Wegbeschaffenheit: Radwege, Hauptstraßen, Matschwege
10:18 Ich bin oben angekommen, wo ich das Tal gut im Blick habe. Zwischen Hörschel und Eisenach fließt die Hörsel, ein Fluss von beachtlicher Breite. Zunächst ist das Hörseltal ziemlich eng. Bahngleise, Fluss und Straße drängen sich unten zusammen. Für den Radweg ist unten kein Platz mehr. Auf der der gegenüberliegenden Talseite verläuft die Autobahn auf dem Bergrücken.
10:41 Der Weg führt zurück nach unten und von der Hörsel weg. Leider ist der Radweg direkt am Ufer gesperrt, denn dort herrscht Industrie.
10:49 Ich fahre zurück in die Talmitte, vorbei an den Opelwerken, weiteren Industrieanlagen und künstlichen Fischteichen.
10:59, Eisenach, Kilometer 208, unweit der Nessemündung Ich erreiche Eisenach. Ich nehme den geraden Weg ins Stadtzentrum statt der Schnörkel, die mir die Karte vorschlägt. Dadurch sehe ich nichts weiter von der Hörsel.
21.3.1685, Eisenach Johann Sebastian Bach wird in eine Musikerfamilie geboren.
11:09 Das Stück bricht abrupt auf. Ich trete erneut auf das Pedal. Es geht weiter. Ich trete mehrmals auf das Pedal und das Stück nimmt kein Ende.
21.3.1685, Georgenkirche, Eisenach Bach wird in der Kirche getauft (Schnell, bevor er im Limbus landet! - ach nee, das gehört thematisch eher zu Luther), wo seine Vorfahren seit 150 Jahren, aktuell sein Onkel Johann Christoph, Orgel spielen. Sein Vater musiziert gleich nebenan im Rathaus. Johann Sebastian hingegen war dann doch lieber in Leipzig tätig - damit ihm seine Familie nicht ständig reinredet, vermute ich mal.
11:22 Ich durchquere die Fußgängerzone. Es ist einiges los. Alle zehn Meter steht ein Stand mit Thüringer Rostbratwurst. Ich wähle einen davon aus.
1805 Herzogin Maria Pawlowna von Sachsen-Weimar plant einen Antrittsbesuch in Eisenach. Deshalb hämmerten die Eisenacher ein goldenes M in den Felsen, daher der Name Mariental. (So etwas machen Thüringer heute nicht mehr, wenn Merkel zu Besuch kommt.)
11:52, Parkplatz Sängerwiese Ich erreiche einige Matschparkplätze und schließe mein Rad an. Hier beginnen zwei besondere Schluchten.
Der Bach teilt sich in mehrere Bächlein. Einem davon folge ich in die Drachenschlucht.
1832 Der Eisenacher Oberforstrat Dr. Gottlob König macht die Drachenschlucht begehbar. Wie wir sogleich sehen werden, ist das eine knifflige Aufgabe. Die Wege werden bis heute erhalten, denn die Eisenacher wollen Gottlob Königs Tradition fortführen - steht jedenfalls auf dem Schild. Der Hauptgrund dürfte wohl eher sein, dass man hiermit fast so viele Besucher anlocken kann wie mit der Wartburg.
11:59 Zunächst laufe ich durch eine Schlucht, dievor allem aus orangefarbenem Laub zu bestehen scheint. Der Bach plätschert in der Mitte. Hübsch, aber so etwas gibt es sogar im flachen Mecklenburg.
12:03 Es wird enger. Der Bach plätschert an der Seite. Langsam tauchen feuchte Felsen mit hellgrünem Moos auf. Das gibt es eher nicht in Mecklenburg.
12:07 Dann wird es sehr eng. Der Bach zwängt sich neben die Felsen und schleift eine Rinne hinein. Das Moos wird dunkelgrün. Die Besucher laufen nun auf dem Holzweg, damit sie nicht in den Bach treten müssen.
12:08 Es regnet. Der Himmel ist blau und fast wolkenlos, doch in der Schlucht tropfen und prasseln unaufhörlich Wassertropfen von den Felswänden auf die Wanderer nieder. Wer selbst bei 0% Niederschlagswahrscheinlichkeit ein Poncho oder eine Regenjacke dabeihat, der hat alles richtig gemacht. (Für Schirme ist es zu eng.)
Drachen habe ich lediglich auf den beiden Holzschildern gesehen. Korrekt wäre der Name Moosregenschlucht.
12:09 Es wird extrem eng. Die schmalsten Stellen sind 70 Zentimeter breit. Deswegen muss der Weg jetzt über dem Bach verlaufen. Dazu wurde ein Gitter installiert, damit man darunter noch das lautstarke Rauschen des Baches hören kann.
12:12 Mit jeder Zickzackwindung des Gitterwegs werden die Felsen niedriger, bis wieder das Laubtal zum Vorschein kommt.
12:14 Das erste Drittel der Drachenschlucht habe ich durchquert. Der Rest ist versperrt, weil dort nicht hinreichend definierte Gefahren drohen. Weil sie nicht hinreichend definiert sind, schert sich niemand darum. Alle laufen unter dem Absperrband durch.
12:18 Ich steige auf einem anderen Pfad aufwärts, um mir die Schlucht von oben anzusehen. Ich erkenne allerdings nichts - zu viele Bäume.
12:55, Hohe Sonne Kurz darauf endet der Drachenschlucht-Wanderweg nach drei Kilometern. Plötzlich löst sich der Wald auf und ich stehe vor einem Schlösschen. Es ist mit einem Mal so hell, dass mich dieser Gipfel blendet. Deswegen heißt dieser Punkt auch Hohe Sonne - der Name ist perfekt. Über diesen Gipfel verläuft auch wieder mal der Rennsteig.
12:57 An einem primitiven Imbiss hole ich mir Kuchen und Cola. Eine richtige Aussicht habe ich nicht gefunden, zu viel Wald drumherum. Das macht nichts, denn später gab es davon noch genug.
14:30 Meine Schluchtentour ist abgeschlossen, ich fahre wieder aus dem Mariental heraus bis zu der Stelle, wo die Wartburgallee quasi senkrecht nach oben abzweigt.
14:45 Die Wartburgallee führt auf und ab (aber vor allem auf). Ich fahre, keuche, schiebe, fahre, schiebe.
14:52 Schließlich schließe ich das Rad an einen Baum und gehe den Rest auf einem Waldpfad.
15:01 Der Pfad teilt sich. Beide Wege scheinen zur Burg zu führen. Ich gehe spontan nach rechts.
15:06 Ich lande auf dem Parkplatz, wo schon Luther sein Auto parkte (natürlich mit falschem Kennzeichen, weil er vogelfrei war). Ich laufe zur Burg. Nebenan erhebt sich ein Hotel.
15:10 Beim Überqueren des Burggrabens stelle ich fest, dass ich auf dem anderen Pfad im Burggraben gelandet und deutlich schneller ans Ziel gekommen wäre.
15:10 Ich überquere die Zugbrücke und betrete Deutschlands zweitbeliebteste Burg (nach Neuschwanstein). Sie besteht aus einem rotbraunem und einem weißen Teil.
15:14 Ich finde die Kasse und kaufe eine Karte für die letzte Führung, denn nur so darf man den wirklich alten, rotbraunen Teil der Burg sehen. Er heißt Palas.
15:30 Die letzte Führung des Tages beginnt.
15:35 Ich stelle fest: Ich liebe die Führung, denn der Burgführer hat einen ähnlichen Sinn für Humor. Er verwendet gern Wortspiele, andere Flachwitze, unerwartete Anachronismen und Drohungen ("...wie wir in den nächsten vier bis fünf Stunden sehen werden.")
ca. 1050, Burg Giebichenstein bei Halle Ludwig der Springer, ein Graf aus Thüringen, soll hingerichtet werden, weil er bei einer Grenzstreitigkeit den sächsischen Landgrafen getötet hat. Er springt der Sa
Durch diese Sage soll der Name Springer entstanden sein. In Wahrheit ist das aber nur eine falsche Übersetzung des lateinischen Wortes salicus. Es bedeutet salier (eine ostfränkische Adelsfamilie).
1207, vielleicht in Bratislava Die kleine ungarische Prinzessin Elisabeth/Erzsébet wird geboren.
1211 Zur Vorbereitung auf die Ehe wird sie mit vier Jahren schon mal nach Thüringen geschickt. Sie wächst heran zu einem frommen Fangirl des Heiligen Franz von Assissi. Den Armen und Kranken helfen und dabei selbst arm leben, das findet sie super.
1221 Sie heiratet einen der Ludwigs von der Wartburg. Wie zur damaligen Zeit üblich, ist es eine Heirat aus Liebe - nur halt die Liebe der Eltern zu Macht und Bündnissen. Aber Elisabeth darf den Armen helfen, das ist die Hauptsache, also ist die Ehe glücklich. Elisabeth erfindet quasi das Krankenhaus, sie baut zum Beispiel mit ihrem Mann eins in Gotha.
1227 Ihr Mann stirbt auf einem Kreuzzug, obwohl er ein Friedensabkommen mit den Muslimen schließt - an einer Infektion. Daraufhin eskaliert ein Streit zwischen seiner Familie, welche die ultrafromme Witwe gar nicht mehr so toll findet, und dem einflussreichen Inquisitor Konrad von Marburg, den Elisabeth zu ihrem Beichtvater ernannt hat. Kompromiss: Elisabeth kriegt etwas Geld und Land in Marburg, den Rest kann die Familie behalten. Auch auf dem Grundstück in Marburg entsteht ein Spital.
1231, Marburg Elisabeth stirbt, weil sie zu sehr gearbeitet und gehungert hat. Man kann es auch übertreiben.
1406 Die Wartburg ist nur noch Nebenresidenz. Sie verliert an Bedeutung, die neuen Teile werden mit billigerem Fachwerk gebaut. Dennoch ist das, wofür die Wartburg heute bekannt ist, noch gar nicht passiert.
1497-1998 Martin Luther (der den Nachnamen seines Vaters aus irgendeinem Grund lieber mit th schreibt) besucht die Pfarrschule in Eisenach.
2. Klasse Meine Religionslehrerin erzählt höchst eindrucksvoll von ihrem Besuch der Lutherstube und den vielen abgekratzten Tintenflecken. Jetzt bin ich endlich mal da.
18:00 Unten in Eisenach esse ich noch etwas, bevor ich am Bahnhof die Rückfahrt antrete.
