21 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Alsleben nach Rödental

Die Bergbayerngrenze II

Länge: 96 km
Grenzquerungen: 6
Bundesländer: Bayern/Thüringen
Seite: etwa gleich
Erkenntnis: Das genaue Schneckentempo der DDR-Bürokratie entschied darüber, an welchen Orten heute Menschen leben und wo nicht.

Nach der Fränkischen Saale durchquert das Grüne Band die Haßberge. Der moosige Wald ist Heimat einiger seltener Tierarten. Weil ich über die Hügel zügig rüberkam, gelang es mir nicht, einen echten Hass auf die Haßberge zu entwickeln.


Im nächsten Dorf wartete das erste Highlight des Tages. Oder jedenfalls irgendetwas in der Art.
Im Jahre 1964 hatten die Gemeinderäte von Sternberg-Zimmerau nichts zu lachen. Die Grenze schreckte alle ab, nirgendwo wollte sich Industrie ansiedeln. Das einzige, was die Leute interessierte, war der Blick vom Büchelberg auf die tödlichen Grenzanlagen. Pragmatisch entschieden sie, dann halt mit diesen Schaulustigen Geld zu verdienen: Der Bayernturm sollte entstehen. (Eigentlich liegt das Dorf ja in Franken und nicht im "richtigen" Bayern, aber der Turm wurde extra so genannt, um zu feiern, dass Franken seit 150 Jahren zu Bayern gehört.) Man plante einen 56 Meter hohen Turm mit Restaurantterrasse, Aufzug und Hotel. Und was kam am Ende raus?

Nun ja, das hier. Ein Monstrum aus Wellblech von wahrhaft ehrfurchtgebietender Scheußlichkeit, welches das Land in der Form eines gigantischen Stehtischs überragt.
Hotel, Restaurant und Aufzug wurden gestrichen, die Höhe stark gekürzt, nur eine Aussichtsplattform blieb. Aber die wurde wurde zum echten Besuchermagneten - zumindest, bis die neue A7 der nahen Bundesstraße die Besucher wegnahm. Nach der Wende erlebte der Turm noch einen kurzen Aufschwung, und seitdem scheint er vor sich hin zu rosten.
Und dennoch kann man immer noch rein. Alles, was man benötigt, ist eine Ein-Euro-Münze und etwas Geduld. Meine erste Münze verschwand im Schacht, ohne dass sich das Drehkreuz bewegte. Ach ja, da standen ja Öffnungszeiten dran. Erst ab um acht? Dann mache ich jetzt eben eine ausgiebige Frühstückspause am Bayernturm.
Eigentlich finde ich die Drehkreuz-Lösung klasse und finde, das sollte bei viel mehr historischen Türmen, Burgen und Gebäuden gemacht werden, wenn man die schon aufwendig instand hält, aber kein Personal für die Kasse hat. Ist doch viel besser, als wenn man erst jemanden anrufen muss, um so ein Ding aufzuschließen - welcher Tourist macht sich schon die Mühe?

Punkt acht ging der Strom an, und das Drehkreuz reagierte auf meine zweite Münze. Ich marschierte polternd ein rostiges Treppenhaus hinauf. Sonnenlicht fiel durch (mehr oder weniger) transparente Wellblechstücke und beleuchtete meinen Weg. Adolf Hitler war hier März 1939, behauptet eine Kritzelei. Das ist historisch zwar ausgeschlossen, aber angesichts des abgenutzten Zustands trotzdem irgendwie glaubhaft. Immerhin wirkte die Konstruktion stabil.
Noch.

Als ich die letzte rostige Stufe verließ, fand ich mich auf einem ca. 200 Quadratmeter großen Bretterfeld wieder. Neugierig ging ich auf die Fenster zu, um mehr zu erkennen. Erst nach ein paar Schritten wurde mir klar, dass alles, was mich jetzt noch von einem 38 Meter tiefen Sturz bewahrte, diese abgenutzten Bretter waren.
Bretter, zwischen denen Lücken klafften, durch die ich besagte 38 Meter Tiefe gut erkennen konnte.
Bretter, von denen manche deutlich wackelten.
Und da war mir doch etwas komisch im Magen. Der Turm ist auf seine Art ein beeindruckendes Gebäude, aber etwas Mut braucht es schon.

Am Rande des Waldes (hinten im Bild) konnten die Besucher früher die tödlichen Zäune begutachten. Wer heute den Wald begutachten will, hat die Wahl zwischen einer schmierigen Scheibe oder einem scharfkantigen Loch in besagter Scheibe.

So viel zum innovativen Industriestandort Bayern. Ich fahre mal zurück nach Thüringen. Und dann wieder nach Bayern. Und wieder Thüringen. An der Grenze wurden immer mal wieder einzelne alte Grenzzäune aufgestellt.

In den Dörfern steht häufig ein historisches Back- oder Brauhaus, das zu besonderen Anlässen noch genutzt wird. Zweimal im Jahr durfte sich einst jeder Dörfler unter Anleitung des Dorfbraumeisters genug Bier für sechs Monate (wenn man sparsam war) zusammenbrauen. Die Bank vor dem Poppenhäuser Backhaus verkündet das Motto jeder Radtour: Auch Umwege erweitern unseren Horizont.
Die Informationstafel über die Dorfgeschichte reicht von den Bauernkriegen bis zur Coronapandemie. Das eigensinnige evangelische Dorf litt schon während der Reformation darunter, dass es direkt an katholisches Gebiet grenzte. In der DDR entging es haarscharf der Schleifung.
Aber vergessen Sie all das, das echte Highlight von Poppenhausen ist etwas, das ich bislang schmerzlich vermisst habe: Ein Mülleimer! Die Bergbayerngrenze ist voller Rastplätze, aber ein Müllbehälter wurde bisher jedes Mal vergessen. Endlich kann ich den Haufen Abfall loswerden, den ich seit gestern quer durch Deutschland transportiere. Ob der Poppenhauser Papierkorb überhaupt genug Platz dafür hat?

Dieses Kreuz erinnert daran, wie die traditionelle Männerwallfahrt 1990 zum ersten Mal wieder ins Ostgebiet stattfinden konnte. Man ließ die Männer über die Grenze nach Thüringen wallfahren, doch als die männlichen Wallfahrer nach Bayern zurückwollten, war das Tor auf einmal wieder geschlossen. Sie bekamen es aber irgendwie auf, denn: "Christus hat noch viel größere Schranken überwunden."
In den Nachbardörfern lief die Wende weniger fromm ab: In Rieth und Albingshausen gab es anscheinend eine absolut legendäre Wiedervereinigungsparty, über welche die Infotafel aber keine Details verrät. Möglicherweise, weil der Verfasser immer noch Erinnerungslücken hat.

Weil die Adligen nach dem Ersten Weltkrieg ihre Macht verloren, wurden Herzogtümer aufgelöst und Grenzen neu sortiert. Die Menschen im Coburger Land beschlossen in einem Volksentscheid, dass sie zu Bayern gehören wollten. Der Heldburger Zipfel dagegen kam zu Thüringen und wurde ab jetzt von drei Seiten von Bayern umschlossen. So bekam der spätere Eiserne Vorhang seine Gestalt. Als ich diese kleine Hügelkette überquerte, bog ich in den Heldburger Zipfel a.k.a. Rodachtal ein. Dieses kleine Burgen- und Thermaltal ist eine völlig versteckte, aber echt süße Ecke Deutschlands.
Das erste Dorf im Zipfel hieß Erlenbach. Die Betonung liegt auf hieß. Wie zu erwarten, ist von diesem geschleiften Dorf absolut nichts übrig. Die Aussiedelung der Bewohner erfolgte wie in den meisten Dörfern Stück für Stück, erst 1986 mussten die letzten raus und alles wurde plattgemacht. Das macht es irgendwie noch tragischer. Es hätte nur noch drei zusätzliche Jahre bürokratische Verzögerungen gebraucht, und Erlenbach würde noch existieren.

Gibt es überhaupt Orte im Rodachtal, von denen noch etwas übrig ist? Ja, da kommt einer. Ummerstadt hatte nach dem Krieg etwa 1000 Einwohner, und zwar weil so viele auswanderten, manche freiwillig, andere unfreiwillig, manche vor, manche nach der Wende. So wurde Ummerstadt in den 80ern zur kleinsten Stadt der DDR. Heute sind die Hügel von Ummerstadt ein Fluggebiet für Gleitschirmflieger.
Hier war eine Kompanie Grenzsoldaten stationiert. Zu ihren Aufgaben gehörte auch, in Umfragen herauszufinden, wie zufrieden die Bürger mit der Grenzsituation sind, um dann exakt gar nicht darauf zu reagieren. Wenn ein Soldat aus dem Urlaub zurückkehrte, durfte er erstmal sechs Stunden nicht in den Dienst. Bei einem persönlichen Gespräch musste zuerst geprüft werden, ob er zu Hause persönliche Krisen hatte und deshalb fliehen könnte.

Etwas unerwartet: Mitten im Nirgendwo des Rodachtals versteckt sich die gewaltige gläserne Terassentherme. In der Kurstadt Bad Colberg hat das gesunde Baden nämlich eine lange Tradition.
Vor dem Kurpark und dem historischen Kurhaus steht ein gekühlter Automat mit regionalen Spezialitäten. Wenn ich schon nicht essen gehe, dann probiere ich wenigstens auf diesem Wege etwas Bayrisches wie zum Beispiel... mal sehen... Curry-Maultauschen ("Die Maultaschen-Innovation") und Ofen-Leberkäse. Ob man das auf dem Campingkocher zubereiten kann?
Ja, kann man, zumindest die Maultaschen.

Heute entdeckte ich deutlich mehr Radwege, und der im Rodachtal ist einer der schönsten. Und dann, kurz vor dem Wald, erwartet mich eine Überraschung. Wieder einmal wurde ein Dorf geschleift. Aber diesmal, halten Sie sich fest, ist etwas davon zu sehen!
Billmuthausen war ziemlich groß, es hatte immerhin einen Kindergarten, eine Mühle und ein Schullandheim, an dem die berühmten Geschwister Scholl unterrichtet wurden.
Zuerst floh ein Großteil der Einwohner, sodass die DDR acht Vertriebenenfamilien ansiedelte. Aber sogar von denen hauten sieben hab - nicht mal Flüchtlinge wollten hier bleiben. Wer den weiten Weg aus Ostpreußen hinter sich hat, für den sind die paar Kilometer nach Bayern ja auch nur noch ein (potentiell tödlicher) Katzensprung.
Vom geschleiften Dorf Billmuthhausen ist folgendes übrig:
  • Der Ludloff-Brunnen: Eine steinerne Viehtränke mit Gießkannen
  • Die Mauern eines Grünfuttersilos, das später als Trinkwasserspeicher diente
  • Ein Mühlstein, aber der ist bloß eine Leihgabe des Museums in Veßra an der Werra
  • Ein Trafoturm (hinten links)
  • Eine Gedächtniskapelle auf dem Friedhof, die allerdings erst nachträglich zur Erinnerung gebaut wurde
  • Der Friedhof, auf dem früher die Kirche stand. Auf dem kleinen Gelände entdeckte ich fast sofort das Familiengrab der Ludloffs, denen das Rittergut Billmuthausen früher gehörte. Der größte Grabstein erinnert an das Dorf selbst. Das dazugehörige Kreuz wurde mit einem makabren Kreis aus Streckmetall dekoriert.
Fast alles davon sieht neu aus, lediglich das Silo und Teile des Friedhofs sind vermutlich original erhalten. Ach ja, und in der Wand der Gedächtniskapelle steckt der einzige erhaltene Stein der alten Kirche.
Engagierte Bürger haben diese Gedenkstätte aufgebaut. Wenn ich bedenke, wie von den anderen geschleiften Dörfern einfach null zu sehen war, dann muss es ein enormer Kraftakt gewesen sein, so viel wiederherzustellen. Keimzelle der Gedenkstätte war die Gedenkplatte auf dem Friedhof - die kurz nach ihrer Aufstellung erstmal geklaut wurde.

Als nächstes geht es quer durch den Wald nach Heldburg. Die Wegweiser schickten mich auf eine andere Route als die Karte, und zwar auf den Radweg der Deutschen Burgenstraße. Ich probierte es aus und, was soll ich sagen, es war super. Die geschmeidige Fahrt durch den hohen, hellen Wald hat mich ein wenig an Rügen-Jasmund erinnert. Und ganz zum Schluss konnte ich auch noch den Ausblick auf die prächtige Veste Heldburg genießen.

Die Renaissaince-Burg thront auf einem 400 Meter hohen Felsen. Der entstand wie das ganze Land durch Vulkane. Sie hinterließen jede Menge Phonolith. Das bedeutet so viel wie Klingstein. Wenn man mit einem Metallstab ganz sachte dagegenschlägt, ertönt ein zartes Bimmm. Das heißt, sofern einem keine Spaziergänger dazwischenquatschen.
Ich hatte zwar gerade keinen passenden Stab zur Hand, aber zum Glück hingen Stab und Stein an einer passende Station zum Ausprobieren.

Nächste Station ist Streufdorf. Hier geschah etwas Ungewöhnliches: Die Bewohner wehrten sich mit Gewalt gegen die Zwangsaussiedelung, verprügelten Polizisten mit ihren eigenen Knüppeln und holten ihre aufgeladenen Möbel wieder von den LKWs runter. 500 Polizisten, Wasserwerfer und Pferde waren nötig, um dieses Dorf unter Kontrolle zu bringen, sogar die Sowjetarmee drohte einzugreifen.

Der recht eigene Umgang der Bewohner mit der Grenze zeigt sich auch darin, dass sie aus dem alten Streckmetallzaun nicht bloß (wie so oft) irgendwelche Kompostzäune gebastelt haben, sondern richtige repräsentative Eingangstore.

Moment mal, diesen Doppelgipfel da hinten kenne ich doch. Waren diese Berge nicht gestern schon den ganzen Tag zu sehen? Ich habe das Gefühl, im Kreis zu fahren. Nicht ganz zu Unrecht: Das grüne Band umkreist im großen Abstand den Thüringer Wald.

Es ist ja schön, dass diese Thüringer Dörfer auf den sonst obligatorischen Ernst-Thälmann-Weg verzichten - aber ihre Alternativen sind auch nicht gerade klangvoll.

Und jetzt etwas, das ich eher mit norddeutschen Radwegen assoziiere: Ich fahre durch ein Gatter und quer über den Acker. In der Viehsperre wächst eine Hecke.

Der Bauer hat sogar eine olle Hütte mit Aussichtsplattform auf sein Feld stellen lassen, in der man etwas über seine Tierhaltung in der Hutelandschaft nachlesen kann. Hier werden Wildpferde und Heckrinder gehalten. Heckrinder sind eine Rückzüchtung, bei der 15 Rinderrassen solange gut durchgemixt wurden, bis das Ergebnis (zumindest optisch) aussah wie der ausgestorbene Auerochse.

Danach verläuft der Radweg auf einem Mühlenwanderweg. Aber auf den Infotafeln über die abgerissenen Mühlen stand einfach so überhaupt nichts Interessantes. Sie wurden halt von A zu B zu C verkauft und verpachtet... joa, okay, weiter.
Auf einem kurzen Stück durch den Westen kam ich an ungefähr 326 Baumstammstapeln vorbei. Dies ist offensichtlich das natürliche Habitat einer großen Population von Holzfällern. Manche legen ihr Holz zwischendurch quer über einem Graben ab. Sehr zum Verdruss der Bauern: An den Eigentümer des Holzes!, schrieb ein verärgerter Farmer auf ein Schild. Machen Sie hinterher gefälligst ihre Rindenreste weg und hinterlassen Sie den Platz sauber, damit der Graben im Sommer gemäht werden kann!

Hinauf, hinunter, in den Westen, in den Osten, noch ein Kolonnenweg, ein Stück Mauer... irgendwann habe ich gar nicht mehr mitbekommen, in welchem Bundesland ich aktuell bin. Puh, ich brauch ne Pause. Zeit fürs Maultaschen-Curry!

Als sich der Nachmittag schon seinem Ende zuneigte, bin ich in Weißenbrunn vorm Wald herausgekommen. Dieses Dorf ist irrsinnig stolz darauf, dass es vom Dichter Heinrich Schaumberger ausgiebig beschrieben wurde (auch wenn es in seinen Geschichten anders hieß). Dabei hat Weißenbrunn noch viel mehr, auf dass es stolz sein kann. Der weiße Brunnen im Namen ist nämlich eigentlich ein Bach namens Itz, der aus dem Kalkstein kommt und sich in moosig-matschigen Kaskaden abwärts stürzt. Dieses Flüsschen verströmt fast schon mediterranes Flair.

Anschließend sammelt sich die Itz in einem kleinen Teich, fließt unter der großen ICE-Brücke hindurch und wird nochmal so richtig gestaut, damit sie weiter unten kein Hochwasser verursacht. Statt ganz langweilig vom Itz-Stausee zu sprechen, hat man dem Hochwasserrückhaltebecken lieber den kreativen Namen Froschgrundsee verpasst. Die Plattform auf der Talsperre darf niemand betreten, nicht einmal Fahrräder (ein recht sinnloses Verbot, wenn schon Menschen an sich verboten sind). Aber gut, kann ja nicht schaden, das Fahrradverbotsschild auf die Schranke zu kleben, falls irgendwann mal selbstfahrende Fahrräder erfunden werden.
Ist ja auch egal, der Froschgrundsee kann von vielen anderen Stellen ebenso gut bewundert werden.

Wahnsinn, wie vielseitig die Bergbayerngrenze ist! Jetzt schlägt die Grenze eine neue Seite auf und bringt mich ins Coburger Zickzacktal (so nenne ich das jetzt einfach mal).
Also dann, Endspurt! Im Itztal sauste ich bequem am Wasser den Coburger Vororten entgegen.

Bis in die Stadt Coburg fuhr ich aber nicht rein. An diesem lila Kreisverkehr wuchtete ich mein Rad über den Hügel hinüber ins Rödental.

Dort befindet sich der Vorort namens, ähm, Rödental. Er sieht eher weiß und unscheinbar aus, also beschränkte ich meine Sightseeingtour auf den lokalen Edeka.

Für das Abendessen ist gesorgt, jetzt brauche ich nur noch einen Schlafplatz. Dieser sollte im Idealfall viel, viel besser sein als der letzte Nacht.
Dieser Idealfall trat ein. Dieses fabelhafte Wäldchen direkt am Radweg war nicht nur superleise und bequem, sondern auch noch viel trockener als die letzte Nacht - obwohl es direkt am Fluss Rodach lag. Wunderbar, so sollte ich fit sein für das, was morgen kommt.

20 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Fladungen nach Königshofen

Die Bergbayerngrenze I

Länge: 54 km (+25 km von Bad Neustadt/Saale +2 zum Skulpturenpark)
Grenzquerungen: 2 (+4 auf den Gedenkstätten)
Bundesländer: Bayern/Thüringen
Seite: Ost, außer am Anfang und Ende
Erkenntnis: Das Grüne Band ist bunt.

Ich hatte folgenden Plan: In drei Tagen die Innerdeutsche Grenze zu Ende fahren. Einem bayrischen Busfahrer in Bad Neustadt gefiel dieser Plan ganz und gar nicht. Er fuhr an einem anderen Bussteig ab und hielt dort exakt 0,3 Sekunden, sodass ich keine Chance hatte, hinüberzulaufen. Der nächste Bus nach Fladungen kam erst gottweißwann, und deshalb begann diese Tour erstmal mit 25 Extra-Kilometern vorneweg. Das ist nicht im engeren Sinne motivierend. Nicht mal dann, wenn die 25 Kilometer an den idyllischsten Wiesen und Wassermühlen im Ilstal vorbeiführen. Aber egal, legen wir los.

So sehen Fladungen und die Berge der letzten Tagesetappe übrigens ohne Nebel aus.

Die heutigen Berge sind ein wenig zahmer, kleine Straßen wogen in sanften Wellen darüber hinweg. Hin und wieder hat jemand einen neuen Radweg im Zickzack über die Felder gebaut, den meine Karte noch nicht kannte, aber eher selten.
Seit der letzten Tagestour am Eisernen Vorhang ist der Frühling ausgebrochen. Zu dieser Jahreszeit wird aus dem Grünen Band das Gelbe Band: Die ganze Grenze war bedeckt von Löwenzahn. Peter fände das sicher lustig. Ab und zu blühten auch andere Blumenarten - aber ausschließlich gelbe. Irgendwie müssen die Grenzanlagen den Boden so verändert haben, dass darin Blumen mit anderen Farben nicht gedeihen können. Mysteriös.

Das erste Dorf heißt Weimarschmieden und enthält Bayerns nördlichstes Gasthaus - verschlossen. Genau wie, Spoileralarm, auch alle anderen bayrischen Gasthäuser an der Grenze. Zünftig essen gehen war auf dieser Tour nicht drin.
Nach ein paar Wegwindungen wechselte ich nach Thüringen rüber. Ein Dorfbewohner hat sich einen alten Grenzpfosten geschnappt und mit einer eher düsteren Flagge kombiniert.

Fast jedes Dorf hat einen Dorfbrunnen (auch hier blühen die obligatorischen gelben Blumen). Manche plätschern vor sich hin und laden ein, die Wasserflasche aufzufüllen. Andere enthalten kein Trinkwasser und werden außerdem gut bewacht.

In Hermannsfeld haben sich die Löwenzähne zu einem Fußballspiel versammelt. Über ihnen verläuft die Grenze über den markanten Dachsberg. Wie komme ich da denn hoch? Ich wanderte den erstbesten Feldweg hinauf, der sich schnell in einer grüngelben Wiese verlor. Erst auf dem Gipfel begriff ich, dass ich auch den kürzeren Kolonnenweg von der anderen Seite hätte nehmen können.

Der Chorleiter Gotthilf Fischer stellte gern überall auf der Welt Friedenskreuze auf: In Washington, Rom, Jerusalem und... äh, Hermannsfeld in Thüringen.
Warum ausgerechnet dieses Grenzdorf? Zum einen wurden in Hermannsfeld besonders viele Familien zwangsausgesiedelt, nämlich 18. Zum anderen stand hier schon mal ein gigantisches Holzkreuz, das zu einer Wallfahrtskirche auf einer Insel gehörte. Weder Kreuz noch Kirche noch die Insel existieren noch - der komplette See musste 1800 zugeschüttet und beackert werden, um eine Hungersnot zu verhindern.
Weil sein erstes Friedenskreuz offenbar umgekippt ist, stellte Fischer gleich noch eins auf. (Jeder nur ein Kreuz gilt hier nicht.) Auf den Querbalken pinselte er 1991 die Worte Frieden sei der Welt beschieden. Mit der ganzen Welt hat das noch nicht geklappt, aber zumindest Hermannsfeld blieb seitdem friedlich.

Der Nachbar des Kreuzes ist weniger friedlich: Ein Grenzturm starrt finster auf das Land hinaus. Sein Eingang ist zwar verschlossen, doch an diesem Führungsturm klebte zusätzlich ein Anbau, sagt das Schild. Meinen die etwa die Tür dort in den Gruselkeller, die... offen steht? Ui, soll ich da wirklich reingehen? Mitten in der Löwenzahn-Idylle tat sich auf einmal ein Eingang in einen Horrorfilm auf. Das bedrohliche Lüftungsrohr scheint mich anzustarren. Es erinnert entfernt an eine Schwallbrause aus dem Schwimmbad, doch statt Wasser würde ich eher erwarten, dass dort Blut herauskommt.

Naja, den runden Betonkeller hatte ich dann doch recht schnell durchquert. Nach zwei Räumen folgte eine dicke Panzertür mit vier verschiedenen Riegeln, die sich nicht öffnen ließ. Aber wer will solch eine schwer gesicherte Tür auch öffnen? Das ist schließlich die Stelle, an der im Horrorfilm alles schiefgeht.
In diesen Räumlichkeiten wurde ein Notfall-Trupp NVA-Soldaten frisch und kühl gelagert. Ihnen stand unter anderem eine Minenbrücke auf einem speziellen Anhänger zur Verfügung. Damit konnten sie den Minenstreifen überqueren und hinterher noch aus einem Stück bestehen (ein Zustand, den nicht nur Soldaten sehr zu schätzen wissen).

Im nächsten Wald verfolgten mich ganze vier kläffende Köte an ihrem Zaun entlang - die lärmenden Erben der DDR-Grenzhunde sind immer noch aktiv.

In Henneberg versteckte sich ein berühmter Flüchtling namens Friedrich Schiller in Ostdeutschland, als ihm Arrest drohte - er hatte sich für einen Tag der Wehrpflicht entzogen, um die Premiere seines Stücks anzusehen.
An dieser öden Henneberger Kreuzung wollte ich einen Abstecher zum nächsten Mahnmal unternehmen. Hui, der Waldweg sieht ganz schön steil aus, ich stelle das Rad lieber ab und laufe das Stückchen zu Fuß.
Doofe Idee.
Das steile Stück war superkurz, und der Rest war so gut wie gerade und überraschend lang. Tja, dann habe ich jetzt halt eine Wanderung eingelegt. Schließlich verläuft hier sogar eine kleine Wanderroute entlang der Grenze, der Friedensweg.

Nach vielen Schritten erreichte ich die ersten Ausläufer des Skulpturenparks Deutsche Einheit, einem Grenz-Mahnmal der völlig anderen Art. Hier stehen keine abstrakten Formen aus rostigem Stahl (naja, fast keine), sondern ein gewaltiges Chaos an knallbuntem Zeug. Der Künstler Herbert Fell hat verschiedene Bauherren beauftragt und auch selbst mit angepackt, um all das Zeug auf den Hügel zu schaffen. Ein Feld der Fahnen, verschiedenste Tore, Statuen, Figuren, Galgen, Feuerstellen, Grundgesetze, verschiedene Versionen der Deutschland- und Europahymne, Mauerstücke... das meiste hat natürlich mit dem Kommunismus zu tun. Oder dem Nationalsozialismus. Oder Europa. Oder Frieden.
1999 wurde hier zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls ein hölzerner Reichsadler angezündet. Aus der Asche erschien der metallene Bundesadler, der hier bis heute steht (rechts hinten). Ich wusste gar nicht, dass unser Staatswappen eigentlich einen Phönix zeigt! 

Die Funken schlugen zum Glück nicht auf die Goldene Brücke über. Das ist ein golden angemalter Holztunnel, der sich mit den Demonstrationen in Leipzig beschäftigt, welche die DDR zu Fall brachten. An die Wand wurden scharfe Spitzen genagelt, mit denen die LKWs der Polizei ausgestattet waren. Danke, dass nichts passiert ist! Vermutlich ist dies das einzige Mahnmal, bei dem sich kritische Künstler bei DDR-Entscheidungsträgern bedanken. Aber schon zu recht: Wären die Spitzen im Zuge einer "chinesischen Lösung" eingesetzt worden, welche die Führung damals diskutierte, dann gäbe es heute an dieser Stelle vielleicht noch echtes Blut statt roter Farbe.

Ein umgeworfener Stuhl erinnert an die gewaltsame Vertreibungen a) der Protestanten durch Fürstbischof Julius Echter 1585 und b) der Grenzbewohner während der Aktion Ungeziefer 1952. Die unterschiedlich langen Stuhlbeine sollen ihre unterschiedlichen Lebenswege symbolisieren. Offiziell sollten in Henneberg nur Ausländer, nicht behördlich Gemeldete und Straftäter ausgesiedelt werden. In Henneberg traf das auf exakt 0 von all denen zu, die 1952 unsanft geweckt und rausgeworfen wurden. Stattdessen hatten diese Menschen eine der folgenden Verfehlungen begangen: Verwandte im Westen besucht (was praktisch jeder tat), selbstbewusst aufgetreten, Westsender gehört, nonkonform gedacht, zu viel Geld als Bauer verdient und nachts Leute über die Grenze geschmuggelt. Letzteres haben aber nur ein paar wenige Einwohner gemacht.

Mit roter Farbe sparte der Künstler wirklich nicht: Die Blutspur des Kommunismus soll folgendes darstellen: Würden alle Opfer des Kommunismus eine Kette um die Welt bilden, dann hätte jeder von ihnen nur 40 Zentimeter Platz. Mein Gott.
Im Hintergrund ist der ehemalige kleine Grenzübergang von Henneberg zu erkennen.

So, jetzt aber zügig weiter! Apropros zügig: An der Talsperre Schwickershausen bin ich unter der Auto- und Eisenbahn (zwischen Rentwertshausen und Mellrichstadt) hindurchgeradelt. Die Bahntrasse ist eingleisig: Im Osten wurde das zweite Gleis als Reparationsleistung von den Sowjets abgebaut und im Westen, weil es sich marktwirtschaftlich nicht gerechnet hat.
Das verbliebene Gleis ist dasselbe, das mich heute morgen zu jenem unglückseligen Start nach Bad Neustadt gebracht hatte. Aber ist ja egal, jetzt läuft es gut, was soll noch schiefgehen?
Der Stausee wurde übrigens erst 1968 angelegt, um die Felder der nicht ausgesiedelten DDR-Bauern zu bewässern.

Als ich versehentlich den falschen Feldweg wählte, blockierte mir ein Kieshaufen den Weg. Das ist mal eine neue Art von Hindernis.

Die dritte Gedenkstätte des Tages ist das Freilandmuseum Behrungen. Das ist eins der größeren Gratis-Grenzmuseen, auf denen die Grenzsperranlagen mit allem, was dazugehört, originalgetreu hergerichtet wurden. Weil ich so was schon öfter gesehen habe, beschränke ich mich hier auf die kleinen Behrunger Besonderheiten.
Besonderheit Nr. 1: Ein Durchlasstor für die Soldaten im Grenzsignalzaun wurde komplett nachgebaut. Dazu gehört neben einer Warnlampe auch eine Stahlseilsperre - das Seil wurde zwischen zwei Steinen hochgezogen, falls jemand Unbefugtes durch das offene Tor rasen wollte.

Falls das Seil nicht rechtzeitig hochgezogen wurde, wäre Ihr Auto kurz darauf trotzdem kaputt gewesen - und außerdem nass, denn:
Besonderheit Nr. 2: Im KfZ-Sperrgraben befindet sich Wasser, weil er einen vergitterten Bach namens Bahra kreuzt.

Besonderheit Nr. 3: Der Geländestreifen aus West-Perspektive ist besonders anschaulich dargestellt. Es hängen sogar noch die originalen Warnhinweise des Bundesgrenzschutzes für westdeutsche Spaziergänger. Sie sind in trockenen Amtsdeutsch verfasst. (Jeder, der sich unmittelbar an der Grenze zur DDR aufhält, sollte sich deshalb sorgfältig vergewissern, wo die Grenze zur DDR genau verläuft, um sich oder andere nicht in gefährliche Situationen zu bringen.) Ob diese Sprache geeignet ist, um die Zielgruppe (leichtsinnige Idioten) anzusprechen? Da ist das schlichte Achtung Grenze! mit dramatischem Bild sicher effektiver.
Das genaue Gegenteil eines leichtsinnigen Idioten war der zehnjähriger Manuel, der im Jahre 2001 auf dieser Wiese spielte und eine Tretmine entdeckte. Er reagierte dermaßen ruhig und vernünftig, dass niemand zu Schaden kam, und rettete damit das Leben zweier Erwachsener.

Als ich wieder in den Westen gewechselt bin, fiel mir auf, dass die Hügel inzwischen viel flacher sind. Ich hatte die Rhön endgültig hinter mir gelassen und befand mich jetzt im sogenannten Grabfeld. Mache ich jetzt noch den Umweg, um mir Bad Königshofen im Grabfeld anzugucken? Nein, entschied ich in Herbstadt, es ist spät, ich möchte noch etwas Strecke schaffen. Also weitaa... was ist denn jetzt los?
Folgendes war los: Meine Kette hatte keine Lust mehr. Das gerissene Miststück hatte Suizid begangen, weil es mit der Aufgabe überfordert war, eine Bodenwelle von etwa einem Meter zu überwinden.
Uff. Wo ist denn der nächste Fahrradladen? In Bad Königshofen, na so was. Die 4,2 Kilometer von Herbstadt nach Königshofen habe ich das kettenlose Rad geschoben. Und so kam es, dass ich auf dieser Reise ungeplant noch einen unbekannten Flussradweg mitnahm.