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03 Mai 2026

Moldau: Von Nová Pec nach Vyšší Brod

II. Die Bademoldau

Die Sonne brannte, die tschechischen Familienradler schnarchten noch den Schlaf der Erschöpften, der Himmel erstrahlte in einem fast schon penetranten Blau, bei dessen Anblick die Wolken gleich wieder aufgaben. Ich nicht, denn jetzt stand nur eine gemütliche Runde um einen Stausee auf dem Plan - und viel mehr als das mache ich heute auch nicht.

Zurück am Schwarzenberger Schwemmkanal war die Strecke erst einmal sehr flach, dafür war der Kanal zum Teil nur noch eine trockenes Grasmulde, deren Form schwer auszumachen war. Schade, schließlich führt der Moldauradweg ja eigentlich nur auf diesem Abschnitt am Kanal entlang, wenn man nicht die Abzweigung zum Naturlagerplatz nimmt. Aber die Frühstückspause dort war trotzdem ganz wunderbar.

Irgendwann wollte ich aber wissen, was inzwischen aus der Moldau geworden ist. Dazu musste ich vom Kanal runter und über einige hügelige Weiden und Dörfer rüber. Normalerweise wäre das kein Problem gewesen, aber mit dem Muskelkater von gestern in den Beinen war es dann doch ein kleines Problem...chen.
Und dann tauchte er auf. Eine weitverzweigte spiegelglatte Fläche, die das penetrante Blau des Himmels zurückwarf. Das ist der Lipno-Stausee, auch bekannt als Böhmisches Meer, Böhmische Riviera oder Šumavské moře ("Šumava-Meer"). Der größte See Tschechiens ist in diesem Bereich am breitesten.

Was viele nicht wissen: Das böhmische Meer ist gar nicht rein böhmisch. Dieser kleine Ausläufer namens Rakouská zátoka (Österreichische Bucht) liegt hinter der Brücke in der hinterletzten Ecke auf österreichischem Staatsgebiet (ganz rechts). In den 50ern gelang einigen Tschechen über diesen Weg die Flucht, als das Betreten des rechten Ufers zwar schon verboten, die Grenze aber noch relativ grün war. Für alle Österreicher, die sich noch immer nicht über den Eisernen Vorhang trauen, steht eine hölzerne Aussichtsplattform an ihrem Ufer bereit.

Der Wasserstand war offenbar eher niedrig, denn immer wieder tauchten die verwitterten Stümpfe der Bäume auf, welche für diesen exorbitanten Badesee ihr Leben ließen.
Die Menschen in diesem Tal hatten schon immer Probleme mit Hochwasser. Die Idee, das durch einen Stausee zu lösen, kam schon nach der schweren Flut von 1890 auf - auch wenn das natürlich in den tiefer gelegenen Dörfern zu einer sehr dauerhaften Art von Hochwasser führen würde. Die Pläne scheiterten beim ersten Mal, weil die Bauern ihre Grundstücke nicht verkaufen wollten, beim zweiten Mal weil Hitler. Als die Kommunisten das Projekt 1958 umsetzten, war die Sache mit den Grundstücken durch die Vertreibung der Sudetendeutschen kein Problem mehr. Zum Bau musste unter anderem "Betonmilch" in den Fels injiziert und ein komplett neues Flussbett für die Moldau gebaut werden. Inzwischen stand als Zweck die Stromproduktion im Vordergrund.
Bei dem großen Hochwasser von 2002 (und 2013) konnte der See die Zerstörung dann auch nur eingeschränkt abmildern. Die Zeitungen kritisierten den Bürgermeister, der rein zufällig gleichzeitig Hafenverwalter und Staudammverwalter war, er habe nicht rechtzeitig Wasser abgelassen, damit der See genug Puffer für den Starkregen hatte. Das Umweltministerium konnte ihm aber kein Fehlverhalten nachweisen. Seitdem wird der Pegel dauerhaft etwas tiefer gehalten. 2004 wurde zusätzlich für eine Raftingmeisterschaft Wasser abgelassen, und es tauchten Gleise, ein Bahnhof und eine Flussschleife namens Moldauherz auf, die seit fast 50 Jahren versunken gewesen waren. Und genau diese Absenkung führte zufällig dazu, dass das nächste Hochwasser dann wirklich harmlos ausfiel.

Ich düste jetzt zügig auf einer geraden Straße durch einen Moos- und Nadelwald, ganz nah am Seeufer. Trotzdem blitzte das Wasser nur gelegentlich durch die Nadeln. Dörfer gibt es hier nicht, und das hat einen guten Grund. Rostige Bunkertore gucken aus dem Boden, und damit sollte dann auch klar sein, was dieser Grund war.

In der Sowjetzeit gehörten das komplette rechte Ufer und die rechte Seehälfte zum Sperrgebiet, nur wenige Dörfer durften bleiben. Im Kriegsfall sollte der See ganz schnell abgelassen werden, damit weitere Soldaten rüberkamen. Und bevor die Staumauer dem Feind in die Hände fiel, sollte sie lieber gesprengt werden.
1975 passierte hier eine besonders dreiste Flucht per Hubschrauber. Der Auftrag kam von einem DDR-Flüchtling im Westen, aber die Hauptarbeit machte der Pilot Barry Meeker - ein Mann aus dem Erzfeindesland USA. Er flog über die Grenze und den See, landete am anderen Ufer in Dolní Vltavice und holte insgesamt neun DDR-Bürger ab. Zweimal hat ihn niemand gesehen, erst beim dritten Mal waren zufällig in der Nähe des Landeplatzes Grenzsoldaten mit Bauarbeiten beschäftigt. Sie schossen. Meeker musste zwei der Flüchtlinge zurücklassen, schaffte es aber verletzt und mit beschädigtem Hubschrauber in ein österreichisches Krankenhaus.

Auf einmal tauchte am Wegesrand ein gewaltiges Banner auf: Bike Ferry 3,5 km. Und dann noch eins, als der Abzweig zur Fähre kam. Nanu, jetzt schon? Ich kontrollierte die Karte und nope, das war nicht die Fähre, die ich brauchte. Die riesigen Banner erwähnen nicht, wohin die Fähre tatsächlich fährt: Dolní Vltavice. Und dort ist die Radroute erheblich länger und verwinkelter, und deshalb wollen die meisten Radfahrer vermutlich auf der direkten Straße zur Fähre nach Frymburk, die nun auch bald kommen soll. Ich verstehe ja, dass ihr auch Touristen nach Dolní Vltavice locken wollt, aber dieses Banner grenzt an bewusste Irreführung.

In Frýdava bog ich dann ab zur richtigen Fähre nach Frymburk. Was, wieso sagt meine App, die fährt sonntags nicht? Ich befragte den ausgehängten Fahrplan und andere Menschen und musste schnell feststellen, dass die Kartenapp hier großen Unfug erzählte. Das rostige Boot fährt stündlich. Ein uralter Fahrkartenautomat hatte zwar extra ein Feld, um Münzen daran sauberzukratzen. Aber ich hatte noch keine passenden Kronenmünzen und zahlte lieber beim Fährmann. Ich verbrachte eine halbe Stunde Proteinriegel essend im Schatten eines leicht abgeranzten weißen Haltestellenhäuschens, während immer mehr Verkehrsteilnehmer aller Art angespült wurden. Besonders ins Auge fiel mir eine Österreicherin mit einem E-Bike aus Holz. Das hat ein österreichischer Hersteller erfunden. Die Vorteile: Es ist leichter und äh... es ist halt leichter.

Auch der grummelige Motorkahn, der uns letztendlich alle zusammen nach Frymburk brachte, bestand zum Teil aus Holz. Ein Schild verkündet, dass alle motorisierten Fahrzeuge zuerst rauf- und runterdürfen. In dieser Hinsicht konnte sich die tschechische Motoristen-Partei offenbar schon durchsetzen. Der Stausee hat hier eine besonders schmale Stelle, sodass die Überfahrt nur fünf Minuten dauert. Man kann übrigens auch seine eigene Extrafahrt buchen oder sein eigenes Schiff am Fähranleger zu Wasser lassen. Beides kostet laut Preistafel nur ca. 10 Euro.

Frymburk liegt auf einer Halbinsel, die wie eine Nase in die Engstelle des Stausees ragt. Statt einer Staumauer zieht sich außenrum ein Ring aus Gärten, Bänken und einem Radweg. Und Kunstwerken. Dieses hier wurde von Studenten der Kunstpädagogik aus Budějovice geschaffen, und so sieht es auch aus. Es ist eine Büste von Jára Cimrman, nachdem er mit einem Handtuch geschlagen wurde. Aha. Und der Finger deutet auf das im See versunkene Altersheim, wo Cimrman gelebt hat. Okay, und wer ist das?
Ein Blick ins Internet hilft: Jára Cimrman gibt es nicht und gleichzeitig doch. Der Universalgelehrte ist die Hauptfigur mehrerer Theaterstücke und eines Films, ein Symbol des Widerstands gegen die Sowjets und entwickelte sich zu einer Art virtuellem Nationalhelden und Internetphänomen, lange bevor es das Internet gab. Überall im Land basteln die Tschechen mit kleinen Gedenktafeln und Denkmälern an seiner fiktiven Biographie herum. Ein Asteroid und ein Skorpion sind nach ihm benannt, und in einer Umfrage wurde er zum bekanntesten Tschechen überhaupt gewählt. Aber zur allgemeinen Empörung akzeptierte die BBC das Ergebnis nicht, weil fiktive Figuren nicht erlaubt seien.
Okay, jetzt feiere ich die Skulptur doch. 

Der Marktplatz von Frymburk ist klassisch tschechisch mit Arkaden und Pestsäule ausgestattet, nur bedingt durch die Lage auf der Halbinsel etwas langgezogen. Eine schöne Abwechslung ist die Allee in der Mitte.

Ein komplett unauffälliger Seiteneingang, der total geschlossen aussah, wies mich in den Coop. Ich befand mich auch in einer Weingegend, weshalb man sich seinen eigenen Alkohol abfüllen kann.

Frymburk lag an der Handelsroute zwischen Český Krumlov und mehreren österreichischen Städten. Dadurch blieb genug Geld hängen, um 1474 die älteste Schule in Südböhmen zu bauen. Heute ist eine Pension darin, aber eine Schule hat das Städtchen bestimmt immer noch - die gibt es in Tschechien generell auch in Orten, die in Deutschland zu klein für eine eigene Schule wären.

Es wurde heißer, und ich hatte Lust, den See noch sehr viel näher kennenzulernen. Aber was Badestrände angeht, ist das schöne Frymburk leider ein völliger Flop: Die gehören alle irgendwelchen Ferienanlagen und sind hinter Schranken versperrt.
Also folgte ich der Hauptstraße in der Hoffnung, dass sich das bald ändert. Für diese Straße mussten mehrere Granitfelsen gesprengt werden, das war damals der erste Arbeitsschritt beim Bau des Stausees.

Zwischen Hauptstraße und Seeufer verläuft ein Radweg, vom Verkehrslärm abgeschirmt durch ein paar Meter Höhenunterschied und ein paar nicht gesprengte Felsen. Wunderbar, so habe ich mir das vorgestellt! Wo komme ich jetzt zum See runter?

Es dauerte nicht lange, da hatte ich einen angenehmen Strandzugang gefunden. Der steinige Zugang und das klare Wasser erinnerten mich sehr an den Hohenwarte-Stausee an der Saale, zumal mir auch diesmal beim Schwimmen genau ein Segelschiff Gesellschaft leistete. Aber wenn ich ganz ehrlich bin - die Stauseen der Saale waren dann doch etwas beeindruckender. Die Lipno-Landschaft ist eher ruhig, nach dem Wasser kommt halt Wald und fertig. Von den typischen tschechischen Felswänden keine Spur, und sogar die fernen Berggipfel der Šumava sind an dieser Stelle gar nicht mehr zu sehen.

Aber mal sehen, was es an der Moldau sonst noch zu sehen gibt. Nach einer Weile begann am Ufer die nächste Dröhnung Ferienanlagen, und zu einer davon gehört ein gelber Quader, in den ich reinging. Ich stieg Treppen rauf und runter, schlängelte mich zwischen verschiedenen Sporträumen hindurch und kam schließlich in eine längliche Halle. Während ich oben auf einer Galerie entlanglief, konnte ich im Prinzip schon den kompletten Inhalt der Halle sehen. Was eigentlich ziemlich unklug gemacht ist, denn die Kasse zum Bezahlen kommt erst danach. In Vitrinen stehen Legofiguren - von Zombie-Cheerleaderinnen über Jan Hus bis hin zu Růžová Batgirl.
Willkommen in der Czech Repubrick, einer liebenswerten Touristenfalle. Hier wurden auf engem Raum die bekanntesten tschechischen Burgen nachgebildet, darunter Burg Karlštejn, Bouzov, Hogwarts, Bezděz, Isengard, Lednice, eine Krauss-Maffei-Fabrik, der Ještěd, die Vila Tugendhat, Červená Lhota, lebensgroße Horrorfiguren aus Tim-Burton-Filmen, das Spandauer Gefängnis, die Fördertürme von Ostrava und aus irgendeinem Grund Bonn Hbf. Die Stationen zum Selberbauen erinnern sehr an die Lego-Ausstellung im Kölner Odysseum. Zufrieden schritt ich die Orte ab, von denen ich einige schon gesehen hatte oder diese Woche sehen würde.

 

Denn natürlich ist da auch einiges von der Moldau dabei, und natürlich die Hälfte davon aus Prag: Die Doppelburg von Rožmberk (im Bild), Burg Hluboká,...

...das Nationalmuseum in Prag, der Veitsdom, das Rathaus neben dem Tanzenden Haus (im Bild), die Czech Repubrick und das Atomkraftwerk Temelín. Aber ausgerechnet die nahe Staumauer von Lipno ist nicht dabei.

In manchen der Burgen reiten noch Könige und Ritter ein und aus, in anderen fotografieren bereits Lego-Touristen, manchmal sogar beides gleichzeitig auf unterschiedlichen Seiten der Burg. Einer der Touristen hat sein Fahrrad zur Burg Bezděz mitgenommen.

Weiter hinten steht ein großer Freizeitpark im amerikanischen Stil. Das eine oder andere Fahrgeschäft bewegt sich auf Knopfdruck, sogar das bizarre Kettenkarussell, das an Saurons Dunklen Turm angehängt wurde. Nur die große Holzachterbahn steht still.

Die Stausee-Hauptstadt Lipno ist viel jünger als Frymburk, und das sieht man. Zwar gab es hier schon vor dem Stausee eine Holzfällersiedlung namens Lipno, die ist aber komplett versunken. Die heutige Stadt wurde komplett für die Arbeiter beim Staudammbau und dann für den Tourismus gebaut. Immerhin sehen die Ferienwohnungen in erster Reihe an der steinernen Promenade ganz nett aus, sie haben etwas unbestimmt mediterranes. Ein niederländischer Investor hat nach der Wende einen der größten Yachthäfen in Mitteleuropa gebaut. Man darf aber nur segeln, ein Motor ist nur den Fähren, Schiffsrundfahrten und Polizeibooten gestattet. Auch hier konnte die Motoristen-Partei ihren Einfluss offenbar noch nicht geltend machen.

Und da ist sogar ein Sandstrand mit Seebrücke, und spätestens jetzt ist klar, warum der See mit einem Meer vergleichen wird. An der todschicken Brücke steht ein tiefschwarzes Restaurant auf Stelzen im Wasser. Und über der Stadt thront noch das übliche Angebot aus Skipisten, Sommerrodelbahn und Baumwipfelpfad. Aber mit der Czech Repubrick habe ich heute ja schon eines dieser touristischen Angebote wahrgenommen.

Also dann, auf zu den letzten Kilometern Stausee. Der wird jetzt noch schmaler, und schließlich endet er an einer weißen und überraschend unscheinbaren Staumauer. Die Engstelle ist optimal geeignet für eine Talsperre, weil die Moldau hier schon einen großen Teil ihrer Höhenmeter abgebaut hat, an dieser konkreten Stelle aber gerade nicht sonderlich steil fließt. Außerdem besteht der Boden aus festem Gneis und Granit.
Die Straße auf der Staumauer musste ich gar nicht benutzen, worüber ich bei dem Verkehrsaufkommen auch ganz froh war. Einfach abwarten, bis sich eine Lücke im Verkehr auftut, die Straße queren, und schon war das Böhmische Meer vorbei.

Dahinter geht es erst einmal ein paar Meter runter. Erst hier hat Lipno einen Bahnhof und ein Informationszentrum zur Staumauer. Darin gäbe es tatsächlich ein funktionsfähiges Modell der Mauer, vielleicht sogar aus Lego, es hat aber nur selten geöffnet.

Nun irrte ich durch eine staubige Landschaft aus kleinen Wiesen, Dörfern und Bahnhöfen, immer auf der Suche nach dem Radweg. Die Schilder lotsten mich schließlich auf eine provisorische Baustellenbrücke, weil das Original gerade repariert wurde. Dort begann dann ein brandneuer Radweg an der Hauptstraße... aus dem Tal raus? Mooment, jetzt sollte doch eine enge Schlucht kommen, die würde ich ungern verpassen. Ist der alte Weg denn gar nicht mehr befahrbar?
Doch, ist er. Ich folgte der Papierkarte, und sogar der Wegweiser musste schließlich widerwillig einräumen, dass man schon auch noch theoretisch die andere Variante fahren kann, aber Vorsicht, schlecht befahrbar und gefährlich, GET OF THE BIKE!

Die Moldau ist nun, wie es nach Stauseen im Gebirge üblich ist, wild, schaumig und steinig. Über den Stromschnellen erhebt sich die Čertová stěna (Teufelswand), von der durch den Wald aber nicht viel zu erkennen war. Hätte ich den neuen Radweg an der Straße genommen, hätte ich da vom Aussichtspunkt runtergucken können, aber umgekehrt durch den Wald wahrscheinlich nicht viel von der Moldau gesehen.
Früher war der Lipno-Stausee erst an dieser Stelle zu Ende. Und mit früher meine ich - im Tertiär. Da hatte der Stausee nämlich schon einen Vorläufer, und sein Wasser floss über die Donau ins Schwarze Meer ab. Dann hob sich langsam das Grenzgebirge immer weiter an, die Verbindung zur Donau wurde zu steil. Stattdessen knusperte sich der Moldausee durch die Felsen der Teufelswand durch und schuf sich einen neuen Weg in Richtung Elbe.
Die Stelle erinnert sehr an den Harz. Die Stromschnellen brausen zwar ordentlich, aber wenn ich mir die Größe der Felsbrocken so anschaue, dann sind sie sogar noch relativ zahm. Das hat einen Grund, denn das hier ist nicht das komplette Moldauwasser. Irgendwo unter meinen Füßen verlief eine fette Röhre, und über die wird das meiste Wasser aus dem Stausee abgelassen. Die Stromschnellen sind eher ein dekorativer Rest. Hier könnte ich mich bestimmt nochmal gefahrlos drin duschen, und warum nicht?
Genau das dachte sich übrigens auch Karel Knap, als er hier 1959 mit seinem Boot stand. Der Pfadfinder sagte "Es wird gehen!" und durchquerte diese Schlucht als erster mit dem Kanu. Damals war die Moldau aber auch auf das Durchflussmaximum von 30 Kubikmetern pro Sekunde aufgedreht. Knap blieb die Ausnahme, die normalen Paddeltouristen sind hier nicht unterwegs. Er wurde später Cheftrainer der tschechoslowakischen Kanumannschaften, durfte sein Team aber nicht für Wettbewerbe ins Ausland begleiten. Also reiste er gleich für immer ins Ausland und wurde Professor für Kanoistik in Köln.

Der Fahrradpfad verläuft oberhalb der Gleise, aber trotzdem mit einem guten Blick auf den Fluss. Eigentlich ist er ganz okay, es sei denn, man gelangt auf der Suche nach der Teufelswand auf den sehr steinigen Wanderpfad unter den Gleisen. Der ist dann wirklich nicht mehr fahrradtauglich.
Züge habe ich auf diesem Gleis übrigens nicht gesehen.

Bald löste sich der Wald wieder auf, aus dem Radelpfad wurde eine stille Straße. Die unterirdische Moldau-Röhre endet und vereinigt sich mit dem oberirdischen Fluss zum

Stausee Nr. 2: vodní nádrž Lipno II

Ach, stimmt. Es braucht ja immer einen kleineren Stausee untendrunter als Ausgleichsbecken. Normalerweise kommt der direkt dahinter, aber in Lipno ist er fast 10 Kilometer von der großen Staumauer entfernt. Kein Wunder, dass die Röhre gebohrt wurde! Da war der Standort direkt vor der engen Schlucht wohl doch nicht ganz optimal.
Der zweite Lipno-Stausee huschte nur so vorbei und endete an einer kleinen grauen Mauer.
Und direkt dahinter beginnt wieder ein ganz anderer Abschnitt der Moldau. 


10 August 2025

Donau: Von Bratislava nach Vrakúň

Wir verließen Bratislava auf direktem Weg über die Alte Brücke, was eine gute Idee war, auch wenn mir auf dem Weg zur Brücke eine Fahrschule abrupt in den Fahrradstreifen grätschte und dann zwei Polizeiautos darauf parkten.


Dafür waren wir ruckzuck auf dem Deichradweg am Südufer - auf der angeblich härtesten Etappe dieser Tour.
Wegen der mangelnden Einkehr- und Verpflegungsmöglichkeiten sollten Sie diese Route sorgfältig planen!, warnt der Reiseführer. Wie um seine Worte zu verhöhnen, überhäufte Bratislava die ersten Kilometer mit Imbissen am Wegesrand. Außerdem ratterte ein leeres Kiesfließband unter dem Radweg hindurch (sonst führen die Dinger immer obendrüber) zu einem Altarm der Donau.

Während die letzten hochwertigen Speckgürtelhäuser und Luxuswohnungen verschwanden, genossen wir den Luxus, zwischen zwei Radwegen wählen zu können: Dem Deichradweg und einer Art Fahrradstraße auf der anderen Seite des Grabens. Die Sonne stieg immer höher, und um uns gegen sie zur Wehr zu setzen, wechselten wir rechtzeitig auf die Fahrradstraße.

Denn direkt am Straßenrand sollte laut Google Maps ein Badesee liegen.
Lag er auch. Und was für einer!
Er heißt Rusovské Jezero (Rosa See? Rosensee? Russensee?) und hat eine tiefblaue Farbe, als käme er frisch aus den Alpen und nicht aus dem flachen Grenzland zwischen der Slowakei und Österreich. Nichts wie hinein! Sogar unser Vater sah ein, dass ihm nichts anderes übrigblieb, nachdem er sich mit einer durchgeschüttelten Kofola-Flasche bekleckert hatte.
Das Wasser ist unglaublich klar (übrigens auch in den Flüssen und Gräben), silbrige Fische wuseln über dem steinigen Grund mit 1,5 Meter Sicherheitsabstand zu menschlichen Füßen herum. Wir schwammen hinaus und steuerten eine Insel an. Doch kurz vor dem Ziel, wir konnten bereits wieder stehen, richtete sich hinter einer Palisade aus geflochtenen Zweigen eine Slowakin auf und rief "Nuda, nuda!" Eine kleine Gemeinschaft scheint die Insel zu einem FKK-Resort ausgebaut zu haben. Da uns nicht der Sinn danach stand, die Badehosen auf den letzten Metern auszuziehen und dann durch die Gegend zu tragen, kehrten wir um.
Ein anderer Anziehungspunkt ist dieser Baum, an dem sich bereits ein paar teils mutige, teils zögerliche slowakische Kinder angestellt hatten. Das Wasser wird rasch tief, deshalb bietet er Möglichkeiten für mehrere Mutproben.
Level 1: Vom seitlichen Ast springen.
Level 2: Ganz weit raufklettern und das Seil der Schaukel herbeiziehen, dann wieder ein Stück runter und sich daran seitlich in den See schwingen.
Level 3: Wie Level 2, nur dass dabei eine Wespe auf dir herumkrabbelt.

Die Donau verbarg sich immerfort hinter Bäumen. Kleine Betonpyramiden wiesen darauf hin, dass wir uns noch immer im Grenzgebiet des ehemaligen Eisernen Vorhangs befanden und die österreichischen, ungarischen oder sonstigen Panzer nicht auf dumme Ideen kommen sollten, denn diese Teile machen bestimmt mehr als einen platten Reifen.
Kurz darauf bogen wir bei Čunčovo links ab. Wären wir geradeaus weitergefahren, wären wir kurz darauf in Ungarn gelandet. Nur ein kurzes Stück weiter rechts, hinter der Autobahn, liegt das Dreiländereck Österreich/Slowakei/Ungarn. Dadurch ist Bratislava die einzige Hauptstadt auf diesem Planeten, die an zwei andere Staaten grenzt. Die ungarische Variante des Donauradwegs geht hier weiter durch die Städte mit den wunderbaren Namen Mosonmagyaróvár und Győr.

Wir haben uns aber aus verschiedenen Gründen entschieden, auf der slowakischen Seite weiterzufahren. Und das heißt, wir müssen jetzt zu einem Stausee. Es ist der größte der gesamten Donau und einer der merkwürdigsten, die ich je gesehen habe.
Die erste Staumauer hat die Aufgabe, ein bisschen Donau auszusortieren, das mehr oder weniger naturbelassen weiterfließen (und vorher ein bisschen Strom produzieren) soll, und den Rest schon mal kräftig anzustauen.
Als erstes fuhren wir über die ganz schmale Mosoni-Duna (Kleine Donau), die rein nach Ungarn und manchmal kurz am ungarischen Donauradweg fließt, wobei sie sich noch weiter aufteilt. Im Vergleich zum Rest ist sie aber wirklich eine Mini-Donau.

Als zweites holperten wir auf kleinen Blechplatten über sehr großen Blechplatten dahin. (Die Mutter bestand darauf, diesen schmalen Fußweg zu benutzen statt die stark befahrene Straße.) Unter uns rieselte und rauschte etwas Wasser auf die andere Seite und sammelte sich im alten Flussbett der Donau, das auch in heutigen Landkarten einfach Donau heißt.

Viel wilder ist das Wasser an diesem Rafting-Parcour für Paddler, das letztlich auch im alten Donau-Flussbett landet. (Auch anderswo waren Slowaken gerade dabei, ihre Schlauchboote vom Auto zu holen.)
Die weiten Auen und Arme dieser Donau waren die Heimat der Seeadler, Großtrappen und anderer seltener Arten. Aber sie bereiteten den Menschen auch viel Kummer, vor allem 1965, als das größte Hochwasser jemals die Slowakei heimsuchte. 1977 schlossen die sozialistischen Bruderstaaten Ungarn und die Tschechoslowakei einen Vertrag über den Bau des Wasserkraftwerks, und trotz großer Proteste ging es los mit der Zerstörung einer einzigartigen Auenlandschaft. Weil das meiste auf slowakischer Seite liegen sollte, sollte Ungarn auch ein paar komplett slowakische Bauwerke bezahlen, aber der Strom sollte Hälfte-Hälfte aufgeteilt werden. Doch 1989 wurde der Umweltschutz in Ungarn ein viel größeres Thema. Die neue Regierung ließ die ökologischen Folgen genauer untersuchen und stoppte die Bauarbeiten einfach, ohne ihre Gründe zu verraten - Streit, erfolglose Verhandlungen, und sogar der Internationale Gerichtshof in Den Haag musste entscheiden, dass der sozialistische Vertrag von 1977 rechtmäßig war.

An der Spitze des Stauwehrs steht das Meulensteen Danubiana Art Museum. Ein Name, der in unserer Gruppe große Vorfreude und Erwartungen weckte.
Erwartungen wir: "Prima, da gibt es bestimmt ein Café und ein Klo."
Gab es nicht, zumindest für niemanden, der nicht erst einmal den Eintritt bezahlt. Durch den Zaun erspähte ich dieses Kunstwerk, das auf Englisch schlicht Transformation heißt, auf Slowakisch dagegen so viel wie... Erstes Selbstportrait? Okay, was sagt man zu einem Künstler, der sich selbst so wahrnimmt? Glückwunsch zur erfolgreichen Diät?
Zumindest gab es im Foyer den letzten kühlen Moment.

Und dann: Das hier.
Die Slowakei hat sichergestellt, dass 97,5 Prozent des Donauwassers auf ihrer Seite bleiben. Damit auch Platz dafür ist, hat sie 150 Kubikmeter Naturlandschaft weggebaggert. Das Ergebnis ist eine endlose Fläche namens Vodné Dielo Gabčikovo, durchsetzt mit kleinen Grasinseln und... Moment, sind das da hinten Schiffswracks?
Eine der größten Auswirkungen auf die Natur scheint zu sein, dass a) das Wasser auf einmal eine trübe dümpelnde Suppe mit Algeninseln ist und b) nur noch weiße Vögel überleben, von denen aber echt viele in allen Größen. Das Ufer besteht aus Asphalt oder Betonplatten, die unter dem Unkraut manchmal kaum zu erkennen sind. Was für ein komisches Gewässer.
Wir gewährten einem Fahrzeug vom Water Management Vorfahrt, dann bogen wir ein auf einen der monotonsten Abschnitte des Donauradwegs. Und kamen dort richtig, richtig fix voran. Ausgerechnet auf der längsten Etappe bekam ich das Gefühl, dass wir uns endlich eingegroovt hatten.
Wir hatten genug Verpflegung, waren noch erfrischt vom Badesee, der auf diesem Abschnitt gefürchtete Gegenwind hielt sich sehr in Grenzen, und alles war asphaltiert.
Nur ein Problem gab es: Schatten. Denn Schatten gibt es auf dieser Strecke ungefähr so häufig wie Pride-Paraden in Afghanistan. Was zu abenteuerlichen Kopfbedeckungen mit nassen Lappen und schützenden Handtüchern führte, sodass ich eine Weile in Begleitung von Deichscheichen dahinradelte. Es gibt zwar Bäume auf diesem Streifen Land, aber sie sind einfach zu weit weg!

Wir erinnern uns: Nebenan ist ja immer noch die Donau, also das alte Flussbett, das gar nicht mal so schmal ist. Sie ist jetzt die Grenze. Obwohl wir genau zwischen den Strömen fuhren, war diese Donau sehr schüchtern. Und so war das erste, was ich in meinem Leben von Ungarn sah, ein paar äußerst zaghafte Baumspitzen hinter slowakischen Bäumen.
Um mehr von Ungarn (das heißt, komplette Bäume) zu sehen, musste ich den Deich runter, die Straße überqueren und einem Waldweg folgen. Auch an diesem kurzen Erdstrand hatte sich bereits eine Familie zum Baden niedergelassen.

Nur ganz kurz ist diese Grenzdonau auch vom Radweg aus zu sehen, dort beginnt sie sich zu teilen, wobei ein Arm auch gleich von einem kleineren Wehr gestaut wird. Aber immerhin haben wir dank der ungarischen Umweltschützer der Wendezeit eine grobe Ahnung, wie die Donauauen in der Kleinen Ungarischen Tiefebene damals wohl überall ausgesehen haben.

Allmählich normalisiert sich die Landschaft ein bisschen, der Stausee verjüngt sich zum Privodný kanál, und die Donau lässt Platz für slowakische Dörfer, jedes mit einer silbernen Kugel auf einem Mast. Damit die auch irgendwie von der restlichen Slowakei aus gut erreichbar sind, pendelt eine Fähre nach drüben. Ein paar Autos standen an, doch der Fährmann war zunächst damit beschäftigt, sein modernes Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen.

Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als über die Straße in den Schatten der Bäume zu fliehen. Dort kamen wir in Berührung mit der slowakischen Insektenwelt, die, ohne dass wir jetzt alle Arten bestimmen können, schon irgendwie anders aussieht. Neben einer ganz grünen Gottesanbeterin umfasst sie viele kleine graue hüpfende Dreiecke.
Das Gras in der prallen Sonne war übrigens grün und saftig, es hatte wohl vom Regen der letzten Wochen gut getankt und profitierte auch von der Flussnähe.

An der Fähre stießen wir auf ein vergilbtes Schild.
Kotva Bufet, Ankerbuffet, 5 km? Mit großer Skepsis folgten wir dem Schild weiter den Deich entlang, dann runter auf einen alternativen Radweg am Waldrand (immer noch kaum Schatten), und schließlich rein ins nächste Dorf und... oho! Da ist es wieder, das paradiesische Blau von heute Morgen. Das Šulianské Jezero wurde bereits eifrig zum Baden genutzt, zum Springen gab es einen hohen Steg. Eine Familie plantschte liebevoll mit ihren Kindern, nur das behinderte Mädchen blieb an Land und sah von seinem Wagen aus zu. Zum Schwimmen war der See fast so herrlich wie der erste, abgesehen von einem einzigen scharfen Metallstück am Grund und der Tatsache, dass irgendwann Bojen den Badebereich begrenzten.
Und das "Buffet"? War natürlich ein Imbiss mit Holzbänken (diesmal abgedeckt mit Folie gegen tropfende Badegäste). Inzwischen war auch ich vom Englischen ins Tschechische gewechselt, und es funktionierte problemlos. Die Slowaken, die sich einst von einem fehlenden Bindestrich getriggert fühlten, sehen es nicht als Zeichen von tschechischem Zentrismus, wenn man ganz selbstverständlich auf Tschechisch bestellt und erwartet, dass es jeder versteht.

Endlich, endlich erschien am Horizont ein rostrotes Dreieck, welches das Ende der Strecke verkündete. Wir radelten abermals auf der Hauptstraße über eine Staumauer. Die Mauer von Gabčikovo hat acht Kaplan-Turbinen und macht aus dem aufgestauten Donauwasser Strom. Dabei ist die Mauer in der heutigen Form nur eine Notlösung, nachdem die Ungarn ausgestiegen waren - eigentlich waren mehr Turbinen auf ungarischer Seite geplant.

Damit sich die Menschen das Bauwerk ansehen können, wurde direkt unter das rostrote Kontrollgebäude eine Aussichtsplattform in derselben dreieckigen Form gebaut. Sehr schön, dass habe ich so noch nicht gesehen. Und über der Seite, wo das Wasser abfließt, ragt zusätzlich ein Glasbalkon in die Donau. Ich bin schon abgehärtet vom Arnhemer Kirchturm am Rhein, aber trotzdem... aiaiai, das geht tief runter, und wenn ich da unten lande, sind die Strömungen bestimmt richtig fies.

Durch zwei Schleusenkammern passieren die Schiffe das Bauwerk. Angeblich sind es jedes Jahr 15 000 Schiffe und 6 Millionen Tonnen Güter, die hier durchtuckern.
Ich habe da meine Zweifel, ob diese Zahlen noch aktuell sind. Obwohl wir heute die Donau fast die ganze Zeit im Blick hatten, war die Anzahl der Lastschiffe, die wir gesehen haben, Trommelwirbel:
3.
Sogar bei den Flusskreuzfahrtschiffen gab es eins mehr.
Was ist los mit der Wasserstraße? Wasser schien sie genug zu geben, doch angesichts der ständigen Unsicherheit mit Niedrigwasser haben sich vielleicht mehr Unternehmen auf den Landweg zurückgezogen. Obwohl der Rhein ja schlimmeres Niedrigwasser zu haben schien, und dort ist trotzdem noch viel mehr Schiffsverkehr.

Das reicht für heute,  das waren schon deutlich über 50 Kilometer. Aber wohin nun? Direkt am Wehr stehen ein paar verfallene Bungalows, die laut Onlinebewertungen total heruntergekommen sind und in denen man sich nicht waschen kann. Üblich und unvermeidlich ist es daher, der Hauptstraße bis in die Stadt Gabčikovo hinein zu folgen. Aber selbst dort hatten wir nichts gefunden. Nein, die nächste freie Übernachtung gab es erst im Dorf hinter Gabčikovo namens Vrakúň, 10 Kilometer vom Ufer entfernt. So einen weiten Umweg nur zum Schlafen haben wir noch nie zuvor gemacht. Immerhin mussten wir nicht die Straße nehmen, es gab auch eine Route über Feld- und Radwege.
Ohne Schatten, versteht sich.
Noch weiter hinten liegt übrigens die Stadt Dunajská Streda, also Donau-Mittwoch, oder eher Donau-Mitte. Hä, das ist doch total weitab von der Donau? Nicht ganz, hinter Dunajská Streda gibt es noch die Malý Dunaj, die slowakische Kleine Donau, die sich schon bei Bratislava abgespalten hat. Auch die Stauwehranlage kann nicht ganz verhindern, dass die Donau nach wie vor ein weitverzweigtes Binnendelta hat. Manche sehen die Große Schüttinsel, auf der wir gerade fahren, als die größte Flussinsel Europas an. Inselflair kommt aber nicht auf.

Auch nicht in Vrakúň. Die kurz gemähten und gesprengten Rasenflächen hinter abweisenden Mauern deuten darauf hin, dass es sich eher um ein wohlhabendes Dorf handelt. "Die bauen erstmal ne Mauer und überlegen dann, was reinkommt.", beschrieb unser Vater den Baustil.
Nur unser Hotel fällt da ein bisschen aus der Reihe. Das erkannten wir nicht nur daran, dass der Rasen einen Tacken höher wuchs. Sondern vor allem, weil über den Parkplatz ein brauner Hase hoppelte, welcher sich an besagtem Rasen gütlich tat. Zum Streicheln war er leider zu schüchtern.

Ganz anders dieses Kätzchen, das beim Frühstück um die Tische strich und um Streicheleinheiten bettelte. Leider war es in der Nacht offenbar in eine Wanne voll Klebstoff gefallen und hatte sich anschließend in einer Wiese gewälzt. Der Schwanz klebte am linken Hinterbein, es konnte nur ungeschickt durch die Gegend taumeln, und niemand wollte es in diesem klebrigen Zustand während des Frühstücks berühren.

Unsere Fahrräder übernachten in der Speisekammer zwischen Bierfässern und Kühltruhen. Damit sie auch genügend Platz haben, hauten wir abends im Restaurant kräftig rein.

17 Juni 2023

Inselsee

Inselsee & Sumpfsee
Zwischen den Zitrusringen - Wen man straflos stalken darf - Eine Insel mit zwei Zäunen - So erziehen Sie Ihr Kind zu einem guten Sklaven - Der spontane See und seine Bewohner - Wahl ohne Qual - Ehre sei dem Kaffee und dem Tee und der heiligen Milch - Blutspende am Ende - Rasender Radler, Versteckter Schwimmer und andere Partizipien

Die Sonne scheint, ich besuche meine Familie, das heißt: Zeit für eine Mecklenburger Seentour! Wo darf es hingehen, welche fehlen uns noch? Der Malchiner See? Die Feldberger Seen? Ach nö, wir sind alle bisschen spät aufgestanden und die sind so weit weg und bei den Benzinpreisen... machen wir einfach entspannt den kleinen Güstrower Inselsee.

Der Mühlengraben erinnerte mich an die Wasserläufe von Bützow, die aber keine so netten Radwege haben. Er verbindet die Stadt Güstrow mit ihrem See, an seinem Ufer verläuft auch der Radweg Berlin-Kopenhagen. Wir starteten in der Nähe des Wildparks auf einen Kiesweg. Sofort stellten wir fest: Dieser See ist reich an Gräben und hölzernen Bootshäusern.

Ein gelber Ring aus Raps umschließt den See. Irgendwo dahinter sind manchmal die Güstrower Kirchtürme zu erkennen.
Und in diesem Rapsring befindet sich ein schmaler, zugewachsener Buschring. Diese Büsche und der See bilden ein Natura-2000-Gebiet, weil da unterschiedliche Arten von Wiesen und Mooren drinstecken.

Was uns nur recht ist, solange wir in diesem grünen Ring fahren können. Und das können wir. Zwar nur auf schmalen Pfaden, dafür aber gleich auf mehreren. Die sich nach wenigen Metern aber wieder vereinigen.

Manche Familien schaffen es sogar, ihr Auto in den grünen Ring reinzuquetschen - wie auch immer das möglich ist.

Andere mögen es rustikaler und campen lieber - auch dabei stoßen sie auf gewisse Schwierigkeiten.

Boah, ist das heiß. Zeit für die erste Badepause. Der See ist mit dicht bewachsen, aber wie üblich hat der Röhricht Lücken, in denen sich eine traditionelle Mecklenburger Badestelle verbirgt: Eine Kante mit Erde, über die man ins Wasser watet, um dann zwischen dem Schilf rauszuschwimmen.
Der Inselsee hat einen angenehmen Boden und wird recht schnell tief. Man kann bis zu drei Meter tief sehen, erklärt ein Schild, was wohl heißt, dass er noch deutlich tiefer sein muss. Da unten lebt die seltene Armleuchteralge. Der Inselseebewohner schlechthin ist aber, soweit ich das beurteilen kann, die Libelle. Überall wirbelten die blauen Geschöpfe über dem Schilf dahin, wechselten von der einen auf die andere Seite, flohen vor dem polternd-platschenden Menschen. Manche hatten sich zu romantischen Zwecken direkt hintereinander auf ein Blatt gesetzt. Andere Libellen waren noch Single und guckten in den Röhricht.
Wo ist eigentlich meine wasserfeste Handyhülle? Nein, für gute Fotos bin ich zu laut und die Insekten zu scheu.

Soo, nun heiß der See ja Inselsee. Wo ist denn jetzt die Insel? Ich erinnere mich vage, wie ich in jungen Jahren einmal über die Güstrower Insel gelaufen bin - da ich gerade erst Jim Knopf gelesen hatte, fand ich es klasse, auch mal auf einer echten Insel von Lummerland-Größe zu sein. Selbst, wenn sie jetzt nicht im engeren Sinne im großen weiten Meer lag und auch keine so gut ausgebauten (beziehungsweise überhaupt keine) öffentlichen Verkehrsmittel hatte.
Die Insel heißt Schöninsel und beinhaltet einen alten slawischen Burgwall. Was wir hier sahen, war jedoch weniger schön.

Die Brücke war verrammelt und verriegelt. Warum, ist auch deutlich zu erkennen: An einigen Stellen sind die Bretter schon durchgebrochen. Das verschlossene Tor sich war nicht das Problem, denn jeder mit ein bisschen Gleichgewichtssinn konnte das Tor ganz easy an der Seite umgehen und den Bruchstellen ausweichen. Aber auch auf der Insel folgt nach wenigen Metern das nächste Tor, und irgendwo dahinter liegt das abgeschottete Haus von König Alfons, der ganz offensichtlich dringend möchte, dass sich alle von seiner Privatinsel verpissen - aber dann doch nicht so dringend, dass er deswegen Geld ausgeben würde, um die Schwachstelle seiner Verteidigungsanlagen zu beheben. Diese Insel wirft viele Fragen auf. Gibt es noch andere Schleichwege zu zugänglichen Teilen der Insel? Manche sagen ja, die Karte sagt nein, wir haben jedenfalls keine gefunden.
Ich war der einige, der sich die paar Schritte auf die Insel wagte. Auf der Brücke und auf dem Bootssteg direkt direkt daneben hatten sich jedoch eine Menge Menschen angefunden, die ungerührt angelten und ihr Bier tranken.
Die Familie am Ufer war bereits zu härteren Drogen übergegangen.
"Zigarette!", befahl der Vater.
"Muss ich erst drehen", entgegnete der Zehnjährige und sprang dienstbeflissen auf.
Hach, Güstrow, diese Stadt kann einem richtig ans Herz wachsen. Wie ein Tumor.

"Die Tour um den Inselsee ist so kurz, wollen wir nicht noch einen anderen machen?", schlug unser nichtrauchender Vater vor, während er die Kartenapp studierte. "Da hinten ist der, äh... Sumpfsee."
Klingt einladend, und das mit der kurzen Strecke ist völlig richtig, ich bin dabei! Wir kreuzten uns zwischen einer Tankstelle und dem schneeweißen Güstrower Ligusterweg hindurch - und fanden uns auf einer kahlen braunen Einöde wieder. Der Sumpfsee könnte auch Ackersee heißen. Ach, da hinten ist er ja endlich.

Als wir in den neuen Grüngürtel eintauchten, wurde der Sumpfsee seinem Namen doch noch gerecht: Das Wasser breitete sich bis über den Weg aus.

Der Sumpfsee wird vorwiegend von Schnecken bewohnt. Während die Schneckenhäuser an Land aktuell leerstehen (eine Schande bei der Situation auf dem Wohnungsmarkt), sind die schwarzen Seeschnecken quicklebendig.

Auf den Sumpf folgt der Sand: In brütender Hitze schleppten wir uns durch die Dünen am Waldesrand. Diesen Weg fanden wir nicht besonders schaf.

Wer näher am See bleiben will, muss an den Windrädern links abbiegen. Dieser Sandweg sieht aber nicht viel besser aus. Nein danke, wir nehmen die leichtere Variante.

Die Bauern in Bülow sind aktuell möglicherweise besser ausgerüstet als die Bundeswehr.

Wir bogen vom Bundesstraßenradweg ab nach Ganschow. Das Dorf ist bekannt für seine Pferderennen und landwirtschaftlichen Messen. Aber wir müssen die Gestüte wohl irgendwie umfahren haben, denn alles, was wir sahen, waren Ziegen in allen Farbschattierungen. Außer Gelb, die Farbe übernahmen stattdessen die Fachwerkhäuschen.

Mit unserer Mutter unterwegs zu sein, heißt, unterwegs mindestens eine Kirche mit Friedhof zu besichtigen. Ist ja auch oft das einzige, was die Dörfer zum Besichtigen haben.
Ein schattiges, leeres Sträßchen brachte uns nach Lohmen. Dort empfing uns die Dorfkirche mit offenen Türen (also quasi, eigentlich mussten wir sie selbst öffnen). Sie besteht wie die meisten Mecklenburger Dorfkirchen aus Feldsteinen aus dem 13. Jahrhundert. Und wie viele Mecklenburger Dorfkirchen hat sie später einen Fachwerkturm bekommen, als die Menschen herausfanden, dass runde Steine superviel Mörtel verbrauchen und eventuell gar nicht mal das allerbeste Baumaterial darstellen.

Da führt eine Treppe hoch - ob man da auf den Turm kommt? Nee, erstmal nur zur Empore. Wer noch höher will, muss die gut getarnte Falltür (im linken Bild oben rechts) aufkriegen und da irgendwie hochkommen. Ui, das ist ja sogar noch abenteuerlicher als der Göttinger Jacobikirchturm, nee danke.
Dann fiel uns etwas Seltsames auf. Wo eigentlich die Orgel stehen sollte, befindet sich nun eine Teeküche. Natürlich ist Tee etwas Wunderbares, aber ob das Brodeln und Klicken eine Wasserkochers wirklich Orgelmusik ersetzen kann? Natürlich nicht. Die Lütkemüller-Orgel wurde nach unten verschoben, als man sie zum neuen Jahrtausend renoviert hat. (Mit neuem Jahrtausend meine ich natürlich das Jahr 2000. Im Jahr 1000 sollte es noch 890 Jahre dauern, bis die Orgel überhaupt existierte.) Wahrscheinlich kommen nicht mehr soo viele Besucher in die Kirche, sodass unten genug Platz ist und niemand mehr auf der Empore sitzt - warum sollte man also unnötigen Abstand zwischen die Menschen und die Musik bringen?

Zurück an der Bundesstraße erwarteten uns die größten Hügel der Strecke, aber der Asphalt machte sie trotzdem viel einfacher als die Sandhügel vorhin. Ab und zu funkelt hinter den Kuhweiden der blaue Inselsee.

Kurz vor dem Ziel erwartet uns der Uitkiek. Das ist der einige Aussichtsturm am Inselsee. Genau genommen steht er nicht mal wirklich am Inselsee, sondern ein Stückchen entfernt im Wald. Das ist einerseits toll, denn oben auf dem Berg und nach vier Metalltreppen, reicht der Blick ziemlich weit, deutlich über den See hinaus zur Güstrower Skyline. (In die andere Richtung dagegen endet der Blick nach wenigen Metern an einer grünen Nadelwand.)
Doch wer sich diesen Blick sehen will, muss dafür bezahlen. Nicht mit Geld, der Uitkiek ist gratis. Stattdessen war anscheinend Lord Voldemort da, hat hier einen Horkrux verbuddelt und eine (wie Dumbledore sagen würde, primitive) Bezahlschranke installiert. Der Preis wird in Blut bezahlt. Zuständig sind hierfür die Mücken. Sie ließen mich zunächst gutgläubig in ihr Refugium radeln. Doch sobald ich länger als 0,3 Sekunden am selben Ort stehenblieb, kam der Schwarm von allen Seiten und fiel gierig über mich her wie ein Finanzamt auf Ecstasy. Ich rannte um mein, naja, nicht mein Leben, aber um mein wertvolles Gruppe-Null-Blut.

Damit wären wir im spaßigen Stadtviertel Güstrow-Schabernack angekommen. Statt an der Straße radeln wir hier an einer Pferdekoppel und dann am Seeufer. Hier stoßen wir auch wieder auf den Radfernweg Berlin-Kopenhagen, der in Richtung Krakow abzweigt.
Der wohl berühmteste Güstrower ist der Bildhauer Ernst Barlach. Er hämmerte und goss ausdrucksstarke Skulpturen im Partizip I: Lesender Klosterschüler, Lachende Alte und natürlich, am bekanntesten, Der Schwebende. Letzterer hängt an der Decke des Güstrower Doms ab, die meisten Werke jedoch verbergen sich in einer modernen Galerie aus Efeu und Beton, direkt am Seeufer in Schabernack. Während meiner allerersten Klassenfahrt marschierten wir alle brav ungefähr 129 Kilometer vom Reisebus bis hierher, um uns Ernst Barlachs große und kleine Gestalten erklären zu lassen. Die Führung war sogar einigermaßen kindgerecht, obwohl die meisten Figuren etwas Düsteres, oder naja, zumindest Melancholisches haben. Auf jeden Fall passen sie sehr gut zum Vornamen des Künstlers und sehr schlecht zum Namen des Stadtteils.

Dahinter war es Zeit für das letzte Bad des Tages. Die größte Badestelle am See ist ausgestattet mit einem Steg und einer Schwimminsel. Nanu, ist da unterm Steg etwa ein Hohlraum? Wir tauchten hinein und stellten fest: In diesem Versteck kann man sogar atmen. Ideal zum Versteckenspielen, als Fluchtort vor den Eltern, die loswollen, oder für tragische Badeunfälle.
Am Imbiss ergatterten wir noch die letzte Currywurst des Tages, die uns Treibstoff für die letzten Meter bis zum Parkplatz lieferte.