05 September 2010

Hardau: Von Uelzen nach Hösseringen

 Lüneburger Elbnebenfluss #1a: Die Hardau

Diese kleine Strecke gehört zum Lüneburger-Heide-Radweg und ist gleichzeitig eine Variante vom Ilmenau-Radweg und vom Weser-Harz-Heide-Radweg. (Ja, ich weiß, gähn, nicht gerade der spannendste Einstieg.) Ich dachte mir: Ich mache heute den Rest vom WHH-Radweg und vorneweg eben das hier. Nichts Böses ahnend stieg ich in Uelzen aus dem Zug und düste durch den Stadtpark runter in den Wald, wo die Ilmenau aus Gerdau und Stederau entsteht. Auf einer Holzbrücke zeigt sich die breite Gerdau in voller Pracht mit treibendem Grünzeug. Wer hätte gedacht, dass Schlammbraun so beeindruckend aussehen kann? Nun, die Sommersonne hat natürlich viel dazu beigetragen.

Diesmal bog ich auf einen anderen Pfad ab. Es war kein guter Pfad. Während die Metronom-Züge auf bequemen Bogenbrücken dahinbrausen, holperte ich über Bruchstücke von Ziegeln, die jemand unter einer Schmutzschicht versteckt hat - etwas Ähnliches kannte ich schon von der Ilmenau.
Und auch die Gerdau zeigt ein Steilufer, das verdächtig an die Ilmenau erinnert. Es wird von Wurzeln und Farnen zusammengehalten. Besonders stabil sind die Wurzeln der Schwarzerle, weil sie wie Palisaden aufgebaut sind. Die Farne lassen mich nicht durch, bei den Wurzeln dagegen kann ich zum Wasser runtersteigen. So richtig viel erkenne ich nicht, aber irgendwo da hinten müsste die Hardau in die Gerdau fließen. Ab jetzt folgt der Radweg der Hardau.

Der erste Ort an der Hardau heißt Holdenstedt. Während das Schloss stolz seine Ziegel, Balken und weißen Rechtecke präsentiert, um vielleicht jemanden ins Heimatmuseum zu locken, sind die Bauernhäuser völlig versteckt. In Holdenstedt ist Dornröschen keine Adlige, sondern eine ganz bodenständige Bauerntochter, deren Familiensitz von undurchdringlichen Hecken zugewuchert wurde. Vermutlich als Fluch, weil ihre Eltern Schottergärtner waren damit den Zorn einer Fee namens Ulf Soltau auf sich zogen.

Die nächsten zwei Kilometer gehen übers Feld, aber immerhin ist noch so viel Schatten da, dass mir ein wenig Sonnencreme übrigbleibt. Der Weg ist fest gepflastert, das war aber nicht immer so. Einst war hier nur eine Piste im Dreck. Steinerne Straßen gab es höchstens mal im Sumpf oder wenn es eine Brücke oder einen Hügel hochging. Irgendwann wollten die Bewohner dann doch lieber alles pflastern und zertrümmerten die Findlinge aus der Eiszeit zu kompakten Kopfsteinen. Sie zögerten auch nicht, sich bei uralten Hügelgräbern zu bedienen. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie hier bei einer Fahrt übers Kopfsteinpflaster empörte Geister aufscheuchen.

Welches Wort kommt Ihnen bei dieser Brücke in den Sinn? Vermutlich nicht Fernverkehr, oder? Dabei diente die Brücke in Holxen genau dazu: Post und Handelswaren reisten an dieser Stelle von Braunschweig nach Lüneburg. Zumindest bis 1840, also lange, bevor irgendein Mensch auf der Welt eine Autobahn oder ICE-Trasse über die Hardau hätte bauen können.
Genau genommen war diese steinerne Brücke von 1833 schon Hightech-Infrastruktur und quasi vergleichbar mit einer Autobahn. Jedenfalls für die Menschen im Mittelalter. Die mussten sich nämlich noch mit einer Furt aus Steinen im Wasser begnügen, die man in Holxen ebenfalls nach wie vor bewundern kann (nicht im Bild).

In Holxen schmiegen sich die Geestrücken (das ist vermutlich irgend ne höhere Stelle, was in dieser Gegend nicht allzu viel heißt) ganz eng an den Fluss, der daraufhin schmaler und steiler unterwegs ist. Das macht die Stelle nicht nur gut geeignet, um den Fluss zu überqueren, sondern auch, um den Fluss arbeiten zu lassen. Hardau, mach gefälligst Mehl! Ach was, du kannst auch direkt Grütze daraus mahlen! Und den Flachs darfst du auch gleich zerkloppen, damit wir Klamotten draus machen!
Das letzte Mühlrad aus der Mühlengruppe hörte 1950 auf zu arbeiten. Mittlerweile hat es eine Familie wieder in Gang gebracht. Hardau, mahl gefälligst... äh, eigentlich haben wir gerade nichts zum Mahlen, also dreh einfach schön das Rad zur Deko!

Was kann die Hardau sonst noch? Wäsche waschen! Naja, wobei, die eigentliche Arbeit haben die Mägde gemacht, nicht der Fluss. Sie mussten das ganze Zeug in Lauge einweichen, zum Fluss karren und mit absurden Werkzeugen auf ihre Kleidung einprügeln. Erst im letzten Schritt hat die Hardau dann ein bisschen mitgeholfen und die Lauge ausgespült. Man könnte das Wasser theoretisch auch nach Hause schleppen, aber ganz ohne Wasserleitung war diese Variante sogar noch anstrengender. Stattdessen trafen sich halt alle Frauen am Montag zum gemeinsamen Waschprogramm Wringen und Singen (Dauer: mehrere Stunden, Temperatur: saukalt, Schleudern: nein) an der Waschbank (Energieeffizienzklasse unbekannt). Zur Erinnerung an diese harte Arbeit wurde die Bank originalgetreu wieder aufgebaut.
So also wusch man Wäsche im... finstersten Mittelalter? Nope, bis Anfang der Fünfziger. Erst dann kamen Wasserleitungen, und in den 60ern dann die ersten halbautomatischen Waschmaschinen (anfangs teilten sich mehrere Familien eine).

Damit wären wir auch schon in Suderburg, der einzigen... ich will jetzt nicht sagen Stadt... aber auf jeden Fall dem einzigen Ort mit Bahnhof an der Hardau. Suderburg hatte wirklich mal eine Burg. Von der ist nur noch ein dicker, wuchtiger Feldsteinturm übrig, und der gehört inzwischen zu einer Radwegekirche namens Remigius. Der Rest der Kirche besteht aus Ziegeln und Balken: Die Suderburger stellten fest, dass zerkloppte Findlinge auf ihren Einfahrten besser aufgehoben sind als in ihren Mauern. Die Steine drücken sich mit der Zeit von selbst auseinander und verbrauchen viel zu viel Mörtel.

Außerdem hat Suderburg einen Stoppomaten. Das irgend so ein Automat, der die eigene Zeit beim Radfahren misst. Aber nur, wenn man nach einer ganz bestimmten 10-Kilometer-Runde nach Suderburg zurückkehrt. Das hatte ich eigentlich nicht geplant. Trotzdem sollte ich kurz darauf nach einer etwas anderen 10-Kilometer-Runde nach Suderburg zurückkehren. Aber nicht mit einer Geschwindigkeit, die der Automat hätte messen können.
Ein Zentrum im eigentlichen Sinne hat Suderburg nicht. Wo sich die meisten Häuser konzentrieren, bleibt es dörflich ruhig. Das Rathaus und die Supermärkte findet man aufgereiht und auseinandergezogen entlang der ewig langen Straße zum Bahnhof.

Südlich von Suderburg traf ich auf einen Höhenzug namens Lüß. Er bildet die Wasserscheide zwischen Weser und Elbe. Heißt das, die Hardau ist gleich zu Ende? Nee, sie schlängelt sich seitlich vorbei, mitten durch einen üppig grünen Erlenbruchwald. So ein Wald stand hier schon vor 100 Jahren. Kaum zu glauben, dass hier zwischenzeitlich alles trockengelegt, gefällt, gedüngt wurde, Gräben und Rinnen angelegt, damit die Hardau ihr Viehfutter berieselt - nur um die Rieselwiesen komplett zu löschen und wieder einen Erlenbruchwald zu installieren.
Wunderbar hier, und sogar die Mücken halten sich halbwegs zurück (jedenfalls empfand ich das so, da ich kurz vorher in Mecklenburg war). Ein Vogel namens Zilp-zalp zirpt vor sich hin. Wenn ich nur nicht so tierisch langsam wäre... Wenn ich hier zu lange bleibe, ziehen mich womöglich die sagenhaften Erlenfrauen (die Goethe zu einem männlichen Erlkönig machte) in den Sumpf.
Warum schleift mein Rad so? Ich versuche, das Schutzblech wegzubiegen. Vergeblich. Naja, über den Steg muss ich eh erstmal schieben. 

Am Lüß zweigt auch der Räberspringbach ab. Die Menschen haben ihn für eine recht ungewöhnliche Aufgabe ausgehoben: Die Vermeidung von Inzest. Bitte was?

Denn kurz darauf blockiert ein kleiner grüner Grasdamm den Bach und staut die Hardau zum nördlichsten Stausee Deutschlands.
1967 stellten die Leute fest: Och, die Wiesen sind so nass, da kann man eh nix anbauen. Also lass einen See machen, damit wir es hier schön haben. Wir schütten da einfach Lehm und Erde zum Damm auf, dann passt das. Strom aus Wasserkraft, Hochwasserschutz, Trinkwasser? Brauchen wir alles nicht, wir wollen doch bloß einen See zum Angeln, Schwimmen und Tretbootfahren. So entstand der nördlichste, bescheidenste und unauffälligste Stausee Deutschlands. Sobald der kleine Damm aus dem Blickfeld verschwindet (also sehr bald), ist die Wasserfläche von einem ganz normalen Waldsee nicht zu unterscheiden.
Für die Bachforellen macht es aber einen großen Unterschied. Sie werden seitdem in zwei Gruppen getrennt. Oberhalb vom Stausee leben die Forellen aus dem Hause Targaryen, die kaum noch Partner zum Fortpflanzen haben. Schon in den 80ern entdeckte man inzestuöse Fische mit Missbildungen. Bleibt also zu hoffen, dass der umgeleitete Räbenspringbach seitdem ein paar frische Gene reingespült hat.

Der Stausee gehört schon zu Hösseringen. Argh, ich komme kaum noch voran, wieso schleift das so? Mit Mühe holperte ich an den Gräben entlang auf der Suche nach der Dorfmitte. Die Hardau ist hier mit einem Kneippbad ausgestattet.

In Hösseringen stand mal ein Landtag. Das klingt ungefähr so glaubwürdig wie das mit der Fernverkehrsbrücke vorhin, stimmts? Und es ist genauso wahr. Hier versammelten sich 1532 zum ersten Mal die Adligen aus dem Fürstentum Lüneburg, um die Tagesordnung durchzugehen. Statt in einem supermodernen Parlament mit verschiebbaren Sitzen ließen sie sich einfach unter freiem Himmel nieder. Kein Wunder: Es gibt echt schlechtere Orte, um unter freiem Himmel zu sitzen. Am Dorfteich ragen restaurierte Bauernhäuser in die Höhe, ein Brunnen sprudelt und mitten im See chillt ein weißes Holztürmchen auf seiner Insel. Perfekt für ein Picknick!

Die Sache mit dem Landtag inspirierte die Nazis dazu, einen germanischen Gedenkstein aufzustellen und den Landtagsplatz neu zu dekorieren. Und im Jahre 1975 inspirierte er die Hösseringer dazu, Bauernhäuser aus den letzten 400 Jahren komplett am Stück heranzukarren und zum Freilichtmuseum zusammenzupuzzeln.
Ich konnte mir das nicht anschauen, denn gerade hatte ich ganz andere Probleme. Mein Hinterrad hat mittlerweile eine Form angenommen, die gut zu einem Ei oder vielleicht einem germanischen
Landtagsplatz passt, aber nicht zu irgendetwas, das sich drehen sollte.
Eigentlich wollte ich jetzt quer durch den Wald zum Weser-Harz-Heide-Radweg rüberfahren, stattdessen wurde mir klar: Ich kann froh sein, wenn ich es zum übernächsten Zug zurück nach Suderburg schaffe. Ein Gutes hat das immerhin: Der Waldweg rüber zum WHH soll schon 2017 kaum befahrbar gewesen sein. Wer weiß, was mir da erspart geblieben ist.

04 September 2010

Ilmenau: Von Bad Bevensen nach Bad Bodenteich

Der restliche Ilmenau-Radweg besteht aus Landstraßen, Kanalkieswegen und Matschwegen.

Los geht's am Ausgang von Bad Bevensen mit den Matschwegen. Die sind eigentlich ganz gut zu befahren, bieten aber ihre eigenen Gefahren. Ein Mann schnitt dort seine Hecke und ließ direkt vor mir eiskalt eine lange Ranke voller spitzer Dornen fallen, die den gesamten Weg blockierte. Irgendwas hatte der wohl gegen Radfahrer.

Nun war ich schon tief in die Lüneburger Heide eingedrungen, doch alles was ich sah, war Wald mit Sandboden. Die Lüneburger Heide ist halt zum größten Teil ein Wald. Doch ab und zu sind da drin noch Stellen mit richtiger Heide verborgen. Hier liegt endlich mal eine davon direkt am Weg: Die Bünstorfer Heide. Auf der Karte sah das nach einem winzigen Fleck aus, deshalb war ich überrascht, wie groß sie doch war: 15 Hektar. Darin verbergen sich insgesamt 59 Hügelgräber aus der Bronzezeit.
Das Heidekraut befand sich schon im Winterschlaf, also stellen sie sich bitte einfach vor, dass all die braunen dürren Büschel violett blühen. Wenn schon die Bünstorfer Heide meine Erwartungen derart übertrifft, bin ich echt gespannt auf die Heide am Wümmeradweg, die ungefähr hundertmal so groß ist.

Typisch für die Lüneburger Heide sind auch die Heidschnucken, das ist eine schnuckelige Schafsart.

Als nächstes musste ich auf einigen Landstraßen hin und her gurken. Am Horizont tauchte ein hohes Grasgebilde auf, das sich wie ein riesiger Damm durch die Landschaft zog. Die Landstraße führt zusammen mit der Ilmenau unten durch. Das ist der Elbe-Seitenkanal - ihn und eine seiner bezaubernden Betonunterführungen kannte ich bereits vom Allerradweg. Dieser Kanal verläuft ab jetzt parallel zur Ilmenau.
Obendrauf sah ich einen Radfahrer. Zweifellos hatte er da oben eine schöne Aussicht - ich wollte da auch gern hoch. (Als mir kurz darauf Gegenwind entgegenblies und ich mich fragte, wie windig es da oben wohl sein musste, war ich mir diesbezüglich nicht mehr so sicher.)
Leider gab es außer einer langen Treppe keine Möglichkeit, nach oben zu gelangen. Also folgte ich der Landstraße noch um etliche Ecken, fuhr ein zweites Mal unter dem Kanal durch und durch einen weiteren Matsch-Waldweg.

Als nächstes wollte ich die Wegvariante am Jastorfer See wählen, der für seine Vogelarten bekannt ist, aber der Weg dorthin verlor sich immer mehr in der Wildnis. Die Vögel wird es freuen, dann haben sie ihre Ruhe.

Langsam wurde der Kanal-Damm niedriger, an seinem Rand tauchten Wälder auf und endlich hatte ich die Möglichkeit, auf einen Kanalkiesweg zu wechseln. Schnurgerade erstreckt sich das Wasserband bis zum Horizont - oder besser gesagt, bis zur nächsten Kurve, denn völlig schnurgerade ist der Kanal doch nicht. An beiden Ufern verläuft ein schnurgerader (wie gesagt, bis zur nächsten Kurve) Kiesweg, auf dem einige Radler und Spaziergänger unterwegs waren. Kanalradwege sind schon was Feines.
Überrascht stellte ich fest, dass ich das Frachtschiff Timaja locker überholen konnte. Seltsam - am Rhein ist es mir schwergefallen, mit solchen Kähnen mitzuhalten.

Kurz vor Uelzen verlässt der Ilmenau-Radweg den Kanal und schlängelt sich durch die Vororte. Brücken überspannen den Fluss.

Einige davon sind sehr lang, weil dem kleinen Flüsschen überraschend große Auen zum Überfluten zur Verfügung stehen.


Das außergewöhnlichste Bauwerk von Uelzen ist der Hundertwasser-Bahnhof. Das Umsteige-Erlebnis in dieser schrägen, bunten Bahnstation wird freilich dadurch getrübt, dass sämtliche Güterzüge Deutschlands durch Uelzen geleitet werden, zum Beispiel eine kilometerlanger, lautstarker Waffentransport-Bahn mit dicken Panzern. Was würde der friedliebende Architekt Friedensreich Hundertwasser dazu sagen?


Der Rest der Stadt ist eher unauffällig, aber hier und da sind ein paar hundertwässrige Gestaltungselemente zu entdecken. Der Pfad der Steine führt vom Bahnhof zur Innenstadt. Auf den Steinen hat die Künstlerin Dagmar Glemme Mythen von verschiedenen Ureinwohnern der Welt dargestellt. Ein anderes Relief erinnert an den dänischen Hofkomponisten Friedrich Kuhlau, der in Uelzen geboren wurde. (Ossis kennen seine berühmte Ouvertüre von der Olsenbande.)

Hinter Uelzen beginnt der nächste Wald, in dem ich quer über eine feuchte Wiese gestapft bin, um den Beginn der Ilmenau zu sehen. Eigentlich könnte der Radweg hier schon zu Ende sein.
Die Ilmenau hat mit der Donau mehr gemeinsam als nur das -au. Es gibt keine offizielle Ilmenauquelle, stattdessen gilt:
Die Gerdau (rechts) und die Stederau (Mitte)
bringen zuweg die Ilmenau.

Der Rest des Donaugedichts müsste umgeschrieben auf die Ilmenau folgendermaßen lauten:
Luhe, Bienenbüttler Mühlenbach, Barnstedt-Melbecker Bach und Hasenburger Mühlenbach
fließen ihr von links her nach.
Wipperau, Röbbelbach, Wohbeck, Vierenbach, Dieksbach, Neetze, Ilaugraben
fließen rechts zu ihren Gestaden.


Der Radweg geht aber noch ein bisschen weiter. Der Radfahrer kann nun wählen, welchem Wasserlauf er folgen möchte. Eine Variante bringt die Radler entlang der Gerdau in Richtung Suderburg und zum Museumsdorf Hösseringen.
Die Hauptroute folgt der längeren Stederau.

Kurz darauf treffen wir erneut auf den Elbe-Seitenkanal. Dort teilt sich die Stederau in die Bäche Esterau und Aue, wobei wir der längeren Aue folgen. Sie sehen: Die Ilemnau entsteht aus einem unübersichtlichen Wirrwarrr an Bächen, deren Namen zwingend ein au enthalten müssen.
Es gibt hier aber etwas viel Eindrucksvolleres zu sehen als diese banale Bachverzweigung.

Der Elbe-Seitenkanal verbindet die Elbe mit dem Mittellandkanal. Dabei hat er folgendes Problem: Der Mittellandkanal ist 61 Meter höher. Was macht man da? Man baut zwei Schleusen, eine bei Lüneburg und eine bei Uelzen (nämlich die hier). Dieses Monster aus hohen Mauern und tiefen Betonbecken transportiert die Frachter gaaanz laaangsam unter qualvollem Quietschen und tiefem Rumpeln 23 Meter nach oben. Auch meine Begleiterin von vorhin, die Timaja, stand dort in der Schlange und wartete, bis sie nach oben durfte.

Nach einigen Kanalkilometern geht es wieder nach unten. Die Schilder leiten alle Radler noch auf eine Runde durch das idyllische Backstein- und Ziegendorf Wieren inklusive alter Wassermühle. Ich habe überlegt, ob ich mir diese Runde nicht einfach abkürzen soll, aber im Nachhinein bin ich doch froh, dass ich es nicht getan habe.

Denn es folgte nur noch eine letzte Landstraße, auf der es nicht mehr so viel zu sehen gab. Dann war ich auch schon am Ziel.

Auch durch den Zielort gibt's noch so eine idyllische Umweg-Runde. An dieser Rundfahrt liegen eine mittelhässliche katholische Kirche, die Aue und eine Burg.
Das Kurstädtchen am Ende der Strecke heißt Bad Bodenteich. Die Burg heißt Burg Bodenteich und sieht eher aus wie ein norddeutscher Gutshof . Die eigentliche Burg steht fast gar nicht mehr, die großen Backsteinhäuser sind erst ab dem 16. Jahrhundert entstanden.

Bad Bodenteich macht seinem Namen alle Ehre, denn es gibt dort nicht nur jede Menge Erdboden (mit dem man auf einem Barfußpfad intensiv in Kontakt treten kann), sondern auch mehrere hintereinander geschaltete Teiche. Das schwarze Wasser wird von Enten bewohnt und von Häusern, Bäumen, Schilf und weißen Metallbänken umgeben. Die Aue fließt da durch.
Auf der anderen Seite geht der Bach noch weiter, verzweigt sich und ändert noch zweiundfünfzigtausendmal seinen Namen, bevor da irgendwann mal eventuell eine Quelle kommt. Einen Radweg direkt dorthin gibt es offenbar nicht, und deshalb wurde Bad Bodenteich als schöner Schlusspunkt (oder eigentlich Startpunkt) des Radwegs festgelegt.
Als ich den Bahnhof erreichte, fragte mich der Lokführer durchs Fenster, ob ich mitfahren wolle. Ich sah die Anzeige und sagte "Nee", er fuhr ab. Eine Minute später stellte ich fest, dass ich da doch hätte einsteigen sollen. So erhielt ich die einmalige Gelegenheit, noch eine Stunde am Bad Bodenteicher Bodenteich auf einem der weißen Stuhl zu sitzen und zu lesen. Es war still und friedlich, aber irgendwann auch saukalt.

03 September 2010

Ilmenau: Von Hoopte nach Bad Bevensen

Lüneburger Elbnebenfluss #1: Die Ilmenau


Drei Flüsse entspringen im Herzen der Lüneburger Heide und schließen sich südlich von Hamburg der Elbe an. Der längste (und städtischste) ist die Ilmenau, deshalb habe ich zwei Tage für diesen Fluss gebraucht. Aus einer Laune heraus bin ich in die entgegengesetzte Richtung gefahren, also an der Mündung gestartet.

Der offizielle Schlusspunkt des Ilmenau-Radwegs ist die Elbfähre von Hoopte - warum auch immer. Es gibt jetzt nicht wirklich einen Grund, die Fähre zu nutzen, denn auf der anderen Seite ist auch nichts Interessantes und auch kein Bahnhof zum An- oder Abreisen. Wer mit der Bahn kommt, muss entweder am Luhe-Radweg in Winsen oder am Südufer der Elbe in Hamburg-Harburg (was deutlich länger ist) losfahren.
Einen Kilometer hinter der Fähre ergießt sich die Ilmenau in die Elbe. Die Mündung besteht aus einer geraden Spitze mit Gras und Büschen. Hier sieht man direkt: Die Ilmenau ist zunächst sehr gerade, ordentlich und kanalisiert.

Falls eine Sturmflut mal sehr viel Wasser in die Elbe drücken sollte, versiegelt dieses dicke graue Stauwehr den Fluss. So bleiben all die Orte geschützt, die ich nun sehen werde.


Als nächstes bietet die Ilmenau ein paar kleine Hafenbecken für Sportboote. Eine Deichstraße brachte mich zwischen Hafenhütten und Gewächshäusern hindurch.


In der Nähe von Stöckte habe ich den Deich verlassen und die Luhe überquert, die in die Ilmenau mündet.

Die Ilmenau heißt hier eigentlich Ilmenaukanal, denn genau das ist sie auch: eingedeicht, begradigt und schiffbar, wenn auch nur für kleinere Schiffe. Andererseits erstreckt sich hinter dem Deich das Naturschutzgebiet Ilmenau-Luhe-Niederung, wo sich der Fluss einst wild verzweigte. Für die Natur ist also durchaus Platz, nur soll das Wasser da nicht überall unkontrolliert durchfließen. Lediglich ein paar Entwässerungskanäle, die bei Bedarf geöffnet und verschlossen werden können, verbinden den Ilmenaukanal mit den Wiesen dahinter.
Neben dem Deich verläuft ein gerade Weg.

 Etwa 50% des Deichwegs wird aber durch Baustellen blockiert, also entweder erneuert oder gerade erst gebaut... ich weiß es nicht genau. Jedenfalls darf man gerade nicht drauf.

Deshalb bin ich auf den Landstraßen im größeren Bogen durch diverse Dörfer gegurkt. Die Dorfhäuser bestehen zu 60% aus Efeu und zu je 10% aus Schilf, Moos und Backstein.

Nahe der Mündung der Neetze steht ein Nadelwehr aus dem Jahr 1888.

Nadelwehr bedeutet, dass man einzelne Nadeln rausziehen und reinstecken kann, um genau zu regeln, wie viel Wasser durchkommt. Damit das nicht zu friemelig wird, sind das keine kleinen Nähnadeln, sondern so eckige Holzlatten. Ursprünglich sollte das Wehr sicherstellen, dass immer genug Wasser für die Schifffahrt zur Verfügung steht. Auch wenn die Schiffe heute weitgehend auf den Elbe-Seitenkanal ausweichen, kümmert sich nach wie vor ein Wärter um die Nadeln und bewegt sie ganz ohne Strom, denn ein erhaltenes Nadelwehr ist eine echte Seltenheit.

Schafe, Gras, freier Horizont und Küstenwind - das war das norddeutsche Deichland. Ich ahnte bereits, dass sich die Landschaft im Laufe des Tages deutlich verändern würde. Dennoch fühlte ich mich etwas überrumpelt, als mit einem Mal in der Ferne eine dunkelgrüne Masse (ein sogenannter Wald) auftauchte, sich rasend schnell näherte, mich verschluckte und quasi per Wurmloch in die Lüneburger Heide transportierte. Ich fand mich wieder in einem Nadelwald mit Sandboden und beigefarbenem Gras.
(Okay, jemandem aus Bayern würde der Unterschied vielleicht nicht mal auffallen, aber für mich sind das zwei komplett verschiedene Arten von Flachland. Dafür können die ihre Berge da unten besser unterschieden.)

Der erste Ort in der Lüneburger Heide nennt sich Bardowick und hat eine Klappbrücke. Die aktuelle Brücke wurde 1964 gebaut, aber eine hölzerne Zugbrücke stand da schon im Mittelalter - durch die Jahrhunderte der Geschichte Bardowicks zieht sich die Konstante: Brücke hoch, ein Schiff muss durch. Erst der Elbe-Seitenkanal ließ diese Konstante abflauen.
Obwohl die Brücke ganz nüchtern einen pragmatischen Zweck verfolgt (Schiffe müssen durch), war sie Schauplatz religiöser Konflikte. Auf ihr wurde der Missionar Marianus 782 von Aufständischen erschlagen. Ihm wurde später (nachdem die Aufständischen ihrerseits längst erschlagen wurden, nehme ich an) eine Kapelle neben der Brücke errichtet, die Herzog Ernst der Bekenner 1540 abreißen ließ, weil er als Protestant Reliqienverehrung doof fand.

Wohin waren all die Schiffe unter der Brücke denn unterwegs? Ich bin ihrem Weg auf einem Pfad zwischen Fluss und Gewerbegebiet gefolgt.

Die Schiffe wollten alle nach Lüneburg, denn hier gab es Salz. Die Stadt ist aus dem Kloster Lüne, einer Burg (zack, fertig ist der Stadtname) und einer Saline entstanden, und letztere verschaffte der Stadt fast eine Art Monopol in der Hanse. Später musste sich die Stadt auf chemische Industrie und Kurbäder umstellen und die Saline im Jahr 1980 nach 1000 Jahren aufgeben (außer für den Kurbetrieb).

Durch die größte Stadt an der Ilmenau hat fast der ganze große Mittelteil von Niedersachsen den Namen Lüneburger Heide bekommen, auch wenn Lüneburg nur ein winziger Fleck in dieser Landschaft ist.

Dieser Fleck besteht aus bunten Fassaden, Handelshäusern und Backsteintürmen. Einer der Türme gehört zu einer Schifferkirche. Dass diese Kirche speziell den Leuten auf Schiffen gewidmet ist, ist an dem kleinen Kranz zu erkennen, der den Kirchturm kurz vor der Spitze umschließt.
Als ich Lüneburg erreichte, begann es auf die Schifferkirche zu schiffen.

Zwischen all den Ziegelsteinen fließt die Imenau und muss dabei die eine oder andere Wassermühle antreiben.

In diesem Ziegellabyrinth suchte ich den Ausgang aus der Stadt. Stattdessen landete ich am Wasserturm. Weil es immer noch regnete, versteckte ich mich darin vor dem Regen.

Auf der Aussichtsplattform habe ich es bei dem Wetter nicht lange ausgehalten, also schnell eine Etage tiefer. Im Wassermuseum habe ich gelernt, dass der Turm schon wenige Jahre nach seiner Fertigstellung 1907 gar nicht mehr ausreichte, um den Wasserbedarf der Stadt zu stillen. (Deutsche Bauprojekte konnten sich auch damals schon als Fehlschlag erweisen.) Als nächstes lernte ich, dass das Thema Wasserversorgung in Lüneburg schon wenige Informationstafeln später nicht mehr ausreichte, um auch nur den Bedarf einer einzigen Etage des Museums zu stillen. Also steht da noch was über allgemeine globale Wasserknappheit.
Eine Etage tiefer wird der große, ehemalige Wasserbottich eindrucksvoll beleuchtet. Darunter ist noch eine Ausstellung mit Kinderkunst.
Ein Lüneburger Schriftsteller hatte als Kind die grandiose Idee, sich an seinem fiesen Lehrer zu rächen. Er stand unten Schmiere, während sein Schulfreund sich nach oben zum Bottich schlich und... naja. Hinterher fiel dem Jungen auf, dass ja nicht nur der Lehrer, sondern auch alle anderen inklusive ihm selbst dieses Wasser tranken, woraufhin er sich weigerte, zu trinken, und fast verdurstet wäre - bis er zufällig herausfand, dass ein kleines Missverständnis vorlag: Der Mitschüler hatte nur reingespuckt und nichts Schlimmeres.
Das nur mal so an alle, die meinen, die Kinder seien heutzutage viel dümmer als früher.

Hatte der Regen inzwischen nachgelassen? Nein, nach einer Stunde im Wasserturm prasselte immer mehr vom Himmel. Ich wartete in einer Rasthütte im Wald, bis der Regen ein bisschen nachließ, aber aufhören wollte er partout nicht.

Das Heidekraut der Lüneburger Heide hat sich bis in die Vorgärten ausgebreitet. Kein Wunder, es sieht ja auch toll aus. Und so viele verschiedene Farben!

Am Kreisverkehr von Bienenbüttel bin ich falsch abgebogen.

Ich war zwar in die richtige Richtung unterwegs, aber auf dem direkten Radweg an der Hauptstraße. Das war ein durchaus vorteilhaftes Verfahren.

Irgendwann wollte ich dann aber doch zurück zum Fluss. Das ging leider nur auf einem feuchten Feldweg. Unter der nassen Erde verbargen sich alle möglichen spitzen Steine und Ziegel, die irgendjemand einst völlig schief zu einem Weg aufgeschüttet haben muss. Das Ergebnis ist eine höchst holprige Angelegenheit.

An dieser alten Mühle habe ich trotz des Wetters einen Ausflug eingeschoben.

Von der Ilmenau hatte ich bisher noch nicht allzu viel gesehen, da wollte ich mir diese kleine Besonderheit des Flusses nicht entgehen lassen. Ich irrte eine Weile durch ein Netz von Waldwegen, bis ich sie entdeckte.

Die Ilmenau hat hier ein hübsches Steilufer mit Wald drauf. Durch die Bäume ist die Ilmenau nur als grüngrauer Schemen zu erkennen. Ich hatte das Gefühl, ich sei so ungefähr der einzige Mensch in diesem Wald bei solchem Sauwetter. Aber als ich das Steilufer gerade verließ, tauchten doch noch ein paar nasse Wanderer auf und eroberten die trockene Rasthütte.

Das Wetter wurde und wurde nicht besser. Das Regenwasser und der Wasserturm in Lüneburg hatten mich so was von ausgebremst, dass ich keine Chance hatte, noch heute den Anfang der Ilmenau zu erreichen. Als ich den Kurpark von Bad Bevensen durchquerte, war ich schon pitschepatschenass.

Deshalb habe ich in Bad Bevensen aufgehört.
Waren Sie schon mal in Bad Bevensen? Ich schon. Das kam so: Vor einem Jahr saß ich am Bahnhof Uelzen und las in einem Buch namens Slow Travel den folgenden Reisetipp: Heiße Katastrophen willkommen. Dabei vertiefte ich mich so in die Lektüre, dass ich in den falschen Zug umstieg, eine Stunde in Bad Bevensen auf den richtigen warten musste und den Tipp aus dem Buch direkt umsetzen konnte. Das wäre mir an sich gar nicht so schwergefallen, hätte ich nicht versehentlich einer Frau auf Englisch den Weg in den falschen Zug gewiesen ("Is this the train to...?"- "Yes, yes..."), die mich am Bad Bevenser Bahnhof sehr böse anstarrte. Das schlechte Gewissen verdarb mir den Spaß daran, sich das nette weiße Kurstädtchen anzusehen.
Es stimmt: Ohne Katastrohen hätte ich hier häufig viel weniger Interessantes zu schreiben. Aber ich weiß nicht, ob diese Radtour schon eine Katastrophe darstellt. Sie war halt nur nass. Es regnete und regnete und regnete... spannender wird's nicht.