13 September 2026

Kinzig: Von Sterbfritz nach Hanau

Es war einmal ein Reitersmann, der kehrte nach langem Kriege zurück mit seinem Gaule, der ihm treu gedient hatte. Das Pferd war alt und schwach, darum führte er es am Zügel. Als er im Kinzigtal über den Distelrasen steigen wollte, da sträubte sich das matte Rößlein und ging nicht mehr vom Fleck. Da nahm ihm der brave Soldat auch noch den Mantelsack vom Rücken und rief ihm zu: "Komm Fritz! Komm Fritz!"

Mit letzter Kraft gelangten sie an die Quelle, wo das Wasser der Kinzig eifrig aus einem Rohr in der Mauer sprudelte in ein Bachbett, in dem bis dahin nur ein träger Wasserfilm lag. Aber dort gingen dem Tier die Kräfte dann vollends aus. Es stürzte nieder und kam nicht mehr auf die Beine. Da streichelte ihm sein Herr den Hals, schaute ihm in die Augen und sagte "Sterb Fritz! Kannst doch nicht mehr weiter, armer Kerl." Und das treue Rößlein streckte sich und starb. Vom Zuruf des Reiters haben zwei Dörfer ihre Namen bekommen: Gomfritz und Sterbfritz (ganz in der Nähe von Vollmerz).

Nur wenige Meter das Tal hinunter enden die Felder, und die Häuser von Sterbfritz beginnen. Es war Jahrhunderte später im Jahr 1992, als die Menschen beschlossen, in diesem Tale Hessens längstes Straßenfest zu veranstalten, das da hieß Kinzigtal total. Und es war 34 Jahre später, als der Tag des Festes erneut anbrach. Die Besucherzahl war auf die Hälfte gesunken, die Sonderzüge der Bahn fuhren nicht mehr und wurden auch nicht benötigt, das Wetter war schlecht, im letzten Jahr war das Fest wegen der Terroranschläge gar ganz ausgefallen. Und die Veranstalter plagte noch eine andere Sorge: Wenn wir Sterbfritz in die Broschüre schreiben, riskieren wir dann eine Strafanzeige des Bundeskanzlers? So benutzten sie zur Sicherheit immer nur den Namen der übergeordneten Gemeinde Sinntal, auch wenn das Fest nun gerade nicht im Sinntal stattfand.

Es war einmal ein Mannheimer Erfinder namens Karl Drais, der erfand eine Laufmaschine, die sich nicht durchsetzte (vorne rechts). 50 Jahre später tauchte die Idee in England und Frankreich wieder auf, gefördert durch den Gedankenaustausch in Fachzeitschriften. Leonardo da Vinci und Karl Drais hatten die richtige Idee zur falschen Zeit gehabt. Aber diesmal kam sie genau zur richtigen Zeit: Das gehobene Bürgertum war sportaffin, durch das Rollschuhlaufen geübt im Balancieren und durch die Industrialisierung ein Fan von allem, was irgendwie neu und technisch war.
Wahrscheinlich war es der Wagenschmied Pierre Michaux, der in den 1860ern in Paris zum ersten Mal ein Tretkurbelvelociped auf den Markt brachte (vorne links). Es hatte Pedale, die aber direkt am Vorderrad steckten: Einmal treten entspricht genau einer Radumdrehung. Ketten gab es noch nicht, Gummireifen dagegen schon (aber ohne Luft drin).

Wenn einmal treten eine Umdrehung ist, wie macht man die Dinger dann schneller? Logisch: Die Räder größer machen! Englische Männer übernahmen die Führung in der Fahrradentwicklung und rasten mit Hochrädern um die Wette. Und das extreme Verletzungsrisiko? Ach was, no risk, no fun!
Eigentlich waren auch schon sichere Niederräder erfunden, die statt größerer Räder eine Kette benutzten. Aber die Hochrad-Machos verachteten sie als unmännliche "Kriecher". Zum Umdenken brachte sie nicht die höhere Sicherheit, sondern erst ein Niederrad-Rennen, bei dem alle 14 Teilnehmer die Bestzeit vom letzten Hochradrennen überboten.

Auch dann war noch ein weiter Weg, bis für die Nachfahren des Tretkurbelvelocipeds ein eigenes 60 Kilometer langes Volksfest veranstaltet werden sollte, auf dem dann die Urahnen der Fahrräder in einer mobilen Ausstellung des Deutschen Fahrradmuseums in Sterbfritz präsentiert werden. Dazwischen entstanden noch allerhand haarsträubende Konstruktionen, die zunächst auf der Suche nach der Gangschaltung waren. Zum Beispiel dieses Ding mit vier Gängen, bei dem man die Pedale nicht dreht, sondern in einer verwirrenden Pumpbewegung ständig rauf- und runterdrückt, wobei sich auch der Sattel eifrig mitbewegt (links). Dieses Rad konnte auf einem Parcours ausprobiert werden, zusammen mit einem "Nebeneinandem" (rechts) und einem etwa knöchelhohen Minifahrrad. Das Hochrad war noch abgeschlossen und wurde wohl nur auf besonderen Wunsch freigegeben, vermutlich zu recht. Das Mini-Hochrad daneben ließ sich gut fahren, aber dort konnte man sich ja auch jederzeit mit den Beinen am Boden abstützen. Eine besonderer Meilenstein der Fahrradgeschichte ist schließlich das "Malfahrrad", in dem die Pedale eine Farb-Zentrifuge vor dem Lenker bewegen und so auf einem Papier ein rundes, buntes Gespritze erzeugen. Leider war es um diese Uhrzeit noch nicht mit Farben bestückt.

Aber nun, liebe Gemeinde, lasst uns innehalten. Ich begrüße Sie ganz herzlich zum Gottesdienst am Fahrradsonntag in der Tankstelle. Es ist das erste Mal, dass in Sterbfritz zwischen Zapfsäule und Luftdruckmessgerät gepredigt wird, herzlichen Dank an die Betreiberfamilie, die das so spontan ermöglicht hat, auch wenn ich gleich Witze darüber machen werde, wie teuer dort alles ist. Mit ein paar Bierbänken und einem improvisierten Altar mit Kreuz haben wir das passende Ambiente geschaffen, nur auf Kerzen haben wir lieber verzichtet.

Wir haben heute ein gemischtes Publikum aus den Gottesdienstbesuchern der Kirchgemeinde und spontan angehaltenen Radfahrern, von denen nicht alle einen engen Bezug zur Kirche haben. Daher sind wir bei der Gestaltung des Gottesdienstes einen Kompromiss eingegangen. Die Band spielt rein weltliche Lieder wie Country Roads (weil Sie ja heute über Landstraßen fahren, verstehen Sie) und Freiheit von Marius Müller-Westernhagen. Dazwischen hingegen gibt es dramatische Bibeltexte darüber, wie Gott seine Feinde zu Staub vernichtet, damit Sie nicht denken, wir Protestanten seien völlig weichgespült.

Liebe Gemeinde, normalerweise ist eine Tankstelle ein Ort der Hektik, aber heute wird sie wirklich einmal ein Ort zum Auftanken. Bei vielen von uns blinkt zur Zeit die gelbe Reservelampe. Mit dem E-Bike erkennt man leicht auf dem Display, wann die Batterie leer ist, mit dem Fahrrad muss man selbst darauf achten. Aber welchen Kraftstoff sollen wir tanken?
Der ursprüngliche Kraftstoff war die Quelle im Garten Eden. Diese haben die Menschen jedoch verlassen, so wie Sie heute unsere Kinzigquelle verlassen haben. Seitdem versuchen die Menschen, ihre Tanks selbst zu füllen. Positives Denken reicht dafür aber nicht, der einzige erlaubte Kraftstoff ist die Gnade Christi.

Und nun zum Abendmahl, das ebenfalls an unsere Radfahrer angepasst ist. Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten war, nahm er die Dextro Energys, dankte und brach sie und sprach: Nehmet hin und esst, denn dieser Traubenzucker ist mein Leib, der für euch gegeben wird.

Desgleichen nahm er einige Kilometer weiter auch die Trinkflasche, dankte und füllte sie und sprach: Nehmet hin und trinkt aus dieser seltsamen Schnabelflasche für Erwachsene, denn dieses Mineralwasser ist mein Blut, das für euch vergossen wird. Möchtet ihr still, medium oder mit Sprudel?

Und die Radfahrer fuhren dankbar hinaus auf die leere Landstraße und das hügelige Kinzigtal hinunter, lobten Gott und sprachen:

"Hm, eigentlich habe ich schon wieder Hunger."

Und sie waren nun in Schlüchtern angekommen, wo die Kinzig bereits flach durch ein geradliniges, breites Tal floss. Und es standen alte Sandsteinmauern am Flussufer, die waren beinahe so braun wie der Fluss.

Dankbar sahen sie einen ganzen Platz voller Buden, denn von denen hatte es bislang wenig gegeben als bei den Fahrradfesten im Siegtal und Ahrtal. Und es gab dort Dinge wie südamerikanische Fleischspieße namens Brochetas mit Maismehlfladen oder Apfelpommes. Da sie die Apfelpommes sahen, dachten sie "Was zur Hölle" und wählten die Brochetas.

Es war einmal ein alter Pfarrer, der hatte elf Kinder. Sieben davon waren jung verstorben. Sein Name war Friedrich, und er nannte seinen jüngsten überlebenden Sohn Philipp. Dieser Philipp nun wurde Jurist in Hanau und hatte selbst neun Kinder, von denen drei jung starben. Diese Kinder hielten sich häufig oft im Hause des Großvaters auf, in Steinau an der Straße. Das war auch kein Wunder, denn dort sah es einfach viel märchenhafter aus als in Hanau. Nur die schmalen Lücken zwischen den Häusern waren weniger märchenhaft, dorthin wurde stets der Nachttopf ausgegossen.

Die wichtigsten Verwaltungsgebäude in Steinau bestanden aus Stein. Die anderen wurden aus Balken gebaut. Manchmal befanden sich Ziegelsteine dazwischen, meistens aber nur senkrechte Stöcke, um die Zweige gewunden wurden - daher kommt das Wort Wand. Sodann schmierten sie noch etwas Lehm darüber. Doch mancherorts bröckelte dieser bereits wieder ab und enthüllte so den Menschen den Aufbau einer Fachwerkwand.

Als Vater Philipp in Steinau eine Stelle als Amtmann erhielt, zog er zurück an den Stammsitz der Familie. Als ihn jedoch die Krankheit dahinraffte, fehlte der Familie das Geld für teure Privatlehrer. Stattdessen mussten die Kinder nun eine öffentliche Schule besuchen, wo sie dem schlagfreudigen Lehrer mit immer neuen Streichen zur Wut trieben. Ob der sich vorstellen konnte, was aus zwei der Lausbuben einmal werden sollte?

Es war einmal ein Bauer, der versprach dem Teufel seine Seele bei einem klassischen Teufelspakt. Doch als der Teufel seine Schuld eintreiben wollte, sprang er einfach mit einem Satz in die Kirche. Wütend kratzte der Teufel mit seinen Klauen gegen den Sandstein. Die Risse sind noch heute zu sehen, doch kommen sie in Wahrheit von Kirchgängern, die ihre Säbel dort symbolisch stumpf geschliffen haben, weil scharfe Waffen im Gotteshaus verboten waren.

Es traf sich, dass Steinau zwei Kirchen hatte, eine evangelisch-lutherische und eine evangelisch-reformierte. Die Familie von Großvater Friedrich und Vater Philipp war Mitglied der Reformierten. Die Gottesdienste dauerten dort stets zwei Stunden, und so konnte es leicht passieren, dass die Gläubigen nach sechs Tagen harter Arbeit im Gottesdienst einnickten. Deshalb war es die Aufgabe eines Gläubigen, mit einem Stock umherzugehen und diesen vor den Schläfern laut auf den Boden zu rammen, bis sie erwachten. Das unterbrach zwar die Predigt von Großvater Friedrich Grimm, doch für die Schläfer war es noch peinlicher.

 

Was aber wurde aus den Geschwistern Grimm, als sie Steinau verließen? Emil wurde Maler, Lotte führte nach dem Tod der Mutter den Haushalt, bis sie selbst heiratete und Wilhelm Carl Grimm ersatzweise eine Frau namens Dorothea heiratete, damit er auch weiter ohne lästige Haushaltsaufgaben seiner Berufung nachgehen konnte. Die teilte er mit seinem Bruder Jacob Ludwig Carl Grimm, der mit im Hause wohnte. Sie sollten eine eigene Wissenschaft begründen, die auf den Namen Germanistik hörte. Beide schrieben eine Menge Bücher, von denen zwei besonders bekannt wurden: Ein Wörterbuch und ein Märchenbuch.
Das Wörterbuch war das vollständigste der deutschen Sprache. Es war so dick, dass die Brüder vor ihrem Tod nur bis zum Wort Frucht kamen, erst 1961 wurde es fertiggestellt.
Das Märchenbuch enthielt kurze Geschichten, die überall in Steinau dargestellt wurden, auf Hausfassaden, Reliefs, Statuen, den Kostümen der Stadtführer und vor allem auf dem Brunnen, welcher über und über mit Märchen bedeckt war. Dieser steht auf dem Marktplatz Kumpen, welcher nach einem alten Wort für Viehtränke benannt wurde.
Nun hatten die Brüder natürlich nie behauptet, die Märchen selbst geschrieben zu haben, aber sie hatten sich ein idealisiertes Bild in den Kopf gesetzt, das sie sogar auf den Titelbild ihres Märchenbuches verkündeten: Eine bodenständige deutsche Bäuerin erzählt ihren Kindern jahrhundertealte deutsche Märchen, die sie zuvor schon von ihrer Mutter und die von ihrer Mutter gehört hat. Die Wirklichkeit sah etwas anders aus: Die Bäuerin auf dem Titelbild hieß Dorothea Viehmann und war in Wahrheit eine Gastwirtstochter mit französischen Wurzeln - ein Land in dem, so ein Zufall, ein anderer Sammler namens Charles Perrault einige der bekanntesten angeblich urdeutschen Märchen schon längst aufgeschrieben hatte. Viele andere Märchen wurden von gebildeten Frauen in literarischen Salons erzählt.

Es waren einmal die Grafen von Hanau, die bauten sich in Steinau ein Schloss als Sommerferienhaus, Rückzugsort und Reserve-Gästezimmer. Sie errichteten es direkt hinter dem Kumpen, sodass der Durchgang durch den Innenhof zugleich als Stadttor diente. Bei ihren Umbauten gingen sie nicht immer allzu geschickt vor und enthaupteten dadurch ihre eigenen Wandmalereien. 

Einmal bauten sie es um in den Stil einer Festung und errichteten außerhalb der Mauern herausstechende, eckige Bastionen. Diese sollten tote Winkel bei der Verteidigung abdecken. Es war eines der ersten Schlösser dieser Art in Deutschland. Doch war es nicht die Angst vor echtem Krieg, welche die Grafen dazu trieb, sondern womöglich nur die architektonische Mode aus Südeuropa. Denn in einer der Bastionen lagerten sie keine Kanonen und Soldaten, sondern eine Kanzlei. Damit das Essen nicht kalt war, wenn es dort ankam, verbanden sie diese über einen Durchgang mit der Küche im Obergeschoss des Schlosses.

Eine Kanzlei war damals ein Ort der Verwaltung, an dem wichtige Dokumente gelagert, Schriften verfasst und bürokratische Treffen abgehalten wurden. Das Wappen über der Tür weist darauf hin, wie wichtig dieser Raum war. Später wurden in der Kanzlei auch Tiere gehalten, die Dokumente wurden zuvor hoffentlich herausgeschafft. So entstand ein widersprüchlicher Raum mit Kreuzrippengewölbe und verblassten Wandmalereien, andererseits aber auch mit abgewetztem Wandputz, an dem sich die Tiere gerieben haben.
Und dann wurde die Kanzlei gar nicht mehr genutzt. Der obere Raum ist einsturzgefährdet, der untere nur am Tag es offenen Denkmals zu 15-Minuten-Kurzführungen geöffnet. Das Wappen über der Tür weist darauf hin, wie wichtig dieser Raum... ach, nee, das hatten wir ja schon. Womöglich waren 15 Minuten bereits etwas zu hoch angesetzt.
 
 
 
Es war einmal ein Bauarbeiter, der sanierte das Schloss Steinau. Zu jener Zeit waren in der linken Hälfte bereits gewöhnliche Wohnungen eingerichtet. Die Bewohner froren bitterlich, denn sie mussten im September heizen, um es im November warm zu haben.
Der Bauerbeiter war nun verliebt in ein Mädchen, das oft am Fenster einer Wohnung saß. Als er nun einen Teil der Außenmauer verputzen sollte, versteckte er im Putz die Silhouette seiner Liebsten. Noch heute ist dort das seitliche Abbild einer Frau mit Pferdeschwanz zu finden. Und ganz in der Nähe auch ein Bildnis des Bauarbeiters.

Es war einmal ein schlauer Radler, der schnorrte sich durch ganz Steinau hindurch. Denn es war der Tag des offenen Denkmals angebrochen, und es sollten stündlich alle möglichen Führungen stattfinden. Nur ausgerechnet um 12, als er ankam, fand nichts statt. Oder doch? Er sah eine Gruppe im Schlosshof stehen und stellte sich dazu. Zwar handelte es sich um eine privat gebuchte Stadtführung, doch hatte die Gruppe nichts dagegen, dass er blieb.
Sodann kehrte er zum Schloss zurück, denn um 13 Uhr sollte die Kurzführung durch die Kanzlei stattfinden. Davon wusste man zwar im Schloss nichts, da für jenen Sonntag drei verschiedene Zeitpläne auf drei verschiedenen Seiten verkündet worden waren. Dennoch schlossen sie ihm kurz die Kanzlei auf. Und wiesen ihn schließlich auch darauf hin, dass auch das Schlossmuseum an jenem Tag kostenfrei zugänglich sei.
Bezahlen musste er nur am Backhaus, aus dem dicker schwarzer Rauch und Pizza herauskamen. Es war das erste Mal, dass er etwas aus diesen typisch mitteldeutschen Backhäusern essen konnte, die er schon öfter gesehen hatte.

Es war einmal ein Fluss, der wurde gestaut. Aber da er zu wenig Wasser führte, blieb von dem Stausee nichts als Schlamm mit Pfützen. Seine Staumauer war ein schräger Asphaltdamm, ähnlich wie der Haune-Stausee.

Bald darauf endete die gesperrte Bundesstraße.
"Oh weh, wo soll ich nun fahren?", fragten sich die Radler. Sie fanden sogleich einen Radweg und folgten ihm kreuz und quer durch das Tal, unter einer Autobahnbrücke hindurch und an einer Sandsteinbrücke vorbei. Aber wo waren die anderen? Ihnen waren 60 Kilometer ununterbrochen gesperrte Straße versprochen worden. Konnte es wirklich sein, dass die ununterbrochene Straße eine derart lange Unterbrechung hatte? Und warum nieselte es schon wieder?

Endlich stießen sie wieder ein Stück gesperrte Straße,  auf das jemand das Symbol des Kinzigtal total gesprüht hatte. Diese Wegweiser hatten am Anfang noch gefehlt. Dort hatten ihnen nur die gesperrten Ausfahrten und die Fingerzeige der Wächter den Weg gezeigt.
(Übrigens waren nicht alle Zufahrten bewacht, und von großen Pollern war auch keine Spur zu sehen. Das Sicherheitskonzept gegen Auto-Terroranschläge, für dessen Erarbeitung die Veranstaltung ein Jahr pausieren musste, war nicht zu erkennen. Doch im Regen waren die potentiellen Opfer derart dünn verteilt, dass sie für Terroristen ohnehin uninteressant sein dürften.)
Wohin nun? Rechts endete die gesperrte Straße, und in der Sackgasse erklang Helene Fischer. Rasch nach links! 

Da wurde einer der Radler gewahr, dass er dieses Tal bereits kannte. In Wächtersbach war er bereits auf dem Bahnradweg Hessen durch das Kinzigtal gefahren. Er erinnerte sich an jenen herrlich sonnigen Tag, an dem er dieselbe Strecke aus der Sicht des Bahnradlers erkundet hatte.

Aus der Perspektive des Straßenfestradlers sah etwa die Stadt Gelnhausen ganz anders aus: Es gab geringfügig weniger rote Sandsteinmauern und sehr viel mehr Menschen. Diese Station war derart voll, dass auf den Pollern mitten auf der Fahrradstrecke tatsächlich stand: Radfahrer absteigen. Auf einer Bühne spielte Musik, Bier wurde ausgeschenkt, doch am auffälligsten war das obskure Wehrmacht-Fahrrad mit Handgranaten am Lenker. Die Radler, denen es auffiel, beschlossen, doch lieber rasch weiterzufahren.

Zum Schluss radelten die Radler am Rande des Tals zwischen einer steilen Wand und der Autobahn dahin. Es waren auch Inline-Skater zugegen, die ihre Runden drehten. Wie viele Menschen an diesem Tag setzten sie nicht auf Regenkleidung, sondern auf unpraktische, aber immerhin auffällig neongelbe Regenschirme.

In Langenselbold endeten die 60 gesperrten Kilometer sodann sang- und klanglos an einem Kreisverkehr zwischen Schallschutzwand und Feuerwehr.

Weiter reichte die Veranstaltung nicht. Einst hatte sie noch bis nach Hanau gereicht, und es gibt Pläne, dass sie dereinst wieder als Main-Kinzigtal total wieder bis Hanau und noch weiter reichen soll. In jenem Jahr aber waren es nur die hartnäckigsten Radler, welche auch noch die letzten 20 Kilometer absolvierten, denn der Regen fiel nun in Strömen. Einer der Radler wollte gerade wieder zum zwölftem Mal seine Regensachen anziehen, als...
"Entschuldigung, wie lange sind Sie schon hier?", fragte plötzlich ein Polizist, der aus dem Nichts erschienen war.
"Ähm, einige Minuten."
Doch es war nicht verdächtiges Herumlungern im Regen und illegales Anziehen von Regensachen, das die Aufmerksamkeit der zwei Stadtwachen geweckt hatte.
"Wir haben gehört, es gab hier Böller oder Schüsse."
Der Radler versicherte, er habe nichts dergleichen gehört. Daraufhin gaben die Polizisten ihre Ermittlungen umgehend auf. Vermutlich aufgrund der Erkenntnis, dass der Regen inzwischen ohnehin jede Zündschnur gelöscht hätte.

Die hartnäckigen Radler folgten einem nassen Waldweg in der Nähe der Kinzig. Trockenheit versprachen nur die drei Straßenbrücken, in deren Mitte stets ein dicker Schwall Regenwasser aus einem Entwässerungsloch lief.

So fuhren sie auf einem grünen Gürtel hinein in die Stadt Hanau. Der Uferweg erinnerte sie an die Nidda bei Frankfurt, doch enthielt er weit weniger Baustellen und fuhr sich viel angenehmer. Theoretisch. Hätte nicht das Wasser in ihren Schuhen bis fast zum Knöchel gestanden.

Es lagen sich an den Ufern des Main zwei Städte gegenüber: Steinheim und Hanau. Und es traf sich, dass Hanau das genaue Gegenteil von Steinheim war: Lebendig, aber mit langweiligem Look. Es bewarb sich gern als Märchenstadt und Geburtsort der Gebrüder Grimm. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute hier - als Statuen und Ampelmännchen. Doch würden die Brüder heute von ihrem hohen Sockel steigen, wären sie sicher entsetzt, was der Krieg aus ihrer alten Stadt gemacht hat. Märchenhaft sieht anders aus.

Hinter einer Sandsteinbrücke mit Tretbooten floss die Kinzig in den Main. Die hartnäckigen Radler bogen ab zum Hauptbahnhof. Dort begegneten sie einander zum letzten Mal und nickten einander respektvoll zu, wohl wissend, dass sie nicht die einzigen waren, denen Vollständigkeit wichtig war.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann trocknen sie noch heute.