens U-Bahnen, die ein faszinierender Spiegel der Geschichte sind.
Die M1 (auf den Bildern) ist von 1896 und damit die zweitälteste U-Bahn Europas (nach London) und die älteste auf dem eurasischen Festland. Mit der Eröffnung sollte gefeiert werden, dass die Ungarn/Magyaren vor genau tausend Jahren in dieses Land gezogen sind. Die M1 verläuft praktisch nur unter der schnurgeraden Prachtstraße Ándrassy Út (linkes Bild, ich fand sie nicht so prächtig). Erst am Ende hat die Bahn zwei Kurven, und in beiden teilt die Bahn lautstark mit, dass ihr null Kurven lieber gewesen wären. So eine kurze Strecke, so kurze Abstände zwischen den Haltestellen, und so eine niedrige Decke, die praktisch direkt ins Straßenpflaster übergeht - kein Mensch würde heute so eine U-Bahn bauen. Damals waren die gelben Fliesen und schwarzen Stahlträger die absolute Moderne, heute hat das Ganze etwas von einer Museumsbahn und ist Weltkulturerbe. Aber ausgerechnet dort kann man plötzlich mit Kreditkarte einchecken.
Erst 1970 kam mithilfe der Sowjets die M2 dazu, im Moskauer Stil total tief, mit Fake-Marmor und Kronleuchtern. 1983-90 dann die M3, bei der das Geld viel knapper war und die Stationen billig mit Alu verkleidet wurden. Und die M4 von 2014 fährt dank Siemens fahrerlos.

Aber am ersten Tag stiegen wir zunächst in die Straßenbahn Richtung Parlament. Und was für ein Parlament! Ursprünglich war das nur ein Spin-Off vom Wiener Vielvölkerparlament: Ungarn wollte unabhängiger sein, und das Kaiserreich einigte sich beim sogenannten Ausgleich mit Ungarn darauf, dass ab jetzt die komplette östliche Hälfte von Österreich-Ungarn in Budapest regiert wird, also unter anderem auch Teile vom heutigen Rumänien und Kroatien. Das brachte aber nur bedingt Ruhe, denn jetzt fragten die Tschechen, Rumänen und so weiter, warum sie nicht auch eigene Parlamente bekamen.
Die Ungarn gaben sich alle Mühe, die Wiener zu übertrumpfen - welches andere Parlament in Europa hat so viele prunkvolle Türmchen, Spitzen und Seitenflügel? Jedenfalls ist es das zweitgrößte Europas und das drittgrößte der Welt. In der großen Kuppel ganz oben liegt die Krone von König Stephan dem Heiligen. Und während Österreich in seine Vorhalle bewusst Materialien aus allen Teilen seines Vielvölkerreiches eingebaut hat, wollte Ungarn unbedingt nur ungarische Materialien benutzen, was nicht ganz klappte, denn Marmorsäulen gab's nur im Ausland.
Abends aber wurde es seltsam beleuchtet: Nur ein kleiner Bereich hell, dann ein Bereich mit einem seltsamen Gittermuster und über dem Großteil - Dunkelheit. Also, wenn das die politische Situation widerspiegeln soll, dann gute Nacht.

Mit Spezialeffekten kennt sich diese Stadt aus, denn das gothige Budapest ist ein beliebter Drehort für Comic- und Fantasyfilme geworden. Für mich relevant: Terry Pratchetts Ab die Post/Going Postal. Das hier soll Ankh-Morpork sein? Ich weiß ja nicht, da müssen die im Film aber noch einen kräftigen braunen Sepiafilter über die Gebäude gelegt haben.
Obwohl, da an der Ecke! Das eine oder andere Gebäude (links) hat sich diesen Filter schon selbst übergelegt. Und auch das Parlament könnte ich mir super als Lord Vetinaris Patrizierpalast vorstellen - und der tatsächliche Drehort liegt genau gegenüber. Es ist das Justizzentrum (rechts) mit ähnlichen weißen Säulen, Türmchen und Statuen, leider aber gerade größtenteils eingerüstet.

Und genau wie Ankh-Morpork besteht auch Buda-Pest aus zwei Hälften an einem Fluss. Wir wollten nun von Pest (ausgesprochen "Pescht") nach Buda hinüber, und zur Auswahl standen neun Brücken. Die nächstbeste Brücke war die (neben der Steinernen Brücke von Regensburg) berühmteste Donaubrücke überhaupt und heißt Kettenbrücke, mit vollständigem Namen Széchenyi-Kettenbrücke nach dem Grafen, der die Idee dafür hatte. Ein enormes Teil aus bläulich gestrichenem Stahl, dazwischen zwei traditionellere Torbögen, die einzigen Schattenspender bei der Wanderung nach drüben. Am Eingang wachen Steinlöwen, die in Budapest öfter präsent sind.
Alles schön und gut, aber wieso nun Kettenbrücke? Die einzigen Ketten, die ich fand, hielten die Lampen in den Torbögen, der Rest sind doch einfach Stahlträger und Stahlstangen? Erst, als wir beim zweiten Mal rüberliefen, erkannte ich mit etwas Abstand: Die Stahldinger ganz oben, die die Brücke tragen, sind eine Kette. Nur dass ein einziges Kettenglied (oben links) etwa so groß ist wie wir alle zusammen. Eine Kette wie diese habe ich noch nie gesehen, nicht mal als Ankerkette von Schiffen (oder im Kettenschmiedemuseum Fröndenberg).
Dennoch: Als begeisterter Besitzer eines neuen Fahrrads mit Riemen statt Kette finde ich, eine Riemenbrücke wäre die bessere Wahl gewesen.

Das war erstmal genug gelaufen, Zeit für das nächste Verkehrsmittel. Buda ist bergig. (Pest auch, aber da kommen die Berge erst viel weiter hinten.) Damit die Touristen also die ganzen budistischen Festungen komfortabel erobern können, bedecken gleich mehrere Zahnrad- und Standseilbahnen die Hänge. Wir stellten uns in die lange Schlange der Zahnradbahn zum Burgberg, die mit der Kettenbrücke beinahe eine Linie bildet, und überraschend schnell stiegen wir auch schon in eine der beiden altmodischen Gondeln, die jeweils aus drei abgestuften Holzkammern bestehen. Sie wurden nach der Wende instandgesetzt und sehen, anders als die Bahnhofsgebäude, tatsächlich noch gut in Schuss aus.
"Lass uns nach ganz oben setzen, da können wir in beide Richtungen sehen!", schlug unser Vater vor.
Doof nur, wenn nach oben nicht viel zu sehen ist und der Blick nach unten (im Bild unverdeckt) vom Dach der unteren Kammern blockiert wird. Kaum zwei Minuten später (auch wenn der Fahrpreis auf eine längere Fahrzeit hindeutet) waren wir auch schon oben.

Der Burgberg besteht aus einem Haufen stuckverzierter weißer Bauten, die gar nicht so anders aussehen als die unten in der Stadt. Erst von Weitem ist ihnen eine burgähnliche Form anzusehen. Bewacht werden sie von Soldaten, so stocksteif wie in England, aber ohne bunte Uniform, sondern richtig militärisch. Und man kommt auch nicht für ein Selfie an sie heran.
In diesem Komplex liegen die Nationalgalerie und ein historisches Museum, mit denen wir den Jüngsten aber nicht so locken konnten. Wir mussten uns etwas anderes ausdenken. Also kauften wir in der brüllenden Hitze drei Eis am Stiel für 7600 Forint - fast 20 Euro, was wir erst hinterher beim Durchrechnen feststellten. Verdammte Forint! Eine so bescheuerte Währung habe ich noch nie erlebt. Klar ist das immer Gewöhnungssache, aber wenn ein einzelner Forint (=ein Viertelcent) so lächerlich klein ist, dass er praktisch komplett irrelevant ist, dann ist die Währung einfach objektiv unpraktisch.

An die Burg grenzt das Burgviertel, wo die Stuckhäuser wieder in ganz normalen Straßen herumstehen. Im Mittelalter war es das Herz der Stadt, die heutige Version wurde aber während der türkischen Besatzung aufgebaut. Ein paar Straßen weiter steht die sehr filigrane Matthiaskirche, die ein ähnliches Mosaik auf dem Dach hat wie der Wiener Stephansdom - sogar auf einem der Türmchen. Sie war während der türkischen Besatzung eine Moschee, vorher wurden die ungarischen Könige da drin gekrönt. Ich dachte, das war in Bratislava? Wie viele Kronen haben die übereinander getragen?

Und gleich dahinter beginnt der nächste große Hotspot, die Fischerbastei. Sie ist nicht mit der Rostocker Fischerbastion zu verwechseln, obwohl es dort ähnlich voll ist wie auf dem Rostocker Weihnachtsmarkt. Die Fischerbastei ist eine Art Burgmauer, aber genauso grau und filigran gemeißelt wie die Kirche dahinter. Man könnte sagen, die Fischerbastei ist quasi eine Kirche in Form einer Burgmauer. (Darunter wohnten und handelten Fischer, daher der Name.) Doch die Mauer funktionierte nicht gut, eine Reisegruppe erstürmte die Stufen und bat unseren Vater um ein Foto. Könnte daran liegen, dass das Ganze von vorneherein schon als Deko gebaut wurde.
In ihren Nischen (rechts und links) stehen die sieben Stammesfürsten der Magyaren, die wahrscheinlich irgendwo aus Richtung Ural kamen und genau ein Jahrtausend vor Erbauung der M1 im Karpatenbecken eine "Landnahme" abzogen und eine Stammesförderation gründeten. Landnahme, was soll das sein? Eine Eroberung, bei der noch keiner im Land gewohnt hat? Doch, doch, ein paar Slawen und Verstreute wohnten hier schon. Viel ist nicht mit Sicherheit bekannt über diesen Gründungsmythos. Gab es eine oder zwei Landnahmen, waren die Magyaren in der Überzahl und haben die Bewohner unterworfen und vertrieben, oder waren sie eigentlich in der Unterzahl und haben sich nur zur neuen Oberschicht aufgeschwungen und allmählich mit den Bewohnern vermischt? Alles umstritten, fest steht nur, dass dies der Ursprung des ungarischen Staats ist. 

Alarm, viel zu viel Bildung! Um dem Jüngsten seine Bildung schonend zu verabreichen und uns alle runterzukühlen, hatte ich die ideale Sehenswürdigkeit rausgesucht: Das Burglabyrinth. Es verbirgt sich hinter einem unscheinbaren und nicht sehr burgigen Hauseingang, in dem wir "Oh Gott, wie tief geht das runter?!" Treppenstufen zur Kasse herunterstiegen und nur leicht überteuerte Tickets lösten. Ist das eine Touristenfalle? Ja, aber für uns in dem Moment genau das Richtige.
Feuchte Mauern wölbten sich über unseren Köpfen, und Choräle hallten durch die Gänge. Das hier ist definitiv ein Labyrinth zum Verirren. Im Prinzip ist da zwar ein verschlungener Gang, dem wir anhand von gelegentlichen Pfeilschildern folgen sollten. Doch es gibt immer wieder Abkürzungen, Sackgassen, an deren Ende auch etwas zu sehen ist, und selbst die einzelnen Räume sind von so vielen Säulen und Bögen durchzogen, dass wir oft völlig verunsichert waren, wo es nun weitergeht und wo wir schon waren. Die Dunkelheit trug dazu bei. Mit Licht wird so sparsam umgegangen, dass manche Infoschilder absolut unlesbar sind.
An allen Ecken stehen weiße Statuen der ungarischen Könige und auch wieder der sieben Stammesfürsten. Die Gruft von Winterfell existiert wirklich! Nur Königin Gisela darf liegen. Sie war die Frau von Stephan dem Heiligen und Schwester vom deutschen Kaiser. Gemeinsam verbreitete das Paar in Ungarn das Christentum. Als aber ihr heiliger Sohn bei der Jagd nach einem Eber und dann ihr heiliger Mann gestorben waren, hatte auch Gisela genug von der Politik und wurde Äbtissin in einem Kloster in Passau. Für die katholische Kirche reichte das zumindest, um sie seligzusprechen.

Dieses Höhlenlabyrinth war der Fluchtweg des Königs, aber auch Werkstatt mittelalterlicher Steinmetze und sogar ein richtiges Kulturzentrum. Musik und Opern wurden hier unten aufgeführt, woran Wachsfiguren hinter Gittern in entsprechender Kulisse erinnern - natürlich mit Musikuntermalung. Die Effekte in diesem Labyrinth waren für unsere Mutter zu doll, für uns andere gerade richtig.
Die gleißende Sonne war fern, aber sie war uns längst im Fleisch und Blut übergegangen: Sogar hier unten wartete der Jüngste instinktiv immer im Schatten.

Zum Beispiel hier. Mit einem Mal stolperten wir in einen richtig, richtig nebligen Gang. Bunter Dunst kroch an uns hoch, und wir sahen noch gerade genug, um nicht gegen die nächste Mauer zu laufen. Selbst das Atmen fiel schwerer. Wo stolpern wir da gerade rein?
Wir besuchen den berühmtesten Bewohner des Labyrinths. Er wurde 1431 geboren. Sein Vater war im Drachenorden von König Sigismund und hieß deshalb Vlad II. Dracul (vom lateinischen draco Malfoy). Der Sohn Vlad III. war deshalb ein Sohn des Drachen, also draculea. Jetzt wissen Sie vermutlich, zu wem dieser Gang führt. Gehen Sie trotzdem weiter?

Theoretisch erbte der kleine Drache von seinem Vater den Titel als Fürst der Walachei (heutiges Rumänien und teils Serbien). Praktisch musste er das ständig vom Osmanischen Reich zurückerobern, was doof war, weil er gerade noch selbst von diesem Reich als Geisel gefangen gehalten wurde. Eigentlich sollte er zum Marionettenherrscher ausgebildet werden, stattdessen lernte er a) das Pfählen und b) Hass auf Osmanen, eine für Osmanen eher ungünstige Kombi, die darauf hindeutet, dass ihr Ausbildungsplan nicht ganz ausgereift war. Als Vlad endlich die Walachei regierte, ließ er haufenweise Menschen aufspießen, um seinem von Dauerkrieg, Kriminalität und Aufständen zerrütteten Land Disziplin aufzuzwingen. Als er dann seinen eigenen Kreuzzug gegen die Osmanen startete, machte er damit bei den Muslimen weiter - für ihn war Rache ein Gericht, das am liebsten kalt am Spieß serviert wird. Inzwischen fiel einigen Leuten auf, dass dracul auch Teufel bedeuten kann. Manche Rumänen sehen ihn bis heute aber durchaus als tapferen Helden und Bekämpfer der Korruption, und auch wenn manche seiner Gräueltaten definitiv passiert sind, waren sie nicht zwangsläufig schlimmer als das, was die westeuropäischen Fürsten taten, vielleicht waren manche Übertreibungen auch Propaganda.

Aber was hat der Nichtvampir nun in Budapest verloren? Kompliziert, denn die Ungarn waren für ihn mal Feinde, mal Verbündete. Eingesperrt wurde er jedenfalls nicht wegen seiner Pfählereien, sondern wegen eines wahrscheinlich gefälschten Briefs, der ihn des Verrats belastete. Ob er aber wirklich in diesem Labyrinth angekettet war wie eine kreideweiße Statue, oder ob das eher ein bequemer Hausarrest war, das ist nicht so ganz klar. Immerhin heiratete er eine Verwandte des Königs und kämpfte später auch wieder für Ungarn.

Der Autor Bram Stoker wurde von Vlad III. inspiriert zum berühmtesten Vampirroman, der aber kaum etwas mit der historischen Figur zu tun hat, nicht mal das typische Pfählen kommt darin vor. Vielleicht ist der Roman ja auch in dieser wunderbaren Bücherkutsche zu finden. Eine Buchhandlung auf Rädern, großartig!

Wo wir beim Thema Shopping sind, das hier ist die Altstadt, beziehungsweise der Teil von Pest, der direkt an der Kettenbrücke beginnt, natürlich auch wieder mit einer Kuppelkathedrale in der Mitte. Hm, aber ehrlich gesagt, das sieht jetzt nicht so anders aus als der Rest der Stadt. Da hat uns unser Wohnviertel besser gefallen - das hier ist zwar eine Fußgängerzone, dafür aber auch viel voller und weniger grün. Stattdessen mühten sich Ventilatoren mit integrierten Wassernebeldüsen ab, um die Restaurantgäste auf Betriebstemperatur zu halten.

Wo immer wir sind, mein kleiner Bruder will das Geschäft eines gewissen Klemmbausteinherstellers besuchen. Dieses hier sah mir ein bisschen zu sehr nach Kinderfalle aus, deshalb bin ich lieber mit nach unten gestiegen. War dann aber doch nur ein enger Raum voller Regale.

Kreativer wird es auf diesem Wochenend-Flohmarkt, der sich in einen sehr langgezogenen Innenhofdurchgang reingequetscht hat. Und mit ihm quetschen sich viele Touristen und nicht ganz so viele Einheimische. Neben Schmuck gibt es auch haufenweise Bretter mit den Filmmotiven drauf zu kaufen, keine Schneidebretter, sondern anscheinend einfach so nerdige Holzstücke zum Hinstellen. Am einprägsamsten war aber sicherlich ein Stand, der Klemmbaustein-Figuren von Darth Vader bis zur Budapester Freiheitsstatue verkaufte und sogar Klemmbaustein- und Haribo-Ohrringe (mit winzigen Tütchen dran). Offiziell lizenziert ist das wohl nicht, woraus auch kein Hehl gemacht wird: Please don't photograph our handmade works. Die Arme der Konzerne reichen weit, aber vielleicht ja nicht bis in diesen Hinterhof.

Der Flohmarkt liegt schon im jüdischen Viertel. Doch auch hier: Ähnliche Architektur, enge Bürgersteige, laute Durchgangsstraßen, der einzige Unterschied ist erst einmal, dass die Bars jetzt Mazel Tov oder so heißen. Kann es wirklich sein, dass unser Wohnviertel schon das Schönste war?
Nicht ganz, eine herrlich begrünte und ruhige Fußgängerzone entdeckten wir dann doch noch, die Liszt Ferenc tér. Der Name verrät auch schon, welchen Komponisten die Staue links darstellt. Aber das ist nur der Anfang, in diesem Bereich lebten wohl lauter Künstler, an die mit auffälligen bis ausgeflippten Statuen gedacht wird. Super, dachten wir, denn einen der Budapester Künstler schätzen wir ganz besonders. Laut Google Maps war das Ephraim Kishon Monument nicht mehr weit entfernt.

Und da ist es.
Was? Um die Ecke wurde der beste Satiriker von allen geboren, und das ist das Beste, was euch dazu einfällt? Frechheit. Was soll das überhaupt sein, ein aufgeschlagenes Buch oder Kishons Hintern? Oder doch nur der Deckel irgendeines Lüftungsschachts, an den eine Gedenktafel getackert wurde.
Vielleicht sind die Ungarn neidisch, weil er Ungarn verlassen hat. Als der Mann 1924 auf die Welt kam, hieß er noch Hoffmann Ferenc (in Ungarn steht der Nachname zuerst). Als er erwachsen wurde, gab es bereits Maximalquoten, wie viele Juden auf die Hochschulen durften, darum wurde er erstmal Goldschmied. Aus dem Zug in ein Arbeitslager konnte er fliehen. Im Kommunismus benannte er sich dann um in Kishont Ferenc, weil das weniger bürgerlich klang, und wurde Kunsthistoriker, was ihn wiederum bürgerlicher machte, floh dann aber doch lieber nach Israel. Was dann geschah, beschreibt er in einer Kurzgeschichte: Der Grenzbeamte war von seinem ungarischen Namen wie paralysiert, wusste nicht mal, was davon der Vorname sein sollte, und ersetzte ihn mit der Bemerkung "Gibt es nicht" durch Ephraim Kishon. In dem Moment entdeckte der Autor seine schräge Liebe zu diesem Land und beschloss, nicht (nur) über das Dunkel in seiner Vergangenheit zu schreiben, sondern auch über den Alltag in Tel Aviv mit seinen Ärzten, Anwälten und unfertigen U-Bahnen, womit er gerade bei den deutschsprachigen Ländern richtig gut ankam.

Aber gehen wir nochmal zurück zum Anfang dieses Stadtviertels.
Im Jahr 1785 lebten nur 40 Juden in der Stadt. Was logisch war, denn die Tore waren erst seit zwei Jahren für sie geöffnet. Im Laufe der Jahrzehnte siedelten sich immer mehr an, aus dem Osten, Westen und ein paar auch aus dem Balkan, und nutzen die Möglichkeiten der europäischen Handelsstadt. Viele wollten Ungarn beweisen, dass es eine gute Entscheidung war, sie aufzunehmen: Sie trugen die Kippa nicht mehr, verlegten den Sabbat auf den Sonntag, wollten vollwertige Bürger des Königreichs Ungarn sein und Juden nur noch hinsichtlich ihrer Religion. Doch manchen ging das auch zu weit, und eine Spaltung ging durch die wachsende jüdische Gemeinde: Etwa 80 Prozent gehörten zu den Integrationswilligen, 20 Prozent zu den Traditionalisten.
Auf ihren Spuren besuchten wir nun ein prächtiges Gebäude an der Ecke der Dohány-Straße, die größte Synagoge Europas und die zweitgrößte der Welt. Sie ist im maurischen Stil erbaut, das heißt anscheinend: Runde Bögen und hellorange-gelbe Ziegelstreifen. Ein Gewirr aus Warteschlangenbändern erstreckt sich vor ihr, doch wir hatten überraschend schnell Eintritt gezahlt und waren durch die Sicherheitskontrolle.
In einem Haus direkt neben der Synagoge, das heute nicht mehr steht, kam übrigens 1860 ein Mann auf die Welt, der zuerst zu den 80 Prozent und dann zu keiner der beiden Gruppen gehörte. Der kleine Theodor Herzl begleitete seinen Vater in die Große Synagoge. Aber erst beim Studium in Wien kam der Schriftsteller allmählich zu dem Schluss, dass die Juden nie wirklich akzeptiert werden und einen eigenen Staat bräuchten. In einem Jahrhundert, in dem Menschen überall in Europa ihre Nationalität entdeckten, kein so abwegiger Gedanke. Herzl suchte Sponsoren, um Land im damaligen Osmanischen Reich anzukaufen und zu besiedeln, etwa dort, wo die Juden vor 2500 Jahren schon mal ein Königreich hatten. Anfangs verlachten ihn auch die meisten Juden, aber letztendlich war das die Keimzelle des heutigen Israel, im Guten wie im Schlechten.

Texte und Bilder im Keller erzählen, wie es weiterging: Zur Jahrhundertwende wurde die Stadt umgeplant und Häuser neben der Synagoge abgerissen, die den entstandenen Platz für einen öffentlichen Garten mit Pool nutzte und noch eine Heldensynagoge als Denkmal für jüdische Soldaten dazubaute.
Aller Integrationswille half nichts, als sich in Ungarn die rechtsradikale Pfeilkreuz-Partei (weil deren Symbol so ein bescheuertes + mit Pfeilen an allen Enden war) an die Macht putschte und das Stadtviertel als Ghetto abriegelte. Deutschland verlangte 25 000 bis 50 000 jüdische Arbeiter, und die Ungarn schickten sie breitwillig auf Hungermärsche, bei denen ein Fünftel der Menschen schon auf dem Weg starb. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der einst so belebte Innenhof zum Friedhof, auf dem, von Efeu überwachsen, die herumliegenden Erfrorenen, Verhungerten und Erschossenen aus dem Ghetto begraben wurden, zum Teil ohne Namen. Es scheint, dass der ungarische Holocaust chaotischer und weniger organisiert ablief als in Deutschland, doch an dem Grauen der Zeit ändert das nichts.

Wir schauten über eine Absperrkordel in den eigentlichen Innenraum der Synagoge, und alles glänzte uns entgegen. Die Integrationswilligkeit der 80 Prozent sieht man dem Raum deutlich an: Es ist eine Orgel eingebaut, und die Bima (Lesepult) steht nicht in der Mitte, sondern am Rand, fast wie eine evangelische Kanzel. Erst auf den zweiten Blick kristallisierten sich in dem goldenen Gefunkel die Unterschiede zu einer Kirche heraus, zum Beispiel sind die runden Buntglasfenster viel kleiner und zeigen immer dasselbe Symbol.
Aber wie kommen wir da rein, da drinnen sind ja Leute? Oder kann man den Raum nur mit der Führung betreten, die wir gerade verpasst hatten? Denn bei genauerem Hinsehen sahen die Menschen da drin eigentlich nicht nach Touristen aus, sondern nach Gläubigen.
Immerhin sind es mehr als 40.

Schneller als befürchtet kam der letzte Abend, und hier wollten wir noch einen Tipp umsetzen, den ich von einem guten Freund hatte, wobei er sich jetzt nicht mehr erinnern kann, mir den Tipp gegeben zu haben, also habe ich ihn vielleicht doch von jemand anders. Ich rede von einer Nachtbootsfahrt auf der Donau, denn Budapest lässt viele seiner Uferbauwerke beleuchten, zum Beispiel den Burgberg (hinten).
Doch unser erster Blick auf das Lichtermeer fand nicht gerade in romantischer Atmosphäre statt. Wir standen eine halbe Stunde zwischen Brückenpfeiler und Leitplanke, neben uns brausten die Autos dahin. Wer das Ticket mit Pizza und Cocktails gebucht hatte, durfte zuerst rauf und sich die Fensterplätze sichern. Wir saßen dann unten in der Schiffsmitte oder drängten uns draußen am Heck zusammen, um mehr zu sehen, während sich Kellner mit Pizza hindurchschoben. Natürlich kann ein Schiff nicht nur Fensterplätze haben, und doch ist diese Tatsache recht unbefriedigend bei einem touristischen Konzept, das eigentlich nur mit Fensterplatz Sinn ergibt.

Zumindest sahen wir schon einmal, was hinter der Kettenbrücke noch kommt. Nämlich viel: Eine kleinere Freiheitsstatue mit Bieröffner Palmwedel in der Hand, darüber auf dem dunklen Berg die Citadella, Brücken, die älteste rein technische Uni, Thermalbäder, Theater...

...und sogar der Donauwal ist doch nicht ganz ausgestorben! Das Kultur-, Unterhaltungs- und Einkaufszentrum wird nämlich auf Englisch mit CET abgekürzt, und das heißt auf ungarisch Wal, wovon sich der Architekt offensichtlich hat inspirieren lassen.

Unsere Fahrräder übernachten in einem original Budapester Innenhof.

Und wohin fahren sie nun weiter?
Erstmal nirgends und nach Hause.
Unsere Familientouren an den drei größten Flüssen Deutschlands sind hiermit abgeschlossen (was nicht heißt, dass uns die Ideen für künftige Touren ausgegangen sind). Es gibt da jedoch ein klitzekleines Aber: Bei Elbe und Rhein waren wir nach der vierten Staffel am Ende des Flusses, bei der Donau sind wir noch nicht mal bei der Hälfte. Doch die übrige Strecke ist für die anderen nun definitiv zu abenteuerlich, und auch ich musste meiner Mutter versprechen, den Rest zumindest nicht allein zu fahren. Fahren will ich ihn schon irgendwann, aber ganz oben auf meiner Liste steht das jetzt nicht.
Denn zur Zeit gibt es da noch ein anderes Problem.
Die Donau strömt nichts Böses ahnend nach Osten und hat noch keine Ahnung, dass am Ufer ihres zehnten und letzten Staates gerade Bomben fallen.

03 Juni 2025

Spree: Von Maiberg nach Trebatsch

Tag 3 beginnt mit einem Wehr.

Es sieht aus wie ein Wehr. Jap, wirklich sehr wehrhaft. Der Radweg wechselt das Ufer und geht dann ganz normal weiter. Fast hätte ich übersehen, dass ungewehr hier der bekannteste Abschnitt der Spree beginnt: Zwischen den Betonteilen teilt sich der Fluss zum ersten Mal - in die Hauptspree (links) und den Nordumfluter (rechts). Der Nordumfluter ist ein relativ junger Spreearm, er wurde erst in den 60ern gegraben. Er, das Wehr und die 99 anderen Wehre haben die Aufgabe, die heutige Tagesetappe vor Hochwasser zu schützen.
Das Land ist noch relativ offen, das Ergebnis ausgiebiger Waldrodungen.

Ein paar Kilometer weiter sollte ich den Nordumfluter verlassen und auf einen Bahnradweg mit grünem Wellblech-Bahnhof abbiegen. Der Haltepunkt Schmogrow war gar nicht mal so unwichtig, wie er klingt: Hier wurden wichtige Güter auf Pferdewagen und Schiffe umgeladen, um die Dörfer zu versorgen. Leider fiel die Bahnlinie dem Nordumfluter zum Opfer, der die Strecke zerschnitt. Eine Brücke wäre zu teuer gewesen, und so war es mit der Bahntrasse vorbei.

Nach einer kurzen Allee übers Feld war es auch für mich mit der Bahntrasse vorbei, und ich kam an diesem mächtigen Bauwerk vorbei. Nanu, wer wird denn hier wohl angebetet, oder begraben, oder auch beides? Der Bismarck. Das ist ein Bismarckturm, und zwar einer, neben dem unser Göttinger Bismarckturm Minderwertigkeitskomplexe bekäme. Naja, irgendwie müssen sie ja ausgleichen, dass sie hier keine Berge haben - diesen Hügel kann man ja kaum zählen. Wobei der Hügel sehr viel älter ist als Bismarck, da stand schon in der Bronzezeit eine Burg drauf. Warum die Bronzemenschen die aufgegeben haben und was sie sonst so getrieben haben, weiß man nicht, aber fest steht, die Lausitz war schon damals besiedelt.

Gegenüber wächst ein Weidendom in die Höhe. Ach nee, eine Weidenburg - Arena Salix... sieht aber voll aus wie eine Kirche.
Diese Bioburg ist komplett vegan, mit Ausnahme der (leider verschlossenen) roten Klohäuschen. Auch eine Bühne aus Brettern und Holzschnitzeln gehört dazu. Ziemlich genau wie der Rostocker Weidendom, nur dass dieser hier noch nicht angezündet wurde. In der Landschaft drumherum wachsen auch zig verschiedene Weidenarten.
Ob die nächste Stadt ihren Namen nun von der Weidenburg oder der mysteriösen Bronzeburg hat, weiß ich nicht, auf jeden Fall heißt sie: Burg.

In Burg fließt auch wieder die Hauptspree. Aber etwas Seltsames passiert mit ihr: Immer mehr Teile des Wassers erklären die Unabhängigkeit und spalten sich ab. Unter dieser Trauerweide zum Beispiel macht sich gerade die Neue Spree vom Acker, neben der ich in die Stadt reingefahren bin.

Burg ist das Tor zum Spreewald, einer Flusslandschaft, wie man sie sonst nirgendwo in Europa findet. Und deshalb wird sie auch regelmäßig von Touristen gefunden. Mitten in Burg rauscht die Hauptspree ein Wehr hinunter. Sie wird gesäumt von Holzhäusern und Betonmauern in einem Ensemble, das an den Einstieg einer Wildwasserbahn im Freizeitpark erinnert. (Spoiler: Ist es nicht. Sogar die Wehre sind meistens leise, und das Wasser ist ungefähr so wild wie ein Faultier.)
Die Spreewälder lebten in dieser Reihenfolge von: Landwirtschaft und Fischerei, Handwerk (vor allem Flachs anbauen und daraus Leinen weben) und schließlich Touristen. Schon lange war der Hafen in Burg ein wichtiges Ziel, wenn die Menschen aus den Dörfchen ihr Vieh verkaufen, einen Gottesdienst oder einen Arzt besuchen wollte. Da ergibt es Sinn, dass die Stadt 1899 als erstes eine richtige Straße (links im Bild) und Eisenbahn nach Cottbus bekam. Das war der Startschuss für den Fremdenverkehr, und die Berliner strömten herbei, um die frisch aufgeschlossene Landschaft zu erkunden. Ab Burg ging es dann aber trotzdem per Boot weiter. Oder im Winter mit dem Schlitten oder Schlittschuhen, wobei die Spreewälder auf dem Eis immer einen Stab zum Abstoßen benutzen, egal, welchen Aggregatzustand das Wasser gerade hat.

Die Bewohner des Spreewalds leben heute also größtenteils vom Tourismus. Aber nicht alle von denen nehmen Euro. Manche akzeptieren von den Touristen nur eine einzige Art der Kurtaxe: Blut. Die Rede ist von den Spreewaldmücken, die immer penetranter wurden. Mein Spray war leer, aber in der Apotheke konnte ich mir ein neues besorgen.
Nicht zu vergessen ist der Spreewald immer noch Teil der Lausitz, auch wenn wir uns inzwischen am Nordrand befinden. Heißt: Nach wie vor sind alle Schilder zweisprachig. (Das waren sie seit der Quelle, habe ich das noch nicht erwähnt?) Die sorbische Sprache benutzt Sonderzeichen aus dem Polnischen und dem Tschechischen, was dazu führt, dass der Spreeradweg auf Sorbisch den äußerst klangvollen Namen Sprjewinakolesowarskašćežka trägt.
Mit der Sprache ist es wie mit der Mode: Als die jungen Sorben während der Industrialisierung in die Städte zogen, passten sie sich sprachlich an. In der Weimarer Republik war das Gebiet immer noch zweisprachig, aber das Aussterben schon nicht mehr aufzuhalten, hat das Museum gestern geklagt. Ach so? Dann sind die ganzen zweisprachigen Schilder und sorbischen Zeitungen also völlig sinnlos und niemand kann sie lesen? So ganz ausgestorben sieht mir das nun nicht aus.

Eine Weile kurvte ich noch durch offene Straßen und Felder zwischen den Flussarmen - viel Spree, aber wenig Wald. Schließlich aber verschluckte eine grüne Laubwand die Flussarme und mich. Auf einem super Kiesweg zischte ich durch ein Paradies, das Mückenspray tat seine Wirkung, und ich genoss den Wald in vollen Zügen. Das war auch besser so, denn diese fünf Kilometer sind leider die einzigen, auf denen man mit dem Fahrrad so nah an Spreewald herankommt.
Die ersten E-Biker tauchten bereits auf, doch in der Frühe war ich noch ziemlich allein auf der Strecke und atmete die ganz besondere Atmosphäre aus Wasser, Leben und Cholorphyll in meine Lungen. Und so nass diese Landschaft auch war, so trocken blieb der Weg, sodass mir auch die vielen, vielen Holzbrücken nichts anhaben konnten.
Immer leistete mir mindestens ein Spreearm Gesellschaft. Oder eigentlich zwei, denn auf der anderen Seite des Weges befand sich auch einer. Und da ist schon wieder eine Verzweigung, da kommt ein anderer dazu, und auf der anderen Seite auch einer, also treffen sich an dieser Brücke insgesamt sechs verschiedene Wasserstraßen, oder sieben, oder drei? Kommt drauf an, wie man zählt. Oder warte mal, da hinten ist ja schon die nächste Kreuzung zu sehen, also eigentlich neun? Diese moorgrünen Wasserläufe heißen Fließe. In welche Richtung die Strömung geht, ist meistens nicht zu erkennen. So herrlich die Natur auch ist, bei genauerer Betrachtung sind die Fließe doch ein bisschen zu gerade, um komplett natürlich zu sein. Geflossen ist hier schon seit der Eiszeit was, aber mehr so querbeet durchs Moor. Viele Fließe sind ein Ergebnis mühevoller Buddelarbeit, um etwas ähnliches wie Landwirtschaft möglich zu machen. Dass das schwierig ist, musste schon der Teufel feststellen. Sogar in unserem Deutschlehrbuch in der dritten Klasse stand folgende Sage (damals konnte ich mir die Landschaft dazu noch null vorstellen): Satan versuchte, den Spreewald zu pflügen. Er war mit der Leistungsbereitschaft seiner Ochsen aber so unzufrieden, dass er sie beschimpfte und mit seiner Großmutter drohte. Dabei unterschätzte er Omas Abschreckungspotential: Die Ochsen flohen panisch in alle Richtungen und zogen die Pflüge hinter sich her, das Ergebnis ist ein Netzwerk aus 300 Fließen.

Von denen sind 190 befahrbar, und zusammen sind sie an die 1000 Kilometer lang. Jeder hat seinen eigenen Namen, und die Namen sind absolut random. Sie heißen unter anderem: Bischofkanal, Schweißgraben Nord, II. Freiheitskanal, Richters Strenigk, Huschepusch, Südumfluter/Goroschoa, E-Kanal, Groß Japan, Kanal 9/10, Scheidungsfließ, Gurkengraben, Henska-Tschummi, Venediggraben, Untere Boblitzer Kahnabfahrt, Irrtumkanal, Spree, Doninka, Kleine Wildbahn, Eschenfließ und Brodg. Ich liebe es. Irgendwo da drin steckt zwar immer noch die Hauptspree, aber die ist so zusammengeschrumpft, dass ich sie ohne die Karte niemals wiedergefunden hätte. Die Nadel im Heuhafen!
Und mit Heuhaufen kennen sich die Leute hier aus, überall stehen welche. Oben guckt ein Stock raus und verrät, dass sich a) im Inneren eine Holzkonstruktion verbirgt, auf der sich Heu besonders gut stapeln lässt und b) ein Stock im Heuhaufen deutlich leichter zu finden ist als eine Nadel.

Schließlich zogen sich die grünen zwitschernden Wände auf den Inseln zurück und gaben den Blick frei auf... nun, nicht gleich Häuser, erst einmal kleine Schuppen, Stege und Ziegengehege sowie Wiesen, die von besagten Ziegen gemäht wurden. Subtile Anzeichen, dass auf diesen Inseln tatsächlich jemand lebt. Sogar auf den Inseln, die bis heute keine Brücke haben. Für diese idyllische Lage nehmen Menschen auch in Kauf, Waschmaschine und Kühlschrank auf einem Kahn rüberzustaken. Ich weiß nicht, ob ich das nachvollziehen kann - ja, es ist verdammt schön hier, aber Umzüge sind weiß Gott auch so schon ätzend genug. So gelangte ich allmählich rein nach Lübbenau. 1910 kam man hier noch ausschließlich per Kahn oder zu Fuß durch. Klingt glaubhaft bei diesem Foto, oder?

Bei diesem Foto klingt es schon weniger glaubhaft. Am Lübbenauer Spreewald hängt auch eine ganz normale Stadt hintendran, sogar mit Bahnhof und Therme, die so überall in Nordostdeutschland stehen könnte. An einer Ecke weist ein handgeschriebenes Schild nach Lübben Berlin Dresden und Husum 531 km, offenbar hat hier irgendjemand eine besondere Affinität zur Nordseeküste.
Hm, hier und da ein enges Gässchen und bissl Fachwerk, aber das erklärt noch nicht, warum so viele Reisende in dieser Ackerbürgerstadt wimmeln.

Kaum jemand besucht Lübbenau für diese Innenstadt, deswegen machte ich mich direkt auf die Suche nach dem Einstieg zur nächsten WMildwasserbahn. Der Haupthafen von Lübbenau sieht viel schöner aus als in Burg, ein dezentrales Gewirr an Gräben, Blumen und Holzbrücken, im Hintergrund ragt auch noch ein kleines klassizistisches Säulenschloss in die Höhe. Ob hier morgens um zehn schon etwas abfährt? Die Website hat vage geschrieben, das würde alles spontan entschieden, je nach Andrang und Laune.
Zum Glück war hier im Mai schon Hochsaison. Bevor ich überhaupt erkennen konnte, dass Hochsaison war, hatte mich am Eingang schon ein Mann in roter Uniform angesprochen, was ich suche und ob ich denn mitfahren wolle. Aber hallo! Glück gehabt, es waren nicht mehr viele Plätze frei. Ich sprühte noch einmal ordentlich Mückenspray nach und stieg dann ein. (Das war eine gute Idee, aber eher für die letzten Minuten bis zur Abfahrt - auf der eigentlichen Tour gab es dann deutlich weniger Mücken.)
Man kann sich auch sein eigenes Kanu mieten, aber das klassische Touristenspreektakel ist eine Kahnfahrt. Die flachen Kähne bestehen traditionell aus geteertem Holz, in dem Tische und gepolsterte Bänke stehen. So bequem habe ich noch nie in einem Paddelboot gesessen! Wer Durst hat, kann sich vom Kahnführer ganz hinten eine Getränk aus der Kühlbox durchreichen lassen. Gegen Aufpreis natürlich.

Fröhlich wurden wir also drauflosgestakt, und zwar als erstes... zur nächsten Anlegestelle. Vor uns standen noch zwei weitere Touristenkähne Schlange, aber bald kamen wir an die Reihe und man fragte uns, was wir möchten: Getränke, eine Fettbemme (Schmalzbrot) oder eine Gurkenplatte? Ah ja, als erstes werden die Reisenden also in einen Drive-In gestakt, um sie noch weiter zu melken. Ich und das Paar, das mir gegenübersaß, amüsierten uns prächtig.
Und kauften dann natürlich trotzdem was.

Nun aber los, auf nach... wohin eigentlich? Das wusste nicht mal unser Kahnführer so genau, er wollte sich da ganz nach uns richten. Auch die Fahrgäste waren unentschlossen. Fest stand, es sollte eine Fahrt nach Lehde werden, was wohl der Klassiker unter den Lübbenauer Kahntouren ist. Aber wie lange und welche Variante genau, und wie hoch entsprechend der Fahrpreis wird, das war noch basisdemokratisch zu entscheiden. Wir hatten ja genug Zeit.
Wie bewegt man so einen Kahn fort? Erstens sehr langsam und zweitens mit einer Stange, die am unteren Ende wie ein Paddel etwas breiter wird.
Jeder Fahrgast darf eine Frage stellen, die Durchsetzung dieser Obergrenze wird aber sehr locker gehandhabt.
Erst einmal ging es über den Lehder Graben, die Gigliza und den SpreeNav-Kanal. Die Ufer waren zunächst mit Holz befestigt. Aber was sind das für komische Holz- oder Blechkisten mit Löchern, die da in jedem zweiten Vorgarten hängen (links)? Klingt vielleicht komisch, aber das ist ein Aquarium, also quasi. Wenn der Lübbenauer Fische gefangen hat, tut er sie in diese Box und kurbelt sie runter, bis das Wasser durch die Löcher reinläuft. Wenn er dann Hunger hat, sind die Fische noch immer frisch, quicklebendig und höchstens etwas klaustrophobisch.

Allmählich stakten wir aus der Stadt raus, und es tauchten auch wilde Ufer auf. Die sind im Prinzip auch mit Holz befestigt, nur dass dieses Holz noch quicklebendig und Teil einer Wurzel ist. Diese Ufer sind nicht ganz ungefährlich. Regelmäßig muss geguckt werden, ob die Wurzeln nicht schimmeln, damit nicht eines Tages einem Paddeltouristen eine Silberweide, Mandelweide oder Ohrweide auf die Ohren fällt.

Ein paar Wasserkreuzungen später tauchten wieder Häuser auf. Oder die Häuser waren nie so richtig weg: Natur- und Kulturlandschaft gehen hier wortwörtlich fließend ineinander über.
Auf jeden Fall sind diese neuen Häuser nochmal viel schöner - sogar Umgebindehäuser sind dabei. Die Türen und Fensterrahmen tarnen sich in der Natur mit verschiedenen Dunkelgrüntönen, aber auch andere Farben tauchen immer wieder auf. Und natürlich gibt es viele, viele Häuser mit direkter Zufahrt in den überdachten Bootsschuppen.
Willkommen in Lehde, einem der schönsten Dörfer Deutschlands! Darum war ich natürlich auch einverstanden, die eine Stunde längere Runde für nur wenige Extra-Euro zu drehen. Zwischen Lehder Fließ, Zeitzfließ, Jablona und Suez-Kanal (wir blieben nicht stecken) umrundeten wir ein Dorf aus vielen einzelnen Kaupen (so heißen diese Talsandinseln laut Bikeline, vor Ort hat aber niemand den Begriff benutzt). Der Kahnfahrer erzählte immer weniger von Natur und Alltagsleben, sondern blieb bei den einzelnen Häuser hängen, wer da wohne, welche leerstünden und wo jemand Neues etwas Neues aufbauen wolle. Diese Details sind dann doch nur für Einheimische interessant, mich hätte eher noch ein bisschen was zur Geschichte vor der DDR interessiert.

Spannender ist auf jeden Fall, wie die Lehder ihren Alltag organisieren. Post und Müllabfuhr kommen nach wie vor per Boot. Manche haben ihren Briefkasten als ein Modell ihres Hauses gestaltet. Da passen dann auch Pakete rein. Auf deiner eigenen Insel klaut dir keiner so schnell was aus der Paketbox.
Natürlich ist der traditionelle Holzkahn, der super aufwändig gebaut und jeden Winter kompliziert gewartet werden muss, für solche Aufgaben eher weniger geeignet. Immer mehr Spreewälder steigen auf silbrig schimmerndes Aluminium um, sogar bei den Touristenfahrten. Einmal wurde unser traditionelles Boot von einem rasend schnellen Alukahn überholt. Sein Kahnführer geriet rasch in Sicht. Er fuhr fast oberkörperfrei, nur mit Weste, war deutlich jünger und kräftiger als unser Mann am Steuer und hätte auch in anderen Berufen arbeiten können, in denen Stangen eine bedeutende Rolle spielen. Unser Kahnführer brummte laut hörbar etwas über die jungen Raser in ihren Alukähnen, und es entwickelte sich ein nicht ganz ernstgemeinter Schlagabtausch zur Unterhaltung aller Fahrgäste.

Nach weiterer Unentschlossenheit, wo wir denn nun eine Stunde Pause machen sollen, legten wir schließlich im hölzernen Herzen von Lehde an. Es besteht aus einem Haufen Holzbrücken, Holztreppen und Holzhäuser. Auf der einen Seite befindet sich Brandenburgs ältestes Freilichtmuseum, für das der Kahnführer intensiv warb - erstaunlich, dass die es hier 1957 hingekriegt haben, auf engstem Raum Häuser aus unterschiedlichen Regionen des Spreewalds hinzuquetschen.
Auf der anderen Seite liegen eine Open-Air-Kantine, ein Souvenirshop und laut meiner App ein Aquarium mit Spreefischen, das anscheinend aber nicht mehr existiert. Trotz der vormittäglichen Stunde war der Platz schon gut gefüllt. Für die Kahnfahrer ist immer ein Ehrentisch reserviert, dennoch ärgerte sich unser Fahrer, weil die neuen Betreiber nicht erlauben, die Kähne während der Pause bei ihnen zu parken, sodass er ihn zum Abstellen noch woanders hinstaken musste. Bei dem hohen Andrang an weiteren Kähnen, die ihre Gäste auf der begrenzt langen Kante abladen wollten, überraschte mich die Regel jetzt nicht so.
Trotzdem: Ich hätte lieber auf seine Tipps hören sollen. Ich hatte Hunger und war mir nicht sicher, wie weit es zu den anderen Restaurants war und wie teuer die waren, also nahm ich einfach das erstbeste Angebot. Das Kantinenessen schmeckte aber nur so meh.

Anschließend wollte ich Lehde auch noch zu Fuß erkunden. Also betrat ich die Straße (es gab nur eine) und befand mich nun technisch gesehen mitten im Dorf. Warum hatte ich trotzdem das Gefühl, auf die Rückseite von Lehde zu schauen? Weil die Musik nun mal auf dem Wasser spielt und die meisten Fassaden nach wie vor dem Wasser zugewandt sind. Bald verbreiterte sich der sehr enge Weg zwischen den Häusern ein bisschen, sodass Platz war für Gärten mit Schildern wie Wer keine Ahnung von Gartenarbeit hat, soll einfach mal die Kresse halten oder Eis Kalte Getränke Mückenspray AntiBrumm klein, groß, sensitiv. Wegweiser wiesen mich zu weiteren Kleinunternehmen wie der Marmeladenmanufaktur, doch als ich einem davon folgte, geriet ich sehr schnell auf einen kaum erkennbaren Trampelpfad über 12 verschiedene Holzbrücken, mit immer mehr Nur-für-Anlieger-Schildern, bis ich mich fragte, ob Auswärtige überhaupt befugt waren, hier zwecks Marmeladenkauf durchzugehen.
Aber immerhin: Es gibt eine Straße, über die man Lehde heute trocken erreicht. Auch wenn es auf den letzten Metern gefährlich für die Seitenspiegel wird. Was ich sehr anschaulich an einem LKW voller Lebensmittel beobachten konnte. Wer in Lehde übernachtet, darf sogar mit dem eigenen Auto kommen und vor der Engstelle parken. Alle anderen benutzen die Straße zu Fuß oder per Rad.
Besagte Straße von Lübbenau ist übrigens 1,8 Kilometer lang.
Die Kahnfahrt dauerte 3 Stunden und 15 Minuten.

Hinter Lübbenau knickt die Spree nach Norden ab und beginnt allmählich wieder, ihre Fließe einzusammeln. Zumindest ist sie jetzt wieder erkennbar breiter als der Rest. An ihrem Ufer folgte ich dem sonnigen Radweg und entdeckte eine mysteriöse Ruine, vollständig bedeckt von Schlingpflanzen.
Der Spreewald erstreckt sich rechts vom Fluss (im Bild das linke Ufer) noch weiter und wilder, aber das ist vom Radweg aus nicht wirklich zu sehen. Wer da so richtig in die Wildnis reinwill, der muss einen halben bis ganzen Tag in eine lange Kahnfahrt investieren. Das Angebot ist schließlich viel umfangreicher als die Standardfahrt nach Lehde: Sagenfahrt, Theaterkahnfahrt, Kaminfahrt, Frühstücksfahrt, Glühweinfahrt und Kahnfahrt im Liegen (damit man das Blätterdach über sich so richtig bewundern kann).

Kurz vor Lübben wird es wieder spreewaldiger, zu Recht wirbt die Stadt mit Wo sich die Fließe treffen. Ich tauchte ein in einen schattigen Park aus Wasserläufen und Holzbrücken...

...aber das war dann auch schon das Schönste an der Stadt. Lübben ohne au war eine wehrhafte Stadt, welche die Fließe ausgenutzt und sich hinter Wasser und Stadtmauern verschanzt hat. Am Ende half das nicht, der Zweite Weltkrieg hat 80 Prozent der Altstadt zerstört, was übrig blieb, sah für mich nicht mehr allzu wehrhaft aus. Immerhin wurde vieles rekonstruiert oder zumindest mit Wandbildern bespreet.

Trotz der langen Kahnfahrt bin ich richtig gut vorangekommen, über das Kopfsteinpflaster von Hartmannsdorf, über den Feldweg zum Deich, vorbei am Tor am Wehr und immer am Deich entlang, bis... wieso bin ich jetzt wieder kurz vor Hartmannsdorf?! Mist, der heimtückische Deichweg hat mich unauffällig um 180 Grad gedreht! Ich hätte durch das Tor beim Wehr fahren müssen, auf das, was nach Betriebsgelände aussah! Also nochmal über das Kopfsteinpflaster von Hartmannsdorf, über den Feldweg...
Auf dem rechten Weg wurde es wieder waldiger und schattiger, ich kam an der nächsten Teichlandschaft vorbei, wo auf dem Sommer Teich zahlreiche Schwäne Schwankram machen.

In Schlepzig schleppen die letzten Spreewaldkähne Touristen in den Spreewald, hier aber bloß noch so zwei-, dreimal am Tag.
Bei Krausnick musste ich ein bisschen Straße fahren, und es wurde nochmal leicht bergig. Moment, Krausnick? War hier nicht... ja, auf dem Gebiet dieser Gemeinde liegt Europas größte freitragende Halle, eine superbreite ovale Kuppel aus Stahlträgern und Glas, die wie eine sehr gleichmäßige Beule in der Landschaft aufragt. Darin sollten Zeppeline gebaut werden, aber die verkauften sich nicht mehr so gut, nachdem eins von ihnen namens Hindenburg Bumm gemacht hatte. 1,5 Weltkriege später hatte jemand eine irrwitzige Idee: Lass uns da drin einen echten Regenwald anpflanzen, komplett drinnen, mit Pfauen und Vogelspinnen (in Glaskäfigen, die ungefähr so groß sind wie die Spinne), und der Rest der Halle wird ein Schwimmbad.
Vom Spreeradweg ist das Tropical Islands noch ein ordentliches Stück entfernt, und das störte mich wenig, denn kürzlich hatte jemand anders im Tropical Islands eine wahrhaft dämliche Idee: Lass uns die höchste Wasserrutsche Deutschlands abreißen und durch eine niedrigere ersetzen.

Am Neuendorfer See sind der Spreewald und die Lausitz so ungefähr zu Ende. Die Spree fließt durch den See und macht darin wieder einen ihrer vielen, vielen Richtungswechsel, diesmal nach Osten. Auf Nebenstraßen umrundete ich eine weißblaue Wasserfläche, die ich durch die Stämme nur schemenhaft erkennen konnte.

Die Route ist hier viel zickzackiger, aber neben einigen Straßen und Hügeln konnte ich auch diesen tollen Uferweg genießen. Die Landschaft hatte sich urplötzlich verändert: Auf einmal sah alles komplett norddeutsch aus. Nadelwälder, vereinzelte Campingplätze, Sand und gelbliches Gras... nur eines ist gleich geblieben: Diese Wasserlandschaft ist nach wie vor ein populäres Paddelgebiet. Und das sollte große Auswirkungen auf meine nächste Nacht haben.

Eine weitere Konstante: Holzbrücken. Diesmal sind es aber deutlich massivere Hängebrücken aus den 90ern. Diese in Briescht besteht (neben ein paar Stahlseilen) aus Basralocus- und Bangossi-Hölzern, die aus Kamerun und Suriname stammen - aber keine Sorge, diese Länder überwachen ihre Forstwirtschaft ganz genau, behauptet das Schild. Angeblich hat die Brücke eine Lebensdauer von 50 bis 70 Jahren, genau wie eine Stahlbrücke. Mag sein, aber eine Regenrutschfalle ist sie wahrscheinlich auch mit afrikanischem Holz. Rotweiß abgesperrte Gehwege auf beiden Seiten verschmälern die Fahrbahn. Und dass man ausgerechnet dann, wenn die Brücke hochgezogen ist, nicht stoppen soll, erschließt sich mir auch nicht so recht.

Die Sorben haben die Spree hellbraun und noch erstaunlich durchsichtig hinterlassen. Zumindest sah sie so aus, als ich sie vom Rasenstrand aus bewunderte, aus der Ferne wirkte sie dunkler.
Eine Paddeltour von Berlin zum Spreewald scheint ein echter Klassiker zu sein. Aber diese Strecke schaffe ich ja nicht mal per Rad an einem Tag, geschweige denn im Boot. Damit die urbanen Paddelabenteurer auch irgendwo sicher schlafen können, folgt jetzt eine ganze Kette von Naturlagerplätzen. Der erste in Werder kostete so 3 Euro, hatte dafür aber ein richtiges Häuschen mit Klos und Duschen. Irgendeine Kinderfreizeitgruppe oder mehrere Familien hatten ihn schon zu großen Teilen in Beschlag genommen, aber ich konnte meine Trinkflasche dort auffüllen.
Die nächsten Plätze sind dann gratis und haben einfach nur Dixiklos, Mülleimer, Rasthütten, Tische und eine wunderbare Wiese am Ufer. Und sie waren leer. Reicht mir! Ich hatte noch genug Tageslicht und Power, um den vierten, vorerst letzten Naturlagerplatz in Trebatsch anzusteuern. Das Schild auf der Wiese verkündet den Paddlern stolz, was es in Trebatsch alles gibt: Telefon, Eisbecher, Einkaufstasche, Bett, Heißgetränk, Erste-Hilfe-Kreuz, Teller mit Essen und einen Brief. Wahnsinn.
Nicht erwähnt werden auf dem Schild: Parkbank (Nimm Platz), Honigverkaufsstand (Hier wohnt ein Imker mit seiner schönsten Biene) und die Geburtsstätte des Australienforschers Ludwig Leichhardt, dem ich ja schon in Cottbus begegnet war (Sein Vater besitzt eine Flotte von neun Kaffeekähnen, mit denen Waren von Berlin an den Schwielochsee transportiert wurden). Angeblich ist der Ludwig den Schulweg bis Cottbus öfter zu Fuß gegangen - bitte was? Wie?! Sogar per Rad habe ich mehr als einen Tag gebraucht. Der Wanderweg Leichhardt-Trail folgt diesem unmöglichen Schulweg. Ich verstehe nun, wie dieser Mann auf die Idee kam, er könne das Outback durchqueren. Zum Glück hatte er keine Kinder, denn die hätten sich die Geschichte seines Schulwegs sicher andauernd anhören müssen.
Wie auch immer, alles, was ich für einen erfolgreichen Abend in Trebatsch brauchte, waren: Bank, Buch, Brot und die leisen Geräusche des Flusses.
Und mein Mückenspree.