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07 Juni 2025

Spree: Von Berlin nach Spandau

Die Spreemauer

Länge: 1,5 km (Regierungsviertel) + 2 km (East Side Gallery) + ca. 22 km (restlicher Spreeradweg ohne Mauer)
Grenzquerungen: 2
Bundesländer: nur Berlin
Seite: nur Ost
Erkenntnis: Manchmal braucht es nichts weiter als einen globalen Konflikt zweier Atommächte im Innenstadtgebiet, damit Touristen aus aller Welt ein Graffito genauso toll finden wie einen Michelangelo.


Die Spree floss mitten durch eine geteilte Hauptstadt. Da überrascht es nicht, dass die Grenze zwischen zwei Weltmächten auch mal direkt an ihrem Ufer lag. Zwar immer nur kurz, dafür aber insgesamt dreimal.

Spreemauer 1: Die East Side Gallery

In Berlin steht die wahrscheinlich hübscheste Spreebrücke. Zumindest gilt die Oberbaumbrücke als die schönste Brücke Berlins. Eigentlich sind das zwei Brücken: Auf der vorderen kommen Fußgänger und Radler bequem rüber, die große Brücke dahinter wurde 1894 für die U1 gebaut. Hitler wollte die prächtigen Türme und Bögen sprengen, aber es konnte alles wiederhergestellt werden. Nicht ganz so leicht rückgängig zu machen war die Teilung der Stadt: Kurz vor der Brücke kam die Berliner Mauer ans Ufer der Spree. In den 50ern durfte man noch rüber, um seine Verwandten zu besuchen. Zumindest, wenn man die sensationell schlechten Propagandaplakate ertrug. (Wen drückt das Deutschlandtreffen sehr hart? Den dicken Ludwig Ehrhard. - Euer Ernst, SED?) Auf Dauer waren die grauenhaften Reime trotzdem nicht abschreckend genug, also wurde die Brücke mit dem Mauerbau dichtgemacht, dann aber zweieinhalb Jahre später wieder ein bisschen geöffnet: Mit einem Passierscheinabkommen durften Westberliner ihre Verwandten im Osten besuchen. Keine Ahnung, was damals schiefging, aber das Abkommen hielt nicht mal einen Monat. Es dauerte nochmal ein Jahrzehnt, bis es ein ähnliches Abkommen für ganz Deutschland gab.
Sonderlich gefährlich sieht die Spree nicht aus. War sie aber: Manche Flüchtlinge entkamen den Kugeln, sanken dann aber vor Erschöpfung nach unten. Erfolgversprechender war es, falls man zufällig auf einem Ausflugsdampfer arbeitete, seinen linientreuen Käpt'n betrunken zu machen und den Dampfer ans Westufer zu steuern. Sogar Entenfüttern war hier lebensgefährlich: Als ein Schüler dabei ins Wasser fiel, erlaubten die Grenzsoldaten der Westberliner Polizei nicht, ihn rauszufischen.

Neben der Brücke beginnt ein 1,3 Kilometer langes Bauwerk: Die East Side Gallery ist die größte Freiluftgalerie der Welt, gestaltet von 118 Künstlern aus 21 Ländern, und zugleich das längste ununterbrochene Stück der Hinterlandmauer. Obwohl, inzwischen wurde die Mauer schon ein bisschen durchbrochen, damit man zum Schiffsanleger kommt. Und noch ein paarmal, damit man zum schicken neuen Hotelturm gelangt. Kein Wunder, dass die Künstler sauer waren, als Berlin einem Investor das Grundstück verkauft hat.

Auf welcher Seite läuft man an der East Side Gallery lang? Wenn Sie auf der Spreeseite laufen, steht da eine Reihe Bäume, übel zertrampeltes Gras und Infosäulen mit zersplitterten Spiegeln. Mit anderen Worten: Es ist eindeutig die schönere Seite. Zumindest, wenn man die Kunst selbst außer Betracht lässt. Auf der Mauer prangen nämlich ganz gewöhnliche dicke Graffiti-Buchstaben, die immerhin manchmal zeitkritische Kommentare enthalten. Diese Seite ist den wilden Sprayern vorbehalten. So ähnlich sah die Mauer wahrscheinlich schon im Kalten Krieg auf der Westseite aus.

Die großen Künstler haben sich auf der anderen Mauerseite an der Straße verewigt. Wer aber ihr Werk bewundern will, muss dafür eine Menge Stress auf sich nehmen. Entweder man radelt auf dem Fahrradstreifen, atmet die hirnbetäubenden Düfte der kunterbunten Trabi-Safari ein und erhascht über die parkenden Autos nur einzelne Schemen der Kunstwerke.


Oder aber man quetscht sich auf dem Bürgersteig zwischen Menschenmassen hindurch. Die meisten interessiert eigentlich nur ein bestimmtes Gemälde. "Excuse me, where is the kiss?", fragte mich ein Mann mit Basecap.
Hatte ich ihn gerade richtig verstanden? Der Kuss? Dann machte es Klick und ich verstand, denn sogar ich hatte dieses berühmte Bild schon mal irgendwo gesehen. Weiterhelfen konnte ich ihm trotzdem nicht. Erst zwei Stunden später (also gefühlt) hatte ich mich weit genug durch die Massen gearbeitet, um zu gucken, wie sich zwei nicht sonderlich attraktive Männer namens Honecker und Breschnew abknutschen. Und Menschen aus aller Herren Länder bespannen sie dabei. Naja, vielleicht hilft das wenigstens gegen die Homophobie in der Welt. (Obwohl, ich glaube, wenn ich homophob wäre, würde das Bild das eher verstärken...)

Immerhin ist das der Beweis, dass es sich um eine richtige Kunstgalerie handelt. Es ist fast so schlimm wie in der Sixtinischen Kapelle. Och Leute, schaut euch doch auch mal die anderen Bilder an, nicht nur den Kuss und das Trabibild, die in jedem Reiseführer zu sehen sind! Guckt mal, da ist der Japanische Sektor mit dem Berg Fuji (im echten Berlin leider nicht zu finden), Menschenmassen, die die Mauer durchbrechen, angekettete Friedenstauben, ein Drache und fremde Galaxien über Berlin, ein Vergleichsbild mit Mauern aus aller Welt... tja, oder ihr bespannt halt weiter die alten Säcke bei ihren romantischen Aktivitäten.


Kurz darauf verlässt die Mauer die Spree schon wieder, und der Radweg folgt einer Straße abseits des Flusses. Trotzdem versuchte ich auf dem nächsten Stück, einen Weg zur Spree zu finden. In dieser Stadt gibt's doch überall Wege, da muss doch irgendwas sein... nun ja, in der Tat war da was. Als ich jedoch auf diesem schmalen Was entlangfuhr, musste ich mein Rad eine Treppe hinauftragen und fand mich unversehens in einem Café wieder, wo ich das Rad zwischen leicht irritierten Gästen hindurchschieben musste. Die Wegführung hat schon ihre Gründe.


Etwas verloren steht am Rande eines gepflasterten Platzes eine einsame Ecke herum. Dieses Hausstückchen gehörte zur Bauakademie des Architekten Karl Friedrich Schinkel, der gefühlt ungefähr jedes zweite Haus in Berlin entworfen hat. Die Musterfassade macht Werbung dafür, auch noch die komplette Bauakademie wieder aufzubauen.

Berlin ist dermaßen riesig, dass ich dachte, ich beschränke mich hier auf die Sehenswürdigkeiten, die direkt am Fluss liegen. Ich musste jedoch feststellen: Es liegen verdammt viele Sehenswürdigkeiten am Fluss. Zugegeben, bei der Museumsinsel ergibt sich das schon aus dem Namen, dass sie nicht nur am, sondern sogar im Wasser liegen muss. Die Spree teilt sich in zwei Arme.

Der kleinere Spreekanal ist allerdings viel schmaler und zugleich so lang, dass die Insel nicht wirklich nach einer Insel aussieht, sondern eher wie ein normales Ufer mit besonders vielen griechischen Säulen.
Auf der Insel ist auch die grüne Kuppel des Berliner Doms zu finden. Hinter den Museen stand einst das Berliner Stadtschloss, in dem der Adel von Preußen regierte - und später der Palast der Republik, in dem die Sozialistische Einheitspartei krachend daran scheiterte, es besser zu machen als die Adligen (und das in einem deutlich hässlicheren und asbestversuchten Palast). Beide Schlösser stehen nicht mehr, und nur ersteres wird vielleicht wieder aufgebaut.
Ist ja auch egal, für mich ist vollkommen klar, welches Ziel ich auf dieser Insel ansteuere.

Springen wir nun ein paar Jahrtausende vor die SED zurück, in antike Zeiten, als es noch... also, auch nicht wirklich gesitteter war, aber auf jeden Fall anders. Damals plagten die Herrscher noch keine Probleme wie Wir können den Fünfjahresplan nicht einhalten und Manno, der Wolf Biermann hat schon wieder ein total gemeines Lied gesungen, sondern eher so was wie Das Orakel von Delphi hat gesagt, mein künftiger Enkel wird mich umbringen. Wat nu?
König Aleos fand eine clevere Lösung: Er machte seine Tochter Auge (ja, die hieß so) zur Priesterin, denn in dem Job ist alles, was zu Kindern führen könnte, streng verboten. Im Prinzip einleuchtend, klappt aber nicht, wenn irgendein betrunkener Herkules seine Triebe nicht im Griff hat. Sein zweiter Versuch war sowieso zum Scheitern verurteilt: Er setzte Mutter und Kind voneinander getrennt aus. Mensch, Aleos, hast du nie irgendwelche Geschichten gelesen? Bei ausgesetzten Babys geht die Säuglingssterblichkeit gegen Null, sie werden immer von Nymphen/Hirten/Pharaos/Wölf*innen/den Dursleys aufgezogen! Das Kind hieß Telephos, fand seine Mutter wieder und beide wurden von einem anderen König adoptiert.
Der Rest der Sage ist sogar ganz schön und hat eine versöhnliche, fast schon pazifistische Note: Die Griechen schauten auf dem Weg zum Trojanischen Krieg vorbei, plünderten ein bisschen und ihr bester Krieger Achilles piekste Telephos. Die Verletzung wollte einfach nicht heilen und das Orakel sagte, nur der Verursacher kann sie wieder in Ordnung bringen. Null Problemo, dachte Telephos, lief den Griechen hinterher und gab sich erstmal als anonymer Verwundeter aus. Er wurde nicht nur erfolgreich geheilt, sondern versöhnte sich auch mit den Griechen und zeigte ihnen den richtigen Weg nach Troja, damit sie anderswo weitertöten konnten (an dieser Stelle gerät die pazifistische Note ins Wanken). Ach ja, und außerdem wurde er selber König und gründete Pergamon. Seine Stadt wuchs zu einem kulturellen Hotspot mit einer der weltweit größten Bibliotheken heran, und in diesem Zustand übergab sie Jahrhunderte später der letzte König Pergamons besenrein ans Römische Reich.
Telephos' Nachkommen errichteten einen gewaltigen Altar, um den Göttern Essen und Trinken zu opfern. In die Wände meißelten sie irgendeinen kreativen Quatsch, weil sie auch einen coolen Mythos haben wollen, der erklärt, warum ihre Stadt von den Göttern abstammt die absolut glaubhaft überlieferte Geschichte ihres Gründers.

Springen wir nun etwa 2000 Jahre weiter. Ein deutscher Ingenieur namens Carl Humann reist an die Küste der heutigen Türkei und wundert sich. Oh Gott, was machen die denn da, zerschlagen die etwa alte Steinplatten, um daraus Kalk zu brennen? Da gehen ja uralte Schätze verloren! Er holt sich Geld von den Museen und eine Genehmigung der türkischen Behörden, und gräbt los, um zu retten, was zu retten ist. Und es ist noch dermaßen viel zu retten, dass a) bis heute weiter dort gegraben wird und b) Berlin ein eigenes Museum bauen muss, um das ganze ausgegrabene Zeug irgendwo unterzukriegen. 1901 entstand das Pergamonmuseum 1.0, aber das war immer noch zu klein. Aktuell wird schon wieder an der neusten Version des Museums gewerkelt, deswegen ist der Altar gerade verschlossen, nur einzelne Statuen und Platten sind ausgestellt. Das Besondere ist: Sie werden mit einem speziellem Licht präsentiert, das sich ständig verändert, so wie sie damals im Freien zu verschiedenen Tageszeiten zu sehen waren. (Ich wusste nicht, dass griechisches Tageslicht so blau ist.)

Aber es gab auch Menschen, denen das immer noch nicht anschaulich genug war, nämlich Künstler. Deshalb malten sie Panoramen. Das Panorama 1.0 wurde schon 1886 im heutigen Hauptbahnhof aufgestellt, es ist also älter als das Museum. 2011 und 2018 hat der Künster Yadegar Asisi mit modernen Mitteln neue Versionen davon geschaffen.
Zögerlich trottete ich in einen großen schwarzen Zylinderraum. Dunkelheit umfing mich. Im Licht der Scheinwerfer Morgendämmerung schälten sich Säulen und Menschen hervor. Ein Fluss rauschte. Vögel zwitscherten. Triumphale Musik verkündete den Sonnenaufgang. Ich stieg einen Aussichtsturm hinauf, und Stockwerk erwachte eine antike Stadt zum Leben.

Das Theater gab eine Vorstellung. Auf dem Pergamonalter prasselten die Feuer, und das Blut der Tieropfer ziert den Boden (beim Originalaltar ist das heute vermutlich nicht mehr so, weshalb er auch von Vegetariern besichtigt werden kann). Im Gras chillten mehr Menschen als auf der Werbebroschüre einer Universität.
Dagegen kann das Mauerpanorama am Checkpoint Charlie einpacken.

Das richtige Pergamonmuseum ist im Hauptgebäude untergebracht und kostet noch einmal extra Eintritt. Auch wenn der Pergamonaltar aktuell gesperrt ist: Nirgendwo sonst gibt es dermaßen viele dermaßen riesige Werke aus so vielen Kulturen zu sehen. Alter, ist das riesig! (Außer das Modell vom Turm zu Babel, das ist etwas mickrig geraten.)
Ein paar Kilometer von Pergamon entfernt lag Milet, das im römischen Reich eher durch Handel als durch Kultur bekannt wurden. Eine brummende Wirtschaft war den Miletern dermaßen wichtig, dass ihr prächtigstes Tor nicht zu irgendeinem Tempel oder Palast führte, sondern einfach auf den größten Marktplatz der Stadt. Naja, und eventuell wollten sie sich mit dem Ding auch einfach bisschen schick machen, weil Kaiser Hadrian bald zu Besuch kam. Und sie bauten gut, denn das Ding überstand im Museum sogar einen Bombeneinschlag im Zweiten Weltkrieg!
Vor ein paar Jahren versuchten ein Berliner Senator und ein Modefürst, das Tor als Hochzeitsgeschenk zu klauen, wurden aber von drei Kindern aufgehalten. Behauptet jedenfalls der Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel.

Wer heute durch das Tor geht, kommt aber nicht mehr auf den Südmarkt, sondern aus einem komplett anderen Tor raus. Das Ischtar-Tor besteht aus absurd vielen blauen Fliesen, auf denen Löwen und deformierte Drachen die Beschützergötter von Babylon herumkriechen. Eigentlich war das bloß das Vortor, und danach kam ein noch viel größeres, das aber nicht mal ins Pergamonmuseum passt, obwohl das Museum ja nun extra gebaut wurde, weil seine Ausstellungsstücke zu große für normale Museen sind. Stattdessen hat man die komplette Prozessionsstraße dazugebaut, mit noch mehr blauen Fliesenwänden und Löwen. Die Babylonier benutzten das Gebilde, um die Statuen ihrer Götter quasi aus der Winterpause von einem Tempel außerhalb der Stadt zurück nach Hause zu schleppen, das war in Babylon das Event des Jahres.
Wer an der richtigen Stelle volle Kanne gegen die blaue Wand läuft, gelangt auch heute noch ins öffentliche Sprechzimmer des Blauen Dschinn von Babylon. Behauptet jedenfalls der Kinderbuchautor P.B. Kerr. Ich habe das Gefühl, die komplette Literatur meiner Kindheit diente nur dem Zweck, mich in dieses Museum zu locken. Es hat gedauert, aber der Plan ist endlich aufgegangen.

Spreemauer 2: Der Tränenpalast

Nach diesem Ausflug in die Antike springen wir direkt zurück in den Kalten Krieg (und in weiteres Kinderbuch, Emil und die Detektive, da habe ich erstmals vom nachfolgenden Bahnhof gehört). Einmal über die Spree streckt sich eine Stahlbrücke, obendrauf liegt der Bahnhof Friedrichstraße. Die Berliner Mauer stand hier eigentlich gar nicht, trotzdem verlief auch hier die Grenze: Auf dieser Station stiegen die allermeisten Fahrgäste von Ost nach West um. Ost- und Westgleise waren per Sichtschutz abgetrennt und in ein bürokratisches Labyrinth eingebettet, in dem nicht mal die Mitarbeiter richtig durchblickten. Der perfekte Ort, um Geheimagenten nach drüben zu schmuggeln - viel besser als irgendeine Katzenklappe im Grenzzaun!

Wer die geheimen Agententricks nicht kannte, musste auf dem offiziellen Wege durch den Sumpf der Bürokratie ins andere Land stapfen. Dazu wurde eine blaugraue Halle aus Glas, Beton und braunen Bretterwänden direkt neben den Bahnhof gebaut. Die Grenzer durchkämmten das Gepäck und die Menschen. Für manche war das einfach nervig, für andere psychisch belastend.
Wer als harmlos genug eingestuft wurde, dass er einen Besuch in die DDR genehmigt bekam, der durfte sich hier eine Menge Regeln durchlesen, zum Beispiel, dass er auf der Heimreise keine Zwiebeln und keinen Maschendraht in den Westen mitnehmen durfte.
Wer in der DDR ganz offiziell seinen Ausreiseantrag genehmigt bekam und legal floh, der sah in diesem Haus zum letzten Mal Freunde und Familie. Darum hieß das Bauwerk Tränenpalast. Natürlich nicht offiziell, aber dermaßen inoffiziell, dass ich keine Ahnung habe, wie es eigentlich offiziell genannt wurde.

Spreemauer 3: Das Regierungsviertel

Am Spreebogenpark werden die Pflanzen spärlicher. Wieder einmal verändert sich das Spreeufer komplett.

Es ist jetzt vollständig von Glas und edlem, zart beigefarbenen Gestein umgeben. Klarer Fall, hier geht irgendwas relativ Wichtiges ab. In diesem Bereich steht der helle Hauptbahnhof, den viele nicht mögen, ich aber schon. Und irgendwo hinter all den modernen Fassaden flattern die Flaggen auf dem Dach des Bundestags.
Fußgängerbrücken führen ans andere Ufer. Eine davon ist zweistöckig: Eine Etage für Beamte (die sogenannte Höhere Beamtenlaufbahn), eine für den Rest. Darunter fahren flache Ausflugsschiffe vorbei.
Haha, das Gebäude da drüben sieht voll aus wie eine Waschmaschine. Warte mal, irgendwo hatte ich mal gehört, das Bundeskanzleramt würde von den Berlinern Waschmaschine genannt, ist das etwa...? Nope, es handelt sich um das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, was auch immer das ist. Bei genauerer Betrachtung sehen echt viele Regierungsgebäude nach einer Waschmaschine aus. Wie soll man da bloß den echten Bundeskanzler finden? Aber vielleicht ist ja gerade das Teil des Security-Konzepts. (Die echte Bundeswaschmaschine war schon auf dem Bild vorher.)
Im Regierungsviertel verlief die Berliner Mauer nochmal ganz kurz am nördlichen Ufer der Spree. Kaum zu glauben, aber dieses Gebiet war mal eine kahle, leblose Ödnis.

Nach Kriegsende lagen die Gebäude in Trümmern, die Bäume wurden zu Feuerholz (nur eine Eiche steht heute noch) und alle Böden zu Kartoffeläckern, um irgendwie durch den Winter zu kommen. Der Reichstag wurde zur Ausstellung, in der gelegentlich mal BRD-Politiker tagten. Daneben stand die Schweizer Botschaft, die im Auge des Sturms alle Kriegsbomben völlig neutral überstanden hatte.
Nach dem Mauerfall machten sich als erstes ein paar internationale Künstler in der Wüste breit, die sich voll entfalteten und alles groß und grün gestalteten - zum sogenannten Parlament der Bäume.
Kurz darauf wuchs das neue Regierungsviertel heran, und es mussten Kompromisse mit den Künstlern gefunden werden. Das führte zu dem seltsamen Ergebnis, das reihenweise Bäume gefällt, aber zugleich in großen Gesten Friedensbäume von Weltpolitikern gepflanzt wurden. Stücke der Berliner Mauer wurden in die drittgrößte Parlamentsbibliothek der Welt eingebaut.
Im Parlament der Bäume soll auch das "einzige komplett erhaltene Mauerstück" stehen, wie auch immer "komplett erhalten" definiert wurde, damit dieser Rekord hinkommt. Viel konnte ich nicht erkennen, denn die Bäume haben abgestimmt, ihre Blätter erhoben und beschlossen: Ich soll nichts sehen.

Nun bleiben noch 14 Kilometer bis zur Spreemündung, die ich schon von der Haveltour kannte.

Die Spree ändert ständig ihr Aussehen. Auf der letzten Spreetappe ist alles zusammengewürfelt: Restaurierte Industriegebäude, Plattenbauten des Todes, historische Villen, Ruinen und diese typischen Mietshäuser. Jup, Berlin ist eine bunte Stadt - und dermaßen groß, dass es im Grunde Quatsch ist, ein allgemeines Urteil über diese Stadt zu fällen. Aber tendenziell hat diese Spreetappe meinen Eindruck von Berlin eher verbessert. Was aber auch klar ist, am Wasser sind Städte halt meistens schöner.

Am anderen Ufer erhebt sich das Schloss Bellevue am Rande des Tiergarten-Parks. Auf dem Dach flattert eine Flagge. Das bedeutet, Queen Frank-Walter die Erste ist zu Hause, oder?

Auf dem schönsten Teil hatte ich sogar die Wahl, ob ich am linken oder rechten Ufer und ob ich oben oder unten fahren will. Wow, so viele Optionen! Ein grünes Geländer sorgt dafür, dass niemand unfreiwillig von Option oben zu Option unten wechselt.

Ein Kunstwerk erinnert an die Berliner Mauer, obwohl die an dieser Stelle gar nicht mehr verlief.

Die Brücken werden immer älter und runder. Hinter diesem Exemplar ragt die Siegessäule in die Höhe. Die Berliner nennen sie auch Goldelse. Angeblich. Allerdings habe ich auch schon gelesen, dass all diese witzigen Spitznamen bloß ein Marketing-Gag sind und kein Berliner die ernsthaft benutzt. Keine Ahnung, welche Quelle nun wirklich Recht hat. Für Auswärtige bleibt es wohl ein ewiges Rätsel, so ähnlich wie die richtige Aussprache der Stadt Edinburgh.

Immer wieder habe ich mich auf schmalen Stegen unter den zahlreichen Berliner Brücken hindurchgequetscht.


Und immer wieder zweigten Kanäle ab, um mich in die Irre zu führen. Die Spree ist doch jetzt das Wasser da drüben, oder... ach nee, ich bin falsch.

Zwischen Kleingärten und Bahngleisen durchquert die Spree einen naturnahen Abschnitt, den ich in Berlin nicht erwartet hätte.

Während die Industrie immer lebendiger wird, geschieht dasselbe mit der Natur.
Die Sicht auf das letzte Spreestückchen verhindern gewaltige Gewerbegebiete. Wo ein großes Kraftwerk Strom produziert, verschwindet der letzte holprige Kiesweg am Ufer.
Oder komme ich da weiter, wo der LKW rauskom... nee, alles verboten. Also bleibt nur die proppenvolle Riesenstraße.

Dieses Spreestück bin ich im Anschluss an meine erste Havelradtour gefahren. Weil ich noch Zeit hatte, beschloss ich: Ich spar mir das Geld für die S-Bahn und fahr direkt direkt Hauptbahnhof - jedenfalls so direkt, wie sich die Spree eben mit ihren Kurven hinschlängelt.

Das war aber, wie gesagt, gar nicht so einfach. Die Mündung der Spree ist von Industrieruinen und 789 Quadratmetern Graffiti umgeben. Während die Havel an dieser Stelle mit perfekten Uferwegen ausgestattet wurde (zum Teil sogar auf beiden Seiten), ist die Spree blockiert.

15 Juni 2023

Jungfernsee

Havelgeschwafel VIa: Das Übelgegrübel
Agenten über Enten - Die Konferenz der Hohen Tiere - Der sehr durstige Wald - Säule mit Weile - Warum diese Strecke meine Stimmung nicht eben erhellt hat


Havelsee Nr. 33: Jungfernsee

Diese Strecke um den Jungfernsee ist eine Variante des Havelradwegs, für den Fall, dass die Fähre nach Wannsee nicht fährt (im Radführer heißt sie Variante Neu Fahrland). Beim Berliner Mauerradweg ist es genau umgekehrt: Der Weg durch Wannsee ist die Alternative, und die Strecke um den Jungfernsee ist die Hauptroute.
Am kurzen Ostufer des Jungfernsees läuft der Havelradweg als Asphalthälfte eines Kieswegs, während Maiglöckchen, Schilf und überwachsende Buhnen das steile Waldufer säumen.

Aber die eigentliche Jungernsee-Tour beginnt in Klein Glienicke, einer Ansammlung an Häusern rund um ein Jagdschloss. Die Adligen haben hier dermaßen viele Schlösser gehabt, dass schon dem Soldatenkönig Friedrich I. auffiel, dass man zumindest eins davon davon eventuell besser nutzen könnte: Er machte es zum Lazarett.
Jahre später war Klein Glienicke eine einsame sozialistische Insel, mit der DDR nur verbunden über eine Bauampel und ein dünnes Brücklein über den Teltowkanal. Was der Soldatenkönig wohl dazu gesagt hätte?

Auf der anderen Seite von Klein Glienicke schwingt sich eine deutlich größere Stahlbrücke über die Havel, je zur Hälfte in Nato-Grün und NVA-Grün gestrichen. Die Brücke entstand 1907, weil die hölzerne Zugbrücke und die Backsteinbrücke (von Schinkel mal wieder) den ganzen Verkehr nicht mehr tragen konnten, vor allem seit der Teltowkanal gegraben wurde. Die Brücke wurde schon 1953 für Zivilpersonen gesperrt, damit die beiden Deutschlands hier in Ruhe alle Geheimagenten austauschen konnten, die erwischt wurden. Beim ersten Mal noch streng geheim (und später im Kinofilm) einer gegen einen, beim zweiten Mal 23 Westagenten gegen 4 Ostagenten und beim dritten Mal live im Fernsehen (damit sich Honecker als Vermittler präsentieren konnte) noch mehr Agenten plus ein russischer Dissident direkt aus dem sibirischen Gulag, dem live die Hose runterrutschte.
Auch drei junge Männer flohen hier in den Westen, ausgerechnet über die am besten bewachte Brücke der Welt. Sie ballerten mit einem LKW durch die Schranken. Ihr simpler Trick: Einfach einen Gefahrgut-Aufkleber hinten draufkleben, dann trauen die sich nicht zu schießen.
Im Film Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand flieht Allan Karlsson aus dem zerschossenen Fluchtwagen, indem er einfach ins Wasser springt. In Wirklichkeit wäre Allan unter Wasser vom Stalinrasen aufgespießt worden, noch bevor ihn die ersten Kugel getroffen hätten.

Ausgerechnet die DDR nannte das Bauwerk Brücke der Einheit, nur zwei Jahre, bevor sie den Übergang sperrte. Das fand die BRD dermaßen absurd, dass sie demonstrativ weiter Glienicker Brücke sagte, und der Name hat sich sogar gehalten, seit die Einheit erreicht wurde. Naja, Brücken der Einheit gibt's ja auch schon diverse andere. Die Einheit kam gerade noch rechtzeitig, damit die Deutsche Stiftung Denkmalschutz Spenden sammeln und die Kolonnaden am Brückenrand retten konnte. Einen wirklichen Zweck erfüllen die schlanken Säulen aus polnischem Sandstein nicht, sie waren einfach schicke Deko, damit die ausgetauschten Agenten auch schön was zu gucken hatten.
Gleich neben den Kolonnaden steht die Villa Schöningen. Die hat, nein, nicht Schinkel, aber einer seiner Schüler, für einen Hofmarschall gebaut. Sogar Friedrich Wilhelm IV., Hobby-Architekt und nebenberuflich König, verpasste ihr ein königliches Türmchen. Später waren dort einer der ersten Direktoren der Deutschen Bank, verwundete russische Soldaten und Kinder anzutreffen. Die Villa wurde zum Kinderwochenheim, wo sozialistische Eltern ihren Nachwuchs werktags absetzen konnten, um mehr zu arbeiten. Die Villa wäre nach der Wende fast abgerissen worden. Gerettet hat sie kein anderer als der Axel-Springer-Vorsitzende Matthias Döpfner. Ja, genau der Döpfner, der gerade erst mit seinen Chatverläufen über Ossis in den Schlagzeilen war. Jetzt enthält die Villa sein privates Freiheitsmuseum. Döpfner wollte sie als Zeichen der deutschen Einheit retten, von der er inzwischen offenbar nicht mehr so viel hält.

Der Reisekaiser Wilhelm II. war kein Hobby-Architekt, er bestellte einfach nur Architektur. Als er gerade eine skandinavische Phase hatte und aus Norwegen zurückkam, wünschte er sich eine Matrosenstation im norwegischen Stil, um von da aus zu segeln. Wird gemacht, Majestät! Wie sollen wir das Haus nennen? Wie wäre es mit Kongsnæs, das bedeutet Des Königs Nase Landzunge?

Potsdam besteht hauptsächlich aus Parks. Allein auf diesem kurzen Abschnitt habe ich zwei Parks durchquert, und dabei war ich gar nicht richtig in Potsdam. Der erste heißt Neuer Garten und stammt von 1787, ist also nicht mehr im engeren Sinne neu. Auch er wurde vom Reisekaiser bestellt. Eigentlich sieht er nicht weiter ungewöhnlich aus, eben so, als wären hier in Jahrhunderten Bäume und Büsche in ordentlicher Form gewachsen. Aber genau das sollten die Gärtner vortäuschen, und zwar möglichst etwas schneller als in ein paar Jahrhunderten, damit der Kaiser es noch erleben kann.
Ich betrat den Garten über die Schwanenbrücke. Die ließ sich ursprünglich hochklappen, damit der Kaiser auch bequem über den Hasengraben zum nächsten See se(e)geln konnte. Die Nazis sprengten die Brücke, die Sowjets bauten sie provisorisch wieder auf, damit Stalin zu seiner Konferenz kommen konnte. Churchill und Truman durften über Stalins Brücke nicht rüber, sie mussten den Umweg über die Stadt fahren. Später fuhren hier dann die Grenzsoldaten rum.

In einem Potsdamer Park muss alle 100 Meter ein historisches Gebäude stehen. Mindestens. Eine Eremitage, eine Meierei, eine Grotte, in der sich der Kaiser für private Teestunden verstecken konnte, egal, Hauptsache irgendwas...
Aber das wichtigste Gebäude ist ein anderes.

Das Schloss Cecilienhof hat 55 Schornsteine, die alle unterschiedlich aussehen. Der letzte Schornstein wurde am 9. November 1917 fertiggebaut, und das Schloss an den Kronprinzen Wilhelm übergeben. Weil Wilhelm als Name unter Adligen aber nicht direkt außergewöhnlich war, benannte man das Bauwerk lieber nach seiner Frau Cecilie. Das Paar hatte keine Ahnung, dass im Schloss in gerade einmal 30 Jahren das Schicksal der Welt entschieden würde, aber sie damit absolut nichts zu tun haben würden, weil Ihnen die Revolution in genau einem Jahr jede Macht nehmen würde. Der Prinz durfte trotz Revolution als Privatperson wohnen bleiben, und tat das bis 1945. Denn dann kamen drei Nichtadlige vorbei, die mächtiger waren, als der Kronprinz es je gewesen war. In diesen Hallen besprachen Churchill (naja, und später Attlee, weil Churchill zwischendurch abgewählt wurde), Truman und Stalin, was sie nun mit dem Land machen sollten, das sie besiegt hatten. Dabei ließen sie sich von Circus Lila inspirieren: Teilen macht Spaß. (Das Lied Teilen kann heilen dagegen erwies sich in diesem Fall als Irrtum.) Dass Deutschland geteilt werden sollte, hatten sie zwar schon auf Jalta besprochen, aber noch nicht, wie genau die Zonen aussehen sollen und was mit Berlin passiert.
Stalin pflanzte im Innenhof extra einen roten Stern aus Blumen, der verdächtig nach der sowjetischen Flagge aussah, um die anderen zu ärgern. Präsident Truman prahlte, er habe eine ganz neue gefährliche Art von Waffe (räuseratombomberäusper) und gab von hier aus telefonisch den Befehl, Hiroshima und Nagasaki zu zerstören.

An dieser Stelle war die Mauer eine viel größere Geldverschwendung als ohnehin schon. Eigentlich folgte die Grenze ziemlich zielstrebig dem Lauf der Havel. Aber die DDR hatte Pech: Ausgerechnet am kommunistischen Ufer hatte die Havel einen richtig, richtig langen Ausläufer. Der heißt zunächst Jungfernsee, später Lehnitzsee und ganz am Ende Krampnitzsee.
Eine Mauer kann man nicht übers Wasser bauen, oder? Naja, schon, wenn man den Schiffsverkehr mit Netzen und Schwimm-Pontons abriegelt. Aber das ging nur an der schmalsten Stelle, und selbst bis dahin war es ein ganz schöner Umweg. Der ehemalige Grenzturm markiert die Stelle, an der diese Wassermauer verlief. Die Pontons sind längst weg, und selbst wenn nicht, könnte ich da kaum mit dem Rad rüber. Also musste ich den kompletten Umweg um den Jungernsee machen (nicht, dass ich mich beschweren möchte, der Umweg war toll).

Wichtig war übrigens, dass sich die Mauernetze auch einholen ließen. Denn wenn ein Westberliner Schiff kam und seinen Müll abliefern wollte, musste man es durchlassen - das brachte wertvolles Westgeld! Außerdem holten sich die Westberliner auf diesem Weg Öl und andere Brennstoffe aus der BRD. Deswegen war das der wichtigste Grenzübergang für Lastschiffe.
Der Rest des Neuen Parks war auch im Kalten Krieg geöffnet. Wenige Meter entschieden über das Schicksal der alten Bauwerke: Während das Restaurant in der Meierei ein beliebtes Ausflugsziel wurde, verfiel die Grotte zwischen den Grenzanlagen und wird bis heute mühevoll rekonstruiert.
Ein Wasserschutzpolizist der DDR stieg während der Mittagspause in ein Kontrollboot und täuschte eine Kontrollfahrt vor, die jedoch planmäßig zu eine Fahrt ohne Rückkehr in den Westen wurde. Nicht die schlechteste Strategie, auf der Ostsee hat das ja auch funktioniert.

Hinter dem Park folgt das nächste Villenviertel. Vor dem Krieg lebten hier gleich drei Bankiers. Direkt nach der Potsdamer Konferenz setzte Stalin die Bewohner vor die Tür und installierte die Verbotene Stadt a.k.a. Kleine Sowjetunion a.k.a. Militärstädtchen Nr. 7. (Armeekasernen gab es hier allerdings schon vorher.) Hier hatte der KGB seine Deutschlandzentrale, und zwar ausgerechnet im früheren Internat der Kaiserin. Das einzige, was davon übrig ist, ist das Gefängnis. Angeblich. Ich habe es vor Ort aber nicht entdeckt. In den ersten Jahren mussten die Sowjets schließlich noch alles selber machen, bevor sie der DDR ihre Art von Unrecht beigebracht hatten. Ohne Anwalt inhaftierten sie schwerste Verbrecher. Zum Beispiel Teenager, die kein russisch lernen wollten. Oder amerikanische Piloten, die bei einem Spionageflug abgeschossen wurden.

An der Straße geht es weiter in Richtung Norden. Auf der Brücke des Friedens habe ich den Sacrow-Paretzer Kanal überquert. Der verrät mir schon mein nächstes Ziel: Sacrow. Dazu musste ich erstmal um den kompletten See. Aber es ging ja ziemlich schnell voran.

Und am anderen Ufer wurde es sogar schön ruhig: Ich durfte in den Wald abbiegen und den Verkehr hinter mir lassen. Ist das herrlich hier! Bei so vielen strahlenden Bäumen war es mir auch völlig wurst, dass ich jetzt über Erde mit ein paar Wurzeln fuhr.
In der Bronzezeit war es genau umgekehrt, da siedelten die Menschen nur auf dieser Seite. Später kam ein slawischer Stamm und nahm die Siedlung wieder in Betrieb. Römer siedelten hier keine, trotzdem heißt die Ecke Römerschanze. Und viel später kamen dann die Kommunisten mit ihrer komischen Ponton-Netz-Mauer an und rodeten die Bäume am Ufer. Der Mauerstreifen ist heute noch zu erkennen, denn die kleinen Nadelbäumchen kommen noch nicht so richtig aus dem Tee. DIE BÄUME SIND DANKBAR FÜR JEDEN TROPFEN HAVELWASSER, ächzt ein Schild. Okay, und was genau soll ich da jetzt machen? Sorry, Bäume, ich brauche das Wasser in meinen Trinkflaschen selbst. Wenn ich gießen soll, wie wäre es, wenn ihr eine Gießkanne hinstellt?

Irgendwann wurden die Wege wieder etwas ordentlicher, und der Wald ging in den Sacrower Park über - gut zu erkennen am Grünen Schild, das sämtliche Regeln erklärt. Ein Radfahrverbot gehört zum Glück nicht dazu! Ist ja auch genug Platz da drin.
Abgesehen von einem Schloss steht in diesem Park in erster Linie eine Kirche. Tatsächlich ist die Sacrower Heilandskirche so ziemlich die allererste Sehenswürdigkeit von Potsdam, von der ich je gehört habe. Ein Bekannter schwärmte davon, wie absolut sehenswert Potsdam sei und wie klasse er das fände, dass da mal eben so eine wunderschöne Kirche mitten in der Natur stünde, einfach zur Verschönerung. Ganz Unrecht hat er nicht, die Kirche steht schon recht isoliert am Ufer. Und sie ist definitiv ein schicker Blickfang mit ihren Säulen und Fliesen! Persius (der Typ, von dem auch die Döpfner-Villa gegenüber stammt) hat sie im italienischen Stil gebaut, und tatsächlich, ich fühlte mich fast wie in der Toskana - auch, was die Temperaturen angeht.
Andererseits steht sie natürlich trotzdem in einem künstlichen Park statt purer Natur, und so weit weg ist das Dorf Sacrow nun auch wieder nicht. Deswegen fanden in der Kirche ganz normal Gottesdienste statt. Was den Grenzsoldaten ein Dorn im Auge war. Kirchen fanden sie eh überflüssig, und hier könnten die Bürger auch noch auf dumme Gedanken kommen und nach dem Gottesdienst zwischen die Seerosen (damals noch ohne Stalinrasen) hüpfen, um nach Westberlin zu schwimmen. Kurz nach Heiligabend 1961 demolierten die Grenztruppen die komplette Einrichtung, damit endlich Schluss mit dem Quatsch war. Erst 28 Jahre später hielt genau derselbe Pfarrer, der damals die letzte Christvesper gehalten hatte, wieder einen Gottesdienst in der Heilandskirche. Der Raum war proppenvoll.
Weder das Kirchenschiff noch der Turm waren geöffnet. Aber außenrum zwischen den Säulen hindurchschlendern und auf die Glienicker Brücke gucken, das ist definitiv auch einen Spaziergang wert.

Von Sacrow aus führt eine Waldstraße bis zur Wannsee-Fähre in Kladow. Mauer und Mauerradweg knicken aber vorher links ab. An der Stelle lagen sich an der Havel der britische und amerikanische Stadtsektor gegenüber, ich folge ab jetzt der Grenze zwischen britischem Sektor und sowjetischer Besatzungszone/DDR.

Rund um den Jungfernsee grenzten Teile der ostdeutschen Stadt Potsdam besonders eng an die Mauer, und das hatte dramatische Folgen. Hier musste man überhaupt nicht flüchten, um ermordet zu werden. Es gab eine Aktivität, die fast genauso lebensgefährlich war: Busfahren.
Horst Mende hatte in der Nähe der Glienicker Brücke Party gemacht. Danach ging er auf die Brücke zu und fragte den Zöllner, wo der Bus abfährt. Er bekam eine Antwort und entfernte sich wieder von der Grenze. Aber die Volkspolizei war misstrauisch geworden und fragte nach seinen Personalien. Horst gab ihnen seinen Ausweis, begriff aber nach der durchzechten Nacht nicht, dass sie ihn gleich festnehmen wollten. Der Bus kam. Horst fragte, ob sie sonst noch was wollten. Keine Antwort, also lief er los. Die Kugeln trafen ihn in den Rücken und machten ihn mit 23 Jahren zum Invaliden.
Lothar Hennig stieg in Sacrow aus dem Bus. Weil gerade Flüchtlingsalarm war, riet ihm der Busfahrer, aufzupassen. Daraus zog Lothar leider einen völlig falschen Schluss: Er rannte die 400 Meter nach Hause im Dauerlauf und hielt nicht mal an, als ihm etwas zugerufen wurde und ein Warnschuss ertönte. Die nächsten Schüsse trafen ihn in den Rücken.

Allmählich macht mich der Berliner Mauerweg immer ratloser. Wer seinen Glauben an die Menschheit behalten will, dem muss ich von dieser Tour dringend abraten. An der Innerdeutschen Grenze war noch meist von den Opfern der Minen und Selbstschussanlagen die Rede. Das lässt sich mit einem einfachen menschlichen Mechanismus erklären (der mit autonomen KI-Kampfdrohnen aktuell perfektioniert wird): Je mehr Abstand du zwischen Täter und Opfer bringst, desto leichter fällt das Töten.
Aber in Berlin? Da betrug dieser Abstand mitunter gerade mal mal 15 Meter! Hier gab es schießwütige Soldaten, deren Verbrechen weit über das Prinzip Befehl ist Befehl hinausschossen. Sie schossen entgegen der eindeutigen Regeln auf Minderjährige, auf Menschen, die sich ergaben, oder in Situationen, wo keinerlei Fluchtgefahr mehr bestand. Sie bekamen zwar selten Ärger deswegen, aber dennoch: WARUM? Das war nicht nötig, nicht mal, um die Abwanderung aus dem Land zu verhindern. (Was manche Politiker bis heute als Rechtfertigungsgrund ansehen, weil dem armen Politbüro ja nichts übrig blieb. Also, außer, seinen Job zu machen und vernünftig zu regieren, damit die Menschen nicht mehr so unzufrieden sind.)
Ein Haufen Menschen wird jetzt sagen: Das ist halt so ein uralter Instinkt, der an die Oberfläche bricht, sobald er die Gelegenheit hat. In unserem Inneren steckt ein böses Monster. Ein verbreiteter Irrglaube, an dem niemand ernsthaft festhalten kann, der Rutger Bregmans Im Grunde gut gelesen hat.
Waren manche Soldaten einfach nach ihren Schulungen und nach dem gesamten Bildungssystem der DDR dermaßen ideologisch aufgepeitscht gegen den Klassenfeind, dass sie jede Gewalt gegen den Feind für richtig hielten und losballerten? Kann sein.
Bregman glaubt allerdings, dass Kameradschaft viel wichtiger ist als Ideologie. Dabei bezieht er sich auf die Verbrechen der Nazi-Soldaten. Auf die Mauerschützen passt diese These aber so überhaupt nicht, denn das System der Grenztruppen verfolgte ja gerade das Ziel, dass keine Kameradschaft entsteht. Immer wieder wurden zwei wildfremde Soldaten auf einen Posten zusammengewürfelt, damit sie sich gegenseitig misstrauisch beobachten, statt sich gemeinsam zur Flucht zu verbünden.
Ein anderer Grund könnte sein: Völlig egal, ob ein Schuss nun den Regeln entsprochen hätte - bei einer erfolgreichen Flucht bekam man meistens auf den Deckel. Also im Grunde Angst. Das erklärt vielleicht die Schüsse auf Minderjährige und weit entfernte Flüchtlinge, die die Hände hoben, aber nicht auf völlig eingekreiste Menschen oder solche in 15 Meter Entfernung, die definitiv keine Chance mehr hatten.
Da bleibt dann doch nur die Ideologie als Erklärung.
Reicht das aus?
Keine Ahnung.

Die Jungfernmauer

Länge: 18 km (11 km per Havelradweg am anderen Ufer nach Wannsee)
Grenzquerungen: 2
Bundesländer: Berlin, Brandenburg
Seite: fast nur Ost
Erkenntnis: Das Berliner Böse bleibt ein ungelöstes Rätsel.