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07 November 2022

Ems: Von Emden nach Borkum

 Ems-Tag VII

Wie mein Handy eine unblutige Grenzfrage beantwortet - Windmühlen im umstrittenen Territorium - Das letzte Um - An Borkums Strand nur Deutschtum chillt und Antisemitismus gilt? - Der Zweckveranlasser - Krude Kurtaxenpraxis - Alles und nichts inclusive - Nebulöser Abschluss am emsigen Ende

Acht Uhr morgens. Eine Menschentraube verlässt den Bahnhof Emden Außenhafen, überquert die Straße und stellt sich bei der Fähre an. Die meisten Fahrgäste trampeln abwärts durch den Fußgängertunnel, manche fahren auch eine Etage höher mit ihrem Auto rein. Seltsam: In diesem Schiff ist das Fahrzeugdeck über den Fußgängern. Ist das nicht gefährlich?
Diese Fähre will alles gleichzeitig sein: Autofähre und Fußgänger-Kaffeefahrt, modern und luxuriös und rustikal (diese Holzregale für Gepäck könnten aus dem Auswandererhaus Bremerhaven sein), ein Restaurant und Imbiss und Nationalparkzentrum gleich auch noch (ein grünes Zimmer ist mit ein paar Natur-Informationen zuplakatiert).

Auf der rechten Seite ziehen Hafenanlagen, Deiche und Windräder vorbei. Links beschränkt sich die Aussicht auf steinerne Begrenzungen und Bojen, die den Fahrweg markieren. Wobei es streng genommen zwei Fahrwege gibt. Unter der Wasseroberfläche teilt sich die Ems nun in Westerems und Osterems, zwei Ströme im Wattenmeer. Dazwischen liegt eine flache Fläche, die früher mal eine große Insel war. Die Fähre entscheidet sich für die Westerems.
Zugleich entscheidet mein Handy schnell und friedlich die ungelöste Grenzfrage zwischen Deutschland und den Niederlanden, indem es mir eine SMS sendet: Willkommen in den Niederlanden! Na so was, da wollte ich heute gar nicht hin.

Mein Ziel ist der letzte Rest der einstmals riesigen Insel: Borkum. Das ist immerhin noch die größte der ostfriesischen Inseln und Deutschlands nordwestlichster Punkt. Laut der Instagram-Seite des Emsradwegs gehört diese Insel auch zur Radroute dazu, schließlich liegt sie mitten in der Mündung. Jetzt sind schon über zwei Stunden um, müsste die Insel nicht zu sehen sein? Oh.
Die Insel war nicht zu sehen, und sonst auch nichts. Die Fähre musste mitten in eine Nebelwolke gefahren sein. Ich wartete und wartete den ganzen Tag, doch die angesagte Sonne kam nicht raus. Mist. Im Laufe des Tages konnte ich zumindest ein bisschen was erkennen, mehr aber auch nicht.

Aber der Kapitän wusste, wo er hinmusste, und legte fast blind in Borkum-Reede an, wo sich der Emdener Einstiegsprozess spiegelbildlich wiederholte: Alle Gäste stiegen durch einen blauen Tunnel hinauf und in die Inselbahn. Diese rote Diesellok zieht bunte Wagen mit Holzbänken zum Zentrum, unter einem Brückenbogen mit der Aufschrift Willkommen auf Borkum hindurch.

Sonderlich willkommen fühlte ich mich in Reede noch nicht. Mein Eindruck ist, dass die Borkumer auf diesen kleine Vor-Insel alles ausgelagert haben, was irgendwie lästig ist: ihr Gewerbegebiet, die Jugendherberge (mit lauten Jugendlichen), den Bundeswehr-Stützpunkt (mit lauten Soldaten) und den großen Hafen.
Einzige Attraktion ist das rotweiß angemalte Feuerschiff Borkumriff, in dem sich das Nationalparkzentrum befindet. Es ist das letzte deutsche Schiff, das (bis 1988) als mobiler Leuchtturm herumfuhr.

Zur eigentlichen Insel gelangen die Gäste auf einem welligen Damm. Der ist schon mal eine klare Verbesserung: Sanddornsträucher wachsen am Wegesrand; links und rechts erstrecken sich braune Salzwiesen, soweit das Auge reicht. Wobei es nicht sehr weit reichte, denn der Nebel war immer noch da. Aber theoretisch müsste kurz hinter der braunen Ebene das Meer beginnen.
Auf diesem Damm liegen: Eine Straße, zwei Gleise und sogar zwei Rad- und Fußwege. Einer verläuft neben der Straße (im Bild hinterm Gleis), und einer mit leichten Wellen über die Düne. Bei dieser Nordseeinsel ergibt es noch am ehesten Sinn, das eigene Auto mitzunehmen, aber was die Anzahl der Wege angeht, ist der Autofahrer auf diesem Damm klar in der Unterzahl.
Die Radwege sind im Borkumer Stil gepflastert, das heißt: Gerade so holprig, dass es ein bisschen nervt und bremst. Die Insel wirbt mit 130 Kilometern Radwegen, aber auf so eine Zahl kommt man nur, wenn man jeden kleinen Verbindungsweg dazurechnet. Eine Rundfahrt dauert je nach Route so 30 Kilometer, wie bei den meisten deutschen Inseln.

Am Ende des Damms passiert die Reedestraße eine Betonpforte im Deich, das zweite Tor zur Insel. Willkommen auf Borkum, diesmal richtig, müsste eigentlich draufstehen.

Wie die meisten ostfriesischen Inseln hat Borkum eine merkwürdige Form, die entfernt an eine kleine Handfeuerwaffe erinnert - nicht schön, is aber so. Bisher bin ich quasi den Griff (oder keine Ahnung, wie man das bei Waffen nennt) hochgefahren. Als nächstes kommt ein Wald, genau an derselben Stelle wie auf Langeoog. Allerdings ist die sogenannte Greune Stee ein ganzes Stück größer und abwechslungsreicher als das Langeooger Wäldchen. Der Radweg schlängelt sich durch Hell und Dunkel, um knorrige Nadelbäume und schlanke Birken. Gefällt mir!

Unterdessen zuckelt die Inselbahn durch die Vororte der Stadt Borkum und steuert ihren Zwischenhalt an, den Jakob-van-Dyken-Weg. Die Hälfte der Leute steigt aus und überlegen, welches der zig Ziegelhäuser, die so auch irgendwo anders in Norddeutschland stehen könnten, ihr Ferienhaus ist.

Ab jetzt darf ich sogar am Strand entlangradeln, denn hier beginnt die extrabreite Bürgermeister-Kieviet-Promenade. In diesem Vorort stehen außerdem das Nordseeaquarium, der kleine Leuchtturm und langgezogene Sonnenterassen. Für mich sahen die eher nach Sporttribünen aus, auf denen die Weltmeisterschaft im Wattwandern oder so watt ähnliches beobachtet werden kann.

In den Dünen erstreckt sich ein Kurpark, aber der hat mich weder kuriert noch beeindruckt. Da wachsen stinknormale Hecken und irrsinnig viele giftgrüne Sitzbänke mit der Gestalt eines Strandkorbs und der Ausstrahlung einer uralten Bushaltestelle, an der einmal täglich ein Bus fährt.
Dahinter schälen sich die Masten eines Hochseilgartens aus dem Nebel. Sobald die richtig zu sehen sind, schälen sich auch schon die Umrisse der Kulturinsel aus dem Nebel, und dahinter wiederum die schiffsförmigen Konturen des Gezeitenland-Schwimmbads. Mannomann, hier gibt es deutlich mehr Angebote als auf Langeoog. Diese Insel will alles gleichzeitig sein: Kurort, Familienurlaubsgebiet, Naturschutzgebiet, Erlebnisort, Wander-, Auto- und Fahrradinsel. Das heißt aber halt auch, dass auf den einzelnen Gebieten eine andere Insel besser ist, die sich darauf spezialisiert hat.

Ziemlich mies ist folgende Regel: Wer seine Kurtaxe (2,5 Euro) noch nicht bezahlt hat und irgendwo den Eintritt zahlen will, muss gleich 8 Euro obendrauf blechen. Praktisch überall sonst kann man die Taxe auch in den Einrichtungen zahlen.

Irgendwo da draußen vereinigt sich die Westerems endgültig mit der Nordsee.
Ich habe noch nie einen so grauen Strand gesehen. Himmel, Wasser, und selbst der Sand schienen irgendwie ergraut. Größtenteils lag das am Nebel.

Aber nicht nur. Die Westküste Borkums ist mit fetten Betonstreifen gesichert, sogar die Buhnen bestehen aus solchen Dingern. Sie verhindern, dass sowohl die Schönheit als auch der Schrecken des Meeres überhand nehmen.

Bei den Schrecken der Geschichte war Borkum übrigens auch an vorderer Front. In diesem verfallenen Ziegelhäuschen wurden Funksprüche abgehört, und ein kleiner Bunker zeugt vom Zweiten Weltkrieg.

Lange vor 1933 war Borkum das wohl antisemitischste Seebad Deutschlands. Es warb als erstes Bad damit, judenfrei zu sein, und die Gäste grölten sogar stolz das Borkumlied, irgendwas von wegen Doch wer dir naht mit Haaren kraus, der muss hinaus, der muss hinaus.
Interessant ist nun, dass ausgerechnet die ostfriesischen Behörden dieses Lied gar nicht in Ordnung fanden. Nur, was sollten sie unternehmen? Jeden einzelnen Gast festnehmen, der mitsingt, würde das Polizeirevier überlasten. Könnte man der Kapelle an der Promenade verbieten, die Melodie zu spielen - obwohl ausgerechnet die Musiker gar nicht mitsingen? Ja, denn die Kapelle ist der Zweckveranlasser, der gerade zu dem Zweck musiziert, andere zu einer Störung der öffentlichen Ordnung zu veranlassen. Die Bezirksregierung hatte mal eben eine Figur des Polizeirechts erfunden, die heute weitgehende anerkannt ist. Damals nicht, die Gerichte hoben das Verbot auf, weil es ja auch andere Texte zu der Melodie gäbe.

Machen wir nun einen Abstecher in die Innenstadt. Weiße Villen und schlichte Ziegel reihen sich aneinander. Aus letzteren besteht auch der Bahnhof, der gleichzeitig das Casino und einen Fahrradverleih enthält. Im Ernst, ein Casino, das aussieht aus wie ein norddeutscher Bahnhof? Ich dachte, das muss überall eine Art Palast sein.
Wer sich ein paar Euro sparen will, lässt sein Rad auf dem Festland, fährt mit der Bahn hierher und leiht sich eins aus (was aber etwas länger dauert). Und wer noch mehr Euro sparen will, macht dabei einen Bogen ums Casino.

Bevor irgendjemand das Wort Tourismus kannte, war Borkum eine Insel der Walfänger, die sich im Auftrag der Niederlande im Walkampf engagierten. Daran erinnert eine beeindruckende Walskulptur mit Plastik-Eisschollen an der Hafenpromenade und... was zum Geier, ist das ein Zaun aus Walzähnen?
Der Walfang wurde auf Eis gelegt, weil ab 1782 alle Walfänger entweder in britische Kriegsgefangenschaft gerieten oder verunglückten oder auswanderten, bis keiner mehr übrigblieb.

Aber nun vergessen Sie all die Wale, Fische oder seltenen Vogelarten, das Borkumer Tier schlechthin ist der Hase. Die ganze Insel wimmelt von Häschen. Leider hat noch kein einziges Exemplar begriffen, dass Haken schlagen vielleicht eine schlaue Taktik bei einem Raubtier ist, aber nicht bei einem Fahrrad. Jedenfalls nicht, wenn die Haken einen immer wieder und wieder auf den Radweg zurückbringen.
Die meisten Hasen leben an einem Ort, wo sie vor Rädern sicher sind. Soweit logisch. Überraschend ist allerdings, dass sich diese kreisrunde Wiese mitten im Ortszentrum befindet. Warum ist da überhaupt eine flache Wiese, will da niemand bauen? Oder wurde die absichtlich freigelassen, als Freiluftgehege?

Nein, die Wiese ist eigentlich nur ein Freiluftgehege für den Neuen Leuchtturm.
Borkum hat gleich drei Türme:
  • Der Neue Leuchtturm ist ein Backsteinschlot ähnlich wie in Cuxhaven.
  • Der Kleine Leuchtturm (so klein nun auch wieder nicht) ist gestreift und sieht damit am leuchtturmigsten aus.
  • Der Alte Leuchtturm ist eckig, einzigartig und hat eine skurrile Zickzack-Treppe an der Seite - da wär ich gern hochgestiegen, durfte ich leider nicht.

Das Kreuz gibt einen dezenten Hinweis, dass es sich beim Alten Leuchtturm mal um einen Kirchturm handelte. Dieser Turm hatte zwischenzeitlich zwei Jobs, leuchten und bimmeln. In seinem Erdgeschoss befindet sich eine kleine Gratisausstellung über die Gräber, die unter dem Fußboden gefunden wurden. Die Toten haben so exzessiv Pfeife geraucht, dass sich vorne in ihre Zähne ein fette Pfeifenstiehl-Kerbe eingeschliffen hatte. Damals gab es halt noch keine Warnhinweise auf den Pfeifenkraut-Schachteln.
Vor dem Turm befinden sich die Grabstätten jener, die im Meer ums Leben kamen. Eine niedriges Mäuerchen im Schilf verrät, wo einst das Kirchenschiff stand.


So, das wäre die zivilisierte Westseite der Insel. Borkum hat aber auch eine wilde Ostseite. Die war eine Zeitlang sogar eine eigene Insel. Der Streifen Wasser zwischen Ost und West wurde immer schmaler, die Nordsee spülte immer mehr Schlick an, und die Menschen fanden das eigentlich ganz praktisch. Sie halfen ein bisschen nach und bauten den sogenannten Interwall. Über 200 Jahre vor dem Berliner Mauerfall fiel auf Borkum die Grenze zwischen Ost und West. Wo genau sie verlief, konnte ich beim besten Willen nicht erkennen.

Wer vom Zentrum auf der Straße nach Osten fährt, gelangt zuerst zum Flughafen und dann zum Dorf Ostland.

Der Ostlandstrand ist ein ganzes Stück breiter als im Westen. Wer ihn sehen will, muss mehrere Dünen besteigen, die immer weniger Pflanzen und immer mehr Sand beinhalten. Dieser prächtige Strand hat mich am meisten an Langeoog erinnert.

Auch schlängelt sich hier ein Radweg durch die Dünen, der selbst im trübsten November Spaß macht.
Und doch muss ich sagen, das Farbenspiel auf Langeoog hat mich mehr beeindruckt. Die meisten Gräser und Hecken auf Borkum tragen ein gewöhnliches Grün, das man so auch anderswo in Norddeutschland findet.

Am Ende wartet ein Hügel, der wahlweise Duala Aussichtsdüne oder Aussichtsdüne Steerenk-Klipp genannt wird. Eine gewöhnliche Düne erhält das Upgrade zur Aussichtsdüne, wenn sie a) höher ist als die anderen und jemand sie mit b) Treppen c) Holzzäunen und d) Papierkörben pflastert.
Der Nebel hatte sich inzwischen etwas zurückgezogen, sodass ich regelrecht ein bisschen in die Ferne sehen konnte. Eine graugrüne Düne reiht sich hinter die nächste. Das westliche Ende ist nicht zu sehen und das östliche... auch nicht? Müsste da hinten nicht die Osterems sein? Wie weit geht das bitte noch weiter?

Dieser Weg ist für Fahrräder nicht geeignet. Bitte stellen Sie Ihr Fahrrad ab, bat mich ein Schild kurz hinter der Aussichtsdüne.
Die ersten Meter des Kieswegs waren sogar noch halbwegs geeignet, aber danach ging es mit dem Weg schneller abwärts als mit der britischen Wirtschaft. Aber nicht wortwörtlich abwärts, das Land wird wieder flacher. Die Dünen ziehen sich an die Nordseite zurück, und eine weite Schilfswiese in herbstlichem Beige öffnet sich.
Diese wilde Ostspitze der Insel nennt sich Hoge Hörn. Hier gibts nur noch Wanderwege, und selbst die sind im Gras manchmal kaum zu erkennen. Und wenn doch, dann nur anhand tiefer Schlammspuren. Über die Wasserläufe führen rostige Brücken, die aussehen, als hätte sie jemand achtlos mit einem Helikopter abgeworfen. Schließlich habe ich aufgegeben und bin umgekehrt. Wenn die Karte richtig liegt, führt der Weg sowieso nicht ganz bis zum Ende der Insel. Dafür wollte ich nicht riskieren, die letzte Fähre zu verpassen.

Von der Aussichtsdüne gibt es noch einen anderen Weg zurück in den Westen. Genau genommen sind es sogar zwei. Ein gewöhnlicher Borkum-Radweg folgt dem Deich am Südufer vorbei an einem Schilfsee namens Hopp (auf Langeoog heißt das Ding Schlopp, ich erkenne ein Muster).
Auf dem Deich liegt aber auch eine schmale Reihe Pflastersteine. Dann fahr ich lieber oben! Da konnte ich das Schilf der Insel und die braunen Salzwiesen der Südküste beobachten. Beide sind durchzogen von Wasseradern, beide verlieren sich in der Ferne im Nebel - gar nicht so leicht zu sagen, auf welcher Seite denn nun das Meer liegt.
Hm, die Salzwiesen sehen ja ganz ähnlich aus wie die an der Reeder Straße. Was daran liegt, dass sie nach ein paar Kilometern direkt in die Reeder Salzwiesen übergehen. Dort endet der Deichweg am Borkumer Betontor.

03 November 2022

Ems: Von Westbevern nach Salzbergen

Ems-Tag III

Die fremde Stadt des Fahrrads - Der Egal-Kanal - Angebaggert von einem Huhn  - Ein ungewöhnlich großzügiges Museum, sofern man das überhaupt als Museum bezeichnen kann - Was Sandlandschaften verschönert und was sie vorübergehend verhässlicht - Die Stadt der Handwerker - Fahrradfreunde und Fahrradfeinde - Der falsche Name - 1S - Massive Überinterpretation eines Weihnachtslieds - Noch mehr Megamühlen - Nebeluntergang

Ich war ganz besonders neugierig auf die Stadt Münster, denn das gilt ja quasi als das andere Göttingen, eine junge Fahrrad- und Studentenstadt, nur teurer. Da ich mich dort nur eine Stunde aufgehalten habe, kann ich mir natürlich nur ein begrenztes Urteil erlauben, wo es sich besser radeln lässt. Dieses begrenzte Urteil lautet: Gleichstand.
Ich habe den Eindruck, dass die Münsteraner deutlich platzsparender als die Göttinger sind - dabei haben sie in Münster eigentlich mehr Platz. Das Fahrrad-Parkhaus am Bahnhof wurde zum Beispiel kurzerhand unter die Erde verlegt.
Göttingen hat am Rande der Innenstadt sowohl einen Fahrradschnellweg als auch einen Spazierweg auf dem Stadtwall. Die Münsteraner haben beides kombiniert. Das Ergebnis lässt sich auf jeden Fall sehen, ich konnte die Altstadt superbequem umrunden.
Doch wer sich in einer Fahrradstadt von derartigen Prestige-Radwegen entfernt, sieht ein durchwachsenes Bild: Mal wird den Radlern eine extraflache Rampe aufgebaut, damit sie ein Kabel überqueren können, ein andermal ist der Radstreifen verblasst und übermalt.

Ansonsten sieht Münster ganz anders aus: Die Münsteraner haben ihre zerbombte Altstadt nach dem Krieg wieder aufgebaut, aber dabei handelt es sich nicht um schiefe Fachwerkhäuschen, sondern große graubraun aufragende Bürgerhäuser mit Arkaden und stufenförmigen Giebeln, die recht harmonisch in ähnlich gefärbte neuzeitliche Shoppingcenter übergehen.
Mir hat Münster durchaus gefallen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, komme ich gern mal wieder.

Münster liegt nicht direkt am Emsradweg, sondern am Dortmund-Ems-Kanal-Radweg. Der führt (wie der eine oder andere vielleicht schon vermutet) am Dortmund-Ems-Kanal entlang und verbindet (kaum zu glauben, aber wahr) Dortmund und die Ems.

Nördlich von Münster trifft der Dortmund-Ems-Kanal zum ersten Mal auf die Ems. (Spoiler: Nicht zum letzten Mal.)
Jetzt müsste doch eigentlich bald mal der Kanal kommen, oder... nanu? Sollte da nicht Wasser drin sein?


Nein, sollte es nicht. Das ist die Historische Kanalüberführung (links), die tatsächlich ganz schön historisch aussieht. Sie wurde 1899 gebaut, ähnelt aber mehr einer dieser mittelalterlichen Steinbrücken.
Inzwischen hat der Kanal eine moderne Überführung bekommen, damit er über die Ems rüberkommt. Dazu musste er seine Route ein bisschen verändern. Die alte Überführung überführt bloß noch Fußgänger und Emsradler. Wenig später überqueren die Radler auch den Kanal auf einer Brücke, die nicht nur deutlich weniger schön, sondern weniger angenehm zu fahren ist - weiße Bauzäune lassen nur einen winzigen Streifen zur Überquerung übrig.

An diesem Wendepunkt mündet die Werse und die Ems wechselt die Richtung. Sie fließt ab jetzt nach Norden und durch Niedersachsen. Naja, streng genommen ist das hier noch nicht Niedersachsen, aber in meinem Kopf gefühlt schon. Was wohl daran liegt, dass man hier überall mit dem Niedersachsen-Ticket hinkommt.

Im nächsten Dorf wird die Straße neu geteert. Das geht etwas langsam voran, da auf der Baustelle ausschließlich Hühner arbeiten.


Sand ist ein ständiger Begleiter der Ems. Immer macht mich die Karte auf Naturschutzgebiete oder Dünen aufmerksam und leitet mich da durch, damit ich auch mal was anderes sehe als Äcker. Die erste Sandschaft (die sogenannten Bockholter Berge) wurde gerade aufgebaggert und sah dementsprechend aktuell nicht so dolle aus. Die Baustelle soll die Bockhokter Baggerberge auf nicht näher erklärte Weise erweitern.

Auch an der Ems wurde irgendwas gebaut oder gestaut, so ganz habe ich das auch nicht verstanden. Die Baustelle bildet irgendwelche Erdhaufen-Inseln und lässt den Fluss breiter und wieder schmaler werden. Von der Uferpromenade in Greven konnte ich das genau sehen. Das ist ehrlich gesagt auch schon der interessanteste Anblick in Greven.
Die Uferpromenade brachte mich zum Schwimmbad. Hinter den Fenstern schwammen Leute, direkt darunter fand gerade ein Fußballspiel statt. In Greven tobt das Leben!

Die zweite Sandschaft (Wentruper Berge) bietet Büsche statt Bagger, das ist doch schon mal eine Verbesserung. Ein Meer stachliger Ranken hat den Boden um mich herum eingenommen, nur der Radweg ist frei.

Kurz darauf stieß ich auf einen kleinen Parkplatz mit einem Haus, dahinter scheint sich eine Art Freilichtmuseum zu erstrecken. Ein Mann kam gerade heraus, schließt es ab und fährt mit dem Auto weg. Sieht ganz so aus, als wäre dieses Museum, oder was auch immer das ist, geschlossen.
Oder?
Ich entdecke nirgendwo eine Absperrung oder ein Schild mit Öffnungszeiten oder so. Zögerlich betrete ich den Pfad. Als ich am Zaun vorbeikomme, bittet mich ein Schild, doch bitte alles pfleglich zu hinterlassen und keine Pflanzen aus dem Kräutergarten auszureißen. Sonst nichts.
Meine Karte sagt, dass ich mich auf dem Sachsenhof befinde. Die westfälischen Städte in der Gegend sind praktisch alle aus einem Hof entstanden. (Für das große Münster brauchte es mehrere Höfe.) Der Sachsenhof war die Keimzelle von Greven. In der Mitte stand ein großes Wohn- und Stallhaus für Menschen und Tiere. Rundherum liegen kleine Anlagen, wo die Sachsen alles mögliche gearbeitet haben. Ein extratiefes, halb in die Erde gebuddeltes Häuschen enthielt einen Webstuhl (weil die Feuchtigkeit gut zum Weben war, wusste ich auch noch nicht). Und das vorn im Bild ist so was wie ein erster Hochofen, um Eisen zu gewinnen.

Die Sachsen kamen so um das Jahr 500 hierher. Die Römer hatten damals schon Taxameter, während auf dem Sachsenhof noch nicht mal Pflüge benutzt wurden, das war für die schon zu viel Hightech. Wer den deutschen Rückstand in der Digitalisierung für schlimm hält, kann froh sein, dass er damals kein Sachse war.
Um den Hof zu bauen, mussten die Sachsen erstmal das Land erobern. Das war nicht so schwierig, denn hier lebte vorher quasi keiner. Wenn doch nur alle Eroberungen der Geschichte so friedlich verlaufen wären.
Dieser tiefe Frieden hat offenbar die Jahrtausende überdauert und liegt noch heute wie ein sanfter Schutzschirm über der Anlage. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso die nachgebauten Anlagen nicht von Vandalen (nein, nicht denen von der Völkerwanderung) verwüstet wurden. Man kann einfach so rein und sich anschauen, was da so alles nachgebaut, angepflanzt und an die Infotafeln geschrieben wurde. Auch ein Rastplatz für Radler gehört dazu. Solch ein aufwändiger Nachbau kostet sonst immer was.

Die Ems habe ich nur gesehen, wenn ich sie überquert habe. Das geschah ziemlich oft. Auf der Brücke schält sich meistens schon der Kirchturm des nächsten Dorfes aus dem Nebel. Einmal geriet ich in eine Geschwindigkeitsmessanlage, die mir 15 km/h bescheinigte.

Die nächste Stadt heißt Emsdetten. Weil der Ackerboden nicht viel hergibt, lebten da schon immer viele Handwerker. Die stellten sowohl Wannen, mit denen Getreide gesiebt wurde, als auch Polypropylen, mit dem der Reichstag verhüllt wurde, her. (Zugegeben, dazwischen lagen ein paar Generationen.)
Der Radweg hat mir allerdings nichts von der Stadt gezeigt, sondern nur das Naturschutzgebiet der Emsauen. Von der Ems ist da kaum was zu sehen. Sie fließt in einigen Metern Abstand und ist total zugewachsen.
Früher gab es hier keine Brücken, sondern sieben Fähren. Manche gehörten der Gemeinde, andere der Kirche. 1953 wurde die vorletzte Fähre stillgelegt, weil sie total abgewrackt war und keiner mehr damit fahren wollte. Den Bewohnern des Emslands scheinen ihre alten Fähren sehr wichtig zu sein: An der ganzen Ems gibts ungewöhnlich viele Hinweistafeln, die erklären, was für Fähren hier früher fuhren.

Die nächste Brücke sieht besonders eindrucksvoll aus. Da steige ich doch gern ab und schiebe ein bisschen, um sie zu bewundern.

Die Brücke entlässt mich in die dritte Sandschaft (Elter Dünen), die mit seltsamen Industrie-Ruinen und einer erstaunlich großen Heidefläche am interessantesten ist.

Hier befindet sich die letzte der sieben Fähren, die heute noch fährt - zumindest in den Sommermonaten, momentan ist sie im Winterschlaf. Schade. Wobei, ich wäre eh nicht damit gefahren, denn am anderen Ufer ist weder der Emsradweg noch sonst irgendwas. Aber immerhin ist das die einzige handbetriebene Fähre auf der Ems, wär schon interessant zu sehen, wie die fährt.

Erst Heide, und jetzt auch noch eine militärische Sperrzone? Bin ich etwa wieder bei der Emsquelle gelandet?
Ganz wichtig: In dieser Sperrzone darf auf keinen Fall gepinkelt werden. Ein Zusatzschild erweitert das Pinkelverbot auch für Frauen. Man könnte dabei Munition treffen.

In den westfälischen Städten sind die Fahrradstreifen komplett zugeparkt. So extrem habe ich das selten gesehen. Die Nähe zur Fahrradstadt Münster hat offenbar keine große Ausstrahlungswirkung.

Die größte und wohl auch schönste Stadt auf diesem Abschnitt heißt Rheine. Die Altstadt besteht vorwiegend aus graubraunen Sandsteinhäusern, quasi ein kleineres Münster. Die Hase-Ems-Tour verbindet Rheine mit Osnabrück.
Ich weiß auch nicht, wer auf die glorreiche Idee gekommen ist, eine Stadt an der Ems Rheine zu nennen, aber welch ein Glück, dass dieser Typ nicht noch mehr Städte benannt hat. Sonst hieße Fulda wahrscheinlich Donauwörth.
Andererseits: Emse gibt auch nicht wirklich einen tollen Namen ab. Das klingt eher nach irgendeiner abwertenden antiquierten Bezeichnung für Frauen.

Auch Rheine hat einen Uferweg, diesmal ist der aber deutlich urbaner. Ich bin an einem Shoppingcenter vorbei- und unter der Fußgängerzone durchgeradelt. Dort fand bereits der Weihnachtsmarkt statt. Mit den Weihnachtsmärkten ist das in diesem Jahr bekanntlich etwas schwierig. In Rheine hat man sich ein ganz besonderes Corona-Konzept einfallen lassen: Hier gilt nicht etwa 3G oder 2G, sondern 1S. Heißt: Der Weihnachtsmarkt besteht aus einem einzigen Stand. Dieser steht auf der Brücke über der Ems und verkauft in Baileys-Likör gebrannte Mandeln, die im Umkreis von 18,7 Kilometern extrem verführerisch duften. Was auch erklärt, warum trotzdem fast so viele Leute herumliefen wie auf einem normalen Weihnachtsmarkt.
Die Ludgerusbrücke war lange Zeit die einzige Brücke der Stadt und zugleich wichtigster Schutz (bei einem Angriff leicht zu verteidigen) und Einnahmequelle (Zoll). Erst 1828, als beides nicht mehr so richtig funktionierte, traute sich zum ersten Mal jemand, ein Haus am anderen Ufer zu bauen.

Auf der Brücke spielte ein Mann Harfe. Wie schafft er das, ohne dass ihm die Finger abfrieren? Seine melancholische Melodie berührte irgendwas in mir. Auf einem gewöhnlichen Weihnachtsmarkt wäre diese Musik eher unpassend. Aber das ist kein gewöhnlicher Weihnachtsmarkt, kein gewöhnliches Weihnachten und kein gewöhnlicher Winter. Schon wieder, obwohl sich viele etwas anderes erhofft hatten. Und dieselbe europäische Novemberkälte, die mich trotz fünf Kleidungsschichten frösteln lässt, tötet in diesem Moment an unseren Grenzen Menschen. All das scheint in dieser Melodie mitzuklingen.
Wobei ich nicht weiß, ob der Harfenspieler das wirklich alles mitklingen lassen wollte. Wahrscheinlich nicht.

Hinter Rheine strömt die Ems durch eine ganz besonders große Mühle. Von den Mühlrädern ist nicht wirklich was zu sehen, aber an der Stelle, wo sich der Mühlenkanal wieder mit dem Hauptfluss vereint, entstehen ganz schön heftige Stromschnellen.

EMSSPORT verkünden die Buchstaben auf diesem komischen Käfig. Ich habe ja schon allerhand Trimm-Dich-Pfade und Freiluft-Fitnessgeräte in Parks gesehen - aber was bitte soll man in dem Kasten für Sport machen? Und warum steht davor ein Trampolin, das nicht elastisch ist?
Neugierig fahre ich heran - und stelle fest, dass ich mal wieder alles falsch verstanden habe. Es handelt sich um die Utensilien einer vergessenen Sportart, die sich nie durchgesetzt hat. Was daran liegt, dass es sie nie gab. Das ist ein Kunstwerk, das gegen krampfhafte Fitness und Leistungssport in der Freizeit gerichtet ist. Eine Botschaft, die ich voll und ganz unterstütze. Und jetzt schnell weiter, ich will heute unbedingt noch die 70 Kilometer nach Salzbergen schaffen!

Nördlich der Stadt bin ich ich an einem Kloster vorbeigefahren. Die Mönche hatten ihre eigene Saline und nannten sie Gottesgabe. Direkt dahinter folgt die Grenze von NRW nach Niedersachsen.
Die Felder und Wälder haben mich immer wieder an den zweiten sommerlichen Ems-Tag erinnert. Ein Asphaltweg schlängelt sich geschmeidig durch diese Landschaft.
Die Bäume befinden sich inzwischen fest in der Hand des Novembers - die meisten sind grau, ein paar andere noch orange.


Aber, was zum Geier, auf manchen Feldern scheint immer noch Sommer zu herrschen! Ich habe immer noch strahlend gelbe Rapsfelder, blau blühende Kornblumen und grasgrünen Rasen gesehen. Zwar deutlich weniger als während der letzten Tour, aber trotzdem nicht wenig.
Auf dem letzten Aussichtsturm des Tages hatte ich einen eigenartigen Blick: Auf dem einen Ufer herrschte Sommer, auf dem anderen Herbst.

Ein Landwirt erntete noch sein Getreide ab und schoss es in einem goldenen Strahl aus dem Mähdrescherrohr in einen Container.
Zielstrebig radelte ich auf Salzbergen zu und rechnete schon damit, den Sonnenuntergang am Horizont zu sehen. Doch es gab keinen Sonnenuntergang. Überhaupt nicht. Dafür war der Himmel einfach zu feucht. Stattdessen übernahm der Nebel die Aufgabe, den langsamen Übergang zur Dunkelheit zu überbrücken - er senkte sich über das Land und schien alles Licht aus der Landschaft herauszufiltern.
Ausgenommen natürlich künstliches Licht. Wobei ich diesbezüglich nicht viel zu bieten habe. Mist, mein Vorderlicht ist schon wieder kaputt.

Macht nichts, ich bin ja eh gleich in Salzbergen. Das Zifferblatt der Kirchturmuhr leuchtete mir entgegen und verriet mir, dass der nächste Zug sogar früher kommt als der Sonnenuntergang.
Die Stadt selbst ist ziemlich schmucklos, aber die Kirche ist ein Prachtbau aus strahlenden Spitzbögen.
 

Zufrieden schob ich mein Rad an der dekorativen Dampflok vorbei eine superangenehme Fahrradrampe hinunter und nahm mir schon vor, ein paar lobende Worte über diesen kleinen Bahnhof zu verlieren - da sah ich, dass die zweite Treppe zum Bahnsteig wieder nur mit diesen nutzlosen 0,2 Millimeter breiten Rampen am Rande der Treppe ausgestattet war. Dann also doch keine lobenden Worte. Stattdessen tadelnde. Die ich hiermit geschrieben habe.